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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Jahrbuch 



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Vereins fBr niederdentsche SpracMorschnng. 



Jahrgang 1891. 



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RORDEM nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1892. 




Jahrbuch 



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Vereins für niederdeotscbe SpracMorschnng. 



Jahrgang 1891. 



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RORDEH nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1892. 



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Druck von Diedr. Soltau in Norden. 

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Inhalt. V5 



Heite 

Die Totentänze des Mittelalters. Von W. Seelmann 1 

Einleitung 1 

Welcher von den erhaltenen Totentänzen bietet die altertümlichste Gestalt? 5 

Der Totentanz als Drama 11 

Die Entstehung des ersten Totentanzes . 18 

Die Danse macabre 21 

Die alten süddeutschen Totentänze 29 

Die Lübecker Totentänze von 1489 und 1520 34 

Englische Totentänze 37 

Litteratur- und Denkmäler-Übersicht 39 

Dänischer Totentanz 41 

Deutsche Totentänze (Niederdeutsches Gebiet) 42 

Deutsche Totentänze (Hochdeutsches Gebiet) 48 

Englische Totentänze 54 

Französische Totentänze 5H 

Italienische Totentänze 60 

Lateinische Totentänze 61 

Xiederländischer Totentanz 61 

Polnischer Totentanz 63 

Spanische Totentänze 63 

Ilolbeius Todesbilder 65 

Anhang. Der alte lübisch-revalsche Totentanz text 68 

Mittelniederdeutsche Pflanzenglossen. Von F. Milkau 81 

Die älteste deutsche Übertragung des Dies irae. Von F. Milkau . . . 84 

Zu Fritz Keuters Dörchlänchting. Von B. Sprenger 88 

Zu einzelnen Stellen mittelniederdeutscher Dichtungen. Von R. S p r e u g e r 90 

Van Sunte Marinen 90 

Vruwenlof 91 

Wolfenbtttteler Osterspiel 92 

Zeno 92 

Ancelmus 94 

Botes Boek van veleme rade 95 

Spieghel der zonden. Von H. Babucke 97 

Begenstein, Beiustein, Beinke. Von E. Damköhler 136 

Heinrich's von Krolewiz Vaterunser niederdeutsch. Von A. Hofmeister 146 

Zur altsächsischen Grammatik. (Anzeige.) Von W. Schlüter . . . .149 




Die Totentänze des Mittelalters. 



Einleitung. 

Die Kirche hat sich stets angelegen sein lassen, dem Menschen 
die Nichtigkeit des irdischen Daseins vor Augen zu führen und an 
das immer gefürchtete, stets unerwartet eintretende letzte Stündlein 
warnend zu erinnern. Eine Anzahl weitverbreiteter Dichtungen mahnen 
eindrucksvoll an den unausbleiblichen Gang in das andere Land und 
das Gericht, welches über die von ihrem Leibe geschiedene Seele 
gehalten werden wird. Nichts kommt aber an wirkungsvoller Kraft 
der Mahnung dem Memento mori gleich, welches von den Mauern der 
Kirchen den versammelten Andächtigen die Totentänze zuriefen, in 
welchen Bild und Schrift sich verbanden, das Bild auch zu denen 
redend, welche des Lesens unkundig oder unlustig waren. 

Die meisten der alten Totentänze, mit welchen im Ausgange des 
Mittelalters sich die Kirchen Deutschlands wie des Auslandes schmückten, 
sind im Laufe der Zeiten zu Grunde gegangen. In Norddeutschland 
gewähren jetzt nur noch die Marienkirchen in Lübeck und Berlin 
ihren Besuchern den Anblick eines mittelalterlichen Totentanzes. Das 
Lübecker Originalgemälde v. J. 1463 ist zwar nicht mehr vorhanden, 
es wird aber ersetzt durch eine 1701 angefertigte Erneuerung, w^elche 
die alten Bilder an derselben Stelle und in der ursprünglichen Grösse 
im Wesentlichen treu wiedergiebt. Der alte Text hat freilich neu- 
hochdeutschen Versen weichen müssen, doch hat eine alte Abschrift 
ihn grossenteils aufbewahrt. Es bestellt dieser Totentanz aus einem 
auf die vier verschiedenen Wände einer Kapelle verteilten Wandgemälde 
von fast hundert Fuss Länge und ziemlich sieben Fuss Höhe. Im 
Hintergrunde des Gemäldes erblickt man das Panorama der Stadt 
Lübeck, die von Schiffen im Schmuck ihrer Segel belebte Trave und 
die belaubte Umgebung der Stadt und des Flusses. Im Vordergrunde 
der heiteren und bunten Frühlingslandschaft treten auf einer grünen 
Wiese vierundzwanzig Paare, welche in voller Lebensgrösse dargestellt 
sind, den Reigen. In jedem Paare ist der Tod, eine nackte in ein 
Leichentuch gehüllte Figur von skelettartiger Dürre mit vergnügt 
grinsendem Schädel einer der Tänzer. Seinen Partner hat er gezwungen, 
ihm zum grausigen Reigen die Hand zu reichen. Er kennt kein 
Ansehen der Person, kein Erbarmen. Mit ihm und nach seiner Pfeife 

Ni«derd«ut8ob«i Jahrbuch XVII. I 



2 

müssen alle zum Totentanze antreten: Papst und Kaiser, Kardinal 
und König, Bischof und Herzog und alle die geistlichen und weltliclien 
Stände, Alt und Jung, Mönch und Arzt, Bürger und Bauer, Mutter 
und Kind. Da hilft kein Bitten und Barmen, mitten aus der Herr- 
lichkeit der Welt oder den Mühen des Tages reisst der Tod die 
Ueberraschten. 

Unter den einzelnen Figui-en las man die Reime, welche den im 
munteren Tanzschritt sich bewegenden Todesgestalten und den bedrückt 
folgenden Menschen in den Mund gelegt sind. Ueberflüssig fast 
erscheinen die Worte. Dass keine Macht der W^elt gegen den Tod 
hilft, dass ihm Alle folgen müssen, dass alles Heil bei Gott liegt, 
diese Gedanken spricht das Gemälde deutlicher und eindrucksvoller 
aus, als es die Verse des Dichters vermögen. 

Die Totentänze bringen ungewohnte Gegensätze zum Ausdruck: 
Neben einer grossen Zahl skelettartiger Todesgestalten im weissen 
Leichentuche die geistlichen und weltlichen Würdenträger im vollen 
Schmucke farbenreicher Gewänder. Die grausen Todesgestalten vergnügt 
grinsend und mit Lust den Reigen tretend. Daneben die Grossen der 
Welt, Papst, Kaiser, König und alle die Fürsten, welche dem Volke 
als die immer glücklichen sonst so beneidenswert erscheinen, in einer 
Lage, dass kein noch so Armer an ihre Stelle treten möchte. 

Die Totentänze verdanken der asketischen Richtung der mittel- 
alterlichen Kirche ihre Entstehung und Verbreitung. Daneben waren 
künstlerische Gründe ihrer Bevorzugung vor anderen Bildwerken 
förderlich. Die weisse Tünclie, die heute noch die Wände so vieler 
alter Kirchen bedeckt, entsprach nicht dem bilder- und farbenfrohen 
Sinne des Mittelalters. Mit ihr hat eine spätere Zeit die zahllosen 
Martyrien, Passionen, Allegorien und Reime verhüllt, welche dereinst 
die Wände und Pfeiler füllten. Wo bei der baulichen Erneuerung des 
Kircheninneren die Kalkhülle fällt, kommen wie hinter einem Schleier 
die alten Bilder wieder zum Vorschein. Sie zeigen, wie überall in 
den Städten der Puisel des Malers die Ausschmückung der Kirche 
vollenden half. Aber es ist nur selten die Hand eines gebildeten 
Künstlers gewesen, der ihn führte. Die groben Verzeichnungen in den 
oft riesigen Gestalten der Heiligen, die ganze rohe Ausführung zeigt, 
wie gering das Können derjenigen war, welche die Bilder hergestellt 
haben. Die Totentänze boten nun eine grosse Aufgabe, welche in 
jedem Falle dem Maler, mochte er auf künstlerischer Höhe stehen 
oder über bloss handwerksmässige Fertigkeit verfügen, die Schöpfung 
eines wirksamen Werkes in Aussicht stellte und ermöglichte. Was 
den Gesichtsausdruck betraf, so war nicht von Nöten, individuelle 
Züge zu malen, eine Kunst, die erst die Niederländer späterer Zeit 
verstanden imd lehrten. Es waren zwei Typen nötig, der fröhlich 
grinsende Schädel der Todesgestalten, das traurig resignirte Gesicht 
der Menschen. Leicht und doch wirkungsvoll war alles übrige: 
mannigfache farbenreiche Kostüme und Attribute, welche jedem 
Beschauer sofort die Bedeutung der einzelnen Figuren verständlich 



machten, dazu ein beliebiger landscliaftlicher Hintergmnd oder eine 
architectonische Einrahmung. Der Eindruck auf den Beschauer wurde 
nicht einmal geschmälert, sondern, wie die Totentänze in Basel und 
Kermaria zeigen, eher noch in seinem; grausigen Grossartigkeit 
gesteigert, wenn minder tüchtige Maler, auf feinere Ausführung der 
Einzelheiten und landschaftlichen Hintergrund verzichtend, sich auf 
die rohe Umrisszeichnung der tanzenden Paare möglichst beschränkten. 
In diesem Falle blieb fern alles, was den Blick auf Einzelheiten 
ablenken oder durch freundlich lichte Farben den grausigen Eindruck 
des Gesanuntbildes mildem konnte, während alles, was den Toten- 
tänzen ihre Wirkung sicherte, erhalten blieb: die leicht erkennbare 
Idee, die stetige Wiederkehr des tanzenden Todes mit seinem grinsenden 
Schädel, die ungewöhnliche Grösse des Bildwerkes, welche, wo es als 
monumentaler Schmuck hoch oben das Schiff der Kirche oder die 
Aussenwände der Carnarien umzieht, hundert oder mehr Fuss in die 
Länge zu messen pflegt. 

Die Häufung so vieler Todesgestalten mag dem künstlerischen 
Gefühle der Gegenwart zu stark erscheinen, und dass sie auch auf 
schlichte Leute abschreckend wirken kann, zeigt der Beschluss des 
Basler Rates, der das alte Wahrzeichen der Stadt, den Grossbasler 
Totentanz 1805 zerstören Hess, weil es ein Kinderschreck und Leute- 
scheuche sei. Aber anders als heute, wo dem häufigen Anblicke des 
Todes die Mehrzahl unserer Zeitgenossen nur selten begegnet, standen 
die Menschen des Mittelalters ihm gegenüber. Die kleinen Kriege, 
welche jede Stadt von Zeit zu Zeit in der Nähe ihrer Thore auszufechten 
hatte, die häufigen Hinrichtungen, die von Zeit zu Zeit zahlreiche 
Opfer fordernden Seuchen gewöhnten an den Anblick. Man begegnet 
sogar der Meinung, man habe die Totentänze gewissermassen als 
warnende Erinnerungen an einzelne grosse Pestepidemien des fünf- 
zehnten Jahrhunderts herstellen lassen. Diese Ansicht steht im Ein- 
klänge mit der Volkssage, die am Lübecker Totentanze haftet, im übrigen 
ist sie nur Vermutung, ohne dass Beweise für sie vorgebracht sind. 

Wann und wo der erste Totentanz gedichtet oder gemalt wurde, 
ist unbekannt. Ohne Zweifel hat er noch dem 14. Jahrhundert an- 
gehört. Der älteste, dessen Entstehungsjahr durch historische Zeug- 
nisse überliefert ist, war die Pariser Danse macabre v. J. 1425. Nicht 
viel jünger waren die Totentänze von London und Basel. Die Mehr- 
zahl der Uebrigen gehört dem 15. und IG. Jahrhundert an, doch 
Ijisst sich das Alter der meisten nur mit Hilfe kunst- oder litteratur- 
geschichichtlicher Merkmale ungefähr bestimmen.*) Die jüngsten 
monumentalen Totentänze sind im vorigen Jahrhunderte hergestellt. 
Totentanzgedichte und Totentanzkupfer erscheinen noch heute. 

Die Totentänze waren zu Ausgang des Mittelalters zumal in 



*) Die Nachweise sind in der den Untersuchungen folgenden Litteratur- 
Uebersicht gegeben. 

X* 



Frankreich und Deutschland häufig. Ausser diesen Ländern fanden 
sie sich, sei es als monumentale Zierden der Kirchen und Kirchhöfe, 
sei es in Handschriften und Drucken, mit und ohne Text, in fast allen 
Ländern des christlichen Abendlandes: in Italien, Spanien, England, 
Dänemark, den Ostseeprovinzen ßusslands und in Polen. Nur in den 
Niederlanden ist seither kein mittelalterlicher Totentanz aufgefunden 
worden. Aber auch hier muss er, wie wir später sehen werden, im 
Mittelalter bekannt gewesen sein. 

Der grossen Verbreitung der Totentänze entspricht es, dass die 
Bücher und Aufsätze, welclie sie aus lokalem oder allgemeinem Interesse 
behandeln, zahllos sind. Wir verdanken dem Eifer der Verfasser, 
dass die erhaltenen Denkmäler meist genau beschrieben und die Nach- 
richten der Chronisten überall aufgesucht sind. Auf der anderen Seite 
lässt sich nicht verkennen, dass in den meisten jener Schriften die 
Forschung, sobald sie über das Lokale hinausgeht, ebenso oberflächlich 
als kritiklos ist, und für die (ieschichte des Totentanzes wichtige 
Fragen bisher mehr durch vage Annahmen beantwortet als durch in 
den Gegenstand tiefer eindringende Untersuchungen klar gestellt sind. 
Gewisse thatsächliche Irrtümer und fixlsche Voraussetzungen, welche 
in den bisher erschienenen Schriften immer von Neuem wiederkehren, 
liegen für den, der überall auf die Quellen zurückgeht, auf der Hand 
und werden leicht beseitigt werden können. Einige sind, um Raum 
zu sparen, in den nachfolgenden Untersuchungen gar nicht in Betracht 
gezogen worden. Damit man aber nicht der Unkenntnis zuschreibt, 
was mit gutem Bedacht geschehen ist, sei hier wenigstens auf einzelne 
allgemein verbreitete Irrtümer und Abwege der Untersuchung kurz 
hingewiesen. 

Durch die falsche Lesung einer Jahreszalil auf dem Klein-Basler 
Totentanz verführt, hat man früher, trotzdem schon Schnaase mit 
gutem Urteile Einsprache erhob, 1312 als sein Entstehungsjahr an- 
genommen. Dieser Irrtum wurde verhängnisvoll, indem man, auf ihn 
bauend, jenem Denkmal und den ihm verwandten hochdeutschen Toten- 
tänzen ein weit höheres Alter als allen übrigen zuschrieb und sich 
dadurch die Erforschung des wahren Verwandtschafts -Verhältnisses 
zwischen den verschiedeneu Totentänzen unmöglich machte. Trotzdem 
es vor fünfzehn Jahren geglückt ist, jenen Irrtum aufzudecken und 1439 
als Entstchungsjahr nachzuweisen, findet man immer noch das falsche 
Datum 1312. Fast unbegreiflich muss es aber erscheinen, wenn man 
— in Deutschland wie im Auslande — für die Chronologie der Toten- 
tänze einen vermeintlichen Mindener Totentanz v. J. 1383 verwertet, 
während das gemeinte Bild gar kein Totentanz, sondern eine Fahne 
ist, deren eine Seite den Tod mit der Sense, die andere eine geschmückte 
Frau mit der Umschrift Vanitas Vamtatum zeigt. Fast allgemein 
vermengt man mit den Totentänzen die im Mittelalter sehr verbreiteten 
Darstellungen der Legende von den drei toten und drei lebenden 
Königen. Dieselben sind in vereinzelten Fällen äusserlich den Toten- 
tänzen angefügt worden, im übrigen sind diese ganz unabhängig von 



jenen entstanden und ausgebildet worden. Aehnlich verhält es sich 
mit den besonders in Italien gefundenen sogen. Triumphen des Todes, 
die den Tod darstellen, wie er die Menschen mit seinen Pfeilen oder 
der Sense niederstreckt. 

Man sammelt und verwertet allerlei Hinweise, wie der Tod durch 
die bildende Kunst früher dargestellt, wie er von den Dichtern per- 
sonificirt oder im orientalischen, antiken, deutschen und ausserdeutschen 
Volksglauben aufgefasst ist. Die l)eigebrachteu IJelege mögen in 
anderer Hinsicht sehr schätzbar sein, für die Beantwortung der Frage, 
wodurch der unbekannte Schöpfer des Totentan/motives zu diesem 
angeregt wurde, sind sie bisher wertlos gewesen. p]he diese Frage 
beantwortet wurde, hätte untersucht sein müssen, in welchem Lande 
und in welclier Zeit der Totentanz entstanden ist. Verdanken wir 
ihn z. B. einem Franzosen, so können doch wahrscheinlich nur ältere 
in Frankreich heimische Vorstellungen ihn beeinflusst haben, jedesfalls 
keine deutschen oder gar orientalischen. 

Das Totentanzmotiv, die Vorstellung, dass der Tod als Tänzer 
alle Menschen, von Papst und Kaiser heiiinter bis zum Bettler, zu 
seinem in das Grab führenden Reigen erbarmungslos zwingt, ist in 
Bild und Wort und mimisch-dramatisch im Mittelalter zur Darstellung 
gelangt. 

Die gnindlegende Untersuchung, auf welcher die Geschichte der 
Totentänze aufzubauen ist, muss zunächst zum Ziel den Nachweis 
haben, ob die litterarische, bildliche oder mimische Darstellung das 
ursprüngliche ist, und in welchem Verhältnis die verschiedenen 
Fassungen zu einander stehen. Bisher stehen sich die Ansichten 
gegenüber, ohne dass die eine oder die andere sich auf eine fest- 
geschlossene Beweisführung stützt. 

Um die Untersuchungen möglichst von Litteraturnachweisen und 
Beschreibungen einzelner Denkmäler zu entlasten, wird eine besondere 
Uebersicht sämmtlicher bekannter Totentänze und der auf sie bezüg- 
lichen Litteratur folgen. 



Welcher von den erhaltenen Totentänzen bietet 

die altertümlichste Gestalt? 

Zwischen den verschiedenen deutschen und ausserdeutschen Toten- 
tänzen besteht augenscheinlich eine durch verlorene Vorbilder und 
Zwischenglieder verknüpfte Verwandtschaft. Dieselbe offenbart sich 
nicht allein durch die Gleichheit des Motivs und die Aehnlichkeit in 
der Durchführung desselben, sondern auch durch die Wiederkehr 
vieler gleicher Figuren, durch dasselbe Princip bei der Auswahl und 
Anordnung der Stände, welche vertreten sind, hin und wieder auch 
durch w^örtliche Uebereinstimmungen in den Texten. Die Abweichungen 
und Verschiedenheiten erklären sich durch die Leichtigkeit, nach eigenem 




Belieben oder aus Rücksicht auf die für dies monumentale Bildwerk 
zur Verfügung stehenden Wandflä(ihen die Zahl der Personen zu ver- 
mehren oder zu verminderen. Der Text zumal konnte keine Schwierigkeit 
machen. Geeignete Gedanken und Worte, die den einzelnen Personen 
in den Mund gelegt werden konnten, waren leicht gefunden. 

Die Thatsache eines alle Totentänze umfassenden näheren odei* 
entfernteren Verwandtschaftsverhältnisses hat zui- notwendigen Vor- 
aussetzung, dass zu irgend einer Zeit es einen Totentanz gegeben hat, 
durch dessen Abänderung oder Nachahmung neue Totentänze ent- 
standen, welche wieder die Vorbilder anderer jüngerer wurden. 

Es ist der Forschung bislier noch nicht gelungen, einen Stamm- 
baum der Totentänze aufzustellen und mit seiner Hilfe Schlüsse auf 
den ältesten, gewissermassen den Stammvater aller Totentänze, zu 
ziehen. Nur bei einer Anzahl sehr nahe verwandter Totentänze ist 
das Verhältnis derselben zu einander klar gelegt, im übrigen haben 
einige sehr anfechtbare Annahmen Geltung erlangt. Bei französischen 
Gelehi*ten begegnet die Neigung die Danse macabre in der Fassung 
V. J. 1425 für das allgemeine Vorbild zu halteu. Was die deutschen 
Totentänze und ihre Texte anlangt, gilt dagegen seit Massmann und 
besonders Wackernagel als ausgemacht, dass die sämmtlichen mehr- 
zelligen Totentanzstrophen und namentlich die des Lübecker Toten- 
tanzes v. J. 1463 aus den vierzeiligen des alten oberdeutschen Toten- 
tanzes mit 24 Figuren umgearbeitet sind und jüngere Entwicklungs- 
stufen darstellen. Man ist sogar soweit gegangen zu behaupten, dass 
der Lübecker Totentanz gleichfalls ursprünglich vierzeilig gewesen und 
erst bei einer Erneuenmg des Gemäldes in die erhaltene achtzeilige 
Fassung umgearbeitet sei. 

Entgegen diesen Annahmen würd sich einweisen lassen, dass Bild 
und Verse des alten Lübecker Totentanzes gleichzeitig entstanden sind, 
dass der Text nicht aus einem hochdeutschen vierzeiligen umgearbeitet 
ist, sondern dass Bild und Text im wesentlichen Wiederholung eines 
niederländischen Totentanzes sind, und dass dieser nicht nach einem 
deutschen, sondern nach einem französischen Vorbilde des 14. Jahr- 
hunderts gestaltet war. Ferner wird sich ergeben, dass der Lübecker 
Totentanz im Vergleich zu den übrigen erhaltenen deutschen oder 
französischen Totentänzen durchaus nicht eine jüngere Entwickelungs- 
fonn darstellt, sondern dass im Gegenteil der Lübecker von allen 
erhaltenen Totentänzen die altertümlichste Form darbietet. 

In sämmtlichen hochdeutschen imd französischen Texten ist das 
Zwiegespräch zwischen Menschen und Tod derartig gestaltet, dass der 
Tod eine ganze Strophe zu dem von ihm zum Tanze aufgeforderten 
Menschen spricht. Dieser antwortet in der folgenden Strophe. Darauf 
wendet sich in einer neuen Strophe der Tod zu dem Nächstfolgenden, 
der dann wieder, wie sein Vorgänger, in einer Strophe antw^ortet. 
So heisst es in dem alten vierzeiligen Totentanze: 



18. Der tot. 

Her koufman, waz hilft iuwer werben? 
Diu zit ist hie, ir müezet sterben. 
Der tot nimt weder miete noch gäbe. 
Tanzet im nach, er wil iiich haben. 

Der konfman (antwortet)- 
Ich het mich ze lebene versorget wol, 
Kisten und kästen wseren vol. 
Nu hat dem tot min gäbe versmacht, 
Und mich umbe lip und guot gebracht. 



19. Der tot. 

Frowe min, ir dunkt iu gar subtil. 
Desto gemer ich mit iu tanzen wil. 
Werfet van iu daz scapular, 
Ir müezet hie mit den toten varn. 

Die klosterfrovve (antwortet). 
Ich hau in dem kloster min 
Gote gedienet als ein gewihtez nünnelin. 
Was hilft mich nu min beten? 
Ich muez des todes reien treten. 



Der Lübecker Totentanz von 14G3 und mit ihm seine Revaler 
Copie bietet, verglichen mit dem alten vierzeiligen sowie allen übrigen 
hochdeutschen Texten, zwei besondere mit einander verknüpfte Eigen- 
tümlichkeiten. Während in diesen Texten zuerst der Tod vier bezw. 
acht Verse spricht und darauf die angeredete Person in ebensoviel 
Versen antw^ortet, richtet im Lübecker Totentanze der Tod, nachdem 
er sieben Verse zu irgend einer Person geredet hat, im achten Verse 
derselben Strophe die Auflorderung an die nächstfolgende Person, zum 
Tanze anzutreten. Diese redet dann in einer achtzeiligen Strophe 
den Tod an, worauf dieser in den ersten sieben Versen der nächsten 
Strophe erwidert, um dann wieder die achte Zeile an die dann folgende 
Person zu richten. Nachdem z. B. der Tod dem Kapellan in sieben 
Zeilen geantwortet hat, redet er den Kaufmann an: 

Kopman, wilt di ok bereiden! 

(Der Kaufmann.) 

It is mi veme bereit to syn. 
Na gude hebbe ik gehat pin 
To lande unde tor see, 
Dor wint, regen unde snee. 
Nein reise wart mi so swar, 
Mine rekenscop is nicht klar. 
Hadde ik mine rekenscop gedan, 
So mochte ik vrolik mede gan. 

(Der Tod antwortet,) 

Hefstu anders nicht bedreven 

In kopenscop, alse di was gheven, 

It sal di wesen rechtferdicheit, 

Wen alle dink to richten steit, 

Hefstu di so vorwart 

Unde din dink gans wol geklart. 

Westu anders, aat is nicht gut. 

(zum Küster) 
Eoster, kum, it wesen mot! 

(Der Küster.) 

Ach dot, mot it sin gedan, 
Nu ik erst to denen began ! 
In miner kosterie mende ik klar 
Noch hogher to komen vorwar 

u. s. w. 



8 

Der Lübecker Text stimmt nun, was auffälliger Weise bis jetzt 
unbeachtet geblieben ist, in Bezug auf die erwähnten Eigentümlich- 
keiten vollständig mit der altspanischen Danea general de la muerte 
überein. Als Beleg und Beweis mag es genügen, einige Strophen 
vorzulegen. 

Nachdem der Tod dem Dekane geantwortet hat, wendet er sich 
an den Kaufmann im achten Verse der Strophe: 

Venit mercadero a la danga del lloro! 

Dise el mercadero: 

Aquieu dexar^ todas mis riquesas 
£ mercadurias que traygo en la marV 
Con muchos traspasos e mas sotUesas 
Gand lo que tengo en cada lugar. 
Agora la muerte vino-me llamar: 
Que serä de mi non se que me faga, 
muerte tu sierre a mi es grand plaga, 
Adios mercaderos que voyme a fynar. 

Dise la maerte: 

De OY mas non curedes de pasar en Flandres, 

Estad aqui quedo e yredes ver 

La tienda que traygo de buuas y landres: 

De gra^ia las do non las quero bender. 

Una sola dellas vos farä caer 

De palmas en tierra en mi botica, 

E en ella entraredes maguer sea chica: 

(gum Arehidiaconus) 
E vos ar^ediano venid al tanner! 

Dise el areediano: 
mundo bil, malo, e falles^edero, 
Como me engann aste con tu promisyou, 
Prometiste-me vida, de ty non la espero, 
Syempre mentiste en toda sason. etc. 

Im übrigen möge es genügen, aus der Danza de la muerte die 
nachfolgenden Schlussverse der von dem Tode gesprochenen Strophen 
der Reihe nach anzuführen: 

eutn PapsL Dan^ad, padre santo, syn mas de-tardar. 

js. Kaiser. Dan^ad imperante con cara pagada. 

e. Cardinal Morid non curedes, benga el cardinal. 

z, König. Vos, rrey poderoso, venit a dan^ar. 

z. Patriarchen. En pos de vos benga luego el patriarca. 

£. Herzoge. Sygase con vos el duque antes que mas beua. 

g. Erzbischof. Venit, argobispo, dexat los sermones. 

z. Connetable. Pase el condestable por otra tal via. 

z. Bischof. Venit vos, obispo, a ser mi vasallo. 

z. Bitter. Venit, cauallero, que estades armado. 

z. Abt. Dan^ad, abad gordo, con vuestra Corona 

U. 8. W. 

Wenn im Gegensatz zu allen übrigen erhaltenen Totentanztexten 
dei* Lübecker imd die altspanische Danza general in einer so unge- 
wöhnlichen formellen Eigentümlichkeit zusammentreffen, so kann diese 
Uebercinstimmung nicht zufällig sein; nur durch ein gemeinsames 



mittelbares oder unmittelbares Vorbild, welches beide in diesem Punkte 
vollständig nachahmen, lässt sie sich erklären. 

Es wird die Frage zu beantworten sein, welchem Lande und 
welcher Zeit jenes gemeinsame Vorbild angehört hat. Nach allem, 
was wir wissen, ist die Annahme eines unmittelbaren Zusammenhanges 
zwischen altspanischer (castilischer) und mittehiiederdeutscher Litteratur 
und Kunst abzuweisen. Die Litteratur- und Kunstgeschichte wüsste 
kein einziges Beispiel aufzuweisen. Kein Wunder, denn nicht einmal 
der Handel verband im Mittelalter durch direkte Verbindung 
castilische und norddeutsche Städte. In den Niederlanden, in Brügge, 
von dessen sechzehn Contoren der fremden Kaufleute das grossartigste 
der Hansa, ein anderes den Castilianern gehörte, war es, wo der 
hansische und spanische Kaufmann zusammentrafen und ihre Exporten 
mit einander austauschten. Von hier bezog Spanien in grosser Anzahl 
die Kunstwerke altniederländischer Meister, mit denen es seine Kirchen 
und Paläste schmückte, und aus den Niederlanden waren die fremden 
nach Spanien gewanderten Maler gekommen, denen die altspanische 
Malerei die nachhaltigste Förderung verdankte.*) Auf der anderen 
Seite standen die Niederlande, in dessen Hafenstädten der hansische 
Kaufmann gern seine Lehrzeit verbrachte, wo er gleichsam wie zu 
Hause war, auch was Kunst und Kultur anlangt in vielfachster 
Beziehung zu den deutschen Hansestädten und besonders zu Lübeck. 
Noch heute sind Lübecks Kirchen reich an mittelalterlichen Kunst- 
schätzen — Gemälden und Grabdenkmälern — , welche die kunstfertige 
Hand alter niederländischer Meister geschaffen hat. 

Auf ein niederländisches Vorbild weist nun der alte Lübecker 
Totentanz ; mit Wahrscheinlichkeit das Gemälde, unzweideutig der alte 
niederdeutsche Text. Auf dem (lemälde, welches 1463 oder wenig 
später entstanden ist, erscheinen nämlich diejenigen Stände, deren 
Ornat nicht wie bei dem Kaiser und Papste sich im Laufe der Zeiten 
ziemlich gleich blieb, in burgimdisch- niederländischer Modetracht, 
aber in einer Modetracht, welche für das Jahr 1463 schon veraltet 
erscheinen muss. 'unter den Kleidungsstücken', sagt Mantels, 'ist 
manches, welches an den Hauptplätzen damaliger Mode, in den Nieder- 
landen, in Frankreich, am Rhein, imi 1463 schon verschwunden war.' 
Nun könnte man freilich mit Mantels an die Möglichkeit denken, dass 
jene 1463 in den Niederlanden bereits unmodischen Trachten in 
I^übeck, trotz seines Reichtums und seiner Beziehungen zu Brügge, 
sich länger erhalten haben. Es ist deshalb entscheidend, dass auch 
der Text, wie später an imzweideutigen Belegen dargelegt werden 
wird, aus einem mittelniederländischen Original entweder übersetzt 
oder nach ihm mit wörtlichen Anlehnungen bearbeitet ist. Deuten 
aber beide, Bild wie Text, auf ein .niederländisches Vorbild, so bleibt 
nur die Annahme übrig, dass beide nach demselben Vorbilde, also zu 



*) Crowe und Cavalcaselle, Geschichte der altniederländischen Malerei. 
Bearb. von A. Springer. Leipzig 1875. S. 387 ff. 



10 

gleicher Zeit, entstanden sind. Das niederländische Vorbild war sicher 
eine Anzahl Jahre älter, als der alte Lübecker Totentanz, es muss 
in die Zeit gehören, in welcher die Costüme der Figuren der geltenden 
Mode entsprachen, also in den Anfang des 15. Jahrhunderts. 

Es wird nun unsere Aufgabe sein müssen, das Verwandtschafts- 
verhältnis zwischen dem alten niederländischen Totentanze und der 
altcastilischen Danza general zu ermitteln. Dass diese selbst kein 
Originalerzeugnis spanischen (ieistes ist, ergiebt sich schon daraus, 
dass sie in der sie bietenden Handschrift als Trasladagiofi 'Ueber- 
setzung' bezeichnet ist. Der Handels- und Kunstverkehr, der Spanien 
und die Niederlande verband, könnte möglich erscheinen lassen, dass 
durch einen jener Maler aus Flandern, welche ihr Vaterland verliessen, 
um in Spanien eine neue Heimat zu finden, nach diesem Lande die 
Kenntnis der Totentänze gebracht ist. An diese Möglichkeit kann 
man allerdings denken, obwohl in Spanien sich nur Totentanztexte, 
nicht Totentanzgemälde erhalten haben, nur darf man nicht an dies 
unmittelbare niederländische Vorbild des Lübecker Totentanzes denken. 
Wie dieser auf ein niederländisches, so weist nämlich die spanische 
Danza general auf ein französisches Original als Vorbild. Da aus 
Südfrankreich keine Totentänze bekannt geworden sind, wird man auf 
ein nordfranzösisches Werk schliessen müssen, und in Anbetracht der 
Verbindung mit Castilien liegt es nahe, entweder an Paris, dessen 
Universität auch von spanischen Klerikern besucht wurde, oder an 
Flandern, wo französische und niederländische Sprache und Litteratur 
zusammentrafen, zu denken. Dieser nordfranzösische Totentanz muss 
dann schliesslich das Vorbild auch des niederländischen Totentanzes 
gewesen sein. Dass man sich in diesem Falle, wo ein altfranzösischer 
oder mittelniederländischer Ursprung in Frage kommt, für jenen zu 
entscheiden hat, lehrt nicht nur die allgemeine litteraturgeschichtliche 
Erfahrung, es wird auch noch dadurch befürwortet, dass die Figuren 
des Totentanzes (in denen der Connetable erscheint, während der Graf 
fehlt) den französischen Würdenträgern entsprechen. 

Wenn ein altfranzösischer Totentanz sich so als gemeinsamer 
Stanmivater einerseits der altspanischen Danza general, anderseits des 
Lübecker Totentanzes ergeben hat, so darf doch nicht übersehen 
werden, dass die gezogenen Schlüsse nur einen altfranzösischen Text, 
nicht zugleich auch ein zugehöriges Gemälde erweisen, deshalb nicht, 
weil in der altspanischen Danza nur eine Dichtung, kein damit ver- 
bundenes Bildwerk vorliegt. Ausgeschlossen ist freilich die Möglichkeit 
nicht, dass auch jener altfranzösische Text irgend wo mit einem 
Gemälde verbunden gewesen sein kann. 

Es erübrigt noch die Bestimmung des Jahrhunderts, in welchem 
jener altfranzösische Totentanz, — r der mit der jungem uns erhaltenen 
Danse macabre nicht verwechselt werden darf — verfasst worden ist. 
Da er älter als der von ihm abhängige mittelniederländische Totentanz 
gewesen sein muss, der in den Anfang des 15. Jahrhunderts gehört, 
so würde er spätestens in diese Zeit zu setzen sein. Noch früher ihn 



11 

lünaufzunicken, nötigt die Danza general. Diese ist in eiiier Hand- 
schrift des 15. Jahrhunderts erhalten, soll aber nach der von spanischen 
und deutschen Gelehrten gewöhnlich vertretenen Ansicht bereits i. J. 
13()0 verfasst sein. Gegen diese Altersbestimmung ist freilich von 
einigen Seiten, und wohl mit Recht, Einspruch erhoben worden. Mag 
nun aber die Danza auch ein halbes Jahrhundert zu früh angesetzt 
sein und sie noch in die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts gehören, 
so muss immerhin das von ihr nachgeahmte, also um einen gewissen 
Zeitraum ältere französische Original noch dem vierzehnten Jahr- 
hundert angehört haben. 

Noch ein anderer Grund lässt sich dafür anführen, dass bereits 
vor dem Ende des 14. Jahrhunderts im nordöstlichen Frankreichs der 
Totentanz bekannt war. In Rückblick auf eine 1376 überstandene 
j^etahrliche Krankheit sagt nämlich der Pariser Dichter Jehan Le 
Fe vre in seinem bald nach 1376 verfasst en Respü de mort: 

Je fis de Macabree la dance 
Qui toute gent maine a sa trace 
Et a la fosse les adresse*) 

Es muss also bereits für das Jahr 1376 die Kenntnis einer 
Danse macabre, eines Totentanzes, in Frankreich vorausgesetzt werden. 
Da der erhaltene Text der französischen Danse macabre, wie wir 
später sehen werden, erst im 15. Jahrhundert verfasst ist, kann jene 
Stelle sich nicht auf diesen beziehen, sondern legt für die Existenz 
eines altern Tofentanzes Zeugnis ab. 

Die Form des Lübecker Totentanzes v. J. 1463 und der alt- 
castilianischen Danza general weist, wie sich nun gezeigt hat, in eine 
etwa um hundert Jahre vor seiner Darstellung in Lübeck liegende 
Zeit zurück. Alle übrigen Totentänze gehören einer jüngeren Zeit an. 
Es ist somit in dem Lübecker Gemälde nicht, wie man angenommen hat, 
eine jüngere Entwicklungsstufe erhalten, sondern vielmehr die ältere. 



Der Totentanz als Drama. 

Jene in der vorangehenden Untersuchung dargelegte Eigentümlich- 
keit der Fonn, welche von allen erhaltenen Totentanztexten allein der 
lübisch-revalsche Totentanz und die altspanischc Danza general auf- 
weisen, und welche, wie wir sahen, in das vierzehnte Jahrhundert 
hinaufreicht, wird auch für die nachfolgende Untersuchung den Aus- 
gangspunkt abgeben. 

Blicken wir auf die Totentanz g e m ä 1 d e , so finden wir nicht 
einen Tod, sondern eine grosse Anzahl Figuren, welche den Tod 
darstellen. Jeder menschlichen Figur ist ihr eigener, besonderer Tod 



*) Die Stelle ist von Massmann im Serapeum 8 S. 134 mitgeteilt worden. 



12 

beigegebcH, und häufig dem ganzen Reigen noch ausserdem ein oder 
einige Tode als Pfeifer oder Vortänzer. 

In dem Texte, welchen der lübisch-revalsche Totentanz und die 
Danza general bieten, ist dagegen der Tod, welcher mit den ver- 
schiedenen menschlichen Wesen redet, immer ein und derselbe. Denn 
wenn z. B. der Tod in den ersten Zeilen der Strophe dem Papste 
antwortet und in der Schlusszeile derselben Strophe den Kaiser auf- 
fordert, zum Tanze anzutreten, und dann, als dieser Einwendungen 
erhebt, sie in derselben neuen Strophe widerlegt, in welcher er sich 
schliesslich zur Kaiserin wendet, so kaim hierbei doch immer nur 
derselbe Tod als redend gedacht sein. 

Dies Gemälde zeigt also viele Tode, die Dichtimg 'kennt nur 
einen einzigen Tod. 

Es liegt hier ein Widerspruch zwischen Bild und Text vor, auf 
den bisher noch nicht hingewiesen ist, den man aber bereits im Mittel- 
alter empfunden zu haben scheint. Denn mit Ausnahme des lübisch- 
revalschen Textes finden sich in sämmtlichen erhaltenen Totentänzen 
Bild und Wort in Uebereinstimmung bezüglich dieses Punktes. 

Jener Widerspruch, der in den ältesten Fassungen des Toten- 
tanzes zwischen Gemälde und Dichtung obwaltet, nötigt zu der Auf- 
stellung der Frage, ob der Text oder das Bild das ältere, urspiüng- 
lichere ist. 

Das Bild kann nicht das ursprüngliche, das früliere gewesen sein. 
Wäre der älteste Text als Erläutenmg zu einem vorhandenen Bilde, 
welches den menschlichen Figuren im Tanzreigen je einen besonderen 
Tod als Tanzpartner gab, verfasst worden, so hätte der Dichter nach 
Art der jüngeren Totentänze jeden Tod einzig und allein zu seinem 
Tänzer sprechen lassen kchmen. Auch würde ein Maler, der unabhängig 
von einem Texte ein Gemälde entwirft, den Entwurf in Einklang mit 
der Besonderheit seiner Kunst gesetzt haben. Der Dichter kann 
zeitlich auf einanderfolgende Vorgänge schildern, der Maler ist auf 
die bildliche Wiedergabe dessen beschränkt, was das Auge in dem- 
selben Moment erschauen kann. Den Tanz in seinem Verlaufe, also 
wie der Tod nach einander die verschiedenen Menschen auffordert, 
in demselben Gemälde bildlich darzustellen, war unmöglich. Ein 
Maler hätte nicht an einen Gesammtreigen gedacht, sondern in ein- 
zelnen Gruppenbildern den Tanz veranschaulicht. 

Es muss also das Werk des Dichters, der Text, das Ursprüngliche 
gewesen und zu ihm, zu seiner Erläuterung oder Veranschaulichung 
das Bild hinzugefügt sein. Es begreift sich dann der Widerspruch. 
Es war eben nicht möglich im Bilde zu veranschaulichen, dass derselbe 
eine Tod nach einander mit den verschiedenen geistlichen und welt- 
lichen Ständen ein Zwiegespräch hält. Der Maler ergriff den Ausweg, 
den Tod so oft zu malen, als er das Wort ergreift, und die sämmt- 
lichen Tode und Menschen zu einem Gesammtreigen zu vereinigen. 

Die Dichtung (d. i. der altfranzösische sowohl in der Danza 



13 

general wie im Lübecker Totentanze von 1463 nachgeahmte oder 
übersetzte Text) ist also älter als das Gemälde und ursprünglich mit 
einem solchen nicht verbunden gewesen. Wenn ihre Strophen dem- 
nach von ihrem Dichter nicht als Bildersprüche, d. h. als Verse, welche 
gemalten Figuren gleichsam in den Mund gelegt werden, dereinst 
verfasst waren, so wird die Frage zu erheben sein, welcher Dichtimgs- 
gattung jener alte Totentanztext ursprünglich angehört hat. 

Der alte französische Originaltext ist freilich nicht mehr vor- 
handen. Die beiden erhaltenen Nachahmungen und Uebersetzungen 
gestatten jedoch zum Teil sichere, zum Teil walirscheinliche Schlüsse 
auf die Form und den Inhalt des Originals. Alles, was übereinstimmend 
sich in beiden Nachahmungen findet, muss auch im Original vorhanden 
j^ewesen sein. Im Uebrigen lässt sich erkennen, dass in Bezug auf 
Wortlaut und Gedankeninhalt die altspanische Danza, deren Verfasser 
augenscheinlich durch dichterische Begabung und Uebung sich aus- 
zeichnete, eine ziemlich freie Umarbeitung des Originals unter Hinzu- 
tiigung neuer Figuren bietet, während der lübische Text, vielleicht 
weil er von einem minder sprach- und versgewandten Dichter herrührt, 
zwar verschiedene Strophen des Originals auslässt, sonst aber dieses 
treuer wiedergiebt. Dass die altspanische Danza das Original um neue 
Strophen vermehrt hat, lässt sich daraus folgern, dass verschiedene 
der in ihr auftretenden nur in Spanien vertretenen Stände*) unmöglich 
dem nordfranzösischen Original entnommen sein können. Aber auch 
inhaltlich deuten einige Strophen darauf, dass sie nicht übersetzt, 
sondern freie Dichtung eines Spaniers sind, wie z. B. die Rede des 
Todes an den Rabbi, denn nur in Spanien, der Heimat zahlreicher 
gebildeter Juden im Mittelalter, war eine derartige Bezugnahme auf 
eine jüdische Segensformel u. a. erklärlich. Für die treuere Wieder- 
gabe des Original durch den in Lübeck und Reval erhaltenen Text 
spricht überdem noch ein besonderer Grund, der später noch zur 
Sprache konunen wird. 

Bei der Frage, welcher Dichtungsgattung der Totentanztext 
ursprünglich angehört hat, kommt seine formelle Gestaltung in Betracht. 
In Bezug auf diese stimmen der alte lübisch-revalsche Totentanz und 
die altspanische Danza general vollständig überein. Es muss also das 
gemeinsame altfranzösische Original dieselbe Form geboten haben. 

Die Form bietet nicht einen einfachen Dialog, sondern einen 
Dialog, der durch seine im vorigen Abschnitt dargelegte Eigentümlich- 
keit darauf hinweist, dass die alte Totentanzdichtung dramatisch 
war. Selbstverständlich hat diese Schlussfolgerung, die noch durch 
andere Gründe zu stützen ist, nur Bezug auf die ursprüngliche 
Bestimmung des altfranzösischen Originals aus dem 14. Jahrhundert. 
Es wäre falsch, anzunehmen, dass der niederdeutsche in Lübeck und 
Reval erhaltene niederdeutsche Text jemals dramatisch verwertet wäre. 
Auch abgesehen von anderen Gründen verbietet sich diese Vermutung 



*) Die Nachweise werden in der Litteraturübersicht gegeben werden. 



14 

in Bezug auf Lübeck schon deshalb, weil weder in dem erhaltenen 
Verzeichnis der hier von 1430 bis 1515 aufgeführten Spiele der 
Patricier*) noch in den chronikalischen Ueberlieferungen eines Toten- 
tanzspieles Erwähnung geschieht. Uebrigens ist der dramatische 
Charakter des Lübecker Totentanzes auch noch von Niemand an- 
genommen worden. Die altspanische Danza general pflegt dagegen 
als ältestes Drama der spanischen Litteratur betrachtet zu werden. 
Doch gründet sich diese Annahme eben nur auf ihre dramatische 
Form. Ein Zeugnis oder der Beweis, dass sie jemals aufgeführt worden 
sei, hat nicht beigebracht werden können, und es wird deshalb von 
anderen Gelehrten dieselbe der dramatischen Litteratur nicht zugerechnet. 

Zum Erweis, dass ein altfranzösischer Totentanz in der That 
aufgeführt worden ist, wird auf zwei historische Zeugnisse über statt- 
gehabte Aufführungen eines Totentanzes hingewiesen werden können. 
Dann wird aus einer Stelle des niederdeutschen Textes selbst erwiesen 
werden, dass dieser oder vielmehr seine altfranzösische Vorlage 
ursprünglich zum Behufe dramatischer Aufführung vor einer geistlichen 
Zuschauerschaft verfasst worden ist. 

Jene historischen Zeugnisse darf man nicht, wie mehrfach 
geschehen ist, auf die uns erhaltene jüngere Danse macabre v. J. 
1425 beziehen. Denn diese ist, wie im Fortgange der Untersuchung 
gezeigt werden wird, weder ein Drama noch zur dramatischen Auf- 
führung geeignet. 

Man hat drei alte Zeugnisse beigebracht, welche die dramatische 
Darstellung des Totentanzes im Mittelalter beweisen oder beweisen sollen. 

Wie zuerst französische Geschichtschreiber des vorigen Jahr- 
hunderts und darnach Wackernagel u. a. annahmen, ist 1424 der 
Totentanz im Kloster Aux Innocents in Paris dramatisch aufgeführt 
worden. Diese Annahme beruht auf einem groben Missverständnisse. 
In dem Journal d'un bourgeois de Paris sous Charles VII**) heisst es : 
L'an 1424 fut (aide la danse macabre aux Itmocens et fut comnuncee 
enuiron le moys ffaoust et acheuee ou karesme ensuinant. Wie bereits 
Fiorillo und Peignot klar und richtig ausgesprochen, kann der Toten- 
tanz, von welchem gesagt wird, dass er im Mai begonnen und zur 
Fastenzeit des nächsten Jahres vollendet sei, nur ein Gemälde gewesen 
sein. Hieran ist um so weniger zu zweifeln, als Peignot aus demselben 
Journal z. J. 1429 eine Stelle beibringt, in welcher berichtet wird, 
dass ein Franziskanermönch Richart im Kloster aux Innocents le dos 
tourne vers les charniers encontre la charonnerie ä Vandroit de la dancc 
macabre gepredigt habe. Schliesslich wissen wir auch aus Lydgate's 
englischer Uebersetzung der Danse macabre, dass es in dem Kloster 
Aux Innocents zu Paris einen gemalten Totentanz gegeben hat. 

*) Niederdeutsches Jahrbuch 6, S. 1 ff. 

**) Gedruckt bei Labarre, M^moires pour servir k Fhistoire de France et de 
Bourgogne. Paris 1729, S. 103. Neue Ausgabe: Journal d'un bourgeois de Paris, 
1405—1449, publ. par AI. Tuetey. Paris 1881, S. 203. 234. 



Als zweites Zeugnis wird, zuerst von Carpentier in seinen Zusätzen 
zu Du Cange's Glossarium mediae et intimae latinitatis sub voce 
Machnlxeorum chorca, eine im Mercure de France (September 1742, 
S. 1955) mitgeteilte Stelle einer Handschrift aus Besan^'on angeführt. 
Sie lautet: Scxcallus solvat D. Joanni Caleti^ matrictUario S. JoanniSy 
quatuor sitnasias vini per dictum nmtriculcirium exhihitas Ulis, qui 
choream Machab<eorum fecerunt 10 Julii [sc. 1453] miper lupsa hora 
m\ss(B in ecdesia S. Joannis Evirngdistre, propkr Cfipitidum promiciale 
Frntrum minorum. Der Seneschal wird also beauftragt, dem Hilfs- 
sacristan der Johanniskirche die vier Simasien (das sind 24 Mass) 
Wein zu vergüten, welche dieser, als am 10. Juli 1453 bei Gelegenheit 
des Provinzialkapitels der Franziskaner nach der Messe der Makka- 
bäertanz aufgeführt wurde, den Darstellern desselben gegeben hatte. 
Diese Stelle würde unter der Voraussetzung beweisend sein, dass der 
lateinische Ausdruck Chorea Mtichahceorum dasselbe wie das französische 
Danse nmcal/re bedeutet. Die Frage, ob jene Voraussetzung sicher 
ist, mag hier dahingestellt bleiben. Ist sie aber in der That zutreflfend, 
so beweist jene Stelle nichts für die Art der Aufführung; es könnte 
sich, wie mehrfach angenommen ist, um ein tableau vivant^ d. h. eine 
jener mimischen Aufführung ohne Worte handeln, welche in jener Zeit 
sich in Frankreich grosser Beliebtheit erfreuten. Auf die Anzahl der 
mitspielenden Personen erlaubt dagegen die obige Stelle einen gewissen 
Schluss, wenn man die sonst in Frankreich begegnende Sitte, dass den 
Darstellern bei Probe und Aufführung nur ein beschränktes Mass Wein 
zur Erquickung vorgesetzt wird, in Betracht zieht. 

Während die beiden angeführten Zeugnisse allgemein bekannt 
sind, ist ein drittes, welches jene beiden an Wichtigkeit weit übertrifft, 
den meisten Schriftstellern über den Totentanz, auch denen neuerer 
Zeit, unbekannt geblieben, obwohl es in einem vielbenutzten Werke, 
freilich erst in den Nachträgen desselben,*) zu finden war. In den 
von Laborde zum Abdruck gebrachten Rechnungen der Ausgaben der 
Herzöge von Burgund findet sich nämlich folgende Stelle**): A Nicaise 
de Carnbray^ painctre^ detnourant en la ville de Douay^ pour lui aidier 
ä deffroyer au mais de septemhre Van 1449^ de la ville de BrugeSy quant 
il a joue devant mondit seigneur, en son hostel, avec ses autres com- 
paignons^ certain jeu^ histoire et moralite sur le fait de la danse muail/re 
. . . VIII francs. Die Danse macabre, welche hiernach im Monat 
September 1449 in Brügge vor dem Herzoge Philipp dem Guten auf- 
geführt ist, wird als jeu, dann als histoire et moralite bezeichnet. Jeu 
ist der allgemeine Ausdruck für dramatische u. a. Darstellungen. Die 
Bezeichnung histoire, welche allein stehend sonst für historische, 
legendarische oder novellistische Stoffe üblich ist, besagt in diesem 
Falle wohl, dass ein Spiel mit Handlung und Dialog gemeint ist. 

*) Langlois, £s8ai sur les danses des morts. T. I. (1851), S. 292. 
**) de Laborde, Le ducs de Bourgogne. Etudes sur les lettres, les arts 
et rindustrie pendent le 15« siäcle, et plus particulierement dans les Pays-Bas et 
le duch^ de Bourgogne. Partie II. Vol. 1 (1849) S. 393. Comptes n. 7399. 



16 

Unzweideutig und klar ist der Ausdruck moralüe^ der in Verbindung 
mit histoire ein dramatisches Spiel belehrender oder erbaulicher Tendenz 
bezeichnet. 

Den historischen Zeugnissen, welche zimi Nachweise stattgehabter 
Aufführungen des Totentanzdramas bekannt geworden sind, lässt sich 
eine bisher für die Untersuchung noch nicht verwertete und in ihrer 
Bedeutung überhaupt noch nicht erkannte Stelle anreihen, welche sich 
in dem lübisch-revalschen Texte selbst findet. Der 'Prediger auf der 
Kanzel', der im Totentanzdrama die Rolle des Prolocutor vertritt, 
beginnt seinen Prolog mit den Versen 

Och redelike creatuer, sy arm ofte ryke, 
Seet hyr dat spectel, junck unde olden! 

Das Wort spectel (frz. spedacle) bedeutet 'Schauspiel', es ist also 
in diesen Worten geradezu und unzweideutig ausgesprochen, dass die 
Totentanzdichtung, die im lübisch-revalschen Texte vorliegt, als Drama 
zu denken ist. 

Aus demselben Prologe ist ferner zu entnehmen, vor welchem 
Zuschauerkreise jenes Drama zuerst aufgeführt worden ist. Vers 9 ff. 
heisst es niimlich: 

Unde Icven kinder, ik wil ju raden, 
Dat gi juwe scapeken verleiden nicht, 
Men gude exempel cn opladen, 
Eer ju de doet sus snelle bilicht. 

Der Prolocutor fordert also die Zuschauer auf, diese möchten 
ihre scapeken^ ihre 'Schaf lein' nicht in die Irre führen, sondern 
ihnen gute Beispiele geben. Die Geistlichen betrachten sich, in Anleh- 
nung an das biblische Gleichnis vom guten Hirten, «als die Hirten, 
die 'Pas to res' der Laien, diese wurden nach kirchlichem Sprach- 
gebrauche als ihre Schafe oder Schaf lein bezeichnet. Da die 
Worte des Prologs also ausschliesslich an Geistliclie gerichtet sind, 
so ergiebt sich, dass das Totentanzdrama ursprünglich zur Darstelhing 
vor Klerikern verfasst worden ist. 

Wenn einerseits unsere Untersuchung ergeben hat, dass die älteste 
Form des Totentanzes, wie sie in mittelniederdeutscher Uebersetzung 
in dem lübisch-revalschen Texte vorliegt, ursprünglich ein Drama 
gewesen ist, anderseits feststeht, dass die in Frankreich entstandene 
Dichtung auf dem Wege über die Niederlande i. J. 1463 nach Deutsch- 
land gekommen ist, und wenn ferner nachweislich i. J. 1449 in Brügge, 
also in einer Stadt, welche in besonderer Verbindung mit Lübeck stand, 
ein Totentanz dramatisch aufgeführt worden ist, so liegt die Vermutung 
nahe, dass jene in Brügge aufgeführte Danse macabrc im Lübecker 
Totentanze von 1463 erhalten ist. Ferner erhält durch den Nachweis, 
dass dieses Drama ursprünglich zur Aulliihrung vor Geistlichen 
bestimmt war, die Vennutung eine Stütze, dass es dasselbe Drama 



17 

war, welches am 10. Juli 1453 vor dem Provinzialcapitel der Minoriten 
in BesanQon dargestellt ist. 

So nahe diese Vermutimgen liegen, können sie doch irrig sein, 
denn die Möglichkeit lässt sich nicht läugnen, dass es einen zweiten, 
uns verlorenen dramatischen Totentanz gegeben haben kann. Sicher 
bleibt aber die Thatsache zu Recht bestehen, dass die erhaltene lübisch- 
revalsche Totentanzdichtung die Uebersetzung einer altfranzösischen 
für die scenische Aufführung verfassten Dichtung des 14. Jahrhunderts 
ist. Es wird unsere Aufgabe sein, diese Dichtung in Vergleich mit 
altfranzösischen dramatischen Werken gleicher Zeit und gleicher Gattung 
zu stellen, um ihre litteraturgeschichtliche Stellung zu erkennen. Leider 
besitzen wir nur zwei altfranzösische Moralitäten, welche dem 14. Jahr- 
hundert angehören.^) Beide sind von dem bekannten Dichter Eustache 
Deschamps und beide weichen, was die Form betrifft, wesentlich von 
der Totentanzdichtung ab. Aber auch die Vergleichung mit den 
erhaltenen freilich gleichfalls nicht sehr zahlreichen Moralitäten des 
15. Jahrhunderts weist keine Dramen auf, welche dem erhaltenen 
Totentanze so ähnlich sind, dass man auf sie nur zu verweisen brauchte. 
Es wird deshalb nötig sein, die genauere Feststellung der dramatischen 
Gattung, welcher das Spiel vom Totentanze angehört hat, in einer 
besonderen, der folgenden Untersuchung zu erörtern. 

Aber auch ohne diese Untersuchung lässt sich an dem Texte 
erkennen, wie die Aufführung jenes Totentanzes vor sich gegangen ist. 

Wir haben uns die Aufführung in der Kirche auf einer zu diesem 
Zweck hergerichteten Bühne zu denken, die von zwei Seiten zugänglich 
ist, deren eine ein Beinhaus oder ein Grab vorstellt. 

Zuerst tritt auf einer vor der Bühne befindlichen Kanzel ein 
Prediger als Prolocutor auf und mahnt die als Zuschauer versammelten 
Kleriker, dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen abspielen würde, 
die Lehre zu entnehmen, dass niemand vor dem Tode geschützt ist. 
Wer viel Gutes in seinem Leben gethan und die seiner geistlichen 
Fürsorge anvertrauten Schafe gut geführt habe, werde dafür himm- 
lischen Lohn empfangen. 

Auf die Bühne tritt dann der Tod und fordert alle Creaturen auf, 
ihm zu folgen und dazu sich mit guten Werken zu rüsten. 

Zuerst ruft er den Papst, er sei der höchste auf Erde gewesen, 
darum gebühre ihm die Ehre des Vortanzes. Klagend tritt der Papst 
zum Tode, der auf seine Worte, während er ihn im Tanzschritt zum 
Grabe führt, antwortet. 

Indem der Papst in dem Grabe oder hinter einer als Zugang 
zu einem Beinhause gedachten Thür verschwindet, fordert der Tod in 
ähnlicher Weise den Kaiser, Cardinal, König und alle übrigen der 
Reihe nach auf, die alle im vollen Schmuck ihres Ornates erscheinen. 



') L. Petit de Jolleville, Repertoire du th^&tre comique en France au moyen- 
Hge. Paris 1886, S. 19 ff. 

Nl<deid«ntsoliM Jahrbacli XYU. 2 



18 

während der Tod in eng anliegende gelbliche Leinwand gekleidet ist, 
welche durch die Kunst des Malers so bemalt ist, dass der Tod einer 
Leiche ähnlich sieht. 

Die Vorstellung selbst geschah unter musikalischer Begleitung, 
der Text wurde durch Gesang oder Recitativ zum Vortrag gebracht. 

Es war nicht notwendig, dass für jeden menschlichen Stand ein 
besonderer Darsteller agirte. Der abgetretene Papst hatte, während 
der Tod mit dem Kaiser, p]rzbischof u. s. w. zum Tanze schritt und 
mit ihnen Rede und Gegenrede führte, Zeit und Gelegenheit, die 
Kleidung zu wechseln und bald darauf in anderer Tracht die Bühnt* 
auf der anderen Seite wieder zu betreten. 



Die Entstehung des ersten Totentanzes. 

Es ist zuzugeben, dass das alte Totentanzspiel in Bezug auf 
Handlung und Dialog an Einfacliheit gewissen altern französischen 
Moralitäten ziemlich ähnlich ist. 

Dagegen fällt ein auftalliger äusserer Unterschied in die Augen. 
Der alte Totentanz bestand, abgesehen von dem Prologe, aus Strophen, 
während die eigentlichen Dramen und somit auch die Moralitäten frei 
vom Zwange strophischer Gliederung waren. 

Neben dem äussern Unterschiede wird ferner ein innerer bemerkbar. 

Bei einfachem Dialog und einfacher, ja mitunter fehlender Hand- 
lung fesseln die Moralitäten dadurch, dass ein zu Grunde gelegter 
Gedanke in vielseitiger Weise erörtert, bestritten und verteidigt wird. 
Eine beliebte Form, in welcher sich das am ungezwungensten thun 
lässt, ist desshalb der Streitdialog oder ein Process. Allegorische 
Figuren treten als Kläger gegen einander auf, und eine andere über- 
nimmt die Rolle des Richters. Rede und Gegenrede führen schliesslich 
zu einem Urteile oder sonst einem Abschluss des Gedankens.^) In 
dem Texte des alten Totentanzes ist von irgend einer Entwickelung 
eines Gedankens kaum etwas zu linden. Es ist eine eintönige Variation 
desselben Gedanken, den bereits der Prolocutor ausspricht: Jeder wird 
vom Tode ergriffen, jeder bereite sich durch gute Werke auf ihn vor 
und erfülle die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt. 

Was wir von den französischen Moralitäten des Mittelalters 
wissen, lässt nicht darauf schliessen, dass das decorative Moment^ehr 
in den Vordergrund trat. Ihre Wirkung beruhte fast einzig auf ihrem 
Gedankeninhalt. Im Spiele vom Totentanz muss dagegen der Eindruck, 
welchen der Dialog auf die Zuschauer hatte, vollständig gegen den 
Eindruck, den die Mannigfaltigkeit und der Wechsel der Kostüme auf 

') Ein deutsches nach dem Vorbilde einer altfranzösischen Moralität ver- 
fasstes Gedicht mit Reden von je 24 Versen ist im Niederdeutschen Jahrbuch 8, 
S. 43 ff. abgedruckt. 



19 

(las Auge ausübte, zurückgetreten sein. Die Worte des Dialogs waren 
kaum mehr als Erläuterungen des Kostüms. 

Dieser Sachverhalt muss zu der Folgerung fuhren, dass die 
Moralität vom Totentanze aus einem jener tableaux vivants entstanden 
ist. welche in Frankreich und Flandern im 13. und 14. Jahrhundert 
so beliebt waren. Das Tableau wurde Moralität, indem den früher 
stummen Personen Worte in den Mund gelegt wurden. 

Ueber die Tableaux vivants äussert sich Ebert in seiner Ent- 
wicklungs - Geschichte der französischen Tragödie vornehmlich im 
XVI. Jahrhundert (Gotha 1856. S. 21 f. 37 f.). 'Tableauartige, 
mimische Darstellungen,' sagt er, 'oft unter musikalischer 
Begleitung, kamen seit dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts 
an den Höfen des Königs und der Grossen zur Vermehrung festlichen 
(ilanzes in Mode. Ich meine die Entremets. Die Maschinen, die 
Dekoration, das Kostüm war die Hauptsache ; geschichtliche Ereignisse, 
damals auch insbesondre aus den Kreuzzügen, wurden zugleich mit 
Szenen aus der biblischen Historie vorgestellt, daneben aber wurden 
auch blosse Kuriositäten, ohne irgend welche dramatische Bedeutung, 
zur Schau gestellt. Solche Tableaux profanen und geistlichen Inhalts 
wurden auch seit dem vierzehnten Jahrhundert bis zur Regierung 
Heinrichs II. regelmässig bei den feierlichen Einzügen der Könige in 
Paris, aber auch fremder Fürstlichkeiten, insonderheit der Königsbräute, 
an verschiedenen, zum Teil bestimmten Punkten der Stadt, an welchen 
der königliche Aufzug sich vorüber bewegte, auf Gerüsten dargestellt. 
Es waren meist bewegte Bilder, in welchen eine Handlung vor sich 
ging, die im Augenblick des Erscheinens des Königs anhob, aber sie 
war stumm; wie denn oft ausdrücklich von den Chronisten bemerkt 
wird, dass die personnages dieser Mysterien sans parier waren.' 'Auch 
die stummen Spiele der Entremets und Tableaux entwickelten sich in 
dieser zweiten Periode des mittelalterlichen Schauspiels zu noch grösserer 
Pracht und Mannigfaltigkeit . . . Interessant ist zunächst, dass in 
den Tableaux das ganze ernste mittelalterliche Schauspiel sich damals 
vertreten findet: neben Mysterien des neuen und alten Testaments 
werden auch Heilige, und selbst Szenen aus Miracles vorgestellt, nicht 
minder ferner allegorische Personen, teils bloss symbolisch gruppirt, 
teils zu einer Handlung vereinigt; selbst Parabeln fehlen nicht, wie 
die des Sämanns.' Dargestellt wurden die Tableaux von allen denen, 
die im Mittelalter sich zur Aufführung von Dramen vereinigten, von 
(lenossenschaften wie der Basoche und der Confraterie de la Passion 
in Paris, den Puys in den Provinzialstädten, von Studenten, Klerikern, 
Klerken u. a. 

Als Tableau muss also auch der Totentanz ursprünglich dar- 
gestellt worden sein; die Rollen waren stumm, die Personen bewegten 
sich aber im Tanzschritt nach dem Takte der die Aufführung beglei- 
tenden Musik der Orgel oder der Pfeiffer. Als sich dann die Gunst 
der Zeitgenossen dem redenden Schauspiele allseitiger zuwandte, 
musste man, leichtbegreiflich, veranlasst werden, die früher stummen 

2* 



20 

Rollen des Tableau in redende zu verwandeln. Der Dialog, den man 
ihnen gab, konnte jedoch nicht frei von dem Zwange sein, zu welchem 
der Umstand nötigte, dass die Personen des Totentanzes sich im Tanz- 
schritte bewegten. Anderseits nötigte der Tanz nicht, dass die Personen 
stumm blieben, denn im Mittelalter wurde allgemein bei dem Tanze 
gesungen oder im Recitativ strophisch gesprochen. Entsprechend 
der Zahl der Takte, nach denen der Totentanzreigen geschritten wurde, 
musste der für ihn bestimmte Text strophisch abgefasst werden. So 
erklärt sich, dass das durch die Hinzufügung eines Textes aus dem 
Tableau entstandene Drama oder Singspiel vom Totentanze von den 
anderen Moralitäten sich durch seinen strophischen Dialog unter- 
scheiden musste. 

Bevor wir unsere Untersuchung schliessen, erübrigt noch die 
Frage: Wie haben wir uns die Entstehung des Tableau vom Toten- 
tanze zu denken? Das Tableau will auf das Auge wirken, die Kostüme 
waren für dasselbe eine Hauptsache. Aus der Absicht, die herrlichsten 
und mannigfaltigsten Trachten, welche das der historischen und 
ethnographischen Kostümkunde entbehrende Mittelalter kannte, in voll- 
ständiger Reihe den Zuschauern vorzuführen, ist in erster Linie die 
Entstehung des Totentanzes zu erklären. 

Ein geschicktes Tableau muss jedoch von einem Gedanken 
beherrscht sein, welcher die Mannigfaltigkeit und den Wechsel der 
Kostüme zusammenhält und erklärt. Diesen Gedanken fand der 
Schöpfer des Tableau in der Allmacht des Todes über die Menschen, 
er gewann in der Gestalt des Todes zugleich die wirksamste Folie für 
alle übrigen Figuren. Dieser Gedanke und seine Ausführung durch 
das Tanzmotiv musste in zweiter Linie zu jener Absicht hinzutreten, 
um den ersten Totentanz entstehen zu lassen. 

Wie der Verfasser des Tableau gerade zu dem Tanzmotiv kam, 
ist eine offene Frage, doch bereitet sie keine Schwierigkeit. Eine 
volkstümliche Redensart oder ein in der religiösen Dichtung des Mittel- | 
alters geschaffener bildlicher Ausdruck kann den Verfasser angeregt 4 
haben. Die mittelhochdeutsche Dichtung wie die mittelniederländische 
sind schon zu einer Zeit, die vor den Totentänzen liegt, reich an 
bildlichen Redensarten und Wendungen, wie z. B. nach der Pfeife des 
Todes tanzen oder von einem Reigen, an den alle müssen, um sich in 
das andere Land, d. h. ins Jenseits hinül)er zu singen.^) Ich zweifle 
nicht, dass auch die altfranzösisclie Dichtung Belege in reicher Zahl 
bieten würde. Jedesfalls ist es falsch, zur Herleitung des Totentanz 
auf entlegene, Nordfrankreich fremde Anschauungen oder gar Mythen 
zurückzugreifen. Auf den Gipfel ist die Urteilslosigkeit getrieben, 
wenn man mit dem Nachweise, dass in einem 1809 entdeckten etni- 



') Dergleichen Wendungen aus deutschen und z. T. niederländischen Dichtern 
des Mittelalters sind bei Wackemagel kl. Schriften 1, 311 ß. gesammelt. 




21 



rischen Grabe aus dem Altertume ein paar tanzende Skelette in Stuck- 
relief abgebildet waren, die Entstehung des Totentanzes erklären helfen 
^ill. Auf den Verfasser des ersten Totentanzes, der im 14. Jahrhundert 
gelebt hat, kann doch unmöglich eine antiquarische Kuriosität aus 
vorchristlicher Zeit von Einfluss gewesen sein, ganz abgesehen davon, 
dass der mittelalterliche Totentanz kein Tanz von Skeletten, sondern 
der Tanz einer allegorischen Todesfigur mit lebenden Menschen 
ist, die erst durch den Tanz dem Grabe zugeführt werden. Nicht 
minder verkehrt hat man, durch die gleiche Benennung wohl verleitet, 
die aus Schlesien vom Jahre 1406 berichtete Auffuhrung eines 'Toten- 
tinzes' herangezogen. 'Er begann mit Jubel und Jauchzen aller 
Anwesenden, die nur Lust hatten, mit zu tanzen. Plötzlich verstummte 
die Musik, und ein Jüngling oder Mädchen fiel in die Mitte der Stube 
und stellte sich tot. Ein dumpfer Totengesang erscholl von allen 
Lippen. Mit abwechselnden Sprüngen näherte sich eine Person nach 
der andern dem Toten und küsste ihn, indess sich dieser nicht regen 
durfte. Waren die Tänzer alle durch, so erhob sich auf einmal wieder 
die Musik in frohen Tönen, und der Tote stand auf.' Dieser 'Toten- 
tanz' gehört in eine Geschichte der Gesellschaftsspiele, mit dem Toten- 
tanze der Kunst- und Litteraturgeschichte liat er nichts gemein. 

Die nüchterne methodische Untersuchung wird vermeiden, durch 
kein erkennbares oder nachweisbares Zwischenglied vermittelte, weit 
von einander abliegende Momente zu verknüpfen, sondern Schritt für 
Schritt vorwärts zu gehen suchen. Die so gewonnenen Ergebnisse werden 
allein Anspruch auf Beachtung haben. Dieses schrittweise Vordringen 
in das Dunkel der Vergangenheit auf Bahnen, die der Gegenstand 
selbst und die Litteraturgeschichte andeuten und begrenzen, ist in den 
vorangegangenen Untersuchungen, wie ich hofl'e mit Erfolg, erstrebt 
I worden. 



Die Danse maeabre. 

Für den Totentanz hat die französische Sprache den besonderen, 
zuerst im 14. Jahrhundert auftauchenden Ausdruck danse maeabre. Im 
engeren Sinne bezeichnet man mit ihm den einzigen Totentanztext, 
der sich aus dem Mittelalter in französischer Sprache erhalten hat. 
Er liegt in zwei Fassungen vor. Diese unterscheiden sich dadurch, 
dass die kürzere nur 30 Tanzgruppen hat, während die umfangreichere 
dieselben Gruppen bietet, ausserdem aber noch zehn andere zwischen 
jene einschiebt. Sämmtliche Personen beider Fassungen sind männlich, 
diese werden deshalb auch als Danse maeabre des hommes zum Unter- 
schiede von der Danse maeabre des femmes bezeichnet. Letztere ist 
r eine jüngere, zuerst i. J. 1486 gedruckte Nachahmung und kann ausser 
Betracht bleiben. Dasselbe gilt für diejenigen Strophen, welche die 
erweiterte Fassung der Danse maeabre des hommes allein bietet. Diese 



22 

ist nämlich, wie sich aus der Vcrgleicliuiig mit den alten Ue])ersetzungeii 
mit Sicherheit ergiebt, aus der kurzem Fassung durch Zusätze jüngeren 
Ursprungs entstanden. 

Die kürzere Fassung der Danse macabre hat einst dem Toten- 
tanze angehört, der i. J. 1424 und 1425 an die Kirchholsmauer de?? 
Klosters Aax Innocents in Paris gemalt war. Es wird das nicht allein 
durch die Ueberschrift in zwei Handschriften bezeugt, welche Dictamina 
choree macabre prout sunt apud Innocentes Parisius und La dance 
macabre prout habetur apud S, Innocentem lauten, sondern auch durch 
die englische Uebersetzung, welche der Mönch Lydgate bald nach 
1425 für das alte St. Pauls-Kloster in London angefertigt hat. In 
den die Uebersetzung einleitenden Strophen heisst es nämlich: 

Gonsidereth this ye folkes that been wise 

And it imprinteth in your Memorial, 

Like thensample which that at Parise, 

I found depict ones in a Wall, 

Füll notably as I rehearse shall, 

Of a French clerke taking acquaintance, 

1 took on me to translaten all 

Out of the French Machabrees Daunce .... 

By en8ample that thei in her entents, 

Amend her life in eyery maner age, 

The which daunce at Saint Innocents 

Portrayed is with all the Surplusage etc. 

Der Totentanz des Klosters Aux Innocents ist nach dem bereits 
S. 14 angeführten, jeden Zweifel ausschliessenden Zeugnis eines Zeit- 
genossen in den Jahren 1424 und 1425 hergestellt worden. 

Aelter als dieses Totentanzgemälde oder die von dem Maler für 
dasselbe angefertigte Skizze kann auch der Text der Danse macabro 
nicht sein. Während sich nämlich für das Vorbild des Lübecker 
Totentanzes von 1463 ergab, dass der Text das ursprüngliche, das 
Gemälde das spätere war, lässt sich umgekehrt für die Danse macabre 
erweisen, dass bei ihr der Text zur Erläuteining des Bildes hergestellt ist. 

Es ergiebt sich das mit besonderer Deutlichkeit aus Strophe 48. 
Während im Zwiegespräche des Todes mit den Menschen sonst immer 
nur der Tod und der von ihm zum Tanze gerade aufgeforderte Mensch 
zu Worte kommen, erscheint hier plötzlich eine ausserhalb des Zwie- 
gespräches stehende dritte Strophe, welche einem Povre komme zu- 
geteilt und erst durch das Bild verständlich wird. Der Mater hat 
nämlich neben den Wucherer einen armen Mann gemalt, welchem jener 
in dem Augenblicke Geld leiht, als er selbst vom Tode abgeholt wird. 
Der Zweck der vom Maler hinzugefügten Figur ist deutlich, es soll 
durch sie erkennbar werden, dass der dem Tode verfallene Menseh 
ein Wucherer ist. Im Texte wiid dieser einfach dadurch kenntlich, 
dass er vom Tode als 'Wucherer' angeredet wird. W^enn trotzdem der 
arme Mann seine besondere Strophe erhält, so erklärt sich das nur 
daraus, dass der Dichter jeder Figur des Gemäldes seine Stroplie 
zuschreibt, selbst dem ^Roy mort tout nu couchie' zu Schluss. In der 
diesem gehörenden Strophe wird sogar ausdrücklich auf das Gemälde 



23 

liiiig€»wiesen, indem sie mit den Worten Votis qui en ceste portrai- 
iure Veez dancer estas divers beginnt. Dass der Dichter den Text 
verfasst hat, damit er gelesen werde, zeigen die Worte : En ce miroer 
chascun petä lire (Strophe 2 v. 1). 

Trotz der deutlichen Hinweise, die das Gedicht dafür bietet, dass 
es gelesen werden soll und dass es sich auf ein Gemälde bezieht, 
ist in Frankreich die Annahme verbreitet, dass es der Text des alten 
Drama vom Totentanze sei. Diese Annahme ist lediglich durch den 
irrigen Bezug dieser Danse macabre auf die alten Nachrichten von 
Auftiihnmgen des Totentanzes eingegeben und bedarf, nachdem in den 
vorigen Abschnitten eine andere, dramatische Danse macabre nach- 
gewiesen ist, keiner weiteren Widerlegung. 

Als für den berühmten Kirchhof des Klosters Aux Innocents 
1424 ein neuer Totentanz nach dem Vorbilde der alten Danse macabre 
des 14. Jahrhunderts gemalt werden sollte, muss man sich des Wider- 
spiTichs, in welchem der dramatische Text zu dem Gemälde stand, 
l)ewusst gewesen sein. Man erachtete einen neuen Text für nötig, der 
im Einklänge mit dem Bilde war und gleichzeitig erhöhteren Ansprüchen 
an den Gedankeninhalt gereclit wurde. 

Dichter und Maler müssen die neue Danse macabre im Einver- 
ständnisse mit einander hergestellt haben. Und wie der Maler ein 
älteres Bild des Totentanzes, so muss der Dichter den alten Text 
gekannt und benutzt haben. 

Dass wie die alte so auch die neue Danse macabre achtzeilige 

Strophen bietet, wird nicht mehr als Zufall erscheinen, wenn man die 

Reimbindungen der altspanischen Danza de la muerte vergleicht. 

Danza de la muerte: ababbccb 
Danse macabre: ababbcbc 

Da sich die Strophenform der Danza de la muerte in den übrigen 
Denkmälern der altspanischen Dichtkunst nicht wiederfindet, liegt die 
Annahme nahe, dass der spanische Dichter auch in Bezug auf sie 
seine altfranzösische Vorlage, die Danse macabre des 14. Jahrhunderts, 
treu nachgeahmt, und diese bereits dieselben Reimbindungen geboten hat. 

Beweisend ist, dass die jüngere wie die ältere Danse macabre 
genau mit denselben Worten beginnen. Die alte Dichtung aus dem 
14. Jahrhundert beginnt in der erhaltenen mittelniederdeutschen 
Uebersetzung oder Umarbeitung: 

Och redelike creatuer 

Die Danse macabre v. J. 1425: 

creature roysonnable 

Wie dieser Anfang aus der alten Danse macabre des 14. Jahr- 
hunderts in die uns erhaltene von 1425 wörtlich übernommen ist, so 
ist in die Neubearbeitung wenigstens an einer Stelle auch eine Spur 
der formellen Eigentümlichkeit des alten Originals übergegangen, dass 
der Tod in derselben Strophe der früheren Person antwortet und 
die folgende Person anredet. In den ersten Versen der Strophe, 
welche nach der sonst durchgeführten Regel vom Tode an den Kar- 



24 

täuser allein gerichtet sein sollte, antwortet jener nämlich zunächst 
dem Kaufmann und wendet sich dann erst an den Kartäuser: 

Alez, marchant, sans plus rester, 

Ne faites ja cy residence! 

Vous n'y povez rien conquester. 

[z. Kartäuser:] Vous aussi, homme d'astinence, 

Chartreux, prenez en pacience 

De plus vivre n^ayez memoire. 

Faictes vous valoir a la dance! 

Sur tout homme mort a victoire. 

Die Danse macabre von 1425, die altspanische Danza de la 
mueile und der lübisch-revalsche Totentanz sind also aus einer gemein- 
samen Quelle, der Danse macabre des 14. Jahrhunderts, abgeleitet. 
Alle drei haben aus dieser Quelle gewisse Eigentümlichkeiten und 
mitunter auch den Wortlaut übernommen. Während aber der alt- 
spanische und mittelniederdeutsche Text die Form ihrer Quelle bei- 
behalten haben, bietet die Danse macabre von 1425 eine vollständige 
Umarbeitung. 

Etymoloffle des Wortes Makabre. Von den vielen Deutungs- 
versuchungen des Wortes Macabre verdienen nur zwei Beachtung. 
Nach der einen soll Macabre eine alte Vulgärform des Wortes Machabde 
'Makkabäer' sein. Diese Deutung bietet die in Troyes 1728 gedruckte, 
in modernes Französisch umgesetzte Danse macabre, welche im Prologe 
den ursprünglichen Ausdruck la dance macabre mit la danse des Macha- 
bees wiedergiebt. Gelehrte Geltung erhielt diese Deutung, als Carpentier 
in seinen Nachträgen zu Du Cange's Glossar in der S. 15 angeführten 
Stelle die Chorea Machabceorum als 'danse macabre' erkläi-te. 

Nach der anderen von Van Praet aufgestellten Etymologie ist 
das Wort Macabre dem von den Mauren in Spanien gesprochenen 
Arabischen entlehnt. Es lautet in dieser Sprache maq^r 'Gräber, 
Kirchhof (Plural von maqbara 'Grab'), ein Wort, das in Portugal in 
der Form al-mocavar^) und in gewissen Gegenden Spaniens als macabes^) 
oder almocaber ") sich in der Volkssprache erhalten hat. Femer weist 
Ellissen (S. 80) darauf hin, dass arabisches tane-d-maJcabiri 'Kirchhofs- 
spiel' dem französischen danse macabre zu Grunde liegen möge. 

Ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit der einen oder anderen 
Etymologie wird nur mit Hilfe der Belege und der Geschichte des 
Wortes Macabre gewonnen werden können. 

Im Prologe der Danse macabre von 1425 erscheint es in den Versen 

La dance macabre s'appelle, 
Que chascun a danser apprant. 



') macabre ^toU', im Portugiesischen Wörterbuche von H. Michaelis verzeichnet, 
dürfte aus dem Neufranzösischen entlehnt sein. 

') Koque Barcia, Primcr diccionario general etimologico de la lengua 
Espaüola T. 3 (Madrid 1881), S. 522. 

■) Laramens, Mots fran^ais d^rives de Tarabe. Bayrouth 1890, S. 149. 



25 

Noch älter ist der bereits S. 1 1 gegebene Beleg aus dem Bespit de mort 

Je fis de macabree la dance, 
Qui toute gent maine a sa trace 
Et a la fosse les adresse. 

Lydgates englische Uebersetzung aus der ersten Hälfte des 
15. Jahrhunderts bietet Machahrees daunce und Daunce of Machabree^). 
Die drei letzten Stellen beweisen, wogegen die erstangefiihrte nicht streitet, 
dass Macabre ursprünglich Substantiv war. In den S. 14 mitgeteilten 
Stellen des Journal d'un hourgois, in der bald nach 1434 von Guillibert 
von Metz verfassten Description de Paris sous Charles VI^^) in den Ueber- 
schriften der Handschriften und auf den Titelblätteni der alten Drucke 
begegnet die Verbindung La danse macabre augenscheinlich bereits als 
feststehende Formel, deren Entstehung sich aus den eben angeführten 
Worten des Prologs leicht erklärt. Diese Fonnel ist Ursache, dass 
macabre heute als Adjectiv aufgefasst und gebraucht wird, trotzdem 
die ursprüngliche Bedeutung 'der Tanz Macabre' war, also auch in 
dieser Formel das Wort die Geltung eines Substantivs, als Name des 
Tanzes, hatte. 

Die späteren Dinicke haben auf ihren Titelblättern die Fonnel 
la danse macabre festgehalten, doch muss schon zu Ende des 15. Jahr- 
hunderts und im 16, Jahrhundert das Wort macabre nicht mehr allgemein 
verständlich gewesen sein^). Im 17. Jahrhundert sprachen von den 
Parisem die einen La danse macabre^ die anderen La danse macabee. 
Es ist dieses den Curiositez francoises^ par Antoine Oudin (Paris 1640) 
zu entnehmen, in welchen es S. 314 heisst: La danse Macabee ou 
plus vulgairement Macabre . i , la mort: on d6peint vne danse ou des 
squelets nieinent danser toutcs sortes de personncs. 

Die heutige Volkssprache kennt die Form macabre nicht mehr, 
nur in der 'Langue verte' der Druckereien begegnet sie noch mit der 
Bedeutung ^morf^). Das Argot ^) der Pariser bietet nur macabee, 

^) Die Ueberschriften in den Abdrücken der englischen Uebersetzung und 
somit auch die Worte Machabree the Doctour über einer der letzten Strophen sind 
spätere Znthat, also nicht als alte Belege zu verwerten. 

*) lUec (am Kloster Aux Innocents) sont paintures notables de la Dance 
macabre, avec escriptures pour esmouvoir les gens ä deoocion. Le Roux de Lincy 
et Tisserand, Paris et ses historiens (1867) S. 193. 

*) Es ist dieses daraus zu folgern, dass Desrey in seiner lateinischen 
Uebersetzung der Danse macabre das Wort Macaber für den Namen des Dichters 
hält Femer bietet von den Handschriften des Journal d'un bourgois nur die 
älteste, welche noch dem 15. Jahrhundert angehört, die Schreibung la dance 
macabre, während die jungem Handschriften aus dem 16. Jahrhundert la danse 
machabee und la danse maratre einsetzen. 

*) Vgl. Ant. Oudin, Recherches italiennes et fran^aises ou Dictionnaire. Paris 
1655, S. 385. *La danse Machabee: dama delli mortiJ 

*) In den deutschen Buchdnickereicn bedeutet ^Leiche^ die Auslassung eines 
oder mehrerer Worte im Drucksatze. 

•) Vgl. Larchev, Nouveau suppidment du dictionnaire d' Argot. Paris 1889, 
S. 143. — Larchet, Dict. histor. d'Argot. 7. äd. Ebd. 1878. — Rigaud, Dict. 
du Jargon Parisien. Ebd. (1878). — Delveau, Dict. de la langue vert. Nouv. dd., 
par Fustier. Ebd. (o. J.). 



26 

machahce. Von den Totengräbern werden niauvais macahees die nach 
dem billigsten Tarifsatze bestatteten Leichen genannt, bei den Studenten 
lieissen die Leichen der anatomischen Institute, bei den Schiffern alle 
auf der Seine treibenden Leichen und Tiercadaver macahees. In der 
gebildeten Sprache bezeichnet dieses Wort bekanntlich die alttestament- 
lichen Makkabäer^). 

Auf den ersten Blick scheint Alles für die Herleilung des Wortes 
macabre von Mackabee 'lateinisch Maccabceus' zu sprechen. Die Mög- 
lichkeit der sprachlichen Nebenform ist nicht zu läugnen. Das Argot 
des Parisers giebt diese Etymologie an die Hand. Und vor Allem 
jener alte Beleg der Chorea Machabaeorum! 

Aber mit welchem Rechte erklärt man denn jene Chorea Macha- 
bceonim als 'Danse macabre' und warum übersetzt man nicht wörtlich 
'Tanz der Makkabäer"? Der Gnmd ist, weil die Legende von dem 
martervollen Tode der sieben makkabäischen Brüder und ihrer Mutter 
keine Möglichkeit bietet, irgend eine Darstellung derselben sich in 
Form einer Chorea, eines Tanzreigens, zu denken. Offenbar müsste 
derselbe Grund die Möglichkeit ausschliessen, jene Chorea auf die 
Danse macabre zu deuten, um so mehr, als diese weder die geringste 
Aehnlichkeit mit der Legende von den Makkabäern noch überhaupt 
einen einzigen Bezug auf diese bietet. Darf sich doch keine Etymologie 
ausschliesslich auf die sprachliche Form stützen, es muss 
das sachliche Moment der gleichen Bedeutung oder die Möglichkeit 
des Bedeutungsüberganges berücksichtigt werden. Um dieser Forde- 
rung gerecht zu werden, hat man zur Stütze jener Etymologie zu 
einer höchst künstlichen Hypothese gegriffen. 'Es scheint', sagt 
W. Wackemagel, 'dass die in der Legende so genannten Makkabäer, 
d. h. die sieben Brüder sammt der Mutter und Eleasar, die unter 
Antiochus Epiphanes den Märtyrertod gelitten (2.Makkab. cap. 6 und 7), 
eine Rolle in ihnen (den Totentänzen) und eine vorzügliche Rolle 
gespielt haben, falls man nicht bloss die Auffühnmg zuerst an deren 
Fest verlegte : nur so oder so erklärt sich der in Frankreich altübliche 
Name la danse Macabre, Chorea MachabworumJ Keine dieser beiden 
Veimutungen erscheint haltbar, und mit ihnen muss auch die Etymologie 
fallen, die sich auf sie stützt. Wenn die Legende von den Makka- 
bäern in der ursprünglichen Fassung des Totentanzes eine vorzügliche 
Rolle gespielt hätte, so würden Spulten davon in dem aus jener ursprüng- 
lichen Fassung hervorgegangenen Totentanze in Lübeck oder in der 
altspanischen Danza general zu finden sein. Was ferner die ver- 
muteten Auftühnmgen am Makkabäertage, also am ersten August, 
betrifft, so haben wir von keiner einzigen Aufführung an diesem Tage 
Kunde, wohl aber ist überliefert, dass jene Chorea Machabteorum in 

') Ausserdem wird mackabee noch als Spitzname der Juden und in Yalognes 
(Dep. Manche) der Obsthökerinnen gebraucht. Le Hericher, Etymologies difficiles. 
Avranches 188G, S. 109, 



27 

Besan<,*ün am 10. Juli, dem Tage der unschuldigen Kindleiii, statt- 
gefunden hat. Uebrigens verliert die Vermutung einer festlichen Feier 
des Makkabäertages an Boden, weil von den Hunderten von Klöstern, 
Kirchen und Kapellen im alten Paris, trotzdem doch gerade in dieser 
Stadt die Bezeichnung Danse macabre Geltung hatte, kein einziges 
Kloster, keine einzige Kapelle den Makkabäern gewidmet war.^) 

Auch jene ältesten Belege des Wortes Macabre wollen nicht 
recht zu der Et}Tnologie stimmen. Ausnahmslos bieten sie den Sin- 
gular, während man doch, wenn macabre eine Vulgärform für Machabee 
wäre, im ßespit de mort statt Je fis de macahree la dance den Plural 
Je fis des Macabrees la dance erwarten sollte. Den Vers La dance 
macabre s'appeüe müsste man 'Der Tanz heisst Makkabäer' übersetzen. 
Wie wenig bedeutungsvoll ist dieser Ausdruck im Vergleich zu der 
durch die andere Etymologie gebotenen Erklärung: 'Der Tanz, den 
jeder erlernen muss, heisst Sterben (eigentlich Tod oder Grab)!' 

Man wird, um die alte Bedeutung zu gewinnen, von der S. 25 
gegebenen Zusammenstellung der Belege ausgehen müssen. Daraus 
ergiebt sich, dass in Paris bis Ende des Mittelalters ausnahmslos die 
Form macabre lautet, im 17. Jahrhundert erscheint neben macabre in 
gleicher Bedeutung macabee als Nebenform, die letztere Form allein 
lebt weiter im Argot. Entweder muss machabee in alter Zeit dui'ch 
fehlerhafte Aussprache zu macabre entstellt oder ursprüngliches macabre 
volksetymologisch zu machabee umgedeutet sein. Die Annahme 
einer solchen Volksetjinologie ist an sich ohne Bedenken. Macabre 
ist ein absonderliches, schon im 15. Jahrhundert nicht allgemein ver- 
ständliches Wort. Man deutete es um zu machabee^ das durch die 
Legende von den Makkabäern volkstümlicher war, wie man himdert 
andere unverständlich gewordene Worte volksetymologisch mit bekann- 
teren Worten ganz anderer Etymologie zusammenbrachte.^) 

Wenn einerseits in späterer Zeit und in der Provinz (wie in dem 
Berichte über die Chorea Machabseorum in Besangon) macabre leicht 
zu machabee umgedeutet werden konnte, so liegt die Sache gerade 
umgekehrt, wenn man macabre für eine vulgäre Entstellung von 
Machabie hält. Es erscheint nicht wahrscheinlich, dass der Kleriker, 
welcher die Danse macabre verfasst hat, und der gelehrte Jehan le Fevre, 
sowie alle alten Berichterstatter an Stelle der richtigen Form machabee^ 
die ihnen bekannt und geläufig gewesen sein muss, eine vulgäre Ent- 
stellung derselben gebraucht haben. Um so weniger ist das anzu- 
nehmen, als diese vorausgesetzte Vulgärform überhaupt bei gelehrten 
Schreibern des 14. und 15. Jahrhunderts gar nicht nachzuweisen scheint.') 

*) Vgl. Bordier, Les eglises et monast^res de Paris. Paris 1856. 

') So wurde persisch fa-z 'Feldherr (Königin im Schachspiel)', altfrz. fierce, 
fierche, fierge, neufrz. als vierge umgedeutet und zur dame oder reine gemacht, und 
dementsprechend lat. als virgo, domina, regina bezeichnet. Vgl.* Andres en, 
Volksetymologie. 5. Aufl. S. 40. 

'} Wenigstens finde ich in den von mir nachgeschlagenen lexikalischen und 
grammatischen Werken nur einen einzigen und dainim zweifelhaften Beleg und 
zwar aus einer profanen Handschrift des 13. Jahrhunderts, vgl. Perceval le 
Gallois p. p. Potvin, v. 34624 Jiulas MacabrL 



28 

Ja, sie musö ilmeii als Nebenform von machabee geradezu unbekannt 
und unverständlich gewesen sein. Als Beweis iässt sich die Ueber- 
schrift einer Pariser Handschrift (F. 25550) des 15. Jahrhunderts 
Dtctamina choree macabre anführen. Wäre macahre gleich machabee^ 
so hätte der Schreiber entweder choree machabee (= machabteae) über- 
setzt oder doch macabree fleetirt. 

Man wird aus diesen (iründen trotz der theoretischen Möglichkeit 
des sprachlichen Uebergangs nicht annehmen dürfen, dass macabre 
aus machabee entstanden sei, sondern der anderen Etymologie zuneigen, 
wonach macabre gleich dem spanischen macabes dem Arabischen der 
spanischen Mauern entlehnt ist und ursprünglich 'Grab' oder 'Kirchhof 
bedeutet hat. Angesichts des Totentanzgemiildes in Paris, an welchem 
das Wort haftete und durch welches es sich gerade in Paris erhielt, 
vollzog sich dann der Bedeutungsübergang zu 'der Tod', den Oudin's 
Curiositez 1()40 belegen, und schliesslich im späteren Argot zu 'der 
Tote' oder 'Leichnam'.*) 

Man könnte gegen die Herleitung von einem maurisch-spanischen 
Worte einwenden, dass die französischen Lehnworte orientalischer 
Abstammung gewöhnlich Produkte und Dinge betreffen, die dem Orient 
entstammen, also bei denen mit der Sache der Name übernommen sei. 
Allerdings liegt bei macabre der Fall anders. Hier erklärt sich die 
Möglichkeit der Uebernahme aus einer geschichtlichen Thatsache. 
Unter der Führung des berühmten Bertrand du Guescliu hatten sich 
1366 einige Tausend französischer und englischer Söldner nach 
Spanien begeben und waren hier mehrere Jahre gel)lieben, um den 
Grafen Heinrich von Transtamare in seinen Kämpfen gegen Pedro den 
Grausamen imd die ihm verbündeten Mauren zu unterstützen. Man 
wird annehmen dürfen, dass durch diese im Jahre 1870 nach Frank- 
reich zurückgekehrten Massen das Wort macabre nach Paris gebi*acht 
ist, wo das Wort bereits 1376 nachweisbar ist. Ob jene Söldner 
ausser dem Worte auch die älteste Form des Totentanzes, die mimische 
Darstellung desselben, eine maurisch-spanische tone-d-mdkabiri, in 
Spanien kennen gelenit und nach Frankreich übertragen haben können, 
wage ich nicht auszumachen. Für die Entscheidung dieser Frage fehlt 
es noch an Vorarbeiten. 

Der Verfasser der Danse ma4^abre. Mitten unter Schriften, 
deren Verfasser Johannes Gerson ist, sollen zwei Handschriften die 
Danse macabre bieten. Ob die aus diesem und einem andern Grunde 
von P. Lacroix^) gezogene Folgerung, Gerson habe auch die Danse 
macabre verfasst, richtig sei, wird nur mit Hilfe von Untersuchungen, 
die mir nicht möglich sind, entschieden werden können. Dagegen 
Iässt sich vielleicht geltend machen, dass (Jerson seit 1415 fern von 
Paris gelebt hat und sich in seinen Briefen keine Erwähnung der 

') Auch nd. heisst es ursprim^lich Dodesdans, später Dodendans. 
') Bibliophile ülustr^ T. 1 (15 mai) London 1862, doch kenne ich den 
ritirten Aufsatz nur aus dem Hinweise bei Dufonr, Dance macabre. Paris 1874, S. 87, 



29 

Danse macabre findet. Anderseits scheint die Subscription von Car- 
bonells spanischer (eatalonischer) Uebersetzung einen neuen Hinweis 
zu bieten, dass nach der Tradition des 15. Jahrhunderts Gerson an 
der Abfassung der Danse macabre beteiligt war. Jene leider confuse 
Subscription lautet Aquesta Danga de la Mort ha compost un sand 
home dodor e canceüer de Paris en lengua francesa appeüat Joannes 
Climachus sive Climages a pregaries (d. h. 'auf Bitten') de alguns devots 
religiöses francesos. Die Worte Dodor e canceller de Paris Joannes 
können nur auf Johannes Gerson bezogen werden, während der dann 
folgende Name offenbar Gersons Freund Nicolaus de Clemangis meint, 
der 1425 im Collegium Narbonense in Paris Eloquenz und Theologie 
vortrug, aber w^eder Doctor noch Kanzler der Universität gewesen ist. 
Seine Lebensbeschreibung und seine Briefe scheinen zur Lösung der 
Frage, ob er in Gemeinschaft mit Gerson den Text der Danse macabre 
bearbeitet habe. Nichts zu ergeben.^) 



Die alten süddeutschen Totentänze. 

Vierzeilige Totentänze, Von allen Totentänzen Süddeutsch- 
lands war der älteste und der beiühmteste der Basler. Er ist zweimal 
vorhanden gewesen, an der Kirchhofsmauer des Predigerklosters in 
Grossbasel und im Kloster Klingenthal in Kleinbasel. Beide waren 
ursprünglich in Bezug auf Zeichnung und Text einander gleich und 
sind ohne Zweifel von demselben Maler hergestellt. Verschiedenheiten 
zwischen ihnen sind erst später durch die Veränderungen entstanden, 
welche bei den Erneuerungen der alten Bilder vorgenommen wurden. 
Sie sind bald nach dem Jahre 1437 gemalt, doch w^eiss man das Ent- 
stehungsjahr nicht genau anzugeben. Man hat an 1439 gedacht, weil 
dieses ein Pestjahr war, ältere Schriftsteller gaben 1441 an, ohne 
jedoch Gründe hierfür anzuführen. Wichtiger als die Jahreszahl muss 
der Umstand erscheinen, dass die Entstehung in die Zeit des von 1431 
bis 1448 in Basel zusammengetretenen Concils fällt. Der Teil des 
Klingenthals, welcher den Klein-Basler Totentanz enthielt, war 1437 
erbaut worden. Es muss fast mehr als wahrscheinlich erscheinen, 
dass die Leiter des Kirchenbaues mit auswäiligen Prälaten, die zum 
Concil gekommen waren, über ihren Neubau gelegentlich ins Gespräch 
gekommen sind, und dass einer der fremden Geistlichen die Anregung 
gab, nach dem Muster eines ihm bekannten Totentanzes auch im 
Klingenthal und im Predigerkloster einen solchen zu malen. Jedesfalls 
ist es Thatsache, dass bald nach 1437 ein vom Niederrhein gebürtiger 
Maler beauftragt wurde, nach einem auswärtigen von ihm besichtigten 



^) Vgl. J. Launoy, Academia Parisiensis. Parisiis 1682, S. 558 ff.; A. Müntz, 
Nicolas de Cl^menges. Th^se. Strassbourg 1846; Nicolai de Clemangiis Opera 
ed. J. Lydius. Lugdoni Bat. 1618. 



30 

oder ihm nur beschriebenen Vorbilde einen Totentanz in Basel zu 
malen. Sein Vorbild ist vielleicht die Dance macabre der Sainte- 
Chapelle in Dijon gewesen. Sicher war es ein französischer Toten- 
tanz und zwar in einer anderen Fassung, als die Pariser Danse macabre 
bot. Er muss nämlich mit der alten Danse macabre des 14. Jahr- 
hunderts identisch oder aus dieser unmittelbar umgestaltet gewesen sein. 

Aus den erhaltenen Copien lässt sich erkennen, dass der Maler 
recht grobe Verstösse gegen die Richtigkeit der Zeichnung begangen 
hat. Nichtsdestoweniger sicherten seinen Werken deren Idee und 
Grossartigkeit ihre volle Wirkung. Sie sind später von Einfluss gewesen 
auf die Entstehung von Holbeins berühmten Totentanzbildern und 
waren schon vorher das Muster, nach welchem andere süddeutsche 
Städte ihre Totentänze malen Hessen. Ferner geht auf sie die Ent- 
stehung eines Werkes der Holzschneidekunst aus der Mitte des 15. Jahr- 
hundert zurück, welches einen gegen das Basler Vorbild mit 38 Tanz- 
paaren um 14 Gruppen verkürzten Totentanz bietet. 

Die grob geschnittenen Figuren ahmen die Basler nur nach, ohne 
eine Copie zu bieten ^), während der Text, der später auch handschrift- 
liche Verbreitung und monumentale Verwendung fand, von unwesent- 
lichen Veränderungen der Lesart abgesehen, treu wiederholt ist. 

Die vorstehenden Angaben über das Verhältnis des Basler Toten- 
tanzes zu seinem Vorbilde und den vierzeiligen Totentänzen mit nur 
24 Tanzgnippen sind zum Teil neu, zum Teil den bisher geltenden 
Ansichten widersprechend. Sie bedürfen also der Begründung. 

Der Text beginnt 

diser werlt wisheü kM 
Diese Worte entsprechen dem Sinne nach vollständig den Anfangs- 
worten der alten wie jüngeren Danse macabre und des alten nieder- 
ländischen in niederdeutscher Bearbeitung erhaltenen Totentanzes 
(Siehe oben S. 23). Dort lauten sie creature raysonahle, hier Och 
redelike creature. Der niederdeutsche bezw. niederländische Ausdruck 
wäre von einem Süddeutschen mit redeliche creatitire wieder zu geben 
gewesen. Wenn er statt dessen mit einer so ungelenken Konstruktion, 
wie sein Text bietet, diesen beginnt, so ist das ein Beweis, dass ihm 
der niederländische Totentanz unbekannt war und er auf eigene Hand 
eine Uebersetzung der französischen Worte creature raysonable 
versucht hat. 

Dass die Basler Totentänze zum Vorbilde nicht die Danse macabre 
vom Jahre 1425, sondern — mittelbar oder unmittelbar — die alte 
Danse macabre des 14. Jjihrhunderts gehabt haben, ist zu folgern, 
weil sie in der Auswahl der Personen und sogar an einer Stelle im 
Wortlaute mit dem Lübecker Totentanze von 1463 grosse Ueberein- 

*) Ein Beispiel ziemlich treuer Copie bieten die Figuren der Könige. Dass 
der Holzschneider nur freie Nachahmungen, kerne Copien bietet, mag sich auch 
daraus erklären, dass er nicht angesichts des Originals, sondern aus dem Gedächtnis 
in seiner Werkstatt seine Holzschnitte herstellte. 



31 

Stimmung zeigen. Im Lübecker Texte lauten nämlich die Worte des 

Kindes 

doet, wo schal ik dat vorstau, 

Ik schal dansen unde kan nicht gan? 

Diesen Worten entsprechen, wie schon Massmann hervorgehoben 
hat, der darum mit Wackernagel den Lübecker Text aus dem Basler 
ableiten wollte, in diesem die Verse 

Wie wiltu mich also Verlan? 

Muoz ich tanzen und en kan nicht gan. 

In Bezug auf die Personen ist zu bemerken, dass, abweichend 
von der Danse macabre von 1425, Lübeck und Basel den Prediger, 
die Kaiserin und Jungfrau gemeinsam haben. Man wird derartige 
Uebereinstimmungen in den Personen allerdings nur bei den ältesten 
Totentänzen mit heranziehen dürfen. Bei späteren Totentänzen haben 
Uebereinstimmungen in den Personen nur sehr bedingte Beweiskraft 
für die Bestimmung des Verwandtschaftsverhältnisses, denn, nachdem 
die Totentänze erst zahlreicher geworden waren, konnte jeder spätere 
leicht von mehr als einem Vorbilde Anregungen empfangen. 

Die in den Totentänzen erscheinenden Personen werden auch 
für den Beweis herangezogen werden dürfen, dass nicht die Texte mit 
24 Personen, wie man bisher annahm, die ältere Fassung bieten, 
sondern dass gerade umgekehrt jene Texte erst durch Kürziuig der 
in Basel vorliegenden Fassung erst entstanden sind. In jenen Texten 
mit 24 Pei"sonen fehlen nämlich der Jüngling, Jungfrau, Wucherer 
und Pfeifer, also Personen, die wie der alte Lübecker Text in Ueber- 
einstimmung mit der Danse macabre zeigt, bereits dem Vorbilde des 
Basler Totentanzes angehört haben. 

Dass die Danse macabre der Sainte Chapelle in Dijon, die 1436 
hergestellt war, das Vorbild für die c. 1437 — 41 gemalten Basler 
Totentänze war, lässt sich nur vermuten, nicht beweisen. Die Ver- 
mutung stützt sich darauf, dass zu jener Zeit noch nicht sehr viele 
Totentänze vorhanden waren und Dijon die Basel am nächsten gelegene 
französische Stadt ist, wo sich ein solcher bereits seit dem Jahre 1430 
fand. Auch früher schon hatten die Basler Dijoner Malereien copiren 
lassen. Es ist nämlich überliefert, dass der Rat von Basel im Jahre 
1418 dem Meister Hans Tieffenthal von Schlettstadt die Ausmalung 
der Kapelle des elenden Kreuzes um 300 Gulden übertrug und ihm 
dabei genau vorschrieb, was er malen soll, indem ihm als Muster eine 
Kapelle in Dijon genannt wurde.^) 

AehtzeUiger Totentanz. Der Text des alten achtzeiligen 
'Totentanzes mit Figuren' ist eine Nachbildung der Danse macabre 
vom Jahre 1425. Während er mit keinem deutschen Texte an irgend 
einer Stelle im Wortlaute zusammentrifft, stimmt er, wie schon Massmann 
bemerkt hat, mehrmals mit der Danse macabre überein, z. B. beim Kinde. 



'} Bahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. (1876.) S. 648. 



$2 

Doteudantz. 

A a a, ich kan noch nyt sprechen. 
Hude geboren hude muss ich ufFl>recbcn. 

Danse macabre. 

A a a, je ne scay parier, 
Enfant suis, j'ay la langue mu. 
Hier naquis, huy m^en fault aller. 

Ferner bietet der achtzeilige Totentanz zu Anfang zwei Strophen, 
welche einem Toten zugeschrieben sind. Kin entsprechendes Stück 
findet sich nicht in dem vierzeiligen Totentanze, wohl aber am Ende 
der Danse macabre, wo un roy mort in zwei Strophen den Beschauer 
des Gemäldes mahnt, sich an ihm eine Lehre zu nehmen. 

Im Gegensatze zum Texte, dessen Verfasser die Danse macaJ)re 
(vielleicht in einer Handschrift mit blossem Texte) benutzte, ist fiir 
die zugehörigen Figuren ein Totentanz das Vorbild gewesen, der dem 
Basler nahe verwandt war. Die allgemeine Aehnlichkeit zwischen 
den Basler Figuren und den Holzschnitten ist erkennbar, ohne dass 
sie durch treu wiederholte Einzelheiten sich leicht erweisen lässt. Der 
allgemeine Charakter der Totentanzgruppen ist derselbe, im Einzelnen 
ist auf das Beinhaus zu Anfang und den Prediger zu Schluss zu ver- 
weisen. Dem Vorbilde ist ferner die Anregung entnommen, den Todes- 
gestalten — die in den übrigen Totentänzen lieber mit einer Waffe 
oder der Sichel erscheinen — Musikinstrumente in die Hand zu geben. 
Im Baseler Totentanze war das nur einigemal geschehen, in den Holz- 
schnitten des achtzeiligen Textes trägt der Tod nur beim Kinde ein 
Spielzeug, sonst hat er in jeder Tanzgruppe ein Musikinstrument 
und zwar möglichst immer ein verschiedenes. Eigentümlich ist den 
Holzschnitten die bewusste burleske Komik. Man hat in den Toten- 
tänzen Ironie und Humor finden wollen. Wie ich glaube, mit Unrecht, 
was die älteren Totentänze betrifft. In diesen herrscht nur eintöniger 
frommer Ernst, auch dem Tanzmotiv lag nur ernste, allegorische 
Bedeutung zu Grunde. Die Holzschnitte des achtzeiligen Totentanzes 
dagegen sollen augenscheinlich durch komische Züge wirken, wenn 
z. B. eine Figur, sich gegen den Tod wehrend, diesem in den Haar- 
schopf greift, oder eine andere ihn mit der Faust am Halse würgt 
und zugleich einen kräftigen Fusstritt vor den Bauch versetzt. 

I>ichtung8gattunff. In Bezug auf den Charakter der Toten- 
tanztexte stehen sich die Ansichten der Litteraturhistoriker schroff 
gegenüber. Die Totentänze des Mittelalters, sagt Godeke (Grundriss 1* 
S. 322) gingen aus Bildern hervor und wurden durch Reime erläutert. 
Andere, wie Gervinus und Scherer, zählen die Totentänze dagegen der 
dramatischen Gattung zu. Es handelt sich bei ihnen um die hoch- 
deutschen Totentänze. In Bezug auf diese muss mit aller Entschiedenheit 
der dramatische Charakter in Abrede gestellt und Gödeke beigepflichtet 
werden. 

Die Ansicht, dass die hochdeutschen Totentanztexte ursprünglich 



88 

Schauspiele gewesen sind, rührt von W. Wackernagel ^) her, und ohne 
dass jemand ihre Gründe näher prüfte oder neue Stützen dafür bei- 
brachte, ist sie mit Ausnahme Gödekes von den Litteraturhistorikern 
auf guten Glauben übernommen worden. Die Nachricht von Auf- 
fiihi-ungen des Totentanzes in Frankreich musste freilich die Frage 
nahelegen, ob nicht etwa auch die deutschen Totentänze als Dramen 
gedichtet und aufgeführt seien. Wackernagel bejahte diese Frage 
ohne Rücksicht auf alle Gründe, welche dagegen sich aus den Toten- 
tänzen selbst beibringen Hessen, und ohne zu beachten, dass eine 
Autfuhining des Totentanzes in Deutschland um 1500 zwar denkbar, 
ziemlich hundert oder, da Wackernagel noch an das Entstehungsjahr 
1312 für den Klingenthaler Totentanz glaubt, gar zweihundert Jahr 
früher ohne jede Wahrscheinlichkeit wäre. Wackernagel stützt sich 
allein auf die angeblich dramatische Form. "Wo und wann dieses 
deutsche Drama zur öffentlichen Aufführung gekommen, wird zwar 
nirgend berichtet, von ihm so wenig als es bei andern zu geschehen 
pflegt: doch ist, dass solche stattgefunden habe, auch von ihm un- 
zweifelhaft: dem Mittelalter war die Unnatur noch fremd, dergleichen 
bloss zu schreiben und zu lesen, nicht aber zu spielen." Es ist nicht 
einmal wahr, dass die dramatische Form im Mittelalter in jedem Falle 
die scenische Aufführung zur Absicht gehabt habe, er braucht nur an 
die Dramen der Hrotsuith, an das Spiegelbuch*) u. a. erinnert zu 
werden. Ganz falsch wäre es aber, von jeder die Form des Dialoges 
bietenden alten Dichtung zu behaupten, dass sie für die dramatische 
Daretellung verfasst sei. Es scheint nicht einmal nötig, Beispiele 
hierfür anzuführen. 

Gegen den dramatischen Zweck sprechen folgende Gründe. Die 
Texte selbst enthalten Hinweise, dass sie zu Gemälden gehören. Vers 
•25. 2(i des alten vierzeiligen Textes heisst es: 

Als des gemseldes figiu*en 

Sint hie ein ebenbilt ze truren. 

Aehnlich heisst es in dem achtzeiligen Totentanze v. 17 f. 
Merkent nu und sehent an disse figure, 
War tzu kommet des mentschen nature. 

Zweitens. Es ist trotz des massenhaften urkundlichen Materiales, 
welches aus dem Mittelalter jetzt gedinickt oder ausgezogen vorliegt, 
keine einzige Stelle bekanntworden, welche irgend eine dramatische 
Aufführung eines Totentanztextes in Deutschland bezeugt. Drittens. 
Zu Anfang des 15. Jahrhunderts, also in der Zeit, wo die ältesten 
deutschen Totentanztexte verfasst sind, wurden, abgesehen von der 
nur auf Oster- u. dergl. Spiele beschränkten Mysterienbühne, überhaupt 
keine dramatischen Spiele in Deutschland agirt, welche soviele Rollen 
erforderten, als die Totentänze geboten hätten. Ausser den Mysterien 
kannte man damals überhaupt nur das Fastnachtspiel und den Fast- 
nachtsaufzug. 

>). Zeitschrift für deutsckes Alterthum 9 S. 313 ff., kl. Sehr. 1 S. 317. 
») Hrsg. von Rieger, Germania 16 (1871) S. 173 ff. 

KUdflxdeutsohofl Jahrbuch XVU. 3 



u 



Die Lübecker Totentänze von 1489 und 1820. 

Der Lübecker Totentanz von 14G3 ist ein grosses Wandgemälde. 
Davon zu unterscheiden sind zwei Totentänze, welche in Lübecker 
Drucken von 1489 (neue Ausgabe 1496) und 1520 vorliegen. Der von 
1489 enthält einen umfangreichen Text, nicht weniger als 1686 Verse, 
der von 1520 bietet nur 424 Verse. Beide stimmen stellenweise unter 
sich wörtlich überein und beide bieten Stellen, die auf Benutzung des 
Totentanzes von 1463 deuten. Der Totentanz von 1520 kann, nach 
Umfang und Form zu urteilen, wohl die gedruckte Copie eines monu- 
mentalen Totentanzes darstellen. Der von 1489 ist, wie sein Verfasser 
Vers 1681 hinreichend deutlich ausspricht, für die Buchfonn und den 
Druck von vornherein bestimmt gewesen und muss 1489 oder kurz 
vorher verfasst sein. 

Die allgemeine Ansicht über das Verhältnis der Totentänze von 
1489 und 1520 ist, der letztere sei ein Auszug aus dem älteren v. J. 1489. 

In Wirklichkeit verhält sich die Sache ungefähr umgekehrt. Es 
wird sich beweisen lassen, dass der Totentanz von 1520 durch den 
Verfasser des Textes v. J. 1489 benutzt ist. Der Dichter des letzteren 
kann selbstverständlich nicht den uns erhaltenen Diiick von 1520 in 
Händen gehabt haben, sondern muss seine Kenntnis des Textes aus 
einer Handschrift des 15. Jahrhunderts oder einem unbekannten alten 
Druck geschöpft haben. 

Der Beweis für die von mir eben ausgesprochene Behauptung, 
dass der Totentanztext v. J. 1520 älter als der von 1489 und in diesem 
benutzt sei, lässt sich am kürzesten mit Hilfe des 'Zwiegespräches 
zwischen dem Leben und dem Tode' führen. Dasselbe ist i. J. 1484 
in Lübeck gedruckt und in die 'mittelniederdeutschen Fastnachtspiele' 
aufgenommen worden.^) Unangemerkt ist geblieben, dass es mehrere 
wörtliche Uebereinstimmungen mit den beiden Totentänzen bietet. 

Zwiegespräch. ▼. 61 — 64. 
God sprack mit synem billigen munde: 

Waket unde bedet to alier stunde, Zwiegespräcb. v. 29 f. 

De dod sendet ju neynnen breflF, ^^^^^^ jj^ ^yl ^^ ^^^1^ ^n^e„ spreken, 

Mer be kummet shkende alse eyn deff. j^^ ^^ ^y ^y^ j^^^e tbobreken. 

Dodesdanz 1489. v. 143 f. Dodesdanz 1489. v. 1609 f. 

Hirumme waket, wente de dot sendet hj, ^^ ^^^^^ ^^^^^^^ ^^^^g, spreken, 

„ , ,., -P ^^^^^ *^f®*> Einem isliken wil ik sin berte tobreken. 

He kumt sliken recbt so em def. -^ , , ^ ^-^^ 

T^ j j tnc%i\ Dodendantz 1620. 

Dodendantz 1520. ^^^ j^ ^ü ^ ^„^g„ ^ sprecken : 

God sprickt niit synem hilgen munde: goltb an, ik wil dyn berte to breken. 
Waket unde bedet to alier stunde. 
De dot sendet juw neuen bref. 
He kumpt slyken recht so eyn deff. 



^) Mittelniederdeutsche Fastnacbtspiele, hrsg. von W. Seelmann. Norden 1885. 
S. 45 ff. Vgl. Vorrede S. 33 ff. 



Aus der Vergleichung dieser Stellen aus den drei angeführten 
Werken ergiebt sich, dass der Wortlaut des Zwiegespräches im Totentänze 
von 1489 abgekürzt, in dem von 1520 vollständig wiederholt ist. 
Unmöglich kann also der Totentanz von 1520 ein blosser Auszug des 
Totentanzes von 1489 sein, wie Mantels und Baethcke angenommen 
haben. Da sich femer für die Annahme, dass beide Totentänze 
unabhängig von einander dieselbe Quelle benutzt haben, keine Gründe 
beibringen lassen, so können nur folgende Möglichkeiten in Betracht 
kommen. Entweder ist das Zwiegespräch, das in einem Drucke von 
1484 vorliegt, die Quelle, aus ihr hat der Verfasser des 1520 gedruckten 
Totentanzes geschöpft und diesen wieder der Dichter des Totentanzes 
von 1489 benutzt; oder dem Totentanz von 1520 sind von den Dichtern 
der beiden andern Werke unabhängig von einander jene Stellen entlehnt. 
Mag man sich für jene oder diese Annahme entscheiden, in jedem 
Falle ergiebt sich die Schlussfolgeinmg, dass der Text des Totentanzes 
von 1520 bereits dem Dichter des Textes v. J. 1489 vorgelegen hat, 
also älter als dieser ist. 

Zu demselben Ergebnis gelangt man durch folgende Erwägungen. 
Der Verfasser des Totentanzes von 1489 hat, wie von seinem Heraus- 
geber dargelegt ist, Gedanken und Worte vielfach aus älteren in Lübeck 
gedruckten Werken entlehnt. W^enn nun wirklich der Totentanz von 
1520 ein Auszug aus dem von 1489 wäre, würde doch anzunehmen 
sein, dass auch eine oder die andere jener Entlehnungen mit über- 
nommen wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. 

Der Verfasser des Totentanzes von 1489 hat also sowohl den 
alten Text von 1463 als auch das i. J. 1520 gedruckte Gedicht benutzt. 
Jenen muss er in der Marienkirche in Lübeck gesehen haben. Er 
folgte diesem Vorbilde, indem er erst den Menschen, dann antwortend 
den Tod sprechen lässt, er entnahm ihm die Reihenfolge der zuerst 
auftretenden Stände und hin und wieder einen Gedanken. Den anderen 
ims in einem Druck von 1520 erhaltenen Totentanz hat er in einer 
Handschrift oder in einem alten verschollenen Diiick bequem zu Hause 
benutzen können. Dieser Text muss ihm, als er seinen Totentanz heft 
gedieht unde taten setten, wie er sich Vers 1681 ausdrückt, stets zu 
Händen und vor den Augen gewesen sein, denn er hat ihn an sehr 
vielen Stellen wörtlich ausgeschrieben und nicht minder häufig, was 
er kurz sagte, breiter ausgeführt. 

In Bezug auf die Personenfolge lässt die nachstehende Uebersicht 
sein Verhältnis zu beiden Texten erkennen. 





L 




III. 




n. 




1463 




1489 




1520 


1. 


Papst fs. III, 1) 


1. 


Papst (s, II, 1) 


1. 


Papst 


2. 


Kaiser (s. III, 2) 


2. 


Kaiser (s. II, 4) 


2. 


Cardinal 


3. 


KaiBerin (s. III, 3) 


3. 


Kaiserin (s, II, 5) 


3. 


Bischof 


4. 


Cardinal (s, III, 4) 


4. 


Cardinal (s. II, 2) 


4. 


Kaiser 
3* 



36 
L m. n. 

1463 14S9 1520 

5. König (s. III 5) 5. König (s, II, 6) 5. Kaiserin 

6. Bischof (8, III, 6) 6. Bischof {s. II, 3) 6. König 

7. Herzog (s, III, 7) 7. Herzog (s. II, 7) 7. Herzog 

8. Abt (8. ni, 8) 8. Abt (s. II, 8) 8. Abt 

9. Ritter (8, III, .9. ILJ 9. Ordensritter (s. II, .9) 9. Kreuzherr 

10. Kartänser-Mönch (III, 10) 10. Mönch (s. ZZ, 13) 10. Arzt 

11. Edelmann (8. III, 11) 11. Ritter (s. 77, 74) 11. Domherr 

12. Domherr (s. III, 12) 12. Domherr {s. II, IT) 12. Pfarrherr 

13. Bürgermeister (8, III, 13) 13. Bürgermeister (s. 77, 17) 13. Mönch 

14. Arzt (8. III, 14) 14. Arzt {s. II, 10) 14. Ritter 

15. Wucherer 15. Junker (s. 77, 20. I, 22) 15. Official 

16. Capellan 16. Klausner (s. 77, 16. I, 20) 16. Klausner 

17. Kaufmann/:?. 77, 7.9. 777, 75; 17. Bürger {s. II, 22) 17. Bürgermeister 

18. Küster 18. Student (s. 77, 26) 18. Nonne 

19. kmimaim (8,11,25.111,21) 19. Kaufmann (s. 77, 7.9. 7, 77) 19. Kaufmann 

20. KUnsner (8. II, 16. 111,16) 20. Nonne (s. II, 18) 20. Junker 

21. Bauer (8. II, 27. III, 23) 21. Amtmann (.9. 77, 25. 1,19) 21. Jungfrau 

22. Jüngling 22. Werkmeister der Kirche 22. Bürger 

23. JvLngfrm(8.II,21.in,26) 23. Bauer (s. 77, 27. I, 21) 23. Begine 

24. Kind 24. Begine {s. II, 23) 24. Narr 

25. — 25. Hofreuter (.9. 77, 28) 25. Amtmann 

26. — 26. Jungfrau (s. 77, 21. I, 23) 26. Student 

27. — 27. Amtsknecht (ä. 77, 29) 27. Bauer 

28. — 28. Amme mit Kind («. 77, 30) 28. Reiter 

29. — — 29. Amtsgesell 

30. — — 30. Amme mit Kind. 

Von den 28 Ständen, welche der Totentanz von 1489 bietet, 
sind also die ersten vierzehn genau dieselben wie die ersten vierzehn 
im Totentanze der Marienkirche in Lübeck. Denn wenn an elfter 
Stelle der Edelmann des älteren Textes als weltlicher Ritter erscheint, 
so bedingt diese Abweichung keinen Unterschied des Standes. Vom 
Junker ab sind dagegen seine Personen mit der einzigen Ausnahme 
des Werkmeisters dem sechszeiligen Totentanze entnommen, doch hat 
er als Ordnungsprincip die Abwechslung geistlicher und weltlicher 
Personen möglichst festgehalten. 

Zieht man die Holzschnitte, welche sich in den Drucken von 
1489 und 1520 finden, in die Untersuchung, so scheint es eine sehr 
einfache und überraschende Ursache zu sein, warum der Verfasser des 
Totentanzes von 1489 in der Reihenfolge der Personen sich bis zur 
14. Figur dem Totentanze in der Marienkirche angeschlossen, dann 
aber die Reihenfolge seines Vorbildes unbeachtet gelassen hat. 

Die Holzschnitte, welche sich in den Totentänzen von 1489 (und 
1496) wie 1520 (und seiner dänischen Uebersetzung) finden, sind 
nämlich von denselben Holzstöcken abgezogen.*) Es unterliegt 
keinem Zweifel, dass dieselben Holzstöcke auch bereits zu jenem ver- 
schollenen Drucke benutzt sind, welcher die erste Ausgabe des Toten- 

*) Vgl. die Litteratur-Uebersicht unter Dänemark. 



37 

tauzes von 1520 bot und der dem Verfasser des Textes von 1489 
vorgelegen hat. Letzterer hat nun die Personen seines Todestanzes 
mit Rücksicht auf die Holzstöcke des von ihm benutzten Totentanzes 
von 1520 ausgewählt. 

Er ist in seiner Anordnung dem Totentanze der Marienkirche 
bis zum Arzte gefolgt, weil er für diesen und alle vorhergegangenen 
Stände sich der Holzstöcke des Totentanzes von 1520 bedienen konnte. 
Auf den Arzt folgten in der Marienkirche Wucherer und Capellan. 
Für diese bot seine gedruckte Vorlage keine Holzstöcke. Er musste 
deshalb diese aus seiner Reihe auslassen. Dasselbe war der Fall mit 
dem Küster und Jüngling. An Stelle der fortfallenden setzte er Figuren 
seiner gedruckten Vorlage ein, wobei er jedoch thunlichst nach dem 
Princip des Totentanzes der Marienkirche geistliche und weltliche 
abwechseln Hess. Ungelöst bleibt nur die Frage, woher er den Werk- 
meister entnommen hat. Vielleicht ergäbe sich die Antwort leicht, 
wenn man die Holzschnitte der Ausgaben, von denen je nur ein 
Exemplar (das von 1520 in Oxford) erhalten ist, nebeneinander ver- 
gleichen könnte. 

Aus den Holzschnitten ergiebt sich mit annähernder Richtigkeit 
auch das Jahr, in welchem der nur in einem Drucke von 1520 erhaltene 
Totentanz zum ersten Male gedruckt erschienen ist. Die Holzschnitte 
bieten nämlich die Strichlagen des sogen. 'Lübecker Unbekannten', 
der nach den Ergebnissen von mir früher veröffentlichter Unter- 
suchungen \) identisch mit Mattheus Brandis und zwischen d. J. 1487 
bis 1499 in Lübeck imd in Kopenhagen thätig gewesen ist. Da jener 
erste Druck bereits in dem Totentanze von 1489 benutzt ist, so ist 
er zwar vor diesem Jahre, wahrscheinlich aber nur ein oder zwei 
Jahre früher, erschienen. 



EngUsehe Totentänze. 

In englischer Sprache ist nur ein vollständiger Totentanztext aus 
dem Mittelalter erhalten. Er ist von Lydgate verfasst und bietet eine 
freie Uebersetzung der Pariser Danse macabre v. J. 1425. 

Daneben sind als Rest eines alten Totentanzes, welcher der 
Kathedrale von Salisbury angehört hat, folgende Verse erhalten: 

Alasse Dethe alasse a blesfull thyng thou were 
Yf thou woldyBt spare us yn ouwre lustynesse 
And cum to wretches that bethe of hevy chere 
Whene thay ye clepe to slake their dystresse 
Bat owte alasse thyne own sely selfwyldnesse 
Crewelly werneth me that seygh wayle and wepe 
To close there then that after ye doth clepe. 



<) See] mann, Der Lübecker Unbekannte. ^Centralblatt für Bibliothekswesen. 
Jg. 1 (1884).' S. 19—24. Vermehrt abgedruckt in den 'Mitteilungen des Vereins 
für lübeckische Geschichte 2 (1886) S. 11—19.' 



38 

Death answers: 
Grossless galante in all thy luste and pryde 
Remembyr that thou schalle onys dye 
Deth schall fro thy body thy sowie devyde 
Thou mayst him not escape certaynly 
To the dede body es cast clown thyne ye 
Beholde thayme well consydere ancl see 
For such as thay ar such shalt thou be. 

Bemerkenswert ist, dass zuerst der Mensch redet und darauf 
erst der Tod spricht. Dieselbe Folge lässt sich sonst nur in der 
spanischen Danza general de la muerte und im Lübecker Totentanze 
von 1463, also in den Totentänzen altertümlichster Gestalt nachweisen. 
Ferner zeigen die beiden erhaltenen Strophen, zu denen die Schluss- 
verse zu fehlen scheinen, dieselbe Reimbindung, wie die ersten sieben 
Verse der spanischen Danza (vgl. S. 23) 

Salishury text: a b a b b c c 

Danea de la muerte: ababbccb 
Danse macabre: ababbcbc 

Auch dieser Umstand deutet darauf, dass von dem Verfasser des 
englischen Textes die alte Danse macabre des 14. Jahrh. benutzt ist, 
nicht die jüngere v. J. 1425. Beweisen würden die leider mangelnden 
achten Verse der Strophen. Sie fehlen, sei es, dass sie als unterste 
Verse des Gemäldes unlesbar geworden waren, sei es, dass sie über- 
haupt nie vorhanden waren. Wäre der letztere Fall anzunehmen, so 
würde er sich daraus erklären, dass die in ihnen enthaltene Anrede 
an die nächstfolgende Person (vgl. S. 7 flf.) unverständlich oder ent- 
behilich schien. 

Vergleicht man die beiden Strophen in Bezug auf ihren Inhalt 
mit den aus der gemeinsamen Quelle geflossenen übrigen Totentänzen, 
so findet man im Lübecker Texte von 14G3 nur ganz allgemeine, in 
der jüngeren Danse macabre dagegen bemerkbare Aehnlichkeiten in 
dem Zwiegespräch zwischen Tod und Liebhaber. Vgl. Str. 46: 

Gentil amoreux gay et frisque, 
Qui Yous cuidez de grant valeur, 
Yous estes pris; la mort yous pique 
Le monde laires a douleur. 
Trop l'aYez ame, c'est foleur. 
De YOUS mort est peu regardee. 
Ja tost YOUS changeres coleur. 
Beaute n'est qu'image fardee. 

Also auch aus der Vergleichung mit den englischen Strophen 
ergiebt sich, was bereits S. 23 gefolgert werden konnte, dass der 
Bearbeiter der jüngeren Danse macabre aus der älteren vieles wörtlich 
herübergenommen hat. 



39 



Litteratur- 
und Denkmäler-Uebersicht. 



Die nachfolgende Uebersicht soll die monumentalen Totentänze 
bis zum 18. Jahrhundert, die übrigen sowie die Texte bis auf Holbeins 
Imagines mortis mitsammt der auf sie bezüglichen Litteratur umfassen. 
Die zahlreichen Nachdrucke der Danse macabre, der Basler Totentänze 
und der Holbeinschen Zeichnungen vollständig zu verzeichnen hat 
keinen Zweck. Dem Interesse des Bibliographen genügen die umfang- 
reichen Titelabschriften und Beschreibungen in den bereits vorhandenen 
Verzeichnissen, auf welche verwiesen werden wird. Abgesehen von 
diesem bibliographischen Detail wird die nachfolgende Zusammen- 
stellung aus zwei Gründen weit vollständiger und genauer als alle 
früheren sein können, einmal, weil der Verfasser diese benutzen und 
durch neue Nachweise vermehren kann, dann, weil er, mit Ausnahme 
weniger Fälle, meist Incunabeln, auf nichts Gedrucktes verweist, was 
er nicht selbst eingesehen hat. 

Die Schriften, welche sich vorwiegend auf ein einzelnes Denkmal 
beziehen, werden b(?i diesem verzeichnet werden. Diejenigen, welche 
die Totentänze im Allgemeinen behandeln, seien hier vorweg genannt.*) 
Am meisten haben sich um die allmälige Sammlung des Materiales 
Peignot, Douce und Langlois imd ganz besonders Fiorillo 
verdient gemacht. Letzterer ist auch deshalb noch zu erwähnen, weil 
man bei ihm die Litteratur des vergangenen Jahrhunderts angegeben 
findet. Ausserdem ist noch auf Prüf er 's Ausgabe des Berliner Toten- 
tanzes hinzuweisen, weil er eine sehr übersichtliche Tabelle der monu- 
mentalen Denkmäler bietet und zuerst einige derselben zu allgemeiner 
Kenntnis gebracht hat. 

W. Bftamker, Der Todtentanz. Studie. Frankfurt a. M. 1881. (= Frankfurter 

Broschüren N. F. II n. 6. S. 175—205.) 
F. ]>onee, The Dance of Death exhihited in elegant engravings on wood with a 

dissertation on the several representations of that snbject. London 1833. 

') Ausser den hier und bei den einzelnen Denkmälern Verzeichneten haben 
noch folgende über die Totentänze im Allgemeinen gehandelt: L. Bechstein, 
'Deutsches Kunstblatt, hrsg. von Eggers, 1 (1850) 8. 57 ff.; Branche, 'Bulletin 
monumental. 8 (1842) S. 326—39*; Douce in der Einleitung zu *The dance of 
Death, painted by Holbein and engraved by Hollar 1794 u. ö.'; Einleitung zu 
'Holbeins Dance of Death. London 1849'; Gödeke, Grundrisz z. Gesch. d. dtsch. 
Dichtung. 2. Aufl. 1. S. 322- 25; Massmann, (Wiener) Jahrbücher d. Litter. 
Bd. 58 Anzeige-Bl. S. 1—24 ; d e r s. in der Schlotthauerschen Ausgabe des Holbein- 
schen Totentanzes. München 1882; ders. 'Dtsch. Kunstblatt 1 S. 255 ff.'; Müntz, 
•Revue critique d'hist. etc. 13 (1887) 8. 35 ff.'; R. Springer, 'Westermanns Illu- 
strirte Monatshefte 47 (1880) S. 723 ff.; Weltmann, Holbein und seine Zeit. 
2. Aufl. Bd. 1. 8. 240 ff. — Die Arbeiten über die Allegorie und Ikonographie des 
Todes (die neueste und ausführlichste ist von Frimmel, 'Mittheilungen der k. k. 
Centralcommission, NF. Jg. 10 ff.) sind in das Verzeichnis nicht aufgenommen. 



40 

A. EUissen, Geschichtliche Abhandlung über die Todtentänze. In Hans Holbeios 
Initial-Buchstaben mit dem Todtentanz nach Hans Lutzelburgers Original- 
Holzschnitten treu copirt von H. Lödel. Mit einer geschichtl. Abhandlung etc. 
Göttingen 1849. 

J. B. FlorlUo, Geschichte der zeichnenden Kunst« in Deutschland und den ver- 
einigten Niederlanden. Bd. 4. Hannover 1820. S. 117 — 174. 

H, Fortonl, Essai sur les po^mes et les Images de la danse des morts. In 
La danse des morts dessin^e par H. Holbein grav^e par J. Schlotthaner. 
Paris 1842 und in ^tndes d*arch6ologie et d'histoire. T. 1. Paris 1854. 
S. 321 ff. (Nicht benutzt.) 

€• Grlineisen, Beiträge zur Geschichte und Beurtheilung der Todtentänze 'Kunst- 
blatt (Beiblatt zum Morgenblatt für gebildete Stände) 1830 Nr. 22—26.' 

G. Kastner, Les danses des morts. Dissertations et recherches historiques, philo- 
sophiques, litt6raires et musicales sur les divers monuments. Paris 1852. 4. 

N, ۥ Kist, De kerkelijke Architectuur eu de Doodendanse. Leiden 1844 {Sonder- 
ahdruck aus dem 'Archief voor kerkelijke Geschiedenis. Deel 15'). 

E. H. Langlois, Essai historiques, philosophique et pittoresque sur les danses des 

morts, suivi d'une lettre de C. Leber et d'une note de Depping. Ouvrage 
compl6t6 et publi6 par A. Pottier et A. Baudry. 2 Ts. Ronen 1851. 

H. F. Massnumn, Literatur der Todtentänze. (Aus dem „Serapeum'^ besonders 
abgedruckt.) Leipzig 1840. (Beschränkt sich wesentlich auf eine bibliographische 
Beschreibung der Abdrücke von Holbeins, des Gross -Basler und des acht- 
zeiligen deutschen Totentanzes, der Danse macabre und der französischen 
Gebetbücher mit Totentänzen. Einige Zusätze giebt Heller 'Serapeum 6 
[1845] S. 225—231'.) 

H. F. Massmann, Die Baseler Todtentänze in getreuen Abbildungen. Nebst geschicht- 
licher Untersuchung, so wie Yergleichung mit den übrigen deutschen Todten- 
tänzen. Stuttgart 1847. 8 nehst Atlas. Ebd. 1847. 4^ (=, Der Schatz- 
gräber. Hrsg. von J. Scheible. Th. 5.) 

H. F. Massmann im Universal-Lexikon hrsg. von H A Pierer. 2. Afl. (3. Ausg.) 
Bd. 31 (1845) S. 318 f. 

A« F. Merino, La dance macabre. Estudio critico literario. Madrid 1884. 

F. Naumann, Der Tod in allen seinen Beziehungen, ein Warner, Tröster und 

Lustigmacher. Als Beitrag zur Literaturgeschichte der Todtentänze. 

Dresden 1844. 12. 
0. Peignot, Recherches historiques et litt6raires sur les danses des morts et sur 

Torigine des cartes ä jouer. Dijon et Paris 1826. 
K. Sehnaase, Zur Geschichte der Todtentänze. ^Mittheilungen der k. k. Central- 

Commission zu Erforschung der Baudenkmale. Bd. 6. Wien 1861. 

S. 221—223.' 
P. Tigo, Le danze macabre in Italia. Studi. Livomo 1878. 
W. Wackemagel, Der Todtentanz. 'Zeitschrift für deutsches Alterthum. Bd. 9 

(1853), S. 302—366', wieder abgedruckt 'Kleinere Schriften Bd. 1 (1872) 

S. 302 ff.' 
J. £. Wessely, Die Gestalten des Todes und des Teufels in der darstellenden 

Kunst. Leipzig 1876. 
Einige Kunstdenkmäler, welche in diesen Werken verzeichnet 
sind, wird man in der nachfolgenden Uebersicht nicht finden, deshalb 
nicht, weil sie mit Unrecht Totentänze genannt sind. Zum Beispiel 
die sogen. Totentänze von Annaberg, Freiberg und Leipzig, 
bildliche Darstellungen der Lebensalter des Menschen, die sogen, 
Totentänze von Minden und Wien u. a. (Vgl. S. 4 f.) 



41 

Der sogen. Mindencr Totentanz von 1383, auf den wohl in jeder Abhandlung 
über die Totentänze bisher Bezug genommen worden ist, ist allbekannt, weil er 
yon Fabricios in der Bibliotheca mediae et infimae aetatis (Hamburg T. V p. 2) 
angeführt wird. Er ist jedoch weder aus Minden noch ist er überhaupt ein 
Totentanz. Die Nachrichten über ihn gehen znrück auf Michael Sachsens Newe 
Keyser Clironwa Magdeburgk 1606 (Vorrede S. 2), der ihn nach Minden versetzt, 
ohne seinen Gewährsmann zu nennen. Einem glücklichen Zufall verdanke ich, 
dass ich Sachsens Quelle in Letxner's Dasselischer Chronica. Erffurdt 1596 
entdeckt habe. In dieser heisst es Bl. 155b: 

"Zu Münden (sie) in der Pfarrkirch war an einem Pfeiler eine Tabel, einer 
zimlichen Stubenthür grosz, mit einer Ketten angeheftet, also, dass man die kehren 
vnd wenden, vnd auff beydcn feiten besehen kundt. Auff der einen Seiten war ein 
fchön Weibesbildt gemahlet, prechtiglich, gleich einer Königin bekleidet, gezieret 
vnnd geschmücket, die hatte einen grossen Spiegel in der Handt, vber demselbigen 
stunden folgende Wort mit grossen Buchstaben geschrieben: VANITAS VANITA- 
TUM. Vnter dem Bilde stund eine Jahrzahl 1383. Am Rande herumb standen 
folgende Wort: 

Der Welt Pracht, Ehr vnd Herligkeit 

Ist meines Hertzn Ergetzligkeit 
Mein Frewd, mein Lust, zu aller zeit 
Damit bin ich allr Sorgen queidt. 

Auff der andern seite war der Todt gantz hesslich vnd erschrecklich gemalet, 
führete auff seiner Achsel eine Sense vnd sprach: 

Ich komm vnd mach der Frewd ein £nd 

Vnd aller Welt Wollust ich wend 
In heulen, Weinen vnd Weeklagen 

Thun sich verkehrn die guten Tage.^' 

Da Letzner (vgl. Krause in der Allgem. Deutschen Biographie s. v.) bis 1564 
Capellan in (hannoversch) Münden gewesen ist, wird man nicht zweifeln dürfen, 
dass seine Angaben richtig und für alle späteren Anführungen die Quelle sind. 
Sachse, der ihn ausschreibt, hat Münden zu Mynden gemacht, was Fabricius 
u. a. als Minden in Westfalen übernommen hat. 

Der sog. Wiener Totentanz in der Loreto-Kapelle der Hofpfarrkirche zu 
St. Augustin bestand aus einer Reihe von Sinnbildern aus dem Anfange des 
18. Jahrb. mit kurzen Sprüchen (z. B. Mars hin, Mai's her. Mors gut noch 
me}ir)f welche von AbrahamaS. Clara verfasst waren, dessen 'Besonders meu- 
blirt und gezierte Todten-Capelle. Nürnberg (1710). Ebd. 1711 (auch holländisch 
'Algemejrne Doodenspiegel etc. Brüssel 1730)') Sprüche und Abbildungen enthält. 
— Eher entsprechen einem Totentanze nach Holbein'schem Master die Bilder in 
Abraham's a. S. Clara 'Sterben und Erben. Amsterdam 1702.' Statt des Todes 
tritt hier ein Todesengel an die meist auf dem Sterbebette liegenden Vertreter 
der menschlichen Stände, sie auf Christus als ihren einzigen Trost verweisend. 



Dänischer Totentanz. 

Ein (lefect erhaltener Druck ohne Titelblatt, in der kgl. Bibliotliek 
in Kopenhagen, spätestens aus. dem Jahre 153(5, bietet eine dänische 
Tebersetzung des Lübecker Totentanzes von 1520 mit Itenutzung seiner 
Holzschnitte. 

Aasgabe mit modemisirter Rechtschreibung : Dödedandsen, udg. af C. J. B r a n d t. 
Köbenhavn 1862. (Von mir nicht benutzt.) — Die Abhängigkeit vom Lübecker 



42 

Totentanz weist nach Massmann *Serapeum 10 (1849), 305 ff.' — Beschreibung: 
Ch. Brnun, Aarsberetninger fra det störe kong. Bibliothek. Bd. 2 (1875) 
S. 154—161. 

Holzschnitte. Brunn giebt a. a. 0. im Facsimile zwei Holzschnitte, 
welche die Figuren des Königs und eines auf einem Löwen reitenden Todes ent- 
halten. Letztere Figur findet sich unter den bei 'Weigel u. Zestermann, Anfänge 
der Druckerkunst Bd. 2 (1866) S. 166 f.' facsimilirten Figuren aus dem Toten- 
tanze von 1489 wieder, und zwar lehrt eine Vergleichung, dass beide von dem- 
selben Holzstock stammen. Von dem Lübecker Drucke von 1520, der sich in 
Oxford befindet, sind keine Facsimile hergestellt, doch ist mit Hilfe der von 
Massmann gegebenen Beschreibung zu folgern, dass seine Holzschnitte identisch 
einerseits mit denen des dänischen Druckes, anderseits mit denen der Drucke von 
1489 und 1496 sind. Auf Grund der so gewonnenen Anhaltspunkte ist S. 38 
angenommen, dass zu allen vier Drucken dieselben Holzstöcke benutzt sind. 
Selbst vergleichen konnte ich, wie gesagt, nur die mir im Facsimile vorliegende 
Figur des auf einem Löwen reitenden Todes. 



Deutsehe Totentänze. (Niederdeutsches Gebiet.) 

Bildwerke. 

Berlin. Wandgemälde in der Turmhalle der Marienkirche, von 
c. 22,6 m Länge und fast 2 m Höhe. 15. Jahrh. Die Figuren bilden 
einen Gesammtreigen, der sich auf braunem Erdboden vor einem 
Hintergrunde mit Wald und Bergen bewegt. Von dem 1860 unter 
der Tünche entdeckten Gemälde, das später (an einigen Stellen nicht 
richtig) restaurirt ist, sind die Figuren ziemlich vollständig, die dar- 
unter befindlichen Verse nur zum Teil erhalten. 

Figuren (von links nach rechts): Prediger auf der Kanzel, vor welcher 
eine fratzenhafte Gestalt die Sackpfeife hläst. Tod und Küster, CapeUan (?), 
Offizial, Augustiner, Prediger, Pfarrer, Kartäuser, Arzt, Mönch, Domherr, Abt, 
Bischof, Cardinal, Papst, Christus am Kreuz. Kaiser, Kaiserin, König, Herzog, 
Ritter, Bürgermeister, Wucherer, Junker, Kaufmann, Handwerker, Bauer, Krügerin, 
Narr, (Mutter mit Kind?). 

Ausgaben etc.: Ein 1860 angefertigtes Facsimile besitzt das Märkische 
Museum in Berlin. — Der Todtent^nz in der Marienkirche zu Berlin u. Geschichte 
und Idee der Totentänze überhaupt von Th. Prüfer. Mit 6 photolith. Tafeln. 
{In: Vermischte Schriften etc. hrsg. von dem Verein für die Geschichte Berlins. 
Berlin 1888. Bd. 1.) Berlin 1876. Fol. — Ebs. Mit 4 Blatt farbigen Litho- 
graphien (in kleinerem Massstabe). Berlin 1883. Fol. — Der Text ist in allen 
diesen Ausgaben mit vielen Fehlern wiedergegeben. Einzelnes verbessern Lübbeu 
und Sprenger, Niederd. Jahrbuch 3, 178 ff. 4, 105. — (Wertlos ist: Der 
Todtentanz in der St. Marienkirche zu Berlin. Ein Wort für die Besucher. 
Berlin 1863. 8 S. 8., worin als Probe eine Strophe.) 

Brannschweig. Wandgemälde des 15. oder 16. Jahrh. in der 
ehemaligen Andreaskirche. 

"Albrecht in seiner Postill. Symb. Dn. 24 Trin. schreibet: In etlichen 
Kirchen ist ein Gemälde noch von den lieben Vorfahren ausgedacht, zu sehen, 
da hüpfft der Tod voran, führt aber allerley Leute nach sich, Päpste, Käyser, 
Könige, Fürsten, Grafen, Ritter, Bürger und Bauern, Alte, Junge, Schöne, Häfs- 



43 

liehe, Gross nnd Kleine, beyderley Geschlechts, und tantzt mit ihnen zur Welt 
hinans, springt so lange, biss einer nach dem andern lebloss nieder fällt. Fast 
dergleichen Worte führet auch Erasmus Rothmaler in der 3. Predigt über 
den Eirchengesang : Christ lag in Todes - Banden, and meldet dabey, dass der 
Todtentanz anch zu Brannschweig in der S. Andreas -Xirchen als ein altes 
Gemälde anff einer Tafel allda noch daznmal zn sehen gewesen." Hilscher, 
Beschreibung des sog. Todten - Tantzes (1705) S. 91 f. — Eothmahler ist 1561 
geboren und 1610 gestorben. 

Gandersheim (Braunschweig). 'Zu Gaiidersheim im Barfüsser 
Closter im Creutzgange am Capitelhause stund (ehe dasselbe von 
Hessen eingenommen und geplündert worden) eine lange Tabel, daran 
war auflf Pergamen der Tod gemahlet, unnd wie derselbe einen ge- 
meinen Tantz hielt mit allen Ständen vnd Orden Geistlicher und Welt- 
licher Leute, vom Obersten bis an den Untersten. Da waren forne 
folgende Teutsche Vers geschrieben, also lautend: Hie hebt sich an 
des Todes Tantz Der hat gut acht auflf seine Schantz, Dasz niemand 
jhm entspring davon' etc. 

Le t z n e r , Dasselische und Einbeckische Chronica. Erffurdt 1596. Fol. Bl. 156. 

Halberstadt. Skulptur auf dem von Joh. Pincerna (Schenk) 1554 
gemeisselten Grabmale des Bischofs Markgrafen Friedrichs von Branden- 
burg im Dome. 

Tnter der Flinte desselben ein höchst interessanter Todtentanz\ F. Lncanns, 
Wegweiser dnrch Halberstadt. 2. Afl. Halb. 1876, S. 39. 

Hamburg. Eines Totentanzes aus der 'Monnicken tyd' in der 
Franciskanerkirche St. Maria Magdalena gedenken Nachrichten aus 
d. J. 1551 — 1623. Derselbe muss eine Länge von mindestens 40 — 50 
Fuss gehabt haben. 

Vgl. Beneke 'Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte 5 (1866) 
S. 611—615'. 

Lübeck. In der Marienkirche, v. J. 1463. Dieser Totentanz, 
von dem bereits S. 1 f. eine Beschreibung gegeben wurde, war 
ursprünglich auf zusammengefügte Holztafeln gemalt. Nachdem 1588 
und 1657 umfangreiche Ausbesserungen vorgenommen waren, wurde 
er 1701 von dem Maler Anth. Wort mann auf Leinwand übertragen. 
Die niederdeutschen Verse unter den Bildern, welche zu einem grossen 
Teile unlesbar geworden waren, wurden bei dieser Erneuerung durch 
neuhochdeutsche ersetzt, welche der Praeceptor Nathanael Schiott 
vollständig unabhängig von dem alten Texte angefertigt hatte. Das 
wenige von dem letzteren "so man noch davon hat lesen können" 
hat der damalige Pastor der Marienkirche Jacob von Melle in seine 
handschriftlich erhaltene 'Ausfuhrliche Beschreibung von Lübeck' auf- 
genommen. Die Zuverlässigkeit seiner Abschrift wird durch die 
Genauigkeit, der sich Melle in seinen übrigen Copieen nachweislich 
befleissigt, wahrscheinlich gemacht. Auch die Copie Wortmanns giebt 
im Allgemeinen ein treues Abbild des alten auf Holztafeln gemalten 
Originals. Für die Treue der Copie spricht, dass sänmitliche Figuren 
die Tracht des beginnenden 15. Jahrhunderts tragen, sowie die LTeber- 



44 

eiustimmung mit dem erhaltenen Reste des Revaler Totentanzes, einer 
alten Copie des Lübecker. Anderseits wird man, da der Text 1701 
nicht mehr vollständig lesbar war, annehmen dürfen, dass auch das 
Bild 1701 bereits an einzelnen Stellen nur schwer oder gar nicht 
mehr zu erkennen war und an diesen Stellen Wortmann notgedrungen 
freier hat verfahren oder eine Lücke lassen müssen. Dieses muss der 
Fall bei der ersten Figur gewesen sein, die auf dem Original ein 
Prediger auf der Kanzel war. Vielleicht liegt ein ähnlicher Fall zu 
Schluss des Bildes vor. Ferner scheint sich aus einer Vergleichung 
mit dem Lübecker Totentanz von 1480, dessen erste Hälfte dieselben 
menschlichen Stände wie der Totentanz in der Marienkirche bietet, 
zu ergeben, dass bei letzterem sowie in Melle's Ueberlieferung des 
Textes die Reihenfolge in Verwirrung geraten ist. Diese Verwirining 
lässt sich am leichtesten dadurch erklären, dass einige der alten Holz- 
platten bei der Abnahme von ihrer alten Stelle in eine falsche Ordnung 
gekommen sind. Ehie Verstümmelung in neuerer Zeit hat der Toten- 
tanz dadurch erlitten, dass man 1799 aus ihm den Herzog und den 
ihm folgenden Tod herausgeschnitten hat, um Raum für die Erhöhung 
einer Thür zu gewinnen. 

Figuren. Vorpfeifender Tod, Reigen des Todes mit Papst, Kaiser, 
Kaiserin, Cardinal, König, Bischof, Herzog (fehlt jetzt), Aht, Ritter, Cartäuser, 
Bürgermeister, Domherr, Edelmann, Arzt, Wucherer, Capellan, Kaufmann, Küster, 
Handwerker, Klausner, Bauer, Jüngling, Jungfrau. Dann folgt der Tod mit der 
Sense und zu Schluss das Kind in der Wiege. — Ausserdem findet sich auf 
einem schmalen Querbrett, welches eine Ecke zwischen zwei Wandflächen des 
Todestanzes verkleidet, eine Zuthat Wortmanns: drei Figürchen, nämlich zwei 
Tode und ein Dämchen in der Tracht d. J. 1700. — Die Reihenfolge, welche 
nach Ausweis des von Mantels geordneten Textes die ursprüngliche war, s. S. 35. 
Das heutige Bild und Schlotes Text bieten die Abweichung, dass in ihnen 
Nr. 11 — 13 in der Folge 13. 12. 11 (also Bürgermeister, Domherr, Edelmann) 
erscheinen. Femer hat Schiott den Kaufmann des Gemäldes als Amtmann und 
umgekehrt diesen als jenen irrtümlicher Weise aufgefasst. 

Entstehungsjahr. Die Annahme d. J. 1463 beruht auf der von Melle 
mitgeteilten alten Schlussschrift Anno domini MCCCCLXIII in mgilia Ässump- 
Clonts Marie. Dieses Datum könnte ein späterer Zusatz sein, der auf des 
Lübecker Chronisten Detmars Angabe, dass 1463 in Lübeck die Pest herrschte 
und diese am Tage von Maria Himmelfahrt nach Dänemark sich verbreitete, 
zurückgeht. Jedesfalls trifft nach dem Urteile der Kunsthistoriker jene Zeitangabe 
ungefähr zu. Wahrscheinlich ist, dass der Totentanz eher früher als später 
entstanden ist. 

Ausgaben: Der Todtentanz nach einem 320 Jahre alten Gemälde in 
der St. Marienkirche zu Lübeck, auf einer Reihe von acht Kupfertafeln, von 
Lud. Suhl. Lübeck 1783. 4*. (Darin der nd. Text nach Melle.) — Der 
Todtentanz in der Marienkirche zu Lübeck. Nach einer Zeichnung von C. J. Milde 
mit erläuterndem Texte von W. Mantels. Lübeck 1866. Quer -Fol. (Auf 
dem Facsimile fehlt der Herzog, den Suhl noch bietet.) Weniger brauchbar für 
wissenschaftliche Untersuchungen sind : Ausführliche Beschreibung und AbbUdung 
des Todtentanzes etc. (von Schmidt) Lübeck (1831) kl. 8". — Der Todtentanz etc. 
von P. Geisler. Hamburg 1872. 4*. 



45 

Litteratnr: H. Baethcke, Der Lübecker Todtentanz. Ein Versack 
zur Herstellnng des alten nd. Textes. (Göttinger) Inang. - Dissertation. Berlin 
1873. 8«. (Vgl. darüber Mantels 'Gijtt. Gel. Anzeigen 1873. I. S. 721—41.') 

— Mantels, Der Lübecker Todtentanz vor seiner Erneuerung i. J. 1701 
* Anzeiger f. Kunde dtsch. Vorzeit 1873 S. 158—161.' — Alb. Benda, Wie 
die Lübecker den Tod gebildet. Vortrag. Lübeck 1891. 

Osnabrfiek. Stickerei auf dem Rande eines bischöflichen Pluviales. 
Aus dem Anfange des 16. Jahrh. In verschiedenen Feldern je ein 
Bischof, Cardinal, Papst, dann Graf, Herzog, Kaiser, die von dem 
Tode ergriffen werden. Die Länge der Figuren beträgt 21 cm. 

Vgl. Mittheilungen des histor. Vereins zu Osnabrück 11 (1878) S. 356. 

— Mithoff, Kunstdenkmäler etc. im Hannoverschen 7 S. 115. 

Seval (Estland) in der Nicolaikirche. Oelgemälde auf Leinwand 
1,75 m hoch und soweit erhalten c. 8 m lang. Erhalten sind das 
Bild und die Worte des Predigers auf der Kanzel, vor der ein Scelett 
den Dudelsack bläst, dann der Reigen nebst dem Zwiegespräche des 
Todes mit Papst, Kaiser, Kaiserin, Cardinal und König. Alles übrige 
ist vermodert. Der Rest lässt deutlich erkennen, dass Bild und Text 
eine sehr getreue Copie des Lübecker Totentanzes von 1463 sind. 
Genau so wie in Lübeck trägt der dem Papst vorantanzende Tod auf 
der rechten Schulter einen Sarg, während er mit der linken Hand eine 
Falte des päpstlichen Ornates hochhebt. In beiden dieselbe Hand- 
bewegung des Papstes, dieselbe Haltung des dann folgenden Todes, 
der Königin, des Cardinais u. s. w. Der landschaftliche Hintergi-und 
ist zwar in beiden Totentänzen nicht ganz gleich, zeigt aber doch 
eine allgemeine Aehnlichkeit, auch findet sich die Burg, welche man 
in Lübeck zur linken Seite der Königin im Hintergrunde erblickt, in 
Reval zur Linken des Königs wieder. Abweichend sind beide darin, 
dass in Reval der König eine Krone zu tragen scheint, während er 
in Lübeck eine eigentümliche rund aufgewulstete Kopfbedeckung hat. 
Femer fehlt in Lübeck zu Anfang des Gemäldes der Prediger. Dieser 
ist keine Zuthat des Revaler Malers. Wie die Uebereinstimmung des 
Textes und der altspanischen Danza general zeigen, muss auch in 
Lübeck der Prediger zu Anfang des Tanzes früher seine Stelle gehabt 
haben. Die Uebereinstimmung beider Gemälde in den Details des 
Costüms, der Stellungen und Handbewegungen lässt schliessen, dass 
der Revaler Totentanz gar nicht in Reval selbst, sondern, wenn auch 
in revalschem Auftrage, in Lübeck angesichts des Originals, dessen 
Copie er bietet, angefertigt ist. Für das Alter des Revaler Gemäldes 
hat sich kein urkundliches Zeugnis beibringen lassen. Einheimische 
Gelehrte haben sich für die Entstehung 'um 1600', andere für das 
15. Jahrhundert entschieden. Wenn für die Zeit um 1600 der land- 
schaftliche Hintergrund zeugen soll, so erweist schon das Lübecker 
Original die Haltlosigkeit dieses Grundes, ausserdem könnte auf 
Maimels Totentanz und ältere Gemälde der flandrischen Schule hin- 
gewiesen werden. Die Sprachformen des Textes scheinen für den 
Anfang des 16. oder das Ende des 15. Jahrhunderts zu sprechen. Der 



46 

erhaltene Rest ist durch Einrahmung jetzt vor weiterem Verderben 
geschützt. 

Eine Abbildung in kleinem Massstabe giebt W. Nenmann, Grundriss der 
Geschichte der bildenden Künste in Liv-, Est- und Kurland. Beval 1887. S. 143. 
(Was der Verfasser von gewissen Abweichungen sagt, die das Lübecker Gemälde 
biete, verrät, dass ihm von diesem keine Abbildung vorgelegen hat. Die Skelette 
sind in beiden Totentänzen ganz gleich bekleidet oder bzw. unbekleidet) Vgl. 
auch S. F. Amelung, Revaler Altertümer (1884) S. 45 if. 

Der Text ist teilweise fast erloschen. Das Verdienst, ihn zuerst zum 
Abdruck gebracht und seine Zusammengehörigkeit mit dem Lübecker erkannt zu 
haben, gebührt Russwurm, welcher in der Zeitschrift *Das Inland. Eine Wochen- 
schrift für Liv-, Esth- u. Curlands Geschichte, Jahrg. 3 (1838) Nr. 31 f£: beide 
sammt einer freilich oft sehr falschen Uebersetzung mitteilte. Einen mehrfach 
berichtigten Text nebst einer besseren Uebersetzung der in Reval erhaltenen 
Strophen bietet Gotthard v. Hansen, Die Kirchen und ehemaligen Klöster 
Revals. 3. Aufl. Reval 1885, S. 39 ff. 

Wismar I. Gemälde an der inneren Turmwand der Nicolai- 
Kirche. Erhalten ist nur eine Abschrift der Verse, welche der Rat- 
mann Gregor Jule auf Ersuchen der Prediger 1596, vermutlich für 
eine beabsichtigte Erneuerung der Bilder, verfasst hat. 

Aus den Versen lässt sich die Reihenfolge der Figuren ersehen: Papst, 
Kaiser, Kaiserin, Cardinal, König, Bischof, Fürst, Abt, Ritter, Advocat, Bürger- 
meister, Edelmann, Arzt, Franciskaner, Bürger, Witwe, Handwerker, Arbeiter, 
Bauer, Jüngling, Jungfrau, Kind. Vgl. (F. C r u 1 1) Nachricht von einem Todten- 
tanze zu Wismar. Schwerin 1877. 4°. 

Wismar IL Wandgemälde in der St. Marien-Pfarrei, etwa v. J. 
1500. Die unter der Tünche entdeckten Reste lassen einen Gesammt- 
reigen von 18 Zoll hohen Figuren erkennen, die sich auf grünem 
Erdboden bewegen. 

Nach Crull a. a. 0., der eine Ahhildung gieht, stallten die blossgelegten 
Figuren ausser den nackten Todesgestalten den Cardinal, Patriarchen, Erzbischof, 
Kriegsmann (Herzog?), Bischof, eine weltliche und drei geistliche Personen, den 
Doctor und Domherrn vor. 

Wolgast, An den Brüstungen der hölzernen Emporen der Gertruds- 
kirche befinden sich im 17. Jahrh. von Bentschneider gemalte Toten- 
tanzscenen, freie Nachbildungen der Holzschnitte Holbeins, lieber 
den Bildern stehen hochdeutsche Verse. 

Vgl. K u g 1 e r , Pommersche Kunstgeschichte (Baltische Studien 8. 1840) S. 226. 

Texte. 
Während in Frankreich, England imd Süddeutschland die ver- 
schiedenen monumentalen Totentänze im Mittelalter im wesentlichen 
denselben Text bieten, begegnet in Niederdeutschland, wenn man von 
Reval absieht, bei jedem Totentanze ein anderer Text. 

Berliner Totentanz. Siehe bei den Bildwerken. 

Lfibecker Totentanz v. 1463. Siehe bei den Bildwerken zu Lübeck 
und Reval. 

Lfibecker Totentanz v. 1489 n. 1496. Dieser in der Officin und 
mit Holzschnitten des sog. Lübecker Unbekannten zuerst 1489 gedruckte 



47 

und 1495 neu aufgelegte Totentanz bietet den bei weitem umfang- 
reichsten Text (72 Capitel mit 1686 Versen), auch nicht zur Hälfte 
erreicht ihn einer der übrigen deutschen oder ausländischen Totentänze. 
Es erklärt sich dieser Umfang dadurch, dass der Verfasser ihn für 
die Buchform, nicht fiir die monumentale Verwendung verfasst hat. 
Das Totentanzmotiv dient ihm, seinen moralischen Ausfühiimgen Rich- 
tung und Form zu geben, zu Schluss lässt er es aber fallen, weil die 
24 Verse, welche er seinen Personen zuteilt, und die Bezugnahme auf 
die von diesen vertretenen Stände ein zu beengender Rahmen für seine 
nun allgemeiner gehaltenen Gedanken gewesen wären. Seine Sprache 
ist lehrhaft, breit, durchw^eg moralisirend, aber doch nie langweilend 
oder schleppend, und der Neigung zu satirischem Humor wird mit 
Behagen Raum gegeben. Dass der Verfasser identisch mit dem Bearbeiter 
des nd. Reinke Vos sei, ist jüngst wahrscheinlich gemacht. Sichtlich 
lehnt er sich an den alten Lübecker Totentanz von 1463 und den von 
1520 (s. S. 34) an. 

Ausgaben: Des dodes dantz. Lübeck 1489. 4^ (Germanisches Mnseam 
in Nürnberg.) Beschreibung bei Weigel und Zestermann, Die Anfänge der 
Druckerkanst Leipzig 1866, Bd. 2, S. 166. — Dodeudantz. Lübeck 1496. 4. 
(Herzogl. Bibliothek Wolfenbüttel.) Umfangreiche Aufzüge bei Bruns, Beiträge 
zur kritischen Bearbeitung aller Handschriften (1802) S. 321 — 360. — Des 
dodes danz, nach den Lübecker Drucken von 1489 und 1496 herausg. von Herm. 
Baethcke. (Bibliothek des litter. Vereins in Stuttgart. 127.) Tübingen 1876. 
— Vgl. auch H. Brandes, Die litterarische Tätigkeit des Verfassers des 
Reinke 'Zeitschr. f. dtsch. Alterthum 32, S. 24 — 41. — Die Beihenfolge der 
Personen s. S. 35. 

Lübecker Totentanz v. J. 1520. Dieser Totentanz muss, wie 
S. 34 gezeigt ist, bereits vor 1489 verfasst sein. Bekannt ist er nur 
aus einem Drucke von 1520, der aus der Officin des Lübecker Un- 
bekannten hervorgegangen ist. (Ueber eine dänische Bearbeitung dieses 
Totentanzes siehe S. 41.) 

Ausgaben. Das einzig bekannte Exemplar des alten Druckes befindet 
sich im Besitze dei Bodleiana in Oxford, das Titelblatt bietet unter einer Krone 
das Wort Dodendantz, Die Schlussnotiz lautet: Anno dni MCCCGCXX 
Lübeck, Eine Beschreibung des Druckes giebt Massmann im Serapeum 10 (1849) 
S. 306 ff., einen Abdruck des Textes nach einer von Sotzmann angefertigten 
Abschrift bietet Lttbke in seiner Ausgabe des Berliner Totentanzes (S. 39 ff.) und 
Mantels in der Einleitung zu Milde's 'Todtentanz in der Marienkirche zu Lübeck* 
S. 10 ff. 

üebersetzang der Danse macabre. Das Bruchstück einer wört- 
lichen Uebersetzung der Danse macabre ist nach einer Berliner Hand- 
schrift aus dem Ende des 15. Jahrh. von mir im Niederdeutschen 
Jahrbuche XI S. 126 f. mitgeteilt worden. 



48 



Deutsehe Totentänze. (Hochdeutsches Gebiet.) 

Bildwerke. 

Attinghnsen (Schweiz, Kant. Uri). "1755 wurde die alte Kirche 
vergrössert, durchweg erneuert, und dabei der ausserhalb gemalte, aber 
schadhafte Todtentanz verstrichen. Meister war Jacob Moosbrucker." 

Geschichtsfreund. Mittheilungen des histor. Vereins der fünf Orte Lncem etc. 
Bd. 17. Einsiedeln 1861. S. 152. 

Basel I. Wandgemälde an der Kirchhofsmauer des Dominikaner- 
klosters in Gross-Basel, aus derselben Zeit (c. 1537 — 41) und wahr- 
scheinlich von demselben Maler wie der Klcin-Basler Totentanz, den 
er um 5 Schritt Länge überragt. Mit diesem stimmt er in den Figuren 
und im Texte im Allgemeinen überein. Die Abweichungen sind durch 
spätere Erneuerungen, besonders durch die von Klaubcr 15G8 vor- 
genommene Uebermalung entstanden. Dieser hat Verschiedenes aus 
Manuels Berner Totentanze in den Basler übertragen, sein Bild zu 
Schluss beigefügt und der Mutter des Kindes die Gesichtszüge seiner 
Frau gegeben. Bei einer späteren Uebermahmg sind diese beiden 
Bilder dann wieder beseitigt, um Raum für eine Darstelhmg des Sünden- 
falles zu gewinnen. Der Totentanz ist 1805 abgebrochen, doch sind 
Copieen in den zuerst 1G21 erschienenen und wiederholt abgezogenen 
Kupferstichen Job. Jac. Merians sowie in einem handschriftlichen 
Facsimile desselben Em. Bücheis vorhanden, dem man die Abbildungen 
des Klingenthaler Tanzes verdankt. 

Die Litteratur s. bei Basel IL 

Basel IL Wandgemälde im Klingenthal, einem Nonnenkloster 
Dominicanerordens in Klein-Basel. Erhalten sind mehrere treue Copien 
der Bilder und des Textes, die im vorigen Jahrhundert ein Basler 
Bürger, Em. Büchel, angefertigt hat. Dieser hatte eine Jahreszahl 
auf dem Totentanze zuerst als 1812 gelesen. Erst später erkannte 
er, wie er in einer handschriftlichen 'Ferneren Untersuchung' darlegte, 
dass jene Zahl richtiger 1512 zu lesen sei und sich auf eine teilweise 
Uebermalung des alten al-fresco gemalten Tanzes mit Oelfarben beziehe. 
Leider blieb die Selbstberichtigung Bücheis unbekannt, und so ist in 
alle Schriften über die Totentänze die falsche Jahreszahl 1312 als 
Entstehungsjahr des somit als ältesten erklärten Klingenthaler Toten- 
tanzes übergegangen. Erst 187(5 hat Burckhardt den Irrtum mit Hilfe 
der von ihm aufgefundenen Handschrift Bücheis aufgedeckt, indem er 
zugleich nachwies, dass der Teil des Kreuzganges, an welchem sich 
der Totentanz befand, selbst erst 1437 erbaut ist. Der Totentanz 
war nach Büchel 72 Schritt lang, die Figuren in Lebcnsgrösse. 

Figuren: Prediger auf der Kanzel, vor derselben in einer Qruppe Papst, 
König u. a. (fehlt im Klingenthal wegen einer alten Fensteröffnung, vgl. den 
Strassburger Ttz). Karner, davor zwei musicirende Tode. Dann in Tanzpaaren 
der Tod mit Papst, Kaiser, Kaiserin, König (Königin nur in Gr.-Basel), Cardinal, 
Patriarch (fehlt Gr.-B.), Erzbischof (fehlt Gr.-B.), Herzog, Bischof, (Herzogin nur 
in Gr.-B.), Graf, Abt, Ritter, Jurist, Fürsprech, Chorherr, Arzt, Edelmann, Edel- 



4» 

fran, Kanfroann, Aebtissin, Krüppel, Waldbruder, Jüngling, Wucherer, Jungfrau, 
Pfeifer, Herold, Schultheiss, Blutvogt, Narr, Begine (dafür in Gr.-B. : Krämer), 
Blinder, Jude, Heide, Heidin, Koch, Bauer, Kind, Mutter, Prediger (fehlt in K1.>B.). 

Abbildungen und Text beider Basler Totentänze nach Bücheis Copien 
bei Massmann, Basler Ttze. — Die Gross-Basler Bilder bieten die 1621 — 1832 
in 17 Ausgaben erschienenen Merian^schen Kupfer. (Massmann, Litter. 
S. 75 — 80.) — Ungenügend für wissenschaftliche Zwecke ist: Todtentanz der 
Sta<lt Basel. Basel, Stuckert. 1858. 16. — Mit beabsichtigter Täuschung führen 
irre die Titel des 1588 und 1608 durch Huld. Fröhlich, 1715—1796 durch 
die MecheTsche Druckerei ausgegebenen, angeblich in Basel bzw. Bern befind- 
lichen *Todten-Tantz\ Diese Ausgaben enthalten den Basler bzw. Bemer Text, 
geben aber dazu Nachbildungen einer grossen Anzahl Holbeinscher Imagines 
mortis und nur weniger Basler Figuren. Es ist dadurch früher der Irrtum ent- 
standen und verbreitet worden, dass der Maler des Basler Totentanzes Holbeiu 
gewesen sei. Vgl. Massmann, Litter. S. 30 if. — Die älteste Aufzeichnung 
des Gross-Basler Textes in H. Fröhlich's *Lobspruch an die Stadt Basel. 1581'. 

Zur Geschichte etc. der Basler Ttze vgl. noch besonders: Th. Burck- 
hardtrBiedermann 'Beiträge zur vaterländischen Geschichte, Bd. 11. Basel 1882. 
S. 59 ff.' — Rahn, Gesch. d. bild. Künste in der Schweiz (1876) S. 654—59. 
— Wackemagel, Kl. Sehr. 1, 329 if., 366 if. 

Bern. Auf der 1660 abgebrochenen Kirchhofsmauer des ehe- 
maligen Dominikaner-Klosters befand sich ein Totentanz, den Nicolaus 
Manuel um d. J. 1517 — 19 gemalt und mit eigenen Versen versehen 
hatte. Das Gemälde zeigte Tanzpaare, welche sich unter Arkaden 
bewegten, durch deren Säulen man landschaftlichen Hinterginind 
erblickte. Die menselilichen Figuren hatten die Gesichtszüge von Zeit- 
genossen und Mitbürgern Manuels, der in der Figur des Malers sein 
eigenes Bildnis beifügte. Bild und Text sind eine freie Nachahmung 
sowohl des Gross-Basler Totentanzes als auch der erweiterten Danse 
macabre. Aus einem Drucke derselben hat Manuel die Anregung zu 
den Arkaden, der Gruppe der vier musicircnden Skelette und anderen 
Figuren empfangen. 

Figuren: Sttndenfall, Moses empfängt die zehn Gebote, Crucifix. Vier 
ninsicirende Skelette. Tod und Papst, Cardinal, Patriarch, Bischof, Abt, Priester, 
Doctor, Astrolog, Ordensritter, vier Mönche, Aebtissin, Waldbruder, Nonne, Kaiser, 
König, Kaiserin, Königin, Herzog, Graf, Bitter, Jarist, Fürsprech, Arzt, Schultheiss, 
Jüngling, Ratsherr, Vogt, Bürger, Kaufmann, Narr, Kind und Matter, Handwerker, 
Bettler, Kriegsmann, Jungfrau, Koch, Bauer, Malers Frau, Witwe, Dirne, Jude 
und Heiden, Maler, Tod als Schütze, Prediger. 

Abbildungen. Es sind zwei alte Copien vorhanden, die eine ist 1649 
von Albr. Kauw, die andere von Stettier (gest. 1708). Vgl. Nikiaus Manuels 
Todtentanz, gemalt zu Bern um 1515 — 1520, lithographirt nach den getreuen 
Copien des berühmten Kunstmalers Wilhelm Stettier. (Bern o. J.) Quer-Fol. — 
Vgl. Rahn *Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. 3 (1880) S. 13— 17\ 

Text. Die Verse finden sich auf der Kau waschen Copie und sind darnach 
bei C. Grün eisen, Niclas Manuel, Stuttgart 1837, S. 324—338, vgl. S. 156 if. 
abgedruckt. Ausserdem sind die Verse in einer Hs. von 1576 vorhanden, die 
dem Abdrucke *Niklaus Manuel, hrsg. von Jak. Bächtold, Frauenfeld 1878, 
S. 1 — 28' ZQ Grunde liegt. — Fröhlich giebt in seinen 'Zween Todtentäntz, 
Deren der eine zu Bern . . . Der Ander aber zu Basel. Basel 1588' den Berner 
Text, nicht aber die Bilder Manuels (vgl. bei Basel II). 

Nlederdeateohet Jahrbach XVII. 4 



50 

t)er Lübecker Totentanz yon 1496 und der 'Dotentanz mit Figuren^ 
soll nach Vögelin (S. LXXVIII ff. in Bächtold's Ausgabe) von Manuel benutzt 
sein. Diese Annahme ist irrig, die Entlehnungen, welche sie beweisen sollen, 
erklären sich aus der Benutzung der Dause macabre. 

Bruchhansen (bei Unkel a. Illicin). Tafelgemälde des 17. Jahrb. 
in der Pfarrkircbe. 

'Aus dem Anfange desselben (17.) Jahrh. stammt auch der Todtentanz in 
der Pfarrkirche zu Broichhausen, ein Gemälde auf Leinwand im hölzernen Rahmen. 
In der oberen Reihe sind die weltlichen Stände, mit dem Kaiser anfangend, in 
der unteren die geistlichen, mit dem Papste an der Spitze, dargestellt\ Bäumker 
S. 23. — Totentanz, 20 Gruppen in zwei Reihen tibereinander ; Oelgemälde, 
handwerklich ausgeführt'. Bau- und Eunstdenkmäler des Reg. -Bez. Coblenz. 
Beschr. von P. Lehfeldt (1886) S. 478. 

Chiir (Kanton Graubünden). Wandbilder v. J. 1543, ursprünglich 
im bischöflichen Palast, jetzt im Rliätischen Museum. Copien und 
Nachahmungen der Holbeinschen Imagines. 

Vgl. F. S. Vögelin, Die Wandgemälde im bischöflichen Palast zu Chur. 
Ztlrich 1878. 4. (= Mittheilnngen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich, 
Bd. 20, II, Heft 1). Die Annahme, dass die Churer Bilder die ursprüngliche Gestalt 
der Holbeinschen Todesbilder bieten, erfuhr allseitige Ablehnung. Vgl. Repertoriam 
fttr Kunstwissenschaft Bd. 12 (1889) S. 227 f. 

Gonstanz. Im ehemaligen Dominikanerkloster. Wandgemälde 
des 16. Jahrh, von Job. Hiebler. 

'Auch die dem Ereuzgang nach der Stadt zu vorgelegten Vorhallen (jetzt 
die Bureaus des Hotels) weisen Wandmalereien auf, deren bereits Fiorillo (1, 294) 
mit Ueberschätzung ihres Eunstwertes gedenkt. In einem Zimmer sieht man 
einen Totentanz: der Tod tritt als Gerippe in die menschlichen Beschäftigungen 
ein; deutsche Inschriften/ Eunstdenkmäler des Grosshzgt. Baden 1, hrsg. von 
Eraus (1887) S. 247 f. Aehnlich Zepperlin in den Schriften des Vereins f. 
Gesch. d. Bodensees 1875, S. 22 f. Darnach scheint es irrig, wenn Wacker- 
nagel, kl. Sehr. S. 370 sagt, dass bei dem Constanzer Totentanze die latein. 
Hexameter von Desrey stehen. Benutzt scheinen von dem Maler die FrOlich'schen 
Eupfer (s. bei Basel II). 

Dresden. Basrelief in Sandstein v. J. 1534, ursprünglich am 
Georgen-Schlosse, seit 1701 auf dem Neustädter Kirchhofe. Die Figuren 
sind 40 cm hoch und bilden einen reigenartigen Aufzug. 

Figuren: Voran schreitet ein Gerippe, das die Pfeife bläst, ihm folgen 
Papst, Cardinal, Erzbischof, Bischof, Prälat, Domherr und Mönch. Dann folgt 
ein Gerippe, das die Trommel schlägt, hinter ihm Eaiser, Eönig, EurfUrst, 
Graf (?) und Ritter, dann Edelmann, Ratsherr, Handwerker, Landsknecht, Bauer 
und lahmer Mann, dann Aebtissiu, Stadtfrau und Bäuerin, Eaufmann, Eind 
und Bettler. Den Beschluss macht ein Totengerippe mit der Sense. Eein alter 
Text. Die später beigefügten sechs Strophen sind erst im 18. Jahrh. verfasst. 

Beschreibung und Abbildung: (P. C. Hilscher), Beschreibung des 
sogen. Todten - Tautzes. Dressden 1705. — F. Neumann, Der Tod in allen 
seinen Beziehungen. Dresden 1844. — Erbstein : ^Mittheilnngen des Egl. Sachs. 
Vereins für Erforschung etc. der vaterländischen Alterthümer, Heft 2. Dresden 
1842, S. 46 ff; 

Emmetten (Kanton Unterwaiden). 

Einen hier befindlichen Totentanz erwähnt (nach Prüfer) Jos. Schneller, 
Luzems St. Lukas-Bruderschaft. Luzem 1861^ S. 11, Anm. 3. 



Erfurt. Im evang. Waisenhause und mit ihm 187^ verbrannt. 
52 Oelgemälde aus dem 18. Jahrh., jedes mit einem Lebenden und 
Tode in Lebensgrösse. Der Maler J. S. Beck hat Holbein, der Dichter 
des beigefügten Zwiegesprächs Schott (s. beim Lübecker Ttz. v. 1463) 
nachgeahmt. 

J. L. E. Arnold, Erfart mit seinen Merkwürdigkeiten (1798). — Naumann, 
Der Tod S. 58—60. — (v. Tettau,) Erfurt in seiner Vergangenheit (1868) S. 79. 

FreibttPg (Schweiz). Im Barfiisserkloster 1744 von Sal. Fries gemalt. 

"Les cordeliers poss^daient jadis dans leur cloitre une trös-belle danse des 
morts, peinte en fresque ; mais eile est tellement d^gradee qu'on n'en Yoit 
maintenant plus que des traces et quelques figures." F. Euenlin, Dictionn. du 
cauton de Fribourg. (1832) 1, 312. 

Fassen (Bayern). Wandgemälde auf 20 Holztafeln in der Magnus- 
kirche, von Jac. Hiebler nach Huld. Frölich's (s. bei Basel H.) 
Abbildungen im 16. Jahrh. angefertigt. 

Vgl. Massmann, Basler Ttze, wo auch die Abweichungen vom Basler Texte 
mitgeteilt sind. 

Kukns (Böhmen). Wandbilder vom Ende des 17. Jahrh. auf der 
Gallerie des Hospitals. 

Helgestellt auf Kosten des Grafen Ant. v. Sporck. Abbildungen in 
'Erinnerungen des Todes und der Ewigkeit bey 52 von M(ichael) Bentz in Kupfer 
gestochenen Vorstellungen. Linz 1763. 1779. Wien 1767. Fol.' Damach 
lehnten sich die Bilder in Bezug auf Composition und Beihenfolge an Holbeins 
Imagines an. Die von Patricius beigefügten Sprüche bestehen in je 4 vom Tode 
an die Menschen gerichteten Versen. 

Landslat. 'Auf dem Kirchhofe des Dominikaner-Klosters ist an 
der Mauer ein Todtentanz a fresco gemalt. Der Tod kämpft mit 
allen Ständen: unten stehen alte Beime.^ 

C. A. Lander, Beisen durch verschiedene Gegenden Deutschlands. Augs- 
burg 1801 p. 134. (Citirt von Fiorillo S. 142.) 

Luern L Acht Oelgemälde ohne Inschrift, gemalt von Jac. von 
Wyl (gest. 1621), früher in der Jesuitenkirche, jetzt in der Kantons- 
bibliothek. 

Figuren: Vertreibung aus dem Paradiese, Papst, Kaiser, Kardinal, KOnig, 
Kaiserin, Königin, Prälat, Kurfürst, Abt^ Aebtissin, Pfarrer, Bitter, Kriegsmann, 
Bürger, Braut, Jungfrau, Wucherer, Maler, Krämer, Bauer, Mutter und Kind, 
Beinhaus. 

Vgl. Todtentanz oder Spiegel menschlicher Hinfälligkeit. In 8 Abbildungen, 
welche von v. Wyl gemalt etc. Getreu nach den Originalien lithogr. von Gebr. 
EgUn. Mit Text von B. Leu. Luzem 1843. Quer -Fol. (Nicht benutzt.) — 
Naumann S. 42 — 46. — Wie in Füssen ist Frölichs Totentanz (s. bei Basel) 
Vorbild. Vgl Wackemagel, Sehr. 1, 370. 

Lnzem II, 56 Bilder ^n der überdachten Mühlenbrücke, von 
K. Meglinger 1626 — 35 gemalt. Jedes stellt eine Gnippe dar, welche 
ausser dem Tode und der ihm verfallenen Person noch andere Figuren 
enthält; der Tod tanzt nicht, sondern holt die Menschen mitten aus 
ihren Geschäften, wie in Holbeins Imagines, die jedoch nicht copirt 
sind. Den Bildern sind je 4 Verse beigefügt, die teils dem Sterbenden, 
teils dem Tode in den Mund gelegt sind. 

4* 



52 

Figuren: Austreibung ans dem Paradiese, musicirende Skelette, Papst, 
Kaiser, Kaiserin, Cardinal, König, Königin u. s. w. Auch allerlei Handwerker 
erscheinen in der Reihe. — Abbildung etc. : Der Todtentanz. Gemälde auf 
der Mtihlenbrücke in Lucern, ausgeführt von Caspar Meglinger Pictor, getreu 
nach den Originalien lithogr. und hrsg. von Gebr. Eglin. (Mit Einleitung von 
J. Schneller.) Luzern 1867. Quer-Fol. 

Metniz (Kärnten). Am Kanier des Kirchhofes findet sich ein um 
1490 — 1500 gemalxer Totentanz, der einen das ganze Gebäude auf 
der Aussenseite umziehenden breiten Fries bildet. Die Figuren sind 
in halber Lebensgrösse, darunter beliinden sich deutsche Verse, die 
nicht »mehr lesbar sind. 

Vgl. F. Lippmann 'Mittheilungen der k. k. Central - Commission etc. 
Neue Folge. Jg. 1. (1875.) S. 56—58.' Erkennbare Figuren; Prediger auf 
der Kanzel, vor ihm sitzen Papst, Kaiser und Cardinal. Geöffneter Höllenracheu 
mit den Verdammten und dem gefesselten Teufel, Papst (dessen Tod zwei 
Trommeln umgehängt hat), Kaiser, Kaiserin, König, Cardinal, 6 unerkennbare 
Figuren, Ritter, Jurist, Mönch, Edelmann, Arzt, Reisiger, Edelfrau, Kaufmann, 
Nonne, Krüppel, Koch, Bauer, Kind, Mutter mit Kind in der Wiege. Letzter 
Prediger, vor seiner Kanzel sitzen einige Frauen. — *Mittheiluugen etc. N. F. 
11 S. LXXXnr sind drei Tanzpaare abgebildet. 

Der alte yierzeilige Totentanz in abgekürzter Fa.ssung ist ohne 
Zweifel für diesen Totentanz benutzt. 

Pinzolo (Südtirol). In der Vigiliuskapelle. 

Eine kleine Abbildung giebt Frimmel 'Mittheilungen der k. k. Central- 
Commission N. F. 12 (1886) S. XXII'. Vgl. E. Caetani - Lovatelli, Thanatos. 
Rom 1888. (Nicht benutzt.) 

Figuren: 3 musicirende Skelette, Crucifix, dann folgt der Aufzug der 
Tanzpaare mit Papst, Cardinal, Bischof, Abt, Geistlichem, Kaiser, Königin, Kur- 
fürst (?), Arzt, Kriegsmann, Bürger (?), Junker, Krüppel, Nonne, Frau, Frau mit 
Kind. Zu Schluss der Tod zu Pferde, Pfeile schiessend. Jeder Tod trägt eine 
Waife oder ein militärisches Emblem, jeder der Menschen ist von einem Pfeile 
durchbohrt. Unter den Figuren ist der Text. 

Rendena (Südtirol). Von 1519. An der Stei)hanskirche. 

'Mittheilungen der k. k. Central-Comraission N. F. 16 S. 112' wird gesagt, 
dass der noch heute erhaltene Totentanz nach Ständen geordnet ist und einen 
langen Streifen bildet. 

Strassbnrg i. E. Wandgemälde des 15. Jahrh. in der Neuen 
(ehemaligen Dominikaner-) Kirclie, c. 2 m hoch, 1824 unter der Tünche 
entdeckt, 1870 zerstört. 

Die Figuren bilden keinen Reigen, sondern einen Aufzug. Dargestellt 
.sind ein Prediger auf der Kanzel und vor ihm als Zuhörer allerlei Stände, dann 
Tod mit Papst. Hierauf Gruppen von mehreren Personen, bei denen sich je ein 
Tod befindet: 1. Cardinäle, 2. Kaiser, Kaiserin und Zofe, 3. Kaiserliches Gefolge. 
4. König, Königin, 5. Gefolge des Königs, 6. Zwei Bischöfe. Dann eine Gruppe 
mit 2 Todesfiguren, Bischof, Abt u. a. Der Best des Totentanzes war nicht 
erkennbar. Die Figuren bewegen sich in einem Säulengange hinter Arcaden. 
Ein Text fehlte, doch schien zu Schlnss eine moralische Nutzanwendung sich zu 
finden. Blosse Mutmassung ist, dass Martin Schöngauer (f 1482) der Maler 
gewesen sei. 

A b b i 1 d u n g bei F. W. Edel, Die Neue-Kirche in Strassburg (1825) S. 55 —63. 



53 

Stranbing (Niederbayern). In der Seelenhauskapelle der St. Peters- 
l*farrkirche. Aus dem 18. Jahrh. 

'*Die Fresco Gemälde, an den Seitenwänden, alle Stände der Welt mit dem 
Tod an der Seite in sonderbare Vorstellungen eingetheilt, und unten mit jeder- 
maligen passenden deutschen Reimen versehen, sind von Felix Ilölzl/^ F. S. Mei- 
dinger, Beschreibung der Städte Landshut und Straubing. Landshut 1787, S. 200. 

Wyl (Kant. St. Gallen). In der T()tenkai)elle wurde der ganze 
P'ries, der sicli an der nördliclien Langsoite und der Westwand unter 
der Decke hinzielet, durch einen Totentanz aus dem Anfange des 
Iti. Jahrh. ausgefüllt. 

Beschrieben von Kahn im *Repertorium für Kunstwissenschaft 3 (1880) 
S. 197 — 199'. Erkennbar sind eine Figur mit Krummstab, ein weisser Mönch, 
Arzt, Krüppel, Koch, Bauer, Kind, Mutter. Vom Texte teilt Rahn 7 von ihm 
entzifferte Strophen mit. Diese Strophen und die Reihenfolge der Figuren lassen 
erkennen, dass der vierzeilige Totentanz in gekürzter Fassung benutzt ist. 

Texte. 

Alter vierzeiliger Totentanz mit c. 40 Fignren. Auf den Wand- 
gemälden in Basel und Füssen. Er ist bei diesen und S. 29 ff. besprochen. 

Alter yierzeiliger Totentanz mit 24 Figuren. Aus dem vorigen 
Texte dui'ch Kürzung hergestellt. Vgl. S. 30 ff. Ueberliefert ist er 
in Holztafeldrucken und Handschriften. Monumentale Verwendung 
hat er in Metniz und Wyl gefunden. 

Massniann giebt im Anhange seiner 'Basler Ttze* ein Verzeichnis der 
Drucke etc., einen Textabdruck und ein Facsimile eines Holztafeldruckes (v. J. 
1443?) in der Heidelberger Hs. nr. 438 Fol. Ferner ist dieser Ttz enthalten 
in: 2) Cod. Pal. 314. (e. 1447 Hs. mit deutschem und lat. Texte.) — 3) Mün- 
chener Cg. 270. — 4) Cod. mon. xylogr. n. 39. (Vor dem ersten Prediger sitzen 
Papst und Kaiser, stehen König und Kardinal. Zum Schluss ein Prediger, der 
auf Totenschädeln steht.) — 5) Cod. mon. bav. 4 (v. J. 1446). — Nach irgend 
einer Hs. giebt Docen einen Abdruck im 'Neuen Litter. Anzeiger S. 348 if., 412 if. 
— 7) Berliner Ms. germ. fol. 19 Bl. 224—227 (v. J. 1448, aus Basel). 

Figuren: Prediger, Tod und Papst, Kaiser, Kaiserin, König, Kardinal, 
Patriarch, Erzbischof, Herzog, Bischof, Graf, Abt, Ritter, Jurist, Chorherr, Arzt, 
Edelmann, Edelfran, Kaufmann, Klosterfrau, Bettler, Koch, Bauer, Kind, Mutter, 
Prediger. 

Jfingepep vierzeiliger Totentanz. In einer Handschrift v. J. 1499. 
Voran geht eine Anrede Gottes an die Menschen und deren Antwort. 
Dann folgt das Zwiegespräch des Todes zuerst mit geistlichen, dann 
weltlichen, zuletzt weihlichen Personen. 

Die weibliche Reihe erinnert an die Danse macabre des femmes, doch 
scheint keine Nachahmung vorzuliegen. Der Verfasser hat vielmehr den alten 
vierzeiligen und den achtzeiligen Totentanz benutzt. Jenem hat er die Form 
seiner Strophen und den Wortlaut der Rede der Kaiserin, dieser die Trennung 
der geistlichen von den weltlichen Ständen und meist auch Worte und Reime 
entnommen. In der Conclusio ist eine Stelle aus ^Sibyllen wissagunge' entlehnt. 

Personen: Papst, Kardinal, Bischof, Domherr, Pfarrer, Abt, Mönch, Arzt, 
Kaiser, König, Herzog, Graf, Ritter, Edelmann, Richter, Schreiber, Bürger, Hand- 
werker, Wucherer, Spieler, Wirt, Bauer, Kaiserin, Königin, Herzogin, Gräfin, 
Ritterfrau, Edelfrau, Bürgerin, Handwerksfrau, Bäuerin, Nonne. — Gedruckt 
als *Totentanz8prtiche', hrsg. von K. J. Schröer. Germania 12 (1867) S. 296 flf. 



54 

Mannels Totentanz. Siehe bei Bern. 

Achtzeiliger Totentanz. Er ist in 3 Holztafeldrucken und einer 
Casseler Handschrift, sämmtlich aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrb., 
erhalten. Entstanden scheint er, da der 'Wirt von Bingen' eine der 
Figuren ist, in der Nähe dieser Stadt. Vgl. über ihn S. 31 ff. 

Der Text ist nach der Casseler Handschrift, aus welcher Kngler, Kl. Sehr, 
zur Eunstgesch. 1, 52, zuerst eine Probe mitgeteilt hatte, von M. Riedel al» 
'Jüngerer Todtentanz* in der 'Germania, Jg. 19 (1874) S. 257' herausgegeben. 
Der Tod redet in je 8 Versen die Menschen an and jeder antwortet mit eben- 
soviel Versen. Voran gehen 24 Verse, welche den Strophen des 'Boy mort* zn 
Schlnss der Danse macabre entsprechen. 

Die Holztafeldrucke sind bei Massmann, Litter. S. 84 ff. (= Sera- 
penm 2 S. 184) beschrieben: 1) Der Doten dantz mit figoren. Klage vnd / Ant- 
wort schon Yon allen staten der weit. / (Exemplare in München, Berliner Kupfer- 
stich-Eabinet etc.) — 2) Der Doten dantz mit fignren / clage ynd antwort schon / 
etc. (Exempl. in München, Wolfenbüttel etc.) Vgl. Brons, Beyträge 3 (1803) 
S. 313 ff.; Ebert No. 23006. — 2b) Anderer Dmckabzng, ohne den Titel. 
(Berliner Egl. Bibl.) — 3) Der todten dantz mit Agaren ynd schafften / Klag etc. 
(Ex. in München. Ebert no. 23006.) — Sämmtliche Drucke sind ohne Ort and 
Jahr, kl. fol. Sie bieten alle denselben Text nnd dieselben Holzschnitte, doch 
weicht nr. 2 von den beiden andern in Bezog auf die Reihenfolge der Fignren ab. 

Figuren (nach n. 1. 3): Holzschnitt mit 6 Gerippen, die ein siebentes 
im Grabe liegendes nmtanzen; seitwärts sieht man ein Beinhaas. Holzschnitt 
mit vier in einem Zelte mnsicirenden and drei vor ihnen tanzenden Gerippen. 
Dann folgen die Holzschnitte mit einzelnen Tanzpaaren, zuerst mit geistlichen, 
dann weltlichen Personen : Papst, Cardinal, Bischof, Abt, Doctor, Offtcial, Domherr, 
Pfarrer, Capellan, Guter Mönch, Böser Mönch, geistlicher Bruder, Nonne, Arzt, 
Kaiser, König, Herzog, Graf, Bitter, Janker, WappentrSlger, Bürgermeister, Bats- 
herr, Bürger, Fürsprech, Schreiber, Wucherer, Bäuber, Spieler, Dieb, Handwerker, 
Wirt Yon Bingen, Jüngling, Kind, Bürgerin, Jungfrau, Kaufmann, Leute Ton 
allen Ständen. Kirchhof mit Beinhaas, einem aus dem Grab steigenden und vier 
anderen Gerippen. 

Abbildungen der Holzschnitte findet man bei Kastner Planche VI ff. 
nr. 38 — 78. Die Beihenfolge ist die von Druck nr. 2. — Ein Facsimile eines 
Blattes aus Druck no. 1 (Bürgermeister und Spieler) bei Weigel u. Zestermann, 
Anfänge der Buchdruckerkunst, Bd. 2, S. 167 ff. 



Englische Totentänze. 

Bildwerke. 

Croydon (bei London). Im erzbischöflichen Palast waren im 
Anfange dieses Jahrhundert noch undeutliche Reste eines Wandgemäldes 
des Totentanzes vorhanden. Vgl. Douce S. 54. 

London L An der Kirchhofswand des alten 1549 abgebrochenen 
St. Paulsklosters. Die dazu gehörenden Verse waren von dem Mönche 
John Lydgate der Danse macabre von 1425 nachgedichtet (s. S. 22), 
das Gemälde muss demnach zwischen 1425 und etwa 1440 hergestellt sein. 

Eine Copie ist nicht erhalten, wohl aher Lydgates Text, aus dem sich die 
Beihenfolge der Personen ersehen lässt (s. unten). Vgl. Douce S. 51 ff. 



55 

London II. 'In the tower of London was some tapestry witli 
tlie Macaber Dance' Douce S, 54. Wai-ton, History of engl. Poetry 2, 43. 

Salisbnry. An den Wänden der Hiingerford-Kapelle in der Cathe- 
drale war ehemals eine Gruppe, welche einen um 1460 gemalten 
Jüngling in Lebensgrösse neben einem Tode dargestellte und anscheinend 
der Rest eines alten Totentanzes war. 

Vgl. Doace S. 52. — 'One of these paintings, displaying fignres of a Beau 
and Death was engraved by Thomas Langley, from a drawing by J. Lyons 1748.* 
(J. Britton, Cathedral antiquities Vol. 5 (1836) S. 113.) Eine Abbildung soll 
in Gough's Sepulchral Monuments in Great-Britain T. II aufgenommen sein. 

Stratford (am Avon). 

'From a manuscript note by John Stowe, in his copy of Leland's Itinerary. 
(Vol. IV part 1 p. 69), it appears that there was a Dance of Death in the church 
of Stratford: and the coi^ecture that Shakespeare, in a passage in Measure for 
Measure (Act III sc. 1), might have remembered it, will not, perhaps, be deemed 
rery extravagant He there alludes to Death and the fool, a subject always 
introdnced into the paintings in question.* Douce S. 53. 

Whitehall. Im Schlosse. Gemalt auf Befehl Heinrichs VIII 
(also zwischen 1509 — 1547), 1697 verbrannt. Vgl. Langlois 1 S. 217. 

Wortley Hall (Gloucestershire). 'There was inscribed, and most 
likely painted, "an history and daunce of deathe of all estatts and 
degrees". This inscribed history was the same as Lydgate's, with 
some additional characters.' Douce S. 53. 

Texte. 

Lydgate's Daunce of Machabree. Eine bald nach 1425 vei-fasste 
Bearbeitung der Pariser Danse macabre, welche dem Totentanze des 
St. Pauls-Kloster in London beigefügt war. 

Der Verfasser ist der bekannte englische Dichter John Lydgate. Wie er 
in seinem Prologe (s. oben S. 22) mitteilt, hat er das Original in Paris selbst 
gesehen. Die Beimfolge des Originals hat er zwar übernommen, im übrigen 
dasselbe aber ziemlich frei behandelt und durch Zusätze erweitert. Er selbst 
sagt darüber zu Schluss: 

Dut of the French I drough it of intent 
Not Word by word, but following in substance 
And from Paris to England it sent, 
Only of purpose you to do pleasance. 

Zu Worte kommen bei ihm ausser dem Tode: Papst, Kaiser, Kardinal, König, 
Patriarch, Constabel, Erzbischof, Baron, *Princessin, Bischof, Squire, Abt, Aebtissin, 
Bayly, Astronom, Bürger, Comon Secular, Kaufmann, Kartäuser, Sergeant, Mönch, 
Wechsler und armer Mann, Arzt, Liebhaber, *Edelfrau, Jurist, *John Bikil 
Tregetour, Pfarrer, *Jourrour, Minstral, Arbeiter, Minorit, Kind, Junger Klerk, 
Eremit, King eaten of Worms, The Doctour. (Den der franz. Vorlage nicht ent- 
nommenen Personen ist ein * beigefügt.) 

Gedruckt in ^Wiil. Dougdale's Mouasticum Anglicauum* (Bd. 3 der alten 
Ausgaben), femer als Anhang von 'The Dance of death painted by H. Holbein 
and engraved by W. HoUar (1796. 1804; mit Vorwort von Fr. Douce)'. Das 
den Abdrücken beigefügte Bild, eine Composition des 16. Jahrb., darf nicht für 
den St Paols-Tanz gehalten werden. 

Salisbnry Text. Vgl. bei dem Bilde in Salisbury und S. 37 f. 



56 



Französische Totentänze. 

Bildwerke. 

Amiens. Gemälde in einem Kreuzgange der Kathedrale, der 
früher Cloitre-du-Macabre hiess. Zerstört 1817. 

Vgl. Langlois 1 S. 220 f., wo Verse, die an der Eircfaenmauer zu lesen 
waren, mitgeteilt werden. Dieselben können die Einleitung des Textes gebildet 
haben. Mit der Danse macabre yon 1425 verraten sie keine Verwandtschaft. 

Angers. Im Musee d' Antiquites befindet sich ein Basrelief in 
Nussholz aus dem 16. Jahrh., 83 cm hoch und 166 cm lang, mit 
30 Personen. 

Langlois IS. 217: On remarque un pape, nn cardinal, deux eveques, des 
moines, des chevaHers, deux femmes, dont Tune porte une couronne, et Tantre 
un chaperon, etc. Six des personnages sont en train de danser, et ne sont nolie- 
xnent en garde contre la mort, tandisque les autres tiennent des arcs band^s 
contre celle-ci, qui est k leur centre et qui, tenant une pelle de la maine gaucbe, 
d^coche de la droite un jayelot k ceux qui Tentourent. 

Bar (Dep. Alpes-maritimes). 

Als 'La danse macabre du Bar^ ist von A. L. Sardou in den 'Annales de 
la soci6t6 des lettres etc. des Alpes-maritimes T. VIII (1882) S. 177—189' und 
in einem 1883 erschienenen Sonderabdrucke ein KirchenbUd beschrieben und 
abgebildet worden. Dasselbe ist 1,68 m hoch, 1,27 m breit und frühestens zu 
Ende des 15. Jahrh. in Oel auf Holz gemalt worden. Auf einer Wiese sieht 
man neben einem Spielmann mit Pfeife und Trommel fünf junge Männer und 
ebensoviele Frauen einen Kreis bilden und den Beigen treten, allen hüpfen auf 
dem Haupte ganz kleine Teufelchen, die darauf warten die Seele in Empfang zu 
nehmen, wenn sie mit dem letzten Atemzuge aus dem Munde entflieht. Ausserhalb 
des Kreises der Reigenden steht der Tod mit Bogen und Pfeilen. Ein Tänzer 
und eine Tänzerin, eben getroffen, sind im Begriff hinzustürzen. Ein Toter lieget 
bereits auf dem Erdboden; seine Seele, die als kleines aus dem Munde auf- 
steigendes Kindchen dargestellt ist, ergreift ein Teufel. Einen anderen Teufel 
sieht man eine Seele in den Hölleurachen werfen. Femer sieht man einen Engel 
mit einer Wage, deren eine Schale ein Buch, die andere eine Seele trägt. Eine 
Inschrift auf dem Bilde bietet 33 provenzalische Verse. 

Wie man aus der Beschreibung des Bildes erkennen wird, bietet dasselbe 
durchaus nicht einen Typus der Danse macabre, sondern eine Art Triumph des Todes. 
Möglich, wenn auch unerweisbar, ist freilich, dass der Maler und Dichter eine 
Danse macabre gekannt und von ihr Anregungen empfangen liaben. In diesem 
Falle würde es kein, wenngleich leicht erklärlicher, Zufall sein, dass das bei- 
gefügte Gedicht in den ausgesprochenen Gedanken an den Anfang der Danse 
macabre erinnert, und man würde in den Worten (y. 21 f.) 

la ten'ibla datisa 
Laqual s'appdla ben pcrpetu-al C7'eviansa 
'der schreckliche Tanz, welcher ewiges Brennen (in der Hölle) hcisst' eine 
Keminiscenz an die oben S. 27 angezogene Stelle aus der Dause macabre 

La dance mambrc s^appelle 
finden können. 

Der Text des beigefügten Gedichtes besteht aus 33 provencalisuhen Versen. 
Sie werden von Sardou mitgeteilt, der zugleich bemerkt, dass sie vorher bereits 
in der 'Kevue des langues romanes' (15. Oct. 1878) und, von einer mangelhaften 



57 

Zeichnang des Bildes begleitet, im Bulletin des coxnit6s historiques (Fevr. 1851) 
u. ö. abgedruckt sind. 

Blois. Unter den Arkaden des Schlossliofes befand sich früher 
eine auf Befehl des Königs Louis XII i. J. 1502 gemalte Danse macabre. 

Langlois I S. 207. Erhalten ist eine für den Schauspieler Talma angefertigte 
Copie der menschlichen Figuren. 

La ('haise-Dien (Auvergne). Wandgemälde des 15. Jalirh. in der 
Al)teikirche, 2() m hing, die Figuren sind c. 71 cm hoch. Ein fast 
vollständig erhaltener Gesammtreigen. Der einzige^, aber textlose 
Totentanz Südfrankreiehs. 

Figuren: Sündenfall, Prediger auf der Kanzel, Mönch. Hierauf der 
Beigen des Todes mit Papst, Kaiser, Cardinal, König, Patriarch, Herzog, Bischof, 
Edelmann, Chorherr, Junker, dann Lücke für ein Tanzpaar, Kleriker, Bürger, 
Kanonissin, Kaufmann, Nonne, Sergeant, Frau, Mann, Knappe, Liebhaber, Advocat, 
Spielmann, Wucherer, Arbeiter, Mönch, Kind, Clerk, Eremit, Gruppe von 3 Per- 
sonen (Allerlei Stande ?), Prediger mit einem Blatte in der Hand. (Einige Figuren 
sind von mir vielleicht falsch gedeutet.) 

Abbildung etc. A. Jubinal, La danse des morts de la Chaise -Dien. 
Paris 1841. 4. — Unvollständig und minder gut: Ad. Michel, L'ancienne Au- 
veigne et le Valay. Atlas. Moulins 1847. Fol. Planche 119 — 21 (bzw. 
96—98). — Damach bei Langlois T. II PI. XVII. 

Cherboarg. In einem Seitenschiffe der gotischen Kirche befanden 
sich einzelne zu Ende des 15. Jahrh. hergestellte und 1793 zerstörte 
Basreliefs, von denen nur ein Scelett mit einer Trommel erhalten ist. 
In den einzelnen Gruppen fanden sich alle Stände vom Papst und 
König bis zum Bettler in Figuren, die 70 cm hoch waren. Vgl. 
Langlois I S. 205 f. 

Clermont, (üep. Mayenne). 

^A r^glise de Clermont, pr^s Laval, on yoit uue v6ritable danse macabre, 
tres-remarquable par la conversation et par Tex^cution de la pointure'. Bulletin 
monumental 19 (1853) S. 592. 

Dijon I. Nach einer archivalisclien Notiz hat ein gewisser 
Masoncelle für das Kloster Sainte-Chai>elle 1436 einen Totentanz gemalt. 
Vgl. Peignot S. XXXVII. 

Dijon II. Die Kirche Notre-Üame besass einen Teppich von grosser 
Länge und zwei Fuss Breite, auf Avelchem ein vollständiger Totentanz 
gestickt war. Vgl. Peignot S. XXXVII. 

Dole (Franche-Comte). Langlois I S 219. 

Erbalten sind nur folgende Verse. Tod zum Jttngliug : Ah, galatid, galand, 
Qne tu CS fHngand! S'il te faui-il meiirrc. Anivfort: Ei yn&rt airogan, Prcn 
toiit nw7i argean Et ine laLsse quewre. 

Josselin (Dep. Morbihan). In der Kirche Notre-Üame. 

Tresque repr^sentant une danse macabre qui existe dans une chapelle au 
fond de cette ^glise.' Bulletin monuni. 9 (1843) S. 6. 

Kermaria (Bretagne). Wandgemälde des 15. Jahrh. in der Kirche 
Notre-Dame, auf beiden Seiten des Kirchenschiffes über den Arkaden. 

Die Figuren bilden einen Gesammtreigeu, jede steht in eiuer besonderen 
gemalten Arkade. Es sind ausser dem Tode Papst, Kaiser, Cardinal, König, 
Patriarch, Connetabel, Erzbischof, Kitter, Bischof, (dann jetzt Lücke für 5 Paare,) 



58 

Kartäuser, Sergeant, Mönch, Fräulein (an Stelle des hierher gehörenden fehlenden 
Todes), Wacherer mit dem Armen, Liebhaber, Spielmann, Arbeiter, Franciscaner, 
Kind. Es sind also die Fignren der Pariser Danse macabre ohne Kanoniker, 
Kaufmann, Arzt, Advocat, Pfarrer, Clerc, Eremit, Prediger und totem KOnige. 
Daneben eine Darstellung der drei toten und lebenden Könige. 

Der Text, von dem nur einige Strophen lesbar sind, stimmt mit der 
Pariser Danse macabre vollständig überein. 

Abbildung etc.: Soleil, Les heures gothiques. Ronen 1882. S. 281 — 87. 

Landivisian (Dep. Finistere). An einem Beinhause. 17. Jahrb. 
Vgl. Bulletin monumental 16 (1850) S. 467. 

Paris. Die berühmte Danse macabre, ein Wandgemälde am 
Beinhause auf dem Kirchhofe des Minoritenkloster Aux Saints Innocents. 
Gemalt 1425, zerstört vor 1532. (Vgl. S. 22 ff.) 

Copie des Textes und wahrscheinlich auch des Gemäldes bietet die 1485 
erschienene editio princeps der Danse macabre (siehe bei den Texten). Der 
Reigen des Todes fand darnach unter 16 Arkaden statt, in jeder waren zwei 
Tanzpaare mit je einem geistlichen und einem weltlichen Stande (Papst nnd 
Kaiser, Kardinal und König, etc.). 

Die Oertlichkeit und äussere Geschichte dieses Totentanzes 
behandelt besonders V. Dufour, La dance macabre des SS. Innocents de Paris. 
Paris 1874. — Ders., Recherches sur la dance macabre. Paris 1873. (Nicht 
benutzt; der Verf. will nachweisen, dass ein gewisser Jehan d'Orleans der Maler 
war.) — Paris h travers les äges. Paris 1875—82. Fol. Tom. 1 S. 19 ff. 
(Geschichte des Kirchhofs und der Danse macabre). 

Ploaedem (Bretagne). An einem Beinhause. 17. Jahrh. 
Vgl. Bulletin monumental 16 (1850) S. 457. 

La Roche-Manrice (Dep. Finistere). 

'L'ossuaire est de Tan 1689 . . . Dans cette ornementation, on remarque 
particuli^rement une danse macabre, repr^sentation des diff&rentes conditions de 
la destin^e humaine, sous la forme de divers personnages, comme par exemple, 
le pape, le roi, le Chevalier, le moine, le laboureur, etc., et ä cöt6 d^eux est la 
mort arm6e d^un dard, avec cette devise: „Je vous tue tous.'^ Bull, monum. 16 
(1850) S. 456 f. 

Ronen. Sculpturen aus d. J. 1526 — 29. An den 31 Säulen des 
Kreuzganges, welche den Kirchhof des Klosters St. Maclou einschliessen, 
befindet sich je eine Gruppe unter den Capitälen. 

Abbildungen etc. bei Langlois 1 S. 31 ff. Erkennbar sind noch der 
Sündenfall, Kaiser, König, Conuetabel, Herzog, Papst, Cardinal (oder Legat), 
Bischof, Benedictinerabt, Kartäuser n. a. An den Säulen der einen Seite sind 
Sibyllen nnd allegorische Darstellungen der Tugenden. 

Sainte-Marie-anx-Anglais (^»lormandie, bei Lisieux). Wandgemälde 
in der Kirche. 

'Sous le badigeon qui s'6caille, on voit paraitre une de ces Danses Macabres 
si c^lebres et si rares en France.^ Zeitungsnotiz v. J. 1844, mitgeteilt bei 
Kastner S. 107. 

Si-Onen-des-Vallons (Dep. Mayenne). 

'En d^molissant notre vieille 6glise de St-Ouen-des-Vallons, nous avons 
retrouv^ sous un badigeon qui les recouvrait, de vieilles peintures murales tr6s- 
curieuses. Elle repr^sentaient une sorte de danse macabre.* BolL monum. 19 
(1853) S. 591 f. 



59 

Somme-Py (Dep. Marne). 15. Jahrb. An einem Kirchenpfeilcr. 

'Les piliers sont compos^s de 9 colonnes r^unies en faiscean et couronn^s 
d'im large chapitean . . . Le plus curienx en est an qni repr^sente une danse 
macabre d'nn dessin assez 8oign6 et compos6 d'une vingtaine de personnages; 
malhenreusement la bantenr ä laqnelle il est plac6 empeche qn'on le puisse 
fadlement studier.' Bulletin monumental 17 (1851) S. 408. 

Texte. 

Wie S. 10 ff. nachgewiesen ist, hat es bereits im 14. Jahrb. 
einen französischen Totentanztext gegeben. Dieser Totentanz liegt nur 
noch in mittelniederdeutscher und spanischer Umarbeitung vor. Erhalten 
ist nur der französische Text, weicher ursprünglich zu dem 1425 
gemalten Totentanze des Klosters Aux Innocents zu Paris gehört hat. 
Es sind zwei Fassungen zu unterscheiden (vgl. oben S. 21). 

La danse macabre in kfirzerer Fassung. Einige Strophen haben 
sich auf dem Gemälde in Kermaria erhalten. Ausserdem bieten ihn 
auf ihren philologischen Wert noch nicht untersuchte Handschriften 
und ein alter Druck v. J. 1485. 

Handschriften: Paris Bibiloth^que nation. Fonds lat. 14 904; ebd. 
Fonds firan(;. 25550; Lille, Bibl. publ. — Druck: La danse macabre, Paris, 
Qny Marchant, 28. Sept. 1485. Fol. (Ein einziges Exemplar, in Grenoble. 
Genaue Beschreibung von Champol lion Figeac in Millin's Magazin encyclop6dique 
1811 Decembre, S. 355—369; Peiguot S. 95; Massmann S. 91.) 

Neudruck mit getreuer Nachbildung der Holzschnitte bei Le Boux de 
Lincy et Tisserand, Paris et ses historiens etc. (1867) S. 293 ff. (leider sind 
die Strophen der erweiterten Fassung v. J. 1486 ohne Scheidung beigefügt) und 
bei Dttfour, La dance macabre S. 120 ff. 

La danse macabre in erweiterter Fassung. Dieselbe ist 148G 
zuerst gedruckt und, mit andern Dichtungen vereinigt, als Volksbuch 
in sehr vielen Drucken wiederholt worden. . 

Personen etc. (Die eingeklammerten Figuren finden sich nur in dieser, 
nicht aber in der kürzeren Fassung.) Acteur, (1 — 4. roort), pape, empereur, 
cardinal, roy, (l^gat, duc), patriarche, conn6stable, archevesque, Chevalier, ev^sque, 
escuier, abb6, bailly, astrologien, bourgois, chanoine, marchant, (maistre d^escole, 
bomme d'armes), chartreux, sergent, moine, usurier & povre homme, m^decin, 
amourenx, advocat, m^nestrei, cur6, laboureur, (promoteur, g6olier, p61erin, bergier), 
cordelier, enfant, clerc, hermite mit 2 toden, (hallebardier, sot), roy mort, acteur. 

Drucke. Editio princeps: Miroer salutaire pour toutes gens. Paris, 
Guyot Marchant, 7 juin 1486. — Diese und 24 andere in Paris, Lyon, Troyes, 
Bouen und o. 0. 1486 — 1729 erschienene sind von Massmann S. 92 — 109 aus- 
führlich beschrieben, desgl. von Langlois 1, S. 331 ff. — Die Drucke des 
18. Jahrb. ans Troyes bieten den Text verstümmelt, willkürlich geändert und in 
modemislrter Sprache. 

Neudrucke: La grande danse macabre des hommes et des femmes 
pr6c^6e du dict des trois mors et des trois vifz du debat du corps et de Tame, 
et de la complaincte de Tame dampn6e. Parin, Baillien o. J. (c. 1860). 4<'. (Der 
Text wiederholt die editio princ. v. 1486 ; die Holzschnitte sind die einer späten 
Ausgabe aus Troyes.) — Collection de poesies, roraans, chroniques etc. publik 
d*apr^s d'anclens mss et d'apr^s des Mitions des XV. et XVI. siöcles. Livr. 24. 
Paris, chez L. Potier (1858). (Wiederholt La grant danse macabre etc. imprime 
a Paris XVn. C.) 



60 

lleures. Seit der zweiten Hälfte des 15. JahrL finden sich in zahlreichen 
französischen u. a. unter dem Titel Henres, Horae» Hoors etc. erschienenen 
Gebetbüchern als Randverzierungen Grnppen der Danse macabre und dazu 
gehörige Verse. 

Bibliographische Beschreibungen und Verzeichnisse geben Brunet, Nouvelles 
recherches bibliographiques T. 3; Ders., Manuel du libraire 5 fed. T. 6, Sp. 1553 fF. 
Massmann, Litter., S. 110 ff.; F. Solei), Les heures gothiques. Ronen 1882. 

Eine 'Danse macabre, in^dite, manuscrit d' Anne de Bretagne' wird von 
A. du Sommerard, Les arts au Moyen-Age T. 1 (1838) S. XIV (Division, chap. 8) 
erwähnt. Vermutlich ist ein Gebetbuch gemeint. 

Alte Uebersetzungeu der Dause macabre giebt es in mittelniederdeutscher, 
englischer (von Lydgate), italienischer (Ballo del morte), lateinischer (von Desrey) 
und spanischer Sprache (von Carbonell). 

Nachahmung: La grande dance macabre des femmes que composa 
maistre Marcial de Paris, dit d' Auvergne, procureur au parlemeut de Paris. 
Publi6 par P. L. Miot-Frochot. Paris 1869. 



Italienische Totentänze. 

Bildwerke. 

(Insone (Prov. Bergamo). Aus dem 15. Jahrh. Am Giebel der 
Kirche de' disciplini ist al fresco der Triumph des Todes und dai'unter 
ein Totenreigen dargestellt. 

Abbildung etc.: 0. Vailardi, Trionfo e danza della morte a Clusone. 
Milano 1859. 4. — Nur weltliche Personen nehmen am Reigen teil, jede trägt 
eine Summe Geldes in den Händen: Edelfrau, Flagellant, Bettier, Alchimist (?), 
Arkebusier, Kaufmann, Jüngling, Magister, Arzt (?), Richter (?), Edelmann. — 
Eine kurze Inschrift lässt den Tod sagen, er halte über Alle gleiches Gericht, 
er wolle sie selbst, nicht ihr *Geld. 

Como. Frescogemäldc an der Aussenseitc der Kirche des h. 
Lazarus. Aus dem 15. oder IG. Jahrh. Die Figuren in Lebensgrösse 
bilden einen Reigen. 

Abbildung: C. Zardetti, Danza della morte depinta a fresco sulla 
facciata della chiesa di San Lazzaro fuori di Gomo. Milano 1845. Erkennbar 
sind die Reste von 8 aufeinanderfolgenden Paaren; im 4. — 6. tanzen weibliche, 
in den übrigen männliche Personen. 

Ferrara I. Fresco im Palazzo della Ragione. 

'La Stauza della Gonforteria 6 tutta ne' muri dipinta con una bizarra in- 
venzione del Ballo della Morte, con yarj Scheletri, che menano al Ballo diverse 
condizioni di Persone con alcuni Versi air antica scritti al di sotto; lavoro di 
Bernardino de' Flori V anno 1520.* 

Barotti, Pitture e scolture di Ferrara (1770) S. 192. Vgl. Cittadella, 
Notizie relative a Ferrara 1864, S. 334 not. 1. 

Ferrara IF. Fresco in der Kirche S. Benedetto. c. 1500. 

'^A di 6 de Octobre 1499 Lodovigo da Modena (depintore) de havere a 
hon conto livre 17 de m. et queste sono per havere depinto lo iTalo de la morte 
in la sagrestia, daccordo" etc. Gitadella, Documenti risg. la storia artistica ferra- 
rese. 1868. S. 84; Revue critique 13, S. 37. 



Sl 

Text. 

El ballo della morte. Handschrift des 15. oder 16. Jalirli. in 
dor Riccardiana in Florenz. Uebersetzung und Nachbildung der kürzeren 
Fassung der französischen Danse macabre, die von dem Verfasser um 
einige ungeschickt eingereihte Personen aus eigener Erfindung (Pauper, 
Aniorosa, Senator, Praepositus, Scolare u. a.) vermelirt ist. 

Abgedruckt bei Pietro Viego, Le danze macabre in Italia. Stndi. Livorno 1878. 



Lateinische Totentänze. 

Lateinische Totentanztexte liegen in Drucken und Handschriften 
vor, sie sind sämmtlich Uehersetzungen erhaltener Originale, also ohne 
selbständigen Wert. 

1. Eine Uebersetzung des deutschen vicrzeiligen Totentanzes ist 
zusammen mit diesem in dem Heidelberger Cod. pal. 314 enthalten, 
der in den J. 1443 — 47 geschrieben ist. 

Anfang: tos viventes Imius mundi sapientes Cordibns opponite duo verba 
Christi venite Nee nunc et ite per primnm janua vitae etc. Vgl. Massmann, 
Ha.sler Totentänze S. 123. 

2. Die jüngere erweiterte Fassung der französischen Dance 
macabre ist von Pierre Desrey aus Troyes, der sonst als Verfasser 
mehrerer 1492 — 1514 erschienener chronikalischer Compilationen 
bekannt ist, in lateinischen Versen übersetzt. Seine Bearbeitung ist 
1490 im Dnick erschienen und 1499 wiederholt. 

Erster Druck (v. J. 1490): Chorea ab eximio Macabro versibus alenia- 
nici.s edita et a petro desrey trecacio quodam oratore nnper emendata. Parisiis 
per magistmm guidonem Mercatorem pro Quidonem Mercatorem pro OodeiTrido 
de Mamef. Fol. — 2. Druck v. J. 1499. — Neu abgedruckt im Speculnni 
omninm statnnm etc. Anetore Boderico Episcopo Zamorensi etc. editum ex 
bibliotheca Melchioris Goldasti. Hanoviae 1613. 4^ S. 231 — 277. — Monnmeuts 
de la Xylographie VII. Danse macabre reprodaite en fac-8imil6 . . . par Adam 
Pilinski. Paris 1883. Fol. 

Der im Titel enthaltene Hinweis anf einen deutschen Verfasser des Originals 
Namens Macabms kann nur einer blossen Vermutung des Uebersetzers seine Ent- 
stehung verdanken. 

3. Eine von Caspar Laudismann verfasste Uebersetzung des 
Gross-Baseler Textes aus dem 16. Jahrh. 

Sie ündet sich in C. Landismanni Decennalia mnndanae peregrinationis 
1584 (s. Fabricins Bibl. med. et inf. latinitatis 5, 3) und in H. Fröiichs Zwen 
Todtentänz. Vgl. Hassmann, Litteratur S. 30. 



Niederländischer Totentanz. 

Während alle übrigen Länder des Abendlandes Totentänze auf- 
weisen, findet sich in den Niederlanden auffälligerweise keine Sjnir 



6^ 

eines solchen aus mittelalterlicher Zeit ^). Denn der Titel eines kleinen 
Schriftchens, 'De nederlandsche Doodendans door J. C. Schultz Jacobi. 
Utrecht 1849. 8°\ das wie ein Hinweis auf einen alten Totentanz 
mitunter citirt wird, ist insofern irreführend, als in diesem Schriftchen 
nicht von einem Litteratur- oder Kunstdenkmal gehandelt wird, sondern 
von einem bei den Kindern in Holland und Nordfrankreich beliebten 
Kartenspiel, in welchem der Verfasser eine Erinnerung an die alten 
Totentänze wiederfindet. Dieses Spiel wird nämlich mit Karten gespielt, 
von denen eine den Tod, eine andere das Leben darstellt, auf den 
übrigen erscheinen Kaiser, König, Bischof, Prinz, Fürst, Graf, Junker, 
Jäger, Kapitain, Fähnrich, Soldat, Kaufmann, Bote, Schiffer, Hand- 
werker, Bauer, Knecht imd ausserdem noch die Frauen von allen 
diesen.*) Jacobi, der sehr verschiedene Diiickabzüge dieser Karten 
gesammelt hat, teilt als Aufschrift eines Exemplars derselben die 

Verse mit: 

Deez' prente strekke a, lieve jeugdl 
Tot tydverdrüf, Termaak en vreugd; 
En leere u, hoe, van keizer af, 
Elks deel op't laatsten is het graf. 

Wenn, wie es scheint, diese Karten auf alte niederländische 
Totentanzbilder zurückdeuten, so beweisen sie zugleich, dass jene 
Bilder dereinst grossen Eindruck auf das Volk gemacht haben. Zu 
derselben Annahme nötigt auch die Beobachtung, dass in früheren 
Jahrhunderten die Vorstellung eines Totenreigen volkstümlich gewesen 
sein muss. So beginnt ein Tanzlied des 17. Jahrb.') 

Voegd u aen de krans 
Van ons Dooden-dans 
Overleede Mans 
Die kreupel gaen etc. 

und in einem älteren Liede niederländischen Ursprungs aus dem Ende 
des 15. Jahrh. heisst es vom Tode*) 

We myt em hen mot spryngen, 
He nympt en bi der hant. 

Auf eine Darstellung des Todestanzes in Brügge v. J. 1449 ist 
S. 15 und auf den niederländischen Ursprung eines erhaltenen nieder- 
deutschen Totentanztextes S. 9 hingewiesen worden. 



') Vgl. N. C. Kist, Het humoristische karakter der christelvjke kunst, zigtbaar 
vooral in de kerkelijke architectuur en de doodendansen (Archief voor kerkelgke 
geschiedenis, inzonderheid van Nederland. Deel 15. Leiden 1844. S. 369 ff.) S. 424 ff. 

') Ob das in Deutschland von den Kindern gespielte Tod und Leben' aus 
dem holländischen Kartenspiel hervorgegangen ist? 

*) G. Kalff, Het Lied in de middeleeuwen. Leiden 1883. S. 527 f. 

*) Veghe, hrsg. von Jostes (1883) S. 392; Hölscher, Geistliche Lieder nr. 68. 



63 



Polnischer Totentanz. 

Krakan. Im Bernhardinerkloster. Ein Oelgemälde auf Leinwand 
ans dem 18. Jahrh. Im Mittelbilde sieht man neun Frauen verschie- 
denen Standes und ebensoviele Skelette um einen Sarg einen Ringel- 
reihen ausfuhren. Umgeben wird das Mittelbild von 12 kleineren 
Bildern, deren jedes ein Tanzpaar enthält, nämlich den Tod und Papst, 
Kaiser, König, Kardinal, Bischof, Polenfiirst, Graf, Edelmann, Kauf- 
mann, Bauer, Soldat nebst Bettler, Kind nebst Narr. Beigefügt ist 
jedem Bilde eine Strophe mit vier polnischen Versen. 

Beschreibang: 'Mittheilangen der k. k. Central-Commission. Jahrg. 14 
(1869) S. XYIII — XX.' Die hier ausgesprochene Ansicht, dass das Gemälde die 
Copie eines altem Gemäldes, etwa des 15. oder 16. Jahrh. sei, ist irrig. Wie 
ich an einem anderen Orte nachzuweisen gedenke, ist zu dem Krakauer Toten- 
tanze ein Kupferstich von Joh. Jac. Ridinger (gest. 1795) benutzt. 



Spanische Totentänze. 

Ein monumentaler Totentanz ist in Spanien bisher noch nicht 
nachgewiesen, dagegen sind spanische Totentanzdichtungen erhalten. 

La danza general de la mnerte, deren Entstehung gewöhnlich 
um das Jahr 1360 gesetzt wird, ist die älteste der spanischen Toten- 
tanzdichtnngen. 

Die Bedeutung, welche gerade dieser Text besitzt, rechtfertigt eine aus- 
führlichere Inhaltsangabe. Der 79 achtzeilige Strophen bietenden Dichtung geht 
in der Handschrift, ein kurzer Prologo en la iraslada^ion in Prosa voran. Von 
Belang ist in dieser Üeberschrift das Wort traslada^on, welches darauf hinweist, 
dass das Gedicht aus einer andern Sprache übersetzt ist. Das Qedicht selbst 
beginnt mit vier Strophen, in denen der Tod seine Macht darlegt. Die erste 
lantet (in Kleines XJebersetzung) : 

Ich bin der Tod, der allen Creaturen 

Gewiss ist, die in dieser Welt hier leben. 

Was folgst du eifrig eines Daseyns Spuren, 

Das du, Mensch, so schnell dir siehst entschweben ? 

Wenn^s keine Riesen, stark genug, kann geben. 

Zu trotzen meines Bogens straifem Nerv, 

Trifft dich der Pfeil auch tödtlich, den ich werf, — 

Hin sinkst du, um dich nie mehr zu erheben. 

Darauf erscheint ein Prediger, welcher in 3 Strophen unter Berufung auf 
die heilige Schrift ausführt, dass alle Geborenen sterben müssen, und zur Voll- 
bringong guter Werke mahnt. *Thut Busse, bereuet häufiger euere Sünden, wie 
ihr Vergebung hoffiet von dem, der Macht zu vergeben hat. Säumet nicht, denn 
schon beginnt der Tod seinen schauerlichen Beigen, dem ihr nicht entrinnen 
könnt. Oeffhet die Ohren seinem trauervoUen Gesänge!^ Darnach fordert der 
Tod die Menschen jeglichen Standes zum Todestanze (a la dan^ morial) auf. 
Wem es nicht beliebe, den werde er mit Gewalt holen. Zuerst ruft er zwei 
Jungfrauen auf. „Jetzt fordere ich zu diesem meinem Tanze die beiden schönen 



64 

Jungfrauen auf. Sie kamen in der üblen Absicht, meine Gesänge, welche so 
betrübend sind, anzuhören.'' Nicht Blumen noch Schmuck würden ihnen helfen, 
sie seien ihm verlobt. Dann wendet sich der Tod au den heiligen Vater. Da 
derselbe so gewaltig sei und seinesgleichen nicht in der ganzen Welt habe, so 
solle er im Reigen den Vortanz haben. Der Papst jammert, dass ihm alle seine 
Machtbefugnisse und Ehren hier nichts nützen und ergiebt sich, Jesus und die 
Jungfrau Maria anrufend, in sein Geschick. Mit dem Papst beginnt das Zwie- 
gespräch des Todes mit den Vertretern der geistlichen und weltlichen Stände, in 
welchem der Tod und der von ihm zum Tanze Aufgeforderte je eine Strophe 
sprechen. Nach einander werden nun zum Tanze vom Tode aufgefordert: Kaiser, 
Cardinal, König, Patriarch, Herzog, Erzbischof, Condestable, Bischof, Ritter, Abt, 
Knappe, Dechant, Kaufmann, Archidiaconus, Advocat, Domherr, Arzt, Pfarrer, 
Bauer, Mönch, Wucherer, Ordensritter (el frayre), Pförtner des Königs, Eremit, 
Cassirer, Diaconus, Steuereinnehmer (Recabdador), Subdiaconus, Küster, Rabbi 
Meldaredes, der maurische Hohepriester (el alfaqui), der Almosensammler (el 
santero). Zum Schluss fordert der Tod alle diejenigen auf, welche er nicht 
besonders genannt hat (lo que dise la muerte a los que nou nombro). — Wenn 
auch die altspauische Danza general de la muerte eine Üebersetzung ist, so ist 
doch nicht zu verkennen, dass ihr Verfasser das französische Original nicht allein 
in sehr freier Umgestaltung wiedergegeben, sondern dasselbe auch durch eigene 
Zusätze erweitert hat. Sicher sind eigene Zusätze diejenigen Strophen, welche 
sich auf Würdenträger beziehen, welche nicht in Frankreich, sondern nur im 
alten Spanien vorkamen, wie z. B. el Alfaqui, der maurische Priester, oder nur 
in Spanien zu besonderer Geltung kamen, wie der Rabbi und der Recabdador. 
Ferner steht es im Widerspruch zu Str. 11, in welcher der Tod dem Papste aus- 
drücklich als ihm gebührende Ehre den Vortanz zuerteilt (e desie my dan^xi sera 
(/uiadorj, wenn trotzdem vor dem Papst der Tod zwei Jungfrauen zum Tanze 
auffordert. Es müssen also auch die an diese gerichteten Strophen 9 und 10 
ursprünglich gefehlt haben. Wenn Amador de los Rios und Wolf (Beiträge zur 
Gesch. d. castilischen Nationalliteratur S. 133) Recht haben, ist die Danza general 
1360 entstanden. Diese Annahme ruht jedoch auf sehr schwacher Grundlage; 
sie stützt sich wesentlich darauf, dass dieselbe Handschrift, welche sie enthält., 
ausserdem noch ein sicher im 14. Jahrh. verfasstes Gedicht enthält. Die 
Ergebnisse der S. 8 if. geführten Untersuchung sind der Annahme, dass die 
Danza general das ihr von jenen Gelehrten zugesprochene Alter hat, nicht günstig, 
und es scheinen diejenigen im Rechte zu sein, welche sie nicht über das 15. Jahr- 
hundert hinaufrücken. Diesem muss sie freilich spätestens angehören, da die 
Handschrift bereits so alt ist. 

Ausgaben: Ticknor's Geschichte der schönen Litteratur in Spanien, 
deutsch von Julius. Th. 2. S. 598 — 612. Correcter ist der Abdruck in den 
Poetas castellanos anteriores al siglo XV, colleccion hecha por Toraas Ant. Sanchez 
continuada por Pedro Jos6 Pidal, considerablemente aumentAda e illustrada por 
Florencio Janer. Madrid 1864, S. 379 — 385 (Biblioteca des autores espan. etc. 
vol. 57). — Einzelausgabe mit Facsimile : La danza de la muerte, poema castellano 
del siglo XIV, public, etc. por Flor. Janer. Paris 1856. 

Inhaltsangabe etc. bei Jos6 Amador de los Rios, Historia critica de 
la literatura espauola Tom. 4. Madrid 1863. S. 491—508; J. L. Klein, 
Geschichte des Dramas VIII. Das spanische Drama. Bd. 1. Leipzig 1871. 
S. 261 — 283. Vgl. femer Ludw. Garns, Darstellung der span. Litter. im Mittel- 
alter. Bd. 2 (1846) S. 305 f. 

Erweiterung: La dan^a de la muerte. Ympressa etc. Sevilla 1520. 
Neuer Abdruck bei Amador de los Rios a. a. 0. Tom. 7. S. 507 — 540. Eine 
durch viele neue Personen auf 136 Strophen erweiterte Bearbeitung. 



65 

CarbonelFs Dan^a de la mort. Catalonische Übersetzung der 
französisen Danse macabre in kürzerer Fassung, vermehrt durch einige 
neue Personen. Die Übersetzung muss spätestens i. J. 1497 gemacht 
sein, da bereits zu Schluss desselben Jahres Carbonnell eine Fort- 
setzung der Dan^a verfasst hat. 

Ausgabe. Opuscnlos in^ditos del crouista catalan Pedro Miguel Car- 
bonell llnstrados etc. por Manuel de Bofarull y de Sartorio. Tom. 2. Barcelona 
1865 (= Coleccion de documentoa ineditos del archivo general de la Corona de 
Aragon) S. 267—296. 

Die Fortsetzung 'Carmina in tetrae mortis orrendam coream diebus festis 
Jesu Christi Maximi nataliciis anni saiutis M.CCCCXCVII dum vulgus incertnm 
Indis taxilariis yacaret composita^ ebd. S. 297 £f. 

Anfang: creatura rahonable, Qui desiges vida terrenal Tu has a^i regia 
notable Per ben finir vida mortal La present danga que veus tal Es de la mort 
poc delitosa Morir a tots es natural La mort es vil molt odiosa. — Personen: 
Papa, Emperador, Cardeual, Rey, Patriarcha, Capita o Conestable, Archabisbe, 
Tavailer, ßisbe, Gentilhome, Abbat, Governador, Astrolec, Bnrges, Canonge, Mer* 
cader, Cartuxa, Porter, Monio, Usurer, (die dem 'armen Manne' in dem franz. 
Originale beigefügte Strophe folgt hier mit der Überschrift: Paria la mort mes 
avant contra lo Usurer), Metge, Enamorat, Advocat, Ministrer, Curat, Cavador, 
Frare menor^ Infant, Schola, Hermita, Donzella, Monge, Vidua, Maridada, Notari, 
Rey que lau dins nna tomba o moniment. — Über die Subscription in der Hand- 
schrift vgl, oben S. 28. 

Des Tuchscherers Juan de Pedniza Tarsa llamada Dan^a de la muerte' 
V. J. 1551 ist neu herausgegeben und besprochen von Ferd. Wolf *Ein spanisches 
Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz', in den Sitzungsberichten der K. Akad. 
d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Classe Bd. 8 (1852) S. 114—150 und von Ed. Gon- 
zales in den 'Autos sacramentales desde su origin hasta fines del sigio XVII. 
Pedroso 1865/ Dieses Dramn, in welchem ausser dem Tode Papst, König, Dame, 
Hirt, Vemnnft, Zorn und Verstand agiren, ist keine Dramatisirnng eines eigentlichen 
Totentanzes. Immerhin ist es ein Zeugnis dafür, dass der Totentanz dereinst 
auch in Spanien volkstümlich war. 



Holbeins Todesbilder. 

Wie Goethes Bearbeitnng des Reineke Fuchs die alte Dichtung 
Leserkreisen zuführte, welche der Litteratur des Mittelalters sonst 
keine Aufmerksamkeit schenkten, so erhielten Ilolbeins Todesbilder 
(las mittelalterliche Totentanzmotiv der modernen Kunst. 

Angeregt durch den alten Totentanz seiner Vaterstadt Basel 
zeichnete der jüngere Ilolbein eine Folge kleiner Bildchen, welche, von 
seinem Landsmannc Hans Lützclb erger in Holz geschnitten, eine 
eigenartige Umbildung seines Vorbildes bieten. Es ist, genau ge- 
nommen, falsch, wenn jene Bildchen von Alters her 'Ilolbeins Toten- 
tanz' genannt werden, doch knüj)ft ihre Entstehung an den mittel- 
alterlichen Totentanz an, und anderseits sind fast alle später entstan- 
denen Totentänze durch HoUieins Zeichnungen beeinflusst. 

Der älteste Typus der Totentanzgemälde war, wie die Über- 
einstimmung der ältesten französischen und niederdeutschen Dar- 

Niederdeutsches Jahrbuch XVII. >^^^^ '""^^^.S'S^ 

UNIVIAvSJTY ) 



66 

Stellungen beweist, der Ketten- oder Ringelreigen. Sämtliche Tanz- 
paare bilden eine lange, zusammenhängende Kette, in welcher jede 
Figur eine Hand dem Nachbar zur Linken, die andere dem zur 
Rechten reicht. 

Ein jüngerer Typus entstand durch Auflösung des Ketten- 
reigens in einzelne Tanzpaare. Nur dem eigenen Tanzpartner reicht 
der Tod die Hand oder tritt mit ihm auch ohne Handreichung zum 
Tanz an. Beispiele bieten die mittelalterlichen Totentänze Süddeutsch- 
lands, auch die gedruckten. Während der älteste Typus sämtliche 
Paare notwendigerweise tan derselben Stelle — gewöhnlich einer Wiese 
— und zu derselben Zeit den Reigen treten lassen musste, fiel diese 
Notwendigkeit bei der Auflösung in Einzclpaare, sobald jedes Tanzpaar 
seine besondere Bildfläche erhielt, zwar fort, thatsächlich wurde aber 
gegen die alte Anschauung, dass der Tanz aller Paare auf derselben 
Stelle zu denken sei, im Allgemeinen nicht Verstössen. Nur die Holz- 
schnitte des hochdeutschen achtztnligen Totentanzes und die Lübecker 
Drucke bieten einige nicht sehr in die Augen fallende Ausnahmen, 
indem einigemal der Fussboden wechselt. 

Eine Abart dieser Typen liegt vor, wenn der Reigen in einen 
Tanzaufzug, in welchem die Paare hinter einander herschreiten, ver- 
wandelt wird. 

Der Holb einsehe Typus ist aus dem jüngeren Typus, wie 
er in Basel dem Künstler vor Augen stand, entwickelt. Auf Einheit 
des Ortes, der Zeit und der Handlung verzichtend, löste Holbein nicht 
nur nach Art der gedruckten Totentänze den Totentanz in Einzelbilder 
auf, sondern er Hess auch das Tanzmotiv fallen. Nicht die Allegorie, 
dass der Mensch nach der Pfeife des Todes tanzen muss, kommt in 
seinen Bildern zum Ausdinick, sondern der allgemeine (Jedanke, dass 
Jeder unerwartet vom Tode heimgeholt wird. Von dem Zwange des 
gleichen Ortes und des Tanzmotivs befreit, konnte Holbein, der nur 
den Wechsel und die Abstufung der Stände beibehielt, jedes Bildchen 
selbständig und unabhängig von den übrigen gestalten und somit seiner 
künstlerischen Erfindungs- und Gestaltungsgabe ohne Schranken Raum 
geben. Die Scenerie ist überall verschieden, das Tanzmotiv nur ver- 
einzelt beibehalten, häufig sind dem Tode und dem ihm verfallenen 
Menschen noch andere Personen beigefügt. Dem Könige last Holbein 
den Tod während des Mahles an reich besetzter Tafel die Schale 
reichen. Auf dem Schlachtfelde durchbohrt der Tod den verzweifelt 
gegen ihn kämpfenden Krieger mit der Lanze. Auf stürmischer See 
tritt er unter die Mannschaft eines scheiternden Schiff'es. ilr tritt zum 
Arzte, in dessen Studierzimmer er einen kranken (ireis geführt hat usw. 

Die Auflösung des Gesamtbildes in Einzelgruppen, die Klein- 
heit und Zierlichkeit der Holzschnitte an Stelle der monumentalen 
Kirchenbilder machten die Holbeinschen Zeichnungen des grossartigen 
Eindinickes verlustig, welchen die durchgeführte Einheit der Conception 
und die elementare Wirkungskraft grosser Verhältnisse den monumen- 
talen Totentänzen gesichert hatten. Anderseits überragten die Hol- 



67 

beinschen Holzschnitte, nach dem Urteile sachkundiger Kenner aucli 
heute noch unübertroffene Meisterwerke, nicht nur in künstlerischer 
Beziehung alle alten gemalten und gedruckten Totentänze, sie ent- 
sprechen gerade durch ihre Zierlichkeit und den mannigfaltigen Inhalt 
der Vorliebe des sechzehnten Jahrhunderts für die Kleinkunst und 
lehrhaft moralischen Inhalt, eine Vorliebe, die sich bekanntlich auch 
auf dem Gebiete der Litteratur in breitester Weise durch die Bevor- 
zugung der gnomischen und satirischen Dichtung äussert. 

Holbeins in Buchform 1538 erschienener Totentanz war bald in 
zahllosen Abdrücken und Nachstichen in fast allen Ländern verbreitet. 
Während in Frankreich die alte Danse macabre als Volksbuch neben 
den Holbeinschen Zeichnungen sich erhielt, verdrängten diese in Deutsch- 
land sämtliche altern Druckwerke, wenn man von den Merianschen 
Kupfern des Basler Totentanzes absieht, vom Buch- und Kunstwerke 
und werden noch heute häufig herausgegeben und nachgeahmt. 

Die französischen vierzeiligen Verse, welche Corozet der ersten 

in Lyon erschienenen Ausgabe beigefügt hatte, wurden für spätere 

Ausgaben von Luthers Schwager Georg Aemilius (eig. Ömmel) in 

das Lateinische übersetzt. Deutsche Reime fügte an ihrer Stelle der 

Lehrer Fischards, der geniale Bearbeiter des Grobianus, Caspar 

Seh ei dt hinzu. Diese erschienen L^)rj7 zu Worms und wurden bereits 

im folgenden Jahre in das Niederdeutsche mehr umschrieben, 

als übersetzt. 

Vgl. A. Woltinann, Ilolbcin und seine Zeit, 2. Aufl. (1874) Bd. L, S. 258 ff., 
IL S. 174 ff. und die übrige 8. 39 angegebene Litteratur. 

Ausgaben. Das vollstflmligste Verzeichnis der Drucke der Holbeinschen 
Todesbilder und seiner Nachahmungen bietet M assin an n, Litteratur der Toten- 
tänze, 8. 7 — Gl. Bevor ITolbeius Zeichnungen 1538 in Lyon als Buch erschienen, 
waren .schon in Basel von den Holzstöcken Probeabzüge hergestellt. (Facsi- 
mile: Hans Holbein's Dance of Death, illustr. by a series of photho-lithogr. 
facsiniiles of the first edition in the British Museum. By H. Noel Humphreys. 
London 1868. — Holbeins Totentanz. Nach dem Exemplar der ersten Ausgabe 
im Kgl. Knpferstichcabiuet zu Berlin in Lichtdruck nachgebildet von A. Frisch. 
Hrsg. von Frdr. Lippmann, Berlin 1879. Später auch mit engl. Texte). — Die 
erste Buch ausgäbe mit Text: Les simulachres & historiees faces de la mort 
etc. Lyon (Melchior et Gaspar Trechsel fratres). 1538, kl. 4^ (Facsimile- 
ausgaben: The Holbein-Society's Fac-simile Reprints. Les Simulachres etc. 
translat. and ed. by Henry Green. Manchester and London 1869. 4®. — Lieb- 
haber-Bibliothek alter lUnstratoren in Facsimile-Reproduction. Bdch. 10. München 
1884. 4**). — Die erste Ausgabe mit lateinischem Texte: Imagines de morte 
et epigrammata e GalHco idiomate i\ Georgio Aemylio in Latinum translata. 
His accesserunt Medicina animip etc. Lugduni, 1542. 8^ — Scheid t^s Über- 
setzung erschien zuerst 1557: Der Todten-Dantz, durch alle Stende vnd Geschlecht 
der Menschen. Mit sampt der heylsamen Artney der Selen. Im Jar MDL VIT. 8^ 
— Niederdeutsch: De Dodendantz, dorch alle Stende vnd Gesiechte der 
Minseken, darin er herkumst vnnd ende, nichticheit vnd sterfflicheit, alse in enem 
Spegel tho be.scboweude vorgebildet, vnd mit schunen Figuren getzieret. Sampt 
der heilsamen Arstedie der Selen. D. Urbani Regij. MDLVIII. 8®. [Berlin, 
Helmstädt, Wolfenbüttel. Vergl. Bruns Beiträge S. 324. Korrespondenzblatt 4, 96.] 

5* 



68 

Figuren etc. (nach der Ausgabe von 1538): Erschafihing Eyas, Sünden^ 
fall, Vertreibung ans dem Paradiese, Adam bant die Erde. Mnsicirende Gerippe, 
Papst, Kaiser, König, Cardinal, Kaiserin, Königin, Bischof, Herzog, Abt, 
Aebtissin, Edelmann, Domherr, Richter, Fürsprech, Batsherr, Prädicant, Pfarrer, 
Mönch, Nonne, Altes Weib, Arzt, Astrolog, Beicher, Kaufmann, Schiffer, Ritter, 
Graf, Altmann, Gräfin, Edelfran, Herzogin, Krämer, Ackermann, Kind, Jüngstes 
Gericht, Wappen des Todes. (In der Lyoner Ausgabe von 1545 ausserdem noch 
Kriegsmann, Spieler, Säufer, Narr, Räuber, Blinder, Kärtner, Siecher, Kindergrnppen). 
— Die Probeabztlge zeigen eine andere Figurenfolge, voranstehen die biblischen 
Scenen, dann folgt die Reihe der geistlichen Würdenträger vom Papst bis zur 
Nonne, dann die der weltlichen vom Kaiser bis zum Ritter, zu Schlnss die 
bürgerlichen Stände, der Richter, Fürsprech usw. 

Initialen. Ausser den Todesbildem hat Holbein ein Alphabet Initial- 
buchstaben angefertigt, in und um welche Gruppen mit dem Tode gezeichnet 
sind. Nene Ausgabe von Ellissen und Lödel s. oben S. 40. Damach : L^alphabet 
de la mort de H. Holbein publ. par A. de Montaiglon. Paris 1856. (Hit engl. 
Texte eh. 1866). — Femer hat Holbein einen Totentanz von 6 Paaren (König, 
Königin, Fähnrich, Bürgerin, Mönch, Kind) als Schmuck einer Dolchscheide 
gezeichnet. Abbildungen bieten Douce und Langlois Planche XXIV. 



Anhang. 



Der alte lübiseh-revalsche Totentanztext 

Der Text, der dereinst unter den Figuren des Totentanzes der 
Marienkirche zu Lübeck und seiner Copie in Ileval zu lesen war, ist 
nur unvollständig erhalten. Von den 404 oder mehr Versen, welche 
er umfasst haben muss, sind nur 294 überliefert. Zwei Verse aus 
der Strophe des Kindes vereinzelt (siehe zu V. 389 f.), von den übrigen 
der kleinere Teil auf den erhaltenen Resten des Revaler Bildes, der 
grössere in Melle's alter Abschrift dessen, was 1701 noch von dem 
Lübecker Texte lesbar war (s. oben S. 43). 

Der Abdruck des Textes, der diesen Vorbemerkungen folgen wird, 
vereinigt zu einem Ganzen, was sich getrennt, in Rcval und Lübeck, 
erhalten hat. Für den Revaler Teil liegen die Lesungen zu Grunde, 
welche Russwurm und Hansen an den oben S. 4G verzeichneten Orteu 
veröfl'entlicht haben, für das übrige der von Mantels gegebene Abdruck 
tler Abschrift Melle's. 

Wenngleich die Genauigkeit, durch welche Melle's übrige Ab- 
schriften sich auszeichnen, auch für den Totentanz anzunehmen ist, 
so rechtfertigen doch verschiedene Stellen in seiner Abschrift die Ver- 
mutung, dass hin und wieder ein unlesbar gewordenes Wort ausgelassen 
ist. Femer kann es keinem Zweifel unterliegen, dass in ihr, wie 
bereits S. 44 bemerkt wurde, die Reihenfolge der Strophen in Ver- 



69 

wirrung geraten ist. Die richtige Ordnung ist mit ziemlicher Sicher- 
heit herzustellen, wenn berücksichtigt wird : 1) die Reihenfolge, welche 
durch die Schlussverse der vom Tode gesprochenen Strophen gefordert 
wird ; 2) dass der Inhalt der Strophe dem Stande der Person entspricht, 
welcher sie zugeteilt wird; 3) der Totentanz von 1489 (vgl. oben 
S. 35 f.); 4) die Reihenfolge der Figuren des in einer Erneuerung 
erhaltenen Gemäldes in Lübeck. Der durch diese Hinsichten bedingten 
Reihenfolge entspricht die Ordnung der Strophen, welche aus teilweise 
anderen Gründen bereits Mantels für die richtige erklärt hat und die 
deshalb in dem nachfolgenden Abdrucke beibehalten ist. Doch ist in 
diesem durch lateinische Ziffern, die in Klammern beigefügt sind, die 
von Melle gebotene Reihenfolge kenntlich gemacht. Wenn H. Baethcke 
in seinem 'Versuch zur Herstellung des alten niederdeutschen Textes' 
(s. oben S. 45) in Bezug auf die richtige Reihenfolge der Strophen 
zu einem ganz abweichenden Ergebnisse gelangt ist, so tnig eine 
irrige Voraussetzung daran die Schuld. Baethcke, dem der Revaler 
und altcastilische Totentanz offenbar unbekannt gewesen war, hatte 
nämlich nicht geglaubt, dass die Schlussverse der dem Tode zugeteilten 
Strophen an die folgende Person gerichtet sein könnten. Er nahm 
an, dass jeder Schlussvers ebenso, wie es der Fall in den übrigen 
ihm bekannten deutschen Totentänzen war, mit den vorangehenden 
Versen derselben Strophe zu ein und derselben Person gesprochen werde. 
Die Folge dieses Irrtums war, dass er in jenen angeblich entstellten 
Schlussversen allerlei Änderungen zur vermeintlichen Herstellung des 
ursprünglichen Wortlautes vornehmen und zugleich zu anderen Ergeb- 
nissen als Mantels und der Verfasser dieser Untersuchungen kommen 
musste. 

Die litteraturgeschichtliche Stellung des lübichen Textes und 
sein Verhältnis zu den übrigen Totentänzen ist bereits in den voran- 
gegangenen Untersuchungen eingehend dargelegt worden. Es erübrigt 
hier nur noch der Hinweis, dass der überlieferte Text einige sprach- 
liche Eigentümlichkeiten aufweist, welche weder durch das lübische, 
noch überhaupt durch das gemeine Mittelniederdeutsch sich erklären 
lassen, sondern mittelniederländischer Herkunft sind, und die 
P\)lgerung rechtfertigen, dass der Lübecker Totentanz eine mittel- 
niederländische Vorlage gehabt hat. Die zum Beweise dienenden 
Sprachformen werden in den Anmerkungen, die dem Abdrucke folgen, 
zu Vers 184. 236. 332 u. a. hervorgehoben werden. Sie finden sich 
sämtlich im Reime. Der niederdeutsche Bearbeiter hat sie augen- 
scheinlich nur beibehalten, weil an den betreffenden Stellen sich ihm 
kein niederdeutscher Reim leicht darbot und bei dem regen Verkehr, 
in welchem Biiigge und Lübeck standen, in letzterer Stadt einige 
flandrische Formen das Verständnis des Textes trotz ihrer Fremd- 
artigkeit nicht gerade gefährdeten. 

Die im Revaler Totentanze erhaltene Copie des lübischen Textes 
enthält derartige Sprachformen nicht; sei es, dass das Lübecker 



70 

Original sie innerhalb der dort erhaltenen Strophen gleichfalls nicht 
bot, sei es, dass sie bei der Anfertigung der Copie durch nieder- 
deutsche Formen ersetzt worden sind. Bemerkenswert ist dabei 
übrigens, dass der Revaler Text frei scheint von Sprachformen oder 
Schreibungen, welche sich durch mundartliche Besonderheiten der 
russischen Ostseeprovinzen erklären. Man wird hieraus folgern können, 
dass die Revaler Copie nicht nach einer Skizze in Reval, sondern 
vielmehr in Lübeck selbst von einem Lübecker Künstler ausgeführt 
worden ist. Es kann das nicht viel vor oder nach d. J. 1500 ge- 
schehen sein. Einerseits zeigt nämlich der Revaler Text den Vokalismus 
des ausgehenden 15. Jahrhunderts, anderseits ist er frei von den 
orthographischen Unarten (-nn für -w, nh für n, h als Dehnungs- 
zeichen usw.), welche im 16. Jahrb. allgemein üblich werden. 

Der Abdruck lässt die etwaigen bloss mundartlichen Änderungen 
der Lautform, die bei den alten Erneuerungen der Gemälde ein- 
geflossen sein mögen, unberührt. Gebessert ist, was in den ver- 
öffentlichten Abschriften, vielleicht auch in einigen Fällen schon bei 
den Übermahmgen verlesen oder ausgefallen scheint. 

Unter dem Texte ist angegeben, wo von Melle's Abschrift (M) 
des Lübecker und Hansens (H) Lesung des Revaler Totentanzes ab- 
gewichen ist. Russwumi's ältere Lesimg (B) des letzteren ist nur. 
wo sie noch beachtungswert schien, angemerkt worden. Den von 
Mantels und Baethcke übernommenen Besserungen des Textes 
ist der Name ihres Urhebers beigefügt. 

Überschriften, Interpunktion und Nonniiaing des ti, t;, w fehlen 
natürlich den Originalen. 



1. Der Prediger auf der KanzeL 

Och redelike creatuer, sy arm ofte rjke, 
Seet hyr dat spectel, jnnck unde olden, 
Unde dencket hyr aen ok elkerllke 
Dat sik hyr nexnant kan ontholden, 
5 Wanneer de doet kumpt, als gy hyr seen. 
Hebhe wi den vele gndes ghedaen, 
So moghe wi wesen myt gode een, 
Wy moteu van allen loen untfaen. 
Unde lieven kynder, ik wil ju raden, 
10 Dat gl juwe scapeken verleiden nicht, 
Men gude exempel en opladen, 
Eer ja de doet sns snelle bUicht. 

2. Der Tod an Alle. 

To dessem dansse rope ik alghemene 
Pawes, keiser nnde alle creaturen, 



1. 29. Ach R. Och H. — 10. verleide H. — 11. gude R. gute H. — 13. dessem 
dansse M. dusscn dantsc H. — 14. pawest M. pawes i/., creaturen M. creature //. 



71 



15 Arme, ryke, grote onde klene. 

Tredet vort, wente nn en helpet nen truren! 

Men dencket wol in aller tyd, 

^^ Sy S^^^ werke myt ja bringen 

Unde jawer snnden werden quyd, 
20 Went gy moten na myner pypen springen. 

3. Tod ziim Papste. 

Her pawes, du byst bögest nu, 
Dantse wy voer, ik unde du! 
AI bevestu in godes stede staen, 
Een erdescb vader, ere unde werdlcbeit untfaen 
25 Van al der werlt, du most my 
Volghen unde werden als ik sy. 
Dyn losent unde bindent dat was yast, 
Der hoecbeit werstu nu een gast. 

4. Papst. 

Och bere got, wat is min bäte, 
30 AI was ik hoch geresen in state, 

Unde ik altohant moet werden 

Gelik als du een slim der erden? 

Mi en mach hocheit noch rickheit baten, 

Wente al dink mot ik nalaten. 
35 Nemet hir exempel, de na ml siet 

Pawes, alse ik was mine titl 

5. Tod. 

Dat were gud in ly. bekennt (?) 

(V. 38—43 nicM erhalten.) 

(jsutn Kaiser) 
Her keiser, wi moten dansen! 

6. Kaiser. 

45 dot, dyn letlike figure 

Vorandert my alle myne natture. 

Ik was mechtich unde rike. 

Hegest van machte sunder gelike. 

Koninge, Torsten unde heren 
50 Mosten my nigen unde eren. 

Nu kumstu, yreselike forme, 

Van mi to maken spise der worme. 

7. Tod. 

Du werst gekoren, — wil dat vroden! — 
To beschermen unde to behoden 
55 De hilgen kerken der kerstenheit 
Myt deme swerde der rechticheit. 



15. arme M. arm H, grote M. groet H. — 16. wente nu M. went ju H. — 
30. geresen B. gewesen H. — .33. en fehlt H. — 37. So nach J?., nach H. ist der 
Vers unlesbar. — 45. dyn] du H. — mechtig H. mechtich B. — 51. Nu] Du Ä 



72 



Men hovardie heft di vorblent, 
Da hefst di sulven nicht gekent, 
Mine knuste was nicht in dinem sinne. 

(zur Kaiserin) 
60 Du ker nn her, fron keiserinne! 

8. Kaiserin. 

Ick wet, my ment de doet! 
Was ick ny vorvert so grot! 
Ik mende, he si nicht al bi sinne, 
Bin ik doch jnnck nnd ok eine keiserinne. 
65 Ik mende, ik hedde vele macht, 
Up em hebbe ik ny gedacht 
Ofte dat gement dede tegen mi. 
Och, lat mi noch leuen, des bidde ik di! 

9. Tod, 

Keiserinne hoch vormeten, 
70 My dnncket, du best myner vorgheten. 

Tred hyr an! it is nn de tyt. 

Da mendest, ik solde di scheiden quit. 

Nen! al werstn noch so vele, 

Du most myt to dessem speie 
75 Unde gi anderen alto male! 

(zum Kardinal) 
Holt an, Yolge my, her kardenale! 

10. Kardinal. 

Ontfarme mjmer, here, salt sehen, 
Ik kan di niegensins entilen. 
Se ik vore efte achter my, 
80 Ik vole den dot my alle tyt by. 
Wat mach de böge staet my baten. 
Den ik besät? ik mot en laten 
Unde werden nnwerdiger ter stuut 
Wen ein unreyne stinckende bunt. 

11. Tod. 

85 Du werest van stAte gelike 

En apostel godcs np ertryke 

Unime den kersten loven to Sterken 

Myt worden unde anderen dogeutsammen werken. 

Men du best mit groter bovardichit 
90 Up dinen bogen perdeu reden. 

Des mustu sorgen nn de mere ! 

(zum König) 
Nu tret ok vort her, koningck here! 



62. 63. ich R. IL — 78. di niegensins] di nie gensins //. deme gensins H. — 
80. den li. gcu //. — Si. staet] säet //. — 85. von Jf. vau K. — 89. hoverdicbit, 
lies boverdichede. 



73 

12. König:. 

dot, dyue sprake heft my vorvert, 
Dnsseu dans en hebbik nicht gelert! 
95 Hertogen, rydder nnde knechte 
Dagen vor my durbar gerichte, 
Unde Juwel ik hodde sick de worde 
To sprekende, de ick node horde. 
Nu komstu unvorsenlik 
100 Unde berovest my al rayn ryk. 

13. Tod. 

AI dyne danken hestu geleyt 
Na werliker heriicheyt. 
Wat batet? du most in den slik, 
Werden geschapen myn gelik. 
105 Recht geyent unde Yorkeren 
Hestu under dy laten reigeren, 
Den armen niegene leed want! 

(eum Bischof) 
Her bischop, nu holt an de haut! 

(V. 108 — 180 sind nicht erhalten, sie kamen ausser dem Tode folgenden 
Ständen zu: dem Bischof, Herzog, Abt, Ritter und Kartäuser.) 

23. Tod zum Kartäuser. (Melle III.) 

Nu tret vort, dl helpet neu klagen, 
Du most dyn part sulven dragen. 
It sal di wesen swar, 
Di mach nicht volgen nar 
185 Wen dine werke gut ofte quat. 
Diu Ion is na diner dat, 
Nemant mach di des vorbringen. 

(zum Edelmann) 
Gummen kum an, ik wii di singhen. 

24. Edelmann. (Melle IV.) 

Dot, ik bidde di umme respyt, 
190 Late mi vorhalen! mine tyt 

Ik hebbe ovel overbracht, 

Sterven hadde ik klene geacht. 

Mine gedauken weren to vullenbringen 

Jutto lust in ideleu dingen, 
195 Minen uudersaten was ik swar. 

Nu mot ik reisen unde wet nicht war. 

25. Tod. (Melle I.) 

Haddestu gedelt van dinem gode 
Den armen, so were di wol to raode. 



96. dagen H.; lies dogedeu?— 188. Gummen] Meu M. — 194. Jutto] To M. 
De Mantels. 



74 

De klegeliken klagen er gebreken, 
200 Nawerle mochtestu se hören spreken. 
Dines pachtes werstn gewert. 
Na mi haddestu niuen begert, 
Dat ik ens urnme käme to hants. 

(zum Domherrn) 
Eanonik; tret her an den dans. 

26. Domherr. (Melle H.) 

205 Mi dankt, it is mi noch to yroch, 

Van minen pranden hadde ik genoch 

To bmken went her min leyen, 

Late mi des dansses noch begheven. 

Nu scholde ik yuUen min schrin. 
210 Dine velen worde don mi grote pin. 

Late mi doch gade denen bat, 

Den ik in miner joget yorgat. 

[V. 213—228 oder Str, 27, 28 fehlen, sie kamen dem Tode und dem 
Bürgermeister zu.] 

29. Tod zum Bürgermeister. (Melle V.) 

Grot Ion schaltu entfan. 
230 Vor din arbeit, dat dn hefst ghedan, 

Wil di God dusentvult belonen 

Unde in deme ewighen leyende krönen. 

Mer dine bedrechlicheit darmede 

Mochte di bringen in groten nnyrede. 
235 Wultu umme dine sunde mwich sin! 

(zum Arzte) 
Volghe na, meister medicin! 

30. Arzt. (Melle VI.) 

Ik hadde wol yordrach, mochte it wesen, 
Vele minsken hebbe ik ghenesen, 
De yan groter snke leden not. 
240 Mer jegen di klene noch grot 

£n helpet nine kanst noch medicin. 
Nu beyole ik mi sulyen de pin. 
Van deme dode bin ik beseen, 
Wat ordel dat mi schal bescheeu. 

31. Tod. (Melle VH.) 

245 Recht ordel schaltu entfan 

Na den werken, de du hefst ghedan. 

Du hefst ghedan, dat God wol wet, 

Mengen in grot eyentur gheset, 

Den armen swarlik bescbat, 
250 Des he yaken billik hadde to bat, 

AI nemestu grote summen daryan. 

(zum Wucherer) 

Wokerer, yolghe yan stunden an! 



233. darmede] mede M. 



75 



32. Woeherer. (Melle VIII.) 

da aller anvormodeste dot, 

Up di en dacht ik klene noch grot. 

2Ö5 Ik hebbe al min gut Torsaden, 
Mine bone sint yqI kornes geladen, 
Mot ik nn sterven, dat is mi swar, 
Unde latent hir nnde wet nicht war. 
Ik en wet nicht, war ik henne mot. 

260 Vorbarme miner, her, dor dinen dot! 

33. Tod. (Melle IX.) 

Vorkerde dor olt yan jaren, 
Anders hefsta nicht nterkaren 
Den dat gut up desser erden. 
Ik wet nicht, wat Tan di sal werden. 
265 üp mi 80 haddestu klene acht. 
Noch to stenrende nicht gedacht. 
Nn mustu int ander lant. 

(zum CapeUan) 
Her kappelan, lange her de haut! 

34. Capellan. (Melle X.) 

Ach leider wo quelet mi de dot! 
270 Ik hebbe last yan sunden grot, 

Staplik hebbe ik gequiten, 

Ik ynichte, God schalt nu mer witen. 

De werelt, de yiant unde dat ylesch 

Hebbet bedraghen minen gest. 
276 Wat schal mi nu dat gut, 

Wente ik it hir al laten mot! 

36. Tod. (Melle XV.) 

Haddestu yan joget up bet 
Gades recht yor di geset 
Unde ylitliken gelert, 
280 Dar du mennich wort hefst yorkert — 
Dat yolk bracht to gode, 
Dat were gut, nu schedestu unnode. 
It mot sin sunder beiden. 

(zum Kaufmann) 
Eopman, wilt di ok bereiden! 

36. Kauftnann. (Melle XVI.) 

285 It is mi yeme bereit to sin, 
Na gude hebbe ik gehat pin 
To lande unde tor see, 
Dor wind, regen unde snee; 



270. sunden BaethckeJ sorgen Mantels. Bei M, ist eine Lücke angedeutet. 
— 272. nu mer Mantels] nummer M, — 277. up Gade bet M. — 278. Gades Baethcke] 
fehlt. Mantels vermutet Haddestu van joget up gade bet Recht vor dine ogen 
ghcset. — 280. gode] gude M, — 282. got M. 



i 



76 



Nin reise wart mit so swar. 
290 Mine rekenscop is nicht klar. 
Hadde ik mine rekenscop ghedan, 
So mochte ik vrolik mede ghan. 

37. Tod. (Melle XHI.) 

Hefstu anders nicht bedreven 
In kopenscop, alse di was gheve, 
295 It sal di wesen tor vromicheit, 
Wen alle dink to richte steit, 
Hefstu di so vorwart 
Unde din dink gans wol geklart. 
Westa anders, dat is nicht gnt. 

(zum Küster) 
300 Koster, kum, it wesen mot! 

38. Kttster. (Melle XIV.) 

Ach, dot, mot it sin gedan, 
Nn ik erst to denen began? 
In miner kosterie mende ik klar 
Noch hogher to komen yorwar. 
305 En grot officium was min sin, 
Also mi dnnkt, so krige ik nin. 
Ik mach des nicht gebruken, 
De dot wil mi yorsluken. 

39. Tod. (Melle XI.) 

AI werstu hogher geresen, 
3l0 In groter yar ronstestu wesen. 

It is diner sele meiste profit, 

Dat gi nicht hogher resen sit 

Volghe na in mine partie, 

Wente hoch sin maket hovardie ! 
315 Dat is al jeghen god. 

(eum Handwerker) 
Amtman, tret an, it is nen spot! 

40. Handwerksmann. (Melle XII.) 

Ach leider, wat schal mi bescheen! 
Ovel hebbe ik mi vorgeseen 
Uude hebbe mi ser ovel bedacht, 
320 Min hautwerk so truwe nicht na getracht, 
Dat gud prisede ik sere. 
Nn bidde ik di, leve here, 
Du mi de suude wilt vorgheveu 
Uude late mi in diu ewige ieveu! 

41. Tod. (Melle XVII.) 

325 Gi amteslnde alghemeine 
Achten vele dinges kleine, 



289. Nin] ua M., De Mantels. — 294. gheven M. — 295. wesen tor vromicheit] 
. . . euheit JH. Mantels will ergänzen: wesen rechtferdicheit, Baethcke: werden 
rechticheit. 



77 



Bat gi einen anderen bedreghen 
Unde vaken darinne leghen. 
Up sterven hebbe gi nicht gepast, 
330 Jawe sele ser belast, 

Dat wil jnwer sele wesen swar. 

(zum Klausner) 
Klasenaer^ volghe uaer! 

42. Klausner. (Melle XVIII.) 

To sterven dat is mi nicht leit, 

Were ik van binnen bereit, 
335 Were mine conciencie wol purgert. 

De viant heft mi tentert 

Mit menniger temptacie swar. 

Vorbarme di, her! openbar 

Ik di bekenne mine sund. 
340 Wes my gnedich tor lesten stnnd! 

43. Tod. (Melle XIX.) 

Da machst wol danssen blidelik, 
Di hört dat hemmelske rik. 
Dat arbeit, dat dn hefst ghedan, 
Sal diner seien lastende stan. 
345 Deden se alle so, it scholde en vromen, 
Er scholde nicht vele ovel komen, 
Men it worde mengen sar. 

(sutn Bauern) 
Kum to min reigen, veltgebnr! 

44. Bauer. (Melle XX.) 

Des dansses neme ik wol respit. 

350 Noch hebbe ik mine tyt 
Mit arbeide hen ghebracht 
Unde ghedacht dach nnde nacht, 
Wo ik min lant mochte begaden, 
Dat it mit vmcht worde geladen, 

355 To betalen mine pacht. 

Den dot hebbe ik nicht geacht. 

4ö. Tod. (Melle XXI.) 

Grot arbeit hefstu ghedan. 
(lod wil di nicht vorsman 
Mit dinem arbeide nnde not. 
360 It is recht, ik segge di blot, 
God wilt di betalen 
In sinen oversten salen. 
Vrnchte nicht en twinkl 

(zum Jüngling) 
Tret her, jnngelink! 



335. conciencien M. — 354. wirde M, 



78 



46. Jttngliii?. (Melle XXII.) 

365 Der werlde last mi na smaket. 

Da hefst de tyt ovel raket, 

Da kampst slikende her geghan 

Unde walt mi in din nette beslan. 

De werlde mi lavet heil, 
370 Bedracht se mi, so is se feil. 

Wike wechy late mi raseleren! 

Int older wil ik mi bekeren. 

47. Tod. (Melle XXIH.) 

In der nacht, der deve gank, 
Slikende is min ammewank. 
375 Ein jnnk man sik bi tiden ker 
To gade, sin Inste dregen ser. 
Hir is nene blivende stat. 
Haddestu west der werlde hat, 
Were di beter nnde er minne. 

(zur Jungfrau) 
380 Jankvron, mit di ik danssen beghinne! 

48. Jongfran. (Melle XXIV.) 

Des reiges were ik onich gheme, 
Ik jnnghe schone deme, 
Ik hadde merket der werlde Inst, 
Van diner knmpst nicht gewnst. 
385 Nn knmpsta snel nnde mi vorverst, 
Ik wnste nicht, dattn hir werst. 
Were ik ene klostervrowe worden, 
So trede ik vro in dinen orden. 

49. Der Tod zum Kinde. 

(feJat,) 

50. Kind. 

dot, wo schal ik dat vorstan, 
390 Ik schal dansen nnde kan nicht gan? 

(Der Schluss fehlt) 

Anno Domini MCCCCLXIII. in vigilia Assumcionis Marie. 



376. sin luste dregen aev' Mantels] sin dregen her M. — 383. hadde 

merket] merke M. — 386. dattu fehlt M. — 389. 390. Diese beiden Verse sind 
nicht von Jacob von Melle überliefert, sondern in seinem handschriftlich erhaltenen 
Werke *Jjubeca Beligiosa' von einem seiner Nachkommen nacfUräglich eingezeichnet 
worden, 

Anmerkungen. 1. Och redelike creatuer. Auf die Übereinstimmung dieser 
Worte mit den Anfangs werten der frz. Danse macabre ist oben S. 23 hingewiesen. 
Über spectel vs. 2 s. S. 16, über scapeken v. 10 ebd. 

24. Vgl. Danse macabre: He? faut-il que la dance mainne Lepremier qui 
suis dieu en terre Tay eu dignite souverrainne En Veglise comme Saint Pierre. 
Berliner Totentanz: Pawes erdesche vader volget my na . . . Oy hebben in der 
stede gades ghestan. 



79 

26. als ik sy *wie ich bin\ Mittelniedcrländischer Sprachgebrauch. Nach 
mnd. Regel müsste es ah ik hin hier heissen, im mnl. ist es dagegen den Dichtem 
gestattet, in den Nebensätzen, welche in der Prosa den Indicativ bieten müssten, 
vom Ycrbum substantivum die Conjunctivformen des Praesens einsetzen zu dürfen, 
wenn es der Reim erfordert Zahlreiche Belege verzeichnet W. L. van Helten, 
Middelnederlandsche Spraakkunst (1887) S. 305 f., z. B. Maerlants Spegh. bist. 
Vy 21, 22 Ceres es eene siai bi Endi Daer een lant na gheheeten si Daer die 
home zijdwuUe dragen. Ebd. 3^ 16, 60 Com met an mi Want ic sere gevenijnt si. 
Ebd. !•, 43, 44 Want hi hem besniden liet Vanden vleesche, alse ghi stet. Vgl, 
Franck, Mnl. Grammatik § 169. 

27. 28. Vgl. Dodesdanz v. 1489 vs. 185. Din losent unde bindent was hei, 
vullenkomen unde gans. Ebd. 303. Der hocheit werstu nu ein gast (die von dem 
Herausgeber missverstandene Stelle ist zu übersetzen : 'Deiner hohen Stellung wirst 
du nun fremd d. h. beraubt'). 

30. Vgl. Dodesdanz v. 1489 vs. 169 Her pawes du wer est hoch geresen in State, 

53. wi7 imperativisch wie v. 284 u. 323 wiU, 235 wul. 

63 ff. Vgl. Dodesdanz v. 1489 v. 211 ff. Her keiner du wer est gekoren to 
einem heren. De cristenheit to vorstan unde to regeren Mit dem swerde der recht- 
verdicheit; ebd. v. 221 f. Sus heft giricheü unde hovardie di vorblent Dattu di 
sulven nicht hefst gekent. 

78. negensins 'durchaus nicht', vgl. Mnd. Wtb. 4, 209. 

107. Den Armen hastu kein Leid abgewandet' hestu aus v. 106 gilt für den 
folgenden Vers mit, vgl. v. 266. 330. 386.. Unklar ist v. 205. 

184. nar 'nach'. Mittelniederländische Form. Da die mnd. Form na keinen 
Reim ergeben hätte, so hat der Urheber des lübischen Totentanzes die mnl. Form 
der Vorlage hier und vs. 332 beibehalten, während innerhalb des Verses stets na 
gesetzt ist, vgl. v. 236. 313. 

188. gummen 'Herr, Mann' . Melle's Abschrift überliefert nur men, ohne 
anzudeuten, dass vor diesen Buchstaben einige andere unlesbar geworden waren. 
Trotzdem wird man letzteres hier und in einigen anderen Versen zu Beginn der- 
selben annehmen dürfen, vgl. v. 194. 289. Das Wort gummen findet sich noch 
in dem Bavenbergischen Ausruf 'o gum ! o gum ! Oh Wunder ! eigentlich oh Mann !' 
Ferner heisst in einem holsteinischen Kinderspiel der beim Lauf zuerst das Ziel 
erreicht Gumm. Vgl. Schütze, Holst. Idiot. II. S. 78. 

229 if. Mantels S. 7 bemerkt: 'Dass diese Worte an den Bürgermeister 
gerichtet sind, beweist der im Einzelnen gleichlautende Text von '[1489 und] 1496'. 
Vgl. Dodes danz hrsg. von Baethcke v. 711 ff. 

236. medecin ist die mittelniederländische, dem Französischen entlehnte 
Bezeichnung für 'Arzt', mnd. arste, arstedien. 

243. beseen mnl. besien heisst 'besehen, besuchen, untersuchen, abwarten'. 
Hier ist wohl der Sinn, dass der Tod wie ein Arzt den Kranken besieht und die 
Prognose (ordel) stellt. 

255. vorsaden ist an dieser Stelle unerklärlich und scheint entstellt, ohne 
dass eine ansprechende Besserung sich leicht darbietet. In den Zusammenhang 
würde der Gedanke passen 'Ich habe mein ganzes Vermögen in Korn angelegt, 
und meine Böden sind damit angefüllt, ohne dass ich jetzt schon weiss, an wen 
ich es verkaufe.' Baethcke schlägt vor, vorladen statt vorsaden zu lesen. Die in 
paläographischer Beziehung leichte Änderung erscheint aber anstössig wegen des 
rührenden Reimes. 

273. Die Reimbindung vlesch: gest ist wahrscheinlich der mnl. Vorlage ent- 
lehnt. Mittelniederländisch lauten die Worte vlees: gheest und können mit 
einander reimen. 

294. gheven, das in Melles Abschrift sich findet, giebt keinen in den Zu- 
sammenhang passenden Sinn. Das dafür eingesetzte ghevt (mnl. ghave, ghece, mhd. 
gcebfy ostfries. u. westfal. gäve), heute nhd. nur noch in der Redensart 'gank und 
gäbe' gebräuchlich, hat die Bedeutung 'untadelhaft'. 



so 

295. tor vromicheit *zum Nutzen'. Gegen Mantels' Ergänzung recJitverdicHeit 
'Gerechtigkeit' ist einzuwenden, dass die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichtes ja 
auch statt hat, wenn der Kaufmann unrecht gehandelt hat. Nicht die Gerechtig- 
keit, sondern die Rechtfertigung kann dem Kaufraanne in Aussicht gestellt sein. 

301 flf. Der Küster findet sich von allen alten Totentänzen nur im Lübecker 
von 1463 und in dem der Marienkirche in Kerlin. Da er sich Hoffnung auf en groi 
officium *ein grosses lürchenamt', also auf eine höhere Weihe (als Diaconus, Pres- 
byter oder gar Bischof) gemacht hat, muss er als Kleriker gedacht sein, der von 
den vier niederen Weihen (Acoluth, Exorcist, Lector, Ostiarius) zum mindesten die 
niedrigste, nämlich die als Ostiarius empfangen liat, dessen Kirchondienst mit dein 
des Küsters zusammenfiel. Auffällig bleibt bei dieser Erklärung jedoch, dass der 
Küster überhaupt voraussetzt, später ein hölieres Kirchenamt zu erhalten, da in 
der Praxis die für die höheren Weihen bestimmten Kleriker (ausser Rom) die 
niederen Weihen gar nicht zu erhalten pflegten. Auch war es nicht einmal not- 
wendig, dass der Küsterdienst einem (niederen) Kleriker übertragen werden musstc, 
auch ein gut beleumdeter Laie durfte ihn thun. Bemerkenswert ist, dass der 
Küster im Lübecker Gemälde in Laientracht, im Berliner als Kleriker dargestellt ist. 

332. klusenaer 'Klaussner', mittelniederländische Form, vgl. mnl. clusenare, 
mnd. klusenere; mnl. moordenaer^ mnd. mordenere. 

335 ff. Die hier dicht neben einander gesetzten Fremdwörter romanischen 
Ursprungs eoncieficie, purgert, tentert, temptacie sind wahrscheinlich schon in der 
mnl. Vorlage enthalten gewesen. Die mnd. geistliche Poesie und Prosa verwendet 
zwar derartige Fremdwörter gelegentlich, so gehäuft begegnet man ihnen gewöhnlich 
aber nur in mnl. und solchen mnd. Schriften, die aus mittelniederländischen über- 
setzt oder durch mnl. Vorbilder beeinflusst sind, z. B. in vielen im 15. Jahrb. in 
Westfalen geschriebenen geistlichen Tractaten. 

373. der deve gank, Apposition zu nacht, *die Zeit, wo die Diebe auf Raub 
ausgehen', vgl. ulenvlucht *die Zeit, wo die Eulen fliegen', Stockh. Vogelspracbe 
10. 16 (nd. Jahrb. XIV., 129), Mnd. Wtch. 5, 1. — Ais Appostion kann gank im 
Nominativ stehen, obgleich es sich auf den Dativ der nacht bezieht, vgl. Dodes 
danz von 1489 v. 73 : Men leset van einem riken van gclde, ein unedelman ; Bock 
der profecien von 1493 Bl. G2 (angemerkt von Baethcke a. a. 0.) Men lest ran 
einem doctor, ein vornomen 7nan; Chroniken d. dtsch. Städte 19 (Lübeck Bd. L, 
hrsg. von Koppmann) S. 195 (vgl. Nissen, Middelnedertysk Syntax § 19) vormiddeat 
eyme ghestUken personen, en lesemcster in sunte Franciscus orden. 

379. Wide er minne *und eher Barmherzigkeit'. 

BERLIN. W. Seelmann. 



81 

Mittelniederdeutsche Pflanzen- 
glossen. 

Im folgenden bringe ich aus einer Königsberger Handschrift, die 
wahrscheinlich noch aus dem 12. Jahrhundert stammt, einige mnd. 
Glossen zur Kenntnis, die durch ihre Gestalt wie durch ihr Alter den 
Fachmann interessieren dürften. Die volle Endung -a (10 merJca, 
15 baia (?), [35 paftanaca,] 38 drefna, [63 bouerella, 70 louefca,] 73 ah 
rutia, 75 papki, 83 daunettla (?), 92 wegabreda, 96 ftenbreca^ [97 kun- 
nella]), wie die Nichtbezeichnung des Nasals (17 W/e, 24 scafbife^ 
54 u. 91 biee, 55 madalbom^ 94 mecopl) legen die Vermutung nahe, 
dass die Glossen zum Teil aus einer älteren, der as. Zeit angehörigen 
Handschrift übernommen sind. Mit einem Stern * bezeichnet sind 
diejenigen Glossen wie lat. Pflanzennamen, die ich in der hier vor- 
liegenden oder einer nahestehenden Form weder in Diefenbachs beiden 
Glossarien noch in einer der späteren Veröffentlichungen nieder- 
deutscher Pflanzenglossare, wie sie hier und da in Zeitschriften und 
Programmen zerstreut sind, habe finden können. Es sind übrigens 
Interlinearglossen; der Übersichtlichkeit wegen ist die Anordnung hier 
geändert. Die Kompendien sind aufgelöst. Über einigen der hier 
ungiossiert verzeichneten Pflanzennamen zeigt die Hs. Rasuren ; die 
Anwendung der üblichen Chemikalien führte zu keinem Resultat. 

Bisher hat niemand auf die Hs., die mancherlei Interessantes 
bietet, aufmerksam gemacht, und so sei es mir gestattet, eine Be- 
schreibung vorauszuschicken. 

Cod. ms. liegiom. 1783, vorn innen alte Sign. B. 161. Perg. Grenzscheide 
des 12. n. 13. Jahrh. 87 Blätter. 20,5X13,8 cm. Zweisp., 24 Zeilen, fast 
durchweg auf vollständigem Schema von verschiedenen Händen geschrieben. 
Rote Überschriften; Bl. 2a ein goldener und ein blauer, sonst rote und grüne 
Initialen mit Rankenwerk, meist gelb ausgemalt; Bl. 12b u. 14a grössere Initialen 
beabsichtigt ; in einigen Partieen rot durchstrichene grosse Buchstaben. Quaternen, 
einige mit alter Zählung am Schluss. Die Hs. ist greulich verbunden: die 
5. Lage (Bl. 34—41) gehört hinter Bl. 25, die 10. Lage (Bl. 71—78) an den 
Schluss hinter Bl. 87 ; ans den beiden letzten Lagen zu je 4 Bl. wird 1 Quat., wenn 
man, wie der Inhalt es verlangt, Bl. 84 vor Bl. 80 und Bl. 85 u. 86 vor Bl. 82 
legt. Bl. 79, auf das ich noch zurückkomme, ist mit schmalem Ealz für sich 
allein geheftet. Von der 8. Lage sind die drei letzten Bl. (hinter Bl. 62) weg- 
geschnitten (Lücke). Als Vorsatz (heute vom Deckel abgelöst und = Bl. 1) ist 
ein wahrscheinlich einem alten Psalterium entstammendes Pgbl. benutzt, welches 
auf der Vorderseite in schwarzer, mit blassem Rot schattierter Federzeichnung 
den König David mit der Harfe auf einem Thronsessel sitzend zeigt; Bl. 59b 
eine begonnene, Bl. 60a und 62b ausgeführte schöne Federzeichnungen. Holz- 
deckel mit weissem Lederüberzug; ehemals wohl mit Kette, wie die noch vor- 
handenen Nägel am hinteren Deckel schliessen lassen. 

Das Inhaltsverzeichnis Bl. Ib in grober Cursive des 15. Jahrh. ist ebenso 
unvollständig wie ungenau. Die Hs. enthält 

1) Bl. 2a — 2b. Pronostica Galieni (Rot in verzierter Kapitalschrift.) 
Auf.: PBouidit galienuf in corpore humane. Ende: inuenief 
radicem eiuf totcmi paUidam. 

Ni«d«rd«iittoh«i Jabrbacli XVIL 6 



8d 

2) Bl. 2b — 12b. Medizinische Rezepte, Notizen aus einem Lapida- 
rium, aus einem Tractatus de arinis etc., regellos zusammengeschrieben. 

3) Bl. 12b — 51a. Des Nicolaus Salernitanus Antidotarium. 
Bl. 12b — 13b. Register. A n f. : (E)Oo nicJiolauf rogatuf a quibuf- 

dam, Ende: et Ubidinem potenter excitat, 

4) Bl. öla — ö4b. Desfelben Tractat de dosibus medicinarum. 

Auf.: Quia sufßcienter de difpumatione (!) omnium confectionum. 
Ende: et amiconwi plenütidine gaudeant et glorientur. Hierauf 
Verzeichnis: Carpobalsami ufieias IL — trifolii acuti drach- 
mam L lacterici drachniam I. 

5) Bl. 54b — 57b. Desfelben Synonyma medicinarum. 

An f.: Ktphtia atitem specierutn ponderibus, Ende: Vneorzaria 
i. e. flos agni casti vel Salicis Tnarini. 

6) Bl. 57b — 59a. Ad connossendas (!) herbas (rot) in colore (dar- 
unter in kleinerer Schrift schwarz). 

Auf.: Äloes epaticum purptireum. Ende: Sal gemyna alba pure 
sttbere et ludde bonum, 

7) Bl. 60b— 62a. Des Aegidius Carboliensis Verse de urina- 
rum iudiciis (Fragm.) 

A n f . : Dicitur urina quoniam sit renibus una. Ende: Et ialetn 
sercans cotistanti tempore formam. 

8) Bl. 63a. Lateinisches Herbarium mit nd. Glossen. 

9) Bl. 63b— 73b und Bl. 80a— 87b. Diyersae curationes. 

Bl. 63b— 64b. Register. Bl. 65a. Überschrift: Hee svrit diversp. 
curatioiies ad dolorem capU (rot in Capitalschrift ; die letzten Buchst, 
weggeschnitten). 

Auf.: Corona de agrimonia facta, Ende (Bl. 73b.): uidneribu^ 

et uexationibus prosuni, 

10) Bl. 73b — 78b. Medizinische Rezepte, die mit den Diverse curationes, 
soweit das diesen vorausgeschickte Register schliessen lässt, in keinem 
Zusammenhang stehen. 

11) Bl. 79a— 79b. Medizinische Rezepte. 

Auf.: Antidotum quod stomaco jrrodest. 

Dies Bl. ist, wie schon oben erwähnt, für sich allein geheftet und hat 
einst, wie eine am unteren Rande desselben ausradierte Besitznotiz zeigt, den 
Anfang einer medizinischen Hs. gebildet. 

Über die Herkunft der Hs. schliesslich geben zwei Besitznotizen Auf- 
schluss: Bl. Ib am oberen Rande: F. Jacobns Coloniensis prior. Bl. 2a am 
Fusse: liber sancte marie inpolplin. Danach scheint die Hs. vom Niederrhein, 
wohin auch die sprachliche Eigentümlichkeit der Glossen deutet, nach dem 
Cisterzienserkloster Pelplin in Westpr. gelangt zu sein. Im Liber mortuorum 
monasterii Pelplinensis (hrsg. von K^trzynski = Monum. Poloniae "bist. IV. 73) 
wird 1564 der Tod eines Jacobus sacerdos et monachus et prior verzeichnet ; 
ob dieser mit dem ehemaligen Besitzer unserer Hs. identisch ist, scheint mir 
deshalb zweifelhaft, weil die zweite Besitznotiz ihrem Schriftcharakter nach 
schwerlich über das Jahr 1500 hinausgerückt werden darf. 

(Bl. G3a.) 



agrimonia 
artemefia biuot 
acerra 

aquileia aquüeia 
5 alleluia hukuckefloif 



afidula furde 
atriplex melde 
arundo rid 
anetum 
10 apium merha 



u 



25 



alleum loe 
abfintium alfne 

apirrifium 

balfamita 
15 bacca baia 

beta Bofnef cöl 

biblus bife 

bitannus* 

celidonia fcelworte 
20 carica mure 

caadacaballina cattenftert 

cepe uniun 

canaps anep 

carix scaf bife* 

cirpus bese 

cirmus 

citifus dauere* 

cardus ditel 

corimbus fructus edere 
30 ciminuiü cimmin 

colliandnim 

cerfolium keruele 

camamilla hundeblome* 

cicuta 
35 daucnf paftanaca* 

ceuefcion fcuifun 

enula 

edera drefna* 

erucus «?a/rtc* 
40 ebulum ctdic 

fragum erdbeire 

fragifolium erdbeirblat 

feniculum uenecal 

fungus banet* 
45 filix uaren 

gingiber gigeberre 

gilconum mire 

galbanum galegan u. galange (?) 

genifta bram 
50 gladioluf lifo 



hinnula 

iufquiamum belne 

yfopum yfopo 

iuncuf bi£fe 
55 amigdaluf madälbom 

auellana afelnote 

ater fledorn 

atrile fle 

alnuf elf 
60 abief dan 

gariofileta 

lanciolata ribbe 

labrusca bouerella* 

lactuca latuc 
65 lappa clühe 

lactaridef* mdquid* 

lupinuin 

lilium lüie 

ligustrum widebinde 
70 libifcus louefca* 

lentifcus 

mufcus mof 

mandragora alruna 

moyfika mufeke 
75 malua papla* 

mirica 

madiger* cölfcot 

maratrum uenekd 

mentriastrum erfminte 
80 morum 

marubium marubie 

millefolium garwe 

nepita daunetcla 

pilosella mufhore 
85 piretiaim pet . . (?) 

porrum poret* 

petrofilinum perfeie* 

potentilla millefolium 

primula 
90 polipodium bomuarn 



6. afidnla = acedula; vgl. Diefenbach, N. Gl. XIV., 88 a. E. „ce, ci häufig 
mit se, si verwechselt, folglich so ausgesprochen." (Citat aus Hoflfm. Sum.) — 
15. L beira (?) vgl. 41. erdbeire u 42. erdbeirblat. — 22. vgl. oinjun D. Gl. 113. 
25 vgl. befen D. Gl. 519. — 28. l. diftel — 44. vgl. D. N. Gl. 186 schwam 
(fongus) est vetus pannus. — 47. vgl. D. Gl. s. v. glicinum die Glosse mirrych, — 
52. Die Lesung der 2. Glosse ist schwierig, könnte auch galanot heissen. — 
57. 1. acer (?) vgl. D. Gl. 8 acer hagdorn. — 79. 1. mentastrum; vgl. D. Gl. 356 
herse-myncze u. hiersche mente. — 83. 1. daunetüa (?) 

6* 



84 

papirus biise 

plantago wegahreda 

pulegium album (in marg.) hoge* 

papauer mecopi 
95 rafanum radiif 

Ausserdem finden sich noch auf der Rückseite des Blattes fol- 
gende Glossen: 

sure hrade 

veretri ters 



faxifraga ftenbreca 
farpillum kunneüa 
faluea falge* 
fauina fauelbom 



94. Bei der Schwierigkeit, die diese Glosse bietet, habe ich es für angezeigt 
gehalten, die Kompendien nicht aufzulösen. Vgl. D. Gl. 410 mancopzaet. 

BONN. Fritz Milkau. 

Die älteste deutsehe Übertragung 

des Dies irae. 

Ungewöhnlich gross ist die Zahl derer, die mit mehr oder 
weniger Glück eine Übersetzung des sogenannten Gigantenhymnus 
ins Deutsche versucht haben^). Nach dem Vorgange Mohnikes*), der 
sich jedoch noch sehr vorsichtig hierüber ausdrückt, haben Lisco^) 
und Koch*) des bekannten Eiferers Johannes Frederus Lied „Christus 
thokumpft ys vorhanden"^) (1558) an die Spitze der deutschen Be- 
arbeitungen gestellt, duixhaus ohne genügenden Grund, wie mir 
scheint; wenigstens dürfte man mit gleichem Recht jedes beliebige 
Lied eschatologischen Inhalts, wofern es jünger ist, in ein Abhängig- 
keitsverhältnis zu unserer Sequenz setzen. Danach haben wir als die 
älteste deutsche Nachbildung das namenlose Lied „Es ist gewiUlich 
an der Zeit^®), dessen ersten Druck Wackernagel um 1565 ansetzt 
anzusehen. Als die älteste deutsche Übersetzung aber gilt heute^) 
Martin Mollers Lied ;,Der letzte Tag nu komen wird"®) aus dem 
Jahre 1584. Ich bin mm in der Lage, aus einer Königsberger Hand- 
schrift vom Ende des XV. (vielleicht Anf. des XVI.) Jahrh. eine 
meines Wissens bisher unbekannte niederdeutsche Übersetzung des 
Dies irae mitzuteilen, welche sicli inhaltlich ziemlich eng an das 
Original anlehnt und reichlich ein halbes Jahrhundert älter ist als 
selbst die älteste uns bisher bekannte Bearbeitung (1565). 



*j Kayser, Beiträge zur Geschichte und Erklärung der alten Kirchenhymnen 
II 225 (1886) schätzt die Anzahl der deutschen Übertragungen des Dies irae 
auf achtzig bis hundert. 

2) Kirchen- und litterarhist. Studien u. Mittheilungen I, 1. p. 73. (1824). 

') Dies irae, Hymnus auf das Weltgericht Sp. 99. (1840). 

*) Geschichte des Kirchenliedes VHP 660. (1876). 

*) Wackernagel, Kirchenlied UI N. 237. 

•) Wackernagel, Kirchenlied IV N. 490. 

^ Kayser a. a. 0. 11 224. 

*) Wackernagel, Kirchenlied V N. 71. 



85 

Dem niederdeutschen Übersetzer hat der liturgische Text der 
Se<j^uenz vorgelegen, wie ihn das Missale Yen. von 1479 bietet^). Nicht 
lange nach dessen Druck wird unsere t^bertragung, der übrigens auch 
hinsichtlich ihres poetischen Wertes nicht der letzte Platz unter den 
vorhandenen Übersetzungen anzuweisen sein dürfte, entstanden und 
aufgezeichnet sein. Da Steffenhagen in seinem Verzeichnis der alt- 
deutschen Handschriften zu Königsberg^®) aus einem mir unbekannten 
Grunde den Codex, aus dem ich meine Mitteilung schöpfe, übergangen 
bat, gebe ich hier eine Beschreibung desselben. 

Cod. ms. Begiom. 1859. Perg. XV. Jahrh. 188 Bl. (nach Bl. 59, 77, 
84, 88, 105, 113, 120 und 150 Beste von je einem aasgeschnittenen oder aus- 
gerissenen BL, ohne Lücke). 11,1X15,5 cm. 24, auf den letzten drei Bl. 
20 — 25 Zeilen, einsp. und ohne Horizont., nur Bl. 181h und 182a zweisp. 
Blane, rote und gelhe Initialen, häufig in feiner Ausführung mit aufgelegten 
Gold- und Silherstreifen und Arahesken, meist auf purpurrotem Grunde. Rand- 
▼erziemngen mit sauberen goldenen Linienornamenten auf purpurnem oder bunten 
Blumen und Tieren auf lichtem Goldgrund. Kote Überschriften und, soweit die 
erste Hand reicht, rote Kommata; die lateinischen Anfangsworte der Psalmen 
sind rot unterstrichen. Meist Quaternen, ohne Bezeichnung. Mit drei sehr sorg- 
fältig gemalten Bildern : 69b Ecce homo; 127a Christus am Kreuz ; 148b Kreuz- 
abnahme. — Holzdeckel mit blindgepresstem Leder und dieses wiederum, was 
freilich nur noch dürftige Beste bezeugen, mit schwarzem Sammet überzogen; 
mit silbernen vergoldeten Buckeln in Bosettenform, Schlössern und Schliesshaken- 
haltem in Gestalt von Engelsköpfen, welche hier die Stelle der bei weniger 
kostbaren Einbänden üblichen Haftbleche nud Deckelkantenbeschläge vertreten. 
Das Mittelstück des vorderen Deckels aus demselben edlen Metall zeigt in kreis- 
rundem Ringe den Apostel Andreas mit dem Heiligenschein, die rechte Hand 
auf sein vor ihm stehendes Kreuz gelegt, während die linke ein Buch hält. 
Die Schliesshaken, das Mittelstück des hinteren Deckels und noch andere Be- 
schläge, für deren ursprüngliches Vorhandensein die Löcher in den Deckeln 
sprechen, fehlen heute. 

Die Hs. enthält 

1) 6a— 169b (1 — 5 weiss). Die Psalmen nd. 

Überschrift: Deffen falmefti lyfx dat godt de werldt beware vor 
vouere vnde keltere de crißenkeit (rot). 

Anf. : BEahis vir qui non abijt in confilio impiorum. He 
is eyn falich man, de nicht en ghinck an derne wege de?' bofzen. 
Ende : Hir wert endighet de pfalter dauid. 

2) 169b — 181a. Vnde nv volghen hirnegest de Cantika de men in 
dermetten finghet Canticum yfaie (rot; am Rande schwarz: 
MandacK). 

Anf. : COnfitebor tibi doniine qumiiam iratus es. Here ick wyl 
dy Urnen wente du biß tomich op my. Ende : Ere fy deme vader. 

3) 181a — 184a. Hirnegheß volghet de Letanie tho allen godes 
hilghen. de lis gerne vaken: (rot). 

Anf. : KYrieleyfon Here vorbarrne dy ouer vns. Ende : Deo Qracias. 

4) 185a. Ein Gebet, nd. 

Anf.: du moder godes Ih arme funderimie. 

•) Ich schliesse dies aus dem quia in der Überschrift der 9. Strophe, welches 
die Lesart des Missale Ven. ist ; das Lübecker Missale (bald nach 1480) verbesserte 
qua. Die vulgäre Lesart ist quod. Vgl. Kays er a. a. 0. II 204. 

»<^ Z. £ d. A. XUI = N. F. I 501-574. 



86 

6) 186a — 188a. Die Sequenz Dies irae nd. 
6) 188a — b. Liturgische Bemerkungen. 

An f.: In der mitten der laudes na denie te deum laudanitis. 

Die erste Hand reicht bis 83b, die zweite bis 184a; die drei letzten 

Stücke sind von ebensoviel verschiedenen Händen geschrieben, 4) und 6) in Cursive. 

Die unter 5) verzeichnete Sequenz folgt hier in vollständigem Abdruck; 

die Abkürzungen sind wie schon vorher aufgelöst und die zum Teil vorhandene 

Interpunktion ist ergänzt. 

Dies Ire dies illa Soluet feclum**) 

1. En dach des tornes de dach ys ghenant, 
Dede werlt in deme vure vorbrant. 

Dyt bethuget vns dauid de pfalmifte, 
Dar to Sybilla de heydenfche profetyffe. 

Quantus tremor eft füturus 

2. Wylk eyn beuent tokamende ys vnde lede, 
Wenner erfchvnende is de richter fittende to rede, 
Allent dat van ambeg}Tine ys gefcheenn, 
Strenghe den wert richten vnde vptheenn! 

Tuba minim fpargens fonum 

3. Eynen wnnderliken lut wert de balTune geuen 

Auer alle graue der doden vnde dede den noch leuen, 
Dat fe alle van dode moten vpstann 
Vnde vor dat ftrenghe richte ghann. 

Mors ftupebit") et natura cum 

4. Vorwunderen werden fyck den noch mere 

De greflike doet vnde mynfchlike nature fere, 
Dat fick de creature van dode vorheuen 
Vnde deme ftrengen rychter antwnrde gheuen. 
186b. Liber fcriptus proferetur In quo to 

5. Dat gotlike boek gefcreuen wert den vorgebracht, 
Dar alle fake der funde fyn ynne bewracht, 
Dede van ambegynne der werlde fyn gefchen. 

Na dyffeme boke wert de rychter fentenceren^^). 

Iudex ergo cum fedebit nil") 

6. Wenner de rychter den wert fyttende dar, 
Alle hemelike funde den werden apenbar; 
Den yn der fulueften tyt vnde ftunde 
Nicht vngewraken blyuen de fware funde. 

Quid Tum mifer tunc dicturus 

7. Wath fchal yk aime mynfche dar reden vnde fpreken, 
Wenner de richter fo nouwe werth leggenn**) vnde rekenn? 



") Die lat. Anfangsworte sind rot. 
") Hs. ßuhehit. 

**) Hs. fenthaeren; nach diesem Wort folgt in einer fünften Zeile darunter, 
aber offenbar von derselben Hand, ein sehr störendes allen. 
") Beginn der dritten Zeile des lat. Textes. 
**) Hier doch wohl prägn. = recht leggen; vgl. Schiller-Lübben II 654. 



87 

Wen fchal yk vor eynen vorfpreker wthkefenn, 
Wente de rechtuerdige dar kume kan genefen! 

Eex tremendc maieftatis 

8. du konyngk der beuende maieftet vnde werdicheit, 

De du de wtlierkaren falich makeft dorcb dyne barmherticheit, 
du aueruletende born der myldicbeit, 
Make my falicb dorcb dyne gruntlozen gudicheit. 
lB7a. Recordare ihefu pie qua") fum caufa 

9. Wes den dechafFtich o Jhefii mvlde, 

Eyn orfake byn dynes weges dar to dyn bilde. 
In deme daghe latb my nicbt vordomen, 
Vppe dat de bofenn geyfte fik auer my nicbt vorromen. 

Querens me fedifti laffus 

10. Gefoebt befftu my gefeten vomiodet naket vnde blöt, 
Ok my vorlofet vnde yn deme cnice geleden den döt. 
Sodan fwar arbeyt vnde grote pyn, 

leue bere, lat vmme fus vor my nicbt gefcben fyn. 

Jiifte iudex vlcionis, donum fac r' 

11. recbte ricbter der funde eyn ftrenge vreker, 
Gyff my de gaue dyner vorhitynge feker, 

Ere de ftrenge dach wert kamen vnde befenn, 
Dar alle rekenfcbop van den funden wert yn leben. 
Ingemifco tanquam reus, culpa rubet 

12. Alfe eyn fcbuldicb funder yk den wol macb fucbten 
Vnde dar beneuen^') my ok fere bevrucbten*'*), 

De rode verwe mynes anthites w^ert my melden, 
Spare my, bere, yn dynem torne wil my nicbt fcbelden. 

Qui Mariam abfolnifti 

13. Dedu magdalenan ere funde befft vorlaten 

Vnde des fcbekers bet vorboret, van eme wtgegaten, 
My dar ynne eyn bopen vnde bilde gegbeuen, 
bere hiefu, lat my myt dy ewicb leuen. 
187b. Preces mee non funt digne 

14. Myne bede fyn nicbt werdicb vnde fo goetb, 
Ouerft vppe dyne gudicbeit drege ik eyn moet; 
Bewys my de yn de tyt der gnaden, 

Dat my dat ewige vur nicbt möge fcbaden. 
Inter oues locum prefta et ab hedis me 

15. Manck den lammeren vnde fcbapen to der vorderen bant 
Gyflf my eyne ftede yn dynes vader laut; 

bere, van den bücken my denn afffcbede, 
To dyner vorderen bant gyflf my eyne ftede. 

*•) Hb. quia. 
^'j Hs. beueue, 
"»)^Hs. hwruchU, 



88 

Confiitatis maledictis flamm 

16. De vormaledynge fy verne van my vordreuen, 
Dar de vordomeden moten ewich yn leuenn; 

Efke my to dynen benedieden to der vorderen hant, 
Dat yk nummer werde vorlaren^®) 

Oro fupplex et acclinis**), cor contritam 

17. Ick rope to dy biddende vnde dor myn ogen nicht vpheuen; 
Van ruwe ys myn harte alle afche towreeuen; 

du falichmaker achte mvn lefte ende, 
Entfange myne feie yn dyne hende. 

Ijacrimofa dies illa, qua refurget 

18. Sere bedrofflick vnde wemodich ys de dach, 
Dar ne ynne fodan Wunderwerk fchach, 

Dat van der afken de mynfchen fyn vorwecket 
Vnde td^^) deme ftrengen rychte getrecket. 
188a. ludicandus homo reus, huic 

Van der gantzen werlt de funder den werden besecht, 
Dede yn velen creaturen ere falycheit hebbenn gelecht*^). 

Pie hiefu domine dona eis 
here Jhefu**) fe de den ouer nicht fo nouwe to rvchtende*'), 
GyflF den wtherkaren feien de ewige vroude. Amen. 



^^) Lücke, keine Rasur; ein Umstand, der im Verein mit der ungeübten 
Hand und der bis jetzt nur einmal konstatierten Überlieferung unseres Stückes zu 
der Vermutung führt, dass der Übersetzer seine Übertragung selbst niedergeschrieben 
und sich die Ausfüllung der Lücke vorbehalten hat. 

") Hs. accUuis. 

'^) Der untere Aussenrand des Bl. ist, wahrscheinlich durch Feuchtigkeit, 
stark geschwärzt, so dass die Zeilenanfänge dieser Strophe nur schwer, der Beginn 
der 4. Zeile überhaupt nicht zu entziffern ist. 

'^) Soll das vielleicht heissen : Die ihre Seligkeit in irdischen Dingen gesucht 
haben? (velen vielleicht zu fei *falsch'?) 

") Hs. Ih ' n. 

^) Der dritte Buchstabe ist verwischt, kann aber an dieser Stelle kaum 
etwas anderes sein als c;* gegen die Lesung rv hege ich deshalb Misstrauen, weil 
nirgends sonst in diesem Stücke inlautend v für u geschrieben wird ; auch mit der 
am nächsten liegenden Lesung w weiss ich nichts anzufangen; schliesslich scheint 
der Reim die Streichung des schliessenden de zu fordern, wenn man nicht Schreib- 
fehler für 'den annehmen will. Könnte man wohl ändern to rechten und übersetzen : 
Sieh dann nicht so streng zum Rechten? Jedesfalls ist dies keine befriedigende 
Lösung. 

BONN. Fritz Milkau. 

Zu Fritz Reuters Dörehläuehting. 

Über die Abstammung Dörchläuchting's und seinen Regierungs- 
antritt berichtet Reuter im ersten Kapitel seiner Erzählung (Volksausg. 
Bd. 5, S. 9 f.) folgendermassen : 

„Adolf Fridrich IV., Herzog von Meckelnborg-Strelitz was en Ssehn von 
den Prinzen von Miran (Mirow), mit den de oll Fritz in sine 



89 

flotten Bheinsbarger Johren sinen Spijök bedrew; hei folgte in de 
Regining np Adolf Fridrich III., de woll vele Schulden, awer keine Kinner 
hinnerlaten hadd. Wil hei sewerst noch nich vnll föfteihn Johr olt was, höllen 
sei em tau't Begiren noch nich rip, wat 'ne grote Dummheit was, denn irstens 
was hei rip. Worum? Hei is seindag^ nich riper worden; tweitens hadd jo 
sin leiw Mutting för em regiren kunnt, un drüddens hadd den sin Herr Vedder 
Liebden, Erischan Lurwig von Meckelnborg-Swerin, sin meckelnborg - strelitzsches 
Reich nich mit Krieg awertrecken kunnt, denn he hadd ok stark in den Sinn 
för em tau regiren; kämm aewer nich recht dortau, denn de Mutter van dat 
Kind, 'ne Prinzess van Hildborgshnsen, knep 's Nächtens mit ehren lütten Herzog 
ut nn lep mit ehm nah Gripswold. Hir let sei ehm studiren lihren, denn, wenn 
ok nich tau't Regiren, tau*t Studiren was hei rip ; sei sülwst aewer schrew en langen 
Breif an den jgReichshofrath" un wes ^nah, dat ehr Kind en anner Kind wir, 
as anner Kinner; dat dat all von Ltltt up an hellsehen klauk west wir un, 
wenn^t nu nich bald vulljöhrig spraken würd, licht aewerrip warden künu tau'm 
Schaden von de meckelnborg-strelitzschen Landen. De „ Reichshof rath" sach dat 
in und ded ok en Inseihn, hei sprok unsen Dörchläuchten vulljöhrig, un Vedder 
Liebden Kriscban Lurwig von Swerin müsste mit ^ne lange Näs' aftrecken un 
de Part von dat meckelnborg-strelitzsche Reich, Nigen Bramborg, de hei mit 'ne 
Armee von fiw Kumpanien besetzt hadd, wedder 'rute geven." 

Woher entnahm Reuter die Angaben über diesen kleinen Fürsten 
aus der Nachbarschaft von Rheinsberg? Man denkt zunächst an den 
Briefwechsel des Kronprinzen, im besonderen an die ^Briefe Friedrichs 
des Grossen an seinen Vater, '^ die 1838 zu Berlin in Sonderausgabe 
erschienen sind; allein es ist wohl so gut wie sicher, dass er nicht 
diese selbst, sondern die Auszüge daraus in Thomas ('arlyle's History 
of Friedrich II. of Prussia benutzt hat. Dieser berichtet H. X., Kap. 3 
(Ausgabe in 10 Bänden: London, Chapman and Hall Bd. 3, S. 235 ft.) 
ausführliches über den Prinzen von Mirow, der für englische Leser 
als Vater der Königin Charlotte von besonderem Interesse ist. Be- 
sonders zu beachten ist der Auszug, welchen Carlyle aus einem Briefe 
des Kronprinzen an seinen Vater vom 26. Oktober 1736 gil)t. Aus 
ilim hat Reuter nicht nur die humorvolle Schilderung der Hofhaltung 
eines deutschen Kleinfürsten des 18. Jahrhunderts in gewisser Weise 
zum Vorbild gedient, sondern es kehren auch einige ('harakterzüge 
des Herzogs von Strelitz (des von Reuter erwähnten Friedrich HI.) 
in der Schihlerung Dörchläuchtings wieder. Jener treibt in Musse- 
stunden das Schneiderhandwerk und verfertigt höchst eigenhändig sehr 
schöne Schlafröcke. Reuter hat diese Vorliel)e für „schöne Kledaschen" 
auf seinen Nachfolger, Dörchläuchting übertragen, der sie allerdings 
nicht selbst verfei-tigt, sondern, sehr zum Schaden seiner Kasse, aus 
Paris konunen lässt. Ein anderer zu beachtender Charakterzug ist 
das menschenscheue Wesen des Strelitzers [He is extremely silly 
(blöde)]. Auch Dörchläuchting zeigt diese Eigenschaft, allerdings 
])esonders weiblichen Wesen gegenüber. lk»sonders nuichte ich nocli 
auf eine Stelle aufmerksam machen. Wenn es nämlich S. 237 vom 
Herzog von Strelitz heisst: ^His Hofrath Alt rock teils him as 
it were, everything he has to say^, so erinnert dies an das vertrau- 
liche Verhältnis, in welchem Hofrath Altmann zu Dörchläuchting 



90 

steht. Dass die Gemahlin des Prinzen von Mirow eine geborene 
Prinzessin von Hildburghausen war, konnte Reuter Carlyle entnehmen. 
Dagegen findet sich bei ihm kein Anhalt für die Erzählung von der 
Flucht der verwittweten Fürstin nach Greifswald. Vielleicht schöpfte 
Reuter diese Angabe aus einer anderen Quelle, möglich aber auch, 
dass er hier nur einen Zug aus Paul Heyses Schauspiel Hans Lange 
benutzt hat, wo die verwittwete Pommernherzogin mit ihrem Sohne 
Bogislaw ebenfalls nach Greifswald flieht und ihn dort mündig erklären 
lässt. Heyses Schauspiel erschien 1806, als Reuter mit der Abfas- 
sung des Dorchläuchtung beschäftigt war, und bei den ^historischen^ 
Grundsätzen, zu denen sich der Dichter in der Einleitung seines 
Romans bekennt, scheint mir letzteres nicht unwahrscheinlich. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu einzelnen Stellen nnittelnieder- 
deutscher Dichtungen. 

Tan Saute Marinen. 

(Abdruck der Helmstedter Hds. bei Bruiis S. 144 ff.; Ausgabe von Carl Schröder 

[mit Vruwenlof], Erlangen 1869.) 

14. dar to gaf or de sote here 
dat se mit duldegeni arbeide 
sculde ufider manlikem klede 
van kinde gans or levent ut. 
St. ga7is setzt Schröder gdn in den Text and erklärt sculde = 'sollte' 
(s. Wörterb.). Es ist aber Praet. von schulen, sctilen 'sich verbergen, latitare', 
gans or levent ut hat schon Brans richtig wiedergegeben dnrch : 4hr ganzes Leben 
hindurch.' — 'sollte' ist sonst in diesem Texte stets durch scolde wiedergegeben. 

104. Dar was en hlek bi gdeghen 
alse dar de koplude plegen 
ore gut to hope bringen. 
De monke voren dar na dingen 
der se in dem kloster bedachten: 
up der kar se dat brachten. 
Um die Erklärung der Verse 107 ff. haben sich die Herausgeber vergeblich 
bemüht; auch Lttbben z. Zeno V. 20 weiss sich dieselben nicht zu deuten. In 
der lat. Quelle (bei Schröder S. 9) heisst es entsprechend: et ibant monachi et 
afferebant quae necessaria erant monasterio. Die Stelle wird klar, wenn wir 
V. 108 dss St. der schreiben uud dingen, das noch Sehr, durch 'Sachen' erklärt 
= 'einen Kauf abschliessen' (s. Mnd. Wb. 1, 520) fassen, bedenken erklärt sich 
dann einfach dnrch 'nötig erachten'. 

178 lies: Du salt nu mer in allem dinge 
besorgen dem des he bedarf. 
Statt des hat die Hds. de. Schröder: besorgen dat des he bedarf. 
251 ff. schreibt und interpuugiert Schröder: 

se gingen unde bevoleden 
unde mit water spoUden 



91 

alse 86 woneden de mannes lif: 
wen he was van nature en unf, 
dat wart en al do kunt. 

wonen erklärt Schröder durch 'gewohnt sein^ obgleich er bemerkt, dass 
diese Bedeutung im weiteren Mnd. nicht belegt sei. Auch wen in der Bedeutung 
'dass', wie es Sehr. (Wb. S. 69) fasst, ist nicht möglich, wonen ist 'glauben, 
meinen'. Der Ton liegt auf se woneden 'die vermeintliche Mann8leiche\ Nach 
lif ist Komma, nach wtf Punkt zu setzen und wen durch 'denn' zu übersetzen. 

314. Über hequinen 'gedeihen' ist schon das richtige im Mnd. Wb. I., 
237 bemerkt. 

317. ungelik un hon, ungelik, wofür Sehr, nicht passend ungeluk 
Unglück' setzt, ist 'ungerechte Behandlung'. 



«TT 



Tmweiilof. 

(Bruns S. 124 ff.; Schröder S. 19 ff.) 

13 ff. ist zu lesen: 

Wu mochte groter vraude sin 
tvan dar en man unde en vruwe fin 
mit rechte bi en ander ligget, 
unde on de leve an siget, 
dat en den anderen mit ganser dat 
wen sik sulven leoer hat, 
unde en de lern an siget 'wenn sie die Liebe bezwingt.' Über an sigen 
8. Hartmanns Iwein 6604 mit Lachmanns Anm. und Erek' 8795. Die Hds. 
hat txiget, was noch Schröder, obgleich er mit Recht bemerkt, dass dieses Wort 
im Mnd. nicht weiter belegt ist, wie Bruns durch 'zeigen' erklärt. Im Hartebok 
V. 269 (auch bei Schröder S. 6) lautet die Stelle ebenfalls entstellt: unde den 
de hve dat segget (; ligget), 

46. en gut wif is der vonden vunt, Bruns findet hier eine Anspielung 
auf Prov. Salamonis 18, 20; gemeint ist wohl V. 22: qui inveniet mulierem 
bonam, invenit honum, 

79. Der Sinn (vgl. 71 f.) verlangt: ore schin is nicht tigen reine wif 
'ihr Schein ist nichts im Vergleich zu reinen Frauen'. 

83. Statt an lachen enen werden man hat die Hds. die nicht zu be- 
zweifelnde Lesart: anlagen enem w, m. Über anlagen mit Dat. u. Acc. 'jemand 
bittend angehen, s. Mnd. Wb. I, 95. 

101. Up dem angere scolde sucker stan 
dar de werden vruwen hen gan 
Bruns denkt sich den Anger mit Zucker bestreut. Dass aber an eine 
zuckerhaltige Pflanze zu denken ist, zeigt der Vergleich mit Wolframs Willeh. 
87, 30 geeret st veli unde gras Äldä der minncere lac erslagen. dax velt solde 
Zucker tragen al u/mh ein tagereise. 
103 f. liest die Hds. richtig: 

Nen man kan to vullen scriven, 
wat umnne kumpt van werden tviven. 
to vullen 'zur Fülle, völlig.' 

109 f. verstehe ich nur als zur Entschuldigung der 'wandelbaren' Frau 
gesagt und lese: 

Et enwart up erden nu so gut, 
et en wunne wol tvnvelmot 
'Es ward nichts so gutes auf Erden geboren, dass nicht zuweilen Wan- 
kelmut gewönne.' 



92 

113 schreibt Sehr.: we entsen aller vruwen lif. Die Hds. hat entsiren, 
d. i. wohl entsiten ^sich ehrfurchtsvoll vom Sitz erheben.' 

116. Statt do ist wohl don zu lesen. 

Wolfenbtttteler Osterspiel. 

47 lies: jungeling (; ding). Vgl. die Auferstehung Christi bei Mone, 
Altteütsche Schauspiele V. 839. 

78 ff. sind wohl folgendermassen zu ordenen: 

Wene soke gy dre vrowen, 

Mit so groter raiiwe 

Also vro an dussem grave 

Unde mit so groter klage? 

Bei Mone 997 ff. lauten die Verse: Wen sucht ir dry frawen so fru 
in desem tawe, so na^ hif desein graben kunt ir uns dax gesage? 

103 lies Du st. Da. 

120 ff. Die ungeschickten unreinen Reime verraten die hochdeutsche Vor- 
lage; vgl. Mone 1025 ff. 

134 lies: verivundet lif. 

157. Woldestu de jodden hebben vormeden, 

Der merter en dechtestu nicht Iiebben geleden. 

Man ist versucht tnechtestu st. dechtestu zu schreiben, doch vgl. auch 
ßrandan (Brnns) 539 : heddestu den tom vermeden \ du en dechtest (Br. dethtest) 
der pine nicht hebben leden. Auch Lübben z. Zeno V. 20 weiss sich die Form 
nicht zu deuten. Vielleicht ist dedest zu lesen. 

168. Bistu here, wo wir erwarten: 'Bist du es, Herr?' s. Lachmann-Benecke 
z. Iw. 2611. 

172. Ungemaget gekoren weiss ich mir nicht zu deuten. Ist vielleicht 
lmgeman?iet geboren 'ohne Mannes Beihülfe geboren' zu lesen? 

Nach 204 fehlt ein Vers, der etwa folgendermassen zu ergänzen ist: 

Hude mwgen, do ik to dem grave quam, 

IVan dem enget ik t'omamj 

Dat he were van dem dode up gestan. 
Vgl. Mone 1148. ich wax gegangen cxu* dem grabe, ich umx vor dem 
tage fro*, ich sach dy^ enget, sif sprachen mir cxu\ 

Zeno. 

(her. V. Lübben, Bremen, 1869). 

41 ff. lese und interpungiere ich: 

He makede darbi enen bref: 
In bli he one schref. 
De duvel, tnit sine?' hant, 
Dat deme (dem Bischof) were bekant 
Dat kint vunden 
Unde ok allen sinen vrunden. 
vunden kint ist = vu7itkint 'Findelkind', vgl. Hartmanns Gregor 1227. 
Dass ausser dem Namen des Vaters auch die der Verwandten des Kindes in dem 
Briefe verzeichnet stehen sollten, ist nicht wahrscheinlich; auch V. 152 wird 
nur berichtet, dass der Bischof den Namen des Vaters darin fand. 

166. up or lif Wide up wen sin. Die Formel ist nicht zu bezweifeln 
(s. d. Anm.) Der sin wird anch sonst dem lip gegenübergestellt; vgl. an Übe 
unde an sinne Iw. 125; Wig. 3817. 



93 

183 ff. lese ich: 

Do lerde it bi ver jaren, 
Dat allen den scholem, de dar waren, 
In der lere om io en boven lach. 
Dat ist =■ Dat it; on Dat. ethic. 

225 ff. sind unzweifelhaft durch Znsatz des Schreibers (mit Benutzung 
von 318) entstellt Ich glaube, dass die 4 Verse in 2 etwa folgendennassen 
zusammenzuziehen sind: 

He kledede on wente up den vot 
Unde let ome over al sin got 
Die Redensart: Von Kopfe zu Fusse (d. h. völlig) kleiden besteht noch; 
vgl. auch V. 479. 

255 ff. lese und interpungiere ich: 

Zeno vil stille swech: 
Van leide rot unde blek 
He wart na harter vriste, 
Dat he ein edder ander enwiste. 
288 (s. Anm.) Mir scheint die hdsl. Lesart nicht zu beanstanden. 
341. Die hdsl. Lesart von H.W. : He wart also ein dok (Lübben: dode) 
blek ist nicht zu beanstanden; dok meint hier ein ^Leintuch'. ^Bleich wie ein 
Betttuch, Laken' ist ein noch jetzt üblicher Vergleich. 
396 f. sind umzustellen: 

Dat is noch, so it vore was, 
Do se siner erst genas. 

401 f. Do her Zeno dat horde. 

Sin leit he gar vorstorde. 
Dh. 'Da Zeno dies hörte, so vernichtete er (der Antwortgeber) damit seinen 
Kummer.' Es ist kein Grund, die Lesart von D. vorzuziehen. 

428. Da HDZ. Übereinstimmend armen mamie lesen, so haben wir kein 
Becht, manne aus metrischen Gründen zu streichen. Dasselbe gilt von dat vor 
tvere in V. 458. 

500. Ik wege se iuk over in den schot. over ist wohl = aver iternm, 
d. h. also 'doppelt'. 

643 ff. lese und interpungiere ich: 
Lat di nu so leve sm 
Also mi was, to dem schaden mm 
Do niik Zeno wart gesant 
Van deme bin ik sits geschant 
'Lass dir nun so angenehm zu Mute sein, als mir war, da mir, zu meinem 
Schaden, Zeno gesandt wurde.' 

649. Da HD. übereinstimmend tucke st. niicke haben, so ist erstere Lesart 
wohl vorzuziehen. 

712 f. lese ich: 

Unde vorden se iegen en stat: 
VenMe was benomet (Hds. de narae) dat. 
Der Grund zur Entstellung war, dass stat als Neutr. ungebräuchlich ist. 
824 (s. Anm.) Auch hier ist kein Grund, die Lesart von D. der von 
HW. vorzuziehen. 

Nach 870 ist Punkt statt Komma zu setzen und dann fortzufahren: 

Dai se up de koninge proven, 
En scalt du di nicht bedroven. 
Noch dat se so hastigen kamen rant 
To di mit wapender hant. 



»4 

Die unzweifelhaft entstellten Verse 945 ff. sind kaum Überzeugend her- 
zasteilen (s. d. Anm.) 

973 ist unzweifelhaft beren 'Gebärden^ statt 'weren' zu lesen. [S. Anm.] 
Nach 1014 setze ich Punkt statt Komma und lese dann 1015 ff. : 

Tohant do Satanas 
üt der juncvroxven varen was 
Unde hadde sik gehudet, 
Hedde dat wat gehütet! 
* Alsbald war Satanas aus der Jungfrau gefahren und hatte sich versteckt. 
Wenn das nur etwas genützt hätte!' Vgl. 1047 f. Wat he sik nu to winket 
tut, Wart he geste körnen stitf 

1055. Sollte hier H. wirklich den drei Hdss. WDZ. gegenüber allein 
das richtige bewahrt haben, und nicht vielmehr: Stcs deit Saianas u?nme gude 
Wort ironisch zu fassen sein? (s. d. Anm.) 
1085 lies: kortewüe, 

1116. Do }he ein blek van danne quam, 

Do vant he in dem wege, 
Dar se tnede to graveride plegen. 
So viel ich weiss, kann man nicht sagen: ein blek tnn danne kamen, 
ebensowenig wie nhd. 'einen Fleck weiter komen\ Auch muss das gänzliche 
Ausfallen des Subjekts in V. 1117 ausfallen, es sollte wenigstens der unbestimmte 
Artikel stehn (vgl. z. B. Meier Helmbr. 597 : dir ragete uz dem rocke einez als 
ein aJisen di^m.) Ich glaube deshalb, dass zu schreiben ist: 

Do he van damie quanij 
Do vant he ein blek in dem wege, . . . 
'Als er von dannen kam, fand er ein Blech (eine Metallplatte) in dem 
Wege, womit man zu graben pflegt.' 
1232 f. ist zu lesen: 

Zeno sprak: 'Ik were noch lenk 
Gewesen, enheddest du geddn . . / 
'Z. spr. : „Ich wäre noch länger ausgeblieben, wenn du nicht gewesen wärest.'' 
don vertritt hier die Stelle des voraufgehenden Verbums; vgl. Mnd. Wb. I., 538. 
1273 lies: Wat du gheist (sagst. Hds. deiM), dat is gedan, 
1303. Da so in WHZ. fehlt, so ist es zu streichen. 
Die nur in D überlieferten Verse 1473 u. 74 machen allerdings den Eindruck 
der Ächtheit. 

1519;, Dedet ein dink, dat sdiolde mi leit sin. 

Die Überlieferung gibt allerdings keinen rechten Sinn (s. Anm.). Sollte 
nicht zu lesen sein: Dedet en sake, d, s, rn, l. s. (?) = 'Sollte es einen Streit 
veranlassen, das sollte mir leid sein.' Die miss verständliche Änderung von dink 
in sake wäre wenigstens leicht zu erklären. 

1536. Da auch D: an beider s^iet hat, so wird anzunehmen sein, dass auch 
in H weder »yd aus heder s. entstellt ist. 

Aneelmos. 

(her. V. Lübben im Anhange zu Zeno, S. 113 fl.) 

Nach V. 6 ist besser Kolon statt des Komma, nach 105 besser Punkt statt 
des Komma zu setzen. 

143 lies: undertunschen, 228 lies einighe (vgl. 73). 

294. scheint die Änderung von nicht in iht leichter, doch vgl. die Anm. 

301 f. lies und interpungiere : 

De jungheren queinen her gelopen 

So rechte jarmnerliken rqpen. 



95 

Vgl. 432 IT., wo ebenfalls das Komma nach lopm zu tilgen ist, denn die 
folgenden Infinitive stehen statt des Participiums. Ebenso nach 397. 415 ist 
dsigegen gestän Infinit, mit der Vorsilbe ge. 

343. Vor tvant *bis* ist das Komma zu tilgen. 377. toch = ^dok'. 

403 lies: al de not, 

507 fif. ist zu interpungieren : 

Ik hopede dat: min leve sone 
De was so deinlik unde so schone 
Unde so reckte suverlich, 
Sin antlat was ome mynniclich: 
Wan se dat liadden an gesein, 
Dat ome nicht quades were schein, 
Dat se sik scolden sin unbamien. 
525. Das hdsl. ome ist nicht in one zu ändern, (s. Anm.) 
Nach 566 ist Kolon statt Semikolon zu setzen und zu schreiben : 

Do he vor pilatus qv/zm u. s. w. 
647 if. lies: 

He vragheden ok, oft he dat wäre, 
Dar tmime sin vader ouer mannighem jare 
Hei de kinder slaghen dot 
Hei hiess 'befahr. 

746 liess: He sweich unde enwolde des ome nicht sagen. 
854. Das composit gecleit (vgl. Hau. Marienl. 34, 23 und Lexer u. d. W.) 
ist im Mud. Wb. nicht belegt. Ebenso 971 leitvortrif 'Leid vertreib', vgl. die 
Widmung in Kinkels Otto der Schütz: 'Ihm war das Lied ein Leidvertreib'. 
839 fr. ist zu lesen: 

Se alle richten up mit groter not 
Dat cnise, wani is was so grot, 
Dat se des nicht lichte konden hören, 
Dar enmosten vele lüde to Jioren, 
Es darf nicht mosten statt enmosten (s. Lübbens Anm.) geschrieben 
werden; vgl. über die Constraction meine Bemerkung z. Sündenfall 1665 f. im 
Jahrb. XVI. 

1117. Do sine vote iveren los, 

Wu drade ek de erden kos 
Unde leghede one an minefi sclwt! 
de erden kos erklärt Lübben in den Anm. und im Mnd. Wb. IL, 457: 
'die Erde wählte, mir ersah, mich auf die Erde niederliess', zweifelt aber selbst, 
dass er das richtige getroffen, Ich vermute: de horden kos 'die Bürde mir 
ersah, auf mich nahm.' 

Botes Boek van veleme rade. 

(her. V. Herrn. Brandes, Jahrb. XVI., 1 ff.) 

Bl. Ib. ,v. 3. Ick hyn eyn van den vrommeden ghesten. Der Hrsg. sucht 
in diesen Worten einen versteckten Hinweis auf den Namen des Dichters (Bote). 
Vergleichen wir I., 92 Wy sint hir up erden vrommede gheste^ so ergibt sich, 
dass der Dichter hat sagen wollen: 'Ich bin ein Mensch, mit menschlicher 
Schwäche behaftet.' 

n., 49. ist wohl evenmynschen als Compositum aufzufassen, da das A4j. 
even sonst flectiert wird (s. Mnd. Wb. u. d. W.) Nach V. 65 ist besser Punkt 
oder Kolon zu setzen. 



96 

Vin. 21 lese ich: Dyt spoelrat is van eyner hreden hnimme. (Druck: 
eyn% hreder), 

47 f. ist zu interpangieren : 

In heerhencken hm me groetspreken, 

Mit s werden unde mesten ivü me denne de heize äff stecken. 

49 f. gy rechten dummen hmpen, 

De jii eyn laken ummewarmede unde lede juw slapen 
ummewarmen in der Bedeutung 'umlegen' ist nicht belegt und auch nicht 
wahrscheinlich. Sollte nicht zu lesen sein De ju eyn laken wmne tvamede. 
S. warnen 'zur Sicherheit mit etwas versehen, mnnire' Mnd. Wb. 5, 606. 

53 f. sind unzweifelhaft entstellt, besonders ist die Qegenilberstellung von 
ordel und stryt unmöglich. Ich vermute 

Bar lant unde lüde dye (so auch der Druck) unde vordarff ane lycht, 
Se enachien noch oi'del noch rycht. 

lant und lüde steht formelhaft. Vgl. Stindenf. 2756 Wente dar an licht 
dig unde vorder f Nicht einerleie allene, Su7ider aller gewerlt gemene. Götting. 
Urkb. II., Nr. 153 (1431) S. 106, Z. 22: afidere unchtige stucke , . , ,, dar 
un^er Henze openbare dye unde vorder ff ane licht. 

Nach IX., 7 ist Pankt statt des Komma zu setzen und dann zu interpungieren : 

Va7i eglietier upsate unde toval 
Dat de duvel niaket unde Jievet an: 
toval hier 'Einfair, im Mnd. Wb. aus Griseldis belegt. Dat ist Demonstrativ. 
31. Toje^lwr ist unverständlich. Sollte nicht tosegher = 'Aufhetzer' 
zu lesen sein? V. 32 ist Unde = Unde de. 

50 if. ist folgendermassen zu interpungieren: 

Wente dat tvil eynen anderen vomichten 
Dat sulves nicht entdocht. 
Qu4xden rat quade lere socht 
Quaden rat ist der bekannte niederd. Accusativ statt des Nominativ. 
64 ff. ist zu interpungieren: 

here got, wol synt de in deme schaden? 
Dat doet de heren unde ere armen lüde. 
„0 Herr, wer ist es, der den Schaden erleidet? Das sind die Herren und 
ihre armen Leute." Der Hrsg. erklärt doet = dodet, aber diese sonst nur einmal 
belegte Form ist hier nicht anzunehmen ; doet ist vielmehr 3. Pers. Plur. Praes. 
Ind. von don, welches hier die Stelle des vorhergehenden Verbums vertritt. 
(s. Mnd. Wb. I, 538b.) 

X., 4. Zu muntspeer vergleiche unser 'die Maulsperre', die man bekanntlich 
auch vor Verwunderung bekommen kann. 

28. Das bisher unbelegte hoitensnavel vom Hsg. durch 'Grünschnabel' 

übersetzt, wird wegen der Bedeutung von hotte wohl besser durch 'Milchbart' 

wiedergegeben. Vgl. auch VIIL, 86 Du bijit dar alto wit umme ds munth to. 

80 bidt erklärt der Hsg. dem Sinne nach richtig durch 'entsteht'. Haben 

wir ein mnd. bullen = lat. bullire 'hervorwallen, quellen' anzusetzen? 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



97 



Spieghel der zonden. 

(Mnd. Handschrift des 15. Jalirh, in der Panlinisclien Bibliothek 

zn Miinster i/W.) 

Im Jahre 1874 veröffentlichte ich in dem Programm des da- 
maligen Progymnasiiims zu Norden ^Josefs Gedicht von den sieben 
Todsünden" in fortlaufenden Auszügen und Inhaltsangabe nach einer 
bis dahin unbekannten mnd. Handschrift der Bibliothek des Vereins 
für Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden. Professor Suchier 
in Halle machte mich dann auf ein Gedicht ähnliches Inhalts aiif- 
merksam, welches sich handschriftlich in der Bibliotheca Paulina zu 
Münster befände, und in dem Niederdeutschen Jahrbuche IV (1878) 
p. 54 — 61 veröffentlichte dann später A. Lübben unter der Ueber- 
schrift ;,Spieghel der zonden* einen kurzen Aufsatz über diese Hand- 
schrift nebst einer derselben entnommenen Erzählung, welche eine 
merkwürdige Aehnlichkeit mit der Geschichte hat, die Schillers ;,Gang 
nach dem Eisenhammer" zu Grunde liegt. 

Lübbens Aufsatz enthält, wie mir scheint, einige Unrichtigkeiten 
und giebt von dem Inhalte des Gedichts nur im allgemeinen Kunde. 
Wenn aber der Spieghel der zonden zweifellos fast in derselben Zeit 
entstanden ist, wie Josefs Gedicht von den sieben Todsünden, ohne 
dass irgend welche Anlehnung stattgefimden hat, ivenn derselbe Stoff 
in räumlich nicht weit entfernten Gebieten von zwei verschiedenen 
Bearbeitern ganz selbständig in umfassenden Dichtungen behandelt 
worden ist, so lohnt es wohl der Mühe, nun auch die Münstersche 
Handschrift in ähnlicher Weise wie Josefs Gedicht bekannt zu machen. 

Die Handschrift befindet sich also auf der Königlichen Pauli- 
nischen Bibliothek zu Münster unter Nr. 268 (früher Nr. 1139) und 
ist in Ständer's 'chirographonmi in bibliotheca Paulina catalogus' 
S. 117 sub Nr. 536 kurz beschrieben. Es ist ein Folioband, in Leder 
gebunden, auf Pergament geschrieben. Auf der Innenseite des Vorder- 
deckels steht die Notiz: ^Aus dem Hanloschen Diebstahl von einem 
Schreiner, dem es zum Auskleben — musikalischer Instrumente ver- 
kauft w^ar, freiwillig zurückgeliefert. M. 20/2 75.^ Die Blätter 
25 — 34, 37 — 54, 70 — 74, 102 — 108 sind unten angeschnitten. Es 
sind dadurch weggefallen auf Blatt 25 — 28 je 2 Zeilen, Bl. 29 1 Zeile, 
auf Bl. 30 — 32 ist nur der untere Teil der letzten Zeile weggeschnitten, 
desgl. auf Bl. 37—38, 51—54, 70—74, 102—108. Auf Blatt 33—34, 
39 — 50 ist nur der imtere weisse Rand weggeschnitten. Die Hand- 
schrift besteht aus 139 Blättern. Auf jeder Seite stehen 2 Spalten 
ä 32 Zeilen, die ohne jeden Absatz hinter einander folgen. Das 
139ste Blatt enthält nur auf der Vorderseite noch 1^/« Spalten Text. 
Die vollständige Handschrift hat also ca. 17700 Zeilen enthalten. 

Nicderdeutiches Jahrbuch. XVII. 7 



»8 

Man kann nur Zeilen, und, trotz der poetischen Form des Werkes, 
nicht Verse, sagen, weil in vielen Zeilen Inhaltsüberschriften pro- 
saischer Form sich befinden. Die Handschrift ist im Anfange un- 
vollständig. Lübben meint, es fehlten vorne ^einige Blätter, vielleicht 
aber auch nur zwei oder eins.^ Es kann vorne aber nur ein IJhitt 
fehlen, denn auf dem jetzigen Blatte 73a ^j lesen wir: 

Hyr off is ghenoech unt laden 

Int LXVIste desser b laden, 

Int capittel, welk uns bevroet, 

Wat quade traecheit den mensche doet. 

Dieses Kapitel von der traecheit beginnt aber nach der jetzigen 
Zählung auf Blatt 65 (nicht 64, wie Lübben meinte.) Es muss also 
vorne ein Blatt weggefallen sein. Die Schrift, in schwarzen, schein- 
bar klaren Schriftzügen, ist nicht so deutlich, wie sie aussieht, weil 
die Buchstabenformen nicht immer scharf auseinandergehalten sind. 
Die Schrift steht auf ganz zart vorgezogenen Linien. Jede Zeile be- 
ginnt mit einem grossen Anfangsbuchstaben, welclier mit einem senk- 
recht durchgehenden roten Strich verziert ist. Bedeutsamere Inhalts- 
Abschnitte haben grössere, etwa 3 cm hohe Anfangsbuchstaben mit 
blauen und roten Arabesken. Die Hauptteile haben ganz grosse, 
etwa 6 cm hohe Initialen, welche mit äusserst feinen und zierlichen 
Arabesken in gotischem Stile gefüllt sind und blaue oder rote Farbe 
zeigen. Links vorne an den Zeilen steht bei Citaten oder bei Inhalts- 
Abschnitten, jedoch nicht regelmässig, das Zeichen ^, blau und rot 
abwechselnd. Im Texte finden sich, wie oben erwähnt, häufig reim- 
lose Inhalts-Ueberschriften in roter Farbe, doch nicht strenge der 
Disposition gemäss. 

Die Zeit, in welcher das Gedicht entstanden ist, lässt sich aus 
dem Inhalte desselben zunächst nur insoweit bestimmen, als es vor 
der Reformation verfasst sein muss, jedoch in einer Zeit, in der sich 
die Empfindung von dem Vorhandensein kirchlicher und sozialer Miss- 
stände lebhaft geltend machte, also im 15. Jahrhundert. Ferner wird 
86b eine nur im 15. Jahrh. übliche Kopfbedeckung der Frauen, die 
^jKappenhörner" erwähnt. — Der Verfasser, der sich am Schlüsse 
een simpel clerck nennt, ist ein scholastisch gebildeter, frommer und 
streng kirchlich gesinnter Mann, der sich jedoch wiederholt der Ge- 
ringen und Armen gegen die Grossen aufs entschiedenste annimmt. 
Auch dieses dürfte auf das 15. Jahrhundert deuten. Zu zweifelloser 
Sicherheit wird dann diese Annahme durch den Charakter der Schrift 
und der Sprache erhoben. 

Die Sprache ist mittelniederdeutsch. Der Verfasser nennt sie 
selbst an verschiedenen Stellen duHsch, z. B. 39b : de seste sprcie Na 
unsen duetsche het sintonie* Sie gehört dem wii-Gebiet an, es kommen 
nur die Formen my (mi) und dy vor, niemals meh oder mik. Starke 



^) Die Bezeichnung der Blätter mit fortlaufenden Zahlen rührt von modemer 
Hand lier. Ich bezeichne mit a die erste Seite des Blattes, mit b die zweite. 



99 

niederländische Färbung ist unverkennbar. Das niederländische Wort 
tür 'schön', moy^ welches noch heutigen Tages im ostfriesischen Dialekt 
ijanz allgemein ist, in andern Dialekten meines Wissens jedoch nicht 
vorkommt, ist im Sündensi)iegel ziemlich häufig, jedoch mit schone 
wechselnd, z. B. 13b moye icyfs, Een moyert 82a bedeutet ^ein fein- 
•jeimtzter, schöner Herr^. Auch dieses ist niedcruiudisch, ebenso wie 
sla der uterliker moy erdien und l)3b tnoyhede, desgleichen das öfters vor- 
kommende wet 'Gesetz', z. B. 32a Exemple van der oolder wet. Das 
(ledicht wird also in den niederdeutschen (iegenden an der nieder- 
ländischen Grenze entstanden sein. 

Uel)er das ganz autfallend zahlreiche Vorkommen von Fremd- 
wörtern hat sich bereits Lübben gewundert. Es geht weit über das 
sonst im Nd. gewohnte Mass hinaus. Ob diese Eigentümlichkeit dem 
vermeintlichen Ursprünge des W^erks aus dem Lateinischen zuzu- 
schreiben sei, wie Lübben annahm, scheint mir fraglich. Wenn man 
auch den Urspnmg aus dem Lateinischen zugeben wollte, so war doch 
der Gebrauch des Lateinischen allen Geistlichen, welche niederdeutsch 
schrieben — und ein Geistlicher war der Verfasser des Sündenspiegels 

— damals so vertraut, dass sich in allen von (Geistlichen geschriebenen 
mnd. Dichtungen eine gleich auffjillende Zahl von Fremdwörtern finden 
müsste. Das ist abei- nicht der Fall. P^s muss also hier etwas In- 
dividuelles zu Gninde liegen, der Ursprung aus dem Lateinischen 
kann allein der Grund nicht sein. Auch zeigen viele von den Fremd- 
wörtern des Sündenspiegels entschieden Durchgang durch das 
Französische. Ich möchte daher eher glauben, dass auch diese 
Eigentümlichkeit auf den Entstehungsort des Gedichtes hinweist, und 
dass derselbe somit in den nieder ländisch- französischen 
Grenzgegenden zu suchen sei. 

Einige dieser Fremdwörter hat auch Lübben, wie er selbst er- 
klärt, nicht enträtseln können. Dass ich sie alle hierunter verzeichnet 
hätte, wage ich nicht zu behaupten; der Begriff eines Fremdwortes 
ist ja an imd für sich schwankend, aber die irgendwie autfälligen 
finden sich im Folgenden alle notiert. Die Blattzahl soll nur bedeuten, 
dass man u. a. das Wort dort findet, nicht, dass man es nur dort 
findet. In Schiller-Lübbens Wörterbuch ist nur ein kleiner Teil der 
hier folgenden W^örter enthalten. 

Amye (Freundin) 9b. — accorderen (bewilligen) 15b, (dazu stimmen) 22b. 

— altar, cUtaer 21b. — ahkominnhel (= franz. abomi nable) 31a. — aveniure 
(Abenteuer, Zufall, Schicksal) 31b. — abdtjen (Abteien) 39b. — arcke (Bundes- 
lade) 44b. — almoessen. oft. — a^-che (Arche des Noah) 59b. — de apostolen 
60a. — CrisiuSj der kerken advocaet 61a. — auctoriteit (Ansehen, beweiskräftiger 
Ausspruch, beweiskräftiger Autor), oft. — ahusioen (Missbrauch, Verkehrtheit) 
94a. — aroei' 94a. (Ein König 

— solde festeereti zyne maglicn 

To eenen van zynen vercorene daghen; 

So moy dreef he zyn acoer, 

Dat he solre, toant und floer 

Verdecken dede van der zale 

Met pellen, purpere und mel einddle.) 

7* 



100 

— appetyd (im übertragenen Sinne: keren xynen a. upt vremde wyf) 97a. — 
aecoort (Znstimmnng, Anhalt: broder an broder iH^nt a.) 108a. — antecrist 
(Antichrist) 110b. — 

Bastard 16b. — benedixicn (segnen) 32b. — befiedien (jgy gebenedids) 57a. 

— blanie (Schmach, Tadel) 37a. — beest (nur im allgemeinen *Tier'. stomme 
beeste) ö4b. — de bible 60a. — bepipien (durch Arbeit erwerben) 66b. — 
blasphemie 72b. — Oode blaspliPinieren 121b. — blameren (tadeln) 133a. — 

Sonder cesseren (ohne Aufhören) 121b. — Centurio (der gottesfürchtige 
Hauptmann der Schrift; als Eigenname gebraucht. Centurio antworde to 
deseri) 45a. 

Düuvie (Sündflut) 7b. — dispensieren 8a. — devot (demütig, gläubig) 
15b. — disdpels, discipule (Schüler) 19a. — mei devoden (mit demütigem 
Glauben) 43a. — de devote (der Gläubige) 47a. — dolouve (de duve, de Xoe 
ter dolouven utvlieghefi dede, Schiller -Lübben denkt an „Fensteröffnung''. Ob 
es vielleicht 'düuvium' „zur Zeit der Sündflut" ist?) 59b. — diverse (ver- 
schiedene, diverse hden) 66b. — disputeren 70a. — in disei'etien Y 

(De here des konynx gherichte tnynt 
In discretien gehint) 85a. — 

ee7ie duwire (eine Höhle = vulg. franz. une douve? welches Wort auch „Felsen- 
höhle" bedeutet, cf. Diez, Etymol. Wörterb. u. doga) 96b. — discoort (r/i.'?- 
cordia Zank, Zwietracht) 97a. — deei'et 101a. — di^cant {syn sehmie discmit, 
seine schöne Oberstimme) 109b. — de divisen (die Einteilung, Disposition) 115b. 

— destnwren \21\i. — destruxie (Zerstörung) 136a. 

Exces (Übermass) 3b. — exposicie (Exposition) 71a. — elementen 106a. — 
Fruut (Frucht). — falgtreti (franz. faillir verfehlen, abweichen, nach- 
lassen) 22b. — fonteyne (Quelle) 32a. — flatiren (schmeicheln) 40a. — flaiu- 
ringfie (Schmeichelei) 40a. — figure (Ähnlichkeit, Abbild) 43a. — t?i fignren 
(gleichwie, ähnlich wie) 72b. — vftn fauten (von Fehlem, franz. la faute) 82b. 

— fundanient, fundiren (beides im übertragenen Sinne) 88b. — festeren (fest- 
lich bewirten) 94a. — faeelnient {dat silveme /*., silberner Tafelzierrat) 98a. — 
formiren (bilden; geformiert ist der Mensch nach dem Bilde Gottes) 101b. — 
fingieren (z. ß. diteghet) 109b. — frenesie (Tollwut, Fieberwahn, franz. la 
frene^ie) 113a. — 

Gracie (Gnade) 3b. — int generael (im allgemeinen) 10a. — grdner 
(Kornboden, franz. grenier) IIa. — greignaert, franz. grognard? oder von 
vulg. franz. grigner greinen, cf. Diez. grugnire und gri7iar {de man is alte 
gr. alter Brummbär) 16a. — ghrie 28a. — dat gracilike leven (welches Gnade 
vor Gott findet) 74a. — glorificeren (rühmen, auch prahlen, em sulven gl) 90a. 

— gftetemperthede (Mässigung, Seelenruhe; derjenige, de zackte von moede is, 
de levet in alre gh.) 131b. — gejyense (franz. pensei' Gedanken, Sinnesart, z. B. 
das böse Herz sinnt allezeit auf argiie gepens^ 133b. — 

Horribile beesten IIa. — habyt (Kleidung) 41a. — hwree-^t (Lärm, 
eigentl. Unwetter) 47a. — fieremite (Eremit) 50b. hcmüte xitten (als Eremit 
leben, sitzen) 108b. — heris^ien (Ketzereien) 88a. — }wbtaidanient? 101a. 

lugement (Urteil) IIa. — Instrumenten (Spielgeräte) 49a. — inghel 
(Engel) 59b. — iuncturen {Mine schulderen tninden imicttiren vallen. Hiob. 
31, 22. Meine Schultern fallen mir aus den Gelenken) 79b. — 

Consciencie (Gewissen) 3b. — capittulen 4a. — caste^, kastdl (Schloss, 
Kastell. Schiller-Lübbeu nur ^Schiffshinterteil') 17b. — consentieren (einwilligen, 
gewähren) 18a. — creatur 18b. — contrar (adject. u. substant. entgegengesetzt) 
18b. in rontrarie (im Gegenteil) 39a. contrarie (adverb.) 50b. — cru/nfix 
21b. — caritate (Liebe, Barmherzigkeit. Godes caritate 25a. karitaten geben 



101 

Barmherzigkeit erweisen 29b. karüate docn Werke der Barmherzigkeit thnn) 
107b. — collecte (Altargebet) 2öa. — crayereu (franz. crier schreien) 28a. — 
castien (tadeln, strafen, kasteien) 32b. — candicie (Lage, Stellung) 35a. — 
clerken (Kleriker) 39a. — clays, 40a. Die Schmeichelei 

18 nie worden een amt ten hove 

Und maect vor manighen here pays, 

Se doet och vor prelaten clays 

Met plucken und trecken er habyt. 

Vielleicht prov. das Geschrei, altfranz. glas, chlaz, eigentlich Glockengeläute, 
auch Hundegebell, cf. Diez u. chiasso.) — clergie (Klerisei) 40b. — columne 
42a. — corrigiren 49b. — eontefnpladefi (beschauliche Betrachtungen) 69a. — 
ter eure leben (sorgsam leben?) 82a. — comimperen 87a. gecorrumpeertheit 
112b. corrupcien (Verkehrtheiten) 112b. — comellen (Nusskeme) 88b. — 
conoefi. Von der Zauberei heisst es 101a 

Verwaten zyn se aüe, diet doen, 

Vanden paus int groie conoen, — 

twce correceien (zwei Arten der Besserung) 108a. — compangie {läer devoter 
conipatigien, aus der Gesellschaft der Gläubigen) 113b. — consoort (lat. con- 
soriium od. eonsortio) Teilhaben, Genossenschaft, Gemeinschaft. 117b. 

Als Christus was verresen 

Und synen disciplen brachte consoort, 

DeU he seggende was dit woort: 

Vrede tnet iu luden st, — 
confuse (subst. ein lecen nU van confuse, ein Leben voll Verwirrung und Un- 
ruhe, bei yertriebenen Leuten) 118a. — cameretten (Trinkhäuser) 123b. — nut 
eonsente (unter Zustimmung) 123b. — chstriers (Klosterleute) 136b. — 

Luxurie (Unkeuschheit) 4a. — Inbareren 24a. — de leeken (Laien) 39b. 

— wilde laiuken (Lattich, lat. lactuca) 43a. — leUeren (Buchstaben) 47a. — 
laburen (Mühsale) 51b. — lebart (Leopard) 71b. — hxarie 108a. lax^rhede 
(Aussatz) 108b. — de laxare (der Aussätzige) 108a. — 

Maniren (Arten) la. — ^nedidne 3b. — syn medicien (sein Arzt) 96b. 

— mendoen, mensioen viaken (Erwähnung thun) 4a. — niayslere (Steinmauer) 
12b. — maledixie (Verläumdung) 19a. — multiplizieren 21b. — materis 22a. 

— moncke (Mönche) 39b. — miracle 40b. — mm-viweren (wider Gott murren) 
54a. murniureringlie. munnurcu-ie (das Murren wider Gott) 124b. — morseel 
(franz. morceau, mlat. morsellus, 'ein Bissen') 82b. — metselrie {structura 
muri, Fremdwort?) 88b. — m^nteniei'en (franz. 7naintemr, aufrecht erhalten, 
herstellen. Silbernes Gerät 

daer de tafele mede is verchiert 
und ydele glorie menteniert) 98a. — 

meifistrandie (die Zunft der Ministreis, der Sänger u. Spielleute) 98a. — 

Nakaren (Pauken) 98a. — 

Occusoen (Gelegenheit) 4a. — m'dinireti. (ordnen) 8a. — ordinancic 
(Ordnung, Verordnung). — bi ordinande stellen (in Ordnung bringen) 18b. 
De de ordinande niet ansien, diejenigen, welche die Verordnungen Gottes 
nicht beachten. 76a. — offerands (Opfergabe) 21b. — olye (Öl) 55a. — or^isoen 
(franz. araison, Gebet, Bede, de abt dede groot orisoen) 62b. — offirie 64a. 

— in apinioen holden (im Gedächtnis behalten) 91a. — 

Partien (Teile) 4a. — jprocessie (Prozession) 14a. — P^'ofyt 16a. — 
predicaden (Predigten) 18b. — jjroper (eigentümlich, eigen, z. B. eene jrrojrre 
redene ein eigenartiger Beweis. 25a. De welke proper ilv m gode derjenige, 
welcher sich Gott zu eigen giebt 25a. Die Zeit ist een jyroper goet, ein ganz 
besonderes Gut 67b. Vier Güter sind j/ropcrlike unser, d. h. sie gehören uns 



102 

ganz eigentlich und besonders an) 26b. — j^atjcn (franz. jKtt/er bezahlen) 25b. 
gcpait (bezahlt, durch Zahlung befriedigt) 55b. — porli/r (Pförtner. Der Tod 
ist des Lebens portyr,) 27b. — jrn7irhe (gesprochen „Prinze", Fürst) 28a. — 
palat/s (franz. jmlais Palast) 30a. — pclgrhn (Pilger) 30a. — lyclgrhuagc 
Wallfahrt. NB. Die Endung im Vergl. mit franz. pelennage, Schiller -Lttbben 
hat nur pelgrimade. 69a. — de phglosophe Diogenes 32a. — paert (Part, 
Anteil) 33a. — geparseelt (geteilt, parzelliert) 33a. — jjoofi (Stadt) 35a. — 
Itrincipal (hauptsächlich, i^ier jrriyicipale mketi) 35b. — jmrahole (Parabel) 35b. 

— prologhe (Prolog) 39b. — jn^ovende (Pfründe) 39b. — pi'elaten (Prälaten) 
40a. — j)ajfs (franz. paixy Ruhe, Frieden) 30a. — pagsivel (franz. paisihle, 
friedlich, friedfertig. Saloinon luitt pagsivel, Salomon lautet ^Friedrich", denn 
Salomon kommt von hebr. schnlom Frieden her) 117b. — Ein anderes ^Kiys, 
als das eben erwähnt, findet sich 40a. Die Stelle ist u. clays zu vergleichen. 
Die Schmeichelei 

is nu worden een amt ten hove 

Und maect vor manighen here pays. 
Vielleicht ist dieses |>a//5 = franz. pays Land, und hat hier eine ähnliche 
Bedeutung, wie in der franz. Redensart gagner pays, avancer pays Vorteil ge- 
winnen. Es würde dann der Sinn der Stelle sein „die Schmeichelei bringt 
manchem Herren Vorteil.* — poe7it (franz. point. Dat erste 2)oent der erste 
Punkt) 42b. — ten paradise (im Paradies) 42b. — paeschlam (Osterlamm) 43a. 

— pas&ie (Passion) 43a. — peneienei^Hy penUencien (Bussübuugen) 45a. — 
jrrediken (predigen) 45b. — parcJielen (Anteile, Parzellen. 

De terlinCf de ghelt doet deelen 
Na zyn bewisen bi parchelen 
= der Würfel, der das Geld verteilt nach Verhältnis der einzelnen Anteile?) 
48a. — parrk (Fussboden, Parkett. Do tjuam de pyl up dat parck blodirh 
glievallen.) 49a. — pat^ement (lat. pavimentum gepflasterter Fussboden, Estrich. 
Das franz. pavement bedeutet heutzutage nur noch „das Pflastern''. Das Wort 
habe ich im Sündenspiegel nur im bildlichen Sinne gefunden: 

Ydele glorie en is niet cl 
Dan een pavement vanden diivel) 50a. — 
jrroye (franz. proie Beute) 51a. — d4i j^^'cdicarcn (Prediger) 53a. — to prosente 
(zum Präsent) 56a. — pafrone (Gönner und Beschützer) 56b. — payene (franz. 
payens Heiden) 61a. — pynen (Pein leiden) 65b. — bepyyien (durch Mühe 
und Arbeit erwerben) 66b. — poye? 72a. 

De vier de vrucht, de uut den munt komet, 
De mach biechte syn ghenomet, 
Wat dat desse vrucht doen mach, 
Hoert men ter poye al den dach, — 
pardiis (Panther) 76b. — peynse? 82b. 

Droefheit na der hilghen leren 
Mach den mensche driesins deren, 
Peynse brenct se em vake an, — 
parmen 95b. 

Du8 80 werden ter lester uren 
Wit of swart der zielen parmen 
Na den weghe, den se ghenghen. 
Gewänder, franz. pavement? — prochiane (Parochianen, Parochiekinder) 102b. 

— planeien 106a. — pensingh/*n (in deroini pensinghen, in demütigen Ge- 
danken) 107a. — pensen (franz. pcnser, pensende in Gode an Gott denkend) 
108b. — persp(juircn (nachgehen, nachgeben, z. B. seiner Sünde 1 15a, einen 
verfolgen 130b.) — prcseiü (gegenwärtig) 124a. — perlament (Wortwechsel) 
132a. — 



103 

Quajjer ((Tebetbach. altfraiiz. quaijcr eigentlich Heft, Papier, franz. 
cahier) 69a. — queruloyende (franz. quereller zanken? querulieren? 

Ghecheü is inder ghecken mont 
Queruloyende in alre stont) 120a. — 
quite maken (quitt, los und ledig machen, franz. quitte (lat. quieius) in der- 
selben Bedeutung) 125b. — 

Eestor (Beschlaglegung auf Erbschaften, Arrest. — Franz. resto?' {re^iau7') 
ist Schadloshaltung des Assekuranten, wenn der Verlust aus Nachlässigkeit ent- 
standen ist) 29b. — rivire, riviere (Bach, Fluss, franz. riviere) 31b. — reg- 
fieeren, regnieren (regieren) 36b. — remeden, reniedien (Heilmittel) oft. — de 
ratnei/nen (die Römer) 5öb. — re faseren, refusiren (zurückweisen, franz. refiiser. 

Nydighen gyn gecorrumpoert, 
Des moeten se eyn gerefuseert) 112a. — 
religieus (NB. die französierendeEndung) 122a. — dai religioen (Kloster. 
Auch franz. in dieser Bedeutung, z. B. entrer en religion ins Kloster gehen. 
meitre une fille en religion ein Mftdchen ins Kloster schicken, Nonne werden 
lassen) 132b. — 

Speeien (Arten. Unterabteilungen) oft. — simplex 4a. — scrifture 4b. 
— schofiringhen (Spöttereien, altfranz. d^nicmißre) 4 b. — int spedad (im Be- 
sonderen) 10a. — serpent (Schlange) 10b. — subtil {fiauwe unde subtil 50a. 
stMüe hehendiehede 66a.) — sarrazyn (Sarazene. 

Mer teghen eenen jode äffte sarrazyn 
Süllen sie gherne woher ende syn) 25b. — 
sottemyen 26a. sothede 48a (Dummheiten, franz. sot albeni). — sondoy^iers ? 29a. 

Die Armen sint als sondoyiers van uns geset. 
sanctuarien werke 32a. — simonie 32b. — saeranwnt 32b. — sandeye ? 34b. 

Die met vremden sandeyen macct 
Syn huuSy he is altoos niisraect, 
Als hie muren doet, alst vriest, — 
sepuUure (Begräbnis) 36b. — suhditen, subdyten (Untergebenen), lat. subditus 
37a. — sertnoen 38b. — sacrüegie doen 39a — studere 39b. — s^i/nagogke 
41a. — saterdach (Sonnabend, engl, saturday) 47a. — de saUer (Psalter) 53b. 
Auch „Psalm'' 68a. — sahn (Psalm) 68a. — spacie gheven (Baum, Befreiung 
geben, z. B. von Busstibungen) 55a. — scrienen (Schränke, lat. scrinia) 57a. — 
slavine (Mantel aus grobem Wollenstoff) 69a. — de safteten (die Heiligen, de 
hilghe sancten) 90b. — si7idal (Taffet) 94a. — stole (Kleid, lat. stoki. Die 
Eng^l sind gekleidet in untten stöhn) 96a. — suhyt? 

Und eer dat een point ghelyt, 
So dalen se int heische subyt l)8a. 
solveren (lösen, beseitigen) 126b. — secreet bliven 134a. orer secreet unter 
dem Siegel der Verschwiegenheit 134a. — sileyicie holden 136b, — sentencie 
(der Sinn des Satzes gegenttber dem sprachlichen Ausdruck) 138b. — 

Tractaet (Abhandlung) 3b. — temptaeie (Versuchung) 4b. — tempteeren 
(versuchen) 4b. — tormerä (Qual, Tortur) IIa. — termin 18a. — testament 
29b. — taberpiakel 31b. — iy^'anien (Tyrannen) 34b. — tasseren, tassei'ers, 
tassetnent (Gewalt anthun, gewaltthätige Menschen, Gewaltthat) oft. — truwanten 
und bedelaers 52b. truwanten und dieven 127b (Vagabunden. Es ist wohl 
dasselbe Wort, wie nordfranz. troureor, trouverey prov. troubadour), — trihunt 
(Abgabe, im weitesten Sinne) ö2b. — t&tnpeest (Sturm, Unwetter) 63a. — trisoer 
(Schatz) o7a. — tavemen (Trinkhäuser) 64a. — in frihuladen (in Nöten und 
Beschwerden, Beängstigungen und Versuchungen) 72a. — tineture (Farbe, 
Aussehen. 

Ctedre van andertire tineture, 
Dan €dso se gaf nature) 95b. — 



104 

ira7isfi{jiureren (verwandeln) 96a. — tronipen (Trompeten) 98a. — tdivereren 
(befreien, franz. dMivrer, 

Van eenen sere hüghen man, 

De up gode sonder ceaseren 

Eiep: WiU mi ieltvereren, 

Heere god, vander tanghen mine) 121b. — 

ühgheordinerde minne (nicht auf das richtige Ziel gelenkte Liebe) 96a. 
— tmgentum (Salbe) 12öa. — 

Venyn (lat. venenum Gift, im eigentlichen und übertragenen Sinne, z. B. 
der Jwverdigen venyn 89b.) — vaillani (franz. vaiUant) 14a. — vermaledien 
34b. — versuhtilen (allzn fein machen?) 37b. — vvfhne (Erscheinung 42a und 
Anschauen, z. B. helet van godliken visione =■ ein Hindernis, Gott zu schauen 
83a.) — victorie cHghen 56b. — viriunt (innewohnende Kraft und Eigenschaft, 
wie franz. vertu, z. B. 

Also de boom und dat crunt 
Welken elc na ere virtunt) 67a. — 

vigilie (Nachtwache) 67b. — vergier (69a. Einige Verse weiter wird dafür 
bömgarden gebraucht, franz. le verger in derselben Bedeutung). — visieren 
(beobachten, sein Augenmerk auf etwas richten, z. B. 

Menych toyf nu visiert 

Dure moyheden te hanghene an, 

De niet daer in meent eren man) 93b. 

viserUeren (beobachten, ins Auge fassen) 110b. — 

YjyocrUen (Heuchelei üben, ypocriten was dat mencn dyn = deine 
Herzensmeinung war Heuchelei) 109a. — 

Ypocrisie fi^, de fingiert 
Dueghet, de he niet Imntiert) 109b. — 
ypocriie (ein Heuchler) 109b. 

Der Inhalt des Sündenspiegels ist eine Darstellung der Todsünden, 

welche u. a. 79a hooft senden genannt und folgendennassen von den 

leichteren, anderen Sünden unterschieden werden: 

Alle vuuUieide, de men vint, 
Syn te rekene niet en ttvint 
Theghen de smitte eenre hooft sonden. 

Es werden deren sieben in folgender Ordnung dargestellt: 1) gui- 
sichede (gula. gulositas.) Völlerei, 2) luxurie Unkeuschheit, 3) vracheit 
Habsucht, 4) traecheit Trägheit, 5) hoverde Hoffahrt, Stolz, 6) nyt 
Neid, 7) gramshap Zorn. Diese Reihenfolge ist in mehrfacher Hin- 
sicht bemerkenswert. 

Zusammenstellungen von Tugenden und Lastern in Gruppen gab 
es sicherlich schon sehr früh, die 4 Kardinaltugenden sind bekannt- 
lich schon im heidnischen Altertum zu einer feststehenden Gruppe 
vereinigt worden. Die Zusammenstellung von Sünden imd Lastern 
zu Gruppen erfolgte jedoch wohl erst in der christlichen Zeit. Die 
früheste, die mir bekannt ist, findet sich in einem Gedicht des um 
400 n. Chr. lebenden Aurelius Prudentius Clemens, Psvchomachia 
(Migne Patr. X- ^>^) genannt. In allegorischer Darstellung wird hier 
eine Schlacht zwischen Tugenden und liastern geschildert, in welcher 
nach der Weise homerischer Helden aus der Masse der Kämpfenden 
bestimmte 7:p6jAa/oi hervortreten, um mit einander zu streiten. Da- 



105 

durch entstehen folgende Kampfgruppen: Fides streitet mit Vderum 
Cultura Dearum^ Pudicitia mit Sodomita Libido^ Patientia mit Jra^ 
Humilüas mit Superbia^ Sobrietas mit Luxuria, Batio mit Avaritia, 
Caneordia mit Discordia, Die Luxuria ist hier noch die Völlerei im 
Pässen und Trinken, nicht, wie später, die Unkeuschheit, die geistliche 
Trägheit, später eine der Hauptsünden, fehlt und war auch wohl in 
der Schilderung einer Schlacht als Kämpferin nicht gut anzubringen. 
Im übrigen sieht man hier jedoch bereits den Keim zu den später 
sogenannten ^Todsünden ^. 

Die Absonderung von peccata principalia, später auch capitalia, 
lekdia, mortalia genannt, von den andern minder schweren Sünden, 
später als ve^iialia bezeichnet (Todsünden — lässliche Sünden), rührt, 
soviel ich erkennen kann, von Gregor dem Grossen her, der in 
seinen um 580 geschriebenen Moralia (Moralium libri sive expositio 
in librum lob.) die Superbia als die Quelle aller Sünden bezeichnet 
und hierauf fortfährt: Primae autem eins soboles, Septem nimirum 
principalia vitia, de hac virülenta radice proferuntur^ scüicet 1) inanis 
glaria 2) invidia 3) ira 4) tristitia 5) avarüia 6) ventris ingluvies 
7) luxuria.^) Nachdem er diesen duces das exercitus der übrigen 
Sünden hat folgen lassen, versucht er in freilich ziemlich gezwungener 
Weise jede dieser Hauptsünden aus der vorangehenden herzuleiten, 
ausserdem nennt er die fünf ersten spiritalia^ die beiden letzten 
carnalia^ seine Reihenfolge ist also nicht willkürlich, sondern auf be- 
stimmten Gnindsätzen benihend. 

Der erste Theologe, welcher im Abendlande die Dogmatik in 
ein System brachte, war der „magister sententiarum*' Petrus Lom- 
bardus. Sein Werk Sententiarum libri IV. um 1160 verfasst, schliesst 
sich der eben ei'wähnten Kodificierung der Todsünden unter ausdrück- 
licher Berufung auf Gregor genau an, nur dass invidia und ira um- 
gestellt sind. Die betr. Stelle lautet^): Praeterea sciendum est, Sep- 
tem esse vitia capitalia vel principalia, ut Oregorius super Job aü, 
scüicet 1) inanem gloriam 2) iram 3) ifwidiam 4) accidiam vel tristi- 
tiam 5) avaritiam 6) gastrimargiam 7) luxuriam. — 

Etwa hundert Jahre später verfasste der zweite grosse Syste- 
matiker der Scholastik, der Doctor angelicus Thomas von Aquino 
seinen Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden und seine 
Summa theologiae. In dem letzteren Werke stellt er die Sünden 
den entsprechenden Tugenden gegenüber. Die Tugenden sind ihm 
die Hauptsache, sie ordnet er zunächst und schliesst dann jedesmal 
das entgegengesetzte Laster an. So geschieht es, dass zwar (von II, 
2 quaestio 35 an) alle sieben Todsünden abgehandelt werden, ihre 
Reihenfolge ist aber von derjenigen der Tugenden abhängig und wird 
auch von anderen Sünden vielfach durchbrochen. So ist bei ihm die 



*) Nach der älteren Zählung Hb. 31 cp. 31 ; bei Migne Patrologia Latina. 
Paris 1849, steht die Stelle Bd. 76 p. 620 (lib. 31. cp. 45.) 

•) Ausgabe Luven. 1552. Kx offirina Barthnlomei Oravii. Sententiarum 
Hb. II. distinctio 42. IL 



106 

Reihenfolge ganz ungewölmlich : 1) Acedia quuestio 85. 2) Invidia 
qu. 3(>. 3) Avaritia qu. 118. 4) Gula qu. 148. 5) Luxuria {{u. 153. 
G) Ira qu. 158. 7) Superbia qu. 102. In der Ausfühiiing scliliesst 
er sieh ausdrüeklieh an (iregor an. 

Auf Thomas von Aquino beniht zum grossen Teile das um 1310 
entstandene Speculum morale, welehes den dritten Teil des Specu- 
lum universale des Vineenz von Beauvais bildet, obwohl es nicht von 
ihm selbst herrührt.*) Die Todsünden werden hier, ganz wie bei 
(iregor, aus der SujuMbia abgeleitet, welcher ein besonderes Kapitel 
gewidmet ist, und dann folgen, wiederum genau Gregor, nicht ganz 
Petrus Lombardus, gar nicht Thomas Acpinas in der Keihenfolge ent- 
sprechend: Inanis gloria, invidia, ira, acidia, avaritia, gula, luxuria. 

Um diese Zeit beginnt nun die superbia, welche früher als Quelle 
aller Sünden eine Art Sonderstellung einnahm, mit der bisherigen 
ersten Todsünde, der inanis gloria, unter dem Hauptnamen superbia 
zu einer zu verschmelzen. Die ^Stolzen^, nicht mehr die „Prahler" 
sind es, welche als Hauptsünder gelten. So geschieht es bei Dante 
in der Göttlichen Kom(klie, welche im Anfange des 14. Jahrhunderts 
entstanden ist und stofflich, soweit es sich nicht um die Zuthaten 
des „Dichters" Dante handelt, nichts enthält, was man nicht auch 
in der vorhin erwähnten grossartij^en Encykloi)ädie des Vineenz von 
Beauvais fände.*) So kann es denn auch nicht überraschen, dass 
sich im Purgatorium auf dessen sieben aufsteigenden Stufen, wieder 
nach Gregors Reihenfolge, folgende Arten von Sündern befinden 1) 
die Stolzen, 2) die Neidischen, 3) die Zornigen, 4) die Trägen, 5) 
die Habsüchtigen (und die Verschwender, ihr (iegenbild), G) die 
Schlemmer, 7) die Wollüstigen, und zwar befinden sich die Stolzen, 
als die schlimmsten Sünder nach der bis zu di(»ser Zeit allgemeinen 
kirchlich-dogmatischen Anschauung, auf der untersten Stufe, also 
am weitesten vom Paradiese entfernt. Dass auch die Anordnung der 
sich bis zum liUcifer vertiefenden Höllenkreise, welche die verschie- 
denen Sünder enthalten, auf demselben Svstem beruht, hat v. Lilien- 
cron a. a. 0. p. 44 f. nachgewiesen. Natürlich finden sich auch hier 
die Vertreter der Todsünde des Stolzes, die Verräter, im tiefsten 
Höllengrunde, Lucifer am nächsten. 

Wenn nun v. Liliencnm (a. a. 0. p. 25) sagt, dass diese Keihen- 
folge „im wesentlichen bis ins 15. Jahrhundert auch für die populäre 
Moral die kanonische geblieben sei^, so ist das doch nur bedingt 
richtig. Ein lateinisches Gedicht, welches den Namen Flores poetarum 
de virtutibtis et vitiis fuhrt, ist im 15. Jahrh. gednickt, aber nach 



') Vergl. hierüber die vortrcfHichc Festrede „über den Inhalt der allgemeinen 
Bildung in der Zeit der Scholastik", welche Frhr. R. von Liliencron am 28. März 
1876 in der Bayrischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat. (München. 
1876. 4.) — Ich habe zu obigen Angaben einen bei v. Liliencron nicht erwähnten 
Druck des speculum morale s. 1. 1 485 benutzt, welcher sich auf der hiesigen Königl. 
Universitäts-Bibliothek befindet. 

*) cf. V. Liliencron a. a. 0. p. 30. 



107 

Zariu'ke (Zeitschrift f. deutsch. Altert. IX. 1853. p. 118) ,weit früher^, 
also im 14. Jahrhundert verfasst. Hier findet sich folgende Disposi- 
tion : Superbia. Bona fama. Jnvidia, Ira. Avaritia, Gtda, Luxuria. 
De virtutibus. De dovo Sartcti l^iriius; also ist hier noch im wesent- 
lichen Gregors Reihenfolge festgehalten, es fehlt nur hinter der Jra 
die Acedia, Vielleicht sind al)er auch Verwirningen in der hand- 
schriftlichen UeberlielVrung eingetreten, wodurcli die Trägheit aus- 
gefallen ist, die ganz seltsame Zwischenstellung der bona fama lässt 
wenigstens auf so etwas schliessen. 

Der lateinisch schreibende, also gelelirte Dichter der Flores 
poetanim hat sich also noch an Gregors System gehalten, bei den volks- 
mässigen Dichtern fängt sich jedoch schon seit dem 14. Jahrhundei*t 
die Reihenfolge zu ändern an. Peter Suchenwirt dichtete um 1378 
ein Lied unter der Bezeichnung 'Daz sind di syben todsümV.*) Hier 

heisst es: 

Hochfahrt, unchcusch, neid und has, 
Trachait, tninchenhait und vras, 
Geitichait (Habsucht) und auch der t/oren. 

Hier könnte man nun freilich annehmen, dass der Verszwang die 
Reihenfolge beeinflusst habe, aber auch in den am Ende des 14. Jahr- 
hunderts geschriebenen prosaischen Halbe rstädter Katechismus- 
stücken*) heissen die VII totlike sunde folgendermassen : 1) hoch- 
fart^ 2) gierheit, 3) unJcuschheit^ 4) zorn^ 5) nyt, 6) vressigkeit, 7) tragheyt 
zu gotes dinste. Hier ist also Gregors Reihenfolge im ganzen, wie 
auch im besonderen die Anordninig nach spirüalia und cartialia vüia 
verlassen, und es tritt hier zum ersten Male eine neue Anordnung 
auf, nach welcher die Acedia, die geistliche Trägheit, als der Gegen- 
satz der Superbia, an das Ende der ganzen Reihe gestellt wird.*) 

Aus dem Jahre 1411 kennen wir ein (iedicht von dem Tiroler 
V int 1er, betitelt 'Blume der Tugend', nach einer italienischen Dich- 
tung von 1320. Die Disposition des Vintlerschen Gedichtes ist äusserst 
verworren*), soviel wird jedoch klar, dass der Verfasser, dem Titel 
seines VJTerkes entsprechend, die Tugenden zur Giiindlage seiner Dar- 
stellung machen wollte; den Tugenden stellt er dann die entsprechen- 
den Laster gegenüber, also ganz so, wie es Thomas von Aquino in 
seiner summa theologiae gemacht hatte. Natürlich kann auf diese 
Weise von einer so zu sagen ^unabhängigen" Reihenfolge der Tod- 
sünden nicht die Rede sein. Wenn jedoch unter den 17 Abschnitten 
des W^erkes die ersten imd die letzten folgendennassen geordnet sind: 

1. Liebe — Neid, 

2. Freude — Traurigkeit*), 

*) Gedicht 40 in der Ausgabe von Primisser. Wien 1827. p. 120 f. 

•) Herausg. von G. Schmidt in der Zeitschr. f. deutsch. Philol. Bd. XII. p. 141. 

') Also bereits am lOnde des 14. Jahrhunderts und nicht erst bei Beheim, 
wie V. Liliencron a. a. (). j). 85 meinte. 

*) Vergl. Zarncke, Zeitschr. f. deutsches Altertum IX. p. 68 ff., auch X. p. 255 ff. 

•) Dies ist offenbar die von v. Ijiliencron a. a. 0. p. 40 in Vintlers Werk 
vermisste Aridia, die ja ursprüngHch durch tristitia bezeichnet wurde. 



108 

3« Friede — Zorn, 

4. Barmherzigkeit — „Gräülichkeit**, 

5. „Milde* (Freigebigkeit) — GeisJ, 

15. Demut — Hoffährtj 

16. Massigkeit — „P'rassheit", 

17. Keuschheit — „Unkeusche", 

so erkennt man sofort Vintlers Bestrehen, die sieben Todsünden an 
den Anfang und den Schluss der (resamtdisposition zu bringen. 

Die alte Gregorianische Reihenfolge verlor nun immer mehr an 
Geltung. Muskatl)lut dichtete imi 1425 em strophisches Lied über 
die sieben Todsünden.^) Er war wegen der Strophenform seines Liedes 
in der Anordnung der Todsünden ganz unbeschränkt, und doch finden 
wir bei ihm wieder eine ganz neue Reihenfolge: 1) Hoffahrt^ 2) ün- 
heuschheit^ 3) Trägheit, 4) Neid und Hass, 5) Zorn, G) Gefrässigkeü, 
7) Habsucht und Wucher. 

Wieder eine andre Reihenfolge zeigt eine Kopenhagener nd. 
Handschrift des 14. — 15. Jahrhunderts^): 1) homot, 3) ghiricheyt, 3) 
torn, 4) hate (Neid), 5) tracheyt, 6) vrassent (die unkuschheit ist trotz 
der Ueberschrift die VII dotliken sunde nicht erwähnt.) Hier ist also 
wenigstens die Einteilung Gregors in geistliche und fleischliche Sünden 
beibehalten. 

Um 1450 gritf nun Michel Beb ei m in seinem Liede über die 
Todsünden*) auf die neue Anordnung (cf. die Halberstädter Katechis- 
musstücke) zurück und setzte die Acedia ans Ende. 

Freiiich drang diese Reihenfolge vorerst noch nicht überall durch, 
>vie der ;,8eelentrost^ von 1473 beweist (Mscrpt. L 84a der Königl. 
Bibliothek zu Hannover). Blatt 184: 1) hovart^ 2) giricheit, 3) vrass, 
4) tracheit, 5) unkuschheit, 0) torue, 7) nyt und affghunst und Blatt 
473: 1) hovart, 2) had, 3) iorn, 4) tracheit, 5) vrass^ <i) unJcuscheit^ 
7) giricheit. Man erkennt aber gerade daran, dass in einer und der- 
selben Schrift zwei verschiedene Ordnungen enthalten sind, wie sehr 
sich das Festhalten an der alten strengen schematischen Ordnung 
gelockert hatte. 

Auch noch in dem Mentz ersehen Drucke von 1490*) findet 
sich Willkür in der Anordnung: 1) Hoffahrt, 2) Unkeuschheit, 3) 6rcier, 
4) Zorn, 5) Neid, G) Trägheit, 7) Völlerei. 

Die neue Reihenfolge zeigt sich aber wieder in Josefs Gedicht 
von den sieben Todsünden, das ungefähr in Michel Beheims Zeit ent- 
standen ist 1) superbia, 2) avaritia^ 3) luxuria, 4) invidia, 5) gida, 
i\) ira, 7) accidia) imd 1494 ist sie dann so im Be^viisstsein der 

*) Das 878tc in der Ausgabe von Groote. Köln 1852. p. 228 f. 

^) Herausgegeben von .Tellinghaus in der Zcitsclir. f. deutsch. Philol. Bd. 
XIII. p. 24 ff. 

•) Vergl. V. Liliencron a. a. O. p. 35 u. 40. 

*) Dyt sint de seven dot sunde de stryden rayt den seven dogeden. Ge- 
drucket unde vulendet in der Stadt Magdeborch dorch Symon Mentzer am sona- 
wende na Mauritii. Im iare 1490. Beschrieben in .T. B. Riederers Nachrichten 
7MV Kirchen-, Gelehrton- und Bücher-Geschichte. Altdorf. 1768. IV. p. 280 ff. 
— Der sehr seltene Dmck ist auf der Bibliothek in Wolfenbüttel T. 481 vorhanden. 



109 

Menschen befestigt, dass der Anthidotarius anime des Nicolaus 
Salicetus*) für sie das Merkwort (dictio) ^Saligia" empfiehlt. 

Auch die heutige katholische Kirchenlehre bedient sich noch 
derselben Anordnung. Sie stellt für die „Hauptsünden ^ folgendes 
Schema auf: 1) Hoffahrt (superbia), 2) Geiz (avaritia), 3) ünkeuschheit 
(luxuria), 4) Neid (invidia), 5) Ünmässigkeit im Essen und Trinken 
(gula), 6) Zorn (ira), 7) Trägheit (acedia).'^) 

Wir finden also in der Reihenfolge der Todsünden eine Gregoria- 
nische Periode von Anfang an bis zu den Halberstädter Bruchstücken 
ca. 1400, eine Periode des Schwankens bis 1494, eine Saligia-Periode 
bis heute. 

Die Anordnung unsers Gedichtes weist also (cf. p. 104) auf die 
Zeit zwischen 1400 und 1494. Die Ordnung der Todsünden ist eine 
ganz singulare, sonst nirgends vorkommende. Die Gregorianische 
Einteilung ist wenigstens in Bezug auf Zusammenstellung der geist- 
lichen und fleischlichen Sünden gewahrt, sonst ist sie freilich g.anz 
abweichend. Besonders auffallend und sonst nirgends vorkommend 
ist es, dass die Fleischessünden an erster Stelle behandelt werden. 

Die Anzahl der Todsünden unsers Sündenspiegels ist also 
sieben, demnach zerfallt das ganze Werk also auch in sieben 
Hauptteile und nicht in fünf, wie Lübben (S. 54 f.) in schwer ver- 
ständlicher Weise annahm. Er nennt nur die fünf ersten Hauptsünden 
unseres Werkes bis einschliesslich hoverde und meint, dass diese 
letztere „bis zu Ende reiche^. Das ist jedoch nicht der Fall, sondern 
es folgen auf hoverde noch ftyt lila — 113^ und gramshap 113b — fin. 
Lübben hat sich off*enbar durch die von mir p. 98 näher beschriebenen 
grossen Initialen täuschen lassen, wenn er sagt: ;, Der Anfang eines 
jeden dieser (fünf) Abschnitte ist auch mit einer grossen Initiale ge- 
ziert. '^ Nyt und Gramshap haben nämlich allerdings viel kleinere 
Initialen, als die andern llinf Hauptsünden; dies ist jedoch entweder 
nur Zufall, oder es sollte das W^erk schnell zu Ende geführt werden 
und es mangelte an Zeit, die ganz grossen kunstvollen Arabesken- 
Buchstaben auszuführen, oder „Missgunst^ und ;,Zorn^ sollten viel- 
leicht als minder schwere Todsünden bezeichnet werden'); ^bis zum 



') Gedruckt zu Strassburg 1494. — In meinem Besitz. 

') Katholischer Katechismus mit einem Abriss der Religionsgeschichte fiir 
die Volksschulen von J. Deharbe. S. J. Nr. 2. Mit Approbation aller Hoch- 
wurdigsten H. H. Er/bischöfe und Bischöfe des Königi'eichs Bayern. Regensburg. 
Pustet. 1862. Braunsberg, bei J. R. Huge. p. 104. 

*) Es kommt nämlich hie und da vor, aass aus der Gesamtzahl der sieben 
Todsunden zu besonderen Zwecken einzelne ausgesondert und zusammengestellt 
werden, welche als die wichtigsten und schwersten erscheinen. Drei Tiere sind 
es, welche Dante (Hölle I. 32 if.) vom Paradiese zurückhalten, ein Panther, ein 
Löwe and eine Wölfin. Sie bedeuten hier die drei schlimmsten i^ünden luxuria, 
superbia und avaritia, — In den Sammlungen der Altertumsgesellschaft Prussia 
zu Königsberg, Pr., befindet sich eine kupferne Schale, wie solche von dem deut- 
schen Ritterorden im 13. u. 14. Jahrb. preussischen Täuflingen bei dem Übertritt 
zum Christentum als Geschenk gegeben wurden. Auf dem Boden der Schale finden 
sich neben bildlichen Darstellungen die Worte: ira, lu^curia, idolatria, invidia. 




lio 

Ende'' des Werkes reicht die Beschreibung der ^Hoifahrt^ jeden- 
falls nicht. 

Zn Antxing jeder Hauptsünde wird nun das Wesen derselben 
kurz erklärt, dann folgen gewöhnlich, und zwar in ziemlich genauem 
Anschluss an Thomas von Aquino, (welcher freilich niemals ge- 
nannt WMrd), und damit auch an Gregor, auf den sich der Verftisser 
bisweilen ausdrücklich beruft, die ^Manieren oder Specien^ dieser 
Sünde, d. h. die einzelnen, besonderen Sünden und Fehler, in welchen 
sich die Hauptsünde im einzelnen zu zeigen pHegt, und endlich die 
^Remedien^, d. h. die Hülfsmittel, durch welche man hoffen darf, 
von der Hauptsünde befreit zu werden. 

Die Argumentation wird geführt 1) durch das belehrende Wort 
des ^Dichters* selbst, wenn man den Verfasser so nennen darf, 2) 
durch Anführungen aus der heiligen Schrift (as wy lesen in scrifture 
u. iihnl.), 3) durch Anfühi-ungen aus den Kirchenvätern (lerars), zu 
denen jedoch auch de lerer Tullius, mester Seneca u. andere treten. 
Diese Anführungen heissen ^reden". 4) durch Gleichnisse (figure), 5) 
durch fromme Geschichten und Erzählungen (exempel). 

Aus der heiligen Schrift wird der Prediger Salomo am aller- 
meisten citiert, wenn ich recht gezählt habe, 119 mal, ferner sehr 
häufig die Sprüchwörter Salomonis, Lukas, Matthäus, die 5 Bücher 
Mosis, Jesaias, Hiob, Apostel Paulus, ziemlich häufig das Evangelium 
Johannis, Jeremias, die Bücher der Könige, die Psalmen, je ein Mal 
Habakuk, Maleachi, Josua, Joel, Sacharja, Esther. Gar nicht wird 
z. B. citiert der Evangelist Markus ; dass dieses ein Zufall sein sollte, 
halte ich gegenüber den 34 Citaten aus Lukas, 30 aus Matthäus, 14 
aus Ev. Johannis für ausgeschlossen, den Gnind für diese Nichtberück- 
sichtigung des Evangeliums Marci vermag ich jedoch nicht zu erkennen *). 
Dass andrerseits der Prediger Salomo w^eitaus am meisten benutzt ist, 

am Kande: dolus, odium, peccatum. Der Ordenskünstler betrachtete also die vier 
erstgenannten Sünden heidnischen Neubekehrten gegenüber als die wichtigsten und 
Hess superbia, avaritia, gultu acedia ganz weg. — Auf einem Bilde des Mautegna, 
welches sich im Louvre zu Paris befindet und bezeichnet wird : der Sieg der Weis- 
heit über das Laster, jagt Minerva, mit Speer, Schild und Helm bewahrt, die Laster 
vor sich her. Die einen, ganz im Vordergrunde, werden in einen Sumpf getrieben, 
die andern flüchten im Hintergrunde. Nach meiner Ansicht sind die im Vorder- 
gründe befindlichen Laster folgende fünf: Die Trägheit, welche in den Armen 
von zwei Weibern fortgetragen wird, der Neid mit einem Hundegesicht und scheelem 
Blick, die Unkeuschheit, ein nacktes Weib auf dem Rücken eines Centauren stehend, 
die Eitelkeit in Gestalt eines Affen, Habgier und Wucher aneinandergebunden, 
erstere ein hageres Weib, letzterer eine gemästete Figur ohne Arme (die also nicht 
arbeiten will und kann). 

') Auch sonst ist mir die eigentümlich spärliche Benutzung des Markus- 
Evangeliums aufgefallen. In dem Index zu der Summa theologiae des Thomas 
von Aquino (Antwerpen 1575. Ex officina Christophori Plantini. fol.) nimmt 
Matthäus 8 Spalten ein, Johannes 5, Lucas 3 und Marcus nur ^Z« Spalte. Ebenso 
auifällig bei Petrus Lombardus Sententiarum libri IV. (Löven. 1552. Ex officina 
Bartholomei Gravii.) Aus Matth. werden in diesem Werke 77 Stellen citiert, 
Johannes 82, Lucas 28, aus Marcus nur 9. — Dass das Markus -Evangelium das 
kürzeste ist, kann diese auffällige Thatsachc doch kaum genügend erklären. — 



111 

darf bei der lehrhaften Form des ganzen Werkes nicht Wunder nehmen. 
Uebrigens sind diese Anfühiningen, wie die aus den Kirchenvätern 
und weltlichen Schriftstellern natürlich nicht wörtliche Uebersetzungen, 
was ja bei der Versform des Werkes auch nicht möglich gewesen 
wäre, sondern es ist nur im allgemeinen der Inhalt der betreffenden 
Stelle angegeben. So genaue Wiedergabe, dass man die Originalstelle 
sofort erkennt, findet sich sehr selten. So werden z. B. an der Stelle, 
w(> gesagt wird, dass Spieler sich gegen alle zehn Gebote versündigen, 
die ersten drei Gebote so wiedergegeben: 

1. Kies vor my gkeneu vremden god. 

2. Nome niet den name gods in ydelhede. 

3. Du suis vieren den hilghen dach. 

liei den weiteren Geboten verschwindet bereits der Wortlaut. 130» 
heisst das achte Gebot: Du ne suis gheen valsch orconAe syn Theghm 
dynen evenkerstyn. 

Von den Kirchenvätern werden am allermeisten Bernhard, 
Augustinus, Gregorius und Hieronymus citiert. Diese erhalten auch 
den Ehrentitel min here, während die übrigen sich mit der Bezeich- 
nung de lerery een lerer begnügen müssen. Von Gregors Aeusserungeii, 
welche der Verfasser benutzt, heisst es bisweilen, sie fänden sich in 
emen dialoge oder hynnen jsynre dyaloghen. Gemeint ist Gregors Werk 
Dialogorum de vita et miraculis Patrum Italicorum libri IV. — 01h 
wird Bernhards hoeck vander godcs minve erwähnt. Vielleicht sind 
darunter die berühmten Sermones über das Hohe Lied verstanden. 
— 25a findet sich die Quellenangabe St. Auguslyn scryfft in ecne 
coUecie. — Hie und da werden noch erwähnt de lerer Ysidorus^ een 
lerer Cyprianus, Sunte Denys (St. Dionysius), Sunte Johan Grisostomus 
(St. Johannes Chrysostomus), einmal 92l> de miure sunte Augustyn, 
Sehr häufig findet man die Einfühningsworte : in vitas (sie) patrUm 
lesen u:y^ einmal: int leven der vaders. Gemeint ist des Rufinus 
Historia Monachorum sive über de vitis patnim, eine Biographie von 
ägyptischen Mönchen der nitrischen Wüste. — Offenbar sind auch 
die Acta Sanctonim stark benutzt. — Auffällig ist es mir, dass der 
Kirchenvater Ambrosius nur äusserst selten erwähnt wird, in dem 
ganzen Werke nur vier Mal. — Unbekannt ist mir die Persönlichkeit, 
welche 8a mit den Worten bezeichnet wird : een lerer ^ het Symarus, 

Von weltlichen Schriftstellern wird am allermeisten Seneca 
angeführt, welcher nach der kirchlichen Sage des Mittelalters mit 
dem Apostel Paulus im Briefwechsel gestanden haben soll. Er wird 
bezeichnet als de wisc Seneca, Mester Seneca. Ziemlich oft wird femer 
Mester Ikdius^ Tullius, de lerer TuUtis angeführt. Zwei Mal 89» und 
101a kommt JBoecius vor, der Verfasser der Schrift de consolatione 
philosophiae und der berühmten Uebersetzung mit Kommentar zu des 
Aristoteles Organon, welche die erste und für lange Zeit die einzige 
Grundlage der mittelalterlichen Scholastik wui'de. — Wenn es 114b 
heisst de phüosaphus secht dl dare und 80a de philosophe seeht^ so ist 
dabei Aristoteles selbst gemeint, welcher für die Scholastik ^der 



Philosoph'' xaT I^oj^tiv war, auch z. B. bei Thomas von Aqöino fast 
immer nur philosophus genannt wird. — Auf Dichter wird öfters Be- 
zug genommen. 112» heisst es: 

Oracius doet uns bekeat, 

Van gfaenen Tiran so ue is torment, 

Merre dan vanden nydighen vonden. 

(Horatius epist. I, 2, 58: Invidia Sicuh non invenere tyranni Maius 
tormentum). Gleichfalls auf Horaz geht die Stelle auf Bl. 75a zurück, 
wenn die Quelle auch nicht ausdrücklich genannt ist: 

Men secht in een auctoriteit, 
Den nyeii vate blivet langhe 
Smack van zynen ersten untfanghe. 

(Horatius epist. I. 2, 69 : Quo semel est imbuta recens servabit odorem 

Testa diu.) Auch 114b 

Hyr up secht een poete vroet, 
Gramschap (Zorn) den moet so verblent, 
Dat he dat rechte siet noch kent, 

ist sicherlich eine Umschreibung des Horazischen Ira furor brevis est. 
(Epist. I. 2, 62). — Auf Ovidius wird einige Male Bezug genommen, 
u. a. 10a mit Anführung der remedia amoris desselben: Ovidius inder 
renxedien der minne. — 

Oefters heisst es: in Historien lesen wy, einmal 31» wird ^Alex- 
anders Historie^ als Quelle angegeben. Eine aus derselben entnommene 
(leschichte wird mitgeteilt werden. — 

112^ heisst es: in mester Hughen boeck tvy lesen. Wer dieser 
„Meister Hugo^ gewesen, ist zweifelhaft. Jedenfalls war es kein Geist- 
licher, wie der Zusatz mester beweist, welchen, dem Sprachgebrauch 
des Mittelalters entsprechend, auch im Sündenspiegel nur Nichtgeist- 
liche, nämlich Tullius und Seneca, haben. Man könnte an den Laien 
„Magister^ Hugo von Trimberg denken, welcher um 1300 den ;,Renner^ 
dichtete. Dass der Renner oberdeutsch geschrieben ist, brauchte kein 
Hindernis zu sein. Auch ein ^simpler clerck*^ konnte wohl imstande 
sein, hochdeutsche Schriften zu lesen und bei der ausserordentlichen 
Verbreitung und Beliebtheit des Renners ist es sogar kaum anzu- 
nehmen, dass ein litterarisch thätiger Geistlicher ihn nicht gekannt 
haben sollte. Ausserdem stimmt Inhalt und Tendenz des Renners 
mit dem Sündenspiegel im ganzen überein.^) 

103a wird 'der naturen boec' erwähnt. Es wird hier ein Exempel 
erzählt, dat Jcranen (Kraniche) vader und moder eeren. Sie holen 
nämlich, wenn diese im Alter nach Verlust der Federn nicht mehr 
aus dem Neste fliegen können, für sie das Futter. Man könnte nun 
bei der naturen boec an das um 1350 geschriebene und sehr ver- 
breitete ;,Buch der Natur^ des Konrad von Megenberg denken. In 



*) Es ist mir leider nicht möglich gewesen, festzustellen, ob die Stelle aus 
mester Hughen boeck wirklich aus dem Renner entnommen ist, da die beiden Aus- 
gaben des Renners (Frankfurt a/M 1549 und Ausgabe des Bamberger histor. Vereins 
1833 — 34) in Königsberg nicht vorhanden sind. 



113 

(lieser Schrift wird jedoch von dem Krauich nichts derartige» berichtet^ 
wohl aber etwas Aehnliches von den Störchen: Von dem Storchen. 
— so habetit auch diu störchel wider groz trew zuo den fnüetern, wan 
als groz zeit die müder verzerent oh den kinden^ als groz zeit verzerent 
diu kint oh den müdem und speiscnt si auch. (Pfeifter p. 175.) Der 
Verfasser des Sündenspiegels hat also Konrad von Megenberg jeden- 
falls, wenn er dessen ^Kuch der Natur^ gemeint hat, nicht genau 
citieii; vielleicht hat er sich aber auch an dessen Vorgänger und 
Muster Thomas von Cantimpre (Cantinipratensis). cf. Pfeiffers Ein- 
leitung) angeschlossen, dessen liber de natura renim in vielen Hand- 
schriften verbreitet war. 

(lanz zweifelhaft ist mir das 54l> angeführte boek van den stommen 
dieren. Es wird hier mahnend darauf hingewiesen, dass sogar stamme 
Jteesten Barmherzigkeit üben. Das hier erwähnte Buch wird also irgend 
ein „Physiologus** gewesen sein. In den ims erhaltenen deutschen 
Physiologi findet sich kein Hinweis auf die ^Barmherzigkeit* der 
Tiere. Der Verfasser des Sündenspiegels könnte aber irgend ein 
scholastisches Buch ähnliches Inhalts benutzt hal)en, wie denn z. B. 
(iraff (Diutisca. III. p. 22) als die Quelle des jüngeren prosaischen 
Physiologus eine lateinische Schrift unter dem Titel: Incipiunt dicta 
Johannis Crisostomi de naturis bestianim nachgewiesen hat. 

Darstellung und Stil im Sündenspiegel sind ziemlich lang- 
weilig und trocken, auch die eingestreuten Erzählungen zeigen kaum 
grössere Lebendigkeit, als die anderen Partieen. 

Der Sündenspiegel unterscheidet sich dadurch nicht zu seinem 
Vorteil von Josefs Gedicht, in welchem die eingestreuten Erzählungen 
mit volksmässiger Frische vorgetragen sind. Nur zuweilen wird der 
Verlasser des Sündenspiegels eifrig und lebendig, z. B. auf Blatt 14 a 
in einer grossen Philippika gegen den Tanz, an anderen Stellen in 
leidenschaftlichen Angriffen gegen das „Dobbeln", (Würfelspiel). Von 
kulturhistorischem Interesse sind nicht wenige Stellen des Gedichts. 
Litterarhistorisch interessant sind die Erzählung aus der Alexander- 
historie (S. 119) und die aufs merkwürdigste mit Schiller's Gang nach 
dem Eisenhammer übereinstimmende längere Erzählung, welche Lübben 
Jahrbuch 1878 p. 57 ff. bereits veröffentlicht hat, auch wohl die 
eben besprochenen Quellenangaben. Mit der Verskunst des Ver- 
fassers ist es nicht zum besten bestellt. Ereilich war der moralisirende 
Inhalt ein sehr spröder und in tiiessenden Versen gewiss nicht leicht 
zu behandelnder Stoff, aber der Verfasser fühlt es auch selbst, dass 
es ihm an der Kunst der Versbildung gebricht. Mit Ernst und Nach- 
druck weist er jedoch darauf hin, dass man nicht die Form seiner 
Verse kritisiren und tadeln, sondern den Sinn und Inhalt derselben 
wohl beherzigen möge. 

138b. Alwolde ymaud de rime dornen, 

Dat 86 erghent valt to hart. 

Den ghcnnen, den se te pinen wart, 

Hi«d«fd«aUeh«i Jfthrba«]i. XVII. 8 



und ibid. 



114 

bidt em, dat he se wille bekeräil 
Und dat he merke den zin der leren, 
Of de mach werdich wesen, dat si 
Süchte rime untschulde daer bi. 

Menyghe schone auctoriteit 

Is bynnen dessen boeke gheseit, 

Wes woord daer rinne verändert zyn. 

Dichtende duetsch, walsch of latyn 

Bi node men versetten moct 

De woorde, sal de rym werden goet. 

Is de sentencie ciaer beholden, 

Elk wise sal den rym untscholden. 

Ueberhaupt wirkt der sittliche Ernst, die aufrichtig fromme Gesinnung, 
die unerschrockene Freimütigkeit nach oben, wie nach unten, welche 
der Verfasser zeigt, sehr wohlthuend. Er scheut sich auch nicht, es 
auszusprechen, dass sogar Bischöfe in die Hölle kommen können, 
(cf. p. 128.) Von faulen Mönchen, welche die Frömmigkeit nur als Deck- 
mantel für ihre Trägheit benutzen wollten, war er kein Freund, er 
liest solchen trägen Gesellen tüchtig den Text und lässt einen ver- 
ständigen braven Abt zu einem jongelinc, der immer nur beten, aber 
nicht ^werken "^ wollte, mit Recht sagen: Wer nicht arbeiten will, 
soll auch nicht essen, (cf. p. 125.) Solche Leute, die sich bei ihrem 
Eintritt in ein Kloster nur die reichen aussuchen, um daselbst dem 
Wohlleben fröhnen zu können, vergleicht er mit Schweinen, die auf 
Mästung gesetzt werden und nennt sie unverblümt ^Teufelsbraten'*, 
(cf. p. 121.) Es geht ein volkstümlicher, man möchte sagen, „demo- 
kratischer" Zug durch manche Stellen des Gedichts. Gewaltthat, 
meint der Verfasser, ist zwar allen Menschen verboten, am meisten 
aber den Edeln (Adligen) und den Grossen, (cf. p. 120.) In die 
Klöster drängt sich zumeist die „Wohlgeborenheit" ; von vier Mönchen 
sind inuner drei von groten maghcn abstammend, (cf. p. 121.) 90 a 
heisst es: Niemand ist edel um seiner Geburt willen, dessen Thaten 
unedel sind; alle Menschen stammen von einem Vater und einer 
Mutter, u. s. w. Ein grosser Dichter war der Vei-tasser des Sünden- 
spiegels gewiss nicht, aber ein tüchtiger, echt christlich gesinnter 
Mann, welcher ohne Nennung seines Namens, ohne auf Anerkennung 
bei den Menschen zu rechnen, in Treue und Bescheidenheit das mühe- 
volle Werk, das er auch selbst geschrieben (vergl. unten), vollendete, 
Gott zu Ehren, seinen Mitmenschen zur sittlichen Besserung. So 
lautet denn der Schluss des Werkes: 

139a. God heere, up wen ick troost hcghan, 

Te dichtene dit grote werck, 

Dancke dy, als een simpel clerck, 

Dattu woldes ghewerden mien 

Te makene Instrument, hy wien 

Dyne gracie hevet vuldaen, 

Dat de lesers so moeten verstaen 

So de sentencie, biddick, heere, 

Dat se ju dienen moeten de mere, 



115 

Und ick diet by der hulpe dyuö 
Hebbe ghetrect uut den latine. 
Bidde, dat dichten und scriven 
My to ghenaden moete bliven, 
So dat ick na dit corte leven 
Met ju, here, moet zyn verheven, 
Uut wen ick begbinsel nam, 
Secundum magnam misericordiam tuam. 

Dass (lie Dichtung nicht ein deutsches Originalwerk ist, sagt der 
Verfasser selbst mit den eben angeführten Worten, er habe diet 
ffheirect uut den latine^ also „aus dem Lateinischen gezogen." So 
nimmt denn auch Lübben „Ursprung des Werkes aus dem Latei- 
nischen*' an. Wenn er jedoch als Grund für diese Behauptung die 
vorhin hier p. 114 angeführten Verse heranzieht: Dichtende duetsch^ 
walsch^ of latyn u. s. w., so ist dies offenbar unzulässig, denn jene 
Verse besagen nichts anderes, als dass ein jeder, mag er deutsch, 
wälsch oder lateinisch dichten, wenn er eine „Autorität" d. h. 
einen beherzigenswerten Ausspruch irgend eines guten Autors an- 
lühren will, diesen nicht wörtlich und genau übertragen darf, sondern 
ihn so umändern muss, dass er sich in den Reim fügt. Es bleibt also 
zur Bezeichnung der Quelle, aus welcher das Gedicht entsprungen ist, 
nur das eine Wort des Verfassers übrig ^^hetrect uut den latine^\ Ueber 
die Art und Weise des „Ursprungs aus dem Lateinischen" hat sich 
Lübben nicht näher geäussert. Wenn er jedoch (Jahrbuch 1878 p. 50) 
die auffällig grosse Anzahl der Fremdwörter des Sündenspiegels eben 
diesem Urspninge aus dem Lateinischen zuschreibt, so scheint er 
doch einen sehr engen Anschluss unseres (Jedichts an das Lateinische 
angenommen zu haben. Daran ist meiner Meinung nach jedoch nicht zu 
denken. W^enn auch im Mittelalter viel über die peccata mortalia 
geredet und geschrieben worden ist, so war das doch alles Prosa, 
von einem lateinischen Gedichte über die Todsünden wissen wir nicht 
das mindeste. Andrerseits sind die Verse des Sündenspiegels zwar 
trocken und nüchtern, machen aber einen durchaus originalen Eindruck. 
Der simpel clerck müsste ein Meister allerersten Ranges in der Ueber- 
setzungskunst gewesen sein, wenn er viele Tausende von lateinischen 
Versen in einer Weise übersetzt haben sollte, dass man auch 
nicht eine Spur von Latinismen in ihnen entdecken kann. Somit darf 
man nur annehmen, dass er den Stoff und vielleicht die Einteilung 
einer oder mehreren lateinischen Vorlagen, welche ihm über dieses 
Thema die Scholastik mehrfach bot, entnommen hat, wie dies z. B. 
durch Beziehung auf St. Gregorius (Gregor d. Gr.) bei der V^öllerei 
ausdrücklich erwähnt wird, die Form des Gedichtes ist ganz sein 
eignes W^erk. 

Ich habe die Orthographie des Gedichts genau beibehalten, 
nur das u ist, wo es nötig war, der besseren Lesbarkeit halber, 
durch V wiedergegeben. Aus demselben Grunde habe ich die Inter- 
punktion hinzugefiigt« — Eine Schwierigkeit entstand durch den 
Strich über den Endkonsonanten bei Infinitiven. Dieses Zeichen 

8* 



dient sonst nur zur Verdoppelung^ von Konsonanten, z, B. de 
stöme fnonick, der stumme Mönch. Lühben hat dieses Zeichen in 
seiner Erzählung aus dem Sündenspiogel im Auslaut des Infinitivs 
durcli e aufgelöst, er sehreibt also nicht dichtenn, dlcnenn, makenn, 
wetenn^ wie man nach dem sonstigen Schreibgebrauch der Handschrift 
eigentlich müsste, sondern dichteut^ dieuene^ nmkene, wetene. Diesem 
Vorgange unsres Altmeisters bin ich gefolgt, zumal da an einigen 
Stellen Infinitivformen auf e (loetcne^ dichtenc^ merkcne) ausgeschrieben 
wirklich vorkommen. 

In den beiden ersten Hauptteilen habe ich die Disposition nach 
dem Inhalt ohne Rücksicht auf die roten Ueberschrift<)n der einzelnen 
Abschnitte (cf. p. 98) angegeben, von der dritten Hauptsünde, der 
vracheü, an sind die roten Absclmittsüberschriften vcdlstiindig auf- 
geführt, damit man auch von der Art der Verwendung dieser Indices 
ein Bild gewinne. 



Spie^hel der zonden. 

1) Gulsichede, gnlsirhcit, gulshcit, {VöllneO^ Tnit.— 3b. — 2) liiixiirie (Un- 
keuschheit) 4a -181). — 3) YrsLcheh (Habgier) 18b— G4b. — 4) Trsiecheii (Trägheit) 
64b- 85b. — 5) Hoverde (Hoffahrt, Sioh) Snb- lila. — 6) Nyt (Neid, Ahgumi) 
lila— 113b. — 7) Gramshap (Zorn) 113b. — Kin. 

I. UiilHidiAit. Init.~3b. 

5 Specien oder Manieren derselben „beschrieben von St. Gregorius". (cf. p. 
115.) 1. Man mag nicht regelmässig geordnete Mahlzeiten leiden. — 2. Leckerei. — 
3. Gefrässigkeit. — 4. Wählerisches Aussuchen und „Bereden'' der Speisen, — 
5. Gieriges Verschlingen ,yZa heisser^' Speisen. 

4 Folgen. 2a. als ,/Jesinde** oder ,f Diener** der Völlerei bezeichnet. — 
1. Hoffährtigkeit. — 2. Begehreti von mannigfacher Speise. — 3. Begehren von 
Lieblingsspeisen. — 4. Zu viel essen. 

8 Ileinedien. 2b. 1 . Gerne Gottes Wort hören. — 2. Van rcdelike dinghcn 
belemertbede. (Beschäftigung mit redlichen Dingen.) — 3. Dat cm de menscbe 
also vere doe, als be ver eyscbt van clkcr stedo, dacrnicn aeffent de gnlsichede. 
— 4. Dass wir ernstlich an die Nähe des Todes denken. — 5. Dat wy solden hi 
allen stoiidcn um dat cwigbe wcrscbap (Abendmahl) denken und woe wy alle zyn 
genoet daer toe. — 0. Te merkene, dat de exces van gulsbeit inbrenct swerbeit 
groet. — 7. An C'hristi Armut gedenken. — 8. De zoete gracie uns heran. 

II. Luxurif. 4a— 18b. (6 „Partieen«.) 

1. Partie. 4a. 
Belehrung über die bösen Dinge der Luxurie, damit wir uns bessern und 
die Luxurie hassen lernen. — 1. Angst und Beschwerde. — 2. Lcetschap. — 
3. Jt^ine Menge Spötterei^ die wir über uns ergehen Itissen müssen. — 4. Dat 
vierde quAet mach di beduden cen stanr in man Tan brande. — 5. Verlust des 
guten Nametis. 



117 

2. Partie. 7b. 
Die 5 Manieren oder Specien der Luxurie, „welche Töchter heissen". Als 
,,Töchter*^ werden die einzelnen Arten einer Hauptsünde nur hier bezeichnet, in 
Jose/s Gedicht und sonst jedoch fast stehend. 

I>e eerste wy syinplex keefsdom scriven; 

De ander, to untsuverne*) eene magct; 

De derde — — — 

Is bordom; de vierde is, als een man 

Met wiven misdoet, de em gaet an:*) 

De vyfte, unkuusche niisdaet, 

De tegben der naturen gaet; 

Eene seste') manire mach zyn voert, 

Die ter unkuuscheit behoert, 

Die giricheit vake doet to driven, 

Dat« dat untvoren van wiven. 

H. Partie. 9b. 
8 Veranlassungen (occusoen) zur Luxurie. — 1. Ledicheit (Müssiggang). 
— 2. Uehermass cot» Speiseöl. — 3. Der older wiven belcet, de lüde to sammen 
driven. Diese alten Weiber werden auch makeliggen (Kuplerinnen) genannt, — 
4. Böses Beispiel. — 5. Schone wyfs anschyn. — 6. Viel mit Weibern sprechen. — 
7. Dat sevenste is rotten off ledekinnc, te hoerne de ghewagen der mynne, want 
sie den brant roren vast. — 8. Als mcn tast menschen unbetemelike. (Unzüchtiges 
Betasten). — Hier findet sich die vorhin erwähnte leidenschaftliche Philippika gegen 
den Tanz, der also nach der Meinung des Verfassers nur zur Unzucht verfährt. 
£lk danss off traets mach beten wel Processie vanden duvel. 

4. Partie. 15b. 

Remedien gegen die Unkeuschheit. — In der allgemeinen Uebersicht der 
6 Partieen gleich zu Anfang der Luxurie werden ^ Betnedien angekündigt, that- 
sächlich folgen jedoch nur fünf — 1. Devote bedinghe (demütiges Gebet) zu unsrer 
lieben Frau, wie z. B. in Paris, oder zu St. Antonius oder zu St. Christoph. — 
2. Ersame belemerthede (ehrbare Beschäftigung). — 3. Dat men heeft an die 
liilghe scrifture minne (dass fnan stets an die heilige Schrift denkt). — 4. Almosen 
geben ( — ein seltsames Mittel gegen die Unkeuschheit! — ) — 5. Voormaken um 
die doot. 

5. Partie. 10a. 
Weshalb GoU simplex keefsdoom verboten hat. — 

1. Keefsdom ist na der lerers scriven 
Die undanclicheit van wiven, 
Want luttel gemene wyfs wy sien, 
Dat sie kinder to dragbene plien. 
Daer wert der rechter naturen wet 
Mids den keefsdome achter geset. 



') Entsäubeni, unrein machen, schänden. 

*) Die mit ihm verwandt sind. 

*) Obgleich in der Disposition nur fünf angegeben waren. 



HS 

2. Die Tele archede, die geschien 
Vanden wiven ten kindren wert, 
Als hem die man is alte greignaert. 
3. Mancher Kampf und mancher Streit würde vermieden werden, wenn sich 
jeder Mann nur zu einer Frau hielte, Gott hat ja auch zuerst nur einen Mann 
und ein Weib gemacht. — 4. Gott hat keefsdom durch 3 ,,Reden^* verboten, a) 7>ie 
Menschen sollen nur einen Herrn und einen Gatt haben, — b) Zu ihun, was uns 
Gof,t heisst, zu lassen, was ihm leid ist, dar in staet Verdienste groet. — c) Gott 
will am meisten geminnet sein. 

6. Partie. 16b. 
Von denjenigen, welche sagen, dass sie sich der Ltueurie nicht enthalten 
können. — 1. Gott legt uns nicht mehr aufy als wir tragen können. — 2. Der 
Mensch besitzt freien Willen, den kein Tier hat. Wenn er also sündigt, dann ist 
seine Sünde schalcheit boven elke beeste. — 3. Der Mensch sollte sich schämen, 
sich von der Sünde, sowie ein Pferd von een vreydel clene (von einem kleinen 
Knaben) zwingen zu lassen. — 4. Die unkeuschen Menschen, die sich mit der Un^ 
möglichkeit, ihre Sünde zu lassen, entschuldigen, handeln so, wie einer, der sein 
Haus brennen sieht und noch mehr Feuer dazu thut. — 5. In leiblichen Krank- 
heiten nehmen diese Menschen Medizin, aber von geistlichen Medizinen wollen sie 
nichts wissen. — 6. Sie sind ebensowenig zu entschuldigen, wie Leute, die ein 
ihnen anvertrautes Schloss an den Feind ausliefern und keine Hülfe (also Gebet 
und dergl.) nachsuchen. — 7. Sie verdienen ebensowenig Entschuldigung, wie ein 
Mann, der aus Lässigkeit nicht das Loch in einem Fasse zustopft, durch das ihm 
der Wein ausfliesst. — 8. Manche sagen, das Weib zwinge sie eurLuxttrie; es ist 
aber der Teufel, dei* sie mit ihrem eignen WtVen zwingt. — 9. Sie sollten wenigstens 
versuchen, sich eine kurze Weile der Sünde zu enthalten, um sich so allmählich 
an Besserung zu gewöhnen. 

111. Vracheit. 18b-64b. (5 „Partieen«.) 

1. Dinghen, de vracheit doen schuwen und ere temptacic doen verdiiwen. — 
2. Die temptacie, die der vracheit ane cleven. — 3. Dinghen, die vracheit quekcn 
und voeden. — 4. 6 Remedien der vracheit. (Es werden jedoch nachher S genannt/) 
— 5. Van der gulscheden, de der vracheit schyn contrare. 

1. Partie. 19a. 
Vracheit is te verhatene umme vele dinghen. Vracheit is te verbaten unune 
de maledixie, de god daer up senden sal. (Es folgen die maledixicn aus Jesaias, 
Habakuk, Lukas, Jakobus u. a.) Vracheit sal he verbaten, die merken wille de 
grootheit van desser sonde. (Es folgen dafür „Urkunden" aus dem Prediger 
Salomo, Hosea u. a. 

20a. £ene derdc orconde viudeu wy mede, 

De toghct der vraken grote quaethede, 

Dats, dat he niet de eeusheit lieft, 

Die an zynen schepper cleft 

Und in all ander creaturen. 

Die schepper wolde der naturen, 

Dat alle dinghe gemenc waren. 

Also die sonne gheeft er verclaren 



119 

Int gemene und tvuer*) syn bitte, 
Die blomekeu roseu al sonder smitte, 
Die bome ock gbeveu er fraut, 
Die crude eren roeke ere untuut 
Gemene, — — — 
Des willen niet de vracken plien.) 

Vracke zyu qiiaet in gode, in hemselven, in zynen evenkersten und in de 
neder creaturen. — Vracheit is als eene afgoderie, die scrifture toghedet. — 
Vracbeit is eene sware geestlike quäle. — Vracheit is eene sware quäle umme 
ere geduricheit. — Vracbeit, dats eene unversadelike quäle, dats getogbet. — 
Vracbeit bold den menseben in sware scbalkemyen. — Vracbeit beft dri bedecte 
strecken (drei verborgene Stricke), menseben mede te vane. — Vracbeit is to 
iintsiene {von Vr. ist absu sehen) umme de vele strecken, die see beft. — Vracbeit 
is zeer batelic gode, dats getogbet ciaer. — Vracken doen goede grote dorpernye. 
— Vracbeit doet grote deere und unrecbt den evenkerstyn. — Vracbeit quest 
und deert eren dragbere. — Vracke zyn gbeck in vele saken, dats gbetogbet 
claer. — Vier dingben mogbeu unse beeten und niet meer: 

— Dat een is in erdscbe goet, 
Dats waldaet, de die meuscbe doet; 
De andre is de tyd, de wy leven; 
Dat derde, dat wy den armen gbeven; 
Tvierde, dat is bemelrike. — 

Exempel, dat erdscbe besittinghe uns vremde is. — Exempel, dat almoessene 
unse is, di wy doer gode gbeven. — Ecrdesscbe besittingbe en is unse niet. — 
Exemple togben, uns niet te troestene up erdscbe besittingbe. — Exempel — ? — 
(abgeschnitten, cf, p, 97) — Erdscbe besittingbe scbynt gbeven vyflF maniren van 
vrucbten. 

In duetscbe gbcmeeulic men secbt, 

Dat be de rycste is, de levet, 

Wien gbenoegbet, dat be bevet. — 

Hemelrike macbmen copen met erdscber rycbeide. Kycbeit goet te niete 
bi vier dinglieu. — Restoor laten (Arrest legen) up erfinamen is sonde. — Vracke 
zyn zere sod unversien in vele saken. — Weelde is als een droom, die scbynt 
und niet en is. — Rycbeit der werld doet eren mynre vele quaets. — Erdscbe 
rycbeit maect den menscbe cranc in dri dingben. 

31a. — Hyr aif memorie 
Vindmen in Alexaudersbistorie'j 
Do be Darise badde verwonnen 
Teenen tyd, und daer was gewonnen 



') tvuer ,das Feuer*. So wird sebr oft nach niederländiscber Weise der 
neutrale Artikel zum folgenden Worte gezogen, z. B. tserpent, tvierde, tfolc u. a. 

*) Diese Alexandergescbicbte babe icb in keiner der von Weismann (Alexander- 
Qedicht des 12. Jabrb. vom Pfaffen Lamprecbt. Frankfurt a/M. 1850. 2. Band) 
gesammelten Quellen gefunden. Aucb im Alexanderliede selbst findet sie sieb nicbt. 



120 

So groten roofT, dats gemeenlike 

Alexanders schare, di so wert rike, 

Daer zyn luden in bequameu 

Und eenen nyeu wech an namen. 
(2 Verse abgeschnitten.) 

Und maecte Alexanders volc onder. 

Des badde de hoghe man groot wonder. 

Daer gebood die conync rike, 

Den rooff te verbernene gemeenlike 

Sonder leiten, und he sede, 

Eer tfolc gekreech dese rychede, 

Met vechtene niement en konde geschadeu. 

Mer als sie met ghelde zyn geladen, 

Sie syn cranck und swaer becomen. 

Daer na so was hem tgoet genomen, 

Daden die viandeu eener keer, 

Do vochten sie also vaste alse eer. — 
Vrackeus lachten der helle, der doot, der zee, den hond, den moll. — Exemple 
vandcr oolder wet (aus dem aUen Gesetz, Testament) leren uns verbaten vrachede. 

2. Partie. 32b. 
Vracheit helft neghen specien in ere, die some lerars dochteren uomen. *j 

32b. Woker, roof und tassement, (Gewalithat). 

Boesheit vander band werclieden, 

Tvyfste is to untfanghene mieden, 

De seste specie het simonie, 

Die sevenste — 

Unwerdelic sacrament untfaen, 

De achtste is, vrac te zyne van 

Consten, die enych mensche can, 

De IXste is, speien um ghelt. 

1. Woker. 

Woker is te verhatene umme (abgeschnitten), — Woker salmen baten umme 

de quaetheit, de daer is. — Woker salmen vlien um ander quaet, datter uut 

comt. — Woker salmen schuwen umme vele saken, de daer in luuschen (lauschen, 

lauern). — Woker sal elc vlien um de plage, de dar god to scnt. — Woker 

bedecken de lüde manichsyns ümme der werlt schaemte. 

2. Roof. 

Roof salmen schuwen um de sware plaghe, de god up rovers werpen sal. — 

Rovers moghen wal verveert zyn van gode umme de mynne, de he heft up de 

armen. — Roof is te verhatene umme de sware maledixie — Rovers liden vake 

sware und schofierliken doot. 

3. Tassement. 

Tassement is verboden allen luden, und mest den edelen. — Tasserers 

untfanghen drivolt schaden uut eren tassemente. — Tasseren is zeer schofierlick 

den edelen und den groten. 

*) Die Bezeichnung „Töchter" ist nicht nur bei „some lerars" zu finden, sie 
ist vielmehr die gewöhnliche, vgl. p. 117. 



121 

4. Boesheit vander hand werclieden. 
Dachwerkers misdoen vake, verstaet wo. — Taswerc {tvohl rcfsckrüben 
für dachwerc) nemers misdoen vake zwarlike, verstaet wo. — Merseners oufeiien 
{üben?) achte senden in ere neringhe. — Diefte regnert vake in copenschepe. 

5. Mieden nntfanghene. 
Untfanghen gifte is grote vrese. — Ghiifte maect ere untfanghers stom 
und blint. — Untfanghers van ghiften syn begripelic in dre saken. 

6. Simonie. 
Symouie doet vake sneven de leeken, dats getoghet. 

39 b. — um welk de leeken misdoen in die 

Und willent up de geleerde al stecken, 

Sal ic daer aif een deel hyr sprecken^ 

Van dats den leeken mach behoren, 

Bi den, alse ic seghede te voren 

Binnen der prologhen van desen, 

Ick en wil gheen begriper wesen, 

Van hem luden, de tlatyn verstaen, 

Doen tghenne, dat hem dnnct walgedaen. 

Her um dat de leeken plien, 

Te snevene dickent in symonien 

Und willent den geleerden tyen, 

So ne wil ic der niet aif swigheu. 

Ic sal van simonye scriven, 

Na dat se de leeken bedriven. — 
Symonie doen de leeken in vier maniren. 

a. De eerste copinghe is um ghelt. 

39b. (Niemand verlangt nach Abteien), 
Daer maghere moncke in syn gesieu. 
De syn kint nu begheven sal, 
He so moet to voren weten all, 
Wat syne provende staet te zyne, 
Beyde van spisen und van wyne. 
Dunct en de provende groot genoech, 
So is dat cloester wal syn ghenoech. 
Also de vleyschouwer up set 
Een swyn, um te makene vet, 
Daer na men siedet und braet, 
Aldus dat kynt te vettene staet 
Tes duvels behoef, dat sonder genadeu 
In dat heische vuer sal braden. 
In dat beduet tkint schone und vet. 
Den vader behaghet, so lanc, so beth, 
Und dan, so dunct em wal bestet (?) 
Tgoet^ dat he an hem hefft gelegt, 
Den duvel erst ock een groot troost. 
So Vetter vleysch, so vetter roost. 

b. Smekers verkrighen dickent beneficien met ere smekerdien. — 

c. Kerclike beneücien verkrighen bi bede, is vrese und sonde, 

40a. De derde copinghe is met beden; 
Des pleghet de wal geburenthede, 
Ghaet und soect elke abdie; 
Van veir moneken syn de drie 



122 

Gheboren yan groten maghen, 
De. se met ere bede daer jaghen, 
Der armer goet all te verteerne. 
d. De vierde copinghe wilt Terstaen 

Syn, de met Schalken deynste nmme gaen. 
Proveade oercrighen met erachte is grote sunde. — Kindereu uiitfaughen 
in ordeueu is grote vrese. — Jonghe lade te setten in State is grote vrese. — 
Jouck prinche off here is to untsiene zere up aventureu, wo he em bekereu nal. 
— Exemple untraden uns, nnsen kinderen last te ghevene. — Jonghe moghen 
em niet troesten, up de Tau gode weren vercoren. 

7. Unwerdelic sacrament nntfaen. 
Sacrament untfaen sonder werdicheit is grote yrese. — Sacram^^nt vanden 
altare salmen aldus bereden. — Moneghen nnwerdelike is grote vrese. — Quaet- 
beiden drie comen nt uuwerdighen moneghene. — Exemple toghen uns hilghe 
weerdicheit te sacramente. — Dat sacrament niet willen untfaen eeus des jaers 
is grote vrese. — Moneghen doet den mensche vele profyts. — Christum weder 
uutsteken, na dat he untfaen is, is grote vrese. — Keren ten senden na den 
uutfake vanden sacramente is grote sende. 

8. Vrac te zyne van consten, die enych mensche can. 
Dieser Punkt ist trotz der Disposition auf jh 120 von 4em Dictüer 
nicht behandelt, 

9. Speien um ghelt. 
Dobbelen offt um ghelt speien, wat speie het, zy is verboden. — Dobbei- 
spel te schuwene leeren uns veir saken. — Speien umme ghelt brinct vake 
gramschap toe. 

47a. De terlinck (Würfel) is der dobbeler god, 

Und se holden al syn gebod; 

Se strikeu, dat he em striken heet; 

Unt wyst biet, se ghevent gereet; 

Vergheve god, dat se den geboden 

Weren so underdaen van gode, 

Gelyck dat god den devoten liet 

Under XXI letteren [das Alphabet) \ dat beduet, 

Dat dar alle vroetschap bi is gescreven 

Und de gods wille teekine gheven. 

Also gelyck helft in zyn toghen 

De terlinc XXI oghen, *) 

Und bi den vertoghet hi 

Den dobbelers, wat zyn wille zy, 

Dat he daer verliest off wint, 

Bi dat he daer an bekint. 
Spelres um ghelt verbreken meest de tien gebode. (/. Gebot: Kies vor 
my ghenen vremden god, der Spider Oott ist aber der Würfel, AeJmlichc 
Deutuny erfahren dann die anderen Gebote,) — Dobbelen ofF ander spei 
soldemen schuwen um vyff quade. — Dobbelers zyn gheck, dat is getoghet bi 
achte saken. — Tyd verlies is speien um ghelt, secht sunte Bernard. — 
Dobbelen solde meu schuwen um de swaere plaghe, de dar äff is geschict. — 
Spei met ghenoechten sien off daer bi sitten is grote sende. — Terlinghen ver- 
huren winkel off bret is grote sende. 



*) 1+2+-3-I-4+5-H}. 



123 

3. Partie. 49b. 

Yracheit nntfaet occnsoen nt achte saken. — Exempel, dat quelke goed 
winneii ter kinder behoeff en bewiset gheoe mynue. (Folgt eine Geschichte 
ran einem Wucherer, der nur für seinen Sohn vmclurte und doch mit ihm iM- 
samtnen ins hollische Fetter kam,) 

4. Partie. 51a. 

Vracheit heft achte remedien {obgleich in der Disposition p. 118 nur 
(t in Aussieht gestellt umrden!) nmme se to verdriveue — Das 1, Ihmcdium 
ist: to dencken der doot. Hier folgt ein höchst sonderbarer Vergleich, 

Der Tod, welcher dem Mensclien stets „anklebV^, wird mit dem Schwänze 
drr Tiere verglichen, mit welchem s^ie Fliegen, Mücken und dergl, verscfieucJten. 
So soll sich auch der Mensch durch das Andenken an den Tod, welcher stets 
hinter ihm sitzt, die Habsucht verscheuclien f 

51a. Van deser remedien is uns gegeven 

Bewys an somighe dieren, de nu leven. 
. Yoghelen nnd visschen mede 

Mids ere natuerliker sede, 

Meryen met eren sterte weren 

Vüeghen, die se biten off deren, 

Yoghelen, yissche em bestieren 

Metten sterte, elk na synre manireu. 

So mochte elk mensche, had hys begherte, 

Em selven bestniren metten sterte: 

Dats de doot, de nyraan en can 

Weren, he ne cleefft em an. — 

Biken pinen um niet umme dat erdsche goed bi drien saken. — 2. Cristus 
armoede leert uns schnwen ghirichede. 

52a. De doot yan Cristus und de wonden. 

De he untfenc um unse senden, 

Hefftet Volk noch in ghedenckenease, 

Mer dats der beeren schamenesse. 
(D, h, das Volk lässt sieh noch durch das Andenken an u?isren He^rn 
Jesus Christus beeinflussen, aber die grossen Herren schämen sich dieses 
Gedenkens,) 

Armen solden syn zeer verunwert, had se god selven niet angenommen. — 
Cristus en bad ny brood, no almoesseu, wo wal dat truwanten seggheu. — 
3. Ansieu de unsekerheit van unsen levene is remedie der vracheit. — 4. Dencken 
ten arbeide, de rycheit to brenct, is remedie der vracheit. — 5. Ansieu met 
herten hemelsche rycheit is remedie theghen de vracheit. — 6. Hope in gode 
is grote remedie theghen vracheit. — Almossen und bedinghe syn gracie 
vercrighende au gode. Bei diesem Punkte finden wir in utisrer Handschrift 
zum ersten Mal den Titel des WerJces: 

54a. Ic hebbe voren untbonden, 

Dat dit si de SPEGHEL YAN SONDEN. 

7. Almoesse is rechte remedie theghen vracheide. — Untfermicheit is uns 
bewyst van natnren bi stemmen beesten. cf. p. 112. — Almoessen wederstaet 
und lesschet quade begheerten. — Caritate doet erdsche rycheit niet minren. — 
Exempel van Bonefacius mflthede. — Caritate doet de rycheit wassen und 
meren der werlt. — Almoesse is zeere bequeme gode, unsen lieven here. — 
Almoesse Tercrycht, wat se bidt. — Almoessen maken den mensche vele vrende, 
de vor gode syn gebeert. — Almoesse wert des menschen t^leman {Fürsprecher) 



124 

ten lesten gerichte. — C-aritate doet, dat ertsche rycheit helpt, de te qnetsene 
pleghet. — Almoesse moet syn ghedaen met eeneii bilden ansichte. — Almoesse 
rooet syn ghedaen met vrendeliker sprake. — Untschnlden mach em nymand, 
de lefft, alnioessen te doene. — 8. Vander bedinghe. — Bediughe is nuttelick 
den mensche, bewyst scriftnre. — Cristns leerde uns selven bedinghe. — 
Bedinghe is des hilghen gheestes voghel, wes vloghele s^^n Tasten und alraoessen. 
— Bedinghe ghenest des lichainen qnale. — Bedinghe verlenghet den mensche 
syn lyff. — Bedinghe verwerft an gode, dat den mensche van noeden is. — 
Bidden moet men eendrechtlike und meest in tyden van nooden. — Bidden sulleu 
werlike lüde up hilghe daghe und up hochtiden. — Bedinghe sal syn geoefTent 
in allen steden. — Bedinghe moet 3371 gemeent met herten. — Bedinghe sal 
syn ghedaen in oedmoede und in tränen. — Bidden um tidelick gued is niet 
gheorloft sonder bi maniren (aiifiser vnt Mass?) — Bede vanden sonder eu 
hoort god niet. — Exempel, dat bedinghe niet en is gehoort, dies unwert is 
van gode. — Bede, ghedaen in hinder den evenkerstyn, en hoert god niet. 

5. Partie. 63a. 
Guffheit salmen schuweu umme de vele deren, de se den mensche doet. — 
(rufflieit brenghet to grote bekommerthede. — Guffe zyn gheck, dats in dren 
saken wal getoghet. 

IV. Tmecheit. 64b— 85b. {4 „Theile''.) 
Traecheiden tractaet wart in vier gedeilt. 

1. Dat eerste sal uns dingheu leren. 
De uns traecheit doen off kereu. 

2. Dat ander sal verclaren de ledeu 
Und de specien vander traecheden. 

3. Dat derde sal to kennen gheven 
Remedien, dar se bi wart verdreven. 

4. Dat vierde wart een capittel clene 
Off twe, und de sullen allene 

Van den maken mensioeu, 

Diet al sonder bescheide doen, 

So wat se te doene bestaen 

Und schynt theghen de traecheit gaen. 

1. Teil. 65a. 
Traecheit is te verhatene um VIII zaken. — 1. Exempel, um to vliene 
traecheit (und xivar zuerst von (kr mire = der Ameise, enlnommcn), — 
2. Ciistus arbeide um uns und um traecheit off te doene. — 3. Exempel, um 
ledicheit {Müssiggang) te schnwene, troest uns Artemus, een hillich vader. — 
4. Traecheit to verhatene leert uns de hilghe scriftnre. — Traecheit mishaget 
zere gode, dat toghet de hilghe scriftnre. — 5. Traecheit becomt wal den 
duvel. — 6. Ledicheit salmen vlien, um dat se doet Verliesen de tyd. — 
Traghe untschnlden ere traecheit mids schalker vrese. — 7. Traghe holden em 
selven so gebonden, dat se niet guets doen moghen. — 8. Traecheit is zware 
ziecheit, wes ziecheit is te ziene in twen zaken. 

2. Teil. 68a. (10 Specien der traecheit.) 

1. Laeuheit. 
Laeuheit doet den mensche vele grote schaden. 

2. Verslapentheit der ziele. 
Verslapentheit der ziele is seer yreselic. — Exemple, dat werken van 
noden is em de eten moet. 



12B 

69a. Men lest, dat pelgrimage ginck 
Vormals een monick. De jongeliock 
Teu abt ten bussche quam he na, 
De woende ten bergbe van Sjna. 
He sacb met groter enisticbede 
De monyken alle werken, nnd he zede: 
„Wo werct gy dat misvaer altoes? 
Maria dat beste deel vercoes." — 
Do gaff em de abt een quayer 
Und deden gaen inden vergier, 
Umme te gebmcken synre gebeden. 
Als de dach also was leden, 
Dat de sonne daelde neder, 
Sach de broder wech und weder, 
Off em yement tetene node, 
Gebreke pynden vanden brode. 
Syns so ne nam nyman waerde, 
So dat he quam nten bomgaerde. 
Als de doer noot wolde verstaen, 
Off de maltyd were gedaen. 
Doe antworde de abt wys: 
„Du, de gheestlic mensche sys, 
Wat node so is Tan spisen di? 
Werlike menschen so syn wi. 
Und bi node so moeten wie eten. 
Hyr umme wy werken, moet gy weten." 
Als de broeder verstont dat woort, 
Nam he penitencie rechte voort, 
Und he lyede synre roisdaet. — 
Exenipel noch yanden selven. — Slapen te vele ia zere lasterlick in allen 
menschen. 

69b. Unbetame eist den kerstyn, 

Dat em dat morghen sonnen schyn 

Up syn bedde ghevinden can, — 

Exempel dat den menyghen slaep heft ghecost zyn lyif. (Es folgt hier 
die Geschichte von een priuche, was biet Gysara. Es ist die Erxählunff von 
Jael, detn Weibe Hebers, welche Sissera, dem FeUüiaupt7n/i7m der Kannanüpry 
wiihrefuJ er schlief, einen Nagel durch den Kopf schlug, Richter. 4,17 ff) 
-- Exeuipel, dat slaep Sampsone syne starcheit beuam. — Slapen to untyd is 
üeer begripelick nnd quet«telick. — De zeker slapen wille, em is van noedeu 
«Irie zaken. (l. Atn Tage sich ah?niihen. 2. Ma\tsig essen und trinken. 
3. Seine Sinne flicht „schwer niaclien^^) 

70b. Sobre spise und soben sin 
Brenghet zueten, sobren slaep in. — 

3. Ledicheit. 
Ledigbe zyn unprofitelick ter werlt, toghet de ewangelie. — Ledighe 
verroekelosen vele groter baten, de zie verkrighen mochten. — Vrucliten achte, 
so mach de mensche gaderen nnt zyns selves mont. (1. Qott loben. 2. Mit- 
meiUichen trösten, 3. Beten. 4. Beichten. 5. Sein Wort „7nit Mass steuern 
nnd lenken^'. 6. Massig essen und trinken, 7. Schichtinghe van predicacien. 
8. De hilgbe weder roepinghe.) — Ledighe leveren em selven in de haude van 



IM 

• 

eiren Tianden. — Ledicheit is dicwile zake van yyfr zware zonden {UnkeuschheiK 
Diebstatd, Lüge u, s, w,) Ledighen zyn gheck, dat se ere roeste up erdrike 
bebben willen. — Ledighe zyn te begripene, dat se niet wercken willen in 
tyden van genaden. — Ledicheit, de se scbuwen wille, vorste em van drie dinghen. 

4. Loyeringhe. 

Loyeringbe van bekeren to gode is zeer anxtlick der zielen. — God 
roept den zonder altyd to penitencien. — Bekeren solde elk tydlike nm V zaken. 
— Bekeren tydlike brengbet in zcs goede dingbe. — Tvdlike bekeren to 
dnecfaden, dats grote, weerde offerande ghedaen. — Offerande is scbnldicb, to 
zyne ghedaen metten dnrbaersten, datmen hefft. — Bekeren to gode tydlike 
brengt den mensche in hopen ter zelicheit. — Gewoente van zonden heft manich 
zwaer verdriet in gebracht. — Gewoente van zonden doet den mensche Lazams 
»lachten {Uissi den MenscJisn Lazartis ähnlich sein) in vier sakeu. {Es foUjt 
wieder ein sehr sonderbarer Vergleich: 

76b. 1. He (Lazams) stanc, 

2. He lach under eenen steeu, 

3. Hern waren gebonden banden und been, 

4. Dat ansichte was ock verdect, 
Also sunte Matheus vertrect. 
Desse IV syn in hem vouden, 

De inde gewoente licht van zonden.) 

Oefeninghe van zonden is gelyck verolder {veralteter) ziechede, de qnaet 
is te ghenesene. — Exempel, dat gewoente van zonden den mensche zeer 
bezwaert. — Zonden vervremden den mensche van gode, so lanck, so meer. — 
Rouwe, zericheit nnd grote sorghe theghen den doot hinderen den mensche 
dicwile, te denckene um de ziele. — Bitterkeit der penitencien doen den zonder 
wedder keren ten zonden. — Anxt sonder noot [sich unnötig ängstig&n, da.'is 
man doch auf ewig verUrren sei) belet dicwyl den zonder van bekeerne. — 
Quaet is he, de niet bekeert van zonden, in vier deelen. — In vunlen stedeii 
langhe bliven^ men spoede dar nnt, hets grote schäme. — Tydlaten liden nnd 
niet gheorboort te rechte is grote qnale. — Biechte verversten geschiet in III 
manieren. — Biechte verloyert und dicwile vervuult, dats harde vreselick. — 
Biechten zelden doet zonden dicwyl vergheten, de noot weren ghesecht. — 
Biechte brengbet in vyfif gude dinghen em, de se dicwyl pliet. — Biechte ver- 
versten, tot men sterven weent, is grote vrese — Biechte verversten, tot int 
eynde vander vastene, is grote vrese. 

5. Roekeloosheit. 
Roekeloosheit verbaten leren uns V zaken. — Nemsticheit solde elk to 
rechte volghen um de untschap, de daer af comt. — Boekeloe.shede helft tweo 
remedien. 

6. ünvuldonynghe. 
{JVird 82a erklärt: werc, daer vulmaectheit an gebrect.) — Uuvuldaen 
laten, dat men beghint, bi traecheden, dats grote vrese. — Yuldoen, dat meii 
beghint, is zeer priselick, np dattet werck niet en zy zondelick. 

7. „Het in latine ignavia". 
Van de niet arbeiden willen um de noot. — Armoede verkiesen, um 
ledich to zyne und niet willen arbeiden um de noot, is grote vrese. 

8. Droefheide. 
Droefheit in den dienst gods getogbet, is grote vrese. 



129 

9. Tedinm yite-yerdriet des ly^es. 
Verdriet des lyves in den mensche, dats overgrot« zonde nnd anitlick. 

10. Wanhope. 
Wanbope is anxtlick boven allen anderen zonden. — Vanden remedien 
der wanbopen. 

3. Teil. 84a. 

Traecbeit befft vele schoonre remedien und sonderlinghe achte. — Dencken 
um der bellen pine is grote remedie der traecheit. — Drie dinghe wecken den 
jtlapenden haestlike. 

4. Teil. 84b. 

Alte grote baeste is zeer lasterlick. — Qnade baeste is zeer lasterlick 
und grote zonde. 

V. lloverdc, hoTerdieheit. 85a — lila. (3 „Partien".) 

85b. Dat gescryfte manichsins verclaert, 
Dat se is alder zonden konynck. 
Men scryft se boven inden rinck*) 
Und met ere crone mede (?) 

1. Gründe, weshalb fnan Hoffahrt Iiassen soll. — 2. Die Specien der 
IJoffahrt — 3. Remedien gegen die HoffahrL 

1. Partie. 85b. 
1. HoTerde beet konynginne und princbe boven allen anderen zonden um 
IV zaken. — 2. Hoverde in een teiken, bi welken de dnvel best kent de zyne. 

— 3. Hoverde doet den evenkersten vele pinen in manygber manireu. — 
4. Hoverde vemnwert gode den bere. 

86b. Up bogbe dagben comen em de wiven 
Meest und doeu er hoorne staen^) 
Ten boghesten, als se ten toghe gbaen. 
Wat holpt, ock vanden maus geswegben, 
De ter kerken to kommen plegben, 
Dat cleet, daer se mede syn verchiert, 
Heft hoverde ungbemaniert. 
Devocie wert daer mede ghenomen. 
Vele, de simpel ter kerken komen, 
Sien met gbenoecbten dat moye abuus 
Und vergbeten dat naecte cruns. 

5. Hoverde baet god boven allen anderen zonden, dits getogbet bi scriftnreu. 

— Exemplen vele, so viuden wy vauder groter wrake, de god geworpen helft 
up de boverdighen. — Ansien unse crancbeit, ghevet uns hulpe van hoverden 
to wachtene. — 6. Hoverde doet vele quaets em, de se bynnen draecht, orconde 



') Dies soll wohl heissen, dass man sie in dem Schema der Todsunden 
voran zu stellen pflege. Das ist auch von Gregor an fast ganz regelmässig ge- 
schehen, nur unser Dichter bildet eine Ausnahme. 

*) „An hohen Kirchenfesten lassen die Weiber ihre Hörner am höchsten 
stehen.^ Gemeint sind die auch in Josefs Gedicht von den sieben Todsünden 
V. 5323 ff. heftig angegriffenen Kapehome (Kappenhömer), ein in zwei Spitzen 
auslaufender Kopfputz der Frauen des 15. Jahrh. Vergl. Schnaase, Geschichte 
der bild. Künste. VI. 2. Aufl. p. CO f. B. Schnitze, Die Modenarrheiten. Berlin. 
1808. p. 66. Auch Vorrede zu Sebastian Brands Narrenschiff. Ausg. von 
Simrock. Berlin. 1872. — Korrespondenzblatt. 1889/90. XTV. Nr. 1. p. 7. 



128 

scrifturen. — Hoverde, se doet den mensche gheck wesen in drie maniren. — =- 
7. Hoverde is eene zware qnale und quaet, wedder te ghenesene. — 8. Hoverde 
verstac god und nam to zynen dienste ghecke, uueedele, zieke lade. — Cristus 
leerde uns oedmoet, als he mensche waert. 

2. Partie. 89b 
Die Manieren der Hoffahri. — 1. Gheck zyn se, de vian em selven 
hebben weuen, dat se besitten. — Arme verou werden is grote zonde, um dar 
se niet rike en zyn. — 2. Hoverdighe wenen an gode verdienen, dat he ein 
verleeut. — Hoverdighen moghen wal gherk heten, nmme vyff redene ghetoghet. — 
Hoverdighe rekent zyne daet groet, de cleyne is vor gode. 

91b. Sunte Bernard hyr up seit: 
„Gods des heren uutfermherticheit, 
Dat is al dat verdienen myn. 
Anders en mach gheen verdienen zyn.'^ 
8. Verwenynghe is harde, grote zonde und unbekendhede. — 4. Ver- 
wenynghe pryst ein selven und all er doen. — 5. Verheventheit begheren is 
grote vrese. — 6. Herschopie begheren is grote zonde und over gmte vrese. 

92b. To dessen scrivet Gregorius: 
„Heerschepie is niet gegeven. 
Um dat een mensche solde leven 
Boven alle andere als een meeste; 
Mer boven visch, voghele und beeste 
Is des menschen heerschopie gestelt. — 
Of god gelike em macte den man, 
Waner comt den mensche herschopie dan, 
Dat he em hoverdich wille draghenV'' 
Exeinpel, dattet grote vrese is, herschopie begheren. {Der Prior Uoile- 
froot sollte Bischof werden und srhlug es aus. Narh seinetn Tode ersrhiru 
r*^ er einem Mönche wul sprach: 

— — my is clare 
Vertoghet vander drivoldichede, 
Had ick ghenomen bischops stede, 
Ick hadde gesyn van den getale. 
De behoren ter helscher quäle. 
7. Hoverdich zyn in ghewaden is zere mispriselick — Moyheyde, de uader 
inoyheyde staen (sicf)^ zyn gheck in vyf manieren. — Exeinpel, dat quaei is. 
buten schone ghemact und niet bynuen. 

94a. Wie lesen dus van eeueu konvnck, 

De solde festeren zyne maghen 

To eenen van zynen vercorene daghen. 

So moy dreef he zyn acoer, 

Dat he soire, want und Üoer 

Verdecken dede vander zale 

Met pellen, purpe und met sindale. 

So dat ter tafelen vanden konynck 

Een groot philosophus ghinck. 

De dit mercte und in las. 

Alst vil na gegeten was, 

Qnam de mester an eenen hoeste, 

Dat hee ummer spien moste, 

Und speech den konync int ansichte. 

De kuapeu sproughen np gedichte, 




Um den mester do doene te doot. 

Mer doch de konync dat verboot 

Und biet, datment liete staen. 

De konync Traghede, wo he ghedaen 

Hadde to em wert de dorperbede. 

De mester antworde and zede: 

„Konync, ick sach, dat ick moste 

Spyen Tan bedwaughe des boeste, 

So sacb ick in alle de steden 

Gebalt met snlker coestelheden, 

Ick en waste spien werwaert. 

Do Speech ick, konync, in ja wen baert, 

Den ick sach Tan dnre spisen bet, 

Ick en sacb gheen stede besmet, 

Daer ick my zuTeren mochte, konync.^ 

De konync mercte desse dinck, 

Dat de mester waer hadde geseit 

Und keerde em ter oedmodicheit. — 
Cledere bewiseu ans schaemte der zonden. {Denn Adam war vor dem 
Sündenfalle in seiner Schönheit so nackt und bloss mie Sonne und Mond und 
die Blumen auf dem Acker,) OTermate Tan kosteten clederen te hebbene is 
zeer zondelick. {FrüJier hatte man zur Kleidung nur Tierfelk, Wolle, Hanf 
tnid Flachs; seitdem 

95a. — Tantmen Tan wormen dat mes, 

Dats zide, de noch edelst es 

Und nn eist worden algemene, 

Gold, silTer, costele stene. — ) 
Riemen off gordele, met silTcr beslaghen, zyn unbetemelick, den mensche 
te biudene mede. 

95a. Alle gemene menschen draghen 

Ere gordele met siWer beslaghen; 

Welk is OTermate sware, 

Um dat de bnac een Tual sack es, 

Vnalhede in hebbende and mes 

Boven allen anderen leden, 

Und men doet em meest werdicheden. — 

Clederen Tele te hebbene, meer dan men to orborne heft, is zere Treselick. 
— Mencfel {FHschoiterfell) verweent and Tremde Terwe is uymand schnldich te 
begheme. — Hoeftcledere gheel zyn zere to schawene. — Hooftcleder wit 
bekomen gode, and de enghele syn ock wit ghecleet. — Ansichte besmeren 
{»ich schminken) off Tremt haer legghen aut hoTet is grote zonde. — Exempel, 
dat wyfs ansichte lichte Tanghet den man met ere schoenheit. 

96b. Dat zere tootsiene is wyfs schoonheit, 

Is ans in exemplen ghelecht, 

Dat men Tan Balaam Tint, 

Den coninc, dat he hadde een kint, 

Van welken seghede zyn medicien, 

Dattet blint solde bedien, 

Wert dat qaeme zonne te ziene, 

Eer dat olt were jaren tiene. 

Do biet de coninc Balaam schire 

Dat kint slnten in eene dawire, 

Nitdtrdtatiohti Jahrbach XVII. 9 



/• 



Däer gheen gevoel was Tan claerheden. 

Als de tien jaren weren leden 

Und men dat kint brachte vor oghen, 

Ohenc men em menige chierheit toghen, 

Qold, silver nnd ander rike dinck; 

Und do vraghe de jonghelinck 

Van elken dinghe, wo dat biet, 

und men heftet em beduet. 

Do sach he schone wiven dare, 

Und he yraghede, wat dat wäre. 

Een heft em in speie gheantwort, 

Dattet duvele weren, de rechte vort 

Können verleiden elken man. 

Alsmen dat kind leyde van dan 

Vor zynen vader, den konynck, 

So vragbede he den jonghelinck, 

Wat dinghen he begherde zeerst 

Van al, dat he gesien hadde eerst. 

Dat kind gaf antworde ghereet: 

„Den dnvel, die de mans verieet." 

Des Balaam was zere verbaert 

Tote den, dat em was verclaert, 

Wat dat kind meende daer mede: 

Dat jonghe wyf nnd ere schoonhede. — 
Znverheit staet in groter vrese int schone, ghetronwe wyff. — Lelike 
wyfs wenen en met tomene schone maken, raer se missen, -r- Tomerie brenghet 
to vele' deren, beide wyfs und ock mans. — Toomsel, dat rooft den wiven ere 
bediughe, de se doen wenen. — Hoverde helft noch drie ander manieren, sonder 
de vorsegheden. (Die eben besprochene KleiderJwffahrt war die 7. Manier,) 
Ks folgt also : 8. Werschepe holden, um rike te voedene nnd armen te verghetene 
is grote zonde. — 9. Dienlinghen hoverdich zyn (is) zere to misprisene. 

98b. — so datmen in vele husen ne weet, 

Welk de vrouwe is of de maghet. — 
(Im 15, Jahrhundert gescJirieben!) 
Untronwe off smekerdie maken na de dienlinghen rike. — 10. Edelheit 
van lichame mach nymand sake zyn van verheifene. 

99a. — wy alle quemen voreu 

Van eenre moder, van eenen vader. — (cf. p. 114.) 
Nymand is edel um zyne ghebomisse, wes werke nneedel zyn. — Edele 
hebben in em zees teikene van rechter edelheiden. (1. FreiJieit, 2, Datikbarkeit 
für effipfangene Wohltliaten, 3. Untvermichede. 4. KühnJieit und Mann- 
haftigkeit, 6. Dat se vllen alle schalcheit nnd alle dorperlike zede. 6. Dat he 
na groten dinghen staet Und cleyne dinghe varen laet.) 

NB. Trotzdem nach der vorhin angegebetien Dis])Offifion, die^tes die 

10, und letzte „Manier'' der Hoffahri sein sollte, folgt nun doch 

noch eine ganze Reihe von weiteren. 

Dwelen, in dat den ghelove to behoort, is groote nnzelichede. — Raden 

bi aventnren, um dat gescbiet off geschien sal, is grote vrese. (1. Nach dem 

Fluge von eghestren (Elstern) ^ of kreyen. 2. Nach Träunwn, 3. Tage und 

Zeiten wählen) — Toverie is verboden van gode, und de daer by werken, 

zyn vermaledyt. (Es wird dann bejionders Mitifiezauber und MUchxauber 

erwähnt,) — Unwertheit is grote dorpeniye und zware sonde. 



m 

lOla. Men sal Tier werdichede beden, 

Gode, den enghelen, der kerke, den Inden. — 

W^rdicheit moet elk doen em Tieren bi recbte. — Werdicheit, so is men 
achnldich te doene allen Inden. — Werdicheit moet zyn ghedaen meer den 
eenen mensche, dan den anderen. — Eere und werdicheit is men schnldich 
Tader nnd moder. 

102b. Alzyn ock papen Tan leTene qnaet, 
Nochtan uns de te eerene staet, 
Um datmen em almechtich kent, 
De se tot nns heTet gesent. — 

Exempel, dat kranen (Kranwhe) Tader nnd moder eeren. {Die Kraniche 
holen für ihre alten Eltern, wenn diese nat^h Verbist der Tedei'n nicht mehr 
ans deju NeMe fliegen kömien, Essen) cf. p. 112 f. — Exempel, dat Tader nnd 
moder nnwertheit doen nntbeit na wraken. {Der Enkel soll dem übel he- 
fiandelten, frierenden Grossvaier einen flassaert, einen alten Flnusrock, bringen. 
Er vervxüirt dftvon die Hälfte für seinen Vater, wenn der alt gewai'deti sein 
u^ird. Iliedurch wird der böse Sohn bekehrt,) — Tende nntholden off qnalike 
betalen is grote zonde. — Tende nntfaen papen, nm dat se daer Toer solden 
arbeiten ter zelicheit Tanden gheTer. — Tende moet elk gheTen na zynen State. 
— ÜTerhoricheit is eeue zware zonde, unt welker Tele anderen spruten. — 
Exempel, dat nnderboricheit hefft grote moghentheit. {Oeschichte ixm einer 
SchUinge, die sich von einem Klosterbruder urillig binden Hess.) OTerhoricheit 
▼erdryst gode nnt den mensche. — OTerhoricheit hefft nymand in em, sunder 
de duTel und de quade mensche. — Underhorich te zyne wyst uns God nnd 
zyn enghel. — Hilghe daghen zyn te Tierene met IV zaken, de hyr getoghet 
zyn: 1. Dat he zyn ambocht laten moet. 2. Dat he em Tan zonden sal dwaen. 
3. Datmen wachten sal Tan zonden upten hilghen dach al. 4. Oeferen goede 
gewerken, Want daer nmme gaet men ter kerken. — Vierdach moet zyn 
gheorboert met Tier zaken, sal he wal zyn gheTiert. — Feestlike daghe zyn 
gheset, umme Tier dinghen te oefenen. — Karitate moet he doen, de wal sal 
vieren de festlike daghen. — Feestlike daghen zyn gheordiniert, nm Gode te 
biddene. — Verwatenisse moetmen untsien um VI reden. — Ydele glorie leert 
nns Christus Tlien nnd andere lerers Tele. — Exempel, dat een hillich Tader 
em Tensde (.«?«?/* anstellte) gheck wesende. um to untTÜene ydele glorie. — 
Ydele glorie rooft den mensche zyn gheestlike und erdsche goet. — Ydele glorie 
is sorowile menschelic und somwile duTelick. — Ypocrisie is eene sware zonde 
nnd daer God meest gram up is. — Ypocrisie doomt God boTen allen anderen sonden. 

3. Partie. 110b. 

HoTerde hefft zees remedien, umme to TerdriTene. — 1. Datmen sal 
wandeleu nacht nnd dach metten oedmodighen. 

UOb. Historien maken uns des wys. 

Dat was een konync to Parys; 

Als he at allene maeltyden, 

De he zitten an zyne twe zyden 

To zynre tafele und thegen em mede 

De nnsienste armen Tander stede. 

Do waert em geTraecht Tan eenen, 

Wat he daer medde mochte meuen, 

Dat he de armen so na em track 

Und by em sette. — De koninc sprac, 

9* 



132 

Een edel ridder hadt em gewyst 
Job, nnd das segghende gepryst: 
Visenterende dyne ghedane, 
Sal ghene zonde dy vallen ane. — 

2. Te pensene de unwerdichede des vleyschs. 

110b. De licham niet anders en es, 
Dan een zack vnl stinckende mes. — 

3. Exemplei de uns Christus gaf. — 4. Dencken um dat ordel zwaer, 
Dat den hoverdighen sal komen naer. — 5. Merken der werlt keytivicheit. — 
6. Te denckene unse ziechede. 

VI. Nyt. lila— 113b. (3 „Kapitel«.) 

1. Vele leringhen, um to latene Den nyt nud den to verbatene. — 
2. Manieren, de ten nyde behoren. — 3. Remedieu. 

1. Kapitel. 111b. 
Nyt is Bchnldich to zyne gehaet, dats bewyst by neghen zaken. — 
Exempel, dat nydighe quaet zyn van inberste. (?) 

112a. In eene historie wy lesen, 
Dat een konync rike und groot 
Eenen nydighen untboot 
Und eenen harde ghirigen mede. 
To dessen tween de konync zede: 
„Overdenct under ju tween, 
Wat dat eyscheu sal de een. 
Den anderen sal ic de helfte meer gheveu." 
Langhe se beyde swighende bleven, 
Ere gheen ne wolde eyscben voren 
Bynnen so langhe, des hadde toren 
De konync und beval also holde 
Den nydighen, dat heyschen solde. 
Do eysch de nydighe over luut, 
Datmen em steke een oghe uut. 
Um dat wolde he den anderen sehenden 
Und doen met beyden oghen blenden. — 
Nyt doet eren dregher vele quaets. 

2. Kapitel. 113a. 
Nyt helft twe manieren, de hyr ghetoghet syn. 

113a. De eene is, als men blyschepe heeft, 
Dat een ander misvait of sueeft; 
Dat ander, dat he droeft und roisbaert, 
Um dat zyn evenkersten wal vaert. 

3. Kapitel. 113a. 
Nyt helft vier remedien, de hyr ghetoghet zyn. 

1. Dencke to den dinghen, 
De ghemene bäte in bringhen. 

2. Dinghe, de uns helpen moghen 
Te hebbeue hroderlike minne. 

3. Datmen wachte van te begheerne 
Werlike eere und weerdicheit. 

4. To dencken up de g^rote schaden, 
De nydicheit eren dragher doet. 



133 

Tu. Gramsehap. 113b— fin. (4 „Kapitel ''.) 

1. De verhatiughe desser zonde. — 2. De manieren, de er an cleven. — 
3. Sonden^ de nnt der gramschap komeu. — 4. Bemedien. 

1. Kapitel. 114a. 

Qramschap is te Terhatene umme zeven zaken. — Gramschap mishaghet 
gode, und se deert den evenkersten. — Gramschepe verblint des menschen ver- 
staudenisse nnd moet. — Gramschap doet der ziele vele quades, dats ghetoghet. 
— Gramschap is te Terhatenej se doet den mensche vieryolt quaet. — Exempel, 
dat weder wrake zeer is to nntsiene van gode. 

2. Kapitel. 116b. 
Gramschap is ghedeilt in tween partien van zonden. 

3. Kapitel. 116a. 

Gramschap heft nnt er sprntende zees ander zonden. (1. Striden. 2. Orloghe. 
3. Makeu braut. 4. Boof. 5. Manslacht. 6. Quetsen metter hant.) — Orloghe 
salmen vlien nmme achte zaken. — Vrede mind God, dats ghetoghet by vele 
scrifturen. — Orloghe salmen schnwen um menych quaet, dat se to brengt. — 
Orloghe soldemen schnwen umme dat cleyne profyt, dat daer äff comt. — Vrede 
doet cleyne dinghen groot werden. — Brantstor salmen baten um V zaken/ de 
daer to zyn. — Brantstoer soldemen schuwen um de plaghe, de er maect. — 
Brantstores zullen hebben dubbelen torment. — Exempel, dat gode bequeme is 
datmen armen herberghet. 

118b. Gregorins doet uns bekint 

Van eenen man, de gheme plach 

Armen tontfaene. Up eenen dach 

Hadde he pelgrime untfaen. 

He droch em water, umme te dwaen 

Ere banden, met oedmoden. 

Under alle, de daer stonden. 

Was een man, wen he weende gheven 

Hantwater und hets em untbleven, 

Umme dat he em umme wende, 

En wiste he, waer de gast beiende. 

ümme sach he hyr und daer. 

He ne vant en niet. Des nachts dar naer, 

Do he dachte to desser vremthede, 

Sprac god to em und zede: 

„Du in de daghen, de leden syn, 

Untfenges my in de leden myn, 

Her ghisteren, so untfenghes du mie. 

In di selven." — Mensche, besie. 

Wo groot god, unse beere, weghet, 

Datmen den armen te doene pleghet. — 

Manslacht is schuldich to zyne geschuwet umme dri saken. — Zonden 
viere beten „ropende np gode umme wrake''. (1. Weduwen und wesen versmaden. 
2. Uncuuscheit theghen nature. 3. Untholden, dat se den arbeiders gheven 
solden, van wien wy hebben den arbeit. 4. Manslacht.) 

4. Kapitel. 119b. 

Gramschepe hefift drie remedien, daer se by verdreven is. — 1. Sachte te 
antworden. — Exempel, dat harde antworde verwect gramschepe. {Geschichte 



134 

von dem zornigen Mönch j dmi milden Abt Madiario und dem Heidenpfaffen.^) 

— 2. Zwighet. — 3. Datmeu den viant doghet doet. — Exempel, dattet is 
over grote duegt, den viant wal doen. {Geschichte von detn wohlthätigen 
Eremiten Theon und den Räubern, welche ihn in seiner Zelle überfallen 
wollten}) — Exempel dat zeer gued is, den quaden duegt ghedaen. {Vofi 
dem ägijpÜJicJien Eretniten Amon mui den beiden draken; die ihm seine Zelle 
vor den Eävhem behüteten?) — Felre dier en ig gheen, dan de tonghe, de 
qiiaet is. — Carme sonder gelike wert ten utersten daghe de valschen tonghen. 

— Tonghe unbewacht brengt to vele quaets. — Blasphemie is over grote zonde 
nnd nanwe yerghenclick. — Exempel, dattet goede kint zinen vader mint. 
{Von drei Söhmn wollte einer trotx des weisen Königs Befeld, welcher die 
Liebe der Söhne zu prüfen gedachte, nicht nach der Leiche seifies Vaters 
schiessen und erhielt für seine kindliche Liebe das ganze Erbe aUeirir.) — 
Exempel, dat natnre hefft mer ciaer bekennen. 

124a. Men vind Tan konync Salomone 

Inden derden boeck der konynghen,^) 

Dat twe wiye vor em ghinghen, 

De um een kind zeere streden. 

De konynck hoorde, dat se zeden 

Beyde, dattet kind ere wäre. 

Een zweert hiet he brenghen dare, 

Dat in twen te deylen he zede, 

Und alsment daer to neder lede 

Voer, de moder bor dat kint 

Und sprac: , Heere, ick wils twint 

Ghevet er, ten is myne niet." 

De konync do dat kint gheven hiet 

Der moder, diet nochtan untzede 

Uter rechter moderlichede. — 
Miirmurereu theghen (Jode off theghen zyne lere is grote vrese. — 
Murmurereu comt dicwile inden mensche. — Murmuracie comt dickent ute 
ghiricheden. — Marmureren um ziecheit is grote dulheit, dats getoghet. — 
Exempel, dat ziecheit den mensche dickent zelich is. (Der Eremit Johann 
beseitigte xwar auf Bitten eines Kranken das kalte Fieber, an dem dieser 
litt, meinte aber, der Kranke hätte um Beseitigung gerade dessen gebeten, 
was dem^selben am allernötigsten wäre^) — Exempel noch vanden selven. 
{Ein Ritter bat einen heiligen Vater um Heilung von Krankheit und Qual. 
Als er nun gefragt wurde, wie er denn vor seifier Krankheit gelebt fiätte, 
beschrieb e/' sein ftiiheres ritteiliches Leben mit stolzer Freude, Da bat der 
heilige Vater den lieben Gott um das, was dem Ritter die Demut verscJvaffcn 
könnte, und der Ritter wurde nicht gesund.) — Exempel, dat nymand 
murmureren sal um dat weder. {Auf eines Erefniten Gebet, welclier Gemüse 
(warmoes) gesät hatte, gab Gott das Wetter, welches dieser tvünschte, aber g» 



*) Die Geschichte erinnert au die von Rulinus histor. monach. cp. 2ö 
(Patrologiae cursus completus, ed. Migne Paris. 1849. XXI.) erzählte Disputatiou 
zwischen dem älteren (ägyptischen) Macarius uud dem haereticus hieracita. 

') Dieselbe Geschichte erzählt Rufinus histor. monach. cp. 6. 

') Dieselbe Geschichte bei Rufinus histor. monach. cp. 8. 

*) I. Könige, cp. 3. Der Verfasser citiert uach der LXX oder Vulgata, 
welche die 2 Bücher Samuelis und 2 Bücher der Könige zusammen als 4 Bücher 
der Könige durchzählt. 

^) Dieselbe Geschichte bei Rufinus bist. mon. cp. 1. 



135 

w^irhs gar nichts, icährend das Gemüse eines Nachbar - Eremiten, welcher 
Gott das Wetter xu bestimmen überlassen hatte, üppig gedieh.) — Uutschuldeu 
de zonden Tor gode is grote vrese. — Zonders decken ere niisdaet und nnt- 
schulden met V zaken. 

127b. De vierde untschulden er yenyn 

Van zonden, met dat se edel zyn, 

Het, en were gheens ridders doen 

Neder to sittene in een sermoen. 

Her quetsen und roven er undersateu, 

Dat beteemt nn edelen staten, 

Doer der, werlt prys hoveren, 

Dat goet verdwasen, destruereu, 

Und alle untemelike zeden 

Untschulden se metter edelheden. 

Alle dinck te doene, sonder waldaet, 

Dat vermach nu edelen staet. — (cf. p. 114.) 
Exempel, dat truwanten und dieven uns leren biechten. — Versweren is 
eene sware zonde, dats getoghet. — Zweren is zeer qnaet um VI redene. — 
Loghene is men schuldich te hatene um vele redenen. — Orconschap Talsch 
draghen {falsch Zeugnis reden) is zeere quaet. — Verradenisse is eene quade 
zonde und quetsende. — Smeken is een zondelike gevenschede {Gewohnheit). — 
Vloeken es eene sware zonde, meest quetsende, uut wen se comt. — Schofiringhe 
segghen den evenkersten is grote zonde. — Striden is een over grote zonde 
und schände medde. — Exempel, dat wachten Tan stridene is van groter lone. 
( Vom heiligen MacJmrias und den beiden frommen Frauen zweier Brüder, 
die cierxig Jahre lang einträchtig mit einander gelebt hatten, und von den 
beiden Mönchen, die nicht um einen Stein streiten konnten, obgleich sie es 
wollten,) — Schempen is eene grote misdaet, dats getoghet hyr na. — Quaet 
raed gbeven is grote zonde. — Twidracht zeyen under menschen is grote zonde. 
— Exempel, dat god wrake helft ghesant, up de twidracht zeyen. 

NB. Hier folgt nun 133b ff, die Geschichte von dem falschen Höfling, 
der von dem „Ziegelmeister'* statt des von ihm verläiimdeten braven 
jungen Mannes, welclmn der König eigentlich den Tod zugedacht 
hatte, im Ziegelofen verbramit unrd, weil der junge Mann tinter- 
wegs noch in eine Kapelle eingetreten war und so erst als der 
zweite Bote am Ziegelofen ankam. (Also fast identisch mit 
Schiller's Gang fiach dem EisenJiammer. Ldibben hat diese Ge- 
schichte Jahrbtuh für niederd. Sprachforschung 1878, p, ^1 ff. 
abdrucken lassen.) 

Dnbbele tougheu draghen in den mond is grote sonde. — Boem is eene 
schaudelike zonde, in wien se is. — Exempel, dat roem den mensche stelt in 
grote vrese. {Ein Eremit, der sich seines heiligen Lebens berühmte^ wurde 
durch ein Weib in Versuchung und fast zu Falle gebracht.^) — Lachen is 
van IV maniren under menschen. — Swighen is dicwyl grote zonde, als spreken 
baten mochte. — Tonghe hefift zees remedien, umme te dwinghene. — Exempel, 
datmen swighen solde. {Der Abt Agathan trug drei Jahre lang in seinem 
Munde einen Stein, utn schweigen zu lernen,) Exempel, dat zwighen gode is 



^} Die Geschichte wird bei Rufinus bist, mon., cp. 1, 129 f., ausführlich be- 
richtet. S. Johannes Eremita erzählt sie dort zur Warnung einigen ihn besuchenden 
Jünglingen. Das Weib war eigentlich ein Dämon, welcher den Nachbar-Eremiten 
des heil. Johannes hohnlachend verliess, als er ihn der Versuchung unterliegen sah. 



136 

bequeme und van groten lone. (Ein RUter trat ins Kloster und steüte sich, 
als ob er sttimm wäre. Dies war Gott so angenehm, dass er ihm die Gabe 
verlieh, die ent/liehendefi Seelen Sterbender xu sehen. So sah er einst, dass 
die Seele eines Ritters von Teufeln xur Hölle geführt ivurde, die eines 
Räubers von Engeln in den Himmel) — Zwighen is over grote dueght, dat 
bewisen vele lerers. — Daghelixe zonden zyn zeere te schnwene um drie zaken. — 
Exempel, dat elk schnldich is te besiene zyns selves zonden und niet eens anders. 



Scblass des Werkes: 

139a. God beere, up wen ick troost begbau, 

Te dichtene dit grote werck, 

Dancke dy, als een simpel clerck, 

Dattu woldes ghewerden mien, 

Te makene instrument, by wieu 

Dyne gracie bevet Toldaen, 

Dat de iesers so moeten yerstaen 

So de sentencie, biddick, bere, 

Dat se ja dienen moeten de mere, 

Und ick diet by der bulpe dyne 

Hebbe gbetrect uut den iatyne. 

Bidde, dat dicbten und scriven 

My to ghenaden moete bliven, 

So dat ick na dit corte ieven 

Met ja, bere, moet zyn verbeveu, 

Uat wen ick begbinsel nam 

Secundam magnam misericordiam taam. 

Amen. Nota. 

KÖNIGSBERG i./Pr. H. Babucke. 



Regenstein, Reinstein, Reinke. 

Etwa eine halbe Stunde nördlich von Blankenburg am Harze 
erstreckt sich in westöstlicher Richtung der Regenstein. Fr. Hoifmann 
sagt in seinen Burgen und Burgfesten des Harzes, wer das Harz- 
gebirge besucht habe und nicht auf dem Regenstein gewesen sei, der 
sei in Rom gewesen und habe den Papst nicht gesehen; und Alfr. 
KirchhofT meint, der Regenstein stelle mit seinen zum Teil in den 
lebendigen Fels gehauenen Befestigungen und Gemächern fast ein 
verlassenes Harzer Gibraltar dar. *) Es ist nicht zu verwundem, dass 



') Die territoriale Zusammenstellung der Provinz Sachsen, S. 6. 



137 

alljährlich viele Touristen diesen schönen Punkt besuchen, und mancher 
mag nach der Bedeutung des Namens fragen. Nun ist zwar schon 
vielfach über Herkunft und Bedeutung des Namens Regenstein ge- 
handelt, doch erfreut sich von den verschiedenen bis jetzt aufgestellten 
Etymologien noch keine allgemeiner Anerkennung. Es scheint daher 
nicht überflüssig, über diesen Gegenstand noch einmal eine Unter- 
suchung anzustellen. 

Die bisherigen Deutungsversuche sind meist von Historikern oder 
Altertumsfoi'schem gemacht. Ohne indessen den betr. Herren irgend- 
wie zu nahe treten zu wollen, muss doch zugestanden werden, dass 
Etymologie zunächst nicht in das Gebiet der Geschichte, sondern in 
das Gebiet der Sprachforschung gehört. Es kann deshalb nicht auf- 
fällig erscheinen, dass manche unhaltbare und kindliche Ansicht auf- 
gestellt ist, aber bedauerlich ist es, dass solche Ansichten noch immer 
Glauben tinden und verbreitet werden. Es wird nicht ohne Interesse 
sein, die hauptsächlichsten Erklärungen hier zusammenzustellen und 
zu besprechen. 

Die älteste Deutung des Namens Regenstein scheint sich in der 
niedei'sächsischen Chronik, herausgegeben von Caspar Abel in seiner 
.Sammlung etlicher noch nicht gedruckten Chroniken' 1732, zu finden. 
Daselbst heisst es z. J. 479: Na düssen Stride gingen de Sassen to 
Rade, na deme dat yt vor dem Harte wat noch woyste was, unde 
geven eynem eddelen Manne, de was strytbar, unde wanede in dem 
Torppe to Vcddekenstidde, de heyt Hateboldus, eyne Stidde vor den 
Harte to buwende, wur öne dat bet bevelle; so rechte he sick na 
örem Bode, unde reyth vor dem Harte here unde fand eynen groten 
Steynen-Berch unde sprack, ,düsse Steyn isz gereghent^ darupp schall 
myne Woning wesen', unde buwede upp den Steyn eyne Borch, unde 
wart gebeten de Grave to Reghensteine. 

So erzählt eine um 1540 niedergeschriebene Chronik die Grün- 
dung der Burg Regen- oder Reinstein, verlegt dieselbe ins Jahr 479 
n. Chr. und giebt eine Erklärung des Namens. ^) Zunächst muss hier 
betont werden, dass der Chronist nicht den Namen Reinstein, sondern 
in Uebereinstimmung mit gereghent Reghenstein bietet; wie er den 
Namen deutet, giebt SteinhoflF nicht an. Es mag hier der Versuch 
gewagt werden, die Worte düsse Steyn isz gereghent zu erklären. 
Gereghent steht offenbar für gereghenet und könnte herkommen von 
regenen = regnen. Die Worte würden dann heissen: 'Dieser Stein 
ist geregnet oder beregnet', eine Erklärung, die nach SteinhoflF a. a. 0. 
S. 2 wirklich lür möglich gehalten ist. Sie ist sinnlos und selbst 
einem mittelalterlichen Chronisten kaum zuzumuten. Auch die Er- 
klärung 'gereiheter Stein' scheint auf dem Ausdrucke gereghent bei 
unserem Chronisten zu beruhen. Sie ist gleichfalls umnciglich. 'Reihen' 
heisst regen^ 'gereihet' gereget. Ausserdem ist nicht einzusehen, dass 
der Regenstein deshalb als Wohnstätte geeignet erscheinen konnte. 



') R. Steinhoff, Der Regensteiu, S. 1. 



138 

weil er eine Reihe bildete. Gereghent ist gebildet von einem Zeit- 
worte regenen ; ein solches findet sich jedoch weder im heutigen Platt- 
deutsch, noch im Mnd., noch im Alt- und Ags. Seelmann bemerkt 
mir allerdings : 'Doch ! es lautet regen (=. regenen), Nbf. rogen. Die 
Bedeutung 'ragen machen, aufrichten etc/ ist noch im Mhd. und Md. 
zu belegen, cf. Lexer, Benecke u. a. Dass das mnd. Wtb. es nicht 
belegt, — das ist ja ein erster unvollständiger Versuch — beweist 
noch nicht, dass die Bedeutung auf nd. Boden nicht vorkommt, zumal 
so nahe der md. Grenze.' Die bei Lexer II, 373 unter dem schwachen 
Verb, regen = regen machen, aufrichten bewegen etc. angeführten 
Beispiele lassen es mir jedoch noch zweifelhaft, ob gereghent von diesem 
Verb, abzuleiten ist. Uebrigens braucht man gereghent nicht not- 
wendig als nd. Form zu fassen, es kann md. oder hd. Entlehnung 
sein. Nun giebt es aber im Got. ein raginon 'Statthalter sein' und ein 
garaginon 'raten.' Zu dieser got. Form lassen sich aus dem Ags. 
stellen:^) regnjan, renjan^ instruere; beregnjan, instruere; geregnjan, 
gercnjan, ornare ; geren, PI. gerenu, ornamenta ; gerinu^ aedificationes. Zu 
dieser Sippe wird auch regenen bei dem Chronisten zu stellen sein, 
und gereghent etwa den Sinn haben 'fest gebaut, hoch'. Auch das 
mhd. regen mag hierher gehören. 

Stübner erklärt in seinen Denkwürdigkeiten des Fürstentums 
Blankenburg den Reinstein als Grenzstein. Es fehlt aber an Zeug- 
nissen, dass der Regenstein in früherer Zeit eine Grenze gebildet 
habe, wie etwa der Rennsteig, früher Rainsteig, auf dem Kamme des 
Thüringer Waldes die Grenze zwischen den Franken imd Thüringern 
bildete. Andererseits kann regen — nie Grenze bedeutet haben, es 
kann mit a. W. keine Nebenform zu rain sein. 

Leibrock erklärt in seiner Chronik der Stadt und des Fürsten- 
tums Blankenburg Regenstein als 'Reihenstein.' Auf Seite 158 des 
ersten Teiles äussert er sich folgendernuissen : „die Bezeichnung Regen- 
stein oder Reinstein gehört nicht etwa verschiedenen Zeiträumen an, 
sondern findet sich nebeneinander bei allen Grafen. Die Ableitung 
des Wortes Reihe, plattdeutsch rege^ erklärt es, dass die Grafen bald 
Regenstein, bald Reinstein genannt werden. In der Schriftsprache, in 
welcher der sassische Dialekt oft dem lateinischen und später dem 
hochdeutschen weichen musste, wird häufiger die Bezeichnung Rein- 
stein gewählt, während in der Sprache selbst und in dem Munde des 
Volkes fast ausschliesslich die Bezeichnung Regenstein gebraucht zu 
sein scheint Leibrocks Chronik hat keinen wissenschaftlichen Wert, 
sie ist nur da brauchbar, wo er aus eigener Erinnerung oder Erfahrung 
über Dinge berichtet, die heute zum Teil schon nicht mehr bekannt 
sind. Wertlos ist auch seine Erklärung von Regenstein und Reinstein. 
Ersteres soll die Bezeichnung im Munde des Volkes, letzteres die Be- 
zeichnung in der lateinischen und hochdeutschen Schriftsprache sein 
und Reihenstein bedeuten. Hiergegen ist zu erwidern: 



*j EttmüUer, S. 255. 



139 

1. Es ist nicht wahr, dass es im Volksmunde Regenstein lautet, 
wenn nicht etwa Leibrock unter Volk die hochdeutsch redende 
Bevölkeining versteht. 

2. Das plattd. rege oder r^c, re, wie es heute um Blankenburg 
lautet, heisst im Hochdeutschen Reihe. Demnach müsste es nicht 
Reinstein, sondern Reihenstein oder Reihstein lauten, wie wir auch 
Reihsemmel sagen. 

3. Reihe heisst mhd. rihe. Um 1350 begegnet zuerst in den 
Urkunden der Prager Kanzlei Kaiser Karls IV. das nhd. ei statt %. 
Bald nach 1400 dringt dieser neue Laut nach Norden vor, aber um 
1520 sclirieb Luther noch ncA, dissit^ jensid.^) Wenn nun Reinstein 
= Reihenstein sein soll, so müsste es ursprünglich Hhefistein gelautet 
haben. Nun begegnet Reinstein aber schon in einer Ilsenburger Ur- 
kunde vom Jahre 1297,^ also in einer Zeit, wo ei statt % im Hoch- 
deutschen noch nicht üblich war. Eihenstein habe ich überhaupt 
nie gelesen. 

4. Der Name Regenstein wird heute von der hochdeutsch reden- 
den Bevölkerung Blankenburgs und der Umgegend mit langem, 
tiefem S gesprochen, in der nd. Mundart lautet er renschtein, also 
mit demselben ä- Laute wie im Hd. Bedeutete Regenstein 'Reihen- 
stein', so müsste der Name mit langem e gesprochen werden, also 
ReJigenstein und nd. renschtein. Denn wie will man es erklären, dass 
im Nd. in derselben Mundart die Reihe bald ree, bald r^ gesprochen 
sei? Diese Verschiedenheit in der Aussprache ist nicht gleichgiltig. 
Ob man ein i oder e spricht, ist nicht Zufall, sondern beruht auf be- 
stimmten Sprachgesetzen. Ausnahmen von diesen Gesetzen giebt es 
genau genommen nicht, die sog, Ausnahmen beruhen ihrerseits wieder 
auf Gesetzen, falls nicht falsche Analogien vorliegen. Curtius gebührt 
das Verdienst dargethan zu haben, dass in der Lautwelt eine strengere 
Ordnung herrsche, als seine Vorgänger annahmen, und eine festere 
Methode für die Etymologie begründet zu haben. „Wenn,^ so sagt 
er (Gnindzüge S. 80), ^in der Lautgeschichte wirklich so erhebliche 
sporadische Verirrungen und völlig krankhafte unberechenbare Laut- 
entstellungen einträten, wie sie von manchen Gelehrten so zuversicht- 
lich angenommen werden, so müssten wir in der That auf alles 
Etymologisieren verzichten.^ Dies führe ich hier deshalb an, weil mir 
gerade in Bezug auf den Regenstein die Behauptung geäussert ist, 
dass die Namen wenigstens nicht notwendig den Sprachgesetzen unter- 
worfen seien. Auch die Annahme habe ich mehrfach vertreten ge- 
funden, wo man es nicht erwarten sollte, dass unsere nd. Mundarten 
in ihren Lauten nicht konstant seien, sondern dieselben sehr oft 
änderten, heute spräche man so und morgen spräche man so, dass 
mithin die nd. Mundarten für die Etymologie wenig brauchbar seien. 
Und doch ist gerade das Gegenteil der Fall. 



') Franke, Gnindzüge der Schriftsprache Luthers, S. 39. 
^ Jacobs, Urkundenbuch des Klosters Ilseuburg, Nr. 154. 



140 

Die Amiahnie also, dass in Regenstein das nd. rege 'Reihe' stecke, 
kann vor der Wissenschaft nicht bestehen. Dennoch scheint sie den 
meisten Beifall gefunden zu haben. Ich führe hier an: 

Günther, Der Harz, S. 731 : Während nämlich die einen — und das 
liegt wohl am nächsten — im Hinblick darauf, dass die Sandsteinfelsen, 
welche die Burg tragen, eine lange Reihe bilden, bei dem Namen an das nd. 
Rege, d. i. Reihe denken, finden andere darin das altd. ragin, d. h. raten. 

Steinhoflf, Der Regenstein, S. 4 : ;,Dcr Name wird abgeleitet 
vom gereiheien oder beregneten^ vom reinen weissen oder von Rein- = 
Grenzstein, von rein, regin == erhaben, sehr berühmt oder von ragin 
= raten; aber obwohl die letzte Erklärung schon durch den Namen 
den Regenstein zu einem Versammlungeplatze der alten Deutschen 
stempeln würde, so scheint doch die erste, die von Reihe oder Rege, 
der Formation des Bergzuges wegen, die einfachste.^ Auch in seiner 
1890 erschienenen Geschichte der Grafschaft — bezw. des Fürstentums 
Blankenburg, der Grafschaft Regenstein und des Klosters Michaelstein. 
S. 2 hält SteinhofiF noch an dieser Ansicht fest. 

Meyers Reisebücher, Der Harz, 10. Aufl., S. 76: ;,Die Ableitung 
von Rege, Reihe, ist nalieliegend, weil die genannten Sandsteinfelsen 
in einer langen Reihe liegen ; jedoch scheint das altd. ragin = raten 
diesen Felsen zu einem Versammlungsort der Germanen zu stempeln (?j* 

In den angeführten Werken findet sich der Irrtum, das ragin 
'raten' heisse, er scheint aus einer gemeinsamen Quelle zu stammen. 
Ein altd. Verbum ragin = raten giebt es nicht. Ausserdem scheint 
rein^ ragin als Eigenschaftswort gefasst zu sein, während rein, regin, 
ragin ein Hauptwort ist. Es ist erklärlich, dass diese Schriften zur 
Verbreitung der irrigen Erklärung von Regenstein = Reihenstein nicht 
wenig beigetragen haben, sie findet sich nicht blos in und um Blanken- 
burg, und nicht etwa blos bei Nichtgermanisten, wie ich zu erfixhren 
Gelegenheit genug gehabt habe. 

Doch ich wollte nicht nur den Nachweis versuchen, woher der 
Name Regensfein entschieden nicht abgeleitet werden darf, sondern 
auch, woher er wahrscheinlich abgeleitet werden muss. Das Richtige 
hat meines Erachtens Pröhle, der bekannte Sammler der Harzsagen, 
bereits im Jahre 1855 ausgesprochen in einem Aufsatze über den 
Regenstein, der im Deutschen Museum abgedruckt ist. Derselbe 
äusserte sich : ^Im Ahd. heisst ragin, auch ragan, regin Beratschlagung, 
Rat. Aus ragin, regin wird rein und so kommt Reinstein von ragin, 
rein her, wie davon herkommt Reginhard oder Reinhard, abgekürzt 
Reinke. Der Reinstein oder Regenstein ist also ein Raginstein, ein 
Stein, auf dem Rat gehalten wird, ein alter Versammlungsstein. ^ Die 
Ableitung von ragin scheint mir richtig, die Deutung Versammlungs- 
stein unrichtig. Im Got. und Ahd. heisst freilich ragin 'Rat, Meinung' ; 
ra^iwoM beraten, lenken; aber im Alts., Ags. und Altnordd. wird regin 
als Verstärkung gebraucht. ^) Im Heliand heisst regitMind ganz blind 

') Tobler, Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen im Deutschen. Die 
Deutsch. Mundarten V, S. 23. 



141 

(durch Schicksalsschluss blind), reginskado Erzräuber, reginthiof Erz- 
dieb ; im Ags. regnveard custos strenuus,^ regntheof Erzdieb, regenheard 
valde dunis ; im Altnord, reginfiöü montes altissimi, regincliup immensa 
profunditas. Ausserdem findet sich im Nord, regin in der Bedeutung 
dii, Götter; reginUind wäre also ursprünglich gottesblind, gerade wie 
heute noch 'gottes' in 'gottsjämmerlich' und anderen Ausdrücken ge- 
braucht wird. Aehnlich wie ragin ist auch irmin in irminsül gebraucht, 
das durch columna altissima übersetzt wird. Hieraus schliesse ich, 
dass Baginstein oder Regenstein nichts anderes ist als mons altissimus, 
'Grosser Stein'. Grimm vermutete Zusammenhang zwischen ragin und 
ragen, regen. Wahrscheinlich wird ursprünglich mit Regenstein nur 
der Felsen benannt sein, auf dem die Burg steht, denn nur dieser 
Teil verdient den Namen Stein, und erst später wird man die ganze 
Länge des Höhenzuges darunter verstanden haben. Bei dieser Ge- 
legenheit will ich bemerken, dass es nach den Generalstabskarten 
auch auf dem Oberharze Regensteinsklippen giebt. Ob diese Benennung 
auch im Volksmunde üblich ist, habe ich bis jetzt nicht erfahren 
können. Um auf die Worte des Chronisten, düsse steyn ise gereghent^ 
zurückzukommen, so glaube ich, dass derselbe weiter nichts bedeuten 
soll, als was raginstein bedeutet. 

Es erübrigt noch einiges zu sagen über das Verhältnis der beiden 
Formen Begenstein und Beinstein, die neben einander in der Schrift- 
sprache vorkommen. Das beide ein- und dasselbe Wort sind, liegt 
auf der Hand, und Pröhle hat Recht, wenn er Reinstein durch Ausfall 
des g aus Bagin- oder Beginstein entstehen lässt. Schwerlich richtig 
ist Kirchhoffs Auffassung, der Reinstein mit üblicher Erweichung des 
g zwischen Vokalen zu i aus Regenstein entstehen lässt. Aber damit 
ist die Sache nicht erledigt. In der nd. Mundart um Blankenburg 
hcisst der Regenstein allgemein renschtein und nicht reinstein, letztere 
Form ist unbekannt. Benschtein ist aus regenstein entstanden, wie 
ren (Regen) aus regen^ lin (liegen) aus ligen. Daraus ergiebt sich, 
dass Regenstein die nd. Form ist, wie sie sich um Blankenburg ge- 
bildet hat und jetzt auch im Hochdeutschen üblich ist. Beinstein ist 
für die Blankenburger so zu sagen ein Fremdwort. Der Laut ei an 
Stelle von älterem agi ist echt mhd. und md. Daher halte ich Rein- 
stein für die hd. oder md. Form. Hiermit stimmt, dass in den Ur- 
kunden von Ilsenburg und Halberstadt die älteste und häufigste Form 
Regenstein ist. Reinstein kommt in lat. und hd. Urkunden vor, in nd. Ur- 
kunden finde ich es zwei Mal in Schmidts Urkundenbuch der Stadt Halber- 
stadt 1878—1879, nr. 613 und 863. In der einen Urkunde verbünden 
sich die Städte Halberstadt und Aschersleben mit dem Grafen von 
Regenstein, in der anderen Bischof Johann und die Städte Halberstadt, 
Quedlinburg und Aschersleben mit dem Grafen von Regenstein. An 
anderer Stelle habe ich nachgewiesen, dass die nd. Urkunden von 
Ilsenburg und Halberstadt stark mit hoch- und mitteldeutschen 
Elementen angefüllt sind. Es hat daher gewiss nichts auffälliges, 
wenn in jenen beiden Urkunden die hd. Fonn Reinstein erscheint. 



142 

Das Ergebniss meiner Untersuchung ist kurz folgendes: 
!• Die beiden Benennungen Regenstein und Reinstein sind aus 
ein und derselben älteren Form raginsiein hervorgegangen. 

2. Regenstein ist die ud., Reinstein die hd. oder md. Form. 

3. Die Bedeutung ist 'mons altissimus, grosser Stein'. 

Auf der Voraussetzung fussend, dass das hd. Heinstein und nd. 
Renschtein aus altem raginstein entstanden sind, möchte ich hier die 
Frage noch der Lautform JReinke aufwerfen. In der nd. Mundart um 
Blankenburg wurde aus ragin ein ren^ aus altem inl. agi ein e und 
nicht ei. Wurde auch in anderen Worten aus agi ein e? Nach a 
wird in unserer Mundart das g immer wie g in Gott, gut, ganz aus- 
gesprochen, nicht wie j^ welche Aussprache sich nach e, t, ei findet. 
Nach langem oder gedehntem o wird g^ wenn nicht Umlaut bewirkendes 
i folgte, ohne Veränderung des a wie auch in den anderen nnd. 

Mundarten ausgestossen, z. B. 

kla(e), f. klage, ahd. klaga; mhd. klage; mnd. klage; westfr klegge. 

ktän, klagen, Präs. ek Idä, klästj Prät. klaie, ahd. klagon; mhd. klagen, 

Prät. kleite; westfr. kleyen, 
sä, f. Säge, ahd. saga, sega; 
sdn, sägen, Präs. ek sä säst, sät, 
mät, f. Magd, got. magaths; ahd. magat, — ged, — gid; mhd. meget, meid; 

alts. magcUh; ags. mägedt; mnd. magel; ostfr. mägd, maid, meid; westfr. 

fnaagd, meid; nid. maagd, meid, engl, maid; Woeste mäged; Schambach 

maget; Dähnert maagd. 
mädeborch, Magdeburg. 

häputje, f. Hagebutte, ags. haga, hege; ahd. ?Mg. 
hänebeuke, f. Hagebuche, Schambach haine — , fiaenebriken. Bisweilen 

heinebeuken, doch scheint diese Form hd. Entlehnung zu sein. Yergl. 

die vielen Orts- und Flurnamen auf — hagen. 

Vor el findet ein Schwund des g in der Mundart um Blanken- 
burg nicht statt: Mgel^ m. Hagel, ahd. hagal, hagel; ags. hagal^ — 
gd^ — gut, — gel; westfr. hägel. 

Umlaut des a in e erscheint 

1. im Präs. der str. Verba: draw, tragen, ek dm, drechst, 
drecht. — frän^ fragen, ek frä, frechst^ frecht, Prät. frauch, 

2. in sein, sagen, ek seie^ sechst^ secht, Prät. se; ndl. seide. 
Aus ags., ahd. sagjan wurde segan, seggen. In der Mundart 
um Blankenburg wurde g zu j, und dieses j verflüchtigte sich 
zu einem i, welches mit dem kurzen e nicht zum Diphthong 
ei, sondern zu ei wurde, ähnlich dem e* für t im engrischen 
Gebiete. Derselbe Vorgang findet sich noch in ne«fic, neun, 
alts. nigun; ekrem^ Ptc. von krin, kriegen. In Hasselfelde 
spricht man seun 'sagen' und ekreun^ 'gekriegt'. 

In lein, legen. Präs. ek lek^ leckst, leckt. Prät. lackte got. 
lagjnn; alts. leggjan; ags. lecgan^ legan; mhd. legen, Prät. legte, lakte, leite. 

Der Diphtong ei (ai) an Stelle von agi scheint sich zu finden 
in seisse^ f.' Sense' das mit ags. sage 'Säge' verwandt sein wird. Alts. 
segisna; ahd. segansa^ seginsa^ segensa, segesna, segisna; mhd. seganse, 
segense^ seinse^ sense^ sense; mnd. seise, seisene^ sesse. Es ist aber zu 



143 

bemerken, dass in diesem Worte ausser dem g noch ein n ausgefallen 
ist, und ich möchte annehmen, dass der Ausfall des n die Dehnung 
zu ei bewirkt hat, vergl. lüktvarm und lunkwarm (Korrespondenzbl. 
XI. 59), üse und unse^ ags. ges für gansi u. a. m. Dieses Beispiel 
darf meines Erachtens nicht als Beweis angeführt werden, dass im 
Nd. 6t aus agi entstanden sei. 

geü^ geil, üppig wachsend. Woeste im westf. Wtb. p. 70: „gail; 
wie steil = ahd. Steigal^ so gaü^ gagü^ ags. gagd; alts. gel, lascivus.'' 
Dazu Jellinghaus im Nd. Jahrbuch IX, p. 68: ^Dies wird bestätigt 
durch ravensb. gajel^ geil.^ Von der Richtigkeit dieser Annahme habe 
ich mich bis jetzt nicht überzeugen können. Man vergl. ags. gagul 
und westf. gägel; ags. hagul^ hagol, und westf. hdgel. Warum steht 
nicht auch in diesen Worten ein ai? Ausserdem scheint ravensb. 
giijel westf. hägel und gägel lautlich zu entsprechen. Ich halte westf. 
gail und ravensb. gc^jel für zwei verschiedene Worte, letzteres ent- 
spricht ags. gagol^ ersteres ags. gäl^ alts. gel; vergl. got. gaüjan. ahd. 
geiljan^ mhd. geilen, Ags. ä entspricht got. ai, ei in der Mundart 
um Blankenburg, und westf. e. Aber neben westf. e kommt auch ai 
vor, z. B. ehe und aite, depde und daipde, denst und dainst^ dehn und 
mwestf. deücn = dailen^ 'wie wir auch heute oft sagen'. ^) 

eidexe, f. lacerta. ahd. egidehsa; mhd. egedehse, eidehse; ags. 
ddexe; mnd. egedisse, eigdisse; nnld. haagdis. Die verschiedenartigen 
Formen, in denen dieser Name auftritt,*) lassen die Ableitung desselben 
noch gänzlich zweifelhaft, und auch für unseren Fall ist nichts daraus 
zu gewinnen. 

eisichy Angst erregend; et eiset meh^ ich fürchte mich. Got. 
agis, Furcht, Angst; ags. ege (ege?), timor, horror; egesa, cgsau; 
egesig, eisig; egesltc; egesjan, egsjan; alts. egislic (im Heliand), 
eislic (Strassb. Gl.);') ahd. oÄ'l, ekt, eg% aigt; mhd. egeslich, eislich; 
eisen; egese^ mc; mwestf. eisciic^ eislic; westf. aisig; aisen; osn. eslik; 
götting. — grubh. eisen^ esen^ eisig^ eisige. Hier scheinen wir den 
Beweis zu haben, dass auch im Nd. ei (ai) = urspr. agi vorkommt. 
Im Ags, ist der Ausfall des g nach kurzem Vokale vor — en und — 
el gewöhnlich;*) hier müsste g auch vor es geschwunden sein. Im 
Alts, finde ich Schwund des g ausser in eislic noch in gein 'gegen' 
und in tnester.^) Was alts. gein anlangt, ahd. gagan^ getgin^ gegin; mhd. 
gegen^ gein^ gen; md. kegin^ kein; ags. gcgn^ gen; engl, again; so muss 
es au£fallen, dass die heutigen nd. Mundarten kein gein bieten. So 
viel ich sehe, haftet in allen Mundarten das g in den Formen für 
'gegen', während sonst der Ausfall des g mit der Zeit an Ausdehnung 
gewonnen hat. Die Form gein kann daher nichts beweisen. Alts. 
mester, lat. tnagister; ags. maegester; maestei'; holl. meester; in Westf., 



Woeste, westf. Wtb. p. 49. 

*) Die dtsch. Mnd. VI, p. 471—473. 

») Galläe, Alts. Gr. § 42. 

*) Ettmüller, p. XXVIL 

^) Gallee, a. a. 0. 42 und § 123. 



144 

um Göttingen und um Blankenburg mester; in Pommern mester; in 
Ostf. mester; mester; wird sich kaum direkt aus magister, sondern 
vielmehr nach ahd. maister gebildet haben, so dass der Ausfall des 
g nicht viel besagen will. Somit bleibt nur noch eislic neben egislic 
über, und es fragt sich, wie sich beide Formen neben einander ver- 
halten. Die einfachste und wahrscheinlich allseitige Billigung findende 
Erklärung würde sein, dass eislic die jüngere aus egislic entstandene 
Form ist. Hiergegen lässt sich jedoch anführen: 

1. Dass im Alts, ausser in dem Fremdworte mester und dem 
vennutlich md. gein kein Ausfall des g stattfindet. 

2. Dass im Ags. neben egesa die Formen egsan und eisig stehen; 
warum nicht eisan oder egsig? Wenn Mexe = agidexe sein soll 
(ostfr. Wtb. I, 18), wie verhält sich dann ädexe neben eisig? 

3. Dass im Westf. heute noch intervokalisches g haftet, z. B. 
regen^ regnen, rogen^ pl^ge, hägel^ seggen, tiegen u. s. w., warum aber 
aisig? 

4. Um Blankenburg wurde aus ragin ein rew, aber vor Doppel- 
konsonanz der Eigennahme Renke mit kurzem e; aus magister aus 
demselben Grunde mester; aus agisig^ cgesig hätte also esich werden 
müssen. 

5. In allen nd. Mundarten erscheint, ausser im Osn., der auf- 
fallige Dipthong ei (ai), an dessen Stelle e oder e zu erwarten war. 

Ueber die Ableitung von eisich bin ich im Zweifel, neige aber 
zu der Ansicht, dass abgesehen vom Holländischen und Westfriesischen 
der Lautwandel von agi zu ei (ai) im Nd. nicht erfolgt ist. Die ahd. 
Form aigi lässt es nicht unmöglich erscheinen, dass es im Alts, und 
Ang. ein ege, das schon EttmüUer zu vermuten schien, gab, und dass 
eisig ^ für esig = egesig steht. Nach langem Vokale konnte g wohl 
leichter schwinden. Selbstverständlich gehören nicht hierher Formen 
mit ei = urspr. ah(i), z. B. Scheinich von Scahiningi oder Scahningi 
= Schöningen; schleit von slahan; geit aus ga-it oder vielleicht aus 
gahit; meine frühere Ableitung aus ^a^tHst verfehlt;^) eime^ f., Granne 
der Gerste, steht wohl für eir^, ahd. agane; mhd. agane^ agen; mnd. 
age^ agen; aber got. ahana. 

Lübben, mnd. Gr. p. 35/36 und 57, hält ei an Stelle von altem 
agi für nd. Auch den Flussnahmen Leine^ älter Lagina ^ führt er an. 
Es ist aber zu berücksichtigen, dass die Leine auf md. Gebiete ent- 
springt. Seelmann bemerkt mir zwar, dass Flussnamen gewöhnlich 
von der Mündung aufwärts wandern, lässt jedoch auch Ausnahmen 
von dieser Regel zu. Adam von Bremen erzählt,*) dass die Seeräuber 
in die Mündung der Wirraha eingelaufen seien. Wirraha ist aber 
md. Form, noch heute heisst der Fluss bei den nd. Anwohnern Weser 
mit kurzem e. Adam stammte aus der Markgrafschaft Meissen. 



') Ed. Damkuhlcr, Zur Charakteristik des nd. Harzes, S. 21. 
») II, c. 74. 



145 

Wenn Lübben auch Meidehorch anführt, so ist zu erwidern, dass ich 
um Blankenburg und in der Börde niemals diese Form gehört habe. 
In den Urkunden von Halberstadt ist sie häufig und ich halte sie für 
md., gerade so wie die Form neiber 'Nachbar'. Formen wie seilen = 
segelen^ altn. sigla; ahd. sigelen kommen natürlich nicht in Betracht, 
da hier ein ige statt agi zu Grunde liegt. 

Meines Wissens zweifelt niemand daran, dass Reinke eine nd. 
Lautform ist, deren erster Bestandteil rein =: ragin^ deren zweiter 
Bestandteil die Deminutivendung he sei.^) Nach vorstehender 
Untersuchung ergab sich rein als hd. oder md. Form, auch in anderen 
nd. Worten musste ei = agi als zweifelhaft erscheinen. Es bliebe 
noch zu imtersuchen, ob in den vielen mit ragin gebildeten Eigen- 
namen sich nd. ei = agi mit Sicherheit erweisen Hesse. Diese Unter- 
suchimg bin ich jetzt nicht imstande anzustellen. Was nun den 
Beinhe Vos anlangt, so steht fest, dass die Grundlage des mittel- 
alterlichen Tierepos die äsopische Fabel vom kranken Löwen bildete. 
Diese kam von Griechenland nach Italien und von hier spätestens im 
8. Jahrhundert nach Deutschland. Um 940 wurde sie von einem 
Mönche im Kloster Toul einem lat. Epos eingefügt. Um 1100 müssen 
die Hauptträger der Fabel, Wolf und Fuchs, in Flandern ihre 
deutschen • Namen Isengrim und Reinhard erhalten haben^). Nach 
Seelmanns freundlicher Mitteilung sind Formen wie reghen und rein 
^Regen", seinen ^segnen^, seit ;,sagt'^, gheleit ^gelegt'^ ganz gewöhnlich 
im Flandrischen. Dem entsprechend lautet die niederl. Form Beinaert, 
Aus Reinaert hat der nd. Uebersetzer Reinke gemacht. Man könnte 
hieraus folgern, dass diese Form im Nd. allgemein üblich gewesen 
sein müsse, notwendig scheint es mir gerade nicht. Wir wissen nicht, 
wer der nd. Uebersetzer gewesen ist und woher er stammte. Walther 
hat nachgewiesen, dass im R. V. Formen vorkommen, die dem 
Lübecker Dialekte nicht angehören.®) Meines Erachtens folgert er 
mit Recht daraus, dass der Uebersetzer kein Lübecker gewesen ist. 
Die Form Reinke braucht also nicht notwendig lübeckisch zu sein. 
In den Urk. von Ilsenburg und Halberstadt erscheint in Namen nur 
Rein = ragin, ausser in Regenstein. Regen-, ren- erschien uns aber 
als die reine nd., rein- als die md. Form. Reinhard, Reiner, Reinehe 
scheinen auch in Niederdeutschland beliebte Namen gewesen zu sein, 
während die nd. Formen Renke und Menhe (für Meinehe) seltener 
erscheinen. Es ist daher nicht auffallig, wenn der Uebersetzer des 
R. V. die um 1500 allgemein gekannte md. Form Reinhe statt Renhe 
wählte. Vielleicht war man sich des sprachlichen Unterschiedes beider 
Formen kaum noch bewust. Oder sind die Träger der mit Rein- 
gebildeten Namen aus Mittel- und Oberdeutschland eingewandert? 
Bischof Reinhard von Halberstadt (1106 — 23) war wohl kein ge- 



') Lübben, Die Tiemamen im Reineke Vos. Oldenburg. Programm 1863. 
') Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur, S. 260. 
") MundartUches im Reinke Yos. Nd. Jahrbuch I, 92 ff. 

Ni«d«rd«ntoeheB Jfthrbuoh. ZVn. 10 



146 

borener Halberstädter; ^) sein Neffe Poppo ist in den Harzgau ein- 
gewandert, aber woher? Von Poppos Söhnen heisst der zweite wieder 
Reinhard, doch liat das Urkb. von Drübeck 15 neben preposito 
Reinhardo auch prepositus Rechenhardus. Die Urkundensprache ist 
eben nicht zuverlässig, die mundartlichen Formen der lebenden Sprache 
bieten besseren Anhalt. 

BLANKENBURG a. H. Ed. Damköhler. 



Heinrieh's von Krole^viz Vaterunser 

niederdeutsch. 

Die nachfolgenden Bruchstücke entstammen demselben Bande, 
dem ü. V. Buchwald die in Band 11 der Zeitschrift der (xesellschaft 
für Schleswig-Holsteiu-Lauenburgische Geschichte (1881) Seite 364 
veröffentlichte Liste des Verlustes in der Schlacht bei Hemmingstedt 
entnommen hat, der 1476 in Lübeck gedruckten Scala celi (Hain 9405) 
der Universitäts-Bibliothek zu Rostock. An sich von keinem hervor- 
ragenden Werte , da sie anstatt des zuerst in ihnen * gesuchten 
Originalgedichts sehr bald nur eine mittelmässige Uebersetzung aus 
dem Hochdeutschen ergaben, mögen sie doch hier Platz finden, 
da sie ein auch im Urtext nur in zwei auf gegenseitige Erzänzung 
angew^iesenen Handschriften und ausserdem blos in ganz geringfügigen 
Bmchstücken überliefertes Gedicht betreffen, von dessen Uebertragung 
ins Niederdeutsche bisher nichts bekannt war. Man könnte sogar 
daran denken, das Vorhandensein einer solchen als einen Beleg für 
die von Lisch in seiner Ausgabe Heinrich's von Krolewiz (Quedlinburg 
und Leipzig 1839) Seite 7/8 aufgestellte Vermutung eines zeitweiligen 
Aufenthalts des Dichters am Schweriner Hofe anzusehen. Aus dem 
Wortlaut der Uebersetzung, besonders V. 1295, geht hervor, dass der 
Schweriner Codex nicht die unmittelbare Vorlage gewesen sein kann, 
und das Vorkommen mehrerer Handschriften eines verhältnissmässig 
untergeordneten hochdeutschen Dichters in demselben Teile nieder- 
deutschen Sprachgebiets, in dem sich vierzig Jahre vorher Herzog 
Wilhelm von Lüneburg Hartmanns Gregorius aus dem Hoch- 
deutschen ins Lateinische übersetzen Hess, dürfte eine Erklärung 
wünschenswert erscheinen lassen. Eine solche ist gegeben, wenn die 
Annahme von Lisch, die durch Rumelants Aufenthalt am Hofe des 
Grafen Gunzelin III von Schwerin (1228 — 1274; Heinrich von Krolewiz 
dichtete sein Vaterunser nach seiner eigenen Angabe in den Jahren 
1252 — 1254) eine Stütze erhält, richtig ist; andererseits können auch 
Klostergeistliche die Vermittler gewesen sein. Allem Anschein nach 



') Schmidt, Zur Genealogie der Grafen von Regenstein und Blankenburg. 
Ztschr. des Harz-Vereins f. Gesch. und Alt. XXII, S. 1 — 8. 



147 

stammt das in . Frage stehende Exemplar der Scala celi, deren Ver- 
fasser selbst dem Predigerorden angehört, aus der Bibliothek des 
Dominikanerklosters St. Johannis in Rostock. Die (ins Jahr 1256 
fallende) Gründung, wenigstens den Hauptanteil an der Bewidmung 
dii'ses Klosters nimmt nach einem vom 27. März 1534 datirten 
Schreiben an dem Itat der Stadt Rostock die Familie von Bülow, 
die dem Bistum Schwerin im 13. und 14. Jahrhundert drei Bischöfe 
und zahlreiche Domherren gegeben hat, für sich in Anspruch. 

Die erhaltenen Reste der uns hier beschäftigenden Handschrift 
})estehen aus drei Streifen, die aus dem Mittelblatt einer Lage ge- 
schnitten sind und von denen der obere und der untere je 4, der 
mittlere 7 Zeilen Schrift enthalten, während ein vierter Streifen aus 
der Mitte des Doppelblattes, 8 Zeilen breit, fehlt. Das Doppelblatt 
umfasste sonach auf vier Seiten von 145 mm Höhe und 106 mm 
Breite zu je 23 Zeilen die Verse 1292—1384, von denen 1303—1310, 
1320-1333, 1349—1356, 1372—1380 fehlen. Das ganze Gedicht 
würde also 54 Doppelblätter gefüllt haben. Die Handschrift, wohl 
noch der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstammend, ist sehr 
sauber geschrieben, jeder Vers mit grossem, roth durchstrichenem 
Anfangsbuchstaben, der Anfang eines Abschnittes (V. 1312) mit zwei 
Zeilen einnehmendem roth gemaltem Initial. Nicht das gleiche Lob 
wie der äusseren Form lässt sich der Uebersetzung selbst erteilen, 
soweit der kleine Rest ein sicheres Urteil gestattet. Missverständliche 
l>bertragungen sind häufig, ohne dass, wie etwa bei V. 1295 (behenden 
stiitt lebenden)^ eine andere Lesart der Vorlage zur Erklärung dienen 
könnte, so 1294, 1302, 1318 (wete, 1334 richtig ivyse), 1346 dure 
statt dirre^ 1348 in iw statt in ir\ V. 1359 weicht nicht nur den 
Worten, sondern auch dem Sinne nach gänzlich vom Original ab, 
ebenso 1363/64 und 1367, so dass man fast zu dem Schlüsse kommen 
nmss, dem Uebersetzer sei selbst das volle Verständnis für seine 
Vorlage abgegangen. Das Metrum ist verflacht (V. 1292), einzelne 
Verse über Gebühr in die Länge gezogen (1368, 1371), der Reim 
lässt zu wünschen übrig. 

1292 Johannes ewangeliste de hilghe man 

Deme gy doch recht ghetruwet 

Vnde sprekt hat got ghebuwet 
129Ö En hus van behenden stejnen 

Na merket wat wy meynet 

Sante Johannes dama ik 

Dat is nu wol moghelik 

Dat ik na synen worde ghee 
1300 Vnde an syne lere see 

Wan er he dat myt oghen sach 

Vnde des apenbare jach 



1311 Vnd myt gode ewichliken lenen 
Na höret wat ik meyne 
Dyt eddeie ghesteyne 



10* 



Vnde gripen an den sten 
1315 De nammer wert syn ghelik gheseen 

Vnde de alsalke schone hat 

Dat he vor godes oghen stad 

Vnde dat he wete is ghenant 

Wo mochte ik iw dat don bekaut 
1320 Also myr myn syn ghesaghet 

Dat dndet wol eyn reyne maghet 

De in hemmelrike was 

In des konynghes pallas 

Langhe gheordineret vore 
1325 Wan sik god myt vrier köre 

1334 Se dndet ok wol den wysen 

1335 Den in den groten vreysen 
Hertoghe Emest vns ghewan 
Wan iu der eilende man 

In vil groten noden brak 

Alsns vns armen gheschach 
1340 Dat wy armen weysen 

In des dodes vreysen 

Weret vorseghelt myt here 

Vp dat snnden lenermere 

Vnde yo vil na weren dot 
1345 In der snlnen groten not 

Wart ghebroken dnre steyn 

Dar Yt de gotheyt ersehen 

Vnde wart in iw ghehandelt 

1357 Dat got van vns wendet dan 

Syn schone antlat snte 

Ghene vns de hoghen mute 
1360 Vnde schal myt vlitelikeme sede 

Got vor vnse snnde beden 

Vnde knndighen vnse wort 

Dat see vns bringhen in den ort 

Dat vns god mote hir vmme seen 
1365 Dat mut dor leue sehen 

De he to der vronwen hat 

Vnde sik in sine handa tat 

Vnde mnt vns myt sinen reyneu danken 

Hören in vnse bede wanken 
1370 Dauid van der vrouwen sprak 

Also he vt godes dogheden dath sach 

1381 Vnde ghnldeue cleyde ane han 

Vnde dat ok vmme se weren gheleyt 
Mennigherhande wnnnicheyt 

1384 Danld vns noch mer saghet. 

ROSTOCK. Ad. Hofmeister. 



149 



Zur altsäehsisehen Grammatik. 

(Anzeige.) 

0. Behagbel und J. H. OaU6e, Altsächsische Grammatik. I. Hälfte, Laut- and 
Fiexionslehre, bearb. von J. H. Oall6e. Halle n. Leiden, 1891. 8^ (Sammlang 
kurzer Grammatiken germanischer Dialekte VI.) 

Seit 1873, in welchem Jahre Heyne^s kleine as. and anfr. Grammatik 
erschien, ist eine zusammenfassende Darstellung der as. Sprache nicht wieder 
versucht. Zwar ist die Formenlehre in den Paradigmen von Sievers (1874), 
Arndt (1874), Roediger (1884) wiederholt zusammengestellt; für die Lautlehre 
hat Holtzmann in seiner altdeutschen Grammatik (1870) reiches Material ge- 
liefert; Gall6e gab in seiner as. Laut- und Flexionslehre I (1878) für die meisten 
der kleineren as. Denkmäler eine Statistik der Laute und Endungen; auch sonst 
fehlte es nicht an Einzelbeiträgen zur as. Grammatik in den germanistischen 
Zeitschriften; die Namen sind von Althof (1879) grammatisch behandelt. Aber 
immer vermisste man schmerzlich eine Behandlung der gesammten Grammatik 
auf Grundlage des durch' die Sieverssche Ausgabe so handlich und zuverlässig 
hergestellten Textes des Mon. und Gott., sowie des neugefnndenen Prager Frag- 
mentes und des nicht unbedeutend vermehrten Glossenschatzes. Denn so ver- 
dienstlich Heyne^s Arbeit war, so genügte seine Grammatik eigentlich schon bei 
ihrem Erscheinen nicht mehr den Anfordeningen, die man vom Standpuu}£te der 
gerade in jener Zeit sich Bahn brechenden sprachwissenschaftlichen Anschauungen 
an eine wissenschaftliche Behandlung eines Einzeldialektes stellte, und Paul gab 
in seiner Anzeige der Heyneschen Grammatik (Genn. 19, 217 ff.) seinem Tadel 
unverholen Ausdruck. So muss denn eine neue Bearbeitung der as. Grammatik, 
die unter der Aegide Brauue's und nach dem Vorbilde seiner trefflichen got. und 
ahd. Grammatiken erscheint, von allen Germanisten mit Freuden begrüsst werden. 
Wie der Titel sagt, haben wir es zunächst nur mit der ersten Hälfte der Gram- 
matik, die Laut- und Flexionslehre umfassend, zu thun; die Wortbildung und 
S^-ntax in der Bearbeitung von Behaghel soll den zweiten Theil bilden. 

Wenn wir, um den Werth der vorliegenden neuen Grammatik zu würdigen, 
sie zunächst mit der Heyneschen Vorgängerin vergleichen, so ist der Umfang 
zwar ziemlich der gleiche. Trotzdem ist das Gallßesche Werk viel reichhaltiger. 
Die altniederdeutschen Psalmen, über deren Laut- und Flexionsverhältnisse wir 
ja in Cosijn's Oudned. psalmen eine genaue Statistik besitzen, hat G. mit Hecht 
von seiner Arbeit ausgeschlossen, dagegen die beiden Heliandhss. und sämmtliche 
kleineren Denkmäler, besonders die Glossensammlungen, viel ausgiebiger heran- 
gezogen. Nicht berücksichtigt sind die Eigennamen, was freilich sehr zu be- 
daoern ist, aber aus den von G. (S. VI) angeführten Gründen gebilligt werden 
kann. Das aus diesen Denkmälern zusammengebrachte Material ist in der ge- 
wöhnlichen Reihenfolge der Grammatik behandelt, wobei die got. Grammatik 
Braune*s als Muster gedient hat. Jeder Regel sind die Abweichungen in den 
einzelnen Denkmälern hinzugefügt. So kommt ein viel reichhaltigeres Material 
als bei Heyne in übersichtlicher Form zur Darstellung. Es fragt sich nun, wie 
vollständig und zuverlässig dasselbe ist. Hinsichtlich des ersten Punktes kann 
man billigerweise keinen andern Maassstab anlegen, als ihn die Absicht des Verf. 
uns an die Hand giebt. G. sagt selbst in seinem Vorworte, dass er bei der 
Arbeit, aus seinen zu lexicographischen Zwecken angelegten Sammlungen die 



150 

Yorliegende für Studierende bestimmte kleine Grammatik herzustellen, sich mög- 
lichste Beschränkung auferlegt habe. § 61, Anm. erklärt G. freilich, in den 
Anmerkungen zu der Decl. und Conj. seien alle Abweichungen verzeichnet. Das 
ist aber, wie man sich sehr bald überzeugt, durchaus nicht der Fall. Er hatte 
also nicht die Absicht, uns sein vollständiges Material zu geben. Es war das 
ja auch durch den nächstliegenden Zweck der „kurzen^ Grammatiken ausgeschlossen. 
Mau kann also leider aus den scheinbar noch so genauen Angaben G.'s doch 
niemals die erwünschte Sicherheit über eine einzelne Frage der Grammatik ge- 
winnen. Hoffentlich ersetzt G. diesen Mangel einer vollständigen Materialsammlung 
bald durch die Veröffentlichung seines in Aussicht gestellten Wörterbuches mit 
grammatischem Apparate. Müssen wir uns also den Zwecken des Buches gegen- 
über mit unseren Wünschen bescheiden, so darf man doch die Ungleichheit der 
Behandlung als einen Mangel bezeichnen. Wozu die Ausführlichkeit in den 
Angaben über d, d, th (§ 142 ff.), k und c (§ 115), these (§ 244), wenn andere 
ungleich wichtigere Capitel der Grammatik ganz kurz oder gar nicht behandelt 
werden? Auch sonst konnte m. E., ohne den Umfang des Buches erheblich über 
das Gegebene anzuschwellen, den Citaten grössere Vollständigkeit gegeben werden, 
oder doch gesagt werden, wo der Verfasser Vollständigkeit der Belege beabsich- 
tigte, wo nicht, indem durch zugefügtes „z. B." oder „und öfter'' die Beschränkung 
in der Angabe der Belege auf einzelne wichtigere Beispiele hervorgehoben wurde. 
Was nützt es, wenn bei einmal vorkommenden Formen ausdrücklich „einmal M" 
oder „einmal C (z. B. § 203 skepiun) gesetzt wird, wo auf demselben Räume 
die Verszahl Platz gehabt hätte? Bei aller Reichhaltigkeit im Einzelnen vermisst 
man ferner mehrere zusammenfassende Capit-el, auf deren Wichtigkeit schon Paul 
in der angeführten Recension aufmerksam gemacht hat, wie sie auch z. B. bereits 
von Frauck in seiner mnl. Grammatik aufs trefflichste ausgeführt sind. Dahin 
rechne ich: Einfluss von Consonanten (r, m, 1, h, w) auf Vocale; Einfluss von 
Vocal auf Vocal ; Assimilation der Consonanten ; Metathesis ; Behandlung der aus- 
lautenden Stammvocale in der Composition ; Einfluss des ags. auf die Schreibung 
in C und M, u. s. w. Durch solche susammen fassende Capitel wären manche 
zusammengehörige Erscheinungen, die jetzt zerstreut unter andern Einzel- 
erscheinungen sich dem Blicke entziehen, als verwandte zu erkennen und dienten 
sich gegenseitig zur Aufklänmg. Ebenso nützlich wären einige §§ gewesen, die 
die Eigenthümlichkeiten der einzelnen Heliandhss., die dialektischen Besonderheiten 
der einzelnen kleineren Denkmäler zusammenfassend behandelten. Ein vielleicht 
zu weit gehender Wunsch für eine as. Grammatik ist, dass der Verf. eine Übersicht 
der Formen gegeben hätte, die in den einzelnen Heliandhss. (besonders in M) 
nur in bestimmten Abschnitten vorkommen. Für die Geschichte der Hss. ist die 
Zusammenstellung der „graphischen Varianten", wie sie uns der Verf. für einige 
Erscheinungen in den „Beiträgen'' geliefert hat, unumgänglich noth wendig. — Doch 
wie gesagt, über die Zweckmässigkeit des Mehr oder Weniger des Gegebenen 
wird jeder nach seinen Interessen eine besondere Ansicht haben, und der Verf. 
wird sich damit trösten, dass es doch niemand allen recht machen kann. Wir 
wollen deshalb mit dem Gebotenen zufrieden sein, wenn wir nur den einzelnen 
Angaben das Lob der Zuverlässigkeit zugestehen könnten! Das ist aber leider 
nicht der Fall. Zunächst will ich bemerken, dass schon der mit dem as. ver- 
traute Benutzer — wie viel mehr der Studierende — in vielen Fällen im Un- 
klaren bleiben muss über das Verhältniss mehrerer neben einander liegenden 
Formen. Dies gilt besonders von dem Abschnitte der Flexion. G. giebt häufig 
hinter einander eine ganze Reihe von Endungen, ohne dass mau sieht oder erfährt, 
welches die am häufigsten vorkommende ist*, natürlich hält man die erste für 
die regelmässige oder häufigste, die anderen für weniger häufig, die letzte für 



151 

die seltenste. Damit stimmen aber nicht tiberall die Thatsachen, so z. B. wenn 
im dt. 8g. der schw. Adjektiyflexion die Beihenfolge gegeben wird: göden, -in, 
-an, -(yn, oder im dat. pl. der a-decl. : dagum, dagun, dagon. Überall, wo durch 
die Nebeueinanderstellung mehrerer Formen der Anschein der Gleichberechtignug 
erweckt wird, wäre ein Hinweis anf die Häufigkeit der einzelnen Form erwünscht 
gewesen. Bei der Buntheit der aus den verschiedenen Denkmälern zusammen- 
kommenden Formen hätte es sich überhaupt empfohlen, im Paradigma nur eine 
einzige Form, etwa die des Mon. zu geben, ähnlich wie Braune in seiner ahd. 
Gramm, die fränkischen Formen als Beispiele anführt, und alle anderen Neben- 
formen in die Anmerkungen zu verweisen, wo dann über den Ort und die Häu- 
figkeit des Vorkommens das Nöthige gesagt werden konnte. In anderen Fällen, 
wie z. B. in der u-dekl. wäre die Anführung sämmtlicher Belege einfacher und 
übersichtlicher gewesen, als die Aufstellung eines doch nur lückenhaften Para- 
digmas. Dankenswerth sind die Verzeichnisse der den einzelnen Paradigmen 
folgenden Wörter; aber auch hier vermisst man eine Angabe, ob und wie weit 
die Listen vollzählig sind. Ebenso ist es mit den den Ausnahmen zugefügten 
Belegen. Sind mehrere Zahlen gegeben, so möchte man doch wissen, ob damit 
die Belege erschöpft sind, oder in welchem numerischen Verhältnisse sie zur 
Regel stehen; bei nur einmal vorkommenden Formen war die Angabe der Stelle 
geradezu nothwendig, weil es bei der Beschaffenheit der Hss. nicht einerlei ist, 
in welchem Theile des Textes eine Form sich findet. — 

Fehlt es schon im Allgemeinen in allen diesen angedeuteten Richtungen 
an der wflnschenswerthen Zuverlässigkeit, so tritt im Einzelnen überall eine für 
ein wissenschaftliches Hülfsmittel unerlaubte Ungenauigkeit und Fehlerhaftigkeit 
in unangenehmster Weise zu tage, die Studierende, deren Einführung in das 
Studium des as. sich das Buch doch gerade zum Zwecke setzt, vielfach irre führen 
muss. Hier kann ich mit dem Tadel nicht zurückhalten, dass es G. mit seiner 
Arbeit nicht streng genug genommen hat, und dass entweder sein Material nicht 
zuverlässig ist oder der Verf. bei der Ausarbeitung allzu flüchtig zu Werke 
gegangen ist. Da sehr häufig die genaue Anzahl des Vorkommens einer als 
Ausnahme besprochenen Form gegeben ist, so glaubt jeder Benutzer hier auf 
festestem Grunde zu stehen, wird aber bei einer Nachprüfung einzelner dieser 
Zahlen bald den Glauben an die Verlässlichkeit aller verlieren. Die grosse Menge 
von Druckfehlern in den as. Wörtern, deren kleinsten Theil die Zusätze und 
Verbesserungen am Schlüsse des Buches berichtigen, beweist schon, wie wenig 
Sorgfalt auf die Correctur verwandt ist. Selbst der Name eines Gelehrten wie 
Madan (S. V) ist dem Druckfehlerteufel anheim gefallen, und als Curiosum mag 
erwähnt sein, dass der Verf. sich auf dem Schmutztitel Galle6 und Gallee, auf 
dem inneren Titel Gall^e und Gallee schreiben oder drucken lässt. Schlimmer 
sind die vielen Fehler in den Verszahlen und den Citaten. Da im Vorworte 
mehreren namhaften Gelehrten der Dank für Correcturlesen gespendet wird, so 
möchte man gern wissen, bei wem man sich eigentlich vornehmlich zu bedanken 
hat, dass nicht noch mehr Fehler stehen geblieben sind. Um diesen herben 
Tadel im Einzelnen zu begründen, müsste ich § für § der ganzen Grammatik 
durchgehen und alle von mir notirten Fehler augeben. Es würde das aber den 
mir zur Verfügung gestellten Raum des Jahrbuches bei weitem überschreiten; 
auch liegt es nicht in meiner Absicht, zu allen §§ Nachträge zu liefern, was 
soviel hiesse als eine zweite Grammatik schreiben. Sondern ich begnüge mich, 
auf die gröbsten Fehler in der Lautlehre und der nominalen Flexion aufmerksam 
zu machen. Durch eigne Sammlung über diese Theile der Grammatik bin ich 
in der Lage, G.^s Angaben genauer zu controlliren ; ich kann dabei der Kürze 
wegen auf eine im Druck abgeschlossene, aus äusseren Gründen aber noch nicht 



152 

im Bachhandel erschienene Schrift von mir verweisen, „Untersnchnngen zur 
Geschichte der altsächsischen Sprache'', wo die Belege meist in lückenloser Voll- 
ständigkeit verzeichnet sind, and die ich im Folgenden mit „Unt." anführen 
werde. Ich hoffe, dass meine Berichtigungen nicht als rechthaherische Mäkelei 
anfgefasst werden, sondern als Hinweis, wo und in welcher Richtung eine 2. Aufl. 
verbessert werden muss, Beachtang finden mögen. 

§ 3. Bei der Aafzählong der kleineren Dkm. hätte angegeben werden 
sollen, wo die nicht bei Heyne abgedrackten Stücke za finden sind. Nicht genannt 
sind die Glossen aus St. Peter (Graffs Dint. II und zerstreut bei Steinmeyer- 
Sievers). — § 4 Anm. 1. d und b kommen auch ausser den Heliandhss. vor. 
— Anm. 2 wäre der Abkürzungsstrich für n und m zu erwähnen gewesen, durch 
dessen fehlerhafte Fortlassung sich manche Irrtümer in den Hss. erklären (vgl. 
Unt. S. 146). — § 5. Die Doppelschreibung der Vocale ist besonders für das 
Chartularium Werthinense charakteristisch. — § 6. y (tyreas C 131), ö und 9 
sind vergessen. — § 18. Unerwähnt ist das nicht seltene Eintreten von ae in 
C und M an Stelle von a (e) ; § 29 Anm. 1 wird nur ein Beleg aus M für ae 
anstatt e angeführt. — § 19 sind germ. und 6 unnöthigerweise in die Anm. 
verwiesen. — § 20 Anm. 1. Zu neben a besonders vor n vgl. die Beispiele 
Unt. S. 141 f.; fon ist in M nicht „vereinzelt'', sondern (vgl. Jellinek PBB 
14, 158) bis 1497 die ausschliesslich gebrauchte Form. Die Angaben über 
mohia sind ganz falsch ; mohta kommt in G nicht zweimal, sondern überwiegend 
vor, z. B. 164. 672. 646. 738. 849. 1674. 2049. 2301. 2662. 2690. 2778. 
2921. 3063. 3198. 3341. 3369. 3613. 3636. 3688. 3816. 4078. 4867. 5229. 
5917; muohta 674; ebenso mohiun 813. 2303. 2371. 3582. 3649. 3824. 6067; 
mohti 189. 723. 1442. 2322. 2392. 2649. 5278. 5920; Tnohiig 817; mohtin 
3929; mohim 5351. 6923, wogegen die Formen mit a ganz zurücktreten. M hat 
zweimal mohta 184. 747, einmal mohte 1678, einmal mohiun 148. — Neben 
fold konnte noch hagastoldos C 2548 erwähnt und auf das häufige utierold ver- 
wiesen werden; auch uvoh G (auu M) 3931 und auoh (auuh M) 4222 neben 
uiuih GM 3960, G 5673 verdiente Beachtung. — § 20 Anm. 2. Übergang von 
a in e vor r findet sich auch häufig im Hei., z. B. herda C 2390, herdan 
G 1091, oharuuerdan C 2391, tuoutierd G 4182, foruv^rdes C 976, forihuuerd 
C 4010, geginutierd G 2634, ther M 4578; ea in scealt G 261 und uueard 
G 3711. Doch hätten lieber alle Fälle des vor r in den Hss. wechselnden a und e 
im Zusammenhange bei r besprochen werden sollen, wo dann auch die Vocale 
der Nebensilben herangezogen werden konnten. — § 22. Für Eintritt oder Aus- 
bleiben des Umlauts lassen sich schärfere Begeln, als sie G. giebt, aufstellen; 
der Einfluss der benachbarten Laute und Lautgruppen, besonders des r und r -|- 
Gons. (vgl. § 25) tritt noch in sehr vielen Beispielen zu tage; das nicht umge- 
lautete a in sagt, sagid, hahid verdiente Erklärung ebenso wie die Analogie- 
bildungen habbien M, habhiu G 933, dragit neben dregit, spanii neben spenit 
Nach der Fassung des § 25 glaubt man, dass nur nuarmien 4967 in M ohne 
Umlaut sei, aber ebenso verschmähen den Umlaut hmfardi G 1351, umbitJiarbi 
M 1728, hunargin M 1089, auuardiad M 1646, avuardien M 1882, auuardean 
M 1907, auuardit M 2276, auuardid M 2588, fardio M 3646. — § 22 Anm. 2. 
Nicht einmal findet sich uualda in G, sondern ausser 301 auch 714. — In die 
Anm. zu § 26 gehören die Formen hiki, stide, -scipi. — In § 27 hätten auch 
Formen mit a bei fortgefallenem i, wie bat, lang, laxio, langron, aldro neben 
eldirmx Besprechung verdient; die Frage nach dem Umlaut im part. praes. und 
im Gerundium ist nicht berührt. — § 29 Anm. 1. uueard C 3711 steht nicht 
für uusrdj sondern für uuard. — § 29 Anm. 3. Die paar Beispiele aus G für 



153 

anregehnftssiges i statt e (vor a der folgenden Silbe): gifa 654, giha 1197, 
gthat 1553 und hfiuonda Ö947 genügen nicht, am den Umfang und Grund 
dieser Erscheinung klar werden zu lassen. Auch hier machen sich lautliche Ein- 
flüsse geltend, nachfolgendes r, vorhergehendes g spielen eine Bolle, z. B. 
giuuirtkan 2552, giumrthot 3428 (vgl. auch giriuuan C 3450 mit Umlauts-eyl, 
gthono 1543, -gibo 5128, gtban 1471, gihon 1200, gthanne 2328, gtbu 3082, 
gilp 1084. 2896, alle aus C; femer givan Freck-H. 484, iegivan Beda 5. — 
§ 29 Anm. 5. Bei dem nach k vorkommenden ie statt e, wodurch eine palatale 
Aussprache des k bezeichnet wird (vgl. auch gie C 5870. 5895 neben ge), hätte 
auf § 116 verwiesen werden sollen. Hier verdiente auch das ie im Artikel 
fihiem et<5.) und in der Decl. von these Beachtung. — § 30 a) Anm. 1. Einfluss 
von folgendem r beweisen herdos 422, gerstin 2844,- utierkean 1172. 1613. 
1533, gemean 148. 1481,' alle in C. — Zu geldet stellt sich sueltid C 4898. 
— § 30 b) Anm. 1. C hat neman ausser 3887 noch 1550. 2332. 3284, nemat 
1786; auch M kennt nennen 1563, nemun 1550. — § 30 b) Anm. 1. hringian 
C 338 ist richtiger schon § 26 Anm. erwähnt; C 4598 hringan ist verschrieben 
für hringii 4895 C ; in M heisst es 2059. 2298 hrengean. — § 30 c). gisiaha 
(Gl. II, 588, 6) gehört als 1. sg. conj. gar nicht hierher. — Anm. 1. gihu gehört 
nicht hierher, sondern zu § 29 Anm. 3. feho (nicht fehu) steht in M auch 
1669; an beiden Stellen hat C fihu, sonst wie M stets nur e. — Die Form des 
as. Wortes für hospes ist in den Oxf. Gl. uuerd (e fortasse dubium, Madan), 
in den Prud. Gl. uiierd und uuird, in C uuird-, M uuerd- 2056. — Anm. 4. 
me steht nur zweimal in M 121. 122 gegen häufiges mi; für dies Verhältniss 
ist der Ausdruck „ wechseln '^ nicht bezeichnend. Ausserdem gehören die ge- 
geschwächteu Formen ec, me nicht hierher, sondern zu § 32. Bei der Wichtigkeit 
dieser Begel hätten die Beispiele vollständig gegeben werden sollen. — § 32 
Anm. 1. uuehsitafltin gehört nicht in diese Anm., für mehrere der übrigen Bei- 
spiele ist der Einfluss des r wieder beachtenswerth. — Anm. 2. era statt iro 
kommt einmal C 897 vor, der Ausdruck „wechseln" führt irre; ebenso sind ei 
neben it, uue (M 1609) neben uui, ge neben gi, he neben hiy ne neben ni 
durchaus die selteneren Formen; hinzuzufügen wären noch es (z. B. C 220) 
und met (selten neben mid). — § 33. Bei der Besprechung des Verhältnisses 
von t^ zu vermisst man wiederum die Hervorhebung der lautlichen Einflüsse, 
von folgendem r und / (tculf C M; fuldu C 4075; fidl, ful; uneruldi öfter 
in C; sfnultro 2257, tulgo 2419), von vorhergehendem w (utinon neben uuonon). 
Der Wechsel von ^f<^^n^ hogda, hogdun; rukkinas, rokko; thurhwi, tharfta ; 
uuord, -uurdi; sculan, scolda; munan, mansia (daneben munste M 2658; 
-fnuonstun C 5286 ist Schreibfehler s. Sievers S. 504); furi, fora; 'kiirnid, 
hom; -kumi, cofTi verdiente Hervorhebung; auch das u vor n in den Fremd- 
wörtern punt, muniia etc. — C hat nicht „einigemale", sondern vorherrschend 
gomo ; neben benumana M findet sich C M 151 binomarif C 2990 binornana, 

— Anm. 2. Hier hätten die übrigen Beispiele für i statt u fii-ision C 4874, 
anduuirdi C 4040, vgl. anduurdi C 930. 1759, miirthi C 2625. 3936, mäii^i C 
835, gifrimid 43, stkken Crecelius, Coli. 1, S. 11 und für u statt i furin- 
C 743, 'Uurdig C 4597 (G. leitet freilich bartiurdig von uuord ab = „offen- 
herzig'^), huldi C 5043, femer suiliuuat (suUad M) C 1723 Baum finden sollen, 
die für die Frage nach dem Alter des ^/-Umlauts von Bedeutung sind (vgl. Paul, 
Germ. 19, 224). — Anm. 3. cunsti C 2651 neben sonstigem Consta, consii. 

— Anm. 4. Neben momian auch bimumie C 1869. — Anm. 5. Hinter „findet 
sich*' muss „in C eingeschoben werden; in derselben Anm. wird das uo in 
gidruog einem kurzen o, das tio von gedruogi einem u gleichgesetzt; eine Er- 
klärung kann nur richtig sein, denn es handelt sich nur um die Form gidruogi 



154 

C 2925 (gidroge M); a statt u in uuarihtio C 1862. — Anm. 7 füge hinzu 
uridern 3464 C neben undom C 3418. — § 35. Zu bemerken, dass d nicht 
umlautet:" fahit. — § 36. geuuadi steht neben geuuedea 1665 (1605 ist Drckf.) 
und giuuedie 4100 nicht nur 1670 (1672 Drckf.), sondern häufiger; weitere 
Beispiele sind godsprekea C 567, mercan C 867, berun C 2182, uureka M 3246; 
leri (Fr. H.) muss heissen -leH in Ilasleri 157. 504 neben -lare in jE7/w-, Mud&- 
lare. — Als Anm. 4 wäre hinzuzusetzen: d aus at/.' s. § 44; ö aus a in 
monothlic Str. Gl. 2. — § 37. Das vereinzelte eo in m^oda C 3425 hätte nicht 
vor das häufigere ie gestellt werden dürfen; hinzuzufügen her, hir, hier, das 
fälschlich § 38 steht. Zu bemerken ist ferner, dass auch C nicht selten e statt 
des gewöhnlichen ie giebt, z. B. meda 3413, hM 385. 435, /e// 2391. 3343, 
-fei 2394, ^cn^ 2994, hei 579. 728. 729. 3413. 4616, hetun 568, (^mf/cW 
2048. 3344, giredi 2987, fe/ 514. — Für i ist anuuülun (auuellun M) C 4073 
ein Beispiel. — In der Anm. muss auf § 102 statt auf § 33 Anm., die gar 
nicht existirt, verwiesen werden. — § 38. hndo kommt meines Wissens in den 
Prud. Gl. nicht vor und ist wohl Verwechslung mit dem vorhergehenden hripo. 

— ür gehört wegen ahd. xiari zu § 37. — § 39. Die Beichte hat neben den 
3 ö in gisonan, gisonda, don stets ö (blöd, brothar, -dorn, gibotianna, flokanna, 
-niodias, mos, suor) ; ebenso steht in der Fr. H. in der Regel 6 ; in Beda neben 
godlika, gedbn, Jiodigiy kein o. In den Prud. Gl. neben überwiegendem «o und ö 
auch 6 in hodos, nodda, ovarmodigo, nkidmim, sokiady thuerstolon, socneri, 
socyiwiga, utbosment Oxf. Gl. meist o, aber niot, ungifuori, nuoe. Über das 
für M bemerkenswerthe fru.brean 4017 s. Jellinek, Beitr. 15, 304; sluggun 
M 2409 steht vielleicht für sluogun? — Anm. 2. Füge hinzu temig C 2489. 

— Hier oder bei u hätte eine Bemerkung über ruomot C 1554 (rumeat M), 
C 1688 (romod M), ruomuodun C 3904 (romodun M) Platz finden können. — 
§ 40. Füge hinzu: Aus bi -h idan entstand boian C 3264. 4370 (vgl. § 48 
Anm. 3). — fisid C 2353 (fusid M). — § 41. Die Entstehung des e in threginn 
aus germ. ai ist nicht sicher. — Anm. 1. Füge hinzu: mira C 2627, giflihit 
(-fliit^) 1460 (vgl. Germ. 19, 226); siole M 3301. 3353. 3357. 4060. Wegen 
des ie in bikieri etc. war auf § 116 zu verweisen. — Anm. 2. hcdag (auch 
M 890) und haelago (C 5764) brauchen ihr d nicht ags. Einflnss zu verdanken, 
vgl. die Ortsnamen Ilcdogikircari, -un in der Vita Meiuw. 81. 98 (Mon. Germ. 
Scr. XI, 126, 20; 127, 50) und Ilalegehuson (Erhard, Reg. Westf. 645; Cod. 65); 
zu erwähnen arwndi neben eri; aracs steht auch C 4103. — § 43 Anm. 2. 
guoma Ess. Gl. M. 27, 36; fargumon C M 3219 neben gomean (vgl. das vorhin 
erwähnte romon neben 7'umean). — § 44. franisco M 2398. — Anm. 2. Hinter 
„statt ö" ist einzuschalten „in /ro.« — § 48 Anm. 1. lut M 1782 fliut C), 
hidi C 4836. Bemerkenswerth ist, dass P neben einmaligem iu in diurUcaro 
nur io kennt: diarlic 961. 1005, diarlico 967, liodi 966, liodio 984. — § 49 
Anm. 2. thitid C 4431 (nicht 443) ist Schreibfehler nach dem vorhergehenden 
thiu wie ihimlo C 5078. — Das io, ia, i4^, e im praet. der redupl. Verba hätte 
ebenso wie das iu, io in friund, fiund gesondert von dem Diphthongen behandelt 
werden sollen. Zu verweisen war noch auf das io, eo in knio in § 30 c) Anm. 3 
und das ia in tian Ess. Heb. und ahietian Fr. H. — § 56. Über -w und -o 
in der «-decl. vgl. Uut. S. 172. — § 57. Über -ß neben -a in der 3. sg. praet. 
s. Genaueres Unt, Exe. VIII, ebenso über die Adv. inna und inne etc. — Das 
-6 im acc. sg. der st. Adjektiva helagne etc. ist auf M beschränkt, s. Unt. Exe. 
VIII. — § 58 1) Anm. Die neben huila vorkommende Form htiil C 5802 ist acc. 

— Das Suffix des dat. sg. fem. -u (-o, -a) ist nicht erwähnt. — 2) Neben -a 
in der 1. sg. prt. auch -e, s. Unt. Exe. VIII; -a im g. pl. auch vereinzelt im 
Subst., 8. Unt. S. 105. - - 3) Die Bemerkung über alo', ala- gehört nicht 



155 

hierher; ein besonderer § über Behandlung der Stämme als erste Theile der 
Composita fehlt leider. — Anm. aldrucmo gehört ins Capitel über die Vocale 
der Mittelsilben; statt dessen waren zu erwähnen: guoduo C 3635, scaihuo 
C 1113; g. pl. bethuo C 981; Adv. auf -no s. Unt. S. 95. — 4) -o in der 
1. sg. praes. s. Unt. 173; -o neben -u im instr. ebendas. — § 59. hugi ist 
nicht pl. — § 60. Über das Verhältniss von -e zu -a im dat. sg. der o-decl. 
s. Unt. Exe. YIII; -e im npl. der Adj. ist auf M, Oxf., Mers. Gl. und Fr. H. 
beschränkt, s. Unt. S. 203 ff.; über -e und -a im Coivj. s. ebeud. S. 210. — 
§ 62. Ausserdem zu erwähnen: butan, hotan; quathie. — § 65. Das häufige 
-ur im Comparativ hätte nicht Übergangen werden sollen; neben -ing kommt 
auch -ung und -ang Tor; Schwächung in ambeht Fr. H. neben ambaht; -in in 
silubrin etc. halte ich für kurz, s. Unt. S. 133 Anm. — Hier konnten noch 
rikeast, uuestrani, arbid erwähnt werden. — § 66. Der Einfluss von r, l, w, 
fiy w auf die Vocale der Umgebung hätte hier betont werden können. — § 68. 
In krenkurni ist nicht der Tonverlust Ursache der Vocalveränderung. — § 71. 
Hier vermisst man eine Bemerkung über die Assimilation der secundäreu Vocale 
an die Vocale der Nachbarsilben, vgl. hvarave, huarahcyti, huarahe, suaraf, 
berege, huerehian, huerehai, bilidij humbil, geoponotj tkurufti und dergl. ; 
was § 73 über Assimilation gesagt ist, genügt nicht. — § 72. Für enna zähle 
ich statt 33 nur 22 Belegstellen, s. Unt. S. 131. — Das Suffix -nm, 
'Un, -on des dat. sg. kann nicht als Kürzung des Suffixes -umu gelten, s. Unt. 
Exe. II. — § 72 b). Zu der Regel für die Erhaltung des ö im Superlativsuffix 
-ost bildet helgost C 5739 doch keine Ausnahme, wohl aber sind helgost C 5739 
und helgoda C 4634 Beispiele für die Synkope des a. Zu erwähnen wäre gewesen 
die Synkope in den Pronomen mira C 3540, imci'o C M 145. 148. 152, mahtigro 
C 2262. Ein adv. sioithro existirt nicht, wahrscheinlich meint Q. den Com- 
parativ suidnm C 4390, suithrun C 4876, midron M 5976. — § 72 3). Aber 
iungrano C 2171. 4505. 5956, mahtigro C 2262! Hinter , hat meist die Form 
-ana" ist einzufügen : „und -?2a* ; letztere Form überwiegt s. Unt., S. 133. — 
§ 73. e in gxtnmdene kann nicht als Assimilation des a an e angesehen werden ; 
ebenso wenig kann in selhomo, selbumu von Assimilation des c an o die Rede 
sein; warum überhaupt nur in seJhomo und nicht in allen dat. masc. der st. 
A^'.-decl. ? Übrigens existirt eine Form selbomo weder in C noch M (s. die Bei- 
spiele für -omo, -omu, Unt, S. 117.); o in egrohtful ist viel eher dem Einfluss 
des hi (cf. drohtin) als dem u der folgenden Silbe zuzuschreiben. Wie schon 
gesagt, hätte das Capitel des Assimilation eine viel eingehendere Behandlung 
verdient. — § 74. Anm. 1. Der Wechsel von af- und -an gehört nicht in die 
Lautlehre. — § 76. Bei ant- hätte noch das neben antthat (antat) vorkommende 
uniat C 4857, unthat M 2240 (vgl. unt in untthat M 450. 707. 1219) angeführt 
werden können. — § 79. bi- ist auch in M häufiger als be-; „inM nur biüton" 
ist falsch; buton M 185. 536. 653. 861 u. ö. — § 81. In M überwiegt gi- 
um mehrere Hunderte (gi- über 8C0, ge- über 500 mal); gi- ist besonders im 
1. Tausend vorherrschend (etwa 292 gi-, 3 -ge), — kiscakcten ist mir unver- 
ständlich. — Weiterhin muss es heissen : Prud. Ol. neben rege1mä.ssigem gl auch 
12 mal ge-; Essener Gl. neben durchgängigem gi- einmal ge- in gclico M. 14, 1. 
— § 83. erbartmmga steht Ess. Gl. M. 5, 7; M. 10, 38. — § 84. Hier durfte 
auch -teh und -tem in zusammengesetzten Zahlwörtern Erwähnung finden. — 
§ 85. In dem allgemeinen Capitel über die Consouanten vermisst man zusam- 
menfassende Bemerkungen über die Eigenthümlichkeit des C^ott, im Auslaut die 
CoDS. häufig zu verdoppeln (vgl. § 152 Anm.), über Assimilation (z. B. sncca, 
sinnofi), Metathesis (z. B. verseang, ginurohti, uuurohtion) ; bei der Consonanten- 
gemination Ovaren Beispiele und Angaben über den Umfang der Erscheinung 



156 

erwünscht gewesen. — § 88, Z. 2. Hinter u, uo, 6 füge o ein. Das Citat 
für uuurohtion ist falsch, es steht C 3511; 3594 ist die Belegstelle für sin- 
hiuuun, — § 89. uu ist geschwunden in net vgl. § 62. — § 90. Zum Schwund 
Ton uu nach r ist noch geridin C 4248 ein Beispiel. — § 94. Zu dem Ver- 
hältniss von e und i vor o Tgl. Unt., S. 151, wonach im d. pl. der i- und jcu- 
decl. in C häufiger -ioriy seltener -eon belegt ist ; e vor u ist selten in M. 2012. 
2990. 4490. 4918. 4928. — Auch P kennt die Schreibung gi für j : Oiohannes, 
Giordana; vgl. auch noch giuvaro statt iuuuaro in C 1731. — § 95. Der 
Satz „j ist meist erhalten, nur in C nach langen Silben einigemal ausgefallen'' 
wird durch die wirklichen Thatsachen sehr modificirt. In C ist der Ausfall von 
j ziemlich häufig und genauere Untersuchung wird hier ohne Zweifel bestimmtere 
Neigungen deutlicher hervortreten lassen. Bekannt ist, dass nach r, das vor j 
nicht geminirt wird, sich j besonders gut hält ; nach Gutturalen fällt j gern 
aus, ferner stets im gen. pl. des part. praes. (s. Unt, S. 108, Anm. **). Aber 
auch in M ist der Ausfall von j nicht so selten, wie man nach G.'s einzigem 
Belege seggennea 1838 glauben sollte. In brengen 1096. 1928. -dogcn 4890, 
liggen 2141, soken 5158, uuirken 1317, giuuirkenne 1589, seggennea 1838 ist 
offenbar der vorhergehende Guttural von Bedeutung. — F hat nur einen Beleg 
heland 990. — § 97. Über die Schreibung r statt rr in kerro etc. s. Unt., 
S. 30, Anm. — § 98. Vereinfacht wird geminirtes // in -fei, feldi, feldin. 

— Zu succan C 3202 füge noch succa 822, das vielleicht verschriebene 
suncan M 2446 und surikero C 3936. - — § 99. Zu simblun, simbla stellt sich 
mmbh C M 3339. — Zu dem dat. pl. auf -w s. Unt., S. 145 und S. 153. — 
Über das Verhältniss von -^n und -n im dat. sg. der st. Adj. s. Unt, Exe. II.; 
die 1. sg. der 3. schw. Conj. hat niemals -m oder -w, die der 2. nur -n. 
C kennt nur hiun, einmal 481 bion, M nur biujyi; C uuaston 2523. 2410. 
2506, uimstom 1749, 2557. M nur unu^iom (s. Unt, S. 128). M dorn und 
don. — § 102. Vor dem Spiranten s ist n nicht ausgefallen : anst, kunst, consta, 

— Anm. ßnden auch M 3873; niund auch M 1293; C hat mehremale auch 
-ent in der 3. pl. cf. § 258. — § 104. Anm. 2. auch rum2)husla (Madan Nr. 55). 

— § 105 wird fälschlich auf § 105 statt auf § 106 verwiesen. — Eingeschobenes 
h in simbla, surnble, — § 107. hat auch einigemale (861. 1513. 1856. 
2323) uu statt u in neuuan. — § 111. Das anlautende u statt f findet sich 
in M meist nur nach den Präfixen bi- und ge- (1228); ausserdem nur in uiln 
5078, enuald 3747. 3767. 3842, enualdes 1068 und Jieouandi 4027; in barleosan 
1733 ist b offenbar Schreibfehler. — § 112. Neben craht 38 ist thurhßig 
C 525 bemerkenswerth. — § 114. 6 in ruob (- 5398; geb M 1522; u in selu 
C 78; C 259 liest Sievers nicht lieii, sondern lief. — § 115. Die Bemerkung, 
dass in Crist sich meist e finde, widerspricht dem in der Anm. über Krist ge- 
sagten. — § 116. Hinzuzufügen: bisiiikean 1311, gihuilikies C 2284, .s/^r^- 
kenn 1432. 2307, ickean 844. — § 122. Zur palatalen Aussprache des g vor i 
vgl. noch imentlion M 863. — § 125. Die Beispiele für mahtina sind nicht 
vollständig (s. Unt, Exe. III), der Beleg für craftiiia falsch; es muss heissen 3130. 
2986. — Ausgefallen ist g ferner in gifran V 2621. 3347. 3883. — § 126. 
sluggun M. 2409 halte ich für Schreibfehler statt sluogun. — § 129. Fehlt zu 
hlod (lot V) das Citat 2397. — § 130. Abgefallen ist h auch in nchmanan M 
556. — § 131 a). Der Ausfall des h ist häufiger im Heliand, als es nach den 
Beispielen bei 0. den Anschein gewinnt. — b) Die Vertretung von ursprüng- 
lichem w oder y durch h hätte deutlicher gemacht werden sollen. -- § 133. 
In thurh fällt h in ausnahmslos ab. — § 134. „t.s in M saepissime, in C 
saepius" Schni eller. — §'139, Anm. 2, gclobistu gehört mit farsachistu, mahtu 
zu § 149 ; statt dessen hätten die praet custa, sohia, lesia, boita, geuuarhta, 



157 

seita erwähnt weiden Bollen. — § 140. Über den Abfall yon d nach n in C 
8. ünt, S. 13; in M ist sin 1352 ein Beispiel. — § 153. Hier hätte das ss 
in der Decl. von these und im poss. pron. d. 1. pl. (z. B. u^so C 621, ussan 
O 2568) nicht übergangen werden sollen. — § 145. Da in § 122 auf die 
Eigennamen der Fr. H. Bttcksicht genommen war, hätte auch das z in den Kose- 
formen auf 'XO erwähnt werden können. — Auch in der Nominalflexion wäre 
ein einleitendes zusammenfassendes Gapitel über die Flexionsendungen im All- 
gemeinen, und besonders über das Yerhältniss desselben in den einzelnen 
Heliandhss. sehr erwünscht. Dadurch hätt« manche Wiederholung erspart werden 
können und die Darstellung wäre übersichtlicher geworden. Auf die Mängel in 
der Anordnung der Endungen innerhalb der einzelnen Paradigmen ist schon oben 
hingewiesen. — § 157. Über das Yerhältniss Ton -es zu -as, -e zu -a in den 
Heliandhss. und Übrigen Denkm. s. Unt., Exe. VTII; über -os, -as, -a, -e ib., 
S. 102 ff. — Vermisst wird eine Bemerkung über die wichtigen flexionslosen 
Formen hus, -hem, morgan u. s. w. Anm. 2. -o im Instr. hat auch C, und 
M nicht nur 2910 s. Unt, S. 173. — Anm. 5. -^^m ist in M im Ganzen 14 mal, 
-om 9 mal zu belegen, s. Unt., S. 153 f. — Über den dat. pl. auf -an in C 
sagt G. nichts; ebenso nichts über den g. pl. auf -a. — § 158, Anm. 1. gaflie 
ist n. pl. = lat. furciUae (Gl. II, 725, 6). — § 162. Den instr. kirdie weiss 
ich nicht zu belegen. — Anm. 1, dukiras (Gl. II, 717, 32) ist pl. — § 166. 
Bei eo hätte der in M mehrfach zu belegende dat. sg. eo nicht fehlen dürfen. 

— § 168. Im gsg. fehlt die Endung -o, s. Unt., Exe. V. — Anm. 1. Spuren 
des flexionslosen nom. s. Unt., Exe. VII. — Anm. 2, cledthe ist n. pl. (Gl. II, 
726, 12). — Anm. 3. Über den dat. sg. von thioda s. Unt, Exe. VII. — Anm. 4. 
ficbane ist g. sg. — Anm. 5. thiadono kommt im Hei. nicht vor; über den 
g. pl. auf '0 und -ono s. Unt., S. 189 ff. — § 170. Im Paradigma fehlt 
sundiun für den dat. pl. — Anm. 2. dat. sg. auf -ie kommen nicht vor. — 
§ 174. Der dat. sg. seldo ist wahrscheinlich Schreibfehler (s. Sievers); der dat. 
pl. lantet treuuon 1016, 2323, treuun nur 291. — thiu ist ^a-stamm. — 
§ 175. Anm. 2, C 4312 gehört zu finistriu, — Anm. 3. kopanbandi Fr. H. 
553 möchte ich trotz des vorhergehenden gibunt für acc. pl. halten. — Anm. 4. 
Der dat. pl. erscheint in eldion {-dun M) 267; -e statt -i hat auch P in dope 
961. — § 176. Es hätte erwähnt werden sollen, dass die Wörter auf -nissi 
ihren dat. sg. auch nach der Analogie der neutr. ^a-stämme bilden. — § 178. 
hugi passt schlecht zum Paradigma, da es im pl. nicht vorkommt. — § 179, 
Anm. 1. Dtsg. stida Fr. H. 426. — § 181. Über den dat. pl. skepiun s. Unt., 
S. 124. — § 182. Neben ijourme sollte im dat. sg. wegen uuikti auch tourfni 
stehen; im dt. pl. ist die Endung -in die seltenste. — Anm. 1. brande gehört 
wegen brandos (Gl. II, 582, 52) nicht zur t-decl. — § 183. eldi gehört als pl. 
zu dem § 175, Anm. 2 behandelten eldi. — § 184, Anm. 1. 4182 hat M nicht 
tidis, sondern tidio. — Anm. 2. erde ist wahrscheinlich Druckf. für ferde C 2845. 

— ferde wie dade C 4860 zeigen die auch sonst noch in C vereinzelt vor- 
kommende Schwächung von auslautendem -i zu -e, — gimmlde M 2889 kann 
dat. sg. der o-decl. sein. — Anm. 3. uimdiu {-i C) halte ich für den instr. 
Fem. — Anm. 5. Hier durfte die Form des acc. pl. dcid (s. Heyne, Glossar) 
nicht fehlen. — Anm. 6. Die Zahl 3 für den gpl. auf -o in C. ist ganz falsch ; 
ich zähle allein 16 Belege für liudo (leodo). — Anm. 7. Auch im dat. pl. lässt 
C zuweilen das i fort, allein 5 mal in liudon, — § 185. Anm. thesan uuidun 
uuerold steht 281 und 5629, thesan uuerold alla C 5622; s. darüber Unt., 
S. 34. — Über die Decl. von craft s. Unt, S. 216, über 3071 und 5970 Unt., 
S. 26. — § 186. thionost ist doch wohl wie im ahd. ntr. der o-decl. — § 189. 
dat sg. auch -e in friie (- d -) M 2810, fHihe (- d -) M 4210. — § 193 ff. 



158 

Wegen der n^st&iunie kann ich auf das in meinen ünt. niedergelegte Material 
verweisen; einen Theil der Fehler in G.^s Angaben habe ich schon in der Ein- 
leitung dazu verbessert. — § 193. Zum nom. sg. fehlt eine Bemerkung über -a; 
im gen. sg. ist -en in M nicht überwiegend; auch M hat im dat. sg. -an neben 
-on und seltenerem -en; für -ano im g. pl. ist -sagano C 3049 der Beleg; 
über das ganz vereinzelte -un im n. pl. sagt G. nichts ; -an kommt im Heliand 
nur im u. pl. uuwlogan 3816 vor; im acc. pl. kommt im Heliand weder 
'Un noch -an vor. — Die in den Anm. gegebenen Belege für g. sg. frohen C 
sind bis auf 3022 falsch; an den 3 genannten Stellen steht frohon. — § 195. 
Einen ^a-stamm bninnio anzusetzen halte ich für gewagt; hrunnion C 5473 
hat wie miekon C 2137, heliihie C 2200, sithie C 5460, uuüiie C 4247 
u. a. überflüssiges i. — § 196. Im Paradigma fehlt im g. und d. sg. die 
Endung -an. — Anm. 1. Im nom. sg. findet sich -e 22 mal (nicht 'nur einmal^) ; 
der g. sg. auf -on findet sich ausser der Freck. H., Ess. H. und Hom. auch in 
M. ; der d. sg. ist gerade in den meisten Denkm. (Beichte, Ps.-G., Str., Pmd. 
und Oxf. Gl.) -un, — Anm 5. Für den nom. pl. sind die Zahlen wieder falsch : 
-on in C zweimal, in M 8 mal; acc. pl. C 1, M 6 (7) mal. — Anm. 4, lothon 
ist nicht fem. und steht auch § 194 unter den masc. ; ebenso gehört thrufon 
zu einem masc. thrufo, — § 197, gimenOui kommt nicht vor; der acc. gimen- 
thon 86B gehört zu einem masc. gimeniho ; aueh die Ansetzung eines weibl. 
scatlui, crampa, spada lässt sich nicht rechtfertigen; copa heisst 'Kufe'. — 
§ 198, Anm. 2. Warum strengia 'wahrscheinlich schwach war\ ist mir unklar; 
der einzige Beleg ausser -strengi ist das vermuthlich verschriebene -strengiu 
M 4354. — § 201. Das einmalige uucUdandi C 260 berechtigt nicht, das -i 
ins Paradigma zu setzen. — § 207. dat. sg. -en nur ganz vereinzelt (Schreib- 
fehler?); -an nur in C. — -omo nur 1 mal {iuuuomo 1573 M), -umo existirt 
nicht; -emo nur vereinzelt in C. — Im dat. sg. f. sollte godaru vor godaro 
stehen ; dat. pl. -U7n und -om. — Für die kleinen Abweichungen im g. dat. sg. 
und g. dt. pl. der Paradigmata von god und helag ist kein Grund vorhanden; 
-U7nu kommt nw in M vor; almaJUigen C 476 ist nicht starker dat.; häufiger 
als -omo in den kleinen Denkmälern ist der nicht erwähnte Ausgang -atno, — 
Anm. 3. Der ganz vereinzelte n. pl. m. haß C 5413 genügt nicht zur Auf- 
nahme von god ins Paradigma; ebensogut hätte wegen open M 3078 god für 
n. pl. f. angesetzt werden können; „in C öfter a" stimmt nicht mit der That- 
sache, dass 7iur einmal ein nom. pl. fnioknie 3846 vorkommt; über den g. pl. 
auf -ra sagt G. nichts. — § 209. tnanag geht gerade nicht wie hekig. — 
§ 212. Im Paradigma fehlt zum dt. sg. hlithiun. — Anm. 1. -on einigemale 
in C und M s. Unt., S. 141 ; das von G. allein angeführte tuiflon M 1896 halte 
ich für den Inf. — § 216. Über -a im n. sg. sagt G. nichts; im g. dt. sg. ist 
-on die häufigste Endung; für -in könnte nur haftin geltend gemacht werden, 
das aber ebensogut starker dt. sein kann (Schreibf. für haftmi). — Im nom. 
ntr. ist -e nicht an erster Stelle zu nennen, da es hauptsächlich nur in M vor- 
kommt; im acc. nicht god^, da -o nur vereinzelt in C begegnet; im nom. fem. 
ist -o (4354 M) zu vereinzelt, um ins Paradigma aufgenommen zu werden; -e/ii 
im gen. sg. kommt überhaupt nicht vor. — § 218. n. sg. f. griotandi C 5914; 
n. pl. m. und fem. wären die nicht seltenen Formen anf -i zu erwähnen, z. B. 
masc. C 5672. 5872. fem. C 5741. 5744. — § 221. 'Die anderen Casus haben 
in C meist -un^^ doch nur im fem., und auch hier öfter -on; im masc. gen. -on, 
dat. unbelegt, acc. -an und -on, — 

In folgendem Verzeichniss von Schreib- oder Druckfehlern stelle ich die 
richtigen Formen voran. So muss es z. B. heissen: S. Y Madan stAÜ Madhan; 
S. 2, § 3, Anm. 1, Beitr. XH, 356 statt 287. — S. 6, § 12. i für iu 8. § 48 



159 

Anm. 1 statt Anm. 2. — S. 6, § 12. t aas in % 31, Anm. 3 (giebts nicht!). — 
S. 7, § 13. ia aus eo b. % 49, 50 statt 59, 50. — S. 7, § 13. ie = germ. ai 
% 41, Anm. 1 statt 2. — S. 7, § 13 tu in mw fehlt die Nr. des §. — S. 11, 
§ 30 a) 2. n. 3. imper. sg. streiche *n. 3/ ; gi% statt pf C 1067. — Beitr. IX, 
535 ff. .statt 539. — S. 12, § 30 c) »idu statt suia; Anm. 1, sebun statt 
söbwn. — Anm. 3. Das Citat Beitr. XTI, 380 ist falsch. — § 31. Das Citat 
Beitr. XIII, 120 ist falsch. — S. 13, § 32 : § 241 statt § 242. — § 33 tunga 
statt tungo, — S. 15, § 36: Das Citat muss heissen: Beitr. XI, 27. — ivfg steht 
2944 statt 2943. — landmegun statt -megin; getmedea steht M 1665 statt 
1605; 1672 steht geuuädi M. — S. 16, § 37 aiidraediyi steht C 2252 statt 
C 225. — S. 19. § 43, Anm. 2. herohode statt berohode, — § 44. Germ. XXXI 
statt XXX. — § 48, teoh steht 3203 statt 3201. — S. 20, § 48, Anm. 1, 
kodeon statt leodion, — § 49, Anm. 2, C 4431 statt 443. — 5078 steht 
thitido. — S. 22, § 55: -beri statt bere. — § 58, 1) Anm.: C 5802 statt 5803. 

— 4) biru statt beru, — S. 23, § 59 : forhti statt fm'Üd, — S. 25, § 69 : 
geiiniberd statt getimberid. — S. 26, § 70: 701 suuefne, C suefna, — § 71: 
C 3450 giriutian statt gariutmn. — S. 28, § 72. Z. 9 v. unten Jangsammie 
statt -a; Z. 8 v. unten C 4527 statt 4427. — S. 29, § 74: afsuobun statt 
afswohun] C atistiohun statt answobun. — § 78: Beitr. VI, 208 statt 207. 

— S. 30, § 84: C 4663 fullistiu; C 4679 fuUestie, M 4663 fullestiu. — 
S. 31, § 86: M 189 steht forseJieu. — S. 32, § 89: wonon statt wönon. — 
S. 33, Z. 2 : C 4693 statt 4593. — S. 34, § 95 : ftelend^ro 3558 statt 3559. 

— S. 35, § 98: Ödil statt odeL — S. 35, § 99: mft&r (-ur M) 3301 statt 
saßer, — S. 35, § 100: unbidcrbi M 5039 statt -bi; sliunio M, sniumo 
statt sliumo C, sniumo M cf. § 98 Anm. — S. 36, § 103, Anm. 2. C 646 
statt 146. — § 104. Wfl])an? statt wajmon. — S. 37, § 106 statt § 105. — 
S. 38, § 109 a): Beichte 38 statt 32. — b) frübrean statt frobrean\ fruohro 
statt fr6bro\ frofre statt fr6fra\ diuvilo statt dmvido. — c) 1/L stiebanos 688; 
streiche „und swefnos'^, füge hinzu siiefna C, suuefne M 701. — S. 39, § 112: 
tfiTuHgens statt tkruhtigens, — § 113: affieffian C 4324 statt alieffian. — 
S. 41, § 116. Die Verweisung auf § 36 ist falsch; die Citate sind durch man- 
gelhafte Interpunktion falsch geworden: tekean steht 844 und 1212, gis])rek^an 
164, be^prekean 1703, gisprokean 375. — S. 44, § 127 mohtig C 817 statt 
807. — S. 45, § 131 a) zu 1739 M fehlt der Beleg .(/c^eöwi; aslaan steht 1906 -, 
sean 2359; 3158 steht giseen. — S. 47, § 136, ensetlian, ensedlion statt 
enseüum, ensedlion. — S. 54, § 155: §§ 137, 151 statt §§ 150, 152. — 
S. 56, § 158: sceming statt scJieming. — S. 57, § 160: giscapu stAtt giscepu. 

— S. 66, § 185, Anm., gikrund M 2476 statt 2477. — § 186 thionost steht 
2905. — S. 70, § 197: luthara, lohn soll vielleicht das nnd. Muhre' sein? — 
§ 198 leccia statt leeeio] lungandian statt lungandiun, — S. 71, § 201, Anm. 
Z. 2 streiche *nom. pl.' — S. 75, § 213: edili statt edeli; awoti ^t^tt soti, — 
S. 78, § 220: swotera statt sotera, — § 221, Z. 3 von unten Beitr. IV, 346 
statt VI, 346. 

DORPAT. W^. Schlüter. 



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Jahrbuch 



des 



Yereins fllr niederdentscbe SpracMorscbung. 



Jahrgang 1892. 



xvm. 




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HORDEH und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1893. 



1 



Druck von Diedr. äoltau in Norden. 



Inhalt. 



Seite 

Karl Ernst Hermann Krause. Von Karl Koppmann 1 

Niederdeutsche und niederländische Volksweisen. Von Johannes Bolte 15 

I. Das Lied von der hlanen Flagge 15 

n. Eine niederländische Melodie des Siebenspmnges 16 

m. Pierlala 17 

IV. Drinck Liedeken 18 

Der Kaland des Pfaffen Konemann. Von K. Euliug 19 

Schatrowe im Sachsenspiegel, Lehnrecht IV, 1. Von C. Walther . . . 61 

Löven *sich belauben'. Von C. Walther 67 

Die Bechtsaufzeichnungen in niederdeutscher Sprache. Von H. Jellinghaus 71 
Ein bremisches Pasquill aus dem Jahre 1696. Von J. Fr. Iken . . . 79 

Lantstand der Glückstädter Mundart. Von J. Bernhardt 81 

Marienklage. Von B. Priebsch 105 

Ein viertes Blatt aus dem niedersächsiachen Pfarrherm von Kaienberg. Von 

B. Priebsch 111 

Zum Crane Bertholds von Holle. Von J. Bolte 114 

Rollenhagen über mundartliche Aussprache. Von W. Seelmann . . .120 
Niederdeutsche Fibeln des 15. und 16. Jahrhundert«. Von W. Seelmann 124 
Zu den Königsberger Pflanzenglossen im Ndd. Jahrbuch XVn, 81 ff. Von 

C. Walther 130 

Die mittelniederdeutschen langen o. Von W. Seelmann 141 

Zur altsächsischen Grammatik. (Anzeige.) Von W. Schlüter . . . . 160 



Karl Ernst Hernnann Krause, 

Biographische Skizze. 



Der Verein für niederdeutsche Sprachforschung hat durch den 
Tod seines Vorsitzenden, des Herrn Direktor Dr. Krause, einen schweren 
Verlust erlitten. Wie die Mitglieder wünschen werden, über den Studien- 
gang und die Lebensgeschichte des verehrten Heimgegangenen Näheres 
zu erfahren, so empfindet es der ihm befreundete Studiengenosse als 
eine Ehrenpflicht, ihm ein schlichtes, warm und wahr gezeichnetes 
biographisches Denkmal zu errichten. Schwer wird mir die Lösung 
der Aufgabe dadurch, dass das Wirken Krauses ein sehr vielseitiges 
war und teilweise Gebieten angehört, die mir völlig fremd sind, und 
dass unter seinen ungemein zahlreichen litterarischen Arbeiten sich 
keine Hauptwerke darbieten, die für die Skizzirung seiner Thätigkeit 
auf dem betreflPenden Felde zum natürlichen Mittelpunkt dienen könnten. 
Dazu kommt, dass ich zwar schon seit dem Jahre 18G6 mit Krause 
korrespondirt habe und ihm gleich bei meinem ersten Besuche Rostocks 
im Jahre 1869 in Folge der Herzlichkeit, mit der er dem jüngeren 
Fachgenossen entgegen kam, näher getreten bin, aber nur die letzten 
7^/2 Jahre an einem und demselben Orte mit ihm durchlebt habe. 
Andererseits ist mir von seinen Angehörigen ein Material zur Ver- 
fügung gestellt worden, das es mir ermöglicht, wenigstens auf die 
meisten und wichtigsten Fragen nicht nur überhaupt, sondern bald 
mit seinen eigenen Worten, bald unter Anführung urkundlicher Zeug- 
nisse antworten zu können. Zu besonderem Danke verpflichtet fühle 
ich mich Herrn Ludwig Krause, der mich durch ein sorgfältig 
gearbeitetes Verzeichnis sämmtlicher ihm bekannt gewordenen Aufsätze 
seines Vaters sehr wesentlich unterstützt hat. 

Karl Ernst Hermann Krause wurde 1822 Sept. 10 in der han- 
noverschen Stadt Northeim geboren. Der Vater, Louis Krause, war 
Offizier jener englisch-deutschen Legion gewesen, die sich nach der 
Konvention von Artlenburg (1803 Juli 5) und der Auflösung des ehe- 
maligen kurhannoverschen Heeres gebildet hatte, und stand nunmehr 
als Rittmeister im hannoverschen 3. Husaren-Regimente zu Northeim. 
Bis zu seinem 15. Jahre besuchte Krause das Progymnasium seiner 
Vaterstadt und erlernte bei den Lehrern Gödecke, Gieren und Deecke 
die Elemente des Lateinischen, des (xriechischen und der Mathematik. 

Nied«rd«iiUoh«s Jahrbuch. XVIU. 1 



Dann sandte ihn der Vater, der für den ältesten seiner Söhne das 
Einschlagen einer wissenschaftlichen Laufbahn wünschte, auf das 
Pädagogium zu Ilfeld. Durch den damaligen Rektor Windasch Michaelis 
1837 als Alumnus aufgenommen, befleissigte er sich, abgesehen von 
den alten Sprachen, insbesondere der Mathematik, die durch den 
Konrektor Hagen gelehrt wurde. Als er die Anstalt Ostern 1841 mit 
dem Zeugnis der Reife verliess, schrieb Hagen am 25. April an den 
Vater; ;,Ihr Sohn ist unter 11 Abiturienten nur noch mit einem Ein- 
zigen von den Uebrigen ausgezeichnet worden und es fehlte nur wenig, 
dass er den ersten Grad des Zeugnisses bekam. Die ganze geistige 
und was noch mehr ist die sittliche Haltung, die er bei manchen 
Versuchungen hier standhaft behauptet hat, scheint sichere Bürgschaft 
zu gewähren, dass er auch seine Universitätsjahre gut anwendet, und 
erregt die froheste Hoffnung fiii- seine Zukunft. — Er hat ein ent- 
schiedenes Talent für die Mathematik, und ich habe ihm entschieden 
dazu gerathen, diese Wissenschaft auf der Universität weiter zu 
studieren, auch hatte er Neigung dazu, und desswegen riet ich, er 
solle Philologie studieren, jedoch die Mathematik besonders treiben, 
sodass er einst etwa die Stelle eines Mathematikers an einem Gymnasium 
oder Realschule einnehmen könnte. Männer von diesem Fache sind 
noch immer sehr gesucht, und fast sicher ist darauf zu rechnen, dass 
ein solcher zeitig eine ehrenvolle Anstellung finden wird.^ 

Krause selbst hatte ursprünglich Medizin zu studieren beabsichtigt 
und mit Vorliebe auf den Wieterbergen bei Northeim und im Harz 
Botanik und Mineralogie getrieben, obwohl ihm niemals Unterricht 
in diesen Wissenschaften erteilt worden war. Dem Rate Konrektor 
Hagens folgend, Hess er sich jedoch Ostern 1841 auf der Universität 
Göttingen als Student der Philologie und Mathematik immatrikuliren. 
Aber schon im ersten Semester gab er sich, ohne die Mathematik 
zu vernachlässigen, vorzugsweise den philologischen Studien hin. Lehrer 
waren ihm unter Andern Mitscherlich, Schneidewin, von Leutsch, 
Wieseler und Hermann. Insbesondere waren es die beiden Letzt- 
genannten, ^der Kunstkenner des Alterthums Dr. Wieseler'', dessen 
philologischer Societät Krause angehörte, und ^der hochgelehrte, dabei 
practisch scharfe und mitten im Leben stehende Dr. K. Fr. Hermann^, 
denen er für seine geistige Entwickelung am meisten zu verdanken 
glaubte, Hermann namentlich sowohl als Leiter des philologischen 
Seminars, dessen Mitglied Krause zwei Jahre lang war, wie auch als 
alleinigem Direktor des damals zuerst für Philologen und Mathematiker 
neubegründeten pädagogischen Seminars , in dessen theoretische 
Abtheilung aufgenommen zu werden ihm für sein viertes Studienjahr 
vergönnt war. In seinem achten akademischen Semester bestand er 
vor der wissenschaftlichen Prüfungskommission zu Göttingen sein 
Staatsexamen in Philologie, Geschichte und Geographie, Mathematik. 

Ostern 1845 kehrte Krause, da ihm eine Lehrerstelle sich nicht 
sogleich darbot und eine Hauslehrerstelle nicht anstand, in die Vater- 
stadt heim. Hier erteilte er aushülfsweise für einen krank gewordenen 



Lehrer in einer Bürgerklasse des Progymnasiums, welche etwa 
00 Schüler zählte, seinen ersten Unterricht. Schon Michaelis desselben 
Jahres aber wurde er auf Grund des Ausfalls seines Staatsexamens 
zur zweiten Abteilung des pädagogischen Seminars nach Göttingen 
zurückberufen, um unter der Leitung des tüchtigen Direktors Dr. August 
(ieffei*s praktisch am dortigen Gymnasium zu arbeiten. Statt der vor- 
f^eschriebenen zwei Jahre sollte er jedoch hier nur ein halbes Jahr 
bleiben. Drei Monate nach Krauses Eintritt hatte nämlich der bis- 
herige Konrektor zu Göttingen Gravenhorst das dortige Gymnasium 
verlassen, um einer Berufung zum Professor an der Ritterakademie 
zu Lüneburg Folge zu leisten, und auf dessen Empfehlung hin wurde 
Krause zu Ostern 1846 als Lehrer und Hofmeister (aufsichtführender 
Lispicient) an derselben Anstalt angestellt. 

Für den damals erst Dreiundzwanzig;jährigen wurde die Zeit 
seiner Wirksamkeit in Lüneburg von 1846 — 1850 in mehrfacher Be- 
ziehung bedeutungsvoll. Seine Stellung als Hofmeister war nicht 
leicht, denn vorschriftsmässig hatte er als solcher eine ins Minutiöse 
gehende Aufsicht über die Eleven zu führen und zwar auch über die 
Primaner, deren ältester kaum zwei Jahre jünger als er selbst war. 
Von den Fächern, in denen er in Göttingen, hauptsächlich in der 
realistischen Quarta, unterrichtet, konnte er fiir die Tertia der Ritter- 
iikademie Deutsch und Latein beibehalten, statt Geschichte und 
(reographie musste er aber neben dem Griechischen auch die Natur- 
geschichte übernehmen ; dazu kam Mathematik in der Quarta. Später, 
dii Professor Gravenhorst als erster Inspicient eintrat, erhielt Krause 
einen Theil des Unterrichts in der Secunda, und als jener 1848 als 
Reiehstagsabgeordneter nach Frankfurt ging, musste er einen Theil 
v(m dessen Stunden in der Prima übernehmen. — Da die Zahl der 
Unterrichtsstunden im Ganzen eine geringe war, so hatte Krause Zeit, 
sich wissenschaftlich weiter zu bilden. Die alte Neigung, die ihn 
l)enihigt hatte, den naturgeschichtlichen Unterricht zu erteilen, regte 
ihn zum Sammeln und Erforschen der Heideflora an. In gleicher 
"Weise übten auch die Schätze der Lüneburger Bibliothek ihre An- 
ziehungskraft auf ihn aus, und neben der Beschäftigimg mit der 
Spezialgeschichte, insbesondere ihrer kulturhistorischen Seite, trat für 
ihn das Studium der Muttersprache und vornehmlich des damals noch 
so wenig gepflegten Mittelniederdeutschen in den Vordergnmd. — Aber 
auch den Einwirkungen der Zeitverhältnisse konnte und wollte Krause 
sich nicht entziehen. Als einflussreiches Mitglied des Lüneburgischen 
Bürgervereins, dessen Schriftführer er war, und als Mitredakteur eines 
oppositionellen Blattes (Vorwärts, Limburger Volkszeitung) trat er 
dem liberal, aber specifisch hannoversch gesinnten Ministerium Stüve 
gegenüber mit Wort imd Schrift für das Programm liberal und national 
ein, an dem er sein ganzes Leben hindurch festgehalten hat. Er war 
ein entschiedener Gegner des Socialismus, interessirte sich in Folge 
dessen lebhaft für die Arbeitervereine — der zu Lüneburg hatte ihn 



1849 zu seinem Präsidenten elf wählt — und war auf das Eifrigste 
für die Beschaffung guter Volksbibliotheken thätig, indem er die 
Ansicht verfocht, dass die Gewöhnung an eine gediegene Nahrung des 
Geistes und die daraus erwachsende nationale Bildung die einzig wirk- 
same Waffe in dem Kampf gegen den gerade durch seine Unklarheiten 
fanatisirenden Socialismus sei. Durch diese seine Anteilnahme an den 
politischen imd socialen Fragen war Krause in Lüneburg in weiten 
Kreisen bekannt und geschätzt. ^Jeder Lüneburger^, konnte er im 
Juli 1849 an einen seiner Oheime schreiben, der mit seiner politischen 
Richtung und insbesondere mit deren Bethätigung in der Oeffentlich- 
keit nicht einverstanden war, „Jeder Lüneburger wird Dir meinen 
Namen mit Achtung nennen, selbst die Gegner alle, falls sie nicht zu 
den „Extremen" gehören." 

Als im Jahre 1850 die Ritterakademie zu Lüneburg aufgehoben 
wurde, ward Krause, der sich zwei Jahre vorher entschieden gegen 
die Zulässigkeit von Pädagogien ausgesprochen hatte (Blätter für das 
gesammte Schulwesen des Hannoverschen Landes, 1848), an das Gym- 
nasium zu Stade versetzt. Anfangs war er Hauptlehrer der ersten 
Realklasse und unterrichtete im Französischen, Lateinischen und 
Deutschen, dann der humanistischen Tertia, in der er Deutsch, Lateinisch 
und Griechisch lehrte. Ausserdem erteilte er wechselnd in der zweiten 
Realklasse und der Quarta Unterricht in Latein, Geschichte, Geographie 
und Naturgeschichte, ständig in der Secunda in Latein, Griechisch, 
Geschichte und Geographie und wiederholt stellvertretend für den 
erkrankten Direktor, Vierteljahrs- oder halbjahrsweise, in der Prima 
in Latein, Griechisch, Deutscher Litteratur und Aufsatz. Später rückte 
er zum ersten Konrektor auf, war Ordinarius der Tertia und unter- 
richtete ständig in der Prima im Deutschen und im Lesen der griechischen 
Dichter. Daneben hatte er etwa 6 Jahre lang die Leitung des Turn- 
unterrichts und auch die Schulbibliothek stand unter seiner Verwaltung. 
— Trotz dieser Vielseitigkeit der Lehrthätigkeit fand Krause Zeit, 
die verschiedenartigen Arbeitsfelder, die er sich in Lüneburg aus- 
ersehen, mit Energie zu bestellen. Die Kenntnis der Botanik wurde 
durch das Studium der Wasser- und Moorpflanzen in der Umgegend 
Stades erweitert. In Petermanns Geographischen Mittheilungen äusserte 
er sich über den Höhenrauch (1858) und berichtete über Ergebnisse 
der damals bei Stade vorgenommenen Bohrungen (1858: Ein neuer 
Gypsstock im Nordwestdeutschen Tiefland, 1859: Der Gypsstock bei 
Stade; Bohrungen bei Warstade). Von der fortgesetzten Pflege der 
Muttersprache und der Beschäftigung mit der deutschen Litteratur 
zeugen einestheils die praktischen Zwecken dienende ^Kurze hoch- 
deutsche Sprachlehre", die zu Stade 1855 in erster, 1882 in fünfter 
Auflage erschien, anderntheils die Beiträge, um deren willen ihn die 
Gebrüder Grinmi unter den Sammlern für das deutsche Wörterbuch, 
Kosegarten unter den Beihelfem zu seinem Wörterbuch der nieder- 
deutschen Sprache aufführten. Der am besten beackerte und ergiebigste 
Boden seiner wissenschaftlichen Thätigkeit wurde aber die Geschichte. 



5 

Neben den älteren Historikern wurden auch Urkunden studiert, ausser 
den städtischen diejenigen des Erzstiftes Bremen, die sich damals 
noch im Aelteren Kgl. Regierungsarchiv zu Stade befanden ; Denkmal- 
Inschiiften wurden entziffert und auch die Altertümer wurden in den 
Forschungsbereich hereingezogen. Als Schulprogramm erschienen 1856 
die „Beiträge zur Geschichte Stades" (eine Bearbeitung des Stader 
Stadterbebuchs von 1286), als Gelegenheitsschrift 1858 ;,Der Stader 
Aufruhr wider Andreas Bück 1376'', in der Zeitschrift des historischen 
Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1863, der Aufsatz „Zu den 
Gräflich Schwerin'schen Besitzungen am linken Eibufer und zur 
Topographie und Eintheilung des Alten Landes". Im Jahre 1857 trat 
zu Stade der „Verein für Geschichte und Altertümer der Herzog- 
thümer Bremen und Verden und des Landes Hadeln" zusammen, 
dessen Seele Krause war; gleich zu Anfang zum Schriftführer und 
Archivar erwählt, gab er 1863 und 1865 das „Archiv" heraus und 
steuerte seinerseits zu demselben eine Reihe grösserer und kleinerer 
Arbeiten bei, von denen hier nur die Veröffentlichung eines kultur- 
geschichtlich hoch interessanten Buches der Lade des Schlachteramtes 
aus dem 14. Jahrh. und die urkundlichen Beiträge zur Geschichte des 
Landes Wursten im 16. Jahrh. genannt werden mögen. — Seiner 
Neigung, sich an den Fragen des praktischen Lebens zu beteiligen, 
bot sich vielfache, bereitwillig ergriffene Gelegenheit. Er war ein 
thätiges Mitglied der national-liberalen Partei, schrieb regelmässige 
Korrespondenzen für die Weser-Zeitung und war fleissiger Mitarbeiter 
wie am Stader Wochenblatt (1857 — 1860, Stader Wochenblatt und 
Anzeiger 1860—1861) und am Bremer Sonntagsblatt (1833 — 1839), 
so auch an dem von Robert Prutz herausgegebenen Deutschen Museum 
(1856 — 1859). Für die Mützeirsche Zeitschrift für das Gymnasial- 
wesen schrieb er über die Gehaltsverhältnisse der hannoverschen Lehrer 
(Jahrg. 12, 1858; Jahrg. 13, 1859); bei der Umänderung der bis- 
herigen von 1840 stammenden Schulgesetze des Stader Gymnasiums 
wurde er von der dazu eingesetzten Kommission mit der Redaktion 
des neuen Entwurfs beauftragt und in einer Kommission für Erbauung 
einer Turnhalle führte er den Vorsitz. Auch dem Vorstande des Handels- 
vereins gehörte er als Mitglied an. 

Im Jahre 1857 hatte sich Krause um die Direktor- Stelle der 
höheren Bürgerschule beworben, die damals in Bremerhaven gegründet 
werden sollte; die Verhandlungen hatten sich jedoch zerschlagen, da 
die in Betreff der Organisation gemachten Voraussetzungen sich als 
unzutreffend erwiesen. In dem zu dieser Bewerbung nachgesuchten, 
vom hannoverschen Ober-Schul-KoUegium am 11. Oktober 1857 aus- 
gestellten und vom Oberschulrath Dr. Kohlrausch unterzeichneten 
Zeugnis heisst es folgendermassen: „Der Konrektor Krause . . hat . . . 
während seiner Anstellung zu einem der wirksamsten und praktisch 
bewährtesten Schulmänner Unseres Vei'waltungskreises sich ausgebildet. 
Seine Brauchbarkeit erstreckt sich über einen grossen Theil der Lehr- 



6 

gegenstände einer höheren Schule und es kann ihm der Unterricht in 
den alten Sprachen, im Deutschen, in Geschichte, Geographie und 
Mathematik mit vollem Vertrauen ühertragen werden. — Sein Unter- 
richt zeugt von Giündlichkeit des Wissens und von natürlicher Lehr- 
gabe, von Lebendigkeit des Geistes und von Gewandtheit des Vor- 
trages ; seine Methode beurkundet den denkenden und geül)ten Lehrer. 
Zur Handhabung der Disciplin besitzt er die erforderliche Autorität 
und es haben ihm auch die zahlreichsten Klassen in dieser Hinsicht 
keine Schwierigkeiten gemacht. — Bei der dem Konrektor Krause 
innewohnenden Einsicht in den Organismus der Schulen, bei dem Eifer 
und der Gewissenhaftigkeit, womit er dem Lehrerberufe lebt, bei der 
Festigkeit seines Charakters und den empfehlenden Eigenschaften 
seiner Persönlichkeit können Wir nicht zweifeln, dass derselbe eine 
höhere Bürgerschule mit Geschick, Energie und glücküchem Erfolge 
leiten und als Vorsteher die richtige Stellung zu Mitlehrern, Schülern 
und Eltera einnehmen werde." — Wie hoch man Krause in Hannover 
als Direktor schätzte, erhellt auch aus dem Umstände, dass der Schul- 
rath Schmalfuss sich bemühte, den 1865 nach Rostock Uebergesiedelten 
wiederzugewinnen und bei dieser Gelegenheit am 11. September 1868 
an ihn schrieb : „Sie gehören zu denjenigen unserer Directoren (lassen 
Sie mich Sie noch zu den Unsrigen zählen!), denen ich die Kraft und 
die sonst noch erforderlichen Eigenschaften zutraue, um das Andreanum 
in Hildesheim, eine der schwierigsten und zahlreichsten Anstalten in 
unserm Lande, sicher lenken zu können." 

Die Uebersiedelung von Stade nach Rostock wurde dadurch ver- 
anlasst, dass der hiesige Rath an den Oberschulrath Dr. Kohlrausch 
das Gesuch gerichtet hatte, ihm geeignete Kräfte für die Neubesetzung 
des Direktorats der Grossen Stadtschule zu empfehlen, und auf Gnind 
der von diesem erhaltenen Auskunft die Berufung an Krause hatte 
ergehen lassen. Am 24. April 1805 fand zu Rostock der Austritt 
des bisherigen langjährigen Direktors, des Prof. Dr. Gottlob Ludwig 
Ernst Bachmann, und die Einführung des neuen Direktors durch den 
wortführenden Bürgermeister Dr. Crumbiegel statt. Gleichzeitig trat 
auch der Kondirektor Dr. Mahn von der Mitleitung der Schule zurück 
und nacli einem halben Jahre wurde der Kondirektor Dr. Busch eben- 
falls in den Ruhestand versetzt. Für die (Charakteristik der bisherigen 
Verhältnisse der Anstalt, deren Leitung und Neugestaltung Krause 
anvertraut worden war, wird die Aniuhmng der lieiden Thatsachen 
genügen, dass erstens das sogenannte Disciplinar-Direktorium schon 
vor 20 Jahren von Direktor Bachmann abgetreten und Anfangs durch 
Kondirektor Dr. Mahn, seit 1846 durch den nunmehr ebenfalls zum 
Kondirektor ernannten Dr. Busch verwaltet wurde, und dass zweitens 
einer der ersten Schritte des neuen Direktors darin bestand, das bisher 
übliche Diktiren abzuschaffen und durch die Einführung von Lelir- 
und Uebungsbüchern zu ersetzen. Wollte ich versuchen, die Neu- 
gestaltung des höheren Schulwesens in Rostock, die zunächst Krause 



verdankt wird, näher darzulegen, so würde ich den Ralimen einer 
biographischen Skizze verkennen, die zunächst für die Mitglieder des 
Vereins für niederdeutsche Sprachforschung entworfen sein soll. In 
aller Kürze kann nur gesagt werden, dass aus der Grossen Stadtschule, 
die bei Krauses Antiitt aus 4 Gvmnasial-, 3 Real- und 3 kombinirten 
Klassen bestand, zwei von einem gemeinsamen Direktor geleitete 
Anstalten, das Gymnasium und das Realgymnasium (bis 1884 Real- 
schule I. Ordnung) geworden sind, von denen sich 18()7 die unter 
eigenem Direktorat stehende Höhere Bürgerschule abgezweigt hat. 
Näheren Aufschluss über die Organisation geben die in den Schul- 
programmen abgednickten Lehrpläne, die, da das Schulwesen Rostocks 
nicht unter der unmittelbaren Autorität der Grossherzoglichen Regiening 
steht, von Krause direkt ausgingen. Wie von massgebender Seite in 
Rostock über ihn als Dirigenten und Lehrer geurtheilt wird, mag das 
nachfolgende Beglückwünschungsschreiben beurkunden, das am 24. April 
1890 Bürgermeister und Rath an ihn richteten. 

„Am heutigen Tage, an welchem Sie vor 25 Jahren das Amt 
des Directors unserer Grossen Stadtschule übernommen haben, blicken 
Sie zurück auf eine reich gesegnete Thätigkeit. Sie haben die Ihnen 
anvertrauten beiden grossen Schulanstalten, das Gymnasium und Real- 
gymnasium, mit ausserordentlichem Geschick geleitet und auf das 
Gedeihlichste verwaltet. Sie haben schwierige Organisationen mit 
unermüdlichem Fleisse und grosser Sachkenntnis erfolgreich durch- 
geführt, durch Ihre von seltener Begabung, Tüchtigkeit und Pflicht- 
treue zeugende Leitung die Zwecke der Anstalten, — der Jugend 
Pflanzstätten der wissenschaftlichen Bildung und der Erziehung zu 
aufrichtiger Gottesfurcht, sittlichem Wandel, pflichtgetreuer Arbeit 
und echter Vaterlandsliebe zu sein, — in vollem Masse erreicht. Als 
Lehrer haben Sie durch Ihre pädagogische Erfahnmg und Ihr reiches 
Wissen Ihre Schüler wesentlich gefiirdei-t, und durch Ihre Wahrhaftigkeit, 
durch Ihren Charakter, durch Ihren regen wissenschaftlichen Sinn und 
Ihren Patriotismus auf dieselben vorbildlich gewirkt. — W^ir danken 
Ihnen aufrichtig für Ihre treue langjährige Arbeit, die unserem Gemein- 
wesen zu grossem Segen gereicht hat, und wünschen, dass Gott Ihnen 
rüstige Kraft und Gesundheit noch lange erhalten, dass Glück und 
Zufriedenheit Ihre Lebenstage verschönern möge, und Ihnen der Lohn 
treuester Pflichterfüllung in der allgemeinen Achtung und Anerkennung 
und der dankbaren Liebe Ihrer Schüler stets in reichstem Masse zu 
Theil werde !^ 

Die wissenschaftlichen Arbeiten Krauses während der 27 Jahre 
seines Lebens in Rostock gehören — abgesehen von der Natur- 
geschichte — der Philologie, insbesondere der niederdeutschen Sprach- 
forschung, und der Geschichte an^), und seine Leistungen in diesen 

') Ein bibliographischer Beitrag (Petzholdts N. Anzeiger für Bibl. 1879, H. 5 
über die erste Ausgabe von Aurogallus^ hebräischer Grammatik) wird von Krause 
selbst in der AUgem. Deutschen Biographie 22, S. 793 angeführt. 



8 

Wissenschaften waren es auch, welche die Universität Rostock ver- 
anlassten, ihn bei Gelegenheit der Jubelfeier der Grossen Stadtschule 
am 1. Februer 1880 zum Doctor phüosophiae honoris causa zu er- 
nennen. Das vornehmste Forschungsgebiet, dem er immer mehr und 
mehr seine Arbeitskraft zuwandte, war aber die Geschichte. Wie er 
in Stade dem historischen Verein für Niedersachsen (seit 1856 Dez. 31) 
angehört und den Stader Verein mitbegründet hatte, so trat er in 
Rostock dem Verein für meklenburgische Geschichte und Altertums- 
kunde bei (1865 Juli 10) und gehörte zu den Mitstiftem des 1883 
gegründeten Vereins für Rostocks Altertümer, dessen stellvertretender 
Vorsitzender er bis gegen Ende des Jahres 1891 blieb. Auch befand 
sich Krause unter denen, welche 1871 zu Lübeck den Hansischen 
Geschichtsverein konstituirten. Zum korrespondirenden Mitgliede 
ernannte ihn die Abteilung des Künstlervereins für Bremische Geschichte 
und Altertümer (1867), der Harzverein (1879), der Verein für 
Hamburgische Geschichte (1882), die Gesellschaft für Geschichte und 
Altertumskunde der Ostseeprovinzen zu Riga (1882), der Verein für 
Lübeckische Geschichte und Altertumskunde (1890). Zum Ehrenmitglied 
erwählt wurde er von der Historischen Gesellschaft zu Berlin (1880), 
vom Stader Geschichts- und Altertumsverein (1881) und von der 
rügisch - pommerschen Abteilung der Gesellschaft für pommersche 
Geschichte und Altertumskunde (1892). Arbeiten Krauses finden sich 
in der Zeitschrift des Harz Vereins für Geschichte und Altertumskunde 
(Jahrg. 14: Zu den Sangerhausenschen Gütern im Bremischen; 
Jahrg. 21: Erasmus Sarcerius), im Stader Archiv (Bd. 3, 5 — 7, 9, 11, 
insbesondere die aus den Handschriften herausgegebenen geographischen 
Beschreibungen der Herzogtümer Bremen und Verden von Dietrich 
von Stade und Georg von Roth und das durch G. J. H. von Bonn 
verfertigte Lagerbuch der genannten Herzogtümer), in der Zeitschrift 
des historischen Vereins für Niedersachsen (Jahrg. 1867: Hexenprozesse 
im Gerichte St. Jürgen, Niederende, 1550 und 1551), im Jahresbericht 
des Museumsvereins für das Fürstentum Lüneburg (10 — 13: Zur Ent- 
wickelungsgeschichte der Lüneburger Sülze), in der Zeitschrift des 
Vereins für Hamb. Geschichte (Bd. 5: Die Handschrift von Mathias 
Reder's Hamburgischer Chronik und ein gleichzeitiges historisches 
Lied) und in dessen Mitteilungen (1879, 1881, 1890), in der Zeitschrift 
der Gesellschaft für Schleswig-, Holstein-, Lauenburgische Geschichte 
(Bd. 5: Nachtrag zu den Ditmarschen - Liedern auf die Schlacht von 
Hemmingstedt, 1500, und Bd. 11: Zur Ditmarschenschlacht von 1500), 
in der Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Alter- 
tumskunde (Bd. 3 : Ein verschollener Lübecker Festtag) und in dessen 
Mitteilungen (1884 — 86, 1888, 1889), in den meklenburgischen Jahr- 
büchern (Bd. 47 : Dr. theol. Boger oder Hinricus Flexor, der Begleiter 
Herzogs Erich nach Italien 1502 — 1504, und Der Leibarzt Dietrich 
Ulsenius), in den Beiträgen zur Geschichte der Stadt Rostock (H. 2: 
Empfehlungsbrief des General Gallas für Rostocker Seefahrt nach 
Dünkirchen und: Die Jahrzahlvcrse am Südportal der Marienkirche), 



9 

in den Monatsblättern der Gesellschaft für Pommersche Geschichte 
und Altei*tumskunde (Jahrg. 3: Pommern in Rostock; Jahrg. 5: Die 
. Glocke ;,Nachtigall^ des alten Rathauses in Anklam; Zum Pommerschen 
ürkundenbuche ; Jahrg. 6: Die Pommerschen v. Peutz), in den Mit- 
teilungen aus der livländischen Geschichte (Bd. 13: Dr. Heinrich Bogers 
Gedicht auf die Promotion des späteren Erzbischofs von Riga Johannes 
Blankenveld), in den Sitzungsberichten der Gesellschaft für Geschichte 
und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands (Jahrg. 1884: 
briefliche Notizen, die vom Präsidenten mitgeteilt worden waren), 
in den Hansischen Geschichtsblättern (1879: Zwei Lieder Domanns 
und: Zu den Seeörtem. Geister, Gitscho = Gedser: 1880 — 1881: 
Zu den Bergen'schen Spielen und: Strandvresen ; 1884: Rostock im 
Mittelalter; 1885: Die Clironistik Rostocks und: Rostocker historisches 
Lied V. J. 1549; 1886: Die Rostocker metallenen Normalscheffel und 
das Eichverfahren des Mittelalters und: Stagnum, Das Baltische Meer); 
in den Forschungen zur Deutschen Geschichte (Bd. 15: Ida von Els- 
thorpe und ihre Sippe; Bd. 18: Die Gründer von Rastede und ihr 
Zusammenhang mit Ida von Elsthorpe und dem Oldenburger Grafen- 
liause; Bd. 19: Der Chronist Matthias Döring; Dietrich von Niem, 
Konrad von Vechta, Konrad von Soltau, Bischöfe von Verden 1395 
bis 1407; Bd. 22: Nochmals die Bischöfe von Verden Dietrich von 
Niem und Konrad von Soltau) und im Neuen Archiv (Bd. 10: Zu den 
Versen im Neuen Archiv IX, 628; Bd. 16: Zu Widukind I, 12.) 

Von besonderer Bedeutung für Krauses Arbeitsrichtung wurde 
die Mitarbeiterschaft, die er zwei grösseren Unternehmungen, der von 
Rancke angeregten Deutschen Biographie und den Jahresberichten der 
Geschichtswissenschaft, widmete. Mit lebhaftem Interesse durchmusterte 
er die Entwürfe zum Verzeichnis derer, die in die Biographie auf- 
genommen werden sollten, und die mit einem ausgebreiteten Wissen 
verbundene warme Anhänglichkeit an die Stätten seines Aufenthalts, 
Lüneburg, Stade und Rostock, Hessen ihn regelmässig Männer auf- 
finden, die seiner Meinung nach auf dieser Deutschen Ehrentafel eben- 
falls einen Platz verdient hatten; immer bereit. Hülfe zu leisten, über- 
nahm er gern die ihm angetragenen Artikel und bewies in deren 
schneller Bearbeitung sein Talent für die Sanmilung der einschlägigen 
Nachrichten und eine seltene Energie in der Konception. Aus der 
grossen Zahl der von ihm herrührenden Artikel — gegen 400 — sei 
nur einer ausdiücklich hervorgehoben, in welchem uns in Anlehnung 
an die über Lothar Udo II. von Stade erhaltenen Nachrichten eine 
sorgfältig gearbeitete Revision der Genealogie des ganzen Stader 
Grafenhauses gegeben worden ist (Bd. 19, S. 257 — 261). Für die 
Jahresberichte lieferte er für die Jahre 1878 — 1890 über Schleswig- 
Holstein mit Hamburg und Lübeck, Mecklenburg und Pommern (für 
die Jahre 1888 — 1890 in zwei Abteilungen: a. Bremen, Hamburg, 
Lübeck; b. Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern) ein Referat, 
das sich durch die Sorgfalt auszeichnet, mit der trotz der Grösse des 
Bereichs Alles aufgezählt wird, was irgendwie füi* die Prähistorie und 



10 

die Geschichte von Interesse ist. Eine Vorarbeit für seinen Jahres- 
bericht waren ihm die Besprechungen, die er fiir'ciie Rostocker Zeitung 
über neue Erscheinungen auf den Gebieten der mecklenburgischen und 
hansischen Geschichte und der niederdeutschen Sprache zu liefern 
gewohnt war; in der Regel sind sie knapp gehalten und beschränken 
sich auf einen kurzen, häufig von kritischen Bedenken begleiteten und 
mit Berichtigungen oder Ergänzungen verbundenen Bericht; zuweilen 
aber gehen sie auch ausführlich auf den betreffenden Gegenstand ein 
und bewähren neben der umfassenden Kenntnis des Beurtheilers die 
Schärfe seines kritischen Blicks.*) Auch eine Reihe selbstständiger 
Aufsätze und kleinerer Mitteilungen aus dem Gebiete der Geschichte 
und Altertumskunde Rostocks hat Krause in der Rostocker Zeitung 
erscheinen lassen; in Separatabdruck ausgegeben wurde der Aufsatz: 
Zum dreihundertjährigen Bestehen des Bröcker Stiftes in Rostock 
(Rost. Zeitung 1883, Nr. 17, 21, 23). 

Die Beschäftigung mit norddeutscher Specialgeschichto führt den 
sprachlich irgendwie Veranlagten wohl von selbst auf das Studium 
des Mittelniederdeutschen hin. Der philologisch geschulte Krause 
ergab sich, während er — abgesehen von der Herausgabe der Ver- 
handlungen der 30. Versammlung deutscher Philologen und Schul- 
männer zu Rostock, 1876, deren zweiter Präsident er gewesen war, — 
auf dem Gebiete der klassischen Philologie nicht schriftstellerisch auf- 
trat, der niederdeutschen Sprachforschung um so bereitwilliger, als er 
bei dem Wechsel seines Aufenthalts, erst im Göttingischen, dann in 
Lüneburg und Stade, endlich in Rostock, durch das praktische Leben 
verschiedene Mundarten kennen gelernt, den Wortschatz bereichert 
und das Ohr für dialektische Unterschiede geschärft hatte. An Hülfs- 
mitteln für die Beschäftigung mit den betreffenden Mundarten boten 
sich ihm der Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs 
und seit 1858 Schombachs Wörterbuch der niederdeutschen Mundart 
der Fürstenthümer Göttingen und (iiiibenhagen dar; die erste Ein- 
führung in den Wörterschatz des Mittelniederdeutschen wird er dem 
Glossar zu Lappenbergs Geschichtsquellen des Erzstiftes und der Stadt 
Bremen (1841) zu verdanken haben. Die beiden epochemachenden 
Ereignisse in der Geschichte der niederdeutschen Sprachforschung, 
das Erscheinen des grundlegenden Mittelniederdeutschen Wörterbuchs 
(seit 1872) und die Konstituirung unsers Vereins (1875 zu Hamburg), 
wurden von ihm mit lebhaftester Freude begrüsst und wie Lübben 
am Schlüsse des Werkes Krause unter denen aufzählt, die ihm Beistand 
geleistet, so enthält schon das erste Mitglieder -Verzeichnis des nieder- 



') Viele Besprechungen einzelner Erscheinungen auf sprachlichem und histori- 
schem Gebiet finden sich ausserdem im Nd. Korrespondenzblatt, in der Deutschen Lit- 
teraturzeitung (1884 — 1892), im Literaturblatt f. rom. u. germ. Philologie (1886, 
1892), in den Mitteilungen aus d. bist. Litteratur (1889—1891), im Literarischen 
Gentralblatt (1891) und in der Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 



11 

deutschen Sprachvereins Krauses Namen. Nach Lübbeiis Tode (1884 
März 15) wurde er als dessen Nachfolger zum Vorsitzenden unsers 
Vereins erwählt und bis zu seinem Tode hat er ihn wie mit Sach- 
kenntnis, Umsicht und Energie, so auch mit warmer Liebe und hin- 
gebender Pflichttreue geleitet. Bei der Jahresversammlung füllte er, 
wenn einer der in Aussicht genommenen Vorträge hatte ausfallen 
müssen, bereitwillig die Lücke aus imd unsere beiden Vereinsorgane, 
das Jahrbuch und das Korrespondenzblatt, hatten an ihm einen 
fleissigen Mitarbeiter. Die formelle Seite der Sprache zog ihn, 
obgleich er auch ihr nie sein Interesse versagte, weniger an, als die 
suchliche, mit Geschichte, Litteratur, Kulturgeschichte oder Natur- 
geschichte in Verbindung stehende. Seine ersten Arbeiten auf diesem 
Gebiet waren in Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sitten- 
kunde 1855 erschienen (Bd. 2: Helle, Lüneburger Koepenfahrer; 
Mantel Gottes; Aus Lüneburger Vocabularien; De Snäkensten; Bd. 3: 
Stader und Nordheimer Kinderreime; Zu W. Grimms Bemerkung über 
den Wettlauf des Swinegels). Später brachten kürzere Beiträge von 
ihm K. Bartsch's Germania (Bd. IG: Kleine Mittheilungen, S. 89 — 98, 
S. 303—308; Bd. 22: Zu dem Gratzer Cisiojanus), die Zeitschrift für 
deutsches Alterthum und deutsche Litteratur (Zum Leben Jesu; 
Bemerkungen zu der Reise von Venedig nach Beirut; Besprechung von: 
Jacob, Welche Handelsartikel bezogen die Araber des Mittelalters 
aus den nordisch-baltischen Ländern) und die Zeitschrift für deutsche 
Philologie (Bd. 12: Mittheilung Zachers von brieflichen Bemerkungen 
zu Macer Floridus). Auch ein Artikel in der scheinbar sehr abgelegenen 
Zeitschrift für Numismatik gehört hierher (Bd. 15: Die friesische Tuna; 
Tahnbir). Wesentlich grösser ist die Zahl der zu unseim Korrespondenz- 
blatt beigesteuerten Beiträge, auf die jedoch hier nicht näher ein- 
gegangen werden kann. In unserm Jahrbuch erschienen von ihm: 
ein Kostocker historisches Lied aus dem Accisestreit von 1566 (1875) 
und die Statuten und Gebräuche der ^^Kopmann- unde Schipper- 
Bröderschaft^ zu Stade (1878); eine niederdeutsche Predigt des 15. 
Jahrhunderts (1876) und mittelniederdeutsche Bruchstücke (1886); 
Hans von Ghetelen aus Lübeck (1878); das Caput draconis und die 
Kreuzwoche (1877) und Bruchstücke eines mittelniederdeutschen Kalen- 
ders (1878); der abschliessende Aufsatz über das Hundekorn (1889); 
Bemerkungen zu Schiller - Lübbens mittelniederdeutschem Wörterbuch 
(1876) und das mit seltener Fachkenntnis geschriebene erklärende 
Wörterverzeichnis der Lüneburger Sülze (nebst Anhang, 1879); endlich 
die drei Aufsätze über Quetsche, Zwetsche (1886), Zitelose (1889), 
Bohne und Vietzebohne (1890), in denen ein reiches kulturhistorisches 
Wissen von der einen und eine genaue naturhistorische Kenntnis von 
der andern Seite der Sprachforschung die Hand reichen. 

Sowohl dem Verein der Freunde der Naturgeschichte in Mecklen- 
burg, wie der Naturforschenden Gesellschaft in Rostock gehorte Krause 
als Mitglied an. Im Archiv des erstgenannten Vereins finden sich 



12 

16 verschiedene Aufsätze von ilim, neun zoologischen, sieben botanischen 
Inhalts (1880—1882, 1889—1890). 

Endlich ist noch der Arbeiten zu gedenken, welche Krause in 
den von ihm 1866 — 1892 herausgegebenen Schulprogrammen — ab- 
gesehen von den in ihnen enthaltenen amtlichen Schulnachrichten — 
veröffentlichte. Unter ihnen sind diejenigen von 1873 und von 1880 
von besonderer Bedeutung: im ersteren, üeber den ersten und zweiten 
Theil der Rostocker Chronik, weist er in einer sorgfältigen Unter- 
suchung die Abhängigkeit der niederdeutschen Darstellung des Rostocker 
Aufstandes gegen König Erich Menved von Dänemark 1310 — 1314 
von der Reimchronik des Ernst von Kirchberg und die Geringwerthig- 
keit einer Kompilation von Notizen zur Geschichte der wendischen 
Städte von 801 — 1485 nach, während er im letzteren, Von der Rostocker 
Veide, die werthvolle niederdeutsche Chronik der Rostocker Domfehde 
von 1487 — 1491 zum ersten Male veröffentlicht. Aus der fortgesetzten 
Beschäftigung mit diesem Studienkreise ist der schon erwähnte Aufsatz 
„Die Chronistik Rostocks* hervorgegangen, die erste umfassende 
Zusammenstellung und wissenschaftliche Würdigung der historiographi- 
schen Arbeiten dieser Stadt; den Abschluss, den er mit der Heraus- 
gabe einer von 1559 — 1583 reichenden niederdeutschen Chronik und 
deren hochdeutscher Fortsetzung zu machen gedachte, hat er nicht 
mehr erreicht. — Auf das ehemalige Dominikanerkloster St. Johannis 
zu Rostock, in dessen Räumen früher die grosse Stadtschule unter- 
gebracht gewesen war, beziehen sich zwei Beiträge zum Programm 
von 1875: ^Aus dem Todtenbuch des St. Johannis-Klosters* und: 
„Bruchstück eines Kalendarii des Johannis-Klosters und niederdeutscher 
Cisiojanus des Konrad von Gesselen*; ausserdem enthält dasselbe 
noch einen dritten Beitrag: „Zur Geschichte der ersten Jahre der 
Universität Rostock*. — Litterarhistorischen Inhalts ist das Programm 
von 1868: „Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Kirchenlieds*; 
„Eine Kinderlehre des 15. Jahrhunderts* findet sich im Programm 
von 1873 und „Zwei niederdeutsche Gebete des 15. Jahrhunderts* in 
der vom Direktor und Lehrercolleg der Grossen Stadtschule der 
30. Philologen -Versammlung gewidmeten Festschrift. — Das Programm 
von 1876 brachte den Aufsatz: ,Der angeblich antike Torso Lots Weib 
in Doberan, eine mecklenburgische Arbeit*. 

Sein reges Interesse für die Fragen des praktischen Lebens 
bethätigte Krause durch seinen Beitritt zum Verein für öffentliche 
Gesundheitspflege und zum Bezirksverein des Deutschen Vereins gegen 
den Missbrauch geistiger Getränke, durch Vorträge in einem Verein 
junger Kaufleute, der Union, die ihrer Dankbarkeit gegen ihn durch 
seine Ernennung zum Ehrenmitglicde Ausdnick gab (1881), als Mitglied 
und Bezirksvorstand des Deutschen Schulvereins zur Unterstützung der 
Deutschen im Auslande, als Mitglied des Bezirksvereins der Deutschen 
Gesellschaft zur Rettung Schiif brüchiger, als Mitglied und Geschäfts- 



13 

fuhrer des Zweigvereins und des Landesausscliusses der Kaiser-Wilhelm- 
Stiftung für Deutsche Invaliden. Seiner politischen Stellung nach 
Mitglied der national-liheralen Partei, sah Krause, durch die mecklen- 
burgischen Verhältnisse von der Beteiligung an den Landes-Angelegen- 
heiten und durch die Stadtverfassung Rostocks von der Beteiligung 
an kommunalen Angelegenheiten ausgeschlossen, sich darauf beschränkt, 
seinen Anschauungen schriftlich in Korrespondenzen für die Weser- 
zeitung, mündlich im Privatgespräch zum Ausdruck zu geben. 

Einer zwanglosen Gesellschaft, die sich allabendlich nach ab- 
geschlossener Tagesarbeit und vor dem Nachtessen, lange Jahre hin- 
durch ausserhalb der Stadt auf Steinbecks Keller, zusammenfand, um 
bei einem Glase Bier der Unterhaltung mit Gleichgesinnten zu pflegen, 
gehörte Krause als eins der treuesten und anhänglichsten Mitglieder 
an. Am Sonnabend vereinigte sich ein Theil der Gesellschaft mit 
Andern zusammen in Danniens Bierlokal, im sogenannten Oberhause. 
Ernste Gespräche, bald wissenschaftlicher, bald politischer Natur, 
wechselten mit leichterem, von Scherz und Frohsinn getragenem 
Geplauder. Fachgelehrte und Männer des praktischen Beinifs, Jüngere 
und Aeltere sassen unterschiedslos neben einander und den von aus- 
wärts kommenden Gast machten die ganze Art des Verkehrs und das 
Entgegenkommen, das er fand, bald heimisch. Aber der Tod riss die 
Einen hinweg, der Wechsel des Aufenthaltsortes die Andern, und wenn 
es auch an einem Nachwuchs nicht fehlte, so lockerte sich doch das 
einigende Band mehr und mehr und die übriggebliebenen Mitglieder 
schlössen sich endlich einer andern, loser geknüpften Gesellschaft an, 
die in Grafs Bierlokal ihren Stammtisch hat. 

Liebe zur Natur und Lust am Laufen führten Krause viel hinaus 
in die Umgebung Rostocks in den Stadtpark mit den Cramonstannen, 
in die Bamstorfer Anlagen, auf die lieblichen Höhen Kösterbecks, an 
die Küste der See bei Doberan und Warnemünde und in die weit- 
gedehnte Rostocker Heide. Mit der Pflanzenwelt ringsumher innig 
vertraut, der Geschichte, der Altertümer, der mündlichen Ueberliefe- 
rungen kundig, war er seinerseits den Förstern und Holzwärtern ebenso 
bekannt, wie den Gutspächtern und den Predigern der Kirchdörfer. 
Gern Hess er sich bei Ausflügen und Spaziergängen von seiner Familie 
begleiten, insbesondere von den Söhnen und einem oder zwei Pensio- 
nären, in denen er durch Vorbild und Anleitung unvermerkt gleich- 
artige Interessen zu wecken liebte. 

Die Abendstunden des Werkeltags waren wie der Nachmittag 
der Sonn- und Festtage regelmässig der Familie gewidmet. Mit seiner 
Amtswohnung war ein Garten verbunden, den er pachtweise noch etwas 
vergrössem konnte; hier konnte man ihn sehen, wie er pflanzte und 
pflegte und fröhlich einheimste, wie er seine Hühner auf dem Hofe 
futterte, wie er nach dem Schlüsse der Schule, von den Seinen um- 
ringt, auf schattigem Rasen behaglich den Nachmittagskaffee einnahm. 
In den altmodischen, aber zahlreichen und behaglich eingerichteten 



14 

Räumen des Wohnhauses genoss er eines glücklichen Familienlebens. 
Mit der Gattin, einer Tochter des ehemaligen Stadtsyndikus Dr. Wyneken 
in Stade, die nach dem frühen Tode ihrer Schwester, Krauses erster 
Gemahlin, dem bisherigen Schwager die Hand gereicht hatte (1857), 
mit der Tochter und den drei Söhnen, die sie ihm geschenkt, war er 
durch die Bande inniger Liebe und festen Vertrauens verbunden. 

Krause war von grosser, kräftiger Gestalt und von strammer, 
fast militärischer Haltung; der Kopf war kraftvoll, auch die Gesichts- 
züge energisch; aus den Augen leuchteten, wenn sie auch aufblitzen 
konnten, Güte und Fröhlichkeit des Herzens. Seine Rede w^ar nie 
gefeilt und deshalb selten glatt, hatte aber Kraft, Wärme und Klang, 
und wenn er bei Schulfesten in patriotischer Erregung sprach, ent- 
zündete er in den Schülern Begeisterung. Bei gemüthlicher Unter- 
haltung liebte er Humor und die harmlose Neckerei, auch wenn sie 
sich gegen ihn wandte: in der Debatte konnte er sich gehen lassen, 
bei der Leitung von Beschlussfassungen war er straff; Widerspnich 
konnte er auf allen Gebieten der Diskussion ertragen, in der Ungeduld 
über blosse Wiederholungen aber und in der Verlegenheit, in die 
ihn ein plötzlich auftauchendes Hindernis versetzte, konnte er 
schroff oder polternd werden. Innerhalb des Hauses verschwand diese 
mehr äusserliche Herbheit vor seiner natürlichen Herzenswärme und 
Heiterkeit des Geistes und wem es vergönnt war, ihn in seinem Ver- 
hältnis zu Frau und Kindern oder vertrauten Freunden kennen zu 
lernen, der musste ihn lieb gewinnen. 

Ein Herzleiden hat die Kraft seines Körpers gebrochen, hat die 
Thätigkeit seines Geistes lahmgelegt; am 28. Mai Abends 9^2 Uhr 
ist er der liebevollen Pflege der Seinen entrissen worden. Ein Leichen- 
gefolge, wie es in Rostock so gross seit langen Jahren nicht gesehen 
worden, hat dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen; eines unver- 
gänglichen Gedächtnisses in Hochachtung und Dankbarkeit hat er sich 
weit über Rostock hinaus durch sein Wirken gesichert! 

ROSTOClv. Karl Koppmann. 



15 



Niederdeutsehe 
und niederländische Volksweisen. 

(Mit Musikbeilage). 



I. Das Lied von der Manen Flagge. 

In einer während des 18. Jahrhunderts angelegten Sammlung 
von niederländischen Volksmelodien, die ich vor einigen Jahren in 
Amsterdam benutzen durfte^), stiess mir gleich auf der ersten Seite 
als Nr. 3 die Weise; De Blauwe vlag die waeit auf, die für die Freunde 
des niederdeutschen Volksliedes ein ganz besondres Interesse hat. Aus 
der Südermarsch von Ditmarschen nämlich lebte vor fünfzig Jahren 
noch unter den Musikanten als ein auf Hochzeiten sehr beliebtes Stück 
'de blaue Flagg' fort. Müllenhoff vermochte vom Texte nur den 
Anfang zu erlangen, den er in den Sagen, Märchen und Liedern der 
Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenhurg 1845 S. XXXVIII 
veröffentlichte : 

Laet de blaue Flagg' mael weicn, 

Laet se driHen, laet se dreien; 

Denn dat Schip to See angeit. 

Er vermutet darin ein Schiffer- oder Seeräuberlied, von ähnlichem 
Inhalt wie das bekannte von Störtebeker, und erwähnt auch eine unter 
den Grönlandsfahrern gesungene gemeine Parodie. Die schöne Melodie 
des Stückes schickte M. um 1860 an R. von Liliencron, der sie weiter 
an F. M. Böhme mitteilte. Dieser hat sie 1880 in seiner Geschichte 
des Tanzes in Deutschland 2, 210 Nr. 347 mit einer neuen Harmoni- 
sierung abgedruckt. 

Unsere Amsterdamer Weise, die ich nebst der ditmarsischen in 
der Musikbeilage vorlege, ist, wie mir Herr v. Liliencron schreibt, 
gleich jener etwas modernisiert; beide gehen aus D moll statt hypo- 
dorisch und dorisch. Die durch den abgerissenen unteren Blattrand 
entstandene Lücke lässt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ergänzen. 

Vom Texte habe ich leider weder in niederländischen Sammlungen 
noch durch Anfragen bei Kennern des holländischen Liedes wie 
Dr. G. Kalff in Amsterdam, F. van Duyse in Gent u. a. eine Spur 
ermitteln können. Und doch citiert, wie ich aus den Mitteilungen 
des Vereins für hamburgische Geschichte 6, 159, vgl. 16 (1884), ersehe, 
noch 1860 C. P. Hansen in seinem Buche 'Der Sylter Friese' 'das 
alte allbekannte seemännische Abschiedslied: De blaue Flagg de 



') In der Bibliothek der MaaUschappij tot bevordering der toonkunat, Hs. 45. 
79 Blätter quer 4^ Die Melodien sind sämtlich einstimmig, vom Texte stehen 
jedesmal nur die Anfangs werte da. 



16 

Weihd\ Ich gebe daher die Hoffnung nicht auf, dass uns noch einmal 
ein glücklicher Finder den vollständigen Text beschert. Eine ganz 
selbständige Dichtung, der auch eine andre Weise, nämlich die des 
alten Landsknechtliedes 'Wir zogen in das Feld' *), untergelegt wurde, 
ist K. Koppmanns Lied: 'De blaue Flagge wei't' im Niederdeutschen 
Liederbuche, Hamburg 1884 Nr. 64. 

[Nachdem diese Blätter schon in die Druckerei gewandert waren, 
erhielt ich durch die Güte des Herrn F. van Duyse in Gent noch eine 
ältere Amsterdamer Aufzeichnung der Melodie, die im wesentlichen 
mit der handschriftlich überlieferten übereinstimmt. Sie steht mit der 
Bezeichnung ^En die Blauwe vlag die waeyt\ aber ohne weiteren Text 
in der zu Anfang des 18. Jahrhunderts gedruckten Sammlung Oude 
cn nieuwe Hollantse Boeren Litics (Amsterdam, Estienne Roger o. J.) 
als Nr. 331. Unserm Abdrucke in der Musikbeilage Nr. Ib ist die 
erste Strophe eines Liedes aus Het nieuwe vermaekeLijke Thirsis 
Minnewit 1, 62 (Amsterdam, bij de Wed. Jacobus van Egmont 1730) 
untergelegt, das laut der Überschrift nach der Wijs: 'De blautce 
vlag die waeyV gesungen wurde.] 

II. Eine niederländische Melodie des Siebensprnnges. 

Ueber den weitverbreiteten Volkstanz 'der Siebensprung' hat 
F. M. Böhme in seiner verdienstvollen Geschichte des Tanzes in 
Deutschland (Leipzig 1886) 1, 155 — 157 Material aus verschiedenen 
Gegenden gesammelt und in den Musikbeilagen des 2. Bandes S. 190 
Nr. 314 — 317 mehrere Melodien aus Düsseldorf, Meiningen und der 
Mark Brandenburg mitgeteilt^). Leider sind ihm die Versionen ganz 
entgangen, die A. P. Berggreen in seinem in Deutschland zu wenig 
bekannten elfbändigen Sammelwerke Folkesange og Melodier^ fuedre- 
landske og frefnmede^ samlede og udsatte for Pianoforte (Kopenhagen 
1842 — 1871) veröifentlicht hat, nämlich in Bd. 5, Nr. 148 eine Schweizer 
Aufzeichnung nach Kuhn und Wyss, Sammlung von Schweizer Kuh- 
reihen imd Volksliedern, 3. Ausgabe, Bern 1818, S. 123, Nr. 1; 
femer 1® Nr. 254 — 255 (1869) zwei dänische 'Syvspring* aus Jütland 
und Fünen und 6,166 Nr. 52 eine besonders interessante französische, 
^Sept sauts' betitelt, die sich in Nouveau recueil de chansons choisies. 
A La Haye 1732 6,21 findet^). Auch in der schwedischen Landschaft 
Schonen ist nach Berggreens Bericht der Tanz heimisch. Das Eigen- 
tümliche dieses Tanzes besteht nach den aus Schwaben, Westfalen 
und Dänemark stammenden übereinstimmenden Schilderungen darin, 



^) Böhme, Altdeutsches Liederbuch Nr. 420. R. v. Lüieucron, Deutsches 
Leben im Volkslied um 1530 Nr. 116. 

') Ein Artikel von F. Höft über die mythologische Bedeutung dieses Tanzes 
(Am Urdsbrunnen 7, 1. Rendsburg 1888), auf den mich W. Seelmann freundlichst 
aufmerksam macht, ist mir augenblicklich nicht zugänglich. Vgl. noch M. Fried- 
länder, Hundert deutsche Volkslieder (1886) Nr. 42. 

') Das genaue Citat verdanke ich Herrn F. van Duyse. In dem Exemplare 
der Königlichen Bibliothek zu Berlin fehlt gerade dieser 6. Band. 



17 

dass ein Paar siebenmal im Kreise herumtanzt und dass am Schlüsse 
jeder Tour der Tänzer eine besondre Bewegung ausfuhrt, indem er 
zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken Fusse auf die Erde 
stampft und sie mit dem rechten und linken Knie und Ellenbogen 
und zuletzt mit der Stirn berührt. In Jütland, wo zwei Burschen mit 
einander den Siebensprung tanzen, machen beide Tänzer die genannten 
Bewegungen. Am Schlüsse der zu jeder Tour wiederholten Liedstrophe, 
die natürlich in den verschiedenen Gegenden verschieden lautet, werden 
meist die 'Sprünge' gezählt: "s ist einer', "s sind zweie' u. s. w. 

Die hier unter Nr. III gegebene Aufzeichnung 'De Zeven Sprong* 
fand sich in der Handschrift 34 der Bibliothek der Amsterdamer 
Maatschappij tot bevordering der toonkunst, einer um 1770 angelegten 
Sammlung von 758 Volksmelodien und Tanzweisen (in Quer 8^ ohne 
Texte). Neben manchen Opernarien und Militärmärschen (Nr. 556: 
De Brandenburgsche Marsch = Der alte Dessauer) erregen einige 
vom Auslande her eingedrungene verbreitete Weisen unser Interesse, 
so Nr. 271: God Ues the hing^ 755: Marlbroug [s'en va-t-en guerrej^ 
38: Broeder Michel of Tryn myn enget = 'Gestern Abend war Vetter 
Michel da', bei L. Erk, Liederschatz 1, Nr. 30, und Böhme, Ge- 
schichte des Tanzes 2, 159 Nr. 251. Der als Nr. 448 auftretenden 
Weise : De Zeven Sprang habe ich den Text untergelegt, den G. Kalff, 
Het Lied in de Middeleeuwen, Leiden 1883, S. 536 aus Zwolle mitteilt. 
Die eigentlich zu diesem Texte gehörende Melodie wird F. van Duyse 
später veröffentlichen und dann auch über ein Lied des sept sauts 
berichten, das noch jetzt alljährlich zu Chimay im Hennegau bei einer 
Procession gesungen wird. 

Als Nr. IV. der Musikbeilage folgt die französische Version als 
die älteste aller bekannten Aufzeichnungen. Der Text, von dem ich 
nur die beiden ersten Strophen abdnicken lasse, scheint eine junge 
Dichtung im galanten Schäferstile zu sein. 

in. Pierlala. 

Das Lied von Pierlala ist in den Niederlanden seit den Einfällen 
der Franzosen unter Ludwig XIV. aufgekommen und öfter umgestaltet 
worden. Einen Text von 17 Strophen mit dem Anfange ''Komt hier 
al bjf en hoort een kluchV gab J. F. Willems, Oude vlaefnsche Liederen 
Gent 1848, Nr. 129; er ist nebst der Melodie wiederholt von F. A. Snel- 
laert, Oude en nieuwe Liedjes^ Gent 1852, Nr. 57 = 2. Aufl. 1864, 
Nr. 75, und abgekürzt im Niederdeutschen Liederbuch, Hamburg 1884 
Nr. 54, ohne die Melodie bei Hoffimann von Fallersleben, Nieder- 
ländische Volkslieder * 1856 Nr. 161. Eine auf 24 Strophen ange- 
wachsene Fassung mit gleichem Anfange und einer zweiten Melodie 
steht bei A. Lootens et J. M. E. Feys, Ghants populaires ßamands. 
Bniges 1879 Nr. 87. Sehr ähnlich ist der gleichfalls 24 Strophen 
umfassende Text und die Melodie gestaltet im Nederlandsch Liederboeh 
uügegeven doar het WiUemS' Fonds (Gent 1891—92) 2, 165 Nr. 81. 
Eine vierte Fassung von 10 Strophen und einer neuen Weise finden 



18 

wir bei E. de Coussemaker, Chants poptUaires des Flamands de 
France. Gand 1856 Nr. 93; sie beginnt: *Äls Pierlala nu ruym 
twee jaer'. Vgl. noch van Paemel, GcUection flamande de feuUies 
vola^Ues Nr. 51 and J. van Vloten, Nederlandsche Baker- en 
Kinderrijmen 1874, S. 37. Fragmentarisch ist das Lied auch nach 
Deutschland gewandert; vgl. Schmitz, Sitten und Sagen des Eifler 
Volkes (1856) 1, 162; eine fünfstrophige Aufzeichnung aus Olden- 
burg: 'Pierlala war ein einzger Sohn', die L. Erk, Deutsche Volks- 
lieder Bd. 2, Heft 4 — 5 (1844) Nr. 14 veröffentlichte, ist sogar in 
studentische Kommersbücher übergegangen, wobei der Held sich zu 
einem 'Bierlala' umtaufen lassen musste. Die Erksche Melodie weicht 
von den vier niederländischen ab, auch ist die Zeilenzahl der Strophen 
von acht auf sechs verringert. 

Aelter als die bisher erwähnten Aufzeichnungen ist die in der 
Musikbeilage unter Nr. V. aus der oben S. 17 angeführten Amsterdamer 
Handschrift 34 Nr. 32 abgedruckte Melodie, die auch in der S. 15 
beschriebenen Handschrift 45 auf El. 63b erhalten ist. Sie geht wie 
die übrigen im ^/g Takt und ähnelt am meisten der zweiten Weise 
bei Lootens und Feys. Den fehlenden Text habe ich nach Willems 
hinzugefügt. 

lY. Drinck Liedeken. 

1. Van waer compt ons den coelen wyn, 
En van waer compt ons den coelen wyn, 

En van waer dorn daer, en van waer compt ons den coelen wyn? 

2. Hy compt van Ceulen ouer den Ryn. 
8. Hoe compt die meyt al aen den wyn? 

4. Die vrouw' die gheeft de meyt dat ghelt 

5. Hoe compt die vrouw' al aen dat ghelt? 

6. Den man die gheeft die vrouw' dat ghelt. 

7. Hoe compt den man al aen dat ghelt? 

8. Den hoer die gheeft den man dat ghelt. 

9. Hoe compt den boer al aen dat ghelt? 
10. Den boer die saeyt en maeyt dat velt, 

En van daer soo cryght den boer dat ghelt, 
En den boer en den man en die vrouw' 
En die meyt en den wyn en den Ryn, 
En van daer compt ons den coelen wyn. 

Dieis Lied steht mit der in der Musikbeilage Nr. VI. abgedruckten 
Melodie in einer zu Anfang des 18. Jahrhunderts sehr sorgfältig ge- 
schriebenen, mit ein- und zweistimmigen Weisen versehenen und mit 
grossen Federzeichnungen geschmückten Sammlung von Liebes-, Tanz- 
und Trinkliedern in französischer und italienischer, teilweise auch 
spanischer und holländischer Sprache, die unter der Bezeichnung 
Mscr. Blankenb. 125 — 126 fol. auf der herzoglichen Bibliothek in 
Wolfenbüttel liegt, und zwar in Band 125, Bl. 16a. Der ursprüngliche 
Besitzer, vielleicht auch Sammler wird durch die Inschrift: ^Je suis 
appartenant a Monsieur Charles Cousin' angegeben; daraufkamen die 
Bände an den Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig (1671 — 1735), 
dessen Ex-libris eingeklebt ist. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



19 



Der Kaland des Pfaffen Konemann. 



Als Franz Pfeiffer die erste Auflage von Goedekes Grundriss 
in der Germania 1857, S. 503 besprach, machte er auf den von 
Goedeke ausgelassenen mittelniederdeutschen Kaland des Pfaflfen Kone- 
mann aus Dingelstedt am Huy aufmerksam und wünschte dem von 
Wilhelm Schatz 1851 nur auszugsweise bekannt gemachten Ge- 
dichte, wenn es auch dichterisch völlig wertlos wäre, doch um seines ^ 
Alters und seiner sprachlichen Bedeutung willen eine vollständige 
Ausgabe. Auch Goedeke hat sich dann in der zweiten Bearbeitung 
seines Gnindrisses dieses Sprachdenkmals angenommen, indem er, 
ähnlich wie Pfeifi'er, S. 478 betonte, dass der aus dem 13. Jahr- 
hundert stammende Kaland schon seines Alters und seiner Heimat 
wegen längst eine Herausgabe verdient hätte. 

Im 23. Jahrgange der Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte 
und Altertumskunde 1890, erste Hälfte, S. 99 ff. ist nun eine von 
dem Archivrat Dr. jur. G. Sello bearbeitete vollständige Ausgabe 
(;,Des Pfaften Konemann Gedicht vom Kaland zu Eilenstedt am Huy^) 
erschienen, die zum Zweck hat, „tiii* eine Sammlung und Bearbeitung 
der Kalandsstatuten einen Beitrag zu liefern^; vergl. a. a. 0. S. 100. 
Während Sellos, von Seelmaim im Korrespondenzblatt XV, 61 f. be- 
sprochene, Arbeit, die sich durch manche historische Erläuterungen 
auszeichnet, den angegebenen Zweck gut ertullen mag, wird mit der 
sprachlichen Behandlung dieses nicht unwichtigen Denkmals, das für 
den Sprach- und Literaturforscher doch mehr ist als eine Statuten- 
sammlung, mancher Philologe nicht ganz einverstanden sein. 

Ich glaube in diesen Zeilen zur Kritik des Kalandes etwas bei- 
tragen zu können, weil ich eine Handschrift mehr kenne als der Her- 
ausgeber und mich länger mit einer Ausgabe des Gedichtes beschäftigt 
habe. Eine abschliessende Behandlung des (gegenständes lässt sich 
freilich noch nicht bieten; ich werde aber die Frage zu erörtern ver- 
suchen, wie das Gedicht nach den mir bis jetzt bekannten Hülfs- 
mitteln zu seiner Rekonstiiiktion sich darstellt. 

Um meine Bemerkung über Sellos Behandlung des Sprachlichen 
zu begründen, greife ich zunächst einige Einzelheiten heraus. 

V. 79 des Selloschen Textes, über dessen Ansprüche auf Echtheit später 
die Rede sein wird, heisst es: 

„Man sal is den gegunnen, 
de daz irwerben kunnen 
mä sucht unde mit gute, 
mit eindraehten mme, 
hroderlichen, sunder vare, 
de spehen sin uphare; 
der sal man wesen ffrieJ* 

2* 



20 

Der vorletzte Vers scheint zu bedeuten: rixosi sint remoti (vergl. H 78), 
schliesst sich also inhaltlich an den folgenden an. Das Wort upJutre = uphare = 
uphor = bei Seite zeigt die im md. Dialekt von Weinhold, Mhd. Gr.* § 116 be- 
zeugte Neigung, o nach a zu öffnen. Vergl. Kaland H 762 vorsack: ok und Wein- 
hold, Mhd. Gr.* § 67. [Andere Belege für diesen Wechsel aus dem Gedichte sind: 
iaweme 915. iatoem 1026. Der umgekehrte Fall liegt in moeh s= mach 776 vor 
(Weinhold S. 82), das von Sello als Schreibfehler angesehen und im Texte ge- 
ändert ist.] Der Herausgeber aber bemerkt zu den oben ausgeschriebenen Versen 
S. 118: „Spe, Subst., Hohn, Spott; adj, höhnisch, spöttisch. — upJutre weiss ich 
nicht zu erklären; darf man an ein Compos. von mnd. hären, schärfen, denken, 
sodass zu übersetzen wäre: brüderlich, ohne Hinterlist, welche zur Spott- 
sucht (speen sin) aufreizt?"*) 

V. 264 kommt das bekannte Wort aelegerede in der md. Form vor: zo der 
sele gerade; dazu lautet die Bemerkung des Herausgebers: „gerade, in den Rechts- 
quellen bekanntlich: Frauengerät; hier allgemeiner überhaupt Ausstattung." 

Dass Wörter wie sich (v. 756) pleonastisch wiederholt werden, lehren Volks- 
sprache und volkstümliche Schriftsteller. Vergl. Oldecops Chronik, S. 692 meiner 
Ausgabe und Kaland (H) 1203 f. Der Herausgeber entfernt es als ungehörig und 
stört den Vers. 

Im V. 1025 schreibt Sello dem md. Bearbeiter eine Form zu, die es schwer- 
lich gibt, wenn er degeliker als adverbium = „gebührend" erklärt; im folgenden 
Verse wird dann ac?Ue als „Verdienst" übersetzt. Die betreffenden Verse lauten in A : 

„Ich sprach unde spreke iz recht, 

daz got wil wesen recht 

nach dode mit geriehle; 

des swiveU mü nichte; 

allein sin ordd si 

alle degeliker bi 

ia toeme na siner achte," 

Wahrscheinlich ist nur degelikes zu lesen; r und s wechseln in der unten 
von mir wiedergegebenen Handschrift H und in B, wie auch sonst, häufig; und 
der Bearbeiter von B ist im Rechte, wenn er die Stelle so wie H bietet: 

„Ik hebte hir tovorti ghesecht, 

bat God wil wesen recht 

Na dussem doede myt gerichte. 

Des schulle gy twiveln mit nichte, 

Wol doch syn ordel sy 

Uns alle daghe by 

Jawelkem na syner achte" 

Auch Formen wie Kalys 276') = Kalant und goder in völlig ungramma- 
tischer Verbindung werden dem Konemann aufgebürdet. Vergl: S. 101 und 102. 

Andererseits ändert Sello bezeugte Formen wie 1278 A den cracht in de 
cracht; Geschlechtswechsel belegt bei diesem Worte Weinhold S. 309.*) 

Wenn dede = qui (v. 404) „De, de'* geschrieben wird, liegt unrichtige Auf- 
fassung zu Grunde. Das Nähere lehrt Lübben, Mnd. Gr. S. 113. 

V. 355 liest der Herausgeber mir unverständlich „des we will* ec hebben 
rad" für „wiUec". Die in den Text gesetzten Apostrophe wie in : „hos* tu'z" oder 
„wiP tu" sind mindestens sehr gewagt. Warum wird w = v geändert, v = to be- 
Utssen? Vergl. S. 105. Mittelaeutsches est für ist 110 war nicht als Fehler zu 
verbessern. Vergl. ir = er 1164, wenn 1166 = 1164 ist. 



^) Seelmann schlug a. a. 0. S. 62 vor de spehe sin up hare, Koppmann, 
Korrespondenzblatt XV, 93 de spehen sin upkare; des, 

^) Seelmann besserte a. a. 0.: An wogetaner wis Man halden sal kalendis, 
wogegen Koppmann S. 98 sich aussprach. 

') Vergl. das Schwanken bei herde 431 A ; Seelmann S. 62. Koppmann S. 98 



Seilos Abdruck lässt ferner feste kritische Grundsätze bei der 
Textgestaltung vermissen. Über den Dialekt des ursprünglichen Ge- 
dichtes hat sich Sello keine endgültige Ansicht gebildet. S. 102 wird 
zunächst ein Beweis versucht, dass die Urschrift rein niederdeutsch 
gewesen; aber der Beweis ist einesteils recht unvollständig, andern- 
teils wird auch unrichtiges Beweismaterial verwendet, wenn Sello z. 
B. di für nur niederdeutsch hält oder die Vertauschung von to und 
V für specifisch niederdeutsch ausgibt. Vergl. Weinhold, Mhd. Gr.* 
S. 514 und 169. Der Reim goder: moder ist oben schon erwähnt; 
ich lese 103 togoder = togader. 

;,Dem gegenüber*, fährt nun der Herausgeber fort, ;, stehen aber 
wieder rein hochdeutsche Reime, wie nothaft: selscaft 48, paffen: 
straffen 74, maee: quaee 314.* Von den aufgeführten Reimen ist 
keiner rein hochdeutsch; zum ersten vergl. z. B. Leitzmann, Unter- 
suchungen über Berthold von Holle S. 34, zum zweiten Weinhold, 
Mhd. Gr. S. 165, zum dritten etwa DW, u. d. Worte Quas. 

Die Unsicherheit des Herausgebers inbetreflf des ursprünglichen 
Dialektes erhellt besonders aus seinen Schlussworten S. 102: ;,Sodass 
man in dem Abschreiber, eine rein niederdeutsche Urform voraus- 
gesetzt, zugleich einen teilweisen Umdichter zu sehen hätte. Oder 
schrieb Konemann, wie Schatz annimmt (S. 2), in einem aus nieder- 
und hochdeutsch gemischten Dialekt (vgl. Wackernagel, Gesch. d. D. 
Litteratur, S. 123, 129), welchen der Abschreiber noch mehr hoch- 
deutsch färbte.* 

Bei solcher Unklarheit hat nun der Herausgeber auch nieder- 
deutsches in jenen md. Mischdialekt von A (V. 858) übernommen. 
Vergl. die Konjektur 871 Anmerkung. 

Erwägt man nun die gleich zu erörternde, von Sello nur un- 
vollkommen gelöste Frage nach den Handschriften und Recensionen ^) 
des Gedichtes, so wird sich noch mehr zeigen, dass der von ihm ge- 
gebene Text in mehr als einer Hinsicht davon entfernt ist, der ur- 
sprüngliche Konemanns zu sein. 

In seiner originalen Gestalt ist das ohne Zweifel viel abge- 
schriebene, auf bestimmtem Gebiete recht verbreitete und in den 
Kalandsversammlungen oft benutzte Gedicht noch nicht aufgefunden. 
Auch die Handschrift A, Nr. 778 der Kopiarien im Magdeburger 
Staatsarchive, die noch im XIH. Jahrhundert entstanden ist und erst 
dem Eilenstedter, dann dem Halberstädter Kalande gehörte und von 
Schatz imd Sello zu Gininde gelegt wurde, bezeichnet nur gleichsam 
eine Station auf dem Wege zum gesuchten Originale. Der Dialekt 
der Hs. A erweist sich als der einer mitteldeutschen Überarbeitung 
der niederdeutschen Urschrift. Den wesentlich mitteldeutschen Charakter 
der Handschrift A hat Sello nicht beachtet. Sello S. 104 ff. Wenn 
sich Seelmanns (S. 62) Schluss auf niederrheinische Herkunft einiger 

') Die geringfügigen Änderungen, welche von dem Halberstädter Bearbeiter 
herrühren und unter A* vermerkt sind, können doch nicht die Annahme einer 
selbständigen Recension begründen. Sello S. 103 f. 



22 

Reime in A bestätigt, möchte ich der zweiten von ihm angedeuteten 
Möglichkeit den Vorzug geben, dass mittelfränkische Vorbilder hier 
eingewirkt haben. 

Die Handschrift B, Nr. 779 im Staatsarchiv zu Magdeburg, 
(Sello S. 110 f.) hat den nd. Sprachstand bewahrt. Sie stammt aus 
Osterwieck. Auch Sellos dritte Hs. C (Sello S. 111), einst dem Kaland 
zu Oschersleben gehörig, ist niederdeutschen Gepräges. Nur 5 von 
J. A. Steyer abgedruckte Bruchstücke sind davon erhalten. Vergl. 
Seelmann S. 61. 

Zu diesem handschriftlichen Materiale füge ich nun eine ^äert^, 
niederdeutsche Hs. hinzu. Sie ist, wie Hs. B, neueren Datums, wohl 
im vorigen Jahrhundert auf 7 Bogen Papier in Folio 2 spaltig mit 
ziemlich grosser Sicherheit deutlich und sauber geschrieben. Der 
erste halbe Bogen ist leer gelassen. Die Überschrift lautet: „Der 
Homburgische Kaland, ex veteri manuscripto, quod Homburgi in scrinio 
ecdesiae asservatur^'' Sie befand sich im Besitz des verdienten Gym- 
nasialdirektors Dr. Schmidt zu Halberstadt, welcher mir dieselbe im 
Jahre 1888 in liberalster Weise zur Verfügung stellte. 

Nach der Überschrift ist sie aus einer alten Hs. im Archiv der 
Kirche zu Hornburg geflossen; eine Nachfrage ergab, dass eine Hs. 
des Kalandes im dortigen Archiv nicht mehr vorhanden ist, wie mir 
Herr Oberpfarrer A. Kaselitz zu Hornburg gefälligst mitteilte. 

Das Alter jenes als Quelle erwähnten vetus manuscriptum lässt 
sich aus der Beschaffenheit der Abschrift H schliessen. Abgesehen 
von dem ganz vereinzelt einmal nachzuweisenden Eindringen neuerer 
Orthographie des Abschreibers (vormahnt 640; vgl. aber 655 u. ö.), 
bezeugen Fehler wie das Auftreten von t für r, n fiir a und umge- 
kehrt, Ä für ^, v für 0, e für r, s für c, n für c, eine Vorlage aus 
der Zeit des 14. bis 15. Jahi'hunderts. Der Sprachstand ist jener 
der besten Zeit des Mittelniederdeutschen, wie er in jüngeren Hand- 
schriften erscheint. Vergl. ow für o 288 und 1194 (Lübben, Mnd. 
Gr. S. 25), die massvolle Verwendung der Gemination und des h, 
die Erhaltung der charakteristischen alten Fonnen. Damit stimmt 
auch die metrische Bescliaffenheit dieser Recension überein; häufig 
fehlt die Senkung, was Sello zu verkennen scheint, wenn er S. 104 
von einer modernen Umgestaltung des Versmasses in B redet und 
hinzufügt: „Zwischen je zwei Hebungen fehlt die Senkung nun nicht 
pehr." Vergleiche aber z. B. 1437. 1403. 1433. 

Obgleich H derselben Redaktion wie B folgt, hat sie doch auch 
B gegenüber selbständigen Wert. Verderbnissen in B gegenüber hat 
H die richtige Lesart in folgenden Fällen bewahrt: 101 neyber^ B 
neuber. — 210 soket = sotet, B sojset, — 512 So dat he des dmystes 
moghe wesen vry (lies quit)^ Edder glieven ome so lange vryst und tyd; 
hier hat B von Vers 512 nur die Worte „wwde gwtd**; über das, was 
in B unseren Versen 513 bis 515 in H entspricht, lässt Sello uns im 
Unklaren. — 643 innichlik, B inniMiken, — 810 dunne^ B dumme 
(nach Seilos Schweigen zu schliessen). — 965 älgelike^ B engdiken. 



23 



Die unmögliche Form dond in B 1194 ist von Sello wohl nur ver- 
lesen aus doud. um R = dorch 1284 in B. 

Eine fünfte Hs. wäre erhalten nach einem an mich gerichteten 
Schreiben des Herrn Geh. Archiv-Rats v. Mülverstedt vom 23. April 
1888, in dem es heisst, dass im Magdeburger Staats-Archive „zwei 
auf den Kaland zu Osterwieck bezügliche poetische Handschriften 
aufbewahrt" würden. Da wird jedoch ein Irrtum vorliegen; Sello 
würde die etwa vorhandene Handschrift benutzt haben. 

Bevor wir nun die Handschriften ihrem Werte nach ordnen und 
die Recensionen des Gedichtes zu bestimmen suchen, ist die Frage 
nach dem ursprünglichen Dialekt der Dichtung zu beantworten. Die 
Annahme eines mitteldeutschen Charakters der Urschrift stützte sich 
auf nichts anderes, als auf die Beschaffenlieit der einzigen Hand- 
schrift A, welche, weil sie die älteste der erhaltenen zu sein scheint, 
von Schatz und Sello ohne weiteres zu Gininde gelegt ist. Jene An- 
nahme ist aber in diesem Falle unzutreffend. 

Einen Beweis für den niederdeutschen Charakter der Urschrift 
liefern die verhältnismässig zahlreichen Fälle, in denen selbst in der 
Handschrift A unverschobenes t allen Änderungsversuchen des mittel- 
deutschen Bearbeiters zum Trotz erhalten blieb, mit der dcU: at 514. 
deit: weit 851. antht: trinitat 1320. vgl. 1233. sat: bat 1371. grot: 
not 1044 = 1100. deste bat: missedat 1185. 

Aus sonstigen Formen und dem Sprachgut in A, das allerdings 
meist niederdeutsch ist oder das Gepräge der Übersetzung trägt, ist 
ein zwingender Beweis deshalb nicht zu entnehmen, weil die betreffen- 
den Formen und Wörter möglichei'weise auch mitteldeutsch gebraucht 
sind. Für vieles dieser Art steht das fest. Jedenfalls bestätigen aber 
Wortformen und Sprachgut den Schluss auf den niederdeutschen 
Charakter der Urschrift. 

Femer ist die Heimat des Dichters niederdeutsch; das Gedicht 
war offenbar für niederdeutsch redende Leute gewöhnlicher Bildung 
berechnet. 

Sodann stehen der einen mitteldeutschen Bearbeitung drei bis 
jetzt bekannt gewordene niederdeutsche gegenüber, wonach das von 
Jellinghaus in Pauls Grundriss H 423 über das Handschriftenverhältnis 
Bemerkte zu berichtigen ist. 

Hören wir auf, dem Dialekte der Handschrift A massgebende 
Bedeutung zuzuerkennen, so erweist sich die Fassung von A nur als 
eine mitteldeutsche Umarbeitung des ursprünglichen Gedichtes, unter 
deren dürftiger Hülle die Züge des echten Gediclites hervorbrechen. 
Beispiele, in denen die Unzulänglichkeit und Ungeschicklichkeit der 
Bearbeitung besonders hervortreten, sind folgende. 



H 288 
Nu do%U, also tk giek bidde, 
ünde höret nu [diät] dridde, 
In welker vrise und wudane hand 
Dat men hcMen scfuil den kaland. 



= A 272 
Nu dutf als ich tu bidde, 
unde höret daz dridde, 
an wogetaner wie 
man holden sat den Kalye, 



24 

Auch Sello nennt die Form Kalys unerhört, steht aber nicht an. 
sie S. 103 dem Konemann zuzuschreiben. Allerdings ist anzunehmen, 
dass auch H höchst wahrscheinlich den alten Text schon erweitert 
oder sonst modifiziert haben wird. Vergleiche ferner: 

= A 861 

H 902 le ist nu al vollenbracht, 

It is nu aUe vuUenbracht, swas ju was irdacht 

AÜe dat tu darvan wart gesacht, dem sundere zo heile. 

Dem sunder to heyle. Bus gaff sich gat veile ; 

Alsus gaff aick God veyle. 865 al sin geven daz was deine 

Unde leyt so grat dorch unse sunde gegen der martir eine, 

We were nu, dede konde de he led durch unse sunde. 

Laten uth dem gemode Wer were nu, de künde 

De gottlike goyde? lasen uz dem muthe 

Nu lath dek synen kummer wesen leyt 870 de goddeliken guthe? 

Myt gantzer dancknamicheyt. Nu laz dir sinen kumber leit 

mit ganzer dancknamicheit. 

Vers 865 f. sind offenbar interpoliert und enthalten einen sinn- 
losen oder sinnlos ausgedrückten Gedanken, wie ihn der Bearbeiter 
von A auch sonst in den Text bringt, z. B. 1011 vergl. unten. Für 
den jedenfalls verdorbenen Vers 871 vermutet Sello entweder die 
Lesart von H oder: nu ht dir sin den kumber leit; bei dieser Fassung 
vermisst man aber das Pronomen possessivum. 

Unmittelbar vor der eben besprochenen Stelle gehen folgende 

von dem Bearbeiter wieder arg missh'andelten Verse her: 

857 Noch so wart ein trostUch wort 
do Consummalum est he sprach, 
Hey, was gote daran lach. 

Nur durch die jüngeren Handschriften werden wir auf das Echte 
geführt; in H lauten die entsprechenden Worte: 

898 Noch so wart van ome ghehort 
Eyn so sanfftmodich word; 
He sprack: Consummatum est, 
Eya, welk grot goyde daranne ist. 

Ebenso ungeschickt und leichtfertig ist die Wiedergabe folgen- 
der Stelle: 

H 1043 Dat is ores misten iammers slach, 
Dat sick dat nummer endet 
1045 Unde ok dat se syn ghewendet 
Van Goddes angesichte dar, 
Dat maket alle ore pyne swar 
Unde dat se nummer werden vro. 
Des spricket David ok also. 

Dafür bietet A: 

1006 ir meiste iamers slach, 

daz diz sich nimber endet, 

unde dcui se sin gependet 
1010 goddes angesichtis, 

alle pine licht is. 

Davit sprikt also. 

Der dem letzten entsprechende Reimvers fehlt ganz ; Sello ergänzt 
ihn diesmal nicht, oder hat sein Fehlen übersehen. 



2& 

Schon diese Proben der Textgestaltung in A beweisen, dass die 
Handschrift von dem Originale sich zu weit entfernt, um überhaupt, 
abgesehen von ihrem Dialekte, als durchweg massgebender Faktor 
der Überlieferung anerkannt zu werden. Die entsprechenden Stellen 
aus H aber lassen erkennen, dass die Recensionen von A und H 
ziemlich weit auseinander gehen. ^) B folgt nun allerdings derselben 
Art der Überlieferung wie H; dennoch haben beide Handschriften 
verschiedene Vorlagen gehabt. Das letztere ergibt sich schon aus 
den oben S. 22 gemachten Zusammenstellungen, durch welche der 
selbständige Wert von H zu erläutern war, aber auch aus denjenigen 
Stellen, in denen B das Richtige der Handschrift H gegeniiber ver- 
tritt: (es werden hier, wie oben, nur die wichtigeren Abweichungen 
angeführt) 303 komen dar in B. darin komen H. 573 ist in H der 
halbe Vers verloren; B scheint mit A übereinzustimmen, da die An- 
merkung über B schweigt. 697. 706 scref A. (B?) scrifft H. Auch 
Bemerkungen in B 616 fehlen in H; umgekehrt scheint es bei der 
Überschrift vor Vers 448 zu sein. 

Die gemeinsame Abstammung von H und B wird durch gemein- 
same Fehler ausser Frage gestellt: Vers 6 Sich = Gick. 1442 troff 
= trosL Auch die Orthographie ist bis auf die Verwendung von ck, 
gh, w im ganzen die nämliche. 

Es bleibt sehi* zu bedauern, dass von C nur 5 Bruchstücke er- 
halten sind; die Handschrift selbst soll aus dem Magistrats-Archive 
von Oschersleben entwendet sein. C nämlich schliesst sich, soweit 
die Fragmente ein Urteil gestatten, enger an A, sodass wir wahr- 
scheinlich das Verfahren des mitteldeutschen Bearbeiters verfolgen 
könnten, wenn C erhalten wäre, was für eine Herstellung des Gedichtes 
von grosser Bedeutung sein würde. 

Die Lage der Überlieferung würde demnach in folgender Figur 
zum Ausdruck kommen. 



A A 

A C B H 

Je freier nun der Bearbeiter von A mit dem ihm vorliegenden 
Texte umging, desto wichtiger wird für die Erkenntnis des Ursprüng- 
lichen die Überlieferung der Gruppe BH. Während H Sello ganz 
fehlte, ist ihm auch inbetreff der Verwendung von B nicht zuzugeben, 
dass er ^alle irgend erheblichen Abweichungen von Inhalt und Form 
in die Anmerkungen aufgenommen habe^, wie er S. 111 versichert. 
Vorausgesetzt, dass B wie sonst mit H übereinstimmt, sind an nicht 
wenigen Stellen die erheblichen Abweichungen von B übergangen; 
vergl. z. B. A 26—28 mit H 21, 22. A 56, 57 mit H 53, 54. A 
495/6 mit H 536/7. A 1012/3 mit H 1048/9. 

V Seelmaim erkannte bereits S. 61, dass A dem Schreiber von B (H). nicht 
▼orgelegen hat. 



26 

So schien es in Anbetracht des selbständigen Wertes von H 
für die Erkenntnis der Redaktionen des Gedichtes nötig, H unverkürzt 
bekannt zu machen. A als Vertreter der Handschriftengruppe AC = 
Y und H als Vertreter von BH = Z werden solange neben einander 
anerkannt werden müssen, bis ein glücklicher Fund eine Vermittelung 
herbeiführt und die Herstellung möglich macht. 



Der Hornbnrgische Kaland, 
ex veteri Manuseript4>, qnod Hornbnrfi;! in scrinio ecciesiae asservatnr. 

Höret leyen, höret papen, [B- 1* Sp. i] 

Höret riddere, höret knapen, 

De god heflft her gesant 

Hir an dussen kalant, 
5 Ditt ghedichte unde mere 

Gick allen to evner lere, 

De leyen doch bisunderen an, 

De sick des latines nicht vorstan. 

Dut, dat we hier lesen, 
10 Dat schal orer aller lectio wesen, 

Dat se sick hiran 

Der sake rechte vorstan 

Unde merken even darby, 

Wu de kalant gefunden sy, 
15 Unde welkerhande vromen 

Daraflf mögen komen, 

Unde wume den kalant schulle holden: 

Des schal dut gedichte wolden 

Unde mannige gude lere geven, 
20 We se wil merken even. 

Merket alle to juwen vromen, 

Wuraff de kalant sy gekomen. 

Dusse selschop wart ghefunden 

Van sunte Peter in den stunden 
25 Siner dage hir bevoren, 

Den god darto hadde uterkorcn, 

Dat he is ghenant de steyn, 

Dar de love al by eyn [Sp. 2] 

Genslick is up ghebuwet 
30 Unde mit godde vortruwet, 

Do de apostelen alle quamen 

Myt sunte Petro tosamen 

Unde lüde vele, de se larden 

6 Sick. 



37 

Unde alle daghe bekarden 
[In actibus apostolonim Capite IV. Multitudinis credentium erat cor iinum et 

anima una.] 
35 To der leve goddes, 

De weren alle eynes modes, 
Eynes herten unde eyner sele; 
Nemant sprack van synem doile. 
Ore gud, grot unde kleyue, 

40 Dat was öne allen ghemeyne. 
[In actibus apostolorum. Nee quisquam aliquid esse sunm dicebat, sed erant 

illorum omnia communia etc.] 

Se deilden under sik dat gued 

Eynem iowelken na syner nod. 

Islikem wart sin gefoeh, 

Dat se alle badden gbenocb. 
45 Ut dussen darna sproten 

Seven unde seventicb andere genoten. 

De weren ok goddes jüngeren genant, 

Unde worden gbesant in alle lant. [Bl. l^ Sp. l] 

Darna van stunden to stunden 
50 Worden broderscbop gefunden 

Unde mannigerbande leven, 

De nocb bute sin gbebleven. 

Ut dem sulven bylde twar, 

So men sud al opembar, 
55 Is de kalant getogen; 

Wente de papen niebt enmogen 

Alle wesen an stiebten; 

De moten ok bericbten 

Capellen, kerken unde parren 
60 Unde de zele voi*waren. 

Des bebben de wysen erbeven 

Dusser kalande leven, 

Dar men selscbop macb vinden 

Unde sick myt der vorbynden, 
65 Nicbt dorcb bisscbops gbebodt. 

Sunder lutterliken dorcb god. 

Nu sut men it vaken gescbeyn, 

Dat leyen unde papen overeyn 

Sick an einer selscbop vordragen; 
70 Dat kan neinande mysbagen, 

Wente it macb komen 

One an beyden parten to vromen. 

Men scbal it allen gunnen, 

De dat erwerven kunnen 
75 Mit tucbt unde goyde 



75 Erst war geschrieben „tucht van de*^; dann sind die beiden leisten 
Wörter durchgestrichen und daßr ist „unde^ geschrieben. 



28 I 

Unde myt eyndrechtem gemoyte, 

Broderliken, sunder var, 

Sunder spotterye gar. 

Merket, dat dusse selschop 
80 Unde wunnichlike broderschop 

Heflft eyn pawes to Rome, 

Den ek Pelagium nome, 

Bestediget myt syner gewalt 

Unde heflft darto mannichfalt [Sp. 2] 

85 Ghegeven fyne lere. 

Süss möge gy merken deste mere, 

Wu dusse kalant is befredet 

Unde van pawesliker walt bestedet. 

Doreh wat de kaland ghemaket si. 

Nu höret vort, wu sick dat saket, 
90 Unde dorch wat de kalant sy geraaket. 

He is bedacht to heile 

Beyde dem lyve und der zele; 

Des lyves heyl lid daran, 

Also ik mek vorsynnen kan, 
95 Dat sick under stunden 

Vrommede lüde frunden, 

Dat se werden tniwe brodere, 

Recht so se sin van eyner moder. 

Dar Salomon, de wyse man, 
100 Dussen sproke heflft van gedan: 

[Melior est vicinus, qui juxta, quam frater procul.J 

Eyn truwe neyber beter is 

Wen eyn liflflick broder, dat is wis. 

De dar wonet veme. 

Dut moghe gy merken gerne. 
105 Ik hebbe ghelegen unde hebbe ghedacht 

Beyde dach unde nacht 

Mit sorchfoldigem gemoyte, 

Wat an der werld goyde 

Dat alderbeste were. 
110 Gued, gewalt unde ere, 

Dat vinde ik alle wandelbar: 

Synder eyn dinck merke ik dar, 

Dat myn syn heflft uterkoren 

Vor anderen dingen tovoren, 
115 Dat is eyn truwe stede fnind; [Bl- 2* Sp. i] 

Dat duncket meck de beste fund. 

[Amico fideli nulla est comparatio. Ecclesiastes.] 

Wente Salomon de wyse 

Heflft an alle synem pryse 

Den steden, truwen frunden 



29 

120 Nu nicht likes gefunden. 
[Proverbiorum. Yae soli! si ceciderit, uon habet sublevautem.] 

We dem, de alleyne schal syn; 

Wente valt he, dat is. syn pyn, 

Dat he nemande hefft, de one wedder upheve 

Edder jennigerleyen trost gheve. 
125 Dat kan eyn truwe frund al vorgoyden: 

Wente de is truwe in allen noden. 

Dat Bchaltu vort ok darby proven, 

Wente de waren vnind kunnen nicht bedroven 

Scheideword, toru noch hat, 
130 De leve stillet alle dat. 
[Proverbiorum. Vir amabilis ad societatem magis amicus erit.] 

Eyn tiiiwe frund uterkoren 

Is beter wen eyn frund angeboren. 

[Nullius boni sine socio jocunda possessio.] 

Neyn gud helft vulle goyde, 

It ensy denne, dat it foyde 
135 Eyn goytlick kumpenye. 

Alle valsches frye. 

Noch schaltu merken lyse, 

Wu hoch Seneca de wise 

Lovet unde pryset den steden, truwen frund: 

140 Daraff sprickt alsus sin mund: [Sp. 2] 

[Amicida rebus humanis omnibus est praeponenda.] 
Vor alle de gave der erde 
Schal van gantzer werde 
De wäre fruntschop stigen. 

Des wil ok Julius nicht swighen 
[Amicus diu quaeritur, vix invenitur, inventus cum difficultate obsenratur.] 
145 Unde secht alsus in synen sproken: 

Truwe frunde mot men langhe soyken 

Unde men vind se myt swere; 

Men schal orer warden sere, 

Wanneir se funden syn. 
150 Hir van sprickt ok Augustyn: 
[lllam legem amicicie justissimam esse arbitror, qua praescribitur, ut non minus 

nee plus quisque amicum quam se ipsum diligat.] 

De beste e mangk guden frunden 

Is: leff hebben to allen stunden 

Eyn den anderen so syn liflf 

Ane hat unde ane alle kiff 
155 Unde ane jennigerleye quad gebere. 

Ach, wu leififlick dat were. 

Dar men de fruntschop vunde, 

Dat vrunt mochte myt frunde 

So myt sick sulven kosen. 



123 De he. 157 vunde Hs, vinde. 



30 

160 Gensliken vorholen vor den bösen. 

Van sodanen frunde secht uns de man, 

Den ik hir vor genomet han: 

Alsus schaltu stede frunde merken 

Beyde an worden und an werken: [Bl- 2»> Sp. 1] 

165 Eyn frund hört den anderen gerne spreken 

Unde kan alle syne word to den besten reken; 

He hört ok gerne van ome seggen, 

It sy an steden edder an wegen; 

He sacht ok sulvest van ome gerne, 
170 He sy ome na edder verne; 

Ok dcncket he siner to aller tyd, 

Unde alle syn wille daran 1yd, 

Dat he ome syne hulpe do, 

It sy kolt, heit, spade edder vro; 
175 Ok qweme dat so, und were des uoth. 

He ghinge myd ome wel in den doed. 

Synen torn wil he bewaren; 

Dat is der rechten leve kam. 

Ok sut he one bedrovet 
180 Unde unmod an ome provet, 

He iß darna myt synen seden, 

Dat he one bringet wedder to freden. 

Synes gheluckes is he gemeyt; 

AI syn ungelucke is ome leyt. 
185 He lovet ok alle tyd den dach, 

In dem he by ome wesen mach; 

Wente des is ghevrauwet syn sin. 

Van ome wesen, dat bringet ome pyn. 

Ok wat eyn vrund levet, 
190 De ander alle tyd darna strevet, 

Dat he dat sulven in herten ginind 

Ok heflPt leff to aller stund. 

Wat he batet, dat batet ok ome. 

Ok maket he ome bequeme 
195 Alle, de he immer mach, 

It sy nacht edder dach; 

Unde bringhet de in syne fruntschop 

Und in lefflike kuntschop. 

Ok steyt he darna alle dagbe, [Sp. 2] 

200 Dat he ome io behage. 

Wat he ome gyfft, dat be wäret he gerne; 

Dat kumpt van ome seiden veme. 

He deyt ok alle tyd na synem rade, 

It sy nacht, dach, vro edder spade. 



172 darna. 178 kam = kern; zum Reime a: e vgl 1216/7. 712/3. 674/5. 
684;5. 579/80. 359/60. 200 beghage. 



31 

205 De wise man Isidorus 

De sprickt darvan alsus: 

[Amicitia est amicorum societas.] 

An leve twier herten band 

Dat is recht fruntschop genant. 

Vruntschop sotet lucke. 
210 Ik meyne, se ok Vordrucke 

Des ungheluckes gallen. 

De enleth ok nicht vallen 

Dat suftenbare herte 

An mystrostes smerte. 
215 An aller rede 

Steyt io de fruntschop stede. 

De falsche dunckelfrund 

De wankelt io to aller stund, 

He drecht dat honnich in dem munde, 
220 Und drecht doch valsch in herten gründe. 

Vor mek maket he syne word gar slicht, 

Binder mek is he so quad eyn wicht. 

Wol dem to allen stunden, 

De eynen truwen Jinind hefft gefunden, 
225 Dem he alles gudes mach gheloven 

Dat mach men wol by Davitte proven. 
[Ecce quam bonum et quam jocundum, habitare fratres in uuum.] 

Su wu gued, wu lustichlich, [Bl- 3» Sp. 1] 

Dar de truwen broder sammen sick 

Und undereynander sick befrundet. 
230 Dat uns dat evangelium ok vorkundet: 
[Tbl duo vel tres congregati füerint in nomine meo, in medio eorum sum.] 

God sprickt: Wu vaken dat gesche, 

Wur twene edder dre 

Sick in synem namen 

Mit rechter leve sammen 
235 In allerleye stidde, 

Dar wil he io wesen midde. 

Nu höret van dem heyle. 

De gescheyn mach der zele 

Van dusser selschop unde vorplicht. 
240 Alle selschop were nicht, 

Also ek lese unde prove, 

De sick myt godde nicht erhove, 

In god unde dorch god. 

Höret nu alle sin gebot: 
[Hoc est praeceptum meum, ut diligatis invicem, sicut dilexi vos.] 
245 Alsus sprickt Johannes breflf: 

Hebbet* gick undemander leff, 



209 soket. 213 sustenbare. 222 ghe. 



32 

Also ik gick liebbe gedan. 

Alsus schal unse leve stan, 

Dat we to godde brochten 
250 Gerne, eft* we mochten, 

AI unse fnind ghemeyne. 

Dat Ion enis nicht cleyne, 

Dat god uns darvor wil gheven 

Na dussem krancen leven. [Sp. 2] 

255 Wertlick leve vorgeyt, 

Aller erst denne besteyt 

De wäre leve myt lone. 

Dat steyt ghescreven schone: 
[Ego V08 elegi et posui vos, ut eatis, qui fructum aflferatis et fructus vester maneat.] 

Ik hebbe gick uterkoren 
260 Ut aller werld tovorn, 

Dat gy gan na tucht 

Unde bringen der leve frucht, 

De ewdch warende sy. 

Hir machmen merken by, 
265 Wu grot heyl und vrome 

Van rechter fruntschop kome. 

Van warer finintschop goyte 

Wert eyn bedrovet ghemoyte 

Irluchtet van aller swere 
270 Unde vint dar trost unde lere. 

Hir mach ok frund frunde 

Secker bichten syne sunde 
[Confitemini alterutrum peccata vestra et orate pro invicem, nt Balvemini.] 

Unde soyken darto guden rad 

Unde helpen sick myt guder dat, 
275 Unde moghen gelick den frunden und magen 

Eyn des anderen nod und borden dragen. 
[Alter alterius onera portate, et sie adimplebitis legem Christi.] 

Noch vintme hiir gnade vele 

Unde guden trost der zele, 

De dusser fruntschop volge mede 
280 An almosen unde an bede [Bl- 3^ Sp. ij 

Na den doede unde vor. 

Wur vint men dat anderswurV 

Na dem dode eyn stede frund 

Dat is eyn salich fund, 
285 De siner zele plecht myt guden werken 

An klosteren, clusen und an kerken. 

Wu me den kaland holden schal, 

Nu dout, also ik gick bidde, 
Unde höret nu [dat] dridde, 

254 kranneu. 269 Itluchtet 284 satich. . 



33 

lu welker wise und wiidane band 
290 Dat men holden schal den kaland. 
»Men schal hebben eynen deken, 

(Dat wil ik myt gheloven spreken) 

Dusser selschop bequeme, 

Wiis, fredesam und anneme, 
295 Dede wontliken alle sake 

Utrichte unde bestentlick make, 

So eynen wisen manne behort; 

De ok myt syner brodere viilbord 

An dussen kaland neme 
300 Alle, de dar to sin bequeme 

Unde dusser broderschap werdich sin. 
.. De quaden schullen nummer komen darin. 

Men schal ok in allen steden 

Dussem deken beden 
30.') Horsam, tucht und ere. 

Noch schal men hebben mere 

Ome to hulpe eynen kemerere, 

De myt alle synem gebere 

Ome bequeme sy 
310 Unde wone den broderen myt truwe by, 

Unde de ane alle vare 

Dusser broderschop gud beware. 

Dusse kemerer schal ok dama wesen 

Unde late des avendes vigilien lesen, [Sp. 2] 

315 Wen des kalandes tyd is ghekomen; 

Des mögen de zele nemen vromen. 

Under des de kock myt dem werde 

Schullen myt orem geverde 

Berichten unde bereyden de spyse, 
320 Dat de sy an sulker wyse, 

Dat der sy ghenoch, 

Eynen iowelken sin ghevoch, 

Dat or ok sy to mate, 

Dem lyve nicht to overate. 
325 Dusse kaland schal ok nicht 

Mit der taverne hebben plicht. 

Jowelk schal drinken synes lyves mate 

Unde ga denne syne strate; 

Wente overat unde overdranck 
330 Maken lyfF unde zele kranck. 

Overat an der spyse 

Warp Adamme uth dem paradyse 

Unde krencket noch hüte manigen man. 



302 darinkomen. 

NiederdantschaB Jahrbaoh. XVIII. 



34 

p 

Des vinde we bescreven stan 

[Non, ut edas, vivas; sed edas, ut vivefe posais.] 
335 Men schal eten dorch dat levent; 

Dat Uff is dy nicht ghegeven, 

Dathu it holdest to dem vrate. 

Der doget kröne is de mate. 

Sondere we also denet dem büke, 
340 Dat he der spyse vele vorsluke, 

De mot werden vorstort. 

Dat sint des apostelen word: 

[Deus et hone et hanc destruet.] 
God wil vorstoren de overflodicheyt 
Unde alle, de oren willen dar hebben angeleyt. 

Van den gherichteB des kalandes. [Bl. 4»- Sp. 1.] 

345 Nu wil ek gick segghen, 

Wu de werd iuwer schuUe plegen. 

De werd schal geven to der not 

Gued beir und gud brod 

Unde veer gude gerichte, 
350 Der enschal he myt nichte 

Vorbat overmeren; 

Koyken, kese unde beren. 

Des ghelick gifft men wol darmede 

Na unser broderschap zede. 
355 Dat enschullen neyne richte heten noch sin. 

Ok enschal nemand wyn 

Tho dussem kalande schencken 

Unde unsen wilkor krencken: 

Id were denne, dat we sende 
360 Wyn dem kalande. 

Hedde ok de werd sulven wyn, 

So geve ik vulbord darin, 

Dat he wyn mochte gheven. 

Sick mochte anders erheven 
365 So kostlick kost unde theer, 

Dat eyn den anderen iummer mer 

Mit der koste wolde overpralen 

Unde myt homode overhalen, 

Dat it worde dar 
370 Den armen alte swar. 

Noch weyt ik eyn leyt, 

Dat is de quade drunkenheyt 

De sunder twivel daraff wolde komen; 

De doch nemande bringet vromen, 

348 overslodicheyt. 
362 wulbord. 



B5 

375 Also ok bescreven steyt [Bl. 4»- Sp. 2.] 

[ProTerbiorum. Luxuriosa res est vinum, et tumultuosa est ebiretas.} 

Wyn uude dnmkenheyt 

Mannighe untucht erwecken 

Unde alle vorholen dingk updecken; 

Twischen den frunden breken se de [sone], 
380 De blöden maken se kone. 

Hinunme holdet mate 

An drinken unde an eten, 

Up dat gy moghen frunde wesen. 

Merket, wat we mer lesen: 
[Melius est, vocare ad olera cum caritate, quam ad vitnlum saginatum cum odio.] 
385 Dat is beter und themet wol, 

Dat men myt fruntschop geve kol, 

Wen dat men braden gheve, 

Dar de fruntschop binden bleve. 
[Melior est bucella panis cum gaudio, quam domus plena victimis cum jurgio.] 

Beter is eyn schive brodes, 
390 Dar ik by mach wesen gudes modes, 

Wen veer richte edder vive 

Mit tome unde myt kyve. 

Nu höret dat beste: 

De werd schal syne geste 
395 Entfangen gar vroliken 

Unde bewisen one leiiHiken 

Syn vrolike anghesichte; 

Dat kan alle syne gerichte 

Ane honnich maken zoyte. 
400 Dat spreke ik by myner goyte. 

Dat sulve leret uns ok meyster Esopus, 

De dar van scrifft alsus: 
[Emendat conditque cibos clemencia vultus, Convivam satiat rDi jk c i -i 

plus dape frontis honor.] I-^*- ^^' ^P- ^J 

We syne koste wil vrolik bewaren, 

De late alle sorge varen, 
405 Dewile de geste by ome syn, 

So lovet men sin brod, beir und wyn. 

Unde wat he vrolicken hefft ghegeven, 

Sunder wen men myt sick sulven sud streven, 

De vorluset de koste unde ok de gunst, 
410 Unde hedde he ok Salomonis kunst. . 

Wettet, he is eyn salich man, 

De vrolick sin brod geven kan. 

Hirane schuUe gy gyck prisen 

Unde iuwen gesten vrolicheyt bewisen 
415 Unde plegen orer also, 

Dat se de spyse make vro. 

Eyn dingk schuUe gy ok beholden, 

3* 



36 

Öat men groter tuchte schal wolclen 

Over dem dische myt allen dingen. 
420 Men schal nicht ropen unde singen, 

Sunder myt groten tuchten eten 

Ünde aller untiicht vcjrgetten. 

Tho dem dissche schal men lesen 

Unde rechte hovesch wesen 
425 Unde doch vrolikes modes 

Unde spreken alle wat gudes, 

Dar beteringhe ane sy. 

Ok schal wesen by 

Van uns alle achtersprake ; 
430 Dat is so quad eyn sake, 

Dat alle gude kumpenie 

Orer schullen wesen vrie. 

Dat scrifft ok sunte Augustin 

An dem dissche syn: 
[Qnique Bolet dictis absentium rodere vitam, Hunc procul a mcnsa rr». ^i, o « i 

cedere posco mea.] ^^^' ^ ' ^P* ^-1 

435 Alle, de sick des vliten, 

Dat se de lüde byten 

Myt achtersprake hinder one her, 

De schullen mynen dissche iummer mcr 

Unde to allen tyden wesen verne. 
440 Dusser lere schuUe gy ok volgen gerne 

Unde schullen nemandes ovel denken 

Unde syn gude rochte krencken. 

Wettet, he is eyn salich man, 

De alle dingk to dem besten keren kan, 
445 Unde wat one nicht tredet an, 

Kan laten by sick hen gan. 

Van dem broke der kalandes brodere. 

Nu sit ok alle des vormaant, 

Dat gy dussen kalant 

Nicht vorsumet sunder nod. 
450 Sunder we dat freveis modes doit, 

Dat schal unse deken 

Myt syner ghewalt wreken. 

So dat eynander dorch de vare 

Dat up eyn ander tyd beware. 
455 Noch wettet suuder wan: 

Eflft jennich dummer man 

Hir wedder wolde kyven 

Unde unhorsam bliven, 

Den schal me hir uth driven 

451 uns. 



37 

460 Unde uth dussem kalande scriven, [ßl- S*- Sp- 1] 

So dat de dar blive van; 

Wente we vinden bescreven stan: 
[Turpis est omnis pars, quae non congruit suo toti.] 

Dat stucke is schentlick, 

Dat nicht ghevolget sick 
465 Synem gantzem deile. 

Wat hulpe, dat ik dat heleV 

[Una enim ovis morbida totum gregera corrumpit.] 

Eyn eynich schap wandelbar 

Bevlecket eynen herde gar, 

Dat he wert al unreyne. 
470 Sui*e8 deges eyn kleyne 

Maket vele deges sur; 

Unde eyn kyverne bur, 

De kyves vele kan, 

De is den synen eyn verlick man, 
475 De by ome schullen leven. 

Des vinde we bescreven: 

[Ejice derisorem, et exibit cum eo jurgium.] 

Den kyveren man vordriff, 

So endet sick de kyff. 

Na dusser lere der wisen 
480 Schal men sick alle tyd prysen, 

Dat men sodane lüde 

An den kalant nicht enfanghe hude, 

Sunder dat men se darvan late 

Ane jenigerleye mate; 
485 Sunder efFt dat also were komen, 

Dat se misfanges worden angenomen. 

So schal men doch orer nicht lyden. 

Sunder wedder äff dem kalande snyden 

(So eyn vul ledemat) 
490 An rechten truwen, uppe dat, [Sp. 2.] 

Dat dat negeste ledemat sunder wan 

Ok nicht envule darvan. 

Nu höret, effet men eynen man 

An den kaland wil entfan, 
495 De schal sunder wedderstreven 

Eyn halff punt wasses gheven 

An de kemery e. ^^'£se lietT^^ 

Unde eff eyn der kumpanye ^^ of thh ""^k^ 

Dorch sake wil vorthyen, I UNI^nr^iJ-'^^TY 

500 De schal sick alsus vryen: x '. ~~n. 



468 herde (grox) scheint nd. wenig bekannt. Geschlechtswechsel, dem zufolge 
das Wort Masc. wurde, ist wahrscheinlich. Vgl. Korrespondenzblatt XV, 62. 93. 
494 entfanghen. 



38 

He schal gheven vor dat dingk 

Eynen lodighen verdingk 

ünde vare an goddes segen. 

Weret ok also ghelegen, 
505 Dat des kalandes eyn geselle 

Van kummers ungevelle 

Nicht konde denen dem kaland, 

Deme schal men altohand 

Bewisen broderlike goyde, 
510 Efft he des bidet myt othmode, 

So dat he des denystes moghe wesen quit, 

Edder gheven ome so lange vryst und tyd, 

Dat he sick dartho berede: 

Doch mit sodanem underbeschede, 
515 Dat synes kummers sware 

Si schin unde openbare. 

Dar schal men wol up proven 

ünde ome denne der tyd erloven. 

Wa und wan men to dem Kalande komen schal. 

Nu höret mer, wat ick gik sage. 
520 An dem kalandes daghe [Bl. 5*. Sp. 1.] 

Vro an der morghen stunde 

Des kalandes brodere unde frunde 

Schullen alle komen; 

Dat ensy, dat we worde benomen 
525 Van sunderliker merckliken nod, 

De to allen tyden mod 

Unde in allen saken 

Den mynschen unschuldigh maken. 

So schal men singen dar 
530 Dre missen edder eyn par; 

De ersten vor de doden, 

De dar noch syn in noden, 

De anderen vor de broder 

Der barmhertighen moder, 
535 Der junckfruwen sunte Marien, 

Dat de brodere alle wol dyen 

An lyve, ere und an gude, 

An der zele unde an alle orem mode. 

Wen sick dusse missen erheven, 
540 So schullen sick dama streven 

De papen, dat se singhen unde lesen 

Unde myt oren ruggelen dar wesen 

Myt iniger andacht unde anders nicht. 



507 den kaland. 511 vry. 



39 

De leyen schuUen ore plicht 
545 Ok dar bringhen to hove, 

Dat se to goddes love 

Ore beth flytliken spreken. 

Neyn broder schal dat breken, 

He enbringhe sin opper dar. 
550 Na der missen nemet war, 

Wa me dat mandat utlecht 

Unde den armen de voyte twecht 

Na dem beide unses heren, 

ünde dat sulve rechte leren 
555 Unde ervuUen dat myt der daat. 

Do he myt sinen jüngeren ath [Sp. 2.] 

Unde twoch one ore voyte, 

He sprack one so rechte soyte: 

[Si ego dominus et magister lavi vestros pedes, 
et V08 debetis alter alterius lavare pedes; 
exemplom enim dedi vobis, ut et vos ita faciatis.] 

Dut hebbe ick gick to eynen beide ghedan, 
560 Uppe dat gy rechte lere nemen darvan 

Unde bewysen juwer eyn den anderen othmodicheyt ; 
So moghe gy erwerven salicheyt. 

Wa meB de almesen bereyden schal. 

De wert myt sinen seden 

Schal dar de almesen bereyden, 
565 Dat dar nicht ane enschele, 

Sunder dat der sy so vele, 

Alse der kalandes broder is, 

Dat iowelk sunder mys 

Eynem armen an dem daghe 
570 Syne voyte sulven twage 

Und ome eyne almese beyde, 

De schal [dar sin bereide.] 

Wen dat is ghedan, 

So schal men to capittel gan 
575 Unde berichten unde overspreken 

Mit fruntschop sunder wreken, 

Wat da to donde sy. 

Alle twidracht de sy by. 

So schalme denne to dische gan 
580 Unde dar schal van oven' an de deken [Bl- 6*- Sp. 1.] 

Benedicite unde den segen spreken 

Over de sulven spyse, 

Unde na der sulven wyse 



572 Die Wörter De schal sind wieder durchgestrichen, 

680 Wa» hinter „J3n^ folgt, ist eines Klexes wegen nicht bu lesen. 



40 

Na tem eteu gratias. 
585 Men schal ok under des 
Vel wolghetogen wesen, 
So hir vor is ghelesen, 
An worden, an drancke, an spyse 
Unde an gotliker wyse. 

Wa men don schal, wan eyn kalandes broder sterfft. 

590 Nu enhoret dut nicht node, 

Wu men don schal an dem dode, 

Wen der broder eyn wil sterven. 

So schal me dat werven 

To den, de men hebben mach, 
595 It sy nacht edder dach, 

Dat se komen dar 

Unde des krancken nemen war 

Ome de sacramenta to geven, 

Unde wat ome is even 
600 To syner lesten hennevart, 

Dat de werde wel bewart. 

Wen denne sin, dod wert vornomen. 

So schuUen se dar hen komen, 

De brodere al ghemeyn; 
605 Dat schal vorsumen neyn. 

Vigilien missen schal men singhen 

Unde de graff vullenbringen 

Schone na der wonheyt, 

So men guden frunden deyt. 
610 Unde ein iowelk schal darnach 

Wente an den drittegesten dach 

Unde vorbat alle dat iar [8p. 2.] 

Der sele nemen war. 

So me guder vrunde plecht. 
615 Ok schalme des vorsumen nicht. 

Dar schal eyn iowelk sunder clagen 

Eynen hympten weites hendragen, 

Dat de kemerer dat late 

Backen an guder mate. 
620 Dat schal men den armen deilen 

To tröste allen crissen seien. 

Nu höret ok al openbar: 

Des drittigesten schullen nemen war 

De brodere al by namen, 
625 Dat [se] komen to samen 

Unde den drittigesten began, 



614 guder doppelt geschrieben. 



41 

Also se de bigrafft liebben ghedan. 

Höret vort, wat ik gyk sage: 

An sunte Gallen daghe 
63Ü Schal eyn iowelk sunder wedderstreven 

Eynen Halberstedeschen schillingk geven 

Dusses kalandes kemerere, 

Uppe dat he moghe sunder swere 

Dem koke sin Ion entrichten. 
635 Ok schal myt den sulven plichteu 

Ghescheyn unses kokes grafi't, 

Wen sin levent eynen ende lieft, 

Und« don, also men den anderen broderen deyt, 

Also hir vor gescreven steyt. 
640 Ok sy gyk broderen alle vormahnt, 

Dede gan an dussen kaland, [Bl. 6^- Sp. 1.] 

Dat iowelk darna vlite sick 

Unde spreke alle daghe gar innichlik 

Syn ghebeth vor dusse kumpanye, 
645 Uppe dat se wol ghedye 

Hir an dussem lyve 

Unde iummer mer dort blive 

Vri van allen leyden, 

Van godde unghescheden. 
650 Des help uns allen samen 

De almechtighe god! Amen. 

Kyn Hunderlick vormannighe. 

Eya, leven broder myn, 

Gy alle, de ghesammet syn 

Hir an dussen kaland, 
655 Weset des van mek vormand, 

Dat kumpt gick to goyte . 

Seyt und provet an iuwe ghemoyte, 

Wu vraudenbar dat si, 

Dat vrunt vrunde wonet by, 
660 Und vrund to vninde kome, 

Dat is lust unde vrome. 

So men sued to der werlde Iure, 

Dar se doch sunder vire 

Sick moten draden scheyden 
665 Unde ok dicke myt leyden. 

Doch is dat sammcnt eyn grod wunne. 

Nu merket dat, we dat merken kunne: 
[O quam gloriosum est regnum, in quo cum (Christo gaudent omnes sancti.] 
Wu ersam unde wu wunnebar 
It mot iummer wesen dar. 
670 Dar god mit aWv den svnen wunnichlik [^P- 2.] 



42 

Sick wil vrauwen ewichlick. 

Dat IS der gantzen vraude eyn vund, 

Dar god alle syne frund 

Bringhen wil tosammen. 
675 So moghen sick de wol Schemen 

Unde troren van schulden, 

De dar van goddes hulden 

lummer und ewich werden vorstoten 

Unde dar ute besloten 
680 Vor des hymmelrikes doren, 

De dut word moten hören: 
[Amen, ameu dico vobis: nescis vos. Vigilate itaque, quia nescitis diem 

neque horam.] 

„Gad hen," (dat is slicht) 

„Ik erkenne iuwer nicht." 

Nu waket, leven frunde, 
685 Gy enwetten nicht den dach noch de stunde, 

Wan god wil komen, 

Dat gy werden henghenomen. 

Ik Werne gick dorch truwe: 

Hoydet iuck vor der naruwe. 
690 We ewichliken wert vorloren, 

De were bether ungheboren. 

Van vorsumen unde vortheen 

Is leydes vele gesehen 

Unde schut noch alle daghe. 

695 Nu höret, wu gik dut behaghe: 
[Ecclesiastes : In omnibus operibus tuis memorare novissima tua, et in aetemum 

non peccabis.] 

Bedencket iuwe lesten stunde, [Bl. 7* Sp. 1] 

So do gy nummer sunde. 

Vorsynnet gyk in der tyd. 

Vel mannich nu dar 1yd 
700 In der helle gloyte twar 

Van valscher hopeninghe, dat is war. 

De wyse unde hilge lerer Augustyn 

Is des eyn tuch myn: 
[Res est, quae multos occidit, cum dicunt: cras, cras. cras; et subito clauditur 

ostium et remanent foris.] 

Beyden wente ovemacht 

705 Hefft mannighen darto bracht, 

Dat he dar uth bleyff. 

Sunte Gregorius uns ok scref: 
[Gregorius: Quanti ad vesperam sani se aliquid in crastinum putabant acturos, 
et tum eadem nocte repentina morte defuncti sunt.] 
Mannich hefft wol wesen ghesunt, 
Unde dachte in der avent stunt 

672 wund. 697 do dy. 707 scriflft. 



43 

710 Van dussen unde jennen dinghen, 

De he wolde vuUenbringen 

Des morgens. Ome dat vordarflF; 

Wente he in der nacht snelles dodes sterff. 

Dorch dussen angest und var 
715 Nemet myner leren war: 

Soket godde, dewyle mßn one vinden mach; 

Wente he is alle tyd darnach, 

He wil hir gnedich wesen. 

An der erde, so we lesen, [Sp. 2] 

[Non enim veni vocare justos, sed peccatores ad penitenciam.] 
720 God is nicht mynslick gekomen 

Den rechten her to vromen, 

Sunder dat he de sunder wil laden 

Unde bringhen se to gnaden. 

Nu nemet an juwe ghemoyte 
725 Goddes ghewalt, wysheyt unde goite. 

He mach, he kan, he wil, 

Gnadens wert ome nicht to vel. 

Des machstu, sunder, wesen vro. 

Ezechiel sprickt ok also: 
[Nonqnam Toluutatis mee est mors impii et non ut convertatur a via sua mala 

et vivat.] 

730 Dorch den propheten spricket god: 

Ik wil nicht des sunders doed, 

Sunder dat he sick bekere. 

Noch spricket vort unse here 

ünde ropt to uns hemedder: 
735 Kere wedder, kere wedder, 

Sunamitis, du vel soyte, 

Dat ik dy schauwen mote. 

Van dussen dinghen, so ik las, 

Spricket wol Jsaias: 

[Convertimini ad me, et salvi eritis.] 
740 Keret gyck to mek van stund, 
So werde gy ghesunt. 
He spricket ok vort an dusser stede 

Dussen na ghescreven sproke mede: 
[Nunqaam mnlier potest oblivisci infantem suum, ut non misereatur filio 

uteri sui.] [Bl. 7^ Sp. 1] 

Wu mochte eyn wifflick wiff 
745 Vorgetten ores kyndes, dat or liff 

Hefft to der werlde ghebracht. 

Doch is se des under tyden umbedacht. 

Sunder, du machst dat wetten, 

Ik wil dyner nummer mer vorgetten; 
750 Wultu anders sulven darto. 

715 lerer. 



44 

Des scriflFt uns simte Bernbart ok also: 
[Neu liorruisti conüteiitem latronem, non lacrimantem peccatricem, uou Caiianeam 
supplicantem, uon deprehensam in adulterio, non suspirantem publicanum, uec 

negantem discipulum.] 

He sprickt alsus, bin ik bericlit: 

Here, du vorsmadest nicbt 

Den scbeker an dem cruce, nocb dat wenen 
755 Der sunderynnen Marien Magdalenen, 

Nocb Cananeam, de dek nareyp, 

Nocb dat wiff, dat nien begrep 

An dem uuecbte. 

Du nemest ok to eynem knecbte 
760 Den publican uude tobier Mattbeum, 

Ok dynen apostelen Petrum, 

De dyner drie vorsack. 

Dyne cruciger nemestu ok 

Wedder to dyner gnade scbyn. 

7ü5 Darvan sprickt ok sunte Augustyn: 
[Sic deus reuni fcstinat absolvere a tormeuto conscieucie, quasi ipsum plus 

passio miseri cogat, quam ipsum miserum passio sui.] [Sp. 2] 

(xod is stede to der sone bereyt; 

Wente be vel lever gnade deyt, 

Wen dat be den sunder lete sterven 

Unde ewicbliken vorderven. 

770 God is vul aller goyde. 

Dat merket al an juwem mode: 
[Augustinus. Quemcunque nccessitas cogit peccatorem ad penitenciam, uon crimiuis 

immensitas, non vite enormitas excludit a venia.] 

Wente nu wart so grod sunde, 

Nocb so kort de stunde: 

God de vorgeve de sunde gar, 
775 EflFt de wäre ruwe wonet dar. 

Nu merket alle, de bir sint: 

Dussen god, den man vint 

To den gnaden sus bereyt 

Unde to gantzer bannlierticbeyt, 
780 Wente be bud dem sunder alle tyd syne gnade, 

It si nacbt, dacb, vro edder spade; 

Docb lovet be nergen dar by, 
[Augustinus. Qui pcnitcnti veniam spondet peccanti, diem crastinum uon promisit.] 
Dattu des doedes syst vry 
Den alderncgesten dacb. 
785 Nemand secker wesen macb. 

In aller tyd, na aller stidde [Bl- 8* Sp. i] 

Sliket uns de doet io midde; 
Wente be nemandes enscbonet. 
De ungewernden be lonet. 

775 ruwet. 7h:J vry syst. 787 do doet. 



45 

790 Des steyt ghescreven also 

In dem hilghen evangelio: 
[Vigilate itaque, quia nescitis, qua hora dominus venturus sit.] 

Gy schul len waken to rechten tyden 

Unde alle tyd de siinde vormiden, 

Uppe dat gy werden rechtferdich ghevunden. 
795 Wente gy wetten nicht, to welken stunden 

De here uns wert nalen 

ünde uns van hire halen. 

Sterven is eyn swerlich kifF, 

Dar sick zele und liff 
800 Mit kummerliken leyden 

Van eynander moten scheyden. 
[Confectus Jesus in agonia prolixius orabat et factus est sudor ejus tanquam 

gutte sanguinis decurrentis in terram.] 

God, unse here, sulven leyt 

Dorcli dodes angest blodighes sweitt. 

De dod is der mynscheyt 
805 Van natur eyn gi'oyt greselichey t ; 

Unde so gy hebbet vornomen, 

Van Sunden is de dod herghekomen. 

Weren de sundc nicht gewesen, 

So hedde we des doedes wol gheneson. 
810 Do de arme dünne zele 

To orem groten unheyle 

Vorteich des leven goddes, 

Synes danckes unde synes bodes, 

De moste se mit grotem killen IBI. H* Sp. 2] 

815 Unde myt groten wedderwillen 

Vorthien des leven Ivves; 

Se mach ores wedderkyves 

Nicht gheneten de lenghe, 

Se moth des lyves dwenghe 
820 Rumen myt groter sware. 

So blifft dat liff opembare 

Liggen also eyn vul as, 

Dat vor karsch unde schone was. 

Dut scheiden is krefftliken swar. 
825 Sunder wert de zele ok dar 

Van dem almechtigheu godde gescheyden, 

Dat wert eyn leyt vor allen leyden. 

So willen dar van stund 

De duvele, de worme unde de fnmd 
830 Tohant des mynschen erve syn. 

Su unde prove, wat al dyn gud und dyn gewin 

Dek denne mote vromen; 



792 Sy. 822 wul. 829 vorme. Kunde? [: stunde.] 



46 

Wente sus verne is gekomen 

Din ioghet, lust, ghewalt, gued und ere, 
835 Nicht wen efft dyn pyne und swere 

Deste 8warer daraff werde und sy. 

Ach, leve frund, höre my! 

Vorsynne doch dek hirane, 

Unde lath van valschem wane; 

840 Hebbe dyner sulven hoyde. 

Des sprickt Bernhardus de gude: 
[Caro clamat: Ego deüciam, mundus clamat: Ego decipiam, diabolus: Ego 

interficiam.] 

Dat Uff sprickt: ik moth vorgan; 

De werld lovet valschen wan; [Bl. 8^ Sp. i] 

De duvel de wil doeden. 
845 Dar umme schaltu dek behoyden. 
He is van manniger list; 

Des sunte Augustyn myn tuge ist: 
[Diabolus modo peccata.aliorum gravia, modo nil esse, quod perpetratum est, 

modo misericordem Deum loquitur.] 

Nu seght de duvel de sunde swar, 

Nu alto licht; so sprickt he dar, 
850 God sy barmhertich unde gued; 

So bringet he denne in dinen mod, 

Du mögest noch langhe leven. 

Alsus kan he hindemisse vele gheven. 

Hir wedder hör, wattu dost: 
855 Denke io, dattu sterven most, 

Unde schaff dyne houde 

Unde beware dek vor dem ewighen doede. 

Nu nym ok an dynem mod 

Dynes schippers dod 
860 Und synen groten kummer. 

Den kan ik vulspreken nummer, 

Den van unsen schulden 

Cristus, goddes sone, wolde dulden. 

Van dusser marter swere 

865 Merket sunte Bernhardus lere: 
[Vide pauperem Christnm, vagum, sine hospicio, jacentem inter bovem et asinum 

in presepio, involutum in vili panniculo.] 

Sy an, mynsche, dorch god, 
Dussen iammer unde nod, 
Cristum, dat klene kyndelyn, 

Dat dar lach in der kribbelin; [Bl. 8b Sp. 2] 

870 Snode doike was syn deckewand. 
He vloch in Egipten land, 
Up dem esele he reyt 
Dorch syne groten othmodicheyt. 

846 Hir is. 



47 

He stund an dem cnice naket. 
875 Dat sick alle dorch uns saket. 

God wart ghefanghen und geplaget, 

Gegeyselt unde gehalslaget, 

Ghebunden unde angespyet, 

Beschimpet unde anghestryet, 
880 Manigerhande wiis ghehonet 

Unde myt scharpen dornen ghekronet. 

Hir mach men wol van spreken: 

Syn syde wart ome dorchsteken, 

Lude ropende he sterflft, 
885 Unde so bitterliken uns erwerfft 

Synes vaders hulde, 

De dorch unse schulde 

So langhe was vorloren. 

Nu merke duth tovoren, 
890 Wu goytliken he sprekende began, 

Do he syne pyniger sach bi sick stan: 

[Pater ignosce illis, quia nesciunt, quid faciunt.] 

Gnade, vader, dusser iammerliken knechte; 

Wente se kunnen sick nicht vorsynnen rechte. 

Höret, wu sere he vor syne vyende bat, 
895 Uppe dat orer mochte werden rad. 

Meynstu, dat he nicht ensy 

Den frunden noch fruntliker by? 

Noch so wart van ome ghehort 

Eyn so sanflftmodich word, [Bl. 9* Sp. i] 

900 He sprack: Gonsumatum est. 

Eya, welk grot goyde daranne ist: 

It is nu alle vullenbracht, 

Alle dat iu dar van wart gesacht. 

Dem sunder to heyle. 
905 Alsus gaflf sick god veyle 

Unde leyt so grot dorch unse sunde. 

We were nu, dede konde, 

Laten uth dem gemode 

De gottlike goyde? 
910 Nu lath dek synen kummer wesen leyt 

Myt gantzer dancknamicheyt, 

Unde bidde one des tovoren, 

Dat syn marter nummer werde verloren 

An dek« noch in neyner saken 
915 Over dek ga synes bloedes wrake; 

Sunder dat he dek behoyde 

Vor dem anderen doede, 

Därmen ewichliken sterfft 

Unde nummer mer fraude erwerfft. 



48 

920 Nu höret, wat sunte Bernhart 

Uns vort hefft ghelart: 
[ßemhardus. Vide caput inclinatum ad osculandum, brachia extensa ad 
amplexandum, manns perfossas ad largiendum, latus apertum ad diligendum, toriiis 

corporis distensionem ad se totum iinpcndcndum. 

God is to der gnade bereyt; 

Dat merket, wu he steyt 

An dem cmtze opembare. 
925 Synes beides nemet wäre! 

He hefft syn hovet gheneget gar; 

Dat betekent uns openbar, [Bl. 9« Sp. 2] 

Dat he is bereyt darto, 

Dat he uns eynen kus der zone do. 
030 Syne hende sin glierechet uth, 

Darmidde he uns syne gnade buth. 

Smi band do lovet uns vrede; 

Syn syde steyt open dorch de rede, 

Dat dyn leve unde dancken darin körnen. 
935 AI syn liff steyt dek to vromen. 

He steyt ok dorch dat ghebunden, 

Dat men to allen stunden 

One vinde dar bereyde 

To des beruwers bede. 
940 Vorsume dek liir nicht! 

Na dem doede wert na rechte ghericht. 

Dat (^od na diissem levendc wil richten na rerlito. 

Ik hebbe hir vor ghescreven, 

Dat god wil vorgeven 

Hir to aller stunde 
945 Iowelken syne sunde 

Unde wil barmhertich wesen. 

Van dem godde we ok lesen 

Altehant dar by, 

Dat he eyn recht richter sy 
950 Na dussem lyve dort. 

Nu merket myne word, 

Unde wur de sele blyve 

Na dussem krancken live; 

Dar eyn so kumpt et in leyflF edder leyt, 

955 Also dat bescreven steyt: 

Nulluni bonuin irremuneratum, uullum malum impunitum. [B. 9^) S. 1] 

Wes schal ik hirane schonenV 

(iod wäll alle gud vorlonen 

linde alle bosheyt pynen. 

Dat mot denne erschinen. 
960 Wan de sele van henne vert, 

954 Dama so kumpt se? B met. 



4d 

So wert or beschert 
Under drey wegen eyn: 
De salighen sele den ersten theen, 
Unde ore reyse wert ghekart to hymmelrike 
90)5 Myt den engelen algelike, 
Dar se ewichliken leben. 

Darvan vinde we gescreven: 

[Beati mortui, qui in domino moriuntnr.] 

Salich sin, de dar sin ghestorven, 

Unde hebben hir den hymmel erworven 
970 Unde dat ewighe levent. 

Den anderen wech, merket even, 

De sick des vorsumpt, 

Dat he nicht van stunt to hymmel kumpt, 

Und is doch ruwich gefunden 
975 Unde gheloset van den sunden 

Vor dem prister in der hiebt, 

Doch so enheflft he nicht 

De böte vorvullet in dem leven, 

De ome vor de sunde was ghegeven. 
980 Des mote he dort boiten sure 

An dem bitterliken vegevure. 

De gude sunte Augustyn 

Is des eyn tuch myn: 
[Piirgandiis est igne purgatorii, qui in aliud seculnm distulit fractum penitencie.] 

Dat vegevur sin kummer ist, 
985 De sine böte heflft ghevrist. [Sp. 2] 

Weynich edder vele na synon sclmlden 

Mot he dort pyne dulden. 

Doch de pyne, leve gheselle, 

Is sanffter wen de helle; 
990 Doch is se swarer, dat is wis. 

Wen iennich wertlick pyne is. 

Dat vegevur so langhe wäret, 

Went dat de sele wert gheklaret 

Myt evenwichtiger pyne der schult, 
995 Went dat de böte werde vorvult 

Van or edder oren frunden, dat is wis. 

So hefft de fruntschop bogen prys. 

De bösen geyste, so we lesen, 

Schullen dar de pyneger wesen; 
1000 Doch nicht na orem beghere. 

Sunder na der sunde swere. 

Nu merket, wu men sclial komen 

Der armen sele to vromen 

De an dussen noden is! 



978 böte nicht vorvullet. 980 boite. 

Nl6derd«at8cbe8 J»brbaoh. XVIII. 



50 

1005 Dat is veirleye wiis: 

Mit des bedes jnnicheyt, 

Myt alraesen, de men deyt, 

Mvt vasteii unde kastven; 

Doch so mach alder best ghedyen 
1010 De vel hilfi;he misse, 

De helpet al gewisse. 

Dusses weghes wert doch rad, 

Wente sin kumraer io eynen ende had. 

Vriind, bv mvnen tniwen, 
1015 Vor dem dridden weghe mäcli dek gniwen! 

Dat is eyn nod vor aller nod 

Und mach wol heten de ander doed: 

De wiBch geyt to der helle 

Nu höre du, myn geselle: [Bl- l<^>* Sp. l] 

Mors peccatorura pcssima. 
1020 Dat is: Eyn doed der bösen, 

Schalmen dat recte glosen. 

Also uns David hefft bericht. 

So wart nu so böses nicht. 

Se moghen nicht vorswynden, 
1025 Se moghen ok iummer mer vinden 

Den doed, des se begheren. 

\Ve mach one des gewerenV 

Sprickt sunte Bernhart. 
[Qnis eis det, semel mori, ne in etemiim moriantiirV] 

De sproke is doch gantz hart. 
1030 Dat se van der quäle 

Doch mochten sterven to evnem male, 

Unde nicht Ivden iummer mer: 

Dat were evn trost orer swere. 

Se moten aver ewichliken dulden 
1035 Pvne dar na oren schulden. 

Hitte, kulde und worme 

An des herten storme. 
[Mittite eum in tenebras exteriores, ibi erit planotns et Stridor dencium.] 
One wert dar ok ghegeven 
Düsternisse unde tenenbeven, 
1040 Serien, weneu. achtermwe, 

Unde ok der duvele gruwe. 
[Cruriabnntur die ac nocte et tomientornm fumus ascendet in seculo.] 

Dat wäret nacht und dach. 

Dat is ores mevsten iammers slach, 

Dat sick dat nummer endet, 
1045 Unde ok dat se syn ghe wendet 

Van goddes angesichte dar; [Sp. 2.] 

Dat maket alle ore pyne swar: 

Unde dat se nummer werden vro. 



51 

Des spricket David ok also : 
[Quid enim mihi est in celo et a te que volni super terram?] 
1050 Wat hulpe mek, dat ik were 

In dem hvmmel, iinde doch enbere 

Dyner dar, here god? 

Eva, frund, to dusser nod 

Höret nummer neyn trost; 
1055 Se werden nummer mer erlost. 

Darvor behoyde uns alder raeyst 

De vader unde sone und liilghe geyst! 

Eyn vornianinghe van dem iaii/i;esteii daghe. 

Ik hebbe liir tovoren ghesecht, 
Dat god wil wesen recht 
lOGO Na dussem doede myt gerichte. 

Des schulle gy twivelen mit nichte, 
Wol doch syn ordel sy 
Uns alle daghe by 

Jawelkem na svner achte. 
[Omnis stabimus ante tribunal et reddituri racinnem, prout gessimus sive bonum 

sive malum.] 
1065 Eyn dingk du doch betrachte, 

Dat mach dek lichte wol vronien : 

It schal eyn dach komen, 

Dat alle de werld ghemeyne, 

Man wiff, olt iungk, grot und kleyne, 
1070 Schal komen noch vor gherichte 

Vor goddes anghesichte, [Bl. 10»>- Sp. 1 .] 

Unde rechte rede geven 

Dar umme al ore leven. 

Dat is de sorchfoldighe dach, 
1075 Dar Job langhe vor aflf sprack : 

[Quis mihi hnr tribuat, ut in infemo protegas me et absoondas me, donec pertran- 

seat furor tuusV] 

We gyfft mek, here, dat, 

Dat de helle sy myn hudevat. 

So langhe went dyn torn vorga 

Unde denkest myner denne darnaV 

[Dies illa, dies irac, dies calamitatis et miseric, dies magua et amara valde.] 
1080 Dat is de dach torns rick, 

Dat is eyn dach iammerlick, 

Eyn dach bitter und grot, 

Ervullet myt angestliker nod. 

Wan dusse dach kummet, 
1085 So wert dat nicht vorsumet. 

Alle ding wert opembar. 

Dat vur schal bernen dar 

AI umme to, van allen enden. 

4* 



62 

Dar schal de helle senden 
1090 Vor myt dem vegevure, 

Dem vure dar to sture. 

Unde des vures bitte hart 

Schal myt ejTier vart 

Dat ertrike van aller unvledicheyt fryen 
1095 Unde darna vomyen 

Water liicht unde erde. 

Ok schal des vures ungeverde 

Bringhen alle herte 

In sorchvoldighe smerte, 
1100 De lüde nicht alleyne 

Sunder ok de enghele algemeyne. [Sp. 2] 

[£runt Signa in solc et luna et stellis, et in terris pressura gentinm pro confusione 

sonitus maris.] 

Uns segghen, de de schrifft kunnen: 

An Sternen, mane unde sunnen 

Schalmen grod wunder seyn; 
1105 Daninder schal ghescheyn 

Grod drangk up der erden 

Van waters ungeverde. 

It moth sick also behoren, 

Dat de lüde moten dorren 
1110 Vor angeste unde nod 

Des tokomende iammers grot. 

De hymmele, so men segget, 

Schullen werden beweghet. 
[Tnnc videbunt filium hominis venientem in nube cum potestatc magna et majestate.] 
So schalmen des mynschen sone 
1115 Schauwen dar vel schone 
Komen myt groter ghewald 
In eyner wölken snel unde bald 
Myt den hjTnmelschen scharen, 

So he was up gevaren. 
[Hie Jhcsus, qni a vobis assumptus est in celum, sie vcuict, quem ad modum 

vidistis eum.] 

1120 An der mynscheyt goddes, so ik meyn, 

Schalmen dar openbar seen 

Negele, krönen, crutze unde sper. 

Des is de scrifft myn gewer. 

So wolden de bösen lüde gerne 
1125 Soyken ore houde und beschurnisse verne, 

Unde an den berghen de kulen, [Bl- U* ^v- l] 

Dar se dat gherichte mochten ynne Vorschulen. 
[Ipse dominus in jussn et in voce archangcli in tuba dei descendet de coelo.] 
Der basunen schrecken 
Schal dar de doden erwecken. 

1094 unwlcdicheyt. 



53 

1130 Nu merket Jeronimus rede. 
Dar he uns wernet mede: 
rSemper sonat illa vox terribilis iu auribus meis: Surgite mortui, venite ad Judicium!] 
Mek dunket stedes, wu dat myne oren 
Dussen greseliken lud hören: 
Stat up, gy doden, ghat vor gericht, 
1135 Unde höret dar juwe schuld und plicht, 
Und ghevet antworde vor juwe leven. 
Hirvan hofft ok (xregorius ghescreven: 
[0 quam anguste eruut tue vie reprobis ! Superius erit judex iratus, iuferius 
horridum cahos, a dextris peccata acciisancia, a sinistris infinita demouia!] 

we, wu rechte grot 

Wert denne dar des sunders nod! 
1140 He mochte van leyde doven. 

Den richter sued he tornich boven; 

To der rechteren hand de sunde, 

Under sick de affgrunde, 

Dar he moth in sincken altohant. 
1145 De duvele stan ome to der lincken hand. 

Inwendich des herten schult, 

Buten sud he de werld vorvult 

Myt dem engestliken vure. 

Enwechkomen is dar dure, [Sp. 2] 

1150 Vorkomen is dar alto swar, 

So de richter sulven dar 

Dat leste ordel wil vindeü 

Unde spreken alsus to synen kinden: 
[Venite, benedicti patris mei, possidete regnum vobis paratum a constitucioue mundi.] 

Gy benedigeden algelike, 
1155 Komet in mynes vaders rike, 

Unde entfanget de gotliken ewicheyt, 

De gick van anbegynne is bereyt 

Unde vrauwet gyck to ewighen tyden! 

De quaden moten dussen sproke lyden: 

[Discedite a me maledicti iu ignem etemum!] 
1160 Dat ander ordel, dat is sui*: 

Gat in dat ewighe vur, 

Gy vormaledigeden, van my! 

Dat ghick iummer werde we 

Myt den duvelen an der helle! 
1165 Nu merke du, leve gheselle, 

Myt wu groten leyden 

De quaden moten scheden 

Van den hymmelschen scharen. 

De rechten denne in dat ewighe levent varen. 
1170 Nu merke rechte, wu hir gescreven steyt, 

Wat den bösen is bereyt. 

1169 waren. 



54 

Men darff dar nevner tuchenisse, 

Noch der vorspreken drochnisse, 

Wysheyt, gliewald, adel unde gued 
1175 Moghen nicht beweyken des richters mod. [Bl. 11^ Sp. 1^ 

Dar wert opembar, dat merck, 

Danckeii, word unde werck, 

Also dat bescreven steyt in den boeken. 

Vorsaken edder wynkeltoge soiken 
1180 Kan dar nemande vromen. 

Alle dyngk inod denne dar vor komen. 

[Pugnabit pro eo orbis terrarum coutra inseosatos.] 

Alle de werld schal denne rechten 

Myt godde wedder de unrechten. 

Hymmel, erde, sunne unde maen 
1185 SchuUen up eyner bauen stau. 

Nacht, dach, de werld al 

Stan alle na des sunders val. 
[Tuuc cognoscetur dominus justiciam faciens, qui mmc ignoratur misericordiam 

querens] 

So mod men denne by nod 

Bekennen unsen heren god 
1190 An synem strenghen gherichte, 

De nu myt nichte 

An syner bannherticheyt 

Bekennen wil unse dorheyt. 

Ik vormane gick, doud na goddes rede, 
1195 Sendet boden na dem vrede, 

Eyr god greseliken kome. 

Dat is juwer aller vrome. 

Soynet gyck myt ome in der tyd; 

Tyghen one vechten is eyn vorloren stryd 
1200 Und is gyck vele to swar. 

Dar umme nemet juwer houde war. 

Eyn vormaninghe van der vraude des hymmels. 

Nu, vel leven broder myn, 

De hir nu ghesammet syn, 

Ik hebbe gyck vorgeleyt [Sp. 2] 

1205 Van des doedes bittericheyt, 

(Dat mach gyck wol veren) 

Van dem dode unses heren, 

Van des vagevures plage, 

Van dem jungesten daghe, 
1210 Dusse mere sin vel swar 

Unde sin doch werliken war, 

Unde is nod und gud, 



1182 vechte. 1194 redde. 



55 

Dat unse harde iiiod 

Hir an der erde dar vorscrecke 
1215 Van grotem angeste vel dicke, 

Uppe dat we deste bet 

Vonnyden vele misscdat. 

Nu wil ik gyck des boiten 

Und wil myne rede soiten; 
1220 Wente na dem suren dat soite 

Ghifft vraude unde hochgemoite 

Unde vorläget alle leyde. 

We se heflft befunden beyde. 

De mot mek des bybestan. 

1225 Van der soyte heve ik an. 
[Absterget deus omnem lacrimam ab oculis eorum, et mors ultra nee erit, ueqiie 
luctus, neque clamor,, neque dolor ultra, quae prima abieruut.] 
So wil god one affdroghen 
De tränen van den ogen, 
One kummet denne neyn dot mer, 
Ok neynerhande swer, 
1230 Noch wenen, noch ropen, noch scryen; 

Alle dingk wil god vornyen. 
[Que preparavit deus cUligentibus se, fide non capitur, i?pe uou attiugitur, caritate 

non apprehenditur, acquiri potest, estimaH non potest.] 
Wat god den synen hefft bereyt, |Bl- 12* Sp. l] 

Vraude wunne und salichevt, 
Des kan nemant vul dencken noch proven 
1285 Myt leve, hopeninghe, noch myt dem geloven; 
Men mach dat vordenen wol, 

Sunder nummer bedencken vul. 
[Quis uou desiderat illam pacem, ubi amicus non exit, iuimieus non iutrat?] 

We were nu de jenne, 

(Nemant, also ik mene) 
1240 De des fredes nicht engherede, 

Dar men ome des ghewerede, 

Dat syner frunde neyn dar ut queme, 

Unde dat me syner viende neynen dar in neme? 

In dem hymmele is dat also, 
1245 Dar men ewichliken mach wesen vro 

Myt allen hilghen sunder var. 

Des scrifft Augustinus opembar: 
[O si, quando videbo gaudium meum, quid desidero. O si saciabor, dum 

appanierit gloria ejus!] 
Wanner schal mek dat gheschen, 
Here, dat ek moghe seyn 
1250 Dyne vraude, der ik beghere. 
Denne wert opembar din ere. 
Myn herte darna schult, 

1243 ueyuer. 1246 war. 1262 nar na. 



56 

Dat it mochte werden ervult 
Myt den vrauden dynes rykes. 

1255 Denne vint men nicht ghelikes 
Hir an dussem levent. 

Dar van hefft David ghescreven: 
[Letatus sum in his, que dicta sunt [Sp. 2], cum in domum donuni ibimus.] 
Ik vrauwe mek vel sere, 
Sprack David, der wunnichliken mere, 
1260 We schullen in dat huss unses heren gan 
Unde schullen gar vroliken stan 
To Jherusalem an den wegen; 

Dar wert uns sin segen. 
[Augustin. Facies domini tarn dulcis est, fratres mei, ut illa visa nichil aliud 

possit delectari.] 

Eya, leven brodere, wettet datte, 
1265 Dat soyte goddes antlate 

Is so schone und so dar, 

We des eynes mach nemen war. 

De kan, noch mach anders nicht begeren, 

Unde alles anderen wol enberen. 
1270 De hilghe man Gregorius 

Scrifft hirvan ok alsus: 
[Qui creatoris sui faciem vident, nichil in creaturis agitur, quod videre nou possent.] 

De den schipper sulven schauwen, 

De moghen sick des vrauwen, 

Se seyn an ome algewisse 
1275 Alle syne schipnisse; 

Ok blifft nicht vorborghen, 

Des dorven se nicht sorghen, 

Se werden nummer mer beswert, 

De myt dussen vrauden werden bewert, 
1280 Und vorwynnen al oren kummer 

Unde werden salich ewich unde iummer. 

EflFt dat ok were mogelick, [Bl. 12b Sp. l] 

Dat men umme dat hymmelrick 

Unde dorch des hymmelrickes willen 
1285 Scholde buwen eyne helle 

Unde eyne wyle lyden, 

Des scholdemen nicht vormyden, 

Uppe dat men mochte to hymmel komen. 

Höret mer, dat mach gick vromen: 
[Servivit Jacob pro Rachel Septem annis, et videbantur ei dies pauci pro amoris 

magnitudine.] 
1290 We lesen dat vor war, 

Dat Jacob deynde seven iar 

Unde leyt sick darna Ionen 
Mit Rachel, der vil schonen. 

1256 leuch. 



57 

De tyd en was ome nicht to langk 
1295 Dorch de leve, de one twangk. 

Daraff sprickt [he] in ewanghelio : 
[Simile est regnum celonim homini negociatori quereuti bouas margaritas.] 

Dat was eyn kopman bederve, 

De vorkoflfte al syn erve, 

Do he wolde kopen und qiiiteu 
1300 Eyne dure margariten. 

Also schuUe >ve ok geven 

Umme dat ewighe leven, 

Wat we leves iu gewunnen, 

Iff dat we rechte sin vorsunnen 
1305 Unde willen dat merken even. 

David hefft ok darvan ghescreven: 

[Melior est dies una in atriis tuis super milia.] 

Eyn dach is beter dar 

Wen hir mannich dusent iar, [^P- ^^•] 

Wen de zele dort 
1310 To hymmel wert gevoert. 

So wil we or dat toreken, 

Alse we de meyster hören spreken, 

Dat eyner konigynnen schach, 

Do se konige Salomone ansach. 

[Regina Saba ingressa Jberusalem cum comitatu magno.] 
1315 Van Saba eyn konnigynne, 

Ryke gudes und synne, 

To Jherusalem se in quam. 

Or ghetrecke dat was lovesam; 

Se wart entfanghen schone 
1320 Van konnighe Salomone. 

Do se sach syne werdicheyt 

Unde synes buwes czirheyt, 

Syner dische spise, 

De dener manniger wyse, 
1325 Do entfloch or dar under 

Or geyst dorch dat wunder. 

To Salomone sprack se dar: 

Dat is truwen alle war, 

Des ik van dek was bericht. 
1330 Ik gelovede des doch nicht, 

Wente nu dat ik it se. 

It was nicht halff ghesaget my, 



Nach 1296 fehU ein Vers, den A so toiedergibt: unse berre selbe also. 

1315 fif. Warum nach SchaU diese Ausführungen auf Kenntnis von Lamp- 
rechU Alexander 68 ff. deuten müssen, weiss ich niclU; bei Brun von Schonebeck 
S. 10 f. der Breslauer Handschrift wird die Begegnung der Königin mi SaUnno 
ganz ähnlich ertähU. 

1325 datond er. 



58 

Also ik im bevinde. 
Salich sin de k^iider, 
1335 De dar iummer bi dek sin. 
ür levent dat is fvn. 
Ik inene dat nevn wunne 

Dusse wunne overwynnen kiinne. 

*■' 

Daraff sprack, so ik las, 
1340 De prophete Isaias: 
[Tuuc vidcbis- et afflues, et mirabitur et dilatabitur cor tuiim.] [Bl. 13»- Sp. 1.' 
Denne schaltu seen, 
Wat dar ere schal sehen. 
Des mot dek nemen wunder. 
Dvn herte mach daruuder 

« 

1345 Van vrauden sick entsleten 

Unde van wollust uttleten. 

Des machstu dvck wol vrauwen. 

Dar schalmen denne schauwen 

Myt klaren ogen dat antlat 
1350 Der werdighen hegen trinitat, 

Unvordecket unde umbehut; 

Dat is dat alder hogeste gud. 

Dar wert der sele so wol, 

Dat se goddes ghebruken schal 
1355 Iummer mer ane verlust, 

Myt bernichliker wollust. 

God wil ok dar sammen 

Myt der sele den Hebammen, 

De schal denne werden dar 
1360 Unde rechte sunnenvar. 

[Fulgebimt justi siciit sol in regiio patris.] 

Der sele clarheyt unde schyn 

Schal dort sevenvoldich sin ; 

De snode lichani hire, 

De wert to syner tzire 
1365 So snel unde so subtile 

Dat he hundert dusent mile 

Dorch evnen stalne berch 

Unde dorch allerleye hantwerck 

Ane hinder unde ane sparen 
1370 By eynen ogenblicke kan dorvaren, 

Unde van dem hymmel to der erden. [^P- 2.] 

He schal ok unlidelich werden, 

Dat noch wapen, noch vur, 

Unde neynerhande creatur, 
1375 Noch dat lichte, noch dat sware, 

One mach pyneghen an eynem hare. 

Dar kumpt heyl to heyle, 



59 

Dar wert hevl wol vevle. 
Ach, du Huode inyuschelyiK 
1380 Wurna wispelt din dumme syiu 

Uude wil hir und dar heyl sokenV 

Cr 

Wultu dek na warem heyle kloiken, 

So wende al din gemoite 

Na der oversten goite. 
1885 Wert deck de, so lieftstu it al, 

Unde to den vrauden riken sdial. 

Sprek denne: Wes begerestu, niyn sele. 

Unde wat wultu, liff, dek to heyle V 

Dar schalmen gick geweren, 
1390 Alle des gy moghen begereu. 

Rikedom, schone, starcke, und wat men wille; 

Dat is dar alhedille. 
[Proverbium. Mecum enim sunt divitie et glorie et houores.] 
By godde is ere unde rike daghe. 
Wultu ok anders, wat dat saghe, 
1395 Wultu suntheyt edder eyn ewich leven, 

Dat wert dek dar al ghegeven. 

[lusti autem in perpetuum vivent. Sapieutia.] [Bl. 13^ Sp. 1] 
De rechten leven sunder ende, 
Or Ion steyt in goddes hende. 
Wultu eten, drincken, des is dar sat, 

1400 Unde vindest des anders nergen bat. 
[Saciabor, dum apparuerit gloria tua. Inebriabuutur ab ubertate domus tue.] 
Wen ik schauwe dyne ere. 
So werde ik sath, leve here; 
An dem huse dyn 
Vint men aller vraude schvn. 
1405 Wilmen hebben wunnichliken sangk 
Edder soyten seyden klang, 
Dat is dar al by eyn; 

Alle wunne machmen dar seyn. 

[In civitate domini sonant jugiter Organa etc.] 

An dyner stad, leve here, 
1410 Singhen ewich und iummer mere 

De hilghen soyte unde lise 

AI na orgelen wyse. 

De enghelen singhen schone 

Dar vor goddes trone. 
1415 E}Ti dach is beter dar 

Wen hir mannich dusent iar. 

So mach de sele, vrauden vul, 

Alsus van leve spreken wol: 
[Ecce, quod cupivi, iam video, quod speravi, iam teueo, Uli sum iuncta in celis, 

quod desideravi in terris.] 



1384 overste. 



» 



Seji;, des ik hebbe begert, [Sp. 2] 

1420 Des byn ik nu wol bewert, 

So dat niek wol noghet; 

Wente ik byn dem togevoget 

lu dem hymmele, des ik begerde. 

Van gantzem Herten an der erde. 
1425 Nu merket, leven frunde, 

We alle scrifft dorchgrunde 

Van ambeghynne wente her. 

Dem is se des evn wer. 

Dat den guden nnde vromen 
1430 Gotlick ding is toghekomen, 

Den quaden is it missegan. 

Dar umme, brodere, schalle gy stan 

Myt flite na goide 

Unde gyk vor bosheyt behoiden; 
1435 So macli gyek wol gelinghen 

In alle iuwen dinghen, 

Beyde hir unde dort. 

Nu is ghekomen up den ort 

Alhir dut ghedichte. 
1440 Gick allen ik beplichte 

By broderliker truwe, 

Dar ik trost up buwe, 

Biddet godde ichteswanne 

Vor mek, papen Konemanne, 
1445 De dut kranke ghedicht 

Dorch iuwe leve hebbe bericht, 

Dat ik hir, eer ik sterve, 

Goddes hulde ei'werve, 

So dat mek dat ewighe levent 
1450 Dort mothe werden ghegeven 

Unde gick myt mek allen sammen. 

Des helpe uns de almechtighe god! Amen. 

Deo gratias. 



1442 troff. 



LINGEN. K. Euling. 



61 



Sehatrowe 

im Sachsenspiegel, Lehnreclit IV, 1. 



Bekanntlich ist darüber, ob der Sachsenspiegel in niedersäch-\ 
sischer oder in obersächsischer Sprache verfasst sei, lange gestritten 
worden. Durch Homeyer ist die Frage zu Gunsten des Niedersäch- 
sischen mit gewichtigen Gründen entschieden worden. Es sind deren 
zwei, die schon Grupen im vorigen Jahrhundert geltend gemacht 
hatte, ohne sie jedoch bei der damals mangelhaften Kenntnis der 
mittelalterlichen Urkunden und Sprachdenkmäler zu völliger Beweis- 
kraft gestalten zu können: 1. dass sowohl der Veranlasser des Werkes 
(iraf Hoyer von Falkenstein als auch der Verfasser Eike von Repe- 
gowe Niederdeutsche waren und mitten in niederdeutscher Gegend 
lebten; und 2. dass die obersächsischen Texte eine Anzahl fehler- 
hafter Lesarten aufweisen, welche sich nur als Missverständnisse eines 
niederdeutschen Originals erklären lassen. Zu solchen Fehlern rechnete 
Homeyer in der Vorrede zu seiner zweiten Ausgabe des Sachsen- 
spiegels Ersten Theils oder des Landrechts (1885) S. XXXV auch das 
Wort sehatrowe. Er sagt: „Endlich 5) im sächs. Lehnrecht A. 4 
soll nach vier sonst sehr guten obers. Texten der Vasall nach (5 
Wochen des Reichs Frieden haben unde fchat rotoe Heidelb. [CodexJ, 
scaht ruwe Mainz., schaeht rowe Quedlinb., schätz r. Surland, (dem 
lat. Text: quietem qaae dicitur pofita muss fat rüge zum Grunde ge- 
legen haben); statt dieses wunderlichen: „Schatzruhe" lesen die nie- 
ders. Texte und auch der Senckenbergische obers. einfach und ver- 
ständlich: unde fai (fcal, fchall) ruwen,^ 

Als Homeyer nach sieben Jahren (1842) des Sachsenspiegels 
Zweiten Theil, Bd. I (Lehnrecht etc.) herausgab, hatte er mittlerweile 
eine andere Ansicht gewonnen, S. 119 der Einleitung: „Von den Be- 
lägen, welche die Einleitung zum Sachsenspiegel XXXIV f. für einen 
niedersächsischen Originaltext giebt, ist freilich der fünfte zu streichen : 
s. Lehnr. A. 4 Note 14." Er folgt jetzt dem Giomdsatz der Editions- 
kritik, die schwierigere Lesart als die wahrscheinlich originale zu 
bevorzugen; und die richtige Deutung des bisher unverständlichen 
Ausdrucks hat er aus einem Capitular und einem Edict in den nun- 
mehr erschienenen Monumenta Germaniae historica gewonnen, S. 60G 
im Glossar: y^Schacht-rowe, wörtlich die Schaftruhe, nach der bekannten 
Vertauschung des ch und f, hier die Zeit der Befreiung vom Heer- 
dienst, vgl. Cap. Lud. Pii de a. 829 c. 14 (Pertz Leg. I, 352): fcaft- 
legi (alias: fcahftlegi^ fcastlegi^ fcatlegi) i. e. armorum depofitio, und 
Ed. Piftenfe c. 33 (ib. 497).^ So ist denn von ihm ;,das ursprüng- 
liche, wiewohl nur in 5 Hdss. rein erhaltene fchaeM rowe, gegen das 



62 

vulgäre fal ruwen, welches auch der Gruudtext^ fd. h. der von Homeyer 
seiner Ausgabe zu Grunde gelegte Text einer ndrs. Handschrift v. J. 
1369] ^aufnimmt, hergestellt worden, weil hier die Vulgata, ohne 
Änderung in Rechtsansicht und Sinn, nur einen deutlicheren Ausdruck 
statt des alten gewählt hat, nicht ohne dem Verdacht sich auszu- 
setzen, die alte Form nicht mehr begriffen zu haben. ^ Die Stelle 
lautet also auf S. 148: Ses wehen fal die man dienen fime Herren mit 
fines fdves koft^ unde fes wehen vore unde fes wehen na fal he des 
rikes vrede hebten unde fchacht rowe, fo dat ime nen fin herre io len- 
rechte degedingen ne mach, noch des rikes dienft gebieden. Die An- 
merkung dazu hat folgende Fassung: „So, oder fcacht-^ fchafft-, 
fcaht-ruwe fd. i. Ruhe vom Lanzendienst, s. Glossar) lesen QvetnOd. 
Statt dieser, dem Sinne und den Handschriften nach, ursprünglichsten 
Lesart haben missverstehend QurOlehVruy fcluat (fchate) rowe^ QbObMe 
sUxt rowe^ Vv undeutlich ob fcat oder ftat r., Qa fachte rouwe; L 
quietem quae dicitur pofxta, was ein fat ruwe voraussetzt; QiOurg 
VabdefghklmopqstwxGlz verdeutlichend fal ruwen. Cod. Berleburg, reffen, 
Z dar binnen ruhe haben; in QdgOnGofema fehlt Ufide /*. r. gänzlicli.^ 
Man bekommt aus dieser Behandlung des in Rede stehenden 
Ausdrucks durch Homeyer recht eine Vorstellung von der Gewissen- 
haftigkeit und Gründlichkeit, mit der dieser treffliche Gelehrte bei 
seiner Arbeit verfuhr. Nachdem er eingesehen, dass er sich geirrt 
hat und dass er die Stelle im Artikel 4 des Lehnrechts nicht mehr 
für die niederdeutsche Abfassung des Sachsenspiegels geltend machen 
kann, bekennt er seinen Irrtum und begnügt sich nicht mit der 
Richtigstellung und der Erklärung der ursprünglichen Lesart,, sondern 
er lässt -sich die Mühe nicht verdriessen, alle Varianten zusammen- 
zustellen, damit jeder sich selbst ein Urteil bilden könne. Schwerlich 
mochte er ahnen, dass jetzt von den Verfechtern eines obersäclisischen 
Originals der Spiess umgekehrt werden würde und dass man eben 
diese von ihm festgestellte originäre Lesart zu einem Beweismittel 
für die behauptete mitteldeutsche oder obersächsische Abfassung des 
Rechtsbuches verwenden würde. Das geschah durch 0. Stobbe in 
seiner Geschichte der deutschen Rechtscjuellen, Abt. I (1860) S. 314. 
Stobbe erklart sich für die obersächsische Abfassung und sucht sie 
unter anderm auf folgende Weise zu begründen. Er sagt: ;,Für die 
niedersächsische Abfassung wird geltend gemacht: a) dass in einzelnen 
Stellen obersächsischer Handschriften die Lesart nur erklärlich wird, 
wenn man die Übertragung aus einem missverstandenen niedersä(*h- 
sischen Text annimmt. Indessen giebt es auch umgekehrt Fälle, in 
denen der Text der niedersächsischen Handschriften oifenbar aus 
einer Korruption bei der Übertragung eines obersächsischen Ausdrucks 
zu erklären ist,®') (als Nummer der Anmerkung; vgl. nächste Seite, 
erste Zeile) und es wird zugegeben, dass in den Texten des 
Sachsenspiegels öfter beide Dialekte durch einander gehen. ^^) Die 

*) Ich übergehe die iibrige Beweisführimg Stobbc's, da sie mit dem Gegen- 
stände dieses Aufsatzes nichts zu thuu hat, und da die von ihm geltend gemachten 



68 

Anmerkung (>7 lautet: ^^Besonders interessant ist eine Stelle des säch- 
sischen Lehnrechts, welches wir als Werk desselben Verfassers hier 
mitbenutzen dürfen; statt des obersächsischen Schacht rowe, Lanzen- 
ruhe, Ruhe vom Waifendienst, haben die niedersächsischen Texte fal 
rtiwen, Homeyer Sachsensp. II, 1 S. 123 und Note 14 zu säclis. 
Lehnr. art. 4, vgl. mit Sachsensp. I S. XXXV. ^ 

Eine wunderliche Art der Beweislührung! Statt einiger der 
Fälle, ;,in denen der Text der ndrs. Hdsch. offenbar nur aus einer 
Kormption bei der Übertragung zu erklären ist,^ wird blos ein be- 
sonders interessanter hervorgehoben und dieser w^ird begründet 1) 
aus Homeyer II, 1 (Lehnrecht) S. 123, wo (s. oben) der Fall aber 
anders und zwar nicht aus dem Gegensatz der Dialekte, sondern der 
Zeiten, in denen verba ut nummi gelten, erklärt wird, und 2) durch 
die Note 14 zum Lehnr. Art. 4, wo Homeyer diese seine Auffassung 
als die richtige durch die Angabe der Lesarten nadiweist, und 3) 
endlich aus der anfänglichen Ansicht Homeyer's vom Jahre 1835, 
w^elche er sich auf Grund weniger Handschriften gebildet hatte und 
die er eben 1842 in der Ausgabe des Lehnrechts als falsch hatte 
fallen lassen. Offenbar beruht also der Beweis Stobbe's allein auf 
3) und kann er die in der Note 14 zu Art. 4 des Lehnrechts mit- 
geteilten Varianten gar nicht geprüft und nach ndrs. und obers. 
Handschriften gesondert haben. Homeyer hatte es daher leicht, in 
der dritten Ausgabe des ersten Theils (oder des Landrechtes) 18(11 
Stobbe zu widerlegen; S. 16: ^In den Fällen, wo eine ächte Lesart 
von einer entstellten geschieden werden kann, finden sich meistens 
zwar plattdeutsche und hochdeutsche Formen auf beiden Seiten ziem- 
lich gleichmässig. Doch ist einige Male die wahre Lesart, ganz oder 
doch nahezu, nur den plattdeutschen Handschriften eigen. ^ Diese 
Behauptung wird dann durch Darlegung dreier solcher Missverständ- 
nisse in den obersächsischen Handschriften begründet. Vom entgegen- 
gesetzten Falle, nämlich Missverständnissen obersächsischer Ausdrücke 
in niedersächsischen Handschriften, bringt Homeyer kein Beispiel, 
woraus mit Bestimmtheit zu folgern ist, dass es keins giebt, sonst 
hätte er es anführen und zur Erhärtung seiner Meinung vom nieder- 
deutschen Original widerlegen oder, falls er dies nicht vermochte, 
seine Meinung einschränken müssen. Einzig auf das eine von Stobl)e 
vorgebrachte Beispiel lässt er sich ein, aber nur um darzuthun, dass 
es mit diesem nichts ist: ;,Für den umgekehrten Fall, dass der nieder- 
sächsische Text nur aus einer Corruption des obersächsischen zu er- 
klären ist, giebt Stobbe RG. I, 314 N. G7 das Beispiel, dass im S. 
Lehnr. 4 § 1 statt des obers. fchachtrowe (Lanzenruhe) die ns. Texte 
fcd ruwen haben. Allein nach Ssp. II, 1 S. 149 Note 14 begegnet 
fal ruwen auch in obersächsischen, andrerseits ,Schachtruhe' aucli in 
ns. Hss. Namentlich lesen von den fünf Texten, welche diese ur- 
sprüngliche Lesart bewahrten, der ns. Qt fcahtrowe^ der ns. Od fcacht- 

Gründe durch Homeyer in der dritten Auflage des Ersten Theils des Sachsenspiegels 
(1861) zulänglich widerlegt worden sind. 



64 

rowCf der gemischte*) Qv fchachtrowe, der os. Qn fcahtruwe^ der or. 
Qe fehafftruwe.^ 

Danach Hesse also das früher von Homever zu Gunsten eines 
nddtsch., später von Stobbe für ein obersächs. Original benutzte Bei- 
spiel sich weder lür jenes noch dieses geltend machen; es fiele der. 
wie es scheint, einzige sprachliche Beweisgnind für die Abfassung 
des Sachsenspiegels in obersächsischer Sprache hinweg, während die 
Zahl der Gründe für die niederdeutsche Abfassung um einen gemin- 
dert würde. Die Sache liegt jedoch ganz anders: grade dieses Bei- 
spiel ist ein starkes Glied in der Kette der aus sprachlichen Gründen 
hergenommenen Beweisstücke für einen ursprünglich niederdeutechen 
Text. Behufs Bewährung dieser Behauptung muss ich einiges über 
die Geschichte des Wortes fckaft vorausschicken. 

Scaft, wie das altsächsische Wort gelautet haben muss, wird 
im Mittelniederdeutschen zu fcacht. Diese Wandelung eines ft zu cht 
hat bekanntüch viele Wörter im Niederdeutschen ergriffen (s. Lübben 
Mittelniederdeutsche Grammatik S. ßl § 43). Völlig durchgedningen 
ist sie bei einigen, während für andere Wörter beide Formen, mit 
ft und chtj bis auf den heutigen Tag nebeneinander bestehen. Scacht 
oder fchacht zeigt im Mndd. aber noch eine ganz singulare Eigen- 
tümlichkeit, dass nämlich die Spirans ch zu einem Hauch, geschrieben 
Ä, *) wird und dass auch dieser wegfällt, so dass blos scat geschrieben 
wird. Aus der Form fcaht und weil neben scat auch die Schreibungen 
ÄCad, sccUh, scaath begegnen, muss man wohl schliessen, dass es in 
de;' Aussprache von scat, Gen. scattes (der Schatz) unterschieden 
worden ist: es wird mit tonlangem a gesprochen worden sein. Ich 
habe bereits 1875 im ersten Jahrgange des Niederdeutschen Jahr- 
buches S. 48 auf diese Sprachform aufmerksam gemacht und einige 
Belege gegeben, denen ich jetzt noch mehrere hinzufügen kann. 
Meine Bemerkung im Jahrbuch galt dem hastile fchat, welches a. a. 
0. S. 27 in einem lateinisch-niederdeutschen Glossare aus dem Ende 
des 14. oder Anfang des 15. Jhs. erscheint. Ich konnte damals als 
weiteren Beleg der Wortform den Ausdruck fca(ch)tfnider anfuhren. 
Die Schacht- oder Schaftschneider waren eine Art der Drechsler, 
welche in Hamburg (s. Koppmann, Hamburg. Kämmereirechnungen I 
S. XLII), in Lübek (s. Wehrmann, Die älteren Lübeckischen Zunft- 
rollen S. 201 f. und Lübeckisches Urkundenbuch H S. 768) noch i. J. 



^) Die Quedlinburger Hs., von einigen Gelehrten in das 14., von anderen 
und auch von Homeyer nach den Schriftzügen noch in das 13. Jh. gesetzt und, 
da der ndrs. Codex von 1296, der 1739 dem Mcklenburgischen Justizrat P. F. 
Arpe in Hamburg gehörte, nicht mehr aufzufinden und da Homeyer's nds. Codex aus 
dem 18. Jh. nur ein Fragment ist, also die älteste erhaltene Hs., was Stobbe fi'ir 
die obersächs. Abfassung verwertet. Aber eben die unbeholfen aus Os. und Ns. 
gemischte Sprache verrät, dass der Text t'bersetzung ist, und a. a. O. S. 17 weist 
Homeyer aus vier Missverständnissen nach, dass seine Vorlage niederdeutsch ge- 
wesen sein muss. 

') Bereits im 18. Jh. wird die gutturale Spirans in ndd. Hdschrften. durch 
ch ausgedrückt, nicht mehr durch h, * 



65 

1527 und in Wismar (s. Crull in den Jaliibtichern für Meklenb. Ge- 
schichte XXIX, 106. Meklenb. ÜB. VIII, S. 596 Nr. 5665) sich nach- 
weisen lassen. Im ältesten Hamburgischen Stadterbebuche wird ein 
solcher Handwerker einmal (fol. 94, 3. a. 1266 in der Ztschr. f. 
Hamb. Geschichte I, 376) scfjchsnidere^)^ einmal aber scatsnidere (fol. 
64, 9. a. 1262 S. 362) genannt. Dieselbe Geschäftsbezeichnung finden 
wir in den von Koppmann herausgegebenen Kämmereirechnungen der 
Stadt Hamburg Bd. I, 84 und 88 (a. 1362 f.) als schatsnidere^ neben 
schacJUsnidere S. 83. 180 (1373). 209 (1375). Schatsnidere heissen sie 
auch in den von Rüdiger hrsg. Hamburgischen Zunftrollen S. 54 (a. 1375). 
Ein nicht seltener Zuname in Norddeutschland ist Schacht, welche 
Schreibung im 13. und 14. Jh. mit Schat wechselt. So im Namen 
des Kieler Rathmannes Hinrik Scacht, wie er in einer Urkunde v. J. 
1286 (Hasse, Schl.-Holst.-Lauenb. Regesten u. Urk. II S. 283 Nr. 695) 
heisst, während ihn das Kieler Stadtbuch aus den Jahren 1264 — 89, 
hrsg. V. Hasse, stets und zwar zehnmal Seat nennt. Desgleichen ist 
der Ritter Marquard Scaht (Hasse Reg. II S. 15 Nr. 38 a. 1253) 
oder Scacht^) (S. 113 Nr. 266 a. 1263) identisch mit dem dominus 
Marquardus dictus Seat im Kieler Stadtbuch ^ 487. — Im Meklenburg. 
Urkundenbuche IX S. 322 Nr. 6131 a. 1341 und S. 366 Nr. 6189 a. 
1342 treffen wir auf einen Provisor des H. Geist-Hospitals in Wismar 
namens JoJiannes Schacht^ welcher aber (nach einer Anmerkung auf 
S. 322) in einem "Register dieses Spitals aus dem 14. Jh. Johannes 
Schaath geschrieben wird. — In dem Hoyer Lelinsregister aus dem 
13. bis 14. Jh., welches W. von Hodenburg im Hoyer Urkundenbuch Abt. I 
Heft IV mitteilt, lesen wir S. 5, 14: in IloUhusen en hus, hadde her 
Ludolf Schat; S. 46, 36: her Ludölf Scath hadde en hus to Ilolthusen; 
S. 71, 17: her Ludolf Scaht, also denselben Namen in drei verschie- 
denen Schreibungen, aber ohne Zweifel mit fast oder gänzlich gleicher 
Aussprache. 

In der Sächsischen Weltchronik, hrsg. v. Weiland in den Monu- 
meiita Germaniae historica, Deutsche Chroniken Bd. II, kommt das 
Wort „Schacht" nach Ausweis des Glossars von Strauch wenigstens 
dreimal vor. Weiland hat seiner Ausgabe die (iothaer Handschrift 
zu Grunde gelegt, weil sie noch dem 13. Jh. angehört und in einem 
ndd. Dialekte abgefasst ist, wie ihn der Verfasser der Chronik, wel- 
cher in derselben Gegend wie Eike van Repegowe zu Hause war, ge- 
sprochen haben wird, und weil dieselbe aus anderem Grunde für ein 
()riginalexemplar im weiteren Sinne zu halten ist; s. die Vorrede zur 
Ausgabe S. 17 und S. 49 ff. In einer Stelle (S. 151, 31 ff.), welche 

^) Möglicherweise steht /co/A/ntVZer« da: c und t sind ja in mittelalterlicher 
Schrift schwer zu scheiden. Sonst ist Abfall von t nach ch gleichfalls dem Mndd. 
nicht fremd; wegen /c/incA \\^, fchachhölt im Mndd. Wb. Beiläufig sei bemerkt, 
dass ich im Hamburger Adressbuch von 1877 alle drei Formen: Schachtschneider, 
Schachschneider und Schattschneider vertreten gefunden habe. 

*) So ist sicher statt Stäche zu lesen, was Hamburg. Urkundenbuch S. 553 
Nr. 671 und danach Hasse bietet. Die falsche Lesung hat veranlasst, dass dieser 
Marquard in den Registern irrtümlich in die Familie Scacco, Schacke geraten ist. 

Nl«d«rd«ot8ch«fi Jahrbuch XYIII. 5 



66 

der lioclideatschen Kaiserchronik entlehnt ist, hat die Chronik den 
Plaral scheckte und das Kompositum schechteicaU, Hingegen in zwei 
originären Abschnitten (S. 84, 20 und 163, 14) schreibt sie schat. 
Im ersteren Falle liest auch eine ndrhein. oder mfränk. Hdschr. des 
14. Jhs. so; zwei mitteldeutsche Handschriften dagegen des 15. Jhs. 
bieten Schacht. Im zweiten Falle liest gleichfalls eine sprachlich ge- 
mischte Hdschr. des 16. oder 17. Jhs. schat^ die ndd. Kopenhagener 
aus dem 15. Jh. schad, aber die mitteldeutsche Pommersfelder ^) schaft. 

Wenn also hierdurch festgestellt ist, dass scat oder schai eine 
gut ndd. Form für scJiacht war, und wenn es sogar nicht unwahrscheinlich 
ist, dass Eike sich dieser Form bedient habe, so gewinnt das Ver- 
hältnis der Lesarten an der in Rede stehenden Stelle des Lehnrechts 
ein ganz anderes Aussehen. Nicht missverstanden haben die Schreiber 
der ndd. Hsch., welche schatr. bieten, das Wort, sondern sie haben 
die ursprüngliche und dem Niederdeutschen ganz verständliche Wortfomi 
bewahrt. Schatrowe lesen nun drei ndd. Hss. aus dem 14. Jh.: Ol, Vr und 
Vu. Da, wie bereits bemerkt, t und c sich im 14. und 15. Jh. fast nie 
unterscheiden lassen, so müssen wir zu diesen Hss. auch rechnen folgende 
vier ndd. Hss.: sicher Vv aus dem 15. Jh., von der Homeyer urteilt, 
dass man sowohl scat wie stat lesen könne, und höchst wahrscheinlich 
die drei Qb v. J. 1342, Me aus dem 14. Jh. und Ob aus dem 15., 
in denen man stat gelesen hat, wo aber offenbar scat zu lesen sein 
wird. Weil ferner h den Niederdeutschen im 14. "Jh. nicht mehr ch 
ausdrückt, sondern blos die Länge des Vocals bezeichnet, so muss 
auch Qt mit scahtrowe hierhergestellt werden, sodass nur eine ndd. 
IIs., Od vom J. 1336, die Form scachtrowe gewährt. Wir haben also 
statt zweier Hss. neun mit der ursprünglichen, richtigen Lesart scat- 
oder scachtrowe. 

Prüfen wir jetzt die obersächsischen Hss., so finden wir nur in 
Qv (der Quedlinburger Codex aus dem 13. Jh.) scJiachtrowe und in 
Qn (aus dem 14. Jh.) scahtruwe. Die IIs. Qe v. J. 1432, welche in 
den Consonanten teilweise oberdeutschen Charakter zeigt, hat das 
Wort ins Hochdeutsche übersetzt: schafftruwe. Fünf obersächsische 
Hss. lesen schatrowe: Qu von 1306 (?), Oh aus dem Anfange und Oe 
(:= 2 Hss., Nr. 16 und 86) aus dem Ende des 14. Jhs. und Vy v. J. 1407; 
aber es bleibt sehr fraglich, ob die Schreiber den Ausdruck verstanden 
haben, solange die Form schat = Schacht für das Obersächsische nicht 
nachgewiesen ist; sogar schacht scheint nicht recht obersächsisch zu sein, 
sondern schaft für ,hastile' gebräuchlich gewesen zu sein.^) Qr aber 

^) Der Schreiber schrieb unmittelbar nach ndd. Vorlage und verstand das 
Ndd. gut; 8. Weiland S. 16. 

') In der übertragenen Bedeutung „Schacht im Bergwerke^ galt allerdings 
auch obersächsisch bereits im Mittelalter fchacht ; das Wort ist aber als technischer 
Ausdruck dem Niederdeutschen entlehnt. Jacob Grimm hat diesen Ausdruck frei- 
lich für ein ganz anderes Wort als jenes fchacht = fchaft erklärt; allein die 
frühere Ansicht, dass fchacht als Schaft und als Bergschacht ein und dasselbe Wort 
sei, ist wahrscheinlicher. Dieselbe Begriffsentwickelung finden wir in „Stollen" : 
und von dem Einfiuss des Niederdeutschen legen auch sonst noch manche hd. 



6? 

hat klärlich schat missverstanden, wie die Lesart schater. beweist. 
Was endlich die niederländische Lesart sachte rouwe betrifft, so be- 
zweifele ich sie einigermassen. Die Lesart lässt auf eine ndd. Vor- 
lage nicht mit schat-y sondern mit schachtrowe schliessen; dies konnte 
aber ein Niederländer schwerlich missverstehen: das Wort wird ver- 
schrieben sein für scachte rouwe. Es bleibt noch die Betrachtung der 
Vulgata scal, schal oder sal ruwen^ welche Lesart erst mit der Mitte 
des 14. Jhs. aufkommt und im 15. Jh. herrscht. Auch hier ist das 
Ergebnis günstig für das Ndd. Es lesen so neun ndd. Hss., nämlich: 
Ou, Or, Og, Vb, Vg, Vh, Vm, Vq, Vw, und der Augsburger ndd. 
Dnick (Va) v. J. 151 G, hingegen zwölf obersächsische, resp. hoch- 
deutsche, als: Qi, Vd, Ve, Vf, Vk, VI, Vo, Vp, Vt, Vx, Gl, Gz und 
der Dinick Vs. Auch Codex Berleburg., der resten setzt, ist kein 
nddr., und die beiden Ausgaben Zobel's v, J. 1537 imd 1589, welche 
umschreiben: dar binnen ruhe haben, sind hdtsche. 

Endlich spricht auch für das Ndd., dass die Worte u, s. r. als 
unverständlich ausgelassen sind von fünf obersächsischen Handschriften 
Qg, Go, Gs, Gm, Ga und vom oberdeutschen Druck v. J. 1495, aber 
mir von einer ndd. Handschrift des 15. Jhs. (On); Qd scheint nicht, 
wie Homeyer angiebt, ndsächsisch, sondern ndfränkisch zu sein. 

Somit ergiebt sich grade das Gegenteil von dem, was Stobbe 
behauptet: die einzige Stelle, welche er gegen die Annahme eines ndd. 
Originaltextes des Sachsenspiegels glaubte verwenden zu können, liefert 
einen besonders gewichtigen und starken Beweisgrund für dieselbe. 



Ausdrücke des Bergbaues Zeugnis ab, welche Thatsache bis jetzt noch nicht ge- 
nügend gewürdigt zu sein scheint. 

HAMBURG. C. W^alther. 



Löven ^sieh belauben'. 



Im Ndd. Korrespondenzblatt VII (1882), S. 84, ist aus einer 
Ebstorfer Handschrift ein geistliches Lied mitgetheilt worden, welches 
bcscinnt: love zedcwerbom love, du hoghdovcde holt; ;,nach dem ersten 
lovc eingeschaltet: Ze.* 

Dasselbe Lied in Münsterländischer Mundart hatte bereits 1854 
B. Kölscher in den Niederdeutschen Geistlichen Liedern und Sprüchen 
veröffentlicht. Hier lautet aber der Anfang : boven allen cederen bonien 
du hoge gelovede holt. Demgemäss hat der Herausgeber des Ebstorfer 
Textes geändert: boven allen zedewerbomen. 

Noch in einer zweiten Handschrift des Klosters Ebstorf ist das 
Lied erhalten und aus dieser mit anderen Liedern im Ndd. Jahrbuch 
XV (1889) herausgegeben. Da heissen diese Worte (Nr. IV, S. 10): 
lave sederbom^ du hoghelavede holt. Ahnlich fängt das nächste Lied 

5* 



68 

an. (Nr. V, S. 12): mm lave, herftjken^ lave! du fchdt nicht fore 
ftan. An beiden Stellen ist offenbar love statt lave zu lesen und in 
Nr. IV nacli zederbom das love zu wiederholen. Diefenbach Gloffarium 
Latino^Germanicum niediae et iniimae aetatis hat aus einem lat.-mndd. 
Glossar : v i g e r e, loven und das Mndd. Wb. aus einem Wolfenbütteler 
Vocabular : loven^ blaygen^ gronen^ v i g e r e. Das mndl. loven und das 
mhd. louben mit derselben Bedeutung sind bekannt. In Nr. V des 
Ebstorfer Liederbuchs ist das Wort metaphorisch gebraucht, grade 
wie fore 'verdorrt, dürre'. Es muss angenommen werden, dass diesem 
Liedanfang ein anderer zu Grunde liegt, in welchem das Wort im 
eigentlichen Sinne vorkam. In der That findet sich bei Böhme, Alt- 
deutsches Liederbuch, S. 265 Nr. 175 eine Weise aus einem Singbuch 

von L553: 

nun laube, Undleinj laube! 
nicht länger icha ertrag: 
ich h<nb mein lieb verloren, 
hat gar ein traurig tag. 

Mehr ist nicht überliefert ; aber Böhme weist ein Lied, die Liebesklage 

eines Mädchens, in Meinert's Sammlung ^Alte teutsche Volkslieder in 

der Mundart des Kuhländchens (1817)^ nach, welches den vollständigen 

Text oder doch einen ähnlichen uns erhalten hat und das (S. 131) anhebt : 

Ay, laev* aus, Leindle, laev* aus! 
ick kons ni lenger dertroen, 
ich hör verloren mai Livle, 
hör goer an* traurige Tog. 

Eine Liederhandschrift des 15. Jhs. bringt die erste Zeile so: 
nn lobe linde lobe; Böhme S. 266. 

Es wird demnach ein ndd. Volkslied mit dem Anfang nu love^ 
linde (lindeJcen?)^ love! gegeben haben, welches geistlich zu nu love^ 
hertken^ love! umgedichtet ward. Ob aucli love s. b, love eine solche 
NachahjBung ist? ob nicht vielmehr boven a. jp. 6. die ursprüngliche 
Fassung und l. e, b, l. nur, durch jenes Volkslied verursachte, Ent- 
stellung ist? Wenn wir die ganze erste Strophe in der Münsterländischen 
Fassung lesen, so scheint hieran nicht zu zweifeln. 

Boven allen cederen bomen du hoge gelooede hoU, 
want du hefst gedragen den oversten vorften ftoU. 

Das Holz des Kreuzes wird noch über die als kostbarst gepriesenen 
Odern gesetzt, weil an ihm Christus gehangen hat. 

Es giebt noch eine vierte, eine Niederländische, Fassung des 
(iedichtes, welche Hoffmann von Fallerslebon in den Horae Belgicae, 
P. X oder „Niederländische Geistliche Lieder des XV. Jahrhunderts*^ 
(1854) S. 186, Nr. 94 bekannt gemacht hat: 

Ghelovet fijstu cederboom, du hoghe gheloofde hout, 
wanttu heveft ghedraghen den edelen vorften ftout 

Der zweite Satz begründet hier ebenfalls das im ersten ausgesprochene 
Lob; aber das Lob ist anders ausgedrückt, nur allgemein, und nicht 
das Epitheton du hoghe gheloofde hout wird durch den folgenden Vers 
begründet, sondern das Unternehmen des Dichters, das Lob von neuem 



69 

zu singen: ghelovet fijstu. Ferner wird das Holz des Kreuzes nicht mit 
den Cedern verglichen, sondern es wird selbst als Ceder bezeichnet. 
In dieser letzteren Auffassung stimmen zu der ndl. Redaction die 
beiden aus Ebstorf: 

A. : Lave, zederbom, [love!] du hoghelavede holt, 
an dy fo heft ghehenghet de eddele varfle ßolt. 
und B. : Love, eedetoerbom, love! du hoghelovede holt, 
in dy heft ghehanghet de eddele für sie ßoH. 

Dass das so in A. den Vers an den vorhergehenden knüpft, ist 
unbestreitbar, vielleicht nur fortschreitend oder relativisch, kaum 
ähnlich wie jenes want mit Begründung des Lobes, das aber hier nur 
als Epitheton von holt steht, so dass darum so (ja) passender wäre 
als ivant^ 'denn' oder 'weil'. B. fügt nach Art des Volksliedes und 
der meisten Strophen dieses geistlichen Liedes den neuen Gedanken 
einfach nackt an den vorhergehenden. 

Ob die Vorstellung des Kreuzes als Cedernholzes mittelalterlich 
sonst bezeugt ist? In den Dichtungen vom Holze des Kreuzes (s. Carl 
Schröder, Van deme holte des hilligen cinizes 1869, Einleitung und 
Anmerkungen zu 261 und 739), wird nur übereinstimmend angegeben, 
dass das Kreuz vom Baume der Erkenntnis im Paradiese stamme. 
Die mndl. Dichtung und ebenso die ndd. Bearbeitung lassen aus den 
drei Samenkemen, welche Seth vom Paradiesesbaum der Erkenntnis 
heimbringt, drei Reiser spriessen, Ceder, Cypresse und Palme, die 
zu einem Stamme zusammenwachsen. Statt der Palme nennt Aniold 
von Imraessen im ^ Sündenfall ^ (hrsg. v. 0. Schönemann, Hannover 
1855) den Oelbaum, „und bleibt dadurch in Uebereinstimmung mit 
dem Schluss des Gedichtes [vam hilligen cruce], wo 734 ff. berichtet 
wird: Der Stamm des Kreuzes sei Cedernholz (nicht ausdrücklich 
gesagt, aber ergiebt sich von selbst), das Querholz von der Cypresse 
und der beide Balken verbindende Pflock vom Oelbaum gewesen '^ 
(Schröder a. a. 0., S. 83). Danach gab es auch sonst eine mittel- 
alterliche Vorstellung vom Kreuze als Cedernholz. Die Ceder in den 
drei Redactionen des Liedes ist also nicht anzufechten; ich werde 
gleich zeigen, dass wahrscheinlich auch die Münstersche Redaction 
dieselbe Ansicht vertritt. 

Ehe ich zu einer Besprechung des love übergehe, möchte ich die 
Behauptung aufstellen, dass die Entwickelung des Textes gewesen zu 
sein scheint : entweder aus dem Münsterschen in den Niederländischen, 
in den Ebstorfischen oder aber umgekehrt. Mir neigt sich die Wage 
für die zweite Möglichkeit. Wie sollten die Namen von psstorf wohl 
dazu gekonmien sein, den einen oder andern verständlichen und ver- 
ständigen Text jener beiden Redaktionen in ihr 'love' zu verwandeln? 
bloss aus Liebhaberei für ein Volkslied, in dem auch ein Baum genannt 
wird? und um ein damals schon ziemlich obsolet gewordenes Verbum 
loven zu conserviren? Auch bestechen jene beiden Texte nur auf den 
ersten Blick, weil sie dem Verständnis keine Schwierigkeit machen. 
Der schwächere ist der Niederländische, es wäre denn, dass ghelovet 



70 

fijstu bedeute : belaubt seist du ! grünen sollst du ! Ich bezweifle aber, 
dass der Dichter diesen Gedanken so ungeschickt ausgedrückt liätte. 
Die Worte können nur verstanden werden als : „gelobt seist du, hoch- 
gelobtes Holz.^ Diese Verwendung desselben Particips im prädikativen 
und im attributiven Sinne ist nicht poetisch schön, noch überhaupt 
als Gedanke zu billigen. Der Satz macht ganz den Eindmck, als 
sei hier loven^ loben, an die Stelle eines anderen ursprünglichen 
Wortes getreten, das veraltet war. Und dass dieses das nicht gleich, 
aber ähnlich lautende loven gewesen sei, dafür lässt sich anführen, 
dass derselbe Hergang im Hochdeutschen sicli nachweisen lässt. Böhme 
(S. 265) verdankt die erste Strophe von Nun laube^ Lindlein, laube! 
dem Umstände, dass die Melodie im 16. Jh. verwendet ward für ein 
geistliches Lied des Anfangs: Nun lobet mit gefange den Herrn Got 
allefampt. Auch das frören allen cederen bomen etc. der Münsterschen 
Redaction sieht nicht aus, als ob der Wortlaut den Urtext gebe. 
Das du würde man um der Concinnität willen an der Stelle, wo es 
steht, gerne missen. Die Beziehung des Causalsatzes auf ein einzelnes 
Wort oder vielmehr auf eine Anrede, statt auf einen ganzen Satz, ist 
auch gerade nicht zu loben. Und warum „alle Cederbäume"? Man 
erwartete entweder blos „Cederbäume" oder „alle Bäume", d. h. Baum- 
sorten. Die Lesart der Handschrift kann wohl nur besagen, dass 
auch diesem Verfasser das Kreuz ein Cederstamm gewesen ist und 
dass dieses Cederholz mehr als alle anderen Cederbäume gepriesen 
werde und werden müsse; das Letztere aber scheint ein matter 
Gedanke. Endlich ist in boven noch eine deutliche Spur vom ursprüng- 
lichen ähnlich klingenden und graphisch sehr ähnUch aussehenden love 
zu erkennen. Der entgegengesetzte Gang, dass man boven allen cederen 
bomen in love zederbom love geändert habe, ersclieint mir unglaublich. 
Für die Lesart der Ebstorfer Texte lässt sich noch dreierlei an- 
führen. Einmal ist bekanntlich der Brauch, weltliche Liederanfänge 
zu geistlichen umzugestalten, schon im Mittelalter ein beliebter ge- 
wesen. Und hier vermittelte der Cederbaum gar leicht die Entlehnung 
aus dem Liede vom Lindenbaum. Zweitens ist das geistliche Lied 
im selben Versmass gedichtet wie das weltliche, welches nach Böhme's 
Urtheil eine ;, liebliche^ und, dürfen wir wohl liinzufügen, eine darum 
beliebte Melodie hatte. Auch das fünfte Lied des Ebstorfer Lieder- 
buches : nu love^ hertken, love ist in dem gleichen Versmasse. Drittens 
und schliesslich lassen sich die Worte love, cederbom, love aus der 
Bildersprache der mittelaltorliclien Mystik rechtfertigen. Der Dichter 
denkt sich den Kreuzesstamm wie ein an sich dürres Holz, das durch 
die Betrachtung des Leidens Christi und die Aneignung desselben 
durch die innige feie in dieser Leben gewinnt, ergrünt und erblüht. 
Diesem Gedankengange entspricht der weitere Inhalt des Gedichts. Eine 
solche Anschauung und Bildersprache ist auch der protestantischen 
Mystik noch lange vertraut geblieben. 

HAMBURG. C. W^althep. 



71 



Die Rechtsaufzeiehnungen in nie- 
derdeutscher Sprache. 



Gelegentlich der Besprechung der mnd. Literatur in Paul's Grund- 
riss der germanischen Philologie habe ich auch die niederdeutsche 
Rechtsliteratur gesammelt. Wenn diese Sammlung auch auf Voll- 
ständigkeit keinen Anspruch machen kann, so glaube ich doch, dass 
sie manchem Leser des Jahrbuches willkommen sein wird. Man 
vergleiche übrigens Homeyer, die deutschen Rechtsquellen des 
Mittelalters. Berlin 1850, namentlich s. 26—36 und 64—168. 
ü. Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen. Braunschweig 
1860. E. Th. Gaupp, Deutsche Stadtrechte. Breslau 1852. H. G eng- 
ler, Deutsche Stadtrechte des Mittelalters. Erlangen 1852, und 
Codex juris municipalis. Erlangen 1878. 

1) Der Sachsenspiegel des anhaltischen ScböiTen Eyke van Repgowe, zwischen 
1224—35 verfasst. 

a) Das Landrecht, hrg. von Homeyer, Berlin 1861, nach der Berliner Hand- 
schrift V. J. 1369. — Der Oldenburger Codex v. J. 133G, Land- und Lehnrecht, 
hrg. von A. Lübbon 1879. 

Alte Drucke: Cöln 1480 folio. — Leipzig 1488 folio, „Dit is de Sassen- 
speghel mit dem richtstighe." — Stendal 1483 folio. Mit der Glosse. Vgl. Goetze, 
Buch^ckereigeschichte von Magdeburg 1872, s. 38 f. — Cöln 1492 bei Quentel. 
— Augsburg 1516 folio, „Sassenspegel mit Leenrechte vnde Richtstige" nebst der 
Glosse in der kurzen Form „dorch Sylvanum Othmer bäkprenther." — Heidelberg 
1611 folio. Ndd. Text neben dem hochdeutschen. 

Von den c. 700 Handschriften des Sachsenspiegels, welche Homeyer S. 2—14 
verzeichnet, sind etwa 130 niederdeutsch. 

b) Das Lehnrecht und der Richtsteig des Lelinrechtes, hrg. von Homeyer, 
Berlin 1842. Dort S. 330-37 Proben aus 8 ndd. Handschriften. — Das Lehnrecht 
auch in dem Augsburger Druck des Landrechts v. J. 1516. Unter den 19 Hand- 
schriften des Richtsteig d. Lehnrechts (bei Homeyer S. 410—554) sind 6 nieder- 
deutsche des 15. Jahrhunderts. 

c) Der Ric'htsteig Landrechts, hrg. von Homeyer, Berlin 1857. Von dem 
märkischen Ritter Johann von Buch sammt der Glosse zum Landrecht, zwischen 
1350 — 90 verfasst, (auch scheveklot, sckedenklot, d. h. achepenclot ^Stütze für die 
Schöffen' genahnt). 

d) Ueber die (flössen zum Sachsenspiegel vgl. Homeyer IL, 77, Stobbe L, 
375 f. und E. Steffenhagen, Die Entwickelung der Landrechtsglosse des Sachsen- 
spiegels. Berliner Academie 1881 ff. 

Juristisches Wurterbach zar (llosse in der Wolfenbüttel - Helmstedter Hs. 
no. 393, 195 Bl., aus dem 15. Jahrhundert. 

Über die Abeeedaria, oder slotel zum Sachsenspiegel vgl. Stobbe I.^ 443 f. 
Eine Probe bei Dreyer, Über den Sachsenspiegel S. 123. Vgl. Lübben, Mnd. 
Grammatik S. 168. 

Informatio ex specalo Saxoiiuin, aus dem 16. Jahrhundert, zum Teil ver- 
öffentlicht von Homeyer. Berliner Academie 1856, S. 629—74. 



72 

2) Dat KeyHer recht. Niederdeutsche Handschrift des Sehwabenspie^els 

auf der Königlichen Bibliothek in München, 13.— 14. Jahrhundert. 4^, 104 Bl. 

Stadreehte, Bnrspraken, Zunftordnim^eii, Polizeiverordnnngeii. 

3) üortnunder Statuten and Urteile, hrg. von Frensdorf in den Hansischen 
Geschichtsquellen I. Dazu Pick's Monatsschrift für Westdeutschland V., 103 f. — 
Spätere Rechte und Ordnungen in der Zeitschrift fiir westfälische Geschichte III., 
292 und 343. — Statutarrecht hrg. von A. Fahne. Köln 1855. S. 28—66 u. 212—246. 

4) Oflnabrücker ,,Sate nnd (iewonheden" (1348) hei Lodtmann, Monumenta 
Osnahrugensia. Helmstedt 1753. Appendix S. 140 ff. — Osnahrücker (lilde- 
urknnden, hrg. von Philippi, Osnahrück 1890. 

5) Soest „Dey ande Schrae*^ (um 1350), abgedruckt in Seibertz, Urkundeu- 
buch IL, 387—409. Vgl. Wigänd, Archiv für Westfalen IL, 156—165 und 292 
bis 301. — Spätere Willknren in der Zeitschrift für westfälische Geschichte XL, 
311-333. 

5a) Stadtreeht von Coenfeld bei Niesert, Urkundenbuch III, 145-209. 

(5) Herforder Keehtsbnch (vor 1400). Abgedruckt bei Wigand, Archiv IL, 7-73. 

7) Boeholter Privilegien nnd Statute (15. Jh.), abgednickt bei Wigand, 
Archiv III., 1, S. 1-53. Vgl. auch Wigand IL, 4, S. 339—60. 

8) Breckerfelder Rechtsbrief (1396). Abgedruckt bei von Steinen, West- 
fälische Geschichte 1269—72. 

9) Brilon. Statut fiir die Brüderschaft der Kauflente. (1*289). Abgednickt 
bei Seibertz, Urkundenbuch L, Nr. 428 (2 Seiten). 

10) Stadtreeht von Büren (14. Jh.), bei Wigand, Archiv HL, 3, S. 34-39. 

11) Willküren der Stadt Dorsten (15. Jh.). Abgedruckt in der Ztschr. f. 
westfälische Geschichte VIL, 172—231. 

12) llechtsbrief von Horde, bei Gengier, 198—201. 

13) Statute von Höxter (14. Jh.), bei Wigand, Archiv HL, 8. — Ciildebriefe 
von Höxter (13.— 15. Jh.), bei Wigand, Beiträge für Geschichte und Rechtsalter- 
tümer 1858, S. 135 ff. 

14^ Lippstädter Statute, bei Pufendorf, Observationes HL, Appendix 409 — 12. 

15) Rechtsbrief von Lünen, bei von Steinen, Westphäl. Geschichte IV., 
237—44. — Statute von Lünen bei Tross, Westphalia, Jahrgang 1825. 

16) Willküren von Münster (14.— 15 Jh.), bei P. T. Deiters, die ehel. Güter- 
gemeinschaft nach den münsterischen Provinzialrechten. Bonn 1831, S. 117—129. 

17) Statute der Bruderschaft U. L. Frauen in Paderborn (1480). Abgedruckt 
in der Ztschr. für westfälische Geschichte Bd. 30, S. 162—70. 

18) Stadtrechtbnch von Ruthen, bei Seibertz, Urkundenbuch IL, 69—96, und 
bei Wigand, Archiv V., 55—76. 

19) Mitteilungen aus dem Bürgerbuche von Stadthagen. Abgedruckt Ztschr. 
f Schleswig-Holst. Gesch. X., 121—129. 

20) Rechtsnrkuuden von Unna. Von Steinen, Westph. Gesch. IL, 1293—1312. 

21) Stadtrecht von Werl (v. J. 1324), Seibertz, Urkundenbuch IL, 198-201. 

22) Bremen, a) Statute v. J. 1303, bei Gerh. Oelrichs, Vollständige Samm- 
lung alter und neuer Gesetzbücher aus Handschriften. Bremen 1771. 4®, S. 1 — 3<)2. 
b) Statut des 15. Jh., ebenda S. 303-605. c) Bnrsnrake v. J. 1483, ebenda 647 
bis 717. d) und vom Jahre 1450, S. 717—745. Vgl. Lübben, Grammatik 164, 
und Pufendorf, Observat. tom. IL, App. no. HL, S. 104— 131. e) „Bischof Baldnin 
von Bremens Rechtsbnch (v. J. 1434)*^ ^^^ Spanf^enberg, Beitrag zur Kunde teutscher 
Rechtsalterthümer. 



73 

28) Satzungen der Burgmäimer zu Yechta, bei Lodtmaun, Acta Osnabru- 
gensia I., 226-234. 

24) Verden a) Dat olde Yerdische Stadt-Bok (v. J. 1380). Abgedruckt bei 
Gengier, Deutsche Stadtrechte, Erlangen 1852 und 1867, S. 507—511. b) Statuten 
von Verdener Neustadt (v. J. 1416). Abgedruckt bei Pufendorf, Observationes 
T. I. App. S. 77—137. 

25) a) Statute von Stade (v. J. 1279), hrg. von Grothaus, Göttingen 1766. 
4^ Vgl. Scbeller no. 1858. b) Rechte der Wantschnieder tho Stade, bei 
J. H. Pratje, die Herzogtümer Bremen u. Verden VI., 134—142. c) der Kopmann 
unde Sehipper-Brödersehap. Ndd. Jahrb. 4, 70 ff. 

25a) Moringen. Statuten, 15. Jahrh. Zeitschr. f. Rechtsgesch. 7 S. 290. 

25b) «öttingen. Statuten 14/15. Jh. Pufendorf, Observ. 3 (1756), 145 ff. 

26) Statut von Otterndorf (v. J. 1541). Pufendorf, Observ. IL, 168—184. 

27) Das Hannoversche Stadtrecht, hrg. von Grote u. Brunnenberg, Hannover 
1646: Statuta S. 284-334. Von Mindescheme rechte S. 359—94. Van allen 
ammeten, van tolne unde van vordrevenen Luden S. 451—501. Vgl. auch Archiv 
für Niedersachsen, Jahrg. 1844 und 1839 S. 192 ff. 

28) Statuten von Hameln (14.~16. Jh.) Abgedruckt bei Meinardus, Urkundeu- 
buch von Hameln, Hannover 1887, S. 564-606. 

28a) Kechtsdenkniäler der Stadt Münden in der Ztschr. des bist. Vereins 
für Niedersachsen 1883, S. 212—239. 

29) Braunschwei^er Statuten und Rechtsbriefe (1227—1671), bei Hanselmann, 
Urkundenbuch der Stadt Braunschweig I. Braunschweig 1872. 4**. Stadtrecht 
v. J. 1532, S. 298—318. Echteding v. J. 1532, S. 826—844. FUerordeninge der 
Sudt Brunswik 4 S. 4°. Vgl. Scheller 242. 

Vgl. Leibnitz, Scriptores rerum Brunsv. III., 434—482. Spangenberg, Prak- 
tische Erörterungen IX., 522—70. H. Gengier, Stadtrechte, S. 36 — 41 ; Bodemann, 
Die Es. der Bibliothek zu Hannover, S. 466. 

30) Helmstedter Stadtrecht (v. J. 1350). Abgedr. bei J. Th. Lichteusteiu. 
Ep. 4 de Diplom. Helmstedt 1748. Vgl. Scheller no. 162. 

31) Hildesheini. Statuten (v. J. 1422), bei Pufendorf, Observationes juris univorsi. 
Frankfurt 1744—70. 4«. No. XV., S. 287—314. Döbner, Urkundenbuch der Stadt 
Ilildesheim. Bd. 1 Nr. 548. 

82) Celle. Leges mnnicipales, bei Leibnitz, Script, rer. Brunsvic. III., 483 f. 

33) Der Stat üuderstat Statrecht und lofiiche olt herekomme wonheyt, 
14.— 15. Jh., bei Wolf, Geschichte von Duderstadt. Göttingen 1803, S. 47—86. 
Vgl. Gengier, S. 92—94. 

34) Lüneburger Stadtrecht, geschrieben im Jahre 1401, hrg. von Th. Kraut, 
Göttingen 1846. 8^. 80 S. (Privilegien, Statute, Schöffensprüche, Bursprake). 

85) üoslar. a) Statuten, vor 1359 entstanden, hrg. von 0. Göschen. Berlin 
1840. 8^ VgL Leibnitz, Script, rer. Brunsv. HL, 484—535 b) tioslarische (Ram- 
me Isberger) Berggesetze. Zuerst bei Leibnitz, Script. IIL, 535—58. Besser von 
Schaumann im Vaterländischen Archiv 1841, S. 255-350. c) Urkunden über das 
Recht der Gilden zu Gosslar, ebenda S. 24—47. 

86) Sehoppenbuch der Stadt Halle aus den Jahren 1365—80. 152 Bl. folio 
auf der Bibliothek in Wernigerode. Vgl. Förstemann, die Bibliothek zu Wer- 
nigerode, S. 115. 

37) Magdeburger Recht, a) „Dat buk wichbelderecht^^ Nach einer Ber- 
liner Hs. V. J. 1369, hrg. von A. Daniel, Berlin 1853. b) Magdeburger Hecht. Hs. 
Vgl. Lnbben, Mnd. Wörterbuch Bd. I. s. XII. c) Schöffensprüche. Zeitschr. des 
Harzvereins 23, S. 171—201. 



74 

38) Salzwedel, a) Dat Soltwedelsche Recht. 15. Jh., hrg. von Datuieil in 
Förstemann's Neuen Mitteilungen aus dem Gehiete der hist.-antiq. Forschungen, 
Bd. IV., Heft 1, S. 83-98. Vgl. Gengier 396-407. h) Registram Statttt4>riuii 
V. J. 1458 in den Jahresberichten des Altmärkischen Vereins V., 85—117 und 
VII., 110-138. 

39) Stendalcr iTteilsbach den 14. Jh., hrg. von J. F. Behrend. Berlin 1868. 

40) Berliner Stadtbnch v. J. 1397 bei Fidicin, Beiträge zur Geschichte der 
Stadt Berlin, Thl. L, S. 10 f. und 77—155. Neue Ausgabe. Berlin 1883. 

41) Schleswiffer Stadtrecht nebst dem ndd. Stadtreeht von Flensburg, Apen- 
rade und Uadersleben im „Corpus Statutorum Slesvicensium" 1794. 4^^. (Bd. IL 
der Ausgabe von 1819). Ältere Drucke: Der Stadt Sleswick Stadtrecht. Sleswick 
1534 bei Wolther Brenner. 4°. Wieder abgedruckt Schleswig durch Nicolaus 
Wegener 1603. 4^. Ferner Schleswig 1733 bei J. Hollwein. Vgl. J. Bolten in 
A. Niemann's Miscellancen IL, 171; Scheller no. 1497. 

42) Apenrade. a) Statnt. Auch bei Westphalen IV., 1849, und Dreyer, 
Vermischte Abhandlungen III., 1375—1454. b) Apenrader Skraa v. J. 1335. Ab- 
gedruckt bei Drever, Vermischte Abhandlungen, Bestock und Wismar 1754 — 62, 
S. 1437 ff. 

43) Flensbnr^er Stadtreeht (Anfang des 15. Jh.), bei Westphalen, Monumenta 
IV., 1817 ff. 

44) Friedrichstädter Stadtreeht v. J. 1633, gedruckt in Amsterdam bei Dirk 
Peters 1635 (holländisch). 

45) Landener Stadtrecht von 1529. Abgedr. bei Michelsen, Dittmarsche 
Rechtsquellen 195—230. 

46) Rendsbnr^er Stadtrecht. Fragmente. Abgedruckt in der Ztschr. f. 
Schleswig-IIolsteniische Geschichte VII., 69—82. 

47) Kiel, a) Burspraken des 15. Jh. hrg. von Wetzel in der Ztschr. f. 
Schleswig-Holst. Gesch. X., 171—198. b) Ordeninghe nnde Rnlle der Schomaker, 
1526, Mitt. der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte VII., 37—43. c) Kalands- 
regeln v. J. 1334, bei Westphalen, Mon. Cimbr. III., 557—76. 

48) Oldesloer ßnrsprake v. J. 1601. Abgedruckt bei Westphalen III., 263. 

49) Hamburg, a) Hanibnrgische Rechtsalterthnmer, hrg. von Lappenberg. 
Hamburg 1845. 8°. Stadtrecht v.J. 1270 S. 1-70. Van Schiprechte 75—86. 
Stadtrecht v. J. 1292 S. 89-160. Hochzeitsordnnng S. 160—2. Stadtrecht v. J. 
1497 S. 165-320. Billwerder Recht S. 323-344. 

b) Zunftrollen, hrg. von 0. Rüdiger. Hamburg 1874. 8°. 350 S. (von 
1306—1600.) 

c) Hand Werkerstatuten. Ztschr. f. Ilamb. Geschichte V., 314 — 26; VI., 
526—92; und ^litteilungen des Vereins für Ilamb. Geschichte VIIL, 130—40. 

dj Burspraken v. J. 1594, hrg. von C. I). Anderson, Hamburg 1870. 8**. 80 5?. 

e) Fleth-Ordnnng, gedr. 1660. 4°. 8 Bl. Vgl. Serapeum 28, 292. 

f) Armenordnung v. J. 1606, bei Staphorst, Kirchengeschichte IV., 650 ff. 

g) Lnxnsordnnng für Billworder v. J. 1583. Zeitschrift für Hamburgischc 
Geschichte VI., 523—525. 

50) Lübeck, a) Das alte lübische Recht, hrg. von Hach, Lübeck, 1839. 
S. 246—376 der ndd. Codex v. J. 1294, S. 377—548 der Göttinger Codex, S. 549 
bis 589 Stellen aus andern lübisclien Kcchtsbüchern, S. 216 — 228 Zollordnung. 

Der Oldeuburger Codex (13. Jh.) bei Christiani, Geschichte der Herzogtümer. 
Flensburg 1776, S. 519-51. 

Neue Fragmente von Hasse, Ztschr. für Schlesw.-Holst. Geschichte XL, 
131—150. Alter Druck v. J. 1509. Rostock, bei Dietz. Vgl. Wiechmann, Meklen- 
burg's nds. Literatur L, 24—27. Ein anderer von Joachim Kolle. Hamburg 1586. 
4'». Vgl. Gcngler 258—68. 



I 



75 

b) Zanftmeisterrollen des 15. Jh., krg. vou C. Wehrmaim, Lübeck 1864, 
S. 157—503. c) Baaerspraehe des 15. Jh., bei Dreyer, Einleitung S. 586 if. 
d) Ratsordnung, gedr. Lübeck 1582 durch A. Kroger. Bogen A— D. e) Luxus- 
erdnung des 15. Jh. Abgedr. in Ztschr. f. lüb. Gesch. IL, 508—28. 

51) Rostocker a) Ratsverordnangen. Meist bei Wiechmann, Meklenburgs 
udd. Literatur IL und III. Vgl. auch Arndt, J. Slüter, Lübeck 1832. 

b) (leriehtsordninge. Abgedruckt in „Abhandlungen von dem Ursprünge der 
Stadt Rostock". 1757. S. 82 f. 

c) Zanftrollen. Wolfenbütteler Manuscr. extravag. 96, 5 folio. 

d) Über einen liber arbitriornms vgl Meklenb. Urkundenbuch V., S. XIV. ff. 

e) Ordinantie van Brutlaehteskosten vnde Kindelberen. Vor 1525 und 
von 1567. Abgedr. bei Wiechmann IIL, 107—113, und IL, 59—66. 

52) Ordelle Boeck der Stadt Rabel v. J. 1545. Vgl. Lisch in den Meklenb. 
Jahrbüchern 32, 149 ff. 

53) Schweriner Recht Bei Westphalen, Monum. cuedver. Germ. L, 2019 
bis 32. Franck, Altes und Neues Meklenb. IV., S. 55 ff. Vgl. auch Sibrand Juris, 
Lubec. Pars. L, Sect. 10 p. 99. Eine Probe bei Gengier 431—34. 

54) Wismar a) Biirgersprachen des 16. Jh., bei Burmeister, Bürgersprachen 
der Stadt Wismar. Wismar 1840. 4^ S. 89—100. b) Znnftrollen, bei Bur- 
meister, Altertümer des Wismarschen Stadtrechts. Hamburg 1838. 8^ S. 45 ff. 

55) Greifswald a) Bnrsprake bei Pyl, Pommersche Geschichtsdenkmäler IL 
(Ireifswald 1867, S. 80 f. Vgl. Baltische Studien XV., S. 3 ff. 

b) Oewerksrollen des 14.-15. Jh. im Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vor- 
zeit, 1859, Sd. 450-54. 

c) Hocnzeitsordnang v. J. 1592. Abgedr. Baltische Studien XV., 184—210. 

56) Die Statuten des Dentschen Ordens, herausg. von M. Perlbach. Halle 
lö90. (lat, md., ndl. u. mnd. Text.) 

57) Dat Rigische Recht, hrg. von G. Oelrichs. Bremen 1778 und 1780 
(Bursprake v. J. 1412). Napiersky, Quellen des Rigischen Stadtrechts bis 1673. 
Riga 1876. 

58) Reval a) Willküren und Bnrspraken 1360—1509. Im Archiv für Livland 
1844 IIL, S. 83—93, und bei Bunge, die Quellen des Revaler Stadtrechts L, 238—40. 

b) Laxnsordnangen von 1497—1532. Archiv für Livland L, 198—236 und 
Beiträge zur Kunde Livlands IIL, Heft 1 (1882). 

59) Hapsal. Bischof Jacobs Stadtrecht von 1294 ndd., im Archiv f. Livland, 
Bd. IIL, 264—84. 

60) Windan. Banersprache. Im Archiv für Livland V., 222—23. 

Bäuerliche Rechtsanfzeielinnngen und Landrechte. 

61) Westfälische Weisthiimer bei J. Grimm, Weistümer Göttingen 1840—69. 
Bd. IIL, S. 31—72, 81—101; 107—125, 145—171, 176—85, 193—208, 212—21. 
Bd. VI., 716—22; 725—30 und von Woeste in der Ztschr. für berg. Geschichte IL, 
34 — 41 (Bransel und Remlingrade). 

62) Xiedersächsische. Grimm IL, 228—79, 311—19. Bd. IV., 665—69» 
677—89, 703—08. Vgl. noch Arch. des bist. Ver. f. Niedersachsen, Jahrgang 1854- 

63) Statntar- and (jewohnheitsrechte des Herzogthunis Westfalen, hrg. vou 
Seibertz. Arnsberg 1839. Seibertz, Landes- und Rechtsgeschichte des Herz. West- 
falen. Arnsberg 1845-75. 

64) Hofrechte ans Westfalen, bei von Steinen, Westph. Geschichte, Stück VI.» 
S. 1561, 85; 1719, 28, 52, 69. 

6.5) Mageng^erichtsweisthnm v. J. 1567, bei Meyer, Lippesches Kolonatsrecht 
IL, 367 tL 



76 

66) Delbrücker Laiidreeht bei Wigand, Archiv V., 8 Ö. 221—61. 

67) Reckenberger Land- und HaasgenoHsenreclit ebda. 4()9— 24. 

68) Beekumer Polizeipnnete v. J. 1535, bei Wigand VI., 270—75. 

69) Vom Gaugericht zu Herford, bei Meinders, Tractatus de jadiciis. 
Lemgo 1715. 4*^. 

70) Osnabriicker Vemgeriehtsordnung (Vemrecbtsbnch). Abgedr. bei Tross, 
Urkunden z. Gesch. des Vemgerichts. 1826, 8. 28 — 53. Vgl. Wigand, Femgerichte 
554 ff. Lodtmann, Acta Osnabr. L, 90—103. 

71) De jure Holzgraviali. Accidunt documenta marcalia, von Lodtmann. 
Lemgo 1770. 

72) Freekenhorster Höferecht, l'nvollständig. Abgedr. bei Friedlander, das 
Kloster Freckenhorst. Münster 1872, S. 187—202. 

73) a) OstfriesischeH Landreeht, neb.st dem Deich- und Sielreeht, hrg. von 
Wicht, Aurich 1726. 4P. S. 1 — 946. Das Deichrecht auch in der Ostfriesischen 
Historie, Aurich 1720. T. IL 

b) tierichtsordnung: v. J. 1545. Abgedruckt Ostfries, historie IL, 181 ff. 

74) Appingadammer Bauerbrief. Abgedr. Ndd. Jahrbuch VIL, 18—23. 

75) Dieckrecht des Stedinger Landes v. J. 1446, bei Oelrichs IL, S. 5b7. 

76) Diekreeht der Br^minehen veer (lOhen v. J. 1449, bei Oelrichs 567 und 
575 f. Neues Bremisches Deichrecht v. J. 1525, ebda. S. 592 f. 

77) Weistiimer für den Bremer Landgeriehtsbezirk, bei Oelrichs, S. 558 ff. 

78) Rechtsbestimmnn/^en des Bremer Landgericht« aus dem 15. Jh., bei 

Spaugenberg, Beiträge 1824 8. 119—32, und bei Möhlmann, Juristische Zeitung 1843, 
Heft 3, S. 9—28 u. 33—47. 

79) Des Olden Landes Ordenungh und Hechteböke v. J. 1580, hrg. von Krause 
in den Stader Jahrb. 1882, S. 106—172, (auch separat 89 S.) 

60) Willkoer der sostein Kadtgevers uth dem Lande tho Wursten 1504. 
Hs. auf aer Bibliothek in Hannover. Vgl. Bodemann 580. 

81) Recht des stichtes to Hildensen, bei Zepernick, Miscellaneeu zum Lehn- 
recht IV., no. 13 (4 Seiten.) 

82) Hildesheimer Holtingbuch in der Ztschr. des Harzvereins X., 249 — 86. 

83) Holtingsakten von 1489—1681 ebda. XL, 49 ff. 

84) Dat Jutische Lowbock. Zuletzt hrg. von Falck, Altona 1819. 4^ 
XL, VI. u. 222 S. Alte Drucke: Lübeck 1486. 4«. 74 Bl. Mit einer gereimten 
Vorrede. Schleswig durch Nie. Wegener 1593. 4®. (Schleswig 1603); Flensburg 
1717. 4^ 

Vgl. Dreyer. Spccimen juris publ. Lubecensis S. 37, und Westphalen IV., 
1780—1876. a) Dispositio des Handbocks von Eckenberger, gedr. 1595, SV« Bogen. 
b) Elucubratio aver dat erste und tweede Konig Waldemars Lohbock 1595 (Königl. 
Bibl. in Kopenhagen), c) Tordt Degne Erklerung etliker Artikel im Lowbocke, 
bei Falck, S. 215—232. 

85) Dat Birke Recht, nu in dat Düdesche erst ummegesettet Vor 1603. 
Vgl. Falck S. XXXI. 

86) Van dem Landkope, gedr. Schleswig vor 1603. Falck a. a. 0. 

87) Van Processen etlycker sunderbaren Valien. Schleswig vor 16i>3. 
Falck a. a. 0. 

88) Van Eiden und Eidleistnngen. Schleswig vor 1603. Falck a. a. O. 

89) Gaards Ret edder Hoff-Reeht. Bei Westphalen, Monum. Cimbr. IV., 
1844—51. 



77 

90) Nordfriesland, a) Statut der 7 Harden v. J. 1426, bei Dreyer, Verm. 
Abhandlungen III., 475 flF.; Camerer, Nachrichten 1758 I., 362 if. 

b) Landrecnt v. J. 1558. Vgl. Dreyer a. a. 0. 

c) Das Landrecht der 4 friesischen Harden Amts Tondern, v. J. 1559, bei 
Dreyer IL, 1108-28. 

d) Nordstrander Landrecht. Vgl. Michelsen, Kirchengeschichte IV., 53, und 
Stemann, Rechtspeschichte IL, 243. 

e) Codex juris Prisici borealis v. J. 1426, bei Dreyer, Verm. Abhandl. L, 
473. Vgl. Scheller no. 373 und 473. 

91) Dat olde Presche Landrecht (Eiderstedt, Everschop und Utholm), gegen 
1428 geschrieben, bei Dreyer, Verm. Abhandl. IIL, S. 1457—5108. Vgl. Scheller 
no. 315 u. 473. Auch gedr. Hamburg bei N. Wegener 1573, 

92) Willkiir der Banerschaft von .Mildstedt v. J. 1571. Abgedr. Ztschr. 
fiir Schleswig-Holst. Gesch. VII., 150—60. 

93) Swabsteder Bnch. Abgedr. bei Westphalen IV., 3107—3204. (Geht 
bisweilen ins Hochdeutsche über). 

94) Statuta ruralia praefeetnrae Flensburgensis v. J. 1560. Abgedr. bei 
Westphalen IV., 1959 ff. 

95) Reehtsaufzeichnnng:en, Dänemark betreffend, bei Westphalen IV., 
1875—1960. 

96) Deichrechte, Hegefornieln etc. der Eibmarschen bei Detlefsen, Geschichte 
der Eibmarschen 1, 350—407. 

97) a) Dithmarscher Landrecht v. J. 1447 bei Michelsen, Sammlung alt- 
ditmarsischer Rechtsquellen, Altona 1842, S. 1—85. Alter (verschollener?) Druck 
V. J. 1485 folio. Vgl. Falck, Handbuch des Schleswig-IIolsteinschen Privatrechts l., 
228 f. und Viethen, Beschreibung von Dithmarschen 1733, S. 157 ff. 

b) Dithmarscher Landrecht v. J. 1539, bei Michelsen, S. 87—177. Gedruckt 
liuheck 1539 auf Veranlassung von Wiche Peters. Vgl. Lappenberg, Buchdrucker- 
knnst in Hamburg S. 115 f. 

c) Deichrechte von Biisum und Ketelsbtittel bei Michelsen 251—260. 

d) Spadelandsrecht, ein Statut in Deichsachen v. .1. 1459. Hs. auf der 
Kieler Univ.-Bibliothek. Hochdeutsch gedruckt hinter Heimreichs Chronik. Vgl. 
Falck 437. 

e) Neueres Dithmarscher Landrocht von H. Ranzau und Adam Thraziger 
1567. Zuletzt abgedruckt im Corpus Statutorum Provinc. Holsatiae. Ältere Drucke : 
Bei H. Giesebert, Periculum Statutorum. Hamburg 1665, 4*>; Gliickstadt 1667, 4^, 
und 1711; bei Viethen, Beschr. von Dithmarschen 181 — 90. 

98) Dat Holsten Landrecht, so geholden ys im Jahre 1649, hrg. von Leh- 
mann, Glückstadt 1735; auch bei Seestern-Pauly, Neumünsterscho Kirchspiels- 
gebnäuche, Schleswig 1824. 

99) Neumiinstersche Kirchspielsgebränche. Nach einer Hs. des 16.— 17. 
Jh., hrg. von T. Seestern-Pauly. Schleswig 1824. 4^, 35 S. 

100) Fehmarnsches Landrecht, bei Dreyer, Sammlung IL, 1031- 52. 

101) Rechtsspruche des Oberhofs in Lübeck 1401—1598, hrg. von Michelsen, 
Altona 1839 (S. 83—349). 

102) Billwarder Laudrecht vom Anfang des 15. Jh., bei Lappenberg, Hamb. 
Rechtsaltertümer I., 321—344. 

103) Des olden Landes Ordenunge und Rechte-Bock v. J. 1517, bei Pufen- 
dorf IV., 48—55, und Dreyer, Abhandl. I., 531—44. 

104) Meklenbnr^ische Statuten v. J. 1516, abgedr. bei Bärensprung, Samm- 
lung von Landesgesetzen, Schwerin 1779, Theil IV., 12—38. Vgl. Wiechmann 
I., 36-39. 



78 

105) Bambergiselie Hals^eriehtsordnnng, gedr. Rostock, o. J., 60 Bl. Vgl. 

Wiechmann L, 27—29. 

106) Wendiscli-Ragianiselier Landgeb rauch, in der Mitte des 16. Jh. von 
Matthaeus von Normaun von Rügen verfasst. Bei Dreyer, Moniim. auecd. Lübeck 
1760 I., 229—460 und von Gadebusch, Stralsund 1777. 

107) Herzog Barnims Bauerordnnng v. J. 1569, gedr. Stettin 1570. 4^ 
Abgedr. bei Dähnert. Vgl. A. Höfer in den Baltischen Studien XXI., 148—167. 

108) Bauernrecht und (ierichtsordnnng der Alten Mark von 1531, hrg. von 
Hiibbe. Berlin 1835. 8^. 92 S. 

109) Livländisches Bauernrecht. Vgl. Bunge, Beiträge 33—37. 

110) Dan mittlere Livlandische Ritterrecht, verfasst Ende des 14. Jh., bei 
Oelrichs, S. 75 ff. Zuerst gedruckt 1537, 4°, o. O. 

111) Das Waldemar-Erichsche Lehnrecht für die OeutNchen in Estland. 
Abgcdr. bei Ewers, Ritter und Landrecbt des Herzogtums Estben. Dorpat 1821, 
S. 46—54. 

112) Tytel-Bock. Braunscbweig 1508. 4^. Vgl. Scheller 537. 

Seerecht. 

113) Das Wisbyer Seerecht. Im 15. Jahrhundert in Norden aus dem lübischen 
Rechte und verschiedenen ndl. Sccrechten zusammengestellt. Zuletzt bei Schlytcr, 
Corpus juris Sveogottici Tomas VIII. Lund 1853. 

Alte Drucke: Kopenhagen 1505; Lübeck 1530; 1538; 1564; 1571 in Ham- 
burg bei J. liow, 12°; 1575, 1589 in Hamburg bei J. Low. 8«. „Dyt ys dat 
biigcste vndo öldeste waterrecht" . . . tho Wifsbii, 1596 in Lübeck. Vgl. Ztschr. 
f. d. Philologie VI., 114; auch im Corpus Statutorum Slosvic. IL, 675 ff. 

113a) Rmdener Waterrecht nnde Schiprecht. Ndd. Jahrb. 7, 35-62 

114) Dat denische Seerecht, Zuerst Kopenhagen. Dann Rostock 1572. 8^ 
48 Bl. Vgl. Wiechmann II., 71 ff. und Westphalen IV., 1827—44. 

115) Dat Schiprecht vann denn Keders. Wolfcnbüttcler Ilandschr. Vgl. 
Scheller no. 139. 

116) Krabbe, Tractat von schiffbrüchigen (üiitern. Abgedr. bei Jargow, 
Von den Regalien S. 453. 

Rechtsphilosophie. 

117) J. Oldendorp, Wat hyllick vn recht ys. Rostock 1529. 25 Bl. Vgl. 
Wiechmann I., 123—138, und Ztschr. für Ilamburgische Gescbiclite IV., J36 ff. 

118) J. Oldendorp, Van radtslagende, wo men gude politie vnd ordenungo 
von Stedcn vnd Landen holden mogbc. 1530. 8°. 36 Bl. Vgl. Wiechmann I.. 
138—142. Neudruck (besorgt von Freybe) Schwerin 1893. 

119) Vorklaringe der herkumst van aller Onericheyt, von J. Wohner. 
Hamburg 1544. 28 Bl. Vgl. Serapeum 28, 242. 

SEGEBERG. H. Jellinghaus. 



79 



Ein bremisches Pasquill aus dena 

Jahre 1696. 

An der königlichen Domschule (Athenaeum Regium) zu Bremen ^) 
wurde im Jahre 1696 der Subrektor Joh. ('hr. Schulenburg zum 
Rektor ernannt, während die Schüler gehofft hatten, dass dem be- 
liebteren Conrektor Pohlemann das Amt übertragen würde. Von 
Seiten der letzteren fand sich kurz vorher eines Tages (Ende Januar 
d. J.) an der Thür der Domkirche ein Pasquill hierüber in nieder- 
deutschen Alexandrinern angeschlagen, das aus einem ^^^ Codex des 
Stadtrechts^, welchen die Stadt Berlin dem Bremer Archiv geschenkt 
hat, im Folgenden mitgeteilt wird. Dasselbe erregte, um es sogleich 
zu bemerken, bei der Behörde grossen Zorn. Es erschien am 18. 
Februar eine Bekanntmachimg in der Bremer Postzeitung, welche be- 
sagte, dass auf hochobrigkeitliche Anordnung das Pasquill zu Stade 
durch den Scharfrichter verbrannt sei, dass der Autor, falls er be- 
kannt werde, ;,als infam mit Staupenschlag undt Landtssverweisung^ 
bestraft werden solle, und dass, wer ihn angebe, 200 Thaler Belohnung 
erhalte, auch falls er selber ;,impliciret" gewesen, völlig ,,pardonnirt" 
und sein Name verschwiegen werden solle. Die Nachsuchung scheint 
trotzdem ohne Erfolg geblieben zu sein, da bald hernach eine neue, 
noch viel dringendere Verordnung desselben Inhalts in dem Blatte 
zu lesen war. Man kann annehmen, dass der Zorn der Jugend sich 
gelegt und der etwas vorlaute Verfasser ohne Staupenschlag und 
Landesvei'weisung davongekommen ist. 

Pasquillus Anonymi Nebulonis in Dominum M. Johannem Schulenbcrg'), 
Bremensem, Athenaei Kegii Sub-Hectorcm, postquara ex favore Magnatum dicti 
Athenaei Rector eligeretur, cum id munus honorificum Domino Conrcctori Pohle- 
manno, optimi Parentis Dr. M. Joh. Pohlemanni Concionatoris filio doctissimo 
merito conferendum fuisset, valvis Templi D. Petri An. 1696 sub fine mens. Janu- 
arii afiixus.') 

Copia der trouwhartigen Warnung*) an Hanss Karsten Schuhlenburg, alse 
hc mit luter Gewalt wolde Rektor wehren, darin sine Undöytheit tho dissem Stande 
wardt Yöhrgestellet, van den Edlen Musen Söhnen geschreven mit der Fedder. 

') In der damals freien Reichsstadt Bremen gehörten die früher erzbischöf- 
lichen Besitzungen, nämlich der Dom und eine Reihe von Gebäuden, seit dem 
Westfälischen Frieden zum Königreich Schweden und standen unter der Regierung 
von Stade (1719 fielen sie dann an Hannover). Weil nun die Stadt Bremen das 
reformierte Bekenntnis angenommen, der Dom aber stets lutherisch geblieben war 
und die Schweden letztere Konfession begünstigten, so wurde im Gegensatz zu der 
reformierten städtischen Hochschule (Gymnasium Illustre) eine gleiche am Dom 
gegründet, das Athenaeum Regium, welches von Schülern der weiteren (später 
hannoverschen) Umgegend stark besucht wurde. 

') Richtiger: Schulenburg. ') Diese lateinische Überschrift scheint von der 
Regierung gemacht zu sein. 

*) Die niederdeutsche Sprache wurde zu Bremen im 17. und 18. Jahrhundert 
noch allgemein gesprochen, aber nur als Umgangssprache; gedruckt kam sie, wie 
anderswo, nur noch in derartigen Spottliedern u. s. w. vor. 



80 

Wat wultu Narre dolin? wiiltu im Rector wehren? 
Wiiltu up stelteu gahnV undt grote Dinge körenV 
Du weest jo din Gebreck, dat du so scheve geist; 
AVat wultu fangen an, wenn du nu baven steistV 
5 Du liest jo nichts gelehrt, du kannst man weidig pralen. 
Veel Uhlenstackerey up use Taefel mahlen; 
Du bist een dummen Hanss in der Philosophie, 
Du hest vergeten nichts van der Theologie. 
Dit weestu alles wol undt wult doch Rector wehren, 

10 Du weest jo sulvest nichts und wult doch andre lehren? 
Ick dacht, du schämbst di woll, du bist een Rectors Knecht, 
Undt nu de Rector sulvst, dat iss dyn Titul recht. 
De Andern, de du heffst wol öhre Schöbe putzet. 
De seggen altomal: Ey! seht ins, wo he stutzet; 

15 De scheve Schulenburg, de geit nu baven an, 

De unss wol 12 mal heft geschenkt wat in de Kan! 
Drum Iaht de Iiihren dem, dem se von recht geböhret, 
Dem Herren Polemann, den wy thosamen ehret; 
So deist du recht undt woll, blifst ock in Freed un Rau, 

20 Nimstu dit nicht in acht, schiahn wy dy binihn un blau. 
De Disputations, de du heruthgegeven, 
Un uth een ander Book doch man hest uthgeschreven. 
De Dinge altomahl, de sind nich beters wehrt. 
Als dat man se wegbringt un wischt darmit den Stehrt. 

25 Du bist een stolten Kehrl, du hest uns altosamen 

Verlästert un verschmäht, drum willn wy balde kohnien 

Uli danken dy darvöhr mit einer Prügel-Sop, 

Ja kloppen willn wy dy up dinen stolten Kop. 

Dit alles hebbn wy dy tho euer Warnung schrcven, 

30 Darum bedenk et woll, wultu in Freden leven ; 
Vor allen Dingen nimm de Rectorschup nich an, 
Lallt de Studenten ock hier unverachtet gan. 
Doch, schall dat Unglück dy tlio eenen Rector makon, 
So willn wy wünschen dy all wat wy könnt upstaken; 

35 Wy wünschen dy tho cerst twee Scheet in eener Ilandt, 
So blitft de ander rein, dat laht'n wy dy thoni Pandt. 

BRExMEN. J. Fr. Iketi. 



^1 



Lautstand der Glüekstädter 

Mundart. 



^^^^^^^^^^^^^^^•^t^^^ 



Die im Folgenden dargestellte Mundart ist das in der Stadt 
Glückstadt gesprochene Platt, das ich selbst geläufig spreche. Es ist 
nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, da die Sprache ausserhalb der 
Stadt — die Landbevölkerung wohnt auf zwei Seiten nur etwa je 
zwei Minuten, auf der dritten etwa zehn Minuten entfernt — im 
Yokalismus und auch sonst ganz bedeutend von der in der Stadt 
gesprochenen Sprache abweicht. Da aber zwischen dem Lande und 
der Stadt ein reger Verkehr besteht, auch manche Landleute in die 
Stadt gezogen sind, so ist doch manchmal — namentlich was den 
Wortschatz angeht (auf dem Lande hat sich natürlich mehr Altertüm- 
liches erhalten) — schwer zu entscheiden, was der Stadt und was 
dem Lande angehört. Ich war daher gezwungen, zuweilen auf die 
Sprache der Landbevölkerung Rücksicht zu nehmen. 

Die Glückstädter Mundart ist am nächsten der Hamburgischen 
verwandt, doch hat sie nicht die breite, den ganzen Stolz und das 
Selbstbewusstsein des Hamburgers ausdrückende Aussprache einiger 
Vokale. Die Bewohner der umliegenden Städte (Elmshorn, Krempe, 
teilweise auch Itzehoe) sprechen "bäurisch", während wir — wenn 
wir hochdeutsch sprechen — daselbst, ja sogar in Kiel für Hamburger 
gehalten werden. Andererseits hat selbstverständlich unsere Mundart 
mit den übrigen holsteinischen und schleswigschen Mundarten vieles 
gemein, was sie von andern, z. B. der mecklenburgischen, unterscheidet. 

Das gute reine Platt wird bei uns eigentlich nur noch von älteren 
Leuten der mittleren Bevölkei-ungsschichten gesprochen; die Sprache 
der jüngeren Generation ist schon sehr durch das Hochdeutsche 
beeinilusst, und manches gute alte Wort ist ihr, wenn auch nicht 
unbekannt, so doch ungeläufig; ja ich meine beobachtet zu haben, 
dass manche alten Wörter im Laufe der letzten zwanzig Jahre ausser 
Gebrauch gekommen seien. 

Ich habe zweierlei vorausgeschickt, erstens eine Beschreibung 
der Laute, so weit sie mir möglich war, zweitens verschiedene 
Bemerkungen über Lautveränderungen, Beziehungen der Laute zu 
einander, Abfall bzw. Ausfall von Lauten u. dgl. m. — Bemerkungen, 
welche vielleicht nach systematischer Anordnung erst nach der eigent- 
lichen Lautlehre kommen müssten, welche aber, glaube ich, zum 
richtigen Verständnis der in der Lautlehre gegebenen Beispiele, wenn 
nicht notwendig, so doch nützlich sein werden. Manches Derartige 

Nied«rd«utoGh«B Jahrbuch. XVIII. 6 



B2 

hätte ich noch zu sagen gehabt, ich habe es aber für spater auf- 
gespart. — Die phonetischen Verhältnisse liegen in der Gl. Mundart 
im allgemeinen einfacli; wo die Laute denen des Bühnendeutsch gleich 
sind, habe ich, zuweilen unter Hinweis auf Sievers, Grundzüge der 
Phonetik, 3. Auii., Leipzig 1885, auf das Hochdeutsche einfach Bezug 
genommen; Erscheinungen, die nicht allgemein verbreitet sind, habe 
ich so genau als möglich zu beschreiben gesucht. Bei der Wahl der 
Typen habe ich mich durch die Rücksicht auf die in der Druckerei 
des Jahrbuches vorhandenen Lettern bestimmen lassen und, so weit 
möglich, an Holthausen, Die Soester Mundart, Norden und Leipzig 
1886, angeschlossen. (Dass ich dem Studium dieses Buches manches 
verdanke, sei hier nebenbei erwähnt.) — Von Beispielen habe ich 
meistens nur eine beschränkte Anzahl ausgewählt, und zwar vielfach 
solclie, die aus irgend einem Grunde lehrreich sind — man wird z. B. 
leicht bemerken, dass ich besonders solche Wörter aufgeführt habe, 
• welche sich hinsichtlich des Umlauts vom Hd. unterscheiden — ; an 
einigen Stellen, wo es mir nötig schien, liabe ich dagegen alle mir 
bekannten Wörter aufgezählt. 

§ 1. Die Artikulationsbasis ist die norddeutsche, die Zunge ist 
etwas zurückgezogen und verbreitert (Sievers S. 103 Anm. 12). Die 
Thätigkcit des ganzen Ansatzrohres ist äusserst nachlässig; auch hei 
nicht allzu raschem Sprechen fallen die Konsonanten zwischen zwei 
Vokalen und auch sonst entweder ganz aus oder werden bis zur 
Unkenntlichkeit verstümmelt. Die Mitteilung von Proben behalte ich 
mir vor. 

Die Vokale. 

§ 2. Die in der Gl. Mundart vorkommenden Vokale sind folgende: 

1. (kurz und offen) . . . i 

2. (lang und geschlossen) . t 

3. (lang und offen) ... 9 

4. (knarrend) — 

5. (überkurz) 9 

1. Die Vokale der ersten Reihe sind kurz und offen, wie z. B. 
in nhd. und, lippe; gdd, luitte; hand, Jiatte; gott, stock; mund, musisie; 
fföttcr^ stocke; sünde, hütte, — Dass das u wie es in einigen nord- 
deutschen Mundarten der Fall sein soll, sich ein wenig nach ü hin- 
neige, kann ich nicht bemerken. 

2. Die Vokale der zweiten Reihe sind geschlossen, sie kommen 
entweder halblang oder lang vor (vgl. Sievers § 28 Anm. S. 187); 
halblang sprechen wir sie in nhd. bieten^ rute, gemüt^ lang in nhd. 
lieder^ ruhte, müde, — Es könnte vielleicht zweifelhaft sein, ob diese 
Vokale nicht als lang und überlang zu bezeichnen wären; ich bin 
durch lange Beobachtungen sowie durch Vergleiche mit andern Mund- 
arten jedoch zu der Ansicht gekommen, dass sie halblang und lang 
sind; die langen Vokale können allerdings unter Umständen überlang 



e 


a 





u 





y 


(e) 




(ö) 


ü 


(8) 


S 








ä 




ce 


g 


a 


8 






• • 






a 




tt 


(ö) 





werden, z. B. wenn der fragende Accent darauf liegt: ruhte? rühm? — ^ 
Die geschlossenen Vokale e, o, ö kommen bei uns nicht vor, vielmehr 
sprechen wir (auch im Hd. und in fremden Sprachen) statt ihrer 
Diphthonge — ich habe sie deshalb in obiger Uebersicht eingeklammert 
— und zwar wird hinter e und ö ein T^), hinter o ein ü gesprochen, 
d. h. gegen Ende des Lautes wird der vordere bzw. der hintere Teil 
der Zunge ein wenig gehoben. Das T (y) und das ü fallen indes so 
wenig ins Gehör, dass ein weniger geübtes Ohr sie überhaupt nicht 
vernimmt, weshalb die Laute e, ö, Ö von uns als einfache Laute 
empfunden werden; ich habe sie daher durch je ein einziges Zeichnen 
bezeichnet. Doch will es mir scheinen, als ob in neuerer Zeit die 
diphthongische Natur des e deutlicher hervorträte. Auch ist die 
Neigung vorhanden, den Einsatz zum ö mit etwas breiter gezogenem 
Munde zu sprechen, jedoch ist diese Neigung bei weitem nicht so stark 
wie in Hamburg, wo man mit der Mundstellung des e einsetzt, 
geschweige denn wie in westfälischen Mundarten, wo man ein deutliches 
e spricht. Ueber die Länge der Laute ö, ö, 8 gilt das über T, ü, y Gesagte, 

3. Verlängert man die kurzen offenen Vokale i, w, y, so erhält 
man ?, ä, oe. Die Längen von e, o, ö kommen bei uns nicht vor, 
sondern sind mit den Längen von t, w, y zusammengefallen. Doch 
sind 9, il, OS nicht ganz genau die phonetischen Längen von i, w, y, 
sondern unterscheiden sich von letzteren durch eine ein wenig grössere 
Lippenöfifnung bzw. -vorstülpung. Das 9 ist dasjenige, welches wir in 
nhd. beten^ reden sprechen. Wie dies 9 sich zu e und i verhält, so 
verhalten sich & und « zu und u bzw. zu ö und y, — ä und w 
kommen im Hd. nicht vor, doch ist das 0? bekannt aus Wörtern wie 
Stör^ Plön (Ploen); das & ist noch niedriger (lower) als das a in engl. 
wall, saWy etwa gleich dem dänischen aa in laave, raaäe, 

4. 5, a, ö, sind knarrende Vokale (Sievers S. 109), im 
übrigen sind sie gleich den Vokalen e, a, 0, ö. Sie sind ihrer Natur 
nach immer lang, verkürzt werden sie zu e, a, 0, ö. Das Knarren 
ist in fast allen Fällen ein Ersatz für r; wir sprechen auch im Hd. 
nicht berg, niark^ korh, Icörbe^ sondern hho, twafe, kop, kobj. 

5. Es ist Sitte geworden, die "überkurzen'' Vokale durch 9 
und a zu bezeichnen; ich schliesse mich diesem Gebrauch an, obwohl 
in redj k.aum von kurzem offenem », a in uvtcr (tnita) kaum von a 
zu unterscheiden ist; in schneller Rede wird dies a häufig ein wenig 
nach hin gesprochen. 9 kommt nur selten Imitcr einem Vokal vor, 
bildet aber, soweit ich sehe, immer eine Silbe für sich ; a hinter einem 
VokaP) kann silbenbildend sein, in schneller Rede verschmilzt es 
jedoch in der Regel mit dem vorhergehenden Vokal zu einer Silbe. 
Ausserdem haben wir noch das überkurze ü vor der Tonsilbe und das 
überkurze ö in der Vorsilbe /o- (hd. vcr-). 



') Folgt auf ö ein / oder S, so wird statt i ein y gesprochen, d. h. die 
Lippenmndang wird beibehalten. 

') Hinter einem Vokal ist es gewöhnlich aus ?*, sonst ans er entstanden. 

6* 



§ 3. Diphthonge. Ausser den oben erwähnten diphthongischen 
Lauten (e, 5, ö) haben wir die drei Diphthonge at, au, ou Einige 
behaupten, dass in der norddeutschen Aussprache dieser Diphthonge 
(hd. geschrieben et, ai; au;' c«, äu) der zweite Bestandteil kein t, u, 
sondern ein e, o sei. Mag nun auch die Zungenhebung nicht ganz so 
hoch sein, wie bei einfachem (autophthongem) T und ü, so kann ich 
doch trotz aller Anstrengung keinen andern Laut hören als T und ü, 
während ich in einigen westfälischen und hannoverschen Mundarten 
deutlich ein e und o höre. Ich schreibe also ai^ au, oi, und nicht 
ae, ao, oe. In dem Diphthongen ai ist das a ein wenig palatalisiert. 
Die Diphthonge kommen lang und überlang vor. 

Die Konsonanten. 

§ 4. Die Gl. Mundart hat folgende Konsonanten: 

stimm- stimm- 
haft los 

labiale io,h — — 

V f - 

ä J, s r — t d » l 

j (x) — 
l X (R) 

1. Die Tenues p, t, k sind, wenn sie allein oder mit r, /, i?, tv 
verbunden (pr, pl; tr, tw; Jcr, W, Äw, Jcw)^) die Tonsilbe oder ein 
Wort beginnen, immer aspiriert; ebenso haben sie am Ende der Wöi*tor 
bei genügend deutlicher Aussprache die Aspiration. In den Laut- 
verbindungen Äp, st (Anlaut) und p*-, ts, ks; pm, <«, fcg (Auslaut) sind 
sie also unaspiriert, desgleichen i und p in den Verbindungen kt, pt 
(weckt, eirpt); ebenso entbehren sie sonst im Innern der Wörter die 
Aspiration, sei es nun, dass sie vor Vokalen (Inlaut), oder dass sie 
— in Zusammensetzungen — vor Konsonanten stehen (Auslaut). 

2. Die Medien sind stimmlos. Eine Verwechslung von Tenuis 
und Media im Inlaut findet selten statt, da sie sich als Fortis und 
Lenis unterscheiden; im Auslaut dagegen fallen t und d zusammen 
{b und g werden im Auslaut im Ndd. zu f und x). — Zwischen zwei 
Vokalen spricht man statt 6, d, g in der Regel b, d, 5, die ent- 
sprechenden Engelaute, doch wechselt die Aussprache bei einem und 
demselben Individuum; wirkliche Verschlusslaute werden jedenfalls nur 
bei sehr langsamem Sprechen gehört, und wenn die gewöhnlich 
gesprochenen Laute auch vielleicht nicht immer wirkliche Reibelaute 
sind, so ist der Verschluss doch ein sehr nachlässiger.^) Aus diesem 



labiodentale . . 
dentale . . . 
palatale 
volare (gutturale) 



s p 


1) 


m 






? 


t 


d 


n 


- (t) 




r«; 


k 


9 


Q 



') Es ist mir neuerdings zweifelhaft geworden, ob in den Verbindungen 
pr, pl, tr, kr, M wirklich Aspiration vorliegt und nicht vielmehr hinter dem 
Verschlusslaute ein **dem folgenden Konsonanten angepasster" Reibelaut 
gesprochen wird. 

^) Ein ungeübtes Ohr hält diese Laute für dieselben b, d, g, welche im 
Anlaut gesprochen werden, daher auch bei unsern Dialektdichtem die Schreibang 
h für das w anderer Mundarten. 



85 

Grunde und der Einfachheit halber werde ich im Folgenden nur 
6, d, g schreiben. 

3. Zu den einzelnen Konsonantenreihen ist noch einiges zu 
bemerken. 

a) labiale, u? ist bilabialer Reibelaut, die Lippen werden bei 
der Aussprache dieses Lautes ein wenig vorgestülpt, w kommt nur 
hinter andern Konsonanten vor, die zu derselben Silbe gehören, wie 
nhd. zwei^ schwer^ quälen; hinter einer Lenis ist es stimmhaft, hinter 
einer Fortis ist wenigstens der Einsatz stimmlos. 

b) labiodentale, f und v sind labiodentale Reibelaute, 
ersterer ist stimmlos, letzterer stinmihaft. — Vor f sprechen wir m 
statt «, z. B. vernumft, ftifnf^ und es versteht sich, dass das f genau 
genommen bilabial anfängt, der eigentliche Laut aber ist labiodental. 
Ebenso wird hinter f m statt n gesprochen, z. B. strafm (strafen) ; 
folgt nun aber auf den Nasal wieder ein Dental (wie in den Fremd- 
wörtern priSifmtsain, födifmdlan, prüfmtlan = prophezeien, verteidigen, 
profitieren), so wird der Lippenverschluss nicht vollständig, man könnte 
also versucht sein, von einem labiodentalem m zu sprechen. Daraus 
erklärt sich das Fragezeichen in der Nasalreihe der obigen Uebersicht. 
Für unser Ohr ist dieser Laut ein wi. 

c) dentale. Der s-Laut ist bei uns stimmlos, doch unterscheiden 
wir ein sanftes J und ein scharfes s. — Das l ist ein helles (palatales) l. 
— Hierher gehört auch das r, es ist ein stimmhaftes, gerolltes 
Zungenspitzen-r ; hinter § wird es nicht gerollt. 

d) palatale. t und nt werden zuweilen durch nachfolgendes y 
])alatali8iert, z. B. sind in antja (Ännchen) alle drei dem j voraus- 
gehenden Laute palatalisiert ; da diese Fälle aber selten sind, habe ich 
davon abgesehen, besondere Zeichen für palatalisiertes t und nt zu 
verwenden. 

e) Velare. Es versteht sich von selbst, dass das k in ki, g in 
gi und x in ix eine andere Artikulationsstelle haben als das Tc in am, 
g in gu und x im ax\ doch liegen beide Artikulationsstellen so weit 
nach hinten, dass von einem palatalen Tc^ g und x kaum gesprochen 
werden kann; ich habe daher nicht nur zwischen dem h^ g in hi^ gi 
und in ä:m, gu keinen Unterschied gemacht, sondern auch für den ix- 
Laut dasselbe Zeichen verwendet wie für den aa;-Laut. Dasselbe gilt 
von g (;) in hd. sage^ siege. — Ein uvulares r kommt in den unteren 
und mittleren Bevölkemngsschichten fast gar nicht vor. 

Anm. Stimmhafte Konsonanten werden hinter stimmloser Fortis selbst 
stimmlos; doch ist der üebergang zum folgenden Vokal bei nicht allzuschnellem 
Sprechen stimmhaft. — Silbenbildende /, 7n, n, i) sind natürlich immer stimmhaft. 

Dauer der Laute; Fortis und Lenis. 

§ 5. Alle Laute können kurz oder lang sein; bei Verschluss- 
lauten kommt die Dauer des Verschlusses in Betracht. Lange Kon- 
sonanten kommen in unserer Mundart — bei nicht zu schnellem 
Sprechen — in drei Fällen vor. Erstens wenn von zwei aufeinander 



m 

folgenden Wörtern das zweite mit demselben (oder einem homorgauen) 
Laute anfängt, mit dem das vorhergehende aufhöii;, z. B. hd. abbeissen 
(mit langem p, denn es ist = op -f- beissen), not thun; auffassen^ 
aussaufen ^ hirsch schiessen; am markt ^ einnähme. Zweitens werden die 
Nasalen tw, n verlängert, wenn (nach Ausfall eines e) ein n dahinter 
zu stehen käme, z. II hd. harnen^ ahnen^ von uns gesprochen kämm. 
B,nn mit langem Nasal; zugleich ist die Artikulation des Nasals eine 
energischere. Drittens werden l und n verlängert, wenn nach Ausfall 
eines e auf Konsonant -{- l^ n noch ein Vokal folgt, z. B. hd. eiegelei^ 
gesprochen ziegUei; dabei ist das erste Z, n silbenbildend, das zweite 
konsonantisch. 

vj 6. Die Dauer der Vokale ist, wenn diese nicht gerade am 
Ende des Wortes oder Stammes stehen, abhängig von der Beschaffen- 
heit des folgenden Konsonanten, und zwar ist sie kürzer vor Fortis, 
länger vor Lenis. Lenes sind unter allen Umständen ft, d, g^ /, t; 
(immer im Inlaut), ferner sind als Lenes anzusehen /*, ^, x^ s, §^), 
wenn sie im Auslaut nach Abfall eines e für ursprünglich 
inlautende ft, rf, g^ J, 2 stehen ; sonst sind /*, ^, a;, 5, § ebenso wie 
j>, k Fortes. Man spricht also*) 

vor bd g Jv 



vor jp, t, Ä, /", a;, 5, g 



und f t X s § am Eude der Wörter 
(wenn z=z bdg j i) 



kurz . . 


i e a u ö y 






halblang 


T e ö ü Ö y 


lang . . 


T: e: ö: ü: ö: y: 


f) 


9 ä 0? 


f) 


9: ä: (b: 


(kurz 


e a ö ) 


j) 


V - V V 

e a 


lang . . 


ai oi au 


überlang 


ai: oi: au: 



Dieser Regel folgen auch die Lautverbindungen am, an^ nij, al 
usw. Es ist allerdings schwer zu entscheiden (vgl. Sievers, S. 187 
unten), "ob blos der Konsonant lang ist oder auch der Vokal eine 
Dehnung erfahren hat"; nach langen Beobachtungen bin ich aber zu 
der Ansicht gekommen, dass in unserer Mundart der Vokal an der 
Dehnung teihiimmt. Da nun Lautverbindungen wie al usw. phonetisch 
als lang anzusehen sind, so werden sie vor Lenis überlang; der Ein- 
fachheit halber bezeichne ich die Ueberlänge dadurch, dass ich den 
Konsonanten zweimal setze. Wir sprechen also hd. elf (11), aber 
ellbj (Elbe). 

Anm. 1. Geht ein Verbalstamm auf einen halblangen oder langen Laut 
(anch Vokal + m, n, ij, l) aus, so hat er, sobald eine Endung antritt, immer 
(auch vor i) den langen bzw. überlangen Laut; ausgenommen sind nur einige 
Formen der sog. unregelmässigen Verba. 

Anm. 2. Hinter einem halblangen oder langen Vokal hat das /, wenn 
es zu derselben Silbe gehört, vor sich noch einen Eigenlaut (je nach der 



^) i nur in Fremdwörtern, z. B. frz. courage. 
) Diese Regel wird beim Verbum durch Formenausgleichung durchbrochen. 



87 

BeschaffeDheit des vorbergelieiiden Vokals mehr i oder y); man hört ihu deutlich, 
wenn man / ganz allein ausspricht. Dieser Laut entzieht dem vorhergehenden 
Vokal etwas von seiner Dauer, sodass z. B. das i in hd. tnel nicht ganz so lang 
ist wie in visle; ich würde demgemäss phonetisch schreiben ßl, aber ß:ld. 

§ 7. Da die Medien in unserer Mundart immer stimmlos sind, 
so werden sie, mit grösserer Energie gesi)rochen, zu (unaspirierten) 
Tenues. Dies ist namentlich der Fall in Wörtern, welche früher 
geminierte Media hatten; diese ist jetzt zur einfachen (unaspirierten) 
Tenuis geworden. Deshalb — und weil man mit den Zeichen p, t^ h 
den Begriff der Aspiration verbindet — schreibt man heute in Dialekt- 
dichtungen umgekehrt, um im Inlaut eine einfache unaspirierte Tenuis 
zu bezeichnen, die entsprechende Media doppelt, auch wenn das Woii: 
ursprünglich geminierte Tenuis hatte. Also geschriebenes suubben, 
schibber, bodder^ wuddel, nadd^n ist gesprochenes Jüpm, ^ipa, bota^ vutl^ 
natn (vgl. Jellinghaus, Zur Einteilung der niederdeutschen Mundarten 
{5 14 S. 38. — Müllenhoff im Glossar zur Klaus Groths Quickborn 
u- d. W. obbe). Ich schreibe in all diesen Phallen nach der Aussprache 
und gemäss der oben über inlautende Tenuis aufgestellten Regel ein- 
fache Tenuis. 

Unbetonte Silben, 

55 8. Die Stammsilben der Wörter werden in unserer Mundart 
so stark betont, dass die vor und nach der Tonsilbe stehenden Silben 
geschwächt, der Vokal derselben sehr häutig — sofern nicht unaus- 
sprechbare Lautkomplexe entstehen würden — ganz unterdmckt wird. 

1. Nach der Tonsilbe, e am Ende der Wörter — meist aus 
andern Vokalen entstanden — und das e der Ableitungssilben und 
Infinitive wie -eZ, -et* ist verschwunden: sprih Sprache, Jäi Sache; 
gctn giessen; (b:U übel, ^ötl Schüssel, ätn Atem, besn Besen; tt^i nehme^ 
^t esse; dSL:xs Tages, hn:s (dat. sg. von Aus Haus); dr&:x trocken, 
mÖ:t müde, m&t Begegnung. — In der Regel fällt ausser bei Adjektiven 
die ganze Silbe -de weg^): ^»9^ Pferde, fülbüan erlauben, zulassen 
(mnd. fulborden), namentlich im Präteritum der schwachen Verba: 
föl fühlte, hba hörte; ebenso mö:n vermutend (mnd. modende). — 
Von den alten P^ndungen -isk, -in bleiben nur die Konsonanten übrig : 
spöi^ spöttisch, ironisch, d(}:n^ dänisch, rw§ russisch, hrii Köchin, 
f/d:2rf§ (fi&:bif^) Nachbarin: holtn hölzern, golln golden. — Die alte 
Endung -i/iy, -inge ist, soweit sie nicht durch die hd, Endung -ung 
verdrängt ist, meistens zu -n zusammengeschrumpft: hean Häring, 
fvian Nahrung, Verdienst, twi Zehining, Verbrauch, njfcwü/e.i« VAn- 
«piartieining, vctan Wetterung (Abzugskanal in der Marsch), Jösn 
Sechsling (eine Münze, = H^U Pfennig), penn Pfenning usw. — Die 
Endung -nisse erscheint als ns (s) in villns Wildnis, vims Wärme 
(mnd. wermenisse, Reuter: warmniss). 



^) Dies geschieht, soviel ich weiss, anf dem I^ande immer, in der Stadt 
hat man, namentlich beim Nomen, die Neigung, hier und da das d ^a]« i) zu 
erhalten; ich habe jedoch hierfür keinerlei Regel erkennen können 



88 

2. Vor der Tonsilbe, a) Am Anfang des Wortes. In den 
Vorsilben ge-, be- (qb-^ Iq-) fallt das 9 noch häufiger aus als im 
Hd. (Glück, Gnade), z. B. gnik Genick, Waijij neben (eig. längs, ent- 
lang). Von tVi = to fällt zuweilen das tt weg: türex^ trex zurecht, 
türyx, tryx zurück; dagegen behält <fi = hd. zer- (z. B. /firlfn zer- 
reissen) immer das ü. — In andern Fällen fällt der Vokal entweder 
ganz weg, oder es steht überkurzes ö, und zwar hat man auf dem 
Lande mehr als in der Stadt die Neigung, den Vokal wegzulassen, 
soweit es überhaupt geht, z. B. ittJÖA, i/ö.) Couleur, kidena, ilena 
Kalender, prjk Perücke, SttÄr&.'it masc. Schikane; in deutschen Wörtern 
JdUeJca Eichkätzchen, lübenT lebendig, vünea wann (wann eher), vielleicht 
auch iülölkijgdjix Maske. — Ausnahmen: ein überkurzes ä haben wir 
in jyjMn Johann, 2?ä^S0:n Portion, ein überkurzes Y in g\dl:n (g9dl:n) 
Gardine. 

ß) In der Mitte des Wortes steht ein überkurzes 8, z. B. dryti- 
hallf (drytahüUf) drittehalb, kr^Mil Krokodil, pemUli%x (pematUnJ 
permittieren (vom Militär entlassen), ebenso in numMax Nachmittag, 
H:2>ä{ii)X; Kaveling (mnd. kavelinge). 

Assimilation. 

§ 9. • Kommt nach Ausfall eines e ein n hinter einen Konsonanten 
zu stehn, so assimiliert sich das n demselben, d. h. es bleibt hinter 
t, d, 5, J, 8, «, l unverändert, hinter p, ft, /", iw, (v) wird es zu w, 
hinter i, </, ät, g zu g. Bei Verschlusslauten wird alsdann der Ver- 
schluss nicht gesprengt, sondern während der Verschluss noch fort- 
dauert, senkt sich das Gaumensegel (vgl. Sievers § 22,8 S. 160. 161). 
— Geht kein Konsonant vorher, dem sich das n assimilieren könnte, 
so assimiliert es sich dem Anfangskonsonanten des folgenden Woiles, 
also ii) kela (im Keller), atnbltn (anbeissen). Bei schnellem Sprechen 
wird sogar m vor k zu ij, z. B. ti^gi = n^:m ik (nehme ich). — 
Es versteht sich von selbst, dass in Verbindungen wie mitn besn (mit 
dem Besen) nicht unvermittelt von n zu b übergegangen wird, sondern 
vor dem b ein m steht, doch fällt nicht dies m, sondern das n ins 
Gehör. — Als einzelner Fall ist noch jumfa aus jui^fa anzuführen. 
Dass wir vor f auch m sprechen, wurde oben (§ 4,8 b.) schon erwähnt. 

§ 10. Medien werden hinter Tenues selbst zu Tenues (natürlich 
unaspiriert) ; die davor stehende Tennis ist dann ebenfalls unaspiriert, 
vgl. oben § 4,i ; sind beide Konsonanten homorgan, so entsteht eine 
lange unaspirierte Tennis. 

Ein- nnd Absatz. 

§ 11. Der Spiritus Lenis scheint bei uns nicht mehr zu existieren, 
da die Wörter in der Regel mit einander verbunden werden. Am 
deutlichsten ist die Bindung, wenn das zweite Wort den Hochton 
trägt, z. B. gün&mj} (yün&cbmt) guten Abend. Bei der Bindung wird 
der Endkonsonant des vorhergehenden Wortes, wenn er aus einer 
Lenis entstanden ist, in eine solche zurückverwandelt, z. B. btl:vik = 
ltl:f ik bleib' ich, re.'da = reU Ae ritt er. 



89 



Der Vokalismns. 

§ 12. a. 
Jetziges a ist gleich früherem 

1. kurzem a in geschlossener Silbe. 

an an, nian 1. Mann, 2. nur, han kann; Jul soll, tal Zahl; dax 
Tag, twax mag, sfora: Schlag ; glas Glas ; af ab, fai/* Spreu ; nat nass, 
170^ was, /a^ Fass, dat das; pa^ Pfad, rat Rad, 2/2a^ Blatt, &a^ Bad, 
bratn Brodem (Wasserdampf, Atem, Hauch, mnd. bratmen, neben 
bradem); jak Sack, pak Pack, dak Dach; Snp Schrank (Schaff), nap 
Napf; tarn zahm; va§n waschen, hast Hasel. — fas fest, gas Gast, 
las Last, mas Mast, has Hast; flap Maul (mnd. vlabbe), apl Apfel, 
/^j?i» Zapfen (Subst. und Verbum), jnpm gaffen, gähnen ; plant PHanze, 
lant Land, vant Wand, hant Hand, pant Pfand (dazu hantig vann, pann 
Hände, Wände, pfänden); damp Dampf, lamp Lampe; kam Kamm, 
lam Lamm, ama Eimer (mnd. amber, ammer); Jnf Saft, kraf Kraft; 
ax acht, axta hinter, max Macht, nax Nacht; kallf Kalb, hallf halb; 
fhs Flachs, vas Wachs, vasn wachsen, Jas Sachs, hrasn Brachsen, 
Brassen (ein Fisch), atl Mistjauche, klatari nass und schmutzig 
zugleich (mnd. kladderen, vgl. auch mnd. Jclatte), vatj Molken (mnd. 
waddeke), wia<|; Regenwurm (mnd. maddik), kapin zanken (mnd. kabbelen), 
Japln etwas in den Mund nehmen, sodass Speichel herausfliesst (mnd. 
sabben), tapln langsam gehn. 

2. = ar, er vor Fortis. 

x) hat hart, swat schwarz, matn Martin, spatin zappeln (mnd. 
spailelen), hatl Hartwig; ftaS barsch, iwaä die Marsch. 

ß) hat Herz, smatn schmerzen, batl Barthel, kasb^.% Kirsche 
fwöi'tlich Kirschbeere), dwas quer (mnd. dwars [mhd. twerhes], dwars, 
dwass), gasn Gerste, kasn Christian, kaspl Kirchspiel, basn bersten, 
fas First (mnd. varste, verste), tapmtl:n Terpentin, maktennda (Ton 
auf der 2. Silbe) Marketender. 

3. = ä. 

dax Docht (mhd. täht), dax dachte, Jaxtd sachte, (Jax, Jaxs 
vielleicht, wohl), jama Jammer (wie im Hd. — Vor wr, wZ, (mn) 
scheint wie im Hd. die Kürze beliebt zu sein, z. B. Sommer, sammeln, 
zusammen usw., wo urspr. nur ein m stand; vgl. oben ama, unter o 
koma^ homa, oma). 

A n m. Ueberknrzes 8 s. § 8,a a, ß. 

§ 13. ä. 
1. ä = ar vor Konsonanten ausser t, s und §. 
hida harte (von hat hart); h&k Harke, Rechen, m&k Mark (die 
Mark, das Mark); siik stark; wiäfc Markt; fif Farbe, nif Narbe; am 
Arm fpauper, bracchium); vim warm; §äp scharf. — Ää hatte (sekun- 
däres r aus d). — twäS der Marsch scheint in neuerer Zeit aus dem 
Hd. entlehnt zu sein. Wenn Ja.?, die obere Thürschwelle, von frz. 
Charge kommt, so steht eben s für inlautende Lenis (vgl. j^ 6). 



90 

2. i = er (daraus war im Mnd. scliou vielfach ar geworden). 
M Kerbe ; stnhm sterben, fixiiihm verderben, vihl Drehriegel (nind. 
wervel), h&s Herbst; vin werden ; 7/ä:i; Berg ; sivSik dunkle Wolke, miikj^ 
merken, /a/rg Ferkel, ISJc Birke, Wc Kirche, v&k Werk, W^erg; sima 
Schirmer, Scharmer, v&mm wärmen, bim Bierhefe; v&f Geschäft 
(Gewerbe); h&cla Hirt (mnd. herder), hv&da Queder (Kragen, Hosen- 
bund); /an necken, zerren, fipin sperren. 

§ 14. L 

1. ä = altsächs. u oder o in offener Silbe. 

a) W^örter, in denen ausschliesslich u vorkommt, sind im As. 
sehr selten (vgl. . Behagel u. Gallee, Altsächs. Gramm. § 33, dazu die 
Recension von Schlüter, Ndd. Jahrbuch XVH S. 153); hierher gehören 
etwa nur die Wörter Jc&:mm kommen, V'd:nn wohnen, fSi-ffl Vogel; 
vielleicht auch fkln Fohlen, Füllen, stk:f Feuerkieke (ein kleiner Ofen, 
den die Frauen benutzen, um die Füsse darauf zu setzen und zu 
wärmen). Diese Feuerkieke scheint jetzt fast ganz aus der Mode 
gekommen zu sein, sie kommt in Vossens Idylle ^Der siebzigste 
Geburtstag' Vers 56 vor und wird (Ausgewählte Idyllen und Lieder 
von J. H. Voss, Leipzig, Reclam S. 120) erklärt: Ein blechernes 
Fcuerstübchen für die Füsse. Das W^ort st&.'f, das dem hd. Stube 
genau entspriclit, bedeutete früher auch in unserer Gegend "Stube", 
vgl. Rist, Das friedejauchzende Deutschland (Deutsche Dichter des 
17. Jh., hgg. V. Goedeke und Tittmann. 15 Bd. Dichtungen von 
Joh. Rist, Lpzg. 1885, S. 103): Staat dar nicht ecn hupeu Herenhüse, 
Amtstaven und der geliken Gebüwe leddig uswV 

[i) Beispiele, wo ä = as. o (got. ü) ist: äpm offen, JSipm gesoff'en, 
krkpm gekrochen; ä:Aw Ofen, b§i:bm oben, kSi:bni Kofen, alk&:bm 
Alkoven, grk:hd grobe (von /yro/' grob) ; klk:f q\\\ grosses (abgespaltenes) 
Stück Holz, rk:f Kruste über einer Wunde; kkt Käthe (ein kleines 
Haus auf dem Lande), gktn gegossen, //ä^n geflossen; hk:t 1. Bot<?, 
2. Dativ von bot Gebot (in der Redensart: zu Gebote stehn), bk:dn 
geboten, angeboten; Aä:Ju Strümpfe; Ja/ Sohle, stSUn gestohlen, kU 
Kohle; bodrkig^ betrogen, /?ä:(jfij geHogen; /"ä-'-t Vogt; i?ä;mm genommen, 
kk'.mm gekommen; hkki] gebrochen, sprkkr^ gesprochen, kn^ci^ Knochen, 
kmik Knaack, fcäAij kochen. 

Vor r: fölkan verloren, frk^in gefroren, säan geschoren; bkA 
Bohrer (mnd. bor), spkan Sporen. 

2. ä = ursprüngl. langem ä, 

gk:n gehn, stk:n stehn, mk:i\t Mond, mkindax Montag; (7rä: 
bald (mnd. drade); rkidn raten, rU rat, gnktt Gnade, dkt die That; 
ktn Atem; mkt das Mass, l&tn lassen, ^rkt schräge (mnd. schrät), 
strU Strasse; /ci6"Wiä.'n verschmähen; stvka schwer, jka Jahr, Mka khir, 
hLi Haar; frkigr^ fragen; tk:x zäh, trkix träge; mUn malen; kibtnt 
Abend; blkiln blasen, ä^Aas; Ikp Schaf; ^jpräJk Sprache ; Ä^rä/* Strafe. 
— In Fremdwörtern: Jüldkt Soldat, prkt bereit, ikrkt accurat. Dazu 
plksta Pliaster, und vielleicht plkts Hafenplatz. 



91 

3. ä = später, nach Ausfall von A, gedehntem a: stil der Stahl, 
slSi:n schlagen, tr&:n Thräne, Suin Aehren. 

4. ä = kurzem a in ursprünglich offener Silbe. 

ni&ln mahlen', JcU kahl; gr&ibnt graben; lSL:dn laden, ^8,:dn 
schaden, ß:dl Sattel; Ää:/*, Aä:6m Hafen (vgl. mhd. diu habe), Äwä;/* 
Knabe; d&:x Tage, vEd&x Schmerzen (Wehtage), rlkd&x Reichtum, 
v&:gl Nagel, Mk:gr} klagen, ß:gn sägen; &p Affe, ii&rkpm nachäffen, 
iripm schaben, kratzen; v&ta Wasser, l&t spät, llU Spross (mnd. lade, 
mild, late); ISJci) Tuch, mSJcij machen, rätr) wachen, stSJciQ Stange, 
n&Jclt nackt, Ic&kln gackern (mnd. kakelen); h&:n Hahn, mk:mi mahnen, 
sw§L:n Schwan, m&:n Mähne, ä:w/ Ente (diese Form ist bei uns 
wenig gebräuchlich); S&:mm schämen, üffdähnt unverschämt, /fi/ä.m 
zusammen, n&:m Name. 

Vor r: f&an fahren, b&a Bär, vLvi währen, dauern, v&an wahren, 
hüten, n&an Nahrung, k&a KaVren (mnd. kare), gBvSui gewahr, sp&an 
1. Sparren, 2. sparen. 

5. ä = kurzem a vor r in geschlossener Silbe. 

g&an Garn, Suin Ernte; gSui gar; f&at Fahrt, b&at Bai*t, Skat 
Scharte, äat Art, k&at Karte, tsSuU, sSuU zart, miat Marder; ^ilan 
Garten, vian pffegen (warten), v&aisfrö Wärterin; mäaScdk Marschalk, 
v&aSön warneu; &as Podex, bSuis Barsch (ein Fisch). — Dazu vSuit 
Warze und v&at Enterich. 

Anm. Es ist häufig schwer zu entscheiden, ob offene oder geschlossene 
Silbe zu Grande liegt. 

§ 15. e. 

1. e = e (got. i) in geschlossener Silbe. 

vex Weg; rex recht, slex schlecht, knex Knecht, fcxq fechten; 
fd Fell, feit Feld, gelt Geld, gelln gelten. Min schelten, melln melden ; 
teil Zelt; helpni helfen; gestan gestern, stvcsta Schwester, ges Hefe 
(mhd. jesen, gesen = gären), besn Besen (mnd. bessem, mhd. besme), 
vesln wechseln, vesl Wiesel; ern ihm,- Jewp Senf; fö&rekg erschrecken 
(in diesem Woi-te sind transitive und intransitive Formen zusammen- 
gefallen; es wird auch in der transitiven Bedeutung stark flektiert), 
treki) ziehen. 

2. e = e (got. ä) in geschlossener Silbe. 

hem haben, kemm kämmen, Icma Lämmer, fremtj fretnp fremd, 
hentj) 1. Hanf, 2. Hemd; Jei^ sagen, leg legen; strei^q strenge, Znjr) 
verlangen, sich sehnen, der^hj denken; blei^kan blinken, er^kl Knöchel 
am Fuss; bet Bett, Jetn setzen, pflanzen, netl Nessel, net Netz; gti 
Schale, telln zählen, stelln stellen, kdlba Kälber, helftd Hälfte, rf//'Elbe; 
brenn brennen, kenn kennen, renn 1. wenden, 2. gewöhnen, enn Ende 
mena Männer, lena Länder, fenarl Fähnrich; eks Axt, deki^ decken, 
bedecken, JVft Säcke, rekg recken, strekij strecken, ekan Eicheln (auch 
die Frucht der Buche; mnd. ackeren); ges Gäste, best» beste; mextl 
mächtig; kreßl kräftig, jef Säfte, ^ef sing. Schaft (eines Stiefels). 

3. c = urspr. langem ä in JödenJ (Ton auf der L Silbe!) sothan, 
so beschaffen (mnd. sodän, sodanich, sodannich), umdenl (Ton auf der 



92 

2. Silbe !) wie beschaffen, wie, auf welche Weise ; jentatl jämmerlich ; 
du lets, Ae let du lassest, er lässt. — bodextl bedächtig, gddexnis 
Gedächtnis sind vielleicht hochdeutsch. 

4. 6 = ci in geschlossener Silbe in einigen Wörtern: enJtU^ entsU 
einzeln, rcnll reinlich, rein. 

§ 16. 6. 
Da das er in geschlossener Silbe zu ar (jetzt ä) geworden ist, 
so ist 6 bei uns sehr selten. Es kommt 1. in Fremdwörtern (dazu 
rechne ich auch die aus dem Hd. entlehnten), 2. in Wörtern mit 
sekundärem r (aus d, dd) vor. 

1. fks Vers, p^tl fertig, vUa Wärter u. a. Vielleicht gehört hierher 
auch fcfiZ, klk(d)l Kerl, statt dessen man etwa hool erwarten sollte, wie 
es auf dem Lande auch wirklich heisst, man vergleiche auch den Eigen- 
namen Kecrl; M Herr wurde fiüher auch in unserer Gegend nur mit 
einem r geschrieben, also wahrscheinlich A9.1 gesprochen. 

2. ßda Feder, /ferfa 1. Leder, 2. die Leiter, Zßrfl ledig, leer, v6da 
1. Wetter, 2. wieder, nhi unten (mnd. nedden = hd. nieden, z. B. 
in hienieden), m&n mitten, in der Mitte, wiöAiä Tante (mnd. medder, 
in der Stadt kaum gebräuchlich; das angehängte § bezeichnet das 
Wort noch besonders als Femininum). — In all diesen Wörtern ist 
das d kein Verschluss-, sondern ein Reibelaut. 

1. ^ = i oder e (got. i) in offener Silbe. 

grmm% gegriffen, Tcn^pm gekniffen, Tcn^ Kniffe, dumme Streiche; 
Är^-'/zg bekommen, gekriegt, ti^.'^g neun ; k(}h^ geguckt (Part, Perf. 
Pass. von i'rt'g), l^ha sicher; Vl^:hn geblieben, h^ihan beben; fr^:t 
Friede, gl(}:dn geglitten, b^:dn bitten, swi}:, sm(}:t Schmiede, lif:vSda 
Gelenkwasser (Gliedwasser), sn^:t die Schnitte (mnd. snede), &r^:t 
Schritte; r^t Riss, spl^ Riss (eig. Spliss, von sptitn spalten), b^tn 
gebissen, fösl^tn verschlissen, m^t Nisse, v^tn wissen; sp^n spielen, 
1\l viel, l^ln Siele (Pferdegeschirr), st^l Stiel, §9? Scheide, Grenze 
{dat S9K es ist ein Unterschied). V(^:x W^ege, J^:^ Segen, l^:gi^ 
gelegen (Part. Perf. Pass. von Ztgr) liegen); S^p Schiffe, swy^ Peitsche, 
sl(^pm schleppen; r^i Woche, br^h^ brechen, st^ii^ stechen, stecken, 
p^Un pökeln; h^:bm Himmel, g^:bn% geben, gegeben, 9:6m eben; 
b(f:dn gebeten; m^tn messen, ^tn essen, gegessen, l^tn gesessen; b^ka 
Becher, st^n stehlen, g^l gelb; /9;J« lesen, v^:n = v^:Jn sein, gewesen; 
V^.'tnfn nehmen, $tr^:ml Streifen; Jcn^*/ Krebs (als Krankheit). 

Vor r: fr ihr (Dat. sg. fem.) b^ Binie, snii^an schmieren, h^a 
her, Sf.i« scheren, entb^an entbehren (vielleicht hd.). 

2. 9 = Umlaut von urspr. kurzem a in offener Silbe. 

b^ta besser, If^fl Kessel, m^tn Mädchen; l^: legte, J^: sagte, st^: 
Stätte, st^ta Städte (pl. v. stat); di^k Decke, b^k Bach; l^pl Löffel, 
^^pl Scheffel; ^.JZ Esel, n^:s Nase; h^:n Henne, t^:n Zahn, Zähne; 
m-'gl Nagel (am Finger oder Fuss); h^:f Habicht. 

Vor r: b^ Beere, m^n nähren, fötf^an verzehren, p^ Pferd, 
f^a Fähre, aß^n abtrennen (durch eine dünne Wand). 



n 

§ 18. 6. 

1. e = got. ai, 

en ein, fcSn Bein, sten Stein; Jei 1. Seele, 2. Bügel am Eimer 
feig. Seil), del Teil, ÄeZ heil, ganz; sne Schnee, re Reh, twe zwei 
(hierüber vgl. Ndd. Jahrbuch XVI, S. 95), re weh; let leid, bret breit; 
§e.-dn scheiden, Se;< Scheide (des Säbels), spr^:d^k Spreitdecke, Bett- 
spreite, ^elvlita Salpetersäure, Scheidewasser; blök bleich, vek weich, 
spBk Speiche, teJci^ Zeichen; dex Teig, stQ.'x stieg (Prät. von stl:gi} 
steigen), ^:gi} eigen; ^eä Fleisch, Äe§ heiser; J^ Seife, rep Tau; 
henäl heimlich, le:m Leim; im:nn meinen, 7e:wn leihen. — Vor r: 
6a Ehre, mSa mehr, jöa sehr, ejs erst, cfo e.i5fa der Erste, fein lehren, 
lernen, hean wenden, kehren. 

2. e = got. tu. 

getn giessen, fl6tn fiiessen, Se^n schiessen, födretn verdriessen; 
let Lied, bS:dn bieten, ne:dn nieten; Uf lieb, c?e/'Dieb, 5<e/Ä:t«^ Stief- 
kind, ief schief; r6:in Riemen; fle:x Fliege; dep tief; de:nn dienen; 
Je sie; te:n ziehen, fe Vieh; ob ne-, f?e^ neu hierher gehört, ist zweifel- 
haft, da es in andern holsteinischen und allen schleswigschen Mund- 
arten nl heisst (vgl. unten Nr. 7) ; über dre drei s. Ndd. Jahrbuch XVI, 
S. 95. — fe.% vier, deat Tier, Untier, dean Dinie, bea Bier. 

3. e = e (ahd. ia) in Fremdwörtern : spe:gl Spiegel, te.gl Ziegel, 
br^f Brief, presta Priester; fB:ba Fieber. 

4. e = ursprüngl. langem e (im Prät. der reduplizierenden Verben) : 
löt Hess, Äe^ hiess; slep schlief, Zep lief, rep rief. — Dazu me:dn mieten. 

5. e = Umlaut von urspr. langem ä. 

b9ktce:m bequem, $)e:x nahe, (n6:ga näher), ke:s Käse, gr6:f 
Greve (vgl. auch Deichgreve), be.w sich (ver)stellen (eig. sich gebärden), 
le:x schwach (eig. niedrig; auch von schlechtem Aussehen, namentlich 
des Gesichts), //e:dl schwach (eig. zierlich). — ^e-Ygab, et ass; ne:m 
nahm, ie;m kam; ve.% war usw. Im Plur. des Prät. dieser Verben 
steht schon im Mnd. e neben ä (vgl. Ndd. Jahrb. XVI, S. 94 ; Lübben, 
Mnd. Gramm. § 53. 

6. e vor r = e. 

gean gern, dwea 1. quer, 2. Handmühle (got. qaimus), m Erde, 
eans Ernst, stQan Stern, fean fern, steat Schwanz (Sterz), hdat Herd, 
stcaat Schwert, veat 1, wert (Adj. und Subst.), 2. Wirt, ttv^an Zwirn. 
— Warum in diesen Wörtern ein anderer Vokal steht als in den 
§ 17,1 am Ende aufgeführten, veimag ich nicht zu sagen. 

7. e = urspr. langem T am Ende des Wortes oder Stammes. 

/re frei, We Kleie (des Korns), de Subst. das Gedeihen, We Blei ; 
/re:« freien, r^:n reihen (vorläufig nähen), Je:n seihen, snB:n schneien, 
/Ir äfktisten schwere Arbeit verrichten (eig. sich abkasteien) ; bjdrügare 
Betrügerei, Betrug, te.'glle Ziegelei. 

8. e am Ende einsilbiger Wörter: Äe er, de der. 

9. e vor urspr. h (hwV): je:n sehen, gj^e.'fi geschehen; diese 
Wörter weichen auch in der Konjugation des Präs. von den übrigen 
zu derselben Klasse gehörigen Verben ab. /c Vieh s. unter Nr. 2. 



10. e in hd. (?) Wörtern: dej^n\g9 (Hauptton auf der ersten, 
Neben ton auf der zweiten Silbe!) derjenige, ge:ffi^ gegen (die nur auf 
dem Lande vorkommende Form ^e;^g liat denselben Laut). 

§ 19. i. 

1. i = urspr. kurzem t in gesehlossener Silbe. 

vil will (and. willeo, wili), stil still, spil Spiel, spiün verscbiitten. 
^iU Schild, milt l. mild, 2. Milz, JUlba Silber, ilk Iltis; timpm Zipfel, 
imm Imme, Biene, stimm Stimme, nimt nimmt; tinn Zinn, Uivt blind, 
bhm 1. binden (2. drinnen), finn linden, fivtn Finten, Ausflüchte, klij)i) 
klingen, rffrjg handeln, abdingen, dii}stax Dienstag, fiqa Finger, krhß 
Bretzel, rfirjfc Ding; /iijr) liegen; §/p Schiff, rip Rippe, krip Krippe: 
mit mit, smit Schmied, lit Glied; du dies, it isst, föffit vergisst, Ma 
bitter, splita Splitter; likq lecken, snik Schnecke (mnd. snigge), sfprikt 
spricht, ik ich, dik dick; Ji/ii sitzen, bitn bitten; g^fjix Gesicht, dix 
dicht, nahe; (fif Gift, (ntgifm Abgaben, Steuern), gift giebt; rf/S Tisch, 
twi^n zwischen; mis 1. Mist, 2. nass (in dem tautologischen Kompositum 
mis}iat mit dem Hauptton auf der ersten Silbe), kis Kiste, garis gewiss. 

2. t = urspr. langem t in der 2. und 3. Sg. Präs. der Verba der 
«-Klasse : Wi/is, blift bleibst, bleibt, drifs, drift treibst, treibt ; rü reitet, 
snit schneidet; krixt kriegt, erhält, stixi steigt; gript greift, knipt kneift; 
bit beisst, rit reisst usw. — Dazu lix leicht, fÖlix vielleicht. — In 
allen Fällen ist urspr. Doppelkonsonanz vorhanden, wahrscheinlich 
auch in vit weiss. 

3. i = urspr. kurzem e in geschlossener Silbe, namentlich vor « 
und Ä-. (In diesen Fällen kommt schon im Mnd. teilweise i neben e vor.) 

♦wiwä Mensch, finsta Fenster, hii}S Hengst, rnjÄ*r| winken, äiijW 
Henckel; blik Blech (mnd. .bleck, blick), fdik Gartenbeet (mnd. blek. 
blik), lika der Lecker, Laffe, pik Pech, prikln prickeln (mnd. prekelen, 
daneben : pricken ; Subst. prekelinge, daneben : prickelingc, Korrespon- 
denzblatt XIII 37), kiklrem (Ton auf der 1. Silbe) Zungenband, sfik^ 
Zündholz, Stricknadel; kitin kitzeln; tillgij Zweig. 

4. i ist entstanden aus langem e (=: got. al, in) und meistens 
schon im Mnd. vorhanden. 

hit heiss (Mt wird auch noch gebraucht, aber seltener), ins 
einmal (in der Stadt wenig gebräuchlich), (tvinll zwanzig (as. twentig), 
hill heilig (mnd. hillich, in der Stadt wenig gebräuchlich; (da hill'ji^ 
Allerheiligen in der alten Bauernregel ida hillgi} jit dj vivta opm ^?7/f/ij). 
hinakf hiuts^ Äi«S Heinrich, Heinz; lieh das Licht (mnd. lecht. licht, 
as. Höht). 

§ 20. T. 
1. T =: urspr. langem t. 

vT/* Weib, Zl/* Leib, Ivf Leibe (Dat. Sg. von ttß; rt:m Leim, 
dl:mm Diemen, Heudiemen, vl:m Wiem, Hühnerwicm, hisu'J:mm in 
Ohmnacht fallen; pJl pfeilgerade, wiT/ Meile; ;)T;n Pein, Schmerz, rl.-w 
Wein, Jl;» sein (esse, suus), äl.wi Schein, fl:n schwächlich (fein); i1: 
Ebbe oder Flut (Tide), föstr\:n^ f<jstr\:dn rittlings (nach der Männer 
Weise), r\:di\ reiten; r\in reissen, smltn schmeissen, kwV kwitt. ftV 



Pleiss, ^t 1. seicht, 2. die Seite, 3. seit; dlk 1. Deich, 2. Teich, tth 
j^erade, ghk gleich, spiLi Speiclier; plp Pfeife, shpm 1. schleifen, 
2. schlüpfen, grlpm greifen; drls dreist, dlsl Deichsel, föhlstan irre 
machen, verwirren, TctlHta Kleister, r\s Reis, T.9 Eis; kr\:x Krieg, fl:x 
Foij^e (ficiis), h\x Beichte; via Metalldraht, fla Feier, sp\.i etwa Härchen, 
m\ar^m Ameise (tautologisches Kompositum), 1i\a hier; -Zir, ä/v/j/Tx, 
sreWl schrecklich, glykll glücklich; danach auch die Wörter auf -«//, 
z. B. mcxtl mächtig, sehr, ÄMijarT hungrig; fofl\ fünfzig. (Vgl. Ndd. 
Jahrbuch XVI, S. 1)8. 99.) Nach Analogie lA hellfj^ d^:x bei hell- 
lichtem Tage. 

Anm. 1. In den Verben auf (mlid.) -ieren wechselt I nnd e; in der 
Stadt, znmal bei der jüngeren Generation, scheint dnrch Einflnss des Hd. i das 
^wohnliche zu sein: i^ogian regieren, hantlan hantieren, halhun barbieren usw. 

Ann). 2. Durch Ersatzdehunng ist i schon im Altsächsischen entstanden 
in dem Worte ß:f fünf (got. fimf). 

2. I = ursprüngl. kurzem i am Ende der WtJrter. 
fcl bei; t;T wir, j\ ihr, wl mir, mich, rfl dir dich; n\ nicht, 
(dagegen wl; nie, mnd. ni). 

§ 21. (h 

1. = ursprüngl. kurzem o in geschlossener Silbe. 

holi Holz, hölln hfilzern, holin Bolzen, hol hohl, fiitholln aushöhlen, 
folk Volk, fdlgi} folgen, oVmJ morsch, holpm geholfen; got Gott, hat 
Angebot; slot Schloss (an der Thür); fos Fuchs, os Ochs; kok Koch, 
stok Stock, rok Rock, troki^ gezogen, fö^rokq erschrocken, erschreckt; 
daxla Tochter, tox Zug, ox ach; hof Hof, grof grob, lof Lob, fttof 
Staub; fros Frost, bosn Busen (mnd. bösem, bosme, bossen, as. bosom); 
AowT Honig (mnd. honnich); krop Kropf, Aop Kopf, dop kleines Kind, 
top Spitze; dona Donner (mnd. doner, donner, donder), jonia Sommer 
(auf dem Lande sagt man j'ima ; mnd. sommer, somer, samer). Danach 
vielleicht homa Hammer, korna Kammer, stoman stottern (stammeln; 
nnid. stameren), onia Eimer, vielleicht ist aber das o nachträglich aus 
ä verkürzt, wie man denn in Hamburg hkma, kkma spricht. 

2. = ör vor Fortis: jotl Vorteil, otl L^rteil, kot kurz; o)d\ 
ordentlich; hos Horst (Ortsname), hosn geborsten, hos Brust, ^ost^n 
Schornstein; mulvop Maulwurf. 

3. = a vor It (1k): JoU Salz, smoU Schmalz, moU Malz; hols 
hältst, holt hält, hol hielt; swolk Schwalbe (Deminutivum). — Ausserdem 
rot Ratte (schon mnd. rotte neben rat). 

4. = fi in Itrox brachte (vgl. Ndd. Jahrbuch XVI, S. 92,9ß : dazu 
die Bemerkung auf S. 93), i?o nach. 

.5. = ö in kofs, koftf kof kaufst, kauft, gekauft, kaufte; Jar.<f, 
Jö.r/, Joz suchst, sucht, gesucht, suchte; lot Iliiss; jedenfalls auch in 
fofty fünfte, foftnin fünfzehn, foflT fünfzig (fof fünf findet sich in andern 
Mundarten). Ueber hosn siehe oben Nr. 1. 

6. =: ursprüngl. kurzem u in den Präteritis holpm halfen, froki^ 
zogen, fo&roki} erschraken, erschreckten. — Dazu op auf. 



M 

§ 22. 8. 

1. = ursprüngl. or (ur): jox Sorge, stox Storcli, ßx Purcht, 
hox Burg ; ßk Forke, bok Rinde, snoky schnarchen ; b&gi) borgen, fnogt) 
Morgen; gö/* Schorf; 8Ö5 Georg, bos Bursch, Lehrling; vom Wurm: toi 
Streich, Schelmenstück (frz. tort); von geworden, stofßin gestorben, 
föclobm verdorben. — Dazu ion Boden (sekundäres r aus d; dann 
und wann hört man auch noch bom). 

2. ö ^ ursprüngl. ar: kSl^ l^(d)l Karl, ^ohT gar nicht, örfl sehr 
(eig. artig), kht Karte, onJidt Arnold. — Wahrscheinlich ist in all 
diesen Wörtern zunächst Dehnung des a zu ä eingetreten, welches 
dann wieder zu ö verkürzt wurde, wie denn die Formen ghxi gar, kSu^U 
Karte, kMl Karl noch bei uns vorkommen (vgl. § 14,6). 

S 23. ö, 

1. ö = Umlaut von o. 

OL) blök Blöcke, siöka Stöcke, rök Röcke; döxtan Töcht<*r; fös 
Füchse, kös Festlichkeit, Hochzeit, köstl köstlich, kösta Küster; kop 
Köpfe, dop kleine Kinder, oß.-hakröp^ affektiert in der Sprache; holta 
Hölzer, mÖla Müller; Mtl Schüssel; t*T jölt wir sollen, Jolln sollen, 
rölhi wollen, döxt taugt, v\ könt wir können. 

ß) kötns kürzlich, köta kürzer, kös Rinde, Kinste, ßdän weiter 
bis zu Ende (mnd, fordan), dö^n dreschen, dö^ Dorsch, fö- vor, ver-. 

Y) öl^ 1. das Alter, 2. älter, öl^vi 1. altern, 2. Eltern. 

h) alöpt schläft {dröpt trifft). 

e) bdmöt begegnet, höt heizt, röpt mft, ^öxt sucht; stöi stösst. 
Jöpt läuft, döft tauft, getauft; grötn grösser, (jrötsU grössto, grötj Grösse. 

^) öpO'Std oberste, der Vorgesetzte. 

2. = älterem e (schon im Mnd. teilweise o, geschrieben o), 

OL) vor l: cilltm elf, twöllf zwölf, jöUlmi^ Jölps selbst; smoltn 
schmelzen, vÖltan wälzen; Jörti) schreien; hölp Hülfe; liölln bellen, hol 
Hölle, Aö/Ts tüchtig, sehr. — Nach l: löän löschen. 

fi) in andern Fällen: Jos sechs; frömt, frömp fremd; sicömm 
schwimmen; rönn rennen; löt bis. — vrötitp Wermut (mnd. wermode, 
wormodc, wormede); fötl Viertel (mnd. verdd), 

S 24. 0. 
\. =z Umlaut von or {ur): Ijoga Bürger; dop Dorf; (o/* Torf, kof 
Körbe, dghm dürfen, vi doft wir dürfen (danach : ik dgf ich darf) ; dos 
Durst, fgs Fürst, Im 1. Borste, 2. Bürste; fgdan fordern; stgtn stürzen, 
dgtain dreizehn, dgtl dreissig (mnd. dortich); hgtm tränken, Itgn die 
Tränke; dgx durch. 

2. g = ir in hd. Wörtern: Sgm Schirm, kgx Kirche, A^§ Kirsche, 
Äp§ Hirsch, vgt^af Wirtschaft usw. 

3. In einzelnen Beispielen: mggi^ mögen, «I mgxt wir mögen; fngn 
müssen, ?'T mgt wir müssen. Man sollte nn/':gy, mnin erwarten. 



^1 

§ 25. ö. 

1. Ö ■= got. as. 0, mhd. uo. 

stöl Stuhl, pöl Pfütze (Pfuhl), spül Spule, So/ Schule; Äö^ Hut, 
wöt Mut, flöt Flut, göt gut, Wö< Blut; wöc/^i Mutter, brüda Bruder, 
/ijnyin sputen, röa Ruder; bök Buch, dök Tuch, klök klug; fcö:/* Bove 
(Eigenname), spitshöf Spitzbube, ÄöTfn Hufeisen; gonox genug, fo:x 
Fuge, slö:x schlug (dazu frö:x fragte); hösn Husten; Wo/m Blume; 
dö:n thun; mO^ Moor; ä;ö Kuh, tö zu. 

2. = got. aw, mhd. om, 6. 

bo:m Baum, p5:m Saum, stö:m Staub, drö:fn Traum, rö:m Rahm, 
Sahne; köpm kaufen, löpm laufen, knöp Knopf (Knauf), tuhöpm zu- 
sammen (zuhauf); glö:bm glauben, rö:bm rauben; stro Stroh, flö der 
Floh; brQt Brot, döt 1. tot, 2. der Tod, röt rot; gröt gross, göi goss, 
l)ö:t bot (Prät. von be-dn bieten), äö^ schoss (Prät. von üetn schiessen); 
rök Rauch, ök auch; ö:x Auge, flö:x flog, höx hoch; Zö;n Lohn, 
§ö:wii schonen, tömbaqk Ladentisch (hoUänd.?); lös los, ö^n Osten, 
ösfdn Ostern; löf Laub; wm Mohr, ö.'* Ohr, röa Rohr, Jöä trocken; 
/*rö Frau (mnd. vrouwe), dröin drohen (mnd. drouwen). 

3. ö = ä in den Prät. stöln stahlen, vöigiQ wogen, brökq brachen, 
sprök^ sprachen. 

4. ö = urspr. kurzem o (u) vor r: 

d^ das Thor, spö(i Spur, oci^kk Ursache; dmn Dorn, köan Korn, 
/öi« Turm, höiin 1. Hörn, 2. hörnern, gjböan geboren; vö^n Norden; 
mödt Mord, vö(it Wort, (>2i Ort, Ahle, hö:it Brett (Bord), föats sofort, 
jnkU Pforte. 

5. = a vor Id: ölt alt, äöZ/ kalt, foln Falten, höln halten. 
G. ö = an vor s: gös Gans, östxiU Oswald. 

7. ö = ursprüngl. langem ü am Ende eines Wortes oder Stammes. 
trö treu, tröiu trauen, bö:n bauen, bröiu brauen, vSui&ön warnen, 
§ü scheu, gröin grauen. Wo:» Knäuel. Die meisten dieser Wörter 
haben schon im Mnd. neben -uw auch -ow. 

8. Am Ende einsilbiger Wörter: Jö so, dö dann, da, vö wo 
(vielleicht hd. ; anderswo sagt man vä^i wo? wie dSu^ dort), ^ö: ja (als 
Verstärkung, namentlich einer Negation). 

§ 26. Ö. 

1. 8 = Umlaut von got. 6 (mhd. üe), 

stdl Stühle; hb\t Hüte, gdmU Gemüt, Wö:rfl blutig; A:ö Kühe; 
//iÖ:(7a Brüder; iöfci Bücher, dbka^ rfÖÄ; Tücher; /ö^«Ö:a?^ vergnügt; A:ö:/T 
kühl; JÖÄ;r) suchen, töA: Buche, b&tn heizen, ind mbt entgegen; m^'.t 
müde, ß\da> Fuder, misfn&:dl missmutig, öZ/mÖ:rfl sanft, sachte; b\ba 
Ufer, grb:f Grube, badrb'.ft betrübt; m&x Mühe; Wö:m blühen, gr&in 
grün; fd^n fuhren. 

2. 5- = Umlaut von got. au (mhd. öm, ö?). 

b^im Bäume, ß:mm säumen, drö.m Träume, afröim den Rahm 
abnehmen; k&pa Käufer, löpa Läufer, knlSp Knöpfe; glb:bm glauben; 
//Ö Flöhe; irö:^ Brote; r^kan räuchern, öW»?äw Beiname (meistens = 
Schimpfname); hMd Höhe; c?a:r/ö«Ä Tagelöhner, äö:w schön; /Ö:Jw lösen, 

Nitderdeatoohas Jahrbuch XVUI. 7 



98 

bstl östlich; stbtn stossen; döpm taufen, röp die Raufe, afstripm ab- 
streifen; /oiö/' Erlaubnis, Verlaub; dr&:x trocken, 6Ö:^ biegen, beugen; 
smbkg schmauchen, rauchen; Jd6:bm spalten, stbibm stäuben, stöibl 
staubig. — Vielleicht gehört hierher auch 16: f Löwe (= mnd. lauwe), 
wenn es nicht aus dem Hd. entlehnt ist. 

3. ö = ursprüngl. kurzem o (u) vor r. 

vÖÄ, xfioda Wörter, bMci Oerter, iö^rfl gebürtig, Viada Bretter; 
pS^dna Pförtner; spÖAW spüren; Aö^n Homer, föt&cin erzürnen; b&as 
Börse (als Versammlungsort). 

4. ö = an: g6:s Gänse; vielleicht auch in dat sinb:t es schmeidigt. 

§ 27. w. 

1. M = ursprüngl. kurzem u in geschlossener Silbe. 

um um, dum dumm, brumm brummen, kumm Kumme (irdene oder 
porzellanene Schüssel), pump Pumpe, stump stumpf (nicht scharf), 
mumln murmeln, Jumpeta (Ton auf dem e!) Sankt Peter = 22. Februar; 
munt Mund, vunt wund, hunt Hund, Junn Sonne, tunn Tonne; Juj^k 
jung, struT}k Strunk, tui^i} Zunge; gadult Geduld, iula Schulter, bulan 
donnern (mnd. bulderen); but stumpf (nicht spitz), nut Nuss (mnd. 
nut neben not), put Topf (mnd. put neben pot), mut Schlamm (mnd. 
mudde); stupm Baumstumpf (mnd. stubbe); vulf Wolf, vul Wolle, 
vulln wollen (aus Wolle), mtd Staub, ful voll; uns uns, kuns Kunst; 
lus Lust; luf Luft. 

2. ti = urspr. kurzem o in geschlossener Silbe : pul Schopf, Haar- 
büschel (mnd. pol), svuta Nasenschleim (mnd. snotte), vul wohl; Jul 
sollte, mux mochte, kun konnte, vul wollte; fupm foppen, vus Wurst, 
vutl Wurzel (mnd. wortele). — In Fremdwörtern: Juldijt Soldat, vux 
Woche, sluspiats Schlossplatz. 

3. u verkürzt aus ursprüngl. langem ü oder 6 (teilweise schon im 
Mnd.): krupt kriecht, Jupt säuft, snuft schnaubt, iuft schiebt, slut 
schliesst, juxt saugt; mut muss, mus musste, vus wuchs, vu& wusch 
(danach vusn gewachsen, vusn gewaschen), nux^ gdnux genug, vu wie, 
gundäx guten Tag, juxi^ Joachim, Jochen. 

4. ti im Prät. und Part. Perf. Pass. einiger urspr. reduplizierender 
Verben: ful, fulln fiel, gefallen, /wg, /wgg fing, gefangen, Ai*g, Awijg 
hing, geliangen (auch hängte, gehängt), guij ging. — Die Formen mit 
u im Prät. finden sich schon im Mnd. 

5. tt r= ursprüngl. kurzem a: fun von (vielleicht unter Einfluss 
des Hd. ; auf dem Lande sagt man allgemein fan). Die (in der Stadt 
selten vorkommende) Endung -äwp -schaft, z. B. Je/Sifp Gesellschaft, 
zeigt schon im Mnd. o (as. -scap, -skepi). 

6. u nachträglich verkürzt aus ä: unt, untj Ente, muqk Mahncke, 
jtikop Jakob, vümädax Nachmittag, brumlb^an Brombeeren (schon mnd, 
brummelbere). 

Aum. lieber das überkurze ü vergl. § 2,5. 

§ 28. y. 
1. y = Umlaut von kurzem u in geschlossener Silbe. 
dyma dümmer, jyi^ jünger, stryi}k Strünke, pyt Töpfe, vyüf Wölfe, 



hffis Künste, mit lysn verlangend (eig. mit Lüsten, mit Verlangen), 
lyfm lüften (ein Zimmer). — btß Büsche; byk Böcke, plyk Pflöcke, 
plyki} pflücken, dryki} drücken, myk Mücke, fn/ks Beinkleid ; bryx Brücke, 
ryx der Rücken, oplyxn (Ton auf der 1 . Silbe) aufheben, lichten (mnd. 
luchten), dyastJ tüchtig; bys Büchse, vys Würste, kysn 1. küssen, 
2. Kissen, nystan nüstern; kyman kümmern, hympl Haufe (mnd. humpel); 
fynn Sünde, dyn dünn, gynn gönnen, kynl kundig, bekannt, änSynn 
anstiften, verleiten ; slyi}! Schlingel ; tyfl Pantoffel, Stoffel, dyfa Täuber 
(mnd. duffer); drypi Tropfen, knypl Knüppel, Knittel, sfiypln straucheln 
(mnd. snubbelen), kryp Krippe (selten, gewöhnlich krip) ; gryt Grütze, pyi 
Pfütze, lyt klein, spryt Spritze ; kyl Kälte (mnd. kulde, kuldene neben kolde). 

2. y verkürzt aus langem ü (got. iu): gyt giesst, flyt fliesst, byt 
bietet, flyoti fliegt, fryst friert, fölyst verliert usw., frynt Freund. 
Hierher gehört vielleicht auch drytd dritte. 

3. y nachträglich verkürzt aus (b: hyi^ki) Hahn am Fass (eig. 
Hähnchen), fymtain, fymil siebzehn, siebzig. 

4. y z= e oder i: gystan gestern, op gynt s\t jenseits (auf jener 
Seite; he het do byks op gynt Sit st^:hln er hat die Hosen in die 
Stiefel gesteckt) ; krympm krimpen, krempen ; dazu Jysta Schwester (selten). 

5. 2/ = eo, io: yma immer (mnd. ummer), nyms niemand (mnd. 
numment). 

G. y =. Umlaut von ü oder 6: tymln taumeln (schon im Mnd. 
tummelen neben tumelen), %/? Schaufel (mnd. schuffeie neben schüfele), 
Ji//m seufzen (ahd. süfteon, süfton); rys Rost (eisernes Gitterwerk, 
mnd. röste.) 

§ 29. ce. 

1. ö? ist Umlaut von ursprüngl. kurzem u in offener Silbe. 

Ja?:« Sohn, h(ß:n der oberste Boden im Hause (eig. Bühne), 
driBifin dröhnen; a:W übel, ceiba über; mod Mühle, poel Pfiihl; koeim 
Kümmel (cuminum); kroepl Krüppel; vost Nüsse, slostl Schlüssel, koetl 
Kot; ta?:pT) die Lügen, Jlr h(»:gi} sich freuen, hop.x Freude, dcß:gj^ 
taugen, mop:gi^ mögen, ündcß:x schlechte Streiche (eig. Untugenden), 
Jtf.-x Sau, fcpigl Zügel, tce:gln zögern; &/ö?ä: Schlund, ;VE^r) jucken, boßhin 
klopfen; snoß:bni Schnupfen; rfccjl dumm (wird auch gebraucht von 
allem, was man nicht genauer definieren kann), doß:skop Dummkopf. 
— f(E.i vor, vorne (as. furi, mit fora vermischt), fceash vorderste, 
d(ra 1. Thür, 2. durch, nura mürbe, heran aufheben, baut Bahre, st(r:i 
Stör (1. Sturia, ein Fluss, 2. Sturio, ein Fisch). 

2. cß ist Umlaut von ursprüngl. kurzem o in offener Silbe. 

h(r:f Höfe, groß: bei gröber (Comp, zu grof), hm: hast j oberste, 
l(B:1/m loben, J(B:bm sieben (mnd. soven neben seven); Aroj^wa Käthner, 
Kossäte, goßt Ausguss, skB:t Schlösser (an der Thür); krcet kleiner Kerl 
(eig. Kröte), kroßtl zornig, leicht zum Zorn geneigt; (cß:x (Plur. von 
iox) dumme Streiche, foß:x Vögte, ti'or:x Tröge (Plur. von trox); roo:gi^ 
Rogen (Fischeier) ; (»pm öffnen ; kncßkan knöchern, kmk Küche, korM Köchin. 

Anm. Bei manchen Wörtern ist es zweifelhaft, ob der Vokal rr auf altes 
u oder o zurückgeht, 1. weil man nicht überall die altsächsischen Fonnen hat 

7* 



100 

tind 2. weil schon im As., vielmehr noch aher im Mnd. der Vokal vieler Wörter 
schwankt. (Dies gilt auch von andern Vokalen.) Es scheint, dass wir in 
onomatopöischen Wörtern den Vokal (b hevorzugen, z. B. rcetan rasseln, klcet^m 
klappern, sncetan schnattern, pkeUin plappern; grcßln schreien. — In iürm:bl 
Frevel, toroßsblll frevelhaft (mnd. wrevel, vrevel) scheint die Nachbarschaft des 
w den Stammvokal beeinflasst zu haben; ob auch in Jm.'brn (sieben) das u der 
letzten Silbe (got. sibnn) auf den Stammvokal eingewirkt habe, erscheint mir 
zweifelhaft. — Ganz zweifelhaft ist die Etymologie von gor.i kleines Kind, br(r.:Sl 
knrze Pfeife, stoatbrcß:Jlli von schmutziger Gesichtsfarbe. 

3. 0? ist Umlaut von ursprüngl. langem d (sehr selten). 

oß:s, oßsta Plur. von &s Aas (als Schimpfwort), pcßl Pfähle, n(r:t 
Nähte (Plur. von nSit Naht). 

4. oß ist Umlaut von ursprüngl. kurzem a. 

r(B:t Räder, hkjr:t Blätter, foß:t Fässer; gl(ß:s Gläser, glcp§ß Glaser; 
srt^/.'ft schal; vielleicht auch in klccUirl schlecht (vgl. klatcirl). 

§ 30. Q. 

1. ü = ursprüngl. langem ü. 

sWciQ sclilucken, ftrüfaj brauchen, gebrauchen, krnk Kruke, Krug, 
luk Fensterladen, Deckel über einer Keller- oder Bodenöffnung, rfüA*ij 
tauchen ; kr^pm kriechen, ^Vipm saufen, hvLpm Haufe, glvLpm mit grossen 
Augen von unten auf oder von der Seite sehen, glüptox ein 'Zug', den 
man unbemerkt thut; snuihm schnauben, ^rnibni schrauben, §ü://m 
schieben; f(il fiiul, schmutzig, büln Masc. Beule (Sg.), swvLl schwül, 
hüln heulen, Hl Eule (auch Handfeger), mü/ Maul, üüln verstohlen 
blicken, schielen, ^nllopm die Schule schwänzen (eig. wohl "sich ver- 
stecken"; das Wort §ü:rt geschützt vor dem Winde, welches in andern 
Gegenden Holsteins und in Schleswig vorkommt, ist bei uns nicht 
gebräuchlich), knl Grube, Grab; h\xs Haus, mns Maus, Ju :Jn sausen, 
rfü:Jw^ tausend, ktms Auswuchs, Knorr, füs Faust, püsn pusten, blasen, 
prüsn niesen; du:/* Taube, t\X:n Zaun, dü:n 1. trunken, 2. Dune (Daune), 
hr\l:n braun; dn:m Daumen, rüim Raum, Schiffsraum, kn:m kaum; 
ü^ aus, öntn draussen, ärüfav schaudern, klnt Erdscholle, stntn Semmel, 
Weissbrot, äüt eine Art Schiff (Treckschuit) ; l^t laut, brvit Braut, hnt 
Haut, krüt Kraut; /ü^rij juch schreien (jauchzen), rü^ rauh; iü^ Bauer, 
mm Mauer, dnan dauern (1. Mitleid erregen, 2. währen), jü^ sauer, 
§ü*^ 1. Schauer (Regenschauer), 2. überdachter Raum (Scheuer), l\un 
lauern, warten, nütüa^ Natur, kn^ Kur, pm pur, rein, tn^i Tour. — 
trnf Trumpf, stuf stumpf. 

2. ü am Ende einsilbiger Wörter: e/ü du, wü nun, jetzt; jn euch. 

§•31. y. 

1. y = altem langem ü (entstanden aus im). 

dyibl Teufel, rfy/§ deutsch, ly:t Leute, liyt heute, nyttl niedlich, tyr 
Zeug, §y:w Scheune, dystd düster, dunkel, dya teuer, s^y^i Steuer, /y^i Feuer. 

2. y ist Umlaut von altem langem ü. 

rfyÄxin untertauchen, Aypl häuüg, hy:p^ Äy: 5 Häuser, my: 5 Mäuse, 
knyis Plur. von knüs, fys Fäuste, pyst'i Löschhorn, tyinn zäunen, 
Schwatzen, dy:7nl Däumling (Ueberzug über einen verletzten Finger), 
ry:mll geräumig, ytas äusserst, klytn Kloss, Mehlkloss, ly:dn läuten, 



101 

6ry:dl^aw Bräutigam, Äy/ Häute, Äry: (7a Kräuter, Jy.tö säuerlicli, fAtJaH 
natürlich; Xy:wiJ^rt saumselig, ntlysti^n ausklügeln, ausprobieren (eig. 
aushorchen), hya Miete, dyijlll schwindlig, ;y> schleclites Getränk 
Mauche); fjan führen, aus Fichtenholz. — tryif Trümpfe, tryibm 
Trumpf ausspielen. 

3. einzeln in fyini zornig, wahrscheinlich = veninsch (giftig). 

^ § 32. ai. 

1. ai = ursprüngl. äj (äw): 

draiin drehen, kraiin krähen, krai: Krähe, Rabe, maiin mähen, 
nai:n nähen, Jai:w säen, vaiin wehen;- Ä/a/rn kratzen. — klaiin die 
Kleierde ausgraben. 

2. ai = ag, eg^ eh, 

aiin Grannen an der Aehre ; ai: Ei (ovum) ; aiS hässlich (schrecklich) ; 
Jail Segel, ^ailn segeln, pailn peilen; taiin zehn. Ueber diese Wörter 
vgl. Ndd. Jahrbuch XVII, S. 136 — 140, wo auch über gail geil und 
rai^kj 'Reinke gesprochen wird. haista> Elster. — twaii^ intwai: entzwei; 
ai:n streicheln (wobei man ai: sagt). 

3. ai in den Verbalformen shxiis^ slaiit schlägst, schlägt, staiis^ staiit 
stehst, steht, gaiis^ gaiit gehst, geht, dai:s^ dai:t thust, thut. Hier- 
über vergl. ebenfalls Ndd. Jahrbuch XVII, S. 136 ff. 

Ausserdem findet sich der Diphthong ai noch in vielen andern 
Wörtern, in denen auch schon im Mnd. ei auftritt. Manche davon 
sind offenbar hochdeutsch. 

§ 33. au, 
au = au (ahd. äw), ow, ouw. 

blau: blau, grau: grau, gau: schnell, gsnau:^ nau: genau, knapp 
(mit ftatia r?0^), batiauit beengt, flau: flau, mau: Aermel, hau:n hauen, 
kau:n kauen, drau:n drohen (selten), tödraun (Ton auf der 1. Silbe) 
zögern, mit der Ausiührung seines Vorhabens; glau: schlau (nur vom 
Gesichtsausdruck), dau: der Tau, tau: das Tau, klau: Klaue, födau:n 
verdauen, staicn stauen. — Ä:wati/ Knäuel, krnuln kribbeln, kitzeln. — 
rau:n ruhen (selten), bau:n bauen (selten). 

§ 34. oi, 

1. ot ist Umlaut von au (ow^ aw), 

froi:n freuen, froi:t Freude, stroi:n streuen, hoi: Heu, wohl auch 
in sloif Schleife. 

2. oi = mnd. oi: floitn flöten, sloici Schleier. 

3. 0% entstanden aus palatalisiertem o: moii] (guten) Morgen (nur 
als Begrüssungsformel) ; poitn Pfoten, hk:mpoitn Hagebutten. — In den 
beiden letzten Wörtern hat man sich ursprünglicli hinter dem t ein j 
zu denken, welches in einigen Mundarten nocli vorhanden ist. 

4. oi entspricht früherem ei in dwoil Wischtuch (der Schifter), 
sproi:n spreiten, auseinander breiten; woher foil Aufnahmelappen, 
Wischlappen kommt, weiss ich nicht. In swoi:n (dal ^ip swoi:t das 
[vor Anker liegende] Schift' dreht sich infolge der veränderten Strömung) 
scheint das oi aus äi verkürzt zu sein, holländ. zwaaie^i^ vielleicht ist 
es aber auch aus ei entstanden, vgl. Ndd. Jahrbuch XVI, S. 102. 



102 



§ 35. Die stimmlosen Vokale. 

Ueber die stimmlosen Vokale (geschrieben Ä) ist nichts Besonderes 
zu bemerken. Im Anlaut ist das h erhalten: hiSt Hut, hunt Hund, 
ÄTr hier usw. Wird ein Wort enklitisch gebraucht (steht also das h 
nicht mehr im Anlaut), so fällt das h weg: re:rfa = re:^ Äe ritt er, 
J^9 = J9: Äe sagte er. Auch sonst fällt das h im Inlaut weg, es sei 
denn, dass dem mit h anfangenden Teile des Wortes eine gewisse 
Selbständigkeit zukommt, z. B. je:ti sehen, ^d§e:n geschehen, aber 
dumhait Dummheit. Hinter p, ^, k scheint es allerdings weniger ein 
selbständiger Laut, als vielmehr eine Aspiration des vorhergehenden 
Lautes zu sein: göthaü Güte; die Sache ist bei schnellem Sprechen 
schwer zu entscheiden. 



§ 36. Uebersicht Aber die alten Vokale und ikre Enteprechnngen 

in der Gifickstädter Mundart. 

Vorbemerkung. Auch in unserer Mundart herrscht das 
Bestreben — wie im Hd. — in offener Silbe "langen", in geschlossener 
Silbe "kurzen" Vokal zu sprechen. Diese Regel ist aber nicht streng 
durchgeführt; wohl sind meistens in offener Silbe die alten "kurzen" 
Vokale zu "langen" geworden, die ursprünglich "langen" Vokale jedoch 
haben sich auch in geschlossenen Silben bis auf einige Fälle behauptet. 
Namentlich die Lautverbindungen ml, mr, sm, kl — früher mel, mer, 
sem, kel — teilweise auch sl, tm, dm lieben, obwohl früher durchweg 
vor ihnen tbnlanger Vokal stand, in unserer Mundart "kurzen" Vokal 
vor sich, z. B. besn Besen, homn Hammer usw. (daher auch die Fortis 
s statt der erwarteten Lenis J). Andererseits wird — ausser in einigen 
anderen Fällen — in der 2. und 3. Sg. Präs. der starken Verben der 
lange Vokal verkürzt; bei schwachen Verben ist eine derartige Ver- 
kürzung selten. 

Altes: Glückstädter: 

kurzes a in geschlossener Silbe . . a § 12,i (Umlaut e § 15,2). 

selten w [/ttn = van] §27,5; [durch ä] 

§ 27,6 (Umlaut y § 28,s). 
oder 
vor Id . , . 
vor 1 -+- Fortis 



ar 



ah 

an 

ag, ah 

aiv 



in offener Silbe "1 
vor r zuweilen / 
vor Lenis oder vor 
zuweilen [durch ä] 
vor Fortis ausser k, p 



k. 



vor 



s (th) 



J:; 21,1 am Ende. 

oi2lj}(U°»laut«§23,xY.) 

ä § 14,4 (Umlaut ce § 29,4). 
4 § 14,5. 
a 8 13,1. 
§ 22,2. 
a § 12,» a. 

i § 14,8. 

ö § 25,8 (Umlaut ö § 26,4). 

ai § 32,». 

au § 33 (Umlaut oi § 34i). 



103 

Altes: Glückstädter: 

langes d....^ 4§ 14,8 (Umlaut e § 18,6 

oder oe § 29,3). 
im Prät. einzelner Verben . ö § 25,3. 
in geschl. Silbe zuweilen . a § 12,3 (Umlaut e § 15,s). 

vereinzelt o § 21,4 (Umlaut ö § 23,iÄ). 

äj *. «i § 32,1. 

äw AM § 33. 

kurzes e in geschlossener Silbe . . 6 § 15,i.8. 

(d.h. ^od.e) vor n zuweilen i § 19,8. 

sonst einigemale . . . . S/ § 28,«. 

oder ö § 23,8 (schon mnd. o, 
geschrieben o), 

\0T d (dd) 6 § 16,8. 

in offener Silbe 1 .... 9 § 17,i.8. 
vor r / .... 9 § 17,1.8. 

oder e § 18,6. 

er selten 6 § 16,i. 

vor Lenis oder vor k, p . ä 5^ 13,8. 
vor Fortis ausser ä;, p . . a § 12,8ß. 

€g^ eh ^^ § 32,8. 

langes e (vgl. auch ai und tu) . . e § 18,3.4. 
im Prät. einiger urspr. redupl. 

Verben ti § 27,4. 

[in geschlossener Silbe zu- 
weilen i § 19,4.] 

kurzes i in geschlossener Silbe . . t § 19,i. 
am Ende der Wörter oder 

Stämme I § 20,8. 

sonst in offener Silbe . . 9 § 17,i. 

ir in hd. Wörtern § 24,8. 

[i durch Ersatzdehnung in f\:f T § 20,i.] 

langes I I § 20,i. 

am Ende der Wörter oder 

Stämme 6 § 18,?. 

im Präs. der Verben der 

i-Klasse und sonst, verkürzt i § 19,8. 
kurzes in geschlossener Silbe . . § 21,i (Uralauto § 23,ia). 

zuweilen w § 27,8 (Umlaut y § 28,i). 

in offener Silbe \ . . . . & § 14,i ß (Umlaut cb § 29,2). 
vor r j . . . . ä § 14,i ß am Ende. 

oder ö J^ 25,4 (Umlaut ö § 26,3). 
or vor Lenis oder vor k^ p . ö § 22,i (Umlaut g § 24,i). 
or vor Fortis ausser i, p . . § 21,8 (Umlaut ö § 23,iß). 

ow aw § 33 (Umlaut oi § 34,i). 

ogi, oi oi § 34,8. 

langes ö§ 25,i (Umlaut ö § 26,i). 



104 

Altes: Glückstädter: 

verkürzt o § 21,6 (Umlaut ö § 23,i c). 

oder u § 27,s (Umlaut y § 28,6). 
kurzes u in geschlossener Silbe . . m § 27,i (Umlaut y § 28,i). 
zuweilen (durch Formenaus- 
gleichung) § 21,6 (Umlaut ö § 23,i x). 

am Ende der Wörter. . . ü § 30,2. 
sonst in offener Silbe . . ä § 14,i a (Umlaut a? § 29,i). 
[durch Ersatzdehnung . . ü § 30,i am Ende (Umlaut y 

§ 31,«).] 

langes ü ü§ 30,i (Umlaut y § 3 1 ,2). 

am Ende der Wörter oder 

Stämme ö § 25,?. 

verkürzt (bei starken Verben) u § 27,3 (Umlaut y § 28,6). 

(got.) ai (vgl. e) e § 18,i. 

vereinzelt c § 15,4. 

oder i § 19,4. 

(got.) au ö § 25,2 (Umlaut Ö § 26,2). 

(got.) iu (mhd. ie) e § 18,2. 

(mhd. iu) y § 31,i. 

verkürzt (in Verbalformen) . y § 28,2. 
[ei vielleicht vereinzelt . . . öi § 34,4.] 
(mnd.) oi oi § 34,2. 

Zusatz. Vor etwa 50 Jahren war der Vokalismus ein etwas 
anderer; man sprach nämlich statt y, y, os (letzte senkrechte Reihe 
der Uebersicht in § 2) i, T, ^ (1. Reihe), z. B. grit = gryt Gnitze, ml.s 
= my\s Mäuse, k^k = hxk Küche usw. Ebenso sprach man statt Ö 
(vorletzte Reihe) e (zweite Reihe), z. B. grQ:n = grb\n grün; ob 
man aber auch e, 6 statt ö, sprach — wie man nach der Analogie 
annehmen muss — , habe ich nicht genau ermitteln können; grosseu- 
teils scheint es so gewesen zu sein, doch ist es wahrscheinlich, dass 
man damals in gewissen Fällen auch ö sprach. Die Leute, die so 
sprachen, (mag auch der eine oder andere noch leben) sind jetzt 
ausgestorben. 

SOLINGEN. J. Bernhardt. 



105 



Marienklage. 



Dit^) is unser leiuen vrouwen claglie tho dude dei sei hadde do 
uiise leiue here ihesus cristus ghecruceget wart*). 

A. Na moghe ir [alle] gerne hören saghen 

Van der iemerliken claghen 

Dei maria hadde und leid, 

Do sei sach dat bister gescheit*) 
5 Van Jesus seile und liue. 

Id was wunder^ dat sei to line 

Mochte bliven einighe stund, 

So sere was ere herte ghewnnd. 

Sei sprach: 'o wi und o wach, 
10 Dit is dei iemerlikste^) dagh 

Den iu moder mohte liden. 

Wat sal mi nu dat lenen?' 

Se ensprach nu ungednltich^) word 

Sei klagede den iamerliken mord 
15 Den dei Juden hadden ghedaen. 

Sei sprach: 'war sal ich arme gaen? 

A mich, wu is mir gescheit! 

Ich enekan mir helpen nied. 

Alle moderlike herte 
20 Ene leden nu so grote smerte 

So ich arme moder lide 

In dessen iamerliken tiden. 

Herte leiue kind, wo hebbe ich di verloren, 

Dat du mi weres so uterkoren 
25 To steruene vor dei werlde al*). 

— Och ich ene wed nicht wat ik sal. — 

Din dot dei sundere hat verlost. 

Wo bin ich arme wiff so unghetrost 

Dat mi betere were dei bittere dot 
30 Dan to lidene disse nod. 

Och wat bin ich wat sal ich don? 

Ich enekan gerasten noch geruwen^). 

Nu moder leit so groten rouwen 

Dan ich arme vrouwe. 



') In Bezug auf die Schreibung ist zu bemerken, dass an Stelle des häufig 
aber doch ganz willkürlich stehenden ,,y'' durchgängig ^i^ gesetzt, die wenig zahl- 
reichen Abkürzungen aufgelöst und die Interpunktion eingeführt wurde; wo aus 
anderen Rücksichten eine Aenderung im Texte notwendig schien, geben die Noten 
Äufschluss. ') in roter Schrift. ■) subst. = Scheidung. *) hs. iemerlike. *) hs. 
ungedult. *j hs. werld alle. ') derselbe Reim Veldeke, Kn. 8971, S. I. 2969. 



106 



35 Mir ig so hertelike wee 

Mochte ich steraen ich enegerde nicht me'). 

Och herte leiae kind miii, 

Wo lesta nu dei leiae moder din 

So ungetrost vol iamerheide! 
40 Nn moder ene geschach so leide 

Also is gescheit mi armen wine. 

Ich enemach nicht blinen to line.* 

Do mochte marien herte to riten 

Vnd in dnsent stncken to spliten 
45 Van der iamerliken smerte 

Gench er ein swerd dor er herte. 

Nn was der leine Jhesns dot 

Nn hord wo grote not 

Dat maria dei maghet dreff. 
60 Wo sei opsprank vnde greif 

An dat cmce na sime line. 

Dar bestont sei wnnder') to drinen 

Wand sei in roven") nicht enmochte. 

Do yel sei nider nnde sochtede 
55 Vnd ward van horten so kranch 

Dat sei np dei erden sanch. 

Sei sprach: ^och, ich ene kan nicht me. 

Nn moder ene word so wee 

Noch ene leit so grote noed. 
60 Alhir mot ich bliuen doet/ 

Sei kerde sich nmme to den Juden. 

Se sprach: 'wolte mi to eme doden, 

Jesum mine leine kint; 

Och, wo sit ir van horten al so blind V 
65 Sei klagede so iemerlike 

Dat nei moder ene ward er gelike. 

^Seghet ir valsche iodesche deit, 

Erbarmet in min iamer neit 

Den ich nu sei und lide 
70 In so iemerliken tiden?' 

Sei sprak: 'o wi ond o wach, 

Leine kint mochte ich noch 

Bi dir sin also ich hau ghedaen 

Dammme wolde ich mich laten slaen. 
75 Och mochte ich dat erwemen 

Dat ich bi dir mochte stemen, 

So en wolde ich nicht mer klaghen 

Den groten rouwen den ich draghen.* 

Do leid maria ere hande hangen 
80 Vnd schrei dat er dei wanghen 

Worden van den treuen roed. 

Nu mensche Ternam dei noed 

Noch den iamer den sei dreff 



^) hs. mer; ebenso V. 57. ') D. 188 groiz iamer; wunder in der Bedeut 
^seltsame, schreckliche Dinge'? ') hs. rovnen. D. 189 foeren. 



107 

Vnd wo iemerliken dat sei greif 
85 An ere herte nnde sprach: 
'0 wi we und o wach! 
AI den iamer, den in moder leid, 
Off dat leide^) van leine er gescheit, 
Del ene mach den iamer nicht gheliden 




} 



D. 
94—117 



B. Dei mi to einer moder haet erkoren*. 

Do wrank sei ere hande tosamen and sprach: 

*0 wi we nnd o wach")! 

Ich sei min kint hir hanghen dot' 
5 Van ronwen mochte sei 8chrien blöd. 

Sei sprach: 'och na entrostet mi neiman[t].' 

Do quam ere neve snnte Johan 

Vnde horde disse wort 

Vnd her genk do to marien vord 
10 Hei sprach: 'maria dat saghe ich dir 

Dat dn bist benolen mir.' 

Hei nam sei in sine arme 

Vnd bestont sochten nnde karmen. 

Hei sprak: 'war is min') moet 
15 Der*) iamers ene ward na besocht? 

Och Jesus, wo bistu uns so hard 

An desser lesten henevard!* 

Do nmme venk hei marien ande sprach: 

'0 we mir armen und o wach! 
20 Dat ich dit alhir moet sein 

Des mot min herte van mir vlein. 

Ich wel yil leiuer stemen 

Dan wi beide verderaen. 

Maria uns is onele gescheit, 
25 Ich ene kan di gehelpen neit' 

Do sach maria Jhesns an 

Mit manighen heten trän. 

'Herte leine kint ich bidde di>) 

Dei di droch*) snnder we, 
30 Wammme hasta mi beghenen? 

Ich ene mach nicht langher leuen.' 

Wei den Jamer sach dei moste .weinen') 

Wer geleghet sin herte van steinen. 

Johannes was so sere vorsaghet 
35 Doch hoppede hei op dei maghet 

Wante sei eme benolen was. 

Eme Word wers nnd nicht bas. 

Do wände eme dat herte breken 

Wante eme Yorghenk[dar] dat spreken. 



') Hs. leyff van leyue. ') hs. Do to sameu Sey sprach o wach 

o wy ün we. *) hs. syn. *) hs. des. ') so die hs. ; vielleicht besser mit D. 
bin de. *) hs. dorch ungeboren. ') hs. schreyen: steynen. 



108 

40 Van deme iamere den hei dar sach 

Leit hei grot angemach. 

Dar waren bi drei ander marien 

Dei ene künden des nicht vertighen, 

Schriens und jamers, wante sei saghen 
45 Wo maria und Johannes laghen 

Vmmevluhten mit eren armen. 

Dat mochte nns allen wol erbarmen. 

Nu was dei menscheit an ihesnm erstomen 

Dei uns van der helle haet erworuen. 
50 Wante sin menqchelike doet 

Verloste uns van der helscher nod. 

Do dit allet was gescheit 

Do ene wolden dei Juden staden neit 

Dat ihesus und dei twe mordere man 
55 An deme cruce bleuen haen 

— Wante et was ere pasche auend — . 

Do quamen sei to sament') 

Und ghengen in piiatus hus 

Und spreken to eme aldus: 
60 'Disse drei man sint vorscheden. 

Wi ene moghen nicht langher beiden. 

Men sal sei don her aue 

Vnd bestaden sei to graue.^ 

Do piiatus horde disse rede, 
65 Nu hört wat hei do') dedde: 

Hei yIo achterwart in einen grauen 

Vnd snet sine kellen schier aue'). 

Dit ene wiste nochtand nei man 

Dat dit piiatus hadde ghedaen. 
70 Do quamen dei Juden ghegaen 

Vnd säen dei drei doden haen. 

Sei breken den morderen ere been / 

Wante ere ene leuede ghein. 

Do sei to Jhesum quamen^) 
75 Vnd ok dat vernamen 

Dat Jhesus verscheiden was, 

Do wart eme ein ritter gehas 

Dei dede eme . . . '. . . 

D. 50—54, 
193—214 

C. leiue kint ut goet 

Do hei sins hertzen (so!) minne ut vloet. 
Qhedenke an dei quäle diu 
Vndegeff uns helpe schin. 
5 Verdreff van uns der seilen dot 
Vnd helpe nns ut aller noed. 

') hs. tosamen synd. ') nicht in der hs. ') vgl. Z. f. d. A. 17, 154. ndd. 
Pilatus legd : Do dit Pilatus vomam hee grep sin egene mest unde snet sik sulven 
den hals entweig unde starf .... Doch hier Pilatus als Gefangener in Rom! 
*) hs. quame to Jhesum. 



Vnse uod si di bekant 

Helpe ans ute der sunde bant. 

Snnderlike yroawe bidde icb dicb 
10 Dat du willest boreu micb 

Vnd willes ene genedich sin 

Dei dar lesen dit bokelin, 

Oftedei it boren lesen 

Den saltu yrouwe gbenedicb wesen. 
15 Du Salt sei bescbermen und behoden 

Vor den bösen belschen noden. 

Make vronwe ere ende gud 

Dat ere seile si bebod 

Vur den belscben vianden 
20 Vnd bebodet ere li£f wor (so!) scbanden. 

Vnd belp en dat sei alle bir to komen 

Vorstehender hs. Text der bei 'Schade, Geistliche Gedichte des 
XIV. u. XV. Jhd. vom Niederrhein', S. 214 — 21 nach einem Kölner 
Drucke v. J. 1513 bereits gedruckten Marienklage ist einem Ms. des 
British Museums, Sloane NrL. 2601 Pp. XV. Jhd. 12™° entnommen, 
wo er die Bl. 29»>— SS'»- füllt^). 

Vor dem Schade'schen zeichnet er sich nicht etwa durch Reich- 
haltigkeit an originellen Zusätzen aus — dafür kommen nur die 
V. A. 31 f. B. 14 f., 64 — 69 in Betracht — ja da er uns in Folge 
des Fehlens einiger Blätter leider nur fragmentarisch überliefert ist, 
bedürfen wir vielmehr des Druckes (D) zu seiner Ergänzung; aber 
die „stark verwilderte Gestalt*' der Überlieferung in D. tritt uns in 
der hs. Fassung weniger schroff entgegen, das hohe Alter des Originales 
scheint lebhafter hindurch, vor allem jedoch gewährt sie uns jene 
logische Aneinanderreihung der Gedanken und Facta, wie sie ent- 
schieden das Original geboten^ die spät gedruckte Überlieferung aber 
völlig durcheinander geworfen hat. Dies zusammengenommen mag 
den Wiederabdruck des Gedichtes rechtfertigen, das ein Kenner dieses 
einst hochgepflegten Zweiges der Poesie ;,naiv und empfindungsvoll 
wie die meisten der niederrh. geistlichen Dichtungen"*) nennt. 

Wenden wir uns zunächst kurz dem letzterwähnten Punkte, dem 
AuQbau unseres Gedichtes zu. 

Den ersten grösseren Abschnitt (a) können wir von A. 1 — 46 
rechnen und ihn abgesehen von der Einleitung V. 1 — 8 als Klage 
Mariens unter dem Kreuze, während das Leben Jesu noch nicht ent- 
flohen ist, bezeichnen. Es folgt (ß) A. 47—89 + Lücke (= D. 94 
bis 117) -H B. 1 — 5 erneute Klage Mariens um den nun toden Sohn, 
Y) B. 6 — 47 Marias und Johannes Wechselrede und Klage, in welche 
die „drei anderen marien" einstimmen. Nun S) ein Scenenwechsel. 
B. 48 — 69 die Juden bitten Pilatus, die Körper Jesu und der beiden 



') Im Cataloge nur: „Prayers in Dutch"; genauere Beschreibung u. Inhalts- 
angabe des Ms. werde ich an anderer Stelle bringen. ') Schönbach, Marienklagen 
1«74, S. 47. 



110 

Schacher vom Kreuze nehmen zu dürfen. Pilatus-Episode, e) B. 70 
bis 78 •+- dem grössten Teil der Verse, die das nun fehlende Blatt 
füllten (= D. 50 — 54, 193 — 210) anfangs wieder unter dem Kreuze: 
Longinus-Episode ; dann Grablegung, die freilich in unserer Hs. ganz 
verloren gegangen, aber aus D. sicher zu ergänzen ist. Endlich 
7)) die Bitte des Dichters um Jesu und Mariens Hilfe, von der uns die 
V. C. 1 — 21 erhalten sind. 

Gewiss eine völlig logische, durchsichtige Gliederung; nicht so 
in D. Hier ist vielmehr o (doch fehlt wie oben angedeutet die 
Pilatusscene überhaupt), die Longinus-Episode von e, der grösste Teil 
von ß und endlich das ganze y zwischen a geraten, das so in zwei 
Teile V. 1 — 28 und V. 166 — 82 gespalten wird; dann erst folgt der 
Anfang von ß (V. 183 — 92), der zweite Teil von e und r^. 

Mit dem Original gegen D. hat unsere Fassung sicher auch das 
gemein, dass die V. B. 18 — 25 Johannes in den Mund gelegt werden: 
freilich in der Form, in welcher sie in D. erscheinen, gehören sie 
Marien an (vgl. bes. D. V. 135 f.), passen aber schlecht genug in 
diesen Zusammenhang. 

Dasselbe Verhältnis zum Original wird wohl auch der Pilatus- 
Episode einzuräumen sein; wenigstens sehe ich keinen genügenden 
Grund dafür, dass dieser naive Zug der Volksüberlieferung eine jüngere 
Interpolation sein sollte. 

Schade nennt vorliegende Marienklage ein „niederrheinisches" 
Gedicht und führt (S. 206) zur Erhärtung seiner Ansicht eine Reihe 
charakteristischer Reime an, darunter mehrere „ungenaue" als Beweis 
für das hohe Alter des Stückes. 

Nun alle diese Reime, soweit sie nicht in eine der Lücken fallen, 
finden sich in unserem Texte wieder, ja sie lassen sich noch durch 
einige bezeichnende, wie liden : leuen (1. liuen) A. 11, don : gern wen 
(1. doen : geroen) A. 31, moet : besocht B. 14, di : we B. 28, endlich 
mit -t- n, lide : tiden A. 21 und 69, rouwen : vrouwe A. 34, arme : 
karmen B. 12, grauen : aue B. 66, vermehren. 

Zudem zeigen die Reime was : bas (mhd. baz) B. 36 f. und 
was : gehas B. 76 wie auch die Schreibung „hertzen" C. 2, „der'' 
(Artikel) A 47 und die mehimals auftretenden Pronominalformen „mir, 
dir, ir", dass hinter der sonst rein ndd. Sprache unseres Fragments 
eine Vorlage stecken wird, deren Lokalisirung man sich — nun beide 
Punkte zusamniengefasst — ganz gut am Niederrhein denken könnte. 

Mit dieser Annahme verträgt sich auch vollständig der Versbau 
des Londoner Textes. Zweisilbige Fasse finden wir weitaus in der 
Überzahl ; doch daneben häufig genug drei- und viersilbige. In diesem 
Falle wird die Senkung gebildet durch: Bildgslb. -f- Bildgslb. (z. B. 
V. A. 7, 67 etc.) oder Bildgslb. + Partikel, Pronom. Präposit. Conj. 
Hilfsverb, etc. (z. B. V. A. 4, 14, 36 ; B. 5, 34 etc.), Posscssivpron. 
(z. B. B. 67) und endlich durch einsilbige Wörtchen. (z. B. A. 31, 
38, B. 54 etc). 

Die Zahl der Hebungen im einzelnen Verse überschreitet in 



111 

keinem Falle 4 bei klgd. Ausgange und sinkt ebensowenig unter das 
gewöhnliche Maass. 

Wir können daher wohl annehmen, dass unsere Fassung auch 
im Versbau nicht weit vom Originale abstehen wird, ein letzter Punkt, 
worin sie vorteilhaft von D. absticht. 

LONDON. R. Priebsch. 



Ein viertes Blatt ans dem niedersächsischen 
Pfarrherm von Kaienberg. 



Zu den von W. Mantels im Jhb. I, S. 66—71 und II, 145—48 
mitgeteilten drei Blättern aus dieser Schwankdichtung sei im Folgenden 
ein viertes hinzugefügt, das im Brit. Mus. aufbewahrt wird. Ein Gross- 
folioband nämlich mit dem Titel „Fragmenta Vetusta" enthält eine 
stattliche Anzahl lat. engl, und weniger deutscher Bruchstücke alter Drucke 
und fliegender Blätter (auf einem solchen z. B. „Maria zart von edler 
art", Wackernagel, K L II, 1036) und darunter auch mit der Marke 

C 18 -J5 versehen, 2 Bl. aus dem Pf. v. K. Das zweite derselben ist 

wie das eine Veesenmeyersche identisch mit dem a. a. 0. abgedruckten 
zweiten Blatte der Lübecker Bruchstücke (N), während das erste uns 
den grösseren Teil des Schwankes „wie die Bauern das Chor decken'^ 
überliefert und im Texte gerade da aufhört, wo N I einsetzt. 

Das gleiche Format der Blätter (oktav) in N und L (Londoner 
Frgmt.), die gleiche Zeilenzahl der Seite (33) und endlich der wichtige 
Umstand, dass, wie oben erwähnt, N II und L II sich vollständig 
decken, lässt wohl auch ohne Vergleichung der Typen den Schluss 
ziehen, dass wir wiederum Frgmt. eines Druckes aus der nämlichen 
Lübecker Werkstätte vor uns haben, leider wiederum nur Frgmt. — 
Erwähnung verdient auch Folgendes: L I zeigt rechts unten den Buch- 
staben B. Dies weist natürlich auf eine Lagenbezeichnung hin. Da 
sich bei L II davon keine Spur findet, so scheint das darauf hin- 
zudeuten, dass sich der Drucker begnügte, nur das jeweilig 1. Blatt 
einer Lage durch den fortlaufenden Buchstaben des Alphabets zu 
markieren.*) Das Lond. Frgmt. besteht nun aus einem Doppelblatt. 
Gesetzt die vollständige Lage enthielt deren zwei (Bi — Biiij), so ist 
erhalten : B i und B iiij in L, B ij in N (direkter Anschluss des Textes, 
s. oben), Biij (also ein Blatt) aber verloren gegangen. Dies würde 
vollständig zu Edw. Schröders Ausfühnmgen (Jhb. XIII, S. 129 S,) 
gegen Mantels Annahme stimmen. 



') Dass ein solches Zeichen in den a. a. 0. veröffentlichten Bl. fehlt, 
bestätigt eben diese Ansicht; sie waren zufallig nie erste Bl. einer Lage. 



112 

Es erübrigt nur nocli, den Text von L I abzudrucken. Daraus 
wird hervorgehen, dass auch hier der ndd. Bearbeiter seiner hoch- 
deutschen Fassung, die in dieser Partie gewiss höchstens in Kleinig- 
keiten von dem Hambg. Drucke abweichen könnte, treu und gewissenhaft 
gefolgt ist, nur etwa dort ändernd, wo es sein Dialekt heischte. 

L I*) a. Wente he dat kerkhaes decken moet, 
lüde wy winen em kamen vor 
Vnde snelliken decken dat koer, 
So he vns de kdre heft ghegheven. 
My danket yk hebbe ynw gheraden euen.* 
Se spreken: „da hefst vns gheraden recht^ 
Vnde lacheden: / „wy doen alze da hefst gesecht/ 
Se senden tome kerkheren ere denres') do 
Vnde leten em seggen alzo: 
Se wolden dat koer na siner wal 
Bereyden vnde decken laten oaeral. 
De kerkhere sprak: „dat benelt roy wol, 
Hyma yk my rychten schal, 
Up dat dat gades hnes ghetzyret werde 
Vnde de kerke werde ghedecket mede.^ (so!) 
De baren hasteden sere mit dem koer, 
Vp dat se qaemen deme kerckheren tovoer 
Mit des kores nygen dake. 
De kerkhere yortroech do sine sake 
Myt dem decken mennige wekeu. 
„Oy hebben so nicht gesecht' / de baren spreken. 
„Des schale gy yaw yammer schämen. 
Yd en schal my') nicht doen yramen.'^ 
Den kerckheren wart do vertornet sin moet. 
He sprak: „yd en danket yaw nicht gud, 
Dat yk drdghe stae to köre al byr; 
Na decket snlaen to de gathe schyr, 
Dar dorch gy werden beregent.'' 
Eyn yewelker sik do ghesegende. 
De baren spreken do al wi0: 
Eyn Beißen man de kerkhere is. 
He spnüi: „ghesegent ynw dar vor! 
Tk stae al drdghe in disem köre 
b. Vor reghen vnde ok vor winde. 

Vorsorget ynwen orth myn leneu kynde, 
Wylle gy anders nicht ym nathen staen; 
Nicht bethers yk yaw raden kan.'' 
He leth sik nicht vorschrecken, 
De baren mosten de kerken decken, 
Wolden se anders nicht werden nath 
Vnde weren se ghewest noch so qaad. 



*) S. V. d. Hag. Narrenbuch S. 280(unt) — 82. Interpunction ist im Abdrucke 
eingeführt, ebenso grosse Buchstaben zu Anfang der Zeile durchgehend gesetzt 
') s. Narrenb. a. a. 0. Sandten des Richters Kidam ihm zu. ') 1. yuw. 



IIB 

// Hyr kampt de kerckhere 
ynde medet arbeydes lüde 
Tymme^) loen. 

(HolxschnitU) •) 
Eynes daghes do wolde he gaen 
Vnde meeden arbeyden lüde ymme dat loen. 
He qaam dar hen an de meede stad 
Eyn yewelker ene vmme arbeyd bad. 
Menniger was em do bereyt. 
He wysede se henne to der arbeyt. 
He benol en do dat arbeyt 

(Fortsetzung NI.) 

OXFORD. R. Priebseh. 



^) l. ymme. *) Derselbe wie im Ilambg. Ex. zu diesem Schwanke, so weit 
ich wenigstens aas Mantels Beschreibg. (a. a. 0.) urteilen kann. 

Ni«d«rd«iitooh«B Jahrbuch. XVIU. 8 



114 



\ 



Zum Crane Bertholds von Holle. 



Dass das in den Jahren 1250 — 1260 entstandene romantische 
Epos Crane ^) des hildesheimischen Ritters Berthold von Holle lange 
Zeit in Norddeutschland verbreitet und beliebt blieb, bezeugt die That- 
sache, dass die Pommersfelder Handschrift, durch die uns etwa vier 
Fünftel des ganzen Gedichtes überliefert sind, im Jahre 1470 geschrieben 
wurde und dass 1444 in Lübeck ein Fastnachtspiel ^kran^ valke vnde stare' 
aufgeführt wurde, dessen Stoff, wie Walther in diesem Jahrbuche C, 
29 f. nachgewiesen hat, aus demselben Werke entlehnt ist. In etwa 
dieselbe Zeit wie die Pommersfelder Abschrift fällt eine Prosabe- 
arbeitung des Bertholdschen Gedichtes, die ich kürzlich in der Hand- 
schrift 26G7 der Darmstädter Hofbibliothek entdeckte. 

Diese von A. v. Keller (Altdeutsche Handschriften 1890 S. 148 
Nr. 67) und Roth (Germania 32, 344) nur oberflächlich untersuchte 
und beschriebene Handschrift besteht aus zwei fragmentarisch erhaltenen 
Teilen, die von zwei verschiedenen Schreibern und auf verschiedenen 
Papiersorten (Wasserzeichen beim 1. Teil eine Wage, beim 2. ein p) 
geschrieben sind: 

1) Ein 'boich vain dem kristen gelanfe vnd leaeii\ aach lateinisch als 
^Tabula tidei vite Christiane* bezeichnet, in 64 Kapiteln, die zu ffinf Tractatns 
znsammengeordnet sind. Kapitel 42 enthält ein Gedicht 'die mynnen jadii' ; alles 
andere ist Prosa, und zwar in kölnischer Mundart. Vor jedem Kapitel steht eine 
sorgföltig geroalte, mit mehreren Figuren gezierte Initiale. 4 Blätter Register 
and Bl. II — CCCL in 4"; das erste Blatt des Textes and eins oder mehrere 
am Schiasse fehlen. Anf Bi. la des Registers hat eine Hand des 16. Jahr- 
hunderts geschrieben : 'Lh/t boych hoyrt to smedem [?] vnd js to houen geleipti 
jm jayr anno xxxviij haben ichs wiyd&r geholt R hJ 

2) 12 Blätter in gleichem Format, von einer wenig späteren Hand des 15. 
Jahrhunderts beschrieben, neuerdings in falscher Reihenfolge eingebunden und als 
Bl. 351—362 signiert. Sie enthalten: a) Bl. 351, 361, 353—360 den vom 
verstümmelten Prosaroman von Crane; von dem verlorenen Blatte, das vor 351 
stand, ist ein dreieckiger Fetzen irrtümlich auf eine Lücke von 351 aufgeklebt. 
Jede Seite enthält 33—37 Zeilen. — b) Bl. 352, das mit Bl. 361 zusammenhängt, 
den Anfang eines Gedichtes Der hoe/uen orden, das ich binnen kurzem heraus- 
geben werde. — c) Bl. 362a den Schluss eines Gedichts über das Würfelspiel. 
— d) Bl. 362b den Anfang eines in den Jahren 1460—1470 zu Köln ent- 
standenen Gedichtes 'i:an den soll boeue7i\ Alle diese Stücke zeigen gleichfalls 
den kölnischen Dialekt. 

Der Prosaroman gewinnt nun dadurch ein besonderes Interesse 
für uns, dass er uns, obwohl unvollständig überliefert, in den Stand 
setzt, den in der Pommersfelder Handschrift des Gedichtes fehlenden 



') Herausgegeben von K. Bartsch, Berthold von Holle. Nürnberg 1858, 
S. 17—188 (4919 Verse). 



115 

und nur teilweise durch zwei Fragmente einer älteren Handschrift 
bekannten Anfang der Handlung genauer, als es bisher möglich war, 
zu rekonstruieren und auch eine spätre Lücke einigermassen auszufüllen. 
FreiUch muss man dabei berücksichtigen, dass wir es keineswegs mit 
einer getreuen Umschrift des Epos, sondern mit einer freien und 
mehrfach kürzenden Nacherzählung zu thun haben, die namentlich die 
Personennamen fast vollständig streicht. Bei Berthold heisst der Held, 
der als zwölfjähriger Knabe seine Heimat verlässt und mit zwei gleich- 
gesinnten abenteuernden Prinzen, Agorlin von Oesterreich und Agorlot 
von Baiern, an den Hof des deutschen Kaisers kommt und die Liebe 
der Kaiserstochter Acheloyde gewinnt, Gayol, Sohn des Königs Dassir 
von Ungarn; im kölnischen Romane wird er Angerlant genannt 
und ist der Sohn des Königs von Böhmen, während die Prinzen aus 
Oesterreich und Baiem sowohl wie die Tochter des Kaisers von Rom 
namenlos bleiben. Ebensowenig wird Achute, die Vertraute Acheloydes, 
und der Marschall Assundin, der nach dem Tode des ungarischen 
Königs die Herrschaft übernimmt, im Prosaromane namentlich bezeichnet. 
Aus den beiden nachfolgenden Stücken, die ich aus dem letzteren 
Werke auswähle, wird man ziemlich deutlich den Stil des Erzählers 
und sein Verhältnis zu seiner Quelle erkennen können. Aus dem 
ersten Bruchstücke, das in die Lücke zwischen V. 137 und 138 des 
Gedichts zu setzen ist, ergiebt sich, dass Bartsch irrte, als er in seiner 
Ausgabe Bertholds S. XXV f. die Verleihung der Vogelnamen an die 
drei ihre Abstammung sorgfältig verhehlenden Prinzen allein aus einem 
Gespräche zwischen Acheloyde und Achute hervorgehen Hess und dem- 
gemäss die in der Zeitsclirift für deutsches Altertum 1, 74 abgedruckten 
Versreste ergänzte. Femer ersehen wir, dass der Krieg vom Kaiser 
lediglich in der Absicht begonnen wird, auf die vom Ritter vor- 
geschlagene Weise das Herz seiner Tochter zu erforschen. 

L 

Wie die Kaiserstocbter den drei Jünglingen Vogelnamen gab, nnd wie ihr der 

alte Ritter falsche BotMchaft brachte. 

wat bey 

ere lieff, lud 

en off voeren, As sij 

vaeren, doe wurden sij groiss 

5 keyser hatte bij yem eyne scho 

ie hey vysser maissen lieff hatte, in 

yn jonckheren sijner doichter zo plegen, ind ye 

[Lücke von etwa 80 ZeilenJ 

m • 

SU 
mb van den 

10 jonffer dede ye 

hoeff des keysers doi 

den jongelinck also lieff hed 

nde zo brechen, ind dat sij stelte 

oicht, dat sij den jongelinck moicht sp 

8* ^ i 



m 

16 [361a] den heymlich zo yre komen, dat sijne gesellen noch nyemant des 
gewar enwurde. Dit bestalt die dienstjonffer, wie sij moicbte, dat der jonge- 
linck bij des keisers doichter qwam. Doe sprach sij mit yem ind bey mit 
yre; ind wat reden sij badden off wair van, des enweiss ich nyet, want ich 
dair bij enwas. 

20 Der keyser beuall den seinen dryn jonckheren ind onch den anderen 

joufferen, dat sij bij sijner doichter weren ind machden sich ynder anderen 
vrolich ind sich ergetzden samen. Also daden sij des keysers gebott ind 
waeren altzijt mit sijner doichter vrolich. 

Idt geschach dar na zo eynre zijt, dat sij bij enanderen saissen ind 

25 sunerliche vntreitnisse yrre eyn deme anderen sacbten ind up ganen. Also 
hoiif die jonffer, des keysers doichter, an ind gaff deme eyme jongelinge 
yan den dryn zo raden, ind der seine was des hertzongen son van Oesterich. 
ind sprach: ^Walhyn, du salt eyn vogeli sijn na dyme wonschen; nn sage 
np, wat Yogels wenidstu dan alre lieffste sijn?' Hey antworde ind sprach: 

30 'Seulde ich eyn vogeli sijn, so wenlde ich sijn eyn starre' (dat is eyne sprae). 
Sij sprach: 'Warvmb wenlstu eyn starre sijn?' Hey sprach: *Were ich eine 
starre, so vermeirde ich myn gesleicht, dan wurden myner maige vill ind 
gewnnne vill geselschaff. Dar vmb weulde ich eyne starre s^n.' S^ sprach : 
'Starre saltu heischen.' 

35 Sij vraigde den anderen, der was des hertzongen son van Beyeren, ind 

sprach : 'Du saltz onch eyn vogeli sijn na dyme wonschen. Laiss mich ver- 
stain, wat vogels wenlstu sijn?' Hey sprach: 'Seulde ich dan eyn vogeli 
sijn, so weulde ich sijn eyn valck.' Doe sprach sij: 'War vmb weuldstn 
eyn valck sijn?' Hey sprach: *So wanne as vrauwen ind jonfferen in deme 

40 velde reden off voereu, so wenlde ich alle dat wilde, d[at ich kri]jgen moichte, 
vangen ind vort boeuen yn v[ liegen ind laissen] dat wilt dan vallen, np dat 
sich h[erren ind vranwen da] mit ergetzden ind vrolich mac [hden.' Sij sprach : 
'Valk sal]tn heischen.' 

Doe vraigde sij [den dirden, der was des ko]nyncks son van Bee[men, ind 

45 sprach: . . . .] senldz sijn [351b] na dijnem wonschen, sage mir doch, wat vogels 
weuldstn sijn ?' Hey antwerde yre ind sprach : 'Seulde ich dan eyn vogeli syn, 
so weulde ich eyn kraen sijn.' Sij sprach: Warvmb wenlstu eyn kraen syn?' 
Hey sprach: 'Vmb dat mir geyn wort, des ich haill hanen seulde off onch 
vngeburlich zo sagen were, vyss mynem langen halss bis an mynen mont 

50 yedt komen seulde, ee dan ich wall beraden were dat zo sagen, da mit off 
yemans anders yedt belancks an lege.' Doe sprach die jonffer : 'Craen saltn 
heischen.' Ind achter der zijt hieschen sij alle drij, der e3'nre Starre, der 
ander Valck ind der dirde Craen'). 

Idt geueill dar na zo eynre zijt, dat eyn ritter van des keysers dieneren 

55 qwam up die kamer des keysers doichter ind sach, wat vrenden des keysers 
doichter ind yre dienst jonfferen mit den dryn jongelinck hatten. Dit wart 
yn moeden ind sere verdriessen, dat hey mit ind gel^jch den anderen nyet 
van den jonfferen vur gezoigen ind lieff gehadt wart gelijch den anderen, 
noch man yn nyet da so gerne enhatte as die drij vreymde jonckheren. Ind 

BO gienck hyn zo deme keyser ind sprach: 'Gnediger herre, hoirt mich eyn 
wort!' Der keyser sprach: 'Sage up!' Hey sprach: 'Lieue herre, ich byn 



*) Vgl. Berthold von Holle, Crane V. 147 f.: 'De drö wurden alzohant 
Valkc, Stare und ('rano genant, YiT andern namen man vorgat.' Ein darauf 
folgendes Gespräch der Kaiserstochter mit ihrer Vertrauten Achute ist im Prosa- 
romanc ausgelassen. Der folgende Abschnitt füllt die Lücke zwischen V. 183 und 
184 aus. 



117 

vire gnaden geswoeren rait ind diener. Nii moiss ich ach etzwat sagen 
ind bidden vre gnaden, dat int best willen verstain. Vre doichter na alle 
mynen synnen so halt sij der jongelinck eynen van hertzeu liefif, mar wilch 

65 dat sy, des enweiss ich nyet.^ Der keyser sprach: ^Des engeleunen ich 
nyet. Ich halden myne doichter vill zo wijse dar zo. Alsnlchs wesens 
erlaissen ich sij wall.' Der ritter sprach: 'Vre gnaden mögen mir des 
gentzlichen gelennen; want ich des also vill gesien ind gemirckt hain, dat 
idt sich also ind nyet anders yynden sali, ind yr sult myne wort wairhafftich 

70 Tynden. Ind wilt yr den gantzen gront yernemen, wer idt sij, so volget 
myns raitz!* Der keyser sprach: *Wie?' D[er ritter] sprach: *Yr sult vrem 
naber, deme hertzongen % ynt[sagen ind wjerden sijn vyant ind trecken yyss 

zo yelde in[d befeien, dat] ych alle yre dierer yolgen, dan so neyn [ o]uch 

alle drij. Asdan will ich w[ ] zo yernemen, so wilch id[t sij 

75 ]ch mir genoegt des re[ doichjter zo maill liefif [361a] ind 

hedde die wairheit ouch gerne dair yan gewist. 

Der keyser gienck zo ind yntsacht syme näheren, deme hertzongen, 
iud wart sijn yyant ind schreifiT yem, up eynen bescheiden dach mit yem 
zo strijden, ind machde sich dar zo bereit mit alle syme yolck, nochdan dat 

80 der hertzouch dem keyser nyet misdain enhadde, anders dan des ritters rait 
ind zobrengen was. Doe sij alsus yyss zoigeu waeren, doe qwam der ritter 
zo deme keyser ind sprach: 'Herre, idt is na zijt; ich-) will heym rijden 
zo myner jonfiferen ind sagen, wir hanen eynen strijt gehadt, mar doch 
geyneu groissen schaden geleden, dat yire gnaden eynich trefiflich hyndemiss 

85 sij, dan Starre, eyn yan den dryn gesellen, sij doit blenen. Is dan sach^ 
dat der der reicht schuldige is, dat will ich zerstunt an yrme gelaiss wall 
mircken.' Der keyser sprach: 'Doe yem also ind brenge mir wairafftige 
boitschaff dair yan!' Der ritter reit hyn zo der burch, da die jonffer up 
was. Ind as die jonfifer ind yort dat huyssgesynde dat yernamen, doe qwamen 

90 sij haistlichen zo dem ritter ind yraigden yn ymb nuw mere. Der ritter 
sprach: 'Myn herre halt eynen strijt gehadt mit deme hertzongen, mar wir 
enhain geynen groissen schaden gehadt, dair eynich yerlanck an sij, dan 
Sterre is doit gebleuen.* Doe yraigde die jonffer: 'Is Starre doit?' Der 
ritter sprach : 'Jae.' Doe schre sij sere ind was ynmodich. Der ritter sach 

95 sij an, ind balde dar na nam hey yrloff yan yre ind gesainde sij ind reit 
wederymb in dat her zo dem keyser. Der sprach: 'Wat is der meren?' 
Hey sprach: 'Ich dede myner jonfferen diese boitschaff, aen ich sach wall, 
dat hey der ghene nyet en was, den sij lieff hadde.' 

Des anderen') dags qwam der ritter wedervmb ind sprach zo der 
100 jonfferen ind dem anderen ingesynde: 'Myn herre hait auer gestreden. Wir 
hain nu yill youlcks yerloireu ind ouch etlige trefflige man ind myns herren 
diener.' Die jonffrauwe yraigde: 'Wer sijnt die?' Hey sprach: 'Vr diener 
Valck is mit doit bleuen.' Die jonffrauwe schree ind was sere bedroift, 
mar hey proiffde wall, dat idt noch der lieffste nyet enwas. Doe reit hey 
105 wederymb zo deme keyser iud sprach: 'Ich hain myner jonfferen gesacht, 
Valck sij doit bleuen. Sij schre ind was bedroefft ; aen ich hain wall gemirckt, 
[361b] dat hey der lieffste nyet en is.' Der keyser sprach: 'Bijt morgen yroe 
weder ind brenge mir den reichten gront!' 

Der ritter hatte dieser Sachen groissen ylijss ind reit des dirden dags heym 



^) Bei Berthold V. 379 und 389 ist der Angegriffene ein ungenannter Graf. 
') Hier setzt die Pommersfelder Handschrift des Crane (V. 184) ein. 
') Bei Berthold V. 215 bleibt der Ritter bis zum 7. Tage beim Kaiser. 



118 

110 zo der jonfferen ind sachte yre die mere van yrs yaders wegen, dem keyser, wie 
aner eyn groiss strijt laschen yem ind dem hertzongen geweist were ind syme 
herren were vill vonlcks erslagen, dair vnder dat Craen yre diener ouch doit were | 
bleuen. Doe dat die jonffer boirde, doe wart sij so sere yerstoirt, dat sij 
geschrijen noch eyn wort nyet gesprechen knnde. Dat sach yre ouerste 

115 jonffer, die die sachen onch wall wist ind wall knndich was, ind voer zo 
ind drnckde der jonfferen eyn wijss hermelyn doit, dat sij in yrem boesen 
hadde'). Ind doe dat hermelyn doit was, dair entaschen wart sich die 
jonffer versynnen ind gebeirde enxstlichen ind wart doe so wall schryen, as 
sij yrste gedain hadde. Doe sprach die dienst jonffer zo yrre jonfferen, as 

120 menche noch der andern wall hilpt, as idt noit deit: *Sich, gaet hertze, 
sijt yr nyet wijser, dat yr vmb eyn cleyn hermelijn, alsalch vnnutz dier, 
also gebeirt ind schrijet also sere ! Dar vmb laist äff van snlcher geckheit !' 
Doe dat der ritter sach, doe keirde hey vmb ind reit balde zo dem keyser 
ind sprach: 'An diesen Sachen endunckt mich nyet s\jn. Ich bracht myner 

125 jonfferen diese boitschaff, wie Eraen doit ind erslagen were. Sij enbedde 
sich dar ymb nyet gewant ; dan yre dienstjonffer, die yrre wardet, steis \Te 
eyn hermelijn doit. Dar ymb wart sij also sere bedroefft ind schre zo maill 
sere, ymb want dat dier doit was; mar ymb die mere, ich yre sachte, dair 
an enkeirde sij sich nyet.' 

130 Die jonffer') wart yan yerneirniss also kranck, wie wale idt die 

dienst jonffer also yermachde^ dat is der ritter nyet en mirckde, dat sij zo 
bedde gienck lijgen. Ind sij wart alle noch krancker, also dat man dem 
keyser boiden sante ind yem yntboide, wonlde hey s\jue dochter leaendich 
sien, dat hey dan balde heym qweme; want sij zo maill sere kranck were. 

135 Der keyser hatte die doichter zo maill sere iieff ind bereide sich mit s^nen 
frnnden ind sprach: 'Wat [353a] radet yr na? Ich doin deme hertzongen 
gewalt ind ynrecht; ich byn sijn yyant worden ind hain yem s^jns yolcks 
yast erslaigen ind yeme s^ne lant yerhert ind yerbrant ind geronfft, ind 
hey enhait mir nyet missdain. Ich hain anxst, got wille mich dar ymb 

140 straiffen ind plagen ind myne lieue doichter snlle mir äff Sternen. Mich 
dunckt guet sijn, dat wir diesen kriech laissen bestain eyn halff jair; dar 
entaschen snllen wir yns wall besynnen. Wir willen ymber heym rijden 
ind myne lieae doichter besien, die zo maill sere kranck is.* 

IL 

Wie Crane naeli Böhmen heimzog. 

[354b] . . . der eyn zoich in Oesterrisch, daer sijn yader eyn hertzonch was^ 
der ander in Beyeren, dair sijn yader eyn hertzonch was, der dirde in 
Beemen^ dair sijn yader ein konynck geweist hadde ind hey dar na selff 
wart, ind nyemant yan yn wiste, wer der ander were^). Doe Eraen in 
5 Beemen qwam, doe zoich hey in des konyncks hoff ind yraigde na des 
konyncks marschalck ind qwam an den marschalck ind groete yn honelich 



A 

') Bei Berthold V. 302 klagt Acheloyde laut : 'Owe mtnes herzen drüt !' und 
drückt zugleich unabsichtlich ein Hermelin, das sie auf ihrer Brust trägt, (vgl. zu 
dieser Liebhaberei Alwin Schultz, Das höfische Leben ' 1, 450) tot. Ihrer Gespielin 
Achute teilt sie erst nach dem Weggehen des Kitters mit, was geschehen. 

«) Entspricht V. 331 bei Berthold. 

') Hier beginnt bei Berthold die Lücke zwischen V. 666 und 667. In der 
Prosafassung fehlt die Einkehr des Helden bei dem Wirte, der ihm den Tod des 
Königs und die Wahl des Marschalls Assundin zu seinem Nachfolger berichtet. 



119 

ind sprach: 'Liene her marschalck, ich wealde gerne myme herren dem 
konynck dienen; ich bidden vch, wilt des an yem versoicken!* Der mar- 
schalck dede, as yn Eraen batt, ind halp yem zo deme konynck. Eraen 

10 was eyn schein ind sere werdelich man, ind was der koninc mit dryn 
perden Oi dae hey vnr den konynck qwam. Doe vraigde yn der konynck, wan 
hey were. Kraen nante sich van verrem lande^), dair van hey geboeren were, 
np dat nyeman np yn deichte ; want man hadde yn alle lant vyss w^den ind 
sijden dein soicken. Ind also nam yn de^ konynck zo dienst. Ind as der 

15 konynck dat wesen van Kraen vernam ind verstoinde, dat hey eyn ver- 
stendich ind veraaren man was van strijden, veichten ind anderem ritter 
speie ind was besnnder dienstafftich ind hoesch yntgain yederman ind knnde 
oQch jagen, beissen ind houyren, ind yort alre leye man spill was yem 
knndlch me dan anderen. Darvmb krich yn der konynck zo maill sere lieff 

20 ind vermoicht yn wall besnnder vur den anderen. Ind wanne der konynck 
selff vyss reit int feit, idt were zo jagen, zo beissen off anders zo doin, 
wes yem geliefft. so nam hey altzyt Eraen mit yem, ind meiste der nyeste 
by yem sijn. 

BERLIN. J. Bolte. 



') Vgl. Berthold V. 709: *Den fand her üf der beide breit, D4 her mit 
stnen banden reit.' 

') Vielleicht eine Umschreibung seines wahren Namens Angerlant. 



120 



Rollenhagen über mundartliche 

Aussprache. 

Die Nachrichten und Zeugnisse, die aus Schriftstellern des 15. 
und 16. Jahrhunderts über die mundartliche Verschiedenheit der Aus- 
sprache bisher beigebracht wurden, sind weder zahlreich noch sehr 
ergiebig. Es wird willkommen sein, wenn sie um zwei Ausiührungen 
vermehrt werden, die sich in den Schriften Georg Rollenhagens, des 
Dichters des Froschmeuselers finden. Seine Nachrichten sind um so 
wichtiger, als sie auch die niederdeutsche Mundart mit betreflfen, die 
aus anderen Schriftstellern gesammelten Stellen beziehen sich nämlich 
fast ausschliesslich auf das hoch- oder mitteldeutsche Gebiet. 

Georg Rollenhagen, der 1542 in Bernau bei Berlin geboren ist, 
hat seine Jugend in seiner Vaterstadt und in Prenzlau verlebt, einige 
Jahre hat er dann in Wittenberg, kurze Zeit in Mansfeld, zwei Jahre 
in Halberstadt zugebracht. Die übrige Zeit seines Lebens bis zu 
seinem 1609 erfolgten Tode ist er in Magdeburg an dem von vielen 
auswärtigen Schülern besuchten Gymnasium thätig gewesen. Seine 
Nachrichten gründen sich also ohne Zweifel auf eigene Wahrnehmungen. 

Eine derselben findet sich in seiner Paedia^ einer Art Gymnasial- 
pädagogik, die zwar erst i. J. 1619 aus seinem Nachlasse veröffentlicht 
ist, aber wahrscheinlich schon Jahrzehnte vorher abgefasst war. Nach- 
weisbar ist wenigstens, dass die als Anhang und Ergänzung der Paedia 
mit herausgegebene Comniofiefadio de studm von ihm bereits 1571 
seinen Schülern dictirt worden war. In dem Abschnitte De pronunciatione 
(pag. 2 sq.) sagt er: 

Primus itaque circa infantem labor fit, ut pronunciare fcrmonem 
Vemaculum difcat, plene, diserte, ac polite; ne quid haesitet aut 
mutet in literis difficilioribus 6r, L, iJ, S. Nee craeffius et agrestius 
efferat vocales A et E^ quam munditia et elegantia, imo veritas 
Orationis civilis, patitur. Solet enim Mifnica Gens Guvenis^ Gudicium^ 
Gufticia^ pro Juvenis^ Judicium^ Jufticia: item, Jaudium, Jotthi^ pro 
Gaudium^ Gotthi, ut et Bader, Boffum pro Pater^ Poffum^ quafi 
affectato cum ornatu, ineptiffime dicere. Sic, qui maritimis Saxonibus 
viciniores funt, ex litera C qua) tamen vicem K latinis prsestat, S\ 
ex E diphthongum JE proferunt, aut vocalem -4, prsecipue ante 
R. Denique literam A in JO^) convertunt, fimile propemodum illi, 
quod Ebrsei Camez*) vocant, ut Dofcere, Varbum, Omotnus: pro Docere, 



^) JO ist wohl Druckfehler für (). Die Beobachtung Rollenhagens über die 
Aussprache des langen a ist für die ganze Seekante einschliesslich Holsteins zu- 
treffend. *) Das hebräische Vokalzeichen Camez wird bald a bald (als Camez 
chatif) V gelesen. 



121 

Verbum, Amamus. Sicut Itali et Galli, defipere ajunt, pro decipere. 
Qusß omnia diligentius cavenda erunt. 

Die andere Ausführung findet sich in dem ABEGEDARJUM 
MAGD^BÜEGENSE anno Christi MDCIII. Magdcebutgi, apud 
Ambrosium Kirchnerum (5 Bogen kl. 8^). Dieses Buch war bisher 
wie den übrigen, die über Rollenhagens litterarische Wirksamkeit 
geschrieben haben, so auch mir, als ich für die 'Allgemeine Deutsche 
Biographie' dasselbe that, unbekannt. Als Verfasser hat sich Rollen- 
hagen zwar nicht auf dem Titel, wohl aber unter der Widmung 
genannt, die an die Söhne des Christoph von Dorstad, Erbherrn in 
Eimersleben gerichtet ist. 

Das Abecedarium ist eine Lesetibel zur Pklernung der lateinischen 
und nebenbei auch deutschen Druckschrift. Zur leichteren Einprägung 
der lateinischen Buchstabenformen und ihrer Laute dienen Bildchen 
von Gegenständen, deren Gestalt der Form der Buchstaben ungefähr 
entspricht. Jedem Bildchen ist ein Wort in hoch- und meist auch 
niederdeutscher Sprache zur Erklärung beigefügt. 

a : Affenkopf Apenkop. — e Eichel Ecker. — i Igel Ile. — o Auge Oge. 
— u Eule Vle. — h Haken. — / Elle. — m Emse Ernte. — n Ente. — 
r Erbse. — s Feneresse Esse. — b Bein vom Affen Beeu vam Apen. — 
p Peitsche Pitzke. — w Welle Wiege. — c Ziegenhorn Zegenhorn Zelle. — 
^ Katze. — q Quappe. — d Diegel Degel Degen. — t Töhn [*Zehe'] Teppich- 
nagel. — f Efchen Efken. — g Geige Giege. — x Axe Exe Crucifix. — 
^ Zettel Zedel. 

Hierauf folgen Buchstabenverbindungen, Silben u. a. Untcrrichts- 
stoflF für Leseübungen, endlich einige lateinische Paradigmata. Den 
Schluss bildet die nachfolgende Anweisung. Es sei gestattet, auch 
den rein pädagogischen Anfang derselben hier mitzuteilen. 

[Bl. 35] An die Teutsche Kinder Leermeister bericht. Gleich 
wie man die Ebreische buchstaben also zum ersten gewiß vnd leicht 
kennen vnnd lesen lernet, wenn man jhres nahmens bedeutung ver- 
stehet. Also sol man hie mit den Kindern kindisch vmbgehen, vnd 
zu erst nur einen entzelen Buchstaben fürgeben, vnd sonderlich 
daheim bey den Eltern mit Kreyden auff ein Bretlein oder Tisch 
ffirmahlen, vnd sagen, warumb er den nahmen also habe. 

Alss das a habe erst einen kopff wie ein Circkel. Also, o vnd 
daran ein klein Hälßlein, also /. Wenn das an einander gesetzet 
wird, also a*) so werd es ein a. Vnd sey also genant, das es ein 
Kopff sey, dem Affen abgehawen, als er die Buchstaben nicht lernen 
wolte. Denn mit solchen Fabelwerck mus man die lieben Kinder 
dabey bringen. 

Damach soll man mit den andern vnnd dritten Buchstab, etc. 
auch also thun, biß das Kind sie alle nennen, mahlen, vnd des 



') So das Original, Rollenhagen meinte wohl o/. 



122 

Bildes bedeutung kurtzweilich erzellen kan. Dazu denn beyde 
Sächsische vnd Meischnische namen zu den Bildern gesatzt sein. 

Es gehet aber mit etlichen Nahmen in andern Sprachen etwas 
schwer zu. Alß Hirudo ist Sachsisch eine JhU, yüd reimet sich 
fein auff das «7. Sonst ein Jgel, das auch vom SchweinJgel ver- 
standen wird. 

Das Y nennen bißdaher die Sachsen ein «i, vnd brauchens 
doch im lesen [Bl. 36J für kein & Gallicum. Darumb soll maus 
ein % nennen, wie mans lieset. 

Oculus ist Sachsisch ein Oge^ reimet sich wol zum 0. Aber 
Auge ist weyter dauon. 

Das Caput Bubonis thut es bey denen, die jhn Vle vnd Vhu 
nennen. Aber nicht mit der Eule vnd Schufsauß zum F. 

Zum N haben wir kein bessers, denn die Ente finden können. 
Weil sie niedrig ist, vnd das heupt vornan stutzt. 

Zum S soll man des Rauchs krSmme aus der FewrEse reymen. 

Capra ist auff Sachsisch eine Cege. Darumb gibt das Ziegen- 
horn das C, sonst muß es des Einsiedlers CeUa andeuten. 

Wer bequehmer Bilder erdencken kan, versuche vnnd gebraucli« 
seinen fleiss. Denn das Goropii^) Schlang für ein S, die Sandvhr 
für ein H^ ein auffgethan Buch für ein F, vnd dergleichen Weiß- 
heit, die man in seinen wunderbahren Hieroglyphicis lesen mag, 
wil zu vnsern vornehmen nicht dienen. 

Man soll aber die jungen Kinder nicht auff ein ander Bild 
weysen, ehe sie des ersten vnterscheides silben alle buchstabiren, 
vnd hernach ohne anstoß lesen können. 

Die Sylben aber, Wort vnd Namen, sind nicht allein auff das 
lesen, sondern auff den rechten vnterscheid vnnd laut der Buch- 
staben gemeinet, der bey etlichen Sachsen leicht, aber bey andern 
Volckern in etlichen Buchstaben sehr schwer, oder auch wol vn- 
müglich ist. 

Denn wenn die Franken sollen ein G für dem R im Latein 
außreden, so [Bl. 37] sprechen sie ein JST, alß Kratia Kramatica 
KrtBce, Im Teutschen verkehren sie das K in ein G, also, das sie 
für Klocken, Klucke^ Kutscher, KhrÜingTc^ Kuckuck, sagen Glock, 
Glucke^ Gutscher, Görtlivg^ Guckuck. Sie ziehen auch alzeit den 
folgenden consonantem zum vorgehenden vocale. Vnd machen damit 
offt einen entzeln buchstab duppelt. Als Philofsophus, GratnmaUica, 
Echcho^ S. Fetter, Patter^ Patter Noster. 

Die Meischner aber haben in jhrer Sprach gantz vnd gar kein 
G, sondern wo sie es geschrieben finden lesen sie dafür ein J. Füi* 
Gott giebt gute gaben^ lesen sie, Jott Jiebbet Jute Jaben. Für sagen^ 
tragen, hagen, klagen, Magt, sprechen sie, Saien, Traten^ Hain^ Klain, 
Maid. Im Latein halten sie bisweilen das wiederspiel, setzen für 



') Hieroglyphica Joa. Goropii Becani (enthalten in: Opera Joa. Goropii 
Becani hactenus in lucem non edita. Antverpiae 1580 fol.) pag. 280 ^Latinorum s 
vcl duos serpentes caudis connexos, vel vnum polest referre etc. 



123 

ein J das G. Vt Deus est Gustus, Apud iUum Gtulicem nulla est 
Gusticia. Et contra: Ungua iustat omnia. Für dreyen Garen war 
Gunker Gokim noch ein gunger GunJcer. Darnach halten sie einen 
geringen oder keynen vnterscheid vnter 6, p, w. Item d vnnd t^ 
sagen, das eine sey ein hart, das ander ein weich p oder t. Dar- 
umb schreiben sie Bader für Pater^ Pawer für Bawr^ Bolle für 
Wolle. Vnd beten: Ne nos iniucas in dendateionem. Item: Dua 
est Bodentjsfia. 

Die Sachsen nennen auch das W vnrecht, uhu^ oder duppelt 
V, Man sol es für einen Consonantem lesen, und We nennen. 

Die Westfalen reden o vnd e vnd tz für ein s. Vnd sagen 
für wie sitetu also, wie sißtu: es gilt ein gantz^ also, es gut ein 
ganß. Seh können sie gar nicht außsprechen, gleich wie die 
Ephraimiter nicht konten Schiholeth sagen, sondern [Bl. 37] sprachen 
Sibdeth. Also lesen die Galli: Regina^ Recina, Rczina, all? wir 
lesen Resina. 

Etliche Sachsen lesen für das S ein Z, als Zinnen^ Zalme^ 
Zamwel, Zoffe^ für Simon^ Salome^ Samuel^ Sophia, 

Quidam Brunfuicensis & Hildefiensis ditionis, omnes vocales 
transformant in diphthongos & iiiftice pronunciant. Aie^ beye, ceie^ 
deie, eie, &c. Paateer noosteer^ qui ees in feelis^ Recx^ Voox, amaa- 
miMy Teerra, eerde, peerde^ fweerde. Item: Ihfnenas vabefcam^). 
Aramus. Et qui hoc reprsehendit, plane blafphsemus fcurra effe 
putatur. 

Quod fuum cuique pulchrum est. 

Quidam ita ftudiese abftinent, ne C abs T diuellant, vt Italorum 
more pronuncient Santus cuntator. 

Solche angeborne Idiomata vnd eigene sonderliche arth der 
Nationen vnd lender muss der Leermeister sein vnd bleiben lassen, 
wie er sie findet. 

Die Nachrichten Rollenhagens bezeugen, dass in gewissen Gebieten 
Deutschlands bereits vor dreihundert Jahren dieselben mundartlichen 
Besonderheiten der Aussprache zu beobachten waren, die noch heute 
daselbst begegnen. Was er über den Unterschied zwischen städtischer 
und bäurischer Aussprache und besonders über die diphthongische oder 
circumflectirende Aussprache ursprünglich einfacher langer Vokale 
sowie den Eintritt mehr oflfener an Stelle weniger offener Laute 
berichtet, wird im Zusammenhange einer ausführlichen Untersuchung 
zu verwerten sein. 

BERLIN. W^. Seelmann. 



^) Druckfehler für Damenos vabcscom? 



124 



Niederdeutsehe Fibeln 
des 15. und 16. Jahrhunderts. 



Abgesehen von blos tabellarischen Unterrichtsmitteln sind mir 
nur zwei ältere Lehrbücher, richtig niederdeutsch zu lesen und zu 
schreiben, bekannt geworden, eins v. J. 1532, das andere v. J. 1633. 
Schon der Nachweis ihrer Existenz ist nicht ohne Interesse^), im 
Uebrigen ist aus ihnen leider nicht viel zur Vermehrung unserer 
Kenntnisse zu gewinnen. 

Das wertvollere ist das jüngere Buch, das sich im Besitze der 
Hamburger Stadtbibliothek befindet, zusammengebunden mit einer hoch- 
deutschen *Fibel oder Nahmenbuch' (Gedruckt zu Hamborch 1632. 
12 Bl. kl. 8®). Es wurde also damals, woran auch sonst nicht zu 
zweifeln wäre, in Hamburg auch hochdeutsch unterrichtet. 

Der Verfasser des niederdeutschen Lehrbuches, Heino Lambeck, 
gebraucht die Schriftzeichen 5 und fi zur Bezeichnung der Umlaute. 
In vielen älteren Drucken dient das übergesetzte e bekanntlich nur 
zur Angabe, dass der Vokal lang ist. Eigentümlich ist, dass er, 
abgesehen von Druckfehlern, die er ausdrücklich bittet entschuldigen 
zu wollen, regelmässig durch besondere Zeichen die langen offenen e 
von den geschlossenen langen e unterscheidet. Als Zeichen für das 
offene e dienen ihm zwei darüber gesetzte Punkte oder damit voll- 
ständig gleichwertig ein dem griechischen Circumflex ähnliches 
Zeichen. Die so bei ihm bezeichneten e sind in den nachfolgenden 
Auszügen durch 5 wiedergegeben. Uebrigens entschuldigt er zu Schluss, 
dass öfter durch Druckversehen einfaches e gesetzt sei. Ausserdem 
findet sich dafür I. 

[Titel:] D&eöfdje ®rtt?ograpI^ia. Cefuro: De VOSvbe vnb Xlamen 

gnmbiydl Soccf ftauercn, rcd^t Cffcti vub Sdtvynen. TXlyncn Iceuen Difcipulis, 

ocf allen anfangettöeti €efe: vnbe 5d]rvfffd|6leni; tbo einer rid]ttgcu 

Dnöeru>YJingc, opt forte^e geftelleö vnb tl^om atiöern maljl in Drucf 

gegeuen, VSvdi Heinonem Cambffen; öSrgecn vnb Dor6röenöem Sdjryff : 

4 9 

vnb Äef enmeiftern bev Kercf eti 5t. 3acobi in fjamborg. ^ y y "ß"» ®^' 

öc&rfeö üio fjamborg, in Dorleggingc öes Auctoris. MDCXXXIII. 
(7 Bogen kl. 8.) 

[S. 1] DSrrföe an ^en (ßunfKgen €{fer. (ßOnftige leeue Cffer, 
öcroyle xd offt vnb vaten, nidit allein an Knaben vnb Vflaqbten t>on ^2. ^3. 
on^e mel^r 3af^ren, funöern ocf an ZHannern vnb S^onwen, Dornat^mlyfen 



») Vgl. Edw. Schröder Gott. Gel. Anz. 188«, S. 279. 



i26 

an ben: ie by Sd^oeloorberucm, ^fimp: x>nb Stfimplern, ^ufdicrn vnb 
B5nt)afcn, £}ucS: onb Suöelcrn, in onoröcntlvf^n Dficöfdicn tDincfd: onöe 
Klipfcfjotcn gegotin, vnbe afyw Straffe vnbe 3urcöc, aUerley £;acfema^, 
ocf iia 5cr Carue onb <ßcu;>at{ni)cit C^fen getct^ret, ü^te onbe grott^e TXlangeie, 
bes tociivcn Socfflaucrcn, onbc tl^ofamcii I(feit bcr Sylben gcfunben, vub 
nodt bagelvcf bcfinöe, ocf fo gar groff vnb gan^ Q)qcu\dtyniyten, bat xd 
my pafi entfette 6cf&(utgcn aUt^yr tt^o melöcii, bodi eins tt}oge6cticf en : n>o 
manmgmal{( I^ebbc icf van onSerfdiei&cntlvfcTi [S. 2] mann: t?nö j^utDcn 
perfol^ncn Hagcnb gcIjSrt: 3cf fan n>oI Ijfcn t?nöc fd^rvucn, auerjl icf fan 
Öe i3occff]tauc (öarmit irf erc egeti ID5röe gcbrufc) nictjt rcctjt tlioliopc 
bringen! 

Der ©rfafen Ijaluen, vrxbe fulrfen öagelvcf ü5rgefaDen ZHangelen, in 
etn>e5 vSxtliobnwen, Ijebbe xd mynen leeuen anfangenben £jfe : vnbe 5ci]rYff- 
idtSlevrXf ocf allen, 5e in erer 35gen& Iffen tljo lef^ren Dorfumet, ebbet ocf 
nid?t grunWycf Soecfjlaueren vixb rectjt £gfen gelef^ret liebten, tiio nutte t?nö 
gube, jegentperbiges Soerf vpt forte: onö eintfol&igejie, in etlyfe ipeinig 
Beguten pn5 gemeinen €jempeln, be fe jle&es in geöäcfitniffe bet^olöen 
fSnnen, p5rferöiget pnöe vp ant^oföent pnb begeljren guöer [S. 3J 5rw»ö^» 
porm 3al^r pngefeljr in Drucf gegeuen . . . Dewyle auerf! be £xemplaria alle 
miteinanber diftraheret, pn5e porfSfft, t?ebbe icf öat (Exemplar ipeööer por my 
genol^men, pnö öar yM n5big getpefen, mercflycf en pormel^ret pnöe gebetert .... 

S. 5 — 32 Alphabete (v vor u) in Antiqua, Cursive sowie in 
Frakturschrift, Buchstabir- und Leseübungen. 

S. 33 ff. 5oIgen&e ^6. Hegulen, mSt^ten im Soecfjlaueren pnö tljo« 
famen Iffen öer Sylben mit ffyte in adjt genat^men tperöen. 

^. IDenn im tDoröe tCtpe Stumboecfjlaue by einander ^afyix, fo 
tperben 6ef&(uigen gebeitleb, vxxb be ein tt^o 5er £rften, pn5 be folgende 
tl^o 5er anbern Sylben genaf^men : Hiööer, 2t55er, tDille tper5en alfo Soecf « 
flauere^: Hi5 5er, 215 5er; ipil le, alfo ocf 5^55er, Sd^nigge, (Cuffel . . . 

2. Steit im tt>or5e ein Stumboecfftaff, ttpifct^en (Etpeen €ue5boecf« 
flauen, fo n>er5 5e Stumboecfflaff tl^o 5er an5ern Sylben genat^men, 5er« 
Ijaluen n>er5en 5iffe tt>5r5e : 2t5am, ^bel, I?a5er. 2tlfo recl]t Soecf jiauere5 : 
il bam 71 bei Va 5er, pn5 nicfjt ^5 am 2Ib el Vab er . . . 

Sy 5yffer Begul ys mit flyte in actjt tljonff^men: Dat men n?o ferne 
iö mSgelycf, neen Sytbe alfo €n5e pn5 befctjlute, 5at 5e negePfolgen5e mit 
einen Cue5boecfftaff n)e55er anfange: CDente 5at lu5et liatb vnbe gifft o^ 
ein tjar5 £{fen5.^) 

3. 2Tlit 5en Stumboecfflauen, 5armit men 5e €rfle Sylbe eines 
lDor5es anfange5, mad? men im IDor5e, od wol ein Sylbe beginnen. 3" 
5iffen ID5r5en : Sterue, (Efjrijlus, Sct^epper, Scfjlange, iper5 5e <£rfte Sylbe 
mit f!, dl, \dt, fd^l, angefangen, 5ariimme mag men im tOor5e, mit fulcfen 
pn5 5ergelyfen Soerfflauen, ocf ipol ein Sylbe tl^o Soerfftaueren beginnen, 
5arumme iper5en 5iffe tt>5r5e : (5eftoruen, ^voxd\ext, <ßefci]apeti, (5efci)lagen, 
alfo red^t Soecf jlauere5 : (ße jlor uen, € n>i d^eit, (ße fd^a pen, <ße fd?ta gen. 



^) Beispiele sind nicht beigefügt. Gemeint scheinen Wörter wie ni(g)e, 
vri(g)e, ge(e)Un. 



IM 

3tem: preejlcr, (CrSfler, pfiper, [Bl. 35] fyxlxdtÄt, Kad^elauc, 3ud?c, 

/^. ®n tÖorb, 5at pan (Eu>ccn tt>Sr5cn ttjofamen qe\eüeb, motli mcn 
al\o Soccfjlauercn, &at nccti p5rftanMtcf öei^I tt)orft)ten pii& pnpSrflatiMycf 
gcmafeb voetbe, bavixmme werben öiffc It)5r6e: ©gentrop, Qacrbanö red>t 
y occfftauercö, © gen trojl, ^acr banö, on5c md]t : Ogcnt rofl . . . 

5. Wenn be v vor einen £ucöboccf(laff jlcyt, fo wevb l^e alfe ein f 
gcbru^eb: Vabev, Veet, Vyvbag . . 

6. De c oor einem a, o, u, I, vnb t wevb alfe ein f PtE^gefprafen : 
Caspar, Cornelius ... 

7. tt>enn auerft be c. por einem e eööer i fteit, fo wevb tje a!fe 
ein 3 öoecfflauereö: CecHia, €ucia . . . 

8. Wenn vSt ebbet miööen im Wovbe, be t Por einem i ^eyt, vnb 
negefl bem i ein anöer Cue&boecfjlaff folget, fo toerö be t alfe ein c 
gebrufe^: pontius, (5ratias, ^bfolution . . . 

9. d] wevb alfe ein gelinöe g Ptl^gefprafen : C(^riftus, Ct^riftian, 
Qerlidjeit . . . 

1^0. pii wevb alfe ein gelinge f geljfen: propE^ete, pE^arifeer . . 

\\, Ülotli men be a vnb a e, o vnb 6, u vnb n, redjt pnöerfd^eeben 

letf ren : 

^ane C^^ne. Paber D^ber. 

£euen ifuen. lUcge R^f^e. 

Bot^me B6t)me. Dohen D62>en. 

Kule Kule. l7ule ^ule. 

\2, De babbelten Soecfftaue red^t tt)o gebrufen: 

Kber 2Ibber. Sd^ale SöuaUe. 

Hofe Hoffe. wife roiffe. 

Htber Hibber. fiipe fuppe. 

IDile W'iüe, fopcn foppen. 

\ö. TXiotl] be pn&erfd^eeö bes V vnb W woi in ad\t genal^men tperöen : 

Paget maget. polare wa^ve, 

Pebber mebber. palle maOe. 

P^ber w^ber. ven wen, 

H. lITotl^ men öen €nö: e55er lejlen Soecfflaff einer Svlben woi 

in ad\t njl^men, vnbe beöenrfen: €fft i^ ein Stum e6öer Cue6boecfjlaff ys. 

Sium. £uebb. Stum. £11 ebb. 

fd^ulte fd^Iute. <&arue <&raue. 

Karme Frame. Sd^tnber Sc^ntber. 

Kercfc Krccfe. Käme Krane. 

^D. De Körten pn& Catigeti £ue6boecf jtaue red]t tljogebnif en, ZHercf e : 
lüenn ein Cueöboecfftaff ppm €tiöe in einer Sylben (levt, fo tpert E^e lang 
öoecf jlauereö : (ßaöes, Sabe, Sd^aöen. be, Eje, tLwe, liöe, 5d)ine. 2luerft 
in öer Sy^ben, tperö ein Cueöboerfftaff pp örverley 2lrtlj porlange^. €rft« 
[\fen: Wenn I^e (Croe maE|I gefetteö, fo tperö I^e lang PtE|gefpraf en : 

Stal ftaal. mar maar. 

Blecf Dieecf. beft beeß. 

IPin »Y«» P^^i* P^Y*« 

f^op t^oop. lod loocf. 

3ul buul. t{ur fyxnv» 



127 

(Cliom anbem, wexb ein Cucbbocdftaff lang viiiQe\ptafen, wenn ein 

c barby fievt. 

tTTaii znaen. Sc^ap fd^aep. 

Bil bte(. ftu fien. 

Hocf roecf. foef foecf. 

^ur t^uer. bur buer. 

(Ct^om örfiöben n>erb citi Cuebboecfflaff Dorlangcb, mit bvfettinge eines t) : 

2ln al^n. lam lat^m. 

(Er cl^r. ler lel^r. 

Ktn ftl^n. mtl mtt^I. 

Don bobn. fom fot^m. 

Vt pf^r. tun tt^un. 

Weide 2Jrtlj einem y^ern l^\Twan beleeueb tI)o gebrufen, ftevt em frye. 

^6. CnMyrf, motlj men im anfange ficf beflytigen; £uöe, langfam, 
porftanö: on&e onöerfd^eeMyfen tl^o £{fen, nidjt ein Sylbe oeel ipeiniger 
ein Woxb oorby fd?Iaen: De lefte Sylbe rein vtii\pvaten, by einem Pirgnl 
fS. 40J Punct eböer (Eeefen (alfo HoiPpfben öer Sdjrifft) opl^otöen, firf 
be5encfen toat men Hjl ebbet gelffen trefft. ®cf fd^al men im £{fen bat 
Stote: vwb Stamerenb mybeti, neen IPorö; Sylbe ebber öoecfftajf onn&big 
Cipeemat^I £?fen, onb an ber lejten Sylben neen e ebber 5, mit einem lang 
lubenbem Sd^wanfee jlicf en ebber (gangen, ocf viii bem Cffen neen Singenb maf en. 

5. 40 fF. sind Personennamen, Tauf- und Zunamen, Ortsnamen 
(darunter pameren, Horwjgen; ZTlffelnborg, ^olpeen, 5d?otpenborg, 
lPanbe5b(cf) Namen der ämpter vnb D&twanten (dabei : Stecffoaber, Steeff • 
följn, ^ecrbe, Koljl|erbe, Sd^aepl^eerbe, fjerbergercr, tDfuer, (Ceyelmeifter), 
Hat^men ber (ßelfbe bes Cyues (z. II Secl, (ßSrgel, Cud^trot^r, Bregen, 
(!) örfgenpanne, IDeruel, Sdilaep, DorB^oueb, ©genbrane, ^efyxe, (ßagel, 
Kinne, (ßnirf, (ßolbfinger, Kleenftnger, Cud^taber, ^loetaber, ZTlUte, 5d?meer, 
€ncfel, tCiioen), Haljmen ber Stucfe bes ^ue§gerabes (z. B. Snll, poft, 
(5rinbe(, DSrnfee, Ooetfdjemel, 85ne, Sobbem, Cfgel, öffer, (ßeeter, piumme, 
Itluelberc, £t{ri{lanien, Dobefale, (ßlSycnbefale, Drjuet, 5eue, pumpet, 
pufler, EDeyer, Itefeboecf, 5d)(5yer) usw. 

[S. 66] 5. Den runben o gebrufcb men v$v in ben It)5rben, auerft 
ben apen u in ebber am (£nbe ber ID5rbe: pub, cor, pan, ons. 3efum, 
begrauen, auer. 

6. De y tperb in pnb am ^nbe ber buebfctien IP5rbe alfe ein lang 
i gebrufcb, pnb nxd\t vSt in ben tDirben gefetteb : byn, myn, Ityb, voy, my, gy. 

7. ZHotli men ben a vnb a, pnb 5, u pnb fi jlytig in ad?t nef^men : 
t>nb neen a por einen a, neen por einen 5, pnb neeit u por einen ix 
fetten ebber gebrufen . . . 

[S. 67] Od motlj men neen Soecfftaff in einem IDorbe auerffobigen 
fetten: (Dd nxdtt n. n, by einanber in (Einer Sylben gebrufen, auerft biffe 
beyben lüSrbe : wenn, benn, fo be (Cyb pnb ®rfaf e eines binges erforbern, 
m5gen wol mit nn gefahrenen werben . . 

[S. 70] 3m 2i$ben pnb Sdjryuen tperben pafe (Cwe Sylben ebber 
lD5rbe tt)ofamen gemengeb, pnb pp einmaE)! ptl^gefprafen : barumme fd)a( 



12» 

mcn fo oeel mSgrfvcf pcf bcr forte beflytigen; »erb öerF^aluen red^t gcrföct 
DUO gcfd^rfucn, por: 

3n bat £Juc§ 3nt £}ue§. 

tt}o ber C)uer tt^or ^ner. 

in bem XOe^e im IVe^t. 

ll^ngeb [{ingb. 

ntc^tes iiid^ts. 

gefd^Iagen ^fd^Iagn. 
an bat Cr&ge ^et^ingeb ant <£r&6 gt^ängb. 

t(f bin gefamen tcf bin famen. 

f{e f|eft geg(uen f{e trefft gfuen. 



Eine mehr als hundert Jahre ältere Anweisung lesen zu lernen 
bietet ein kleiner aus nur vier Blättern in 16^ bestehender Druck 
V. J. 1532. (Königl. Bibliothek Berlin Yd 7822.) Der Dniekort 
ist nicht angegeben, doch muss der Verfasser Marcus Schulte nach 
Ausweis seiner Sprache (wol 'wer', a für o in Gade usw.) in einer 
Stadt des Küstengebietes gelebt haben. Viel Belehrung lässt sich aus 
ihm nicht gewinnen. Es mögen die nachfolgenden Auszüge genügen. 

[Bl. la Titel:] Dorflartngc | ber anroifinge, nimlicf \ bes a b c 
mit ftguren, fampt einer for« | te v&vxebe, öord^ ITlarcum Sd^ulte. I 
ZIT. X). XXkxi, 3ar | ^i^ureiicseöels woröt. | 2lUerIeYe minfd)en \\nt tbor 
lere geredet. | (DU, juncf, man, frun>e t?nöe fned^t | Darumme öy"^ o^^» 
tt)o my ^o feren | IPo 5u mult baföe üaten t>nde (eren | De e^bel fünft 
fc^riuen Pn&e lefen | . . . (Es folgen noch drei deutsche und zwei 
lateinische Verse.) 

[Bl. Ib: Vorwort] . . . 3cf t^ebbe in fortuorgangen öagen frfintlifc 
lefer, eine antoiftnge, n5m(icF 5at a b c mit figuren, etlifen gu5en gefeHen 
na erem begel^r, in egener perfonen bat mit tljo öenen, breuestiDtfe ym 
bvnd taten ptt)gt^an, Detx>tle ben bev breue vwbc tsebet fo Pete gemor^en 
fytit, bat fe peUtd^te ocf in anöer lanM vnbe fleöe mSdjten geu5ret pil 
gebrad)t weröen, byn icf pororfafet tpor&en, eine (utteringe pnbe porftaringc 
öer ann:)iftnge (pp Sat flcf nemant öer ö&ncfett|eit tl|o beflagen itebbc) boxdt 
einen biörucf ocf taten ptt^gl^an. 

[Bl. 2a] Dorftartnge &er boecfflauen pnöe filben figuren rtmesipife 
poruatet. 

Tlpe ein öert bem minfdjen euen. 
öene (Et^rifti am Kriifee fynt tjeel gebleuen. 
(Esegen Caban tperen feer frud)tbar. 
Degel öoet offer tt?o fafen gar. 
(£gel am liue fcarp borjlen öred^t. 
(Effet ym Printer tljo famen Ied)t. 
(Seren (Etjrifhis rod I^a^^e nid?t 
ffamer öes fmeöes afgo&e toridjt 
3f^r öordifneöen I^efft 2^\epii& fjerte 
Kate pp öen ffin^er pallen mit fmerte 
£nen land grSte, fettet ficf tt^o nemant 



129 

Cmmcr toaters ein man ^rcd)t in öer l^anM 
fngel ein habe van (Sa^e Dt{^gefan^t 
®re tpert t)oren pn^e nidit ©orftan 
Pefe onöe ftaff Oacobs v'" 3orban 
Kule ^erculis, (El^iron mafeöe voadev 
fBl. 3aJ firtoet öygen rool op warmem acfer 

Sspen hiebet regen ftrf aItY^t 
(Cegel tljo mafen öe&e (ßaöes oolcf Ylyt 
Dien mert me B|5ren in Sabilon 
<£^e an ^en boem geled^t ys fd7on 
®ge llTofi ane Dufterl^eit on&e flecfen 
S^te vnbe iia\en öe bene be^ecfen. 

In derselben Art sind auch die Buchstabenverbindungen ba, ka, 
da usw. je durch einen Vers erläutert. Bl. 3b 4 folgen 20 Regeln, 
wie man die Anweisung verstehen und gebrauchen soll, z. B. 

IL 2TIancf &en ^re vnbe trointid^ boecfftauen, lüeröen etlife lue&t- 
boecfftauen, x>nbe öe anöern mitlu^en&e boecfftaue genomet. 

VII. De namen öer fSften figuren Ijitt) effel, onbe ys ein liodi &u&efd? 
wovbi, bat w\ faffen nomen eppel, wente feine anöer figure ys tl^o mnöen, 
öer namc bat f fo bequemelicf antefen mod]te. 

VIII. Vp be jilbe ia ys öe figure nagebleuen, ioöodj yn bei or&e» 
ninge öer rymen angetefet, bovdi bat wovbt iager (! Der gemeinte Vers 
lautet: 3ager geweibxd}, was TXemvob vot (ßo^t.) 

XI. IDen bn be erfte filbe bes mames ehier juu>elfen figuren allene, 
bat ys bat vootbt I^alff nomeft, fo I^effftu ben boecfftaff eböer plbe einer 
juit>elfen figuren otl) gefprafen, alfe ape, baue, Ijalff, a b bage, fale, 
Mff/ ba ca. 

BKKWN. W. Seelmann. 



Ki«derdeutsch«8 Jahrbuch XVIU. 9 



130 










Zu de s 
Königsberger Pfh 

im Ndd. Jahrbuch X 



Das im Jahrbuch XVII mitgeteilte «j 
namen ist zwar kknn an Umfang, aber di -^ b s.- r« • e« ^ i • » « - . in. 

keiten und seinen Wortschatz höchst 1 | w« ^i llläl?' »II?!?!! 

geber hat bereits aus zwei Besitznotizen ^|.f aSlo S!;?!! aTslS?! m 

Schrift, welche diese Glossen enthält, fPl ig 13 |h fj J^M § 

Besonderheiten der Verdeutschungen n « 1 11^''" '^1 5 Jt ?fl*^^^- K 

Handschrift aus dem nordwestlichen Den S^&a^g'fli^-I hiÜ|?l ^ 

vom Niederrhein; wie jedoch im folgen ol^i^rlfff^S '«'gl'?';» 

die Heimat des Urhebers der Glossen noc 1 5^1 iS^ »3 •!: EÜlSj«: h 
Maas und Sclielde zu suchen, so dass wi 
niederländischer Sprache aus der Zeit de^ 
altfränkischen Standpunkt in den der n 
spräche sehen dürfen. Daher erklärt sicl 
Wert für die Sprachgeschichte, der d 
hundert, Wörtern eignet. 

Der (Miarakter der Glossen ist rein ^^ ^ •► ' ff**! --"••< 

hochdeutscher Lautverhältnisse. Aus e J||« ^lllU « l\ \ 

haben einige Wörter noch volle Vocale ft-f | SHs-i ? tl L 

wie z. B. merha 10, yfopo 53, maäalhom U^l lUlU / |; g^ 

die Mehrzahl solche Vokale zu e abgescluN g;||5 •If^l % j.* 5: 

tümlich mutet an die Unterbleibung der l^^n F* r|Ä# I /? ^t 

in offener Silbe an den Wcirtern clithc jf|| | |%o* [ K U 

derselben wirklich kurz ist. — Hohes A p?f | ^ ff|| | I; . f 

(jh statt g erscheint. Hl^ t ^^53 ^ U It 

Altes ih ist schon zu d geworde qjg-J | f^J^ $ fS- a& 

flcdorn 57; nur ein th findet sich in cli ^ .......... 

Wort dem ags. dithe (nach Sievers in doi i'icitragen zur Gesch. der 
Deutsch. Sprache und Litteratur von Paul und Braune IX, 247 wahr- 
scheinlich mit kurzem Vokal) merkwürdig gleich sieht. Mndl. und 
noch westflämisch heisst diese Pflanze clessc, clisse, seeländisch (nach 
Kilianus Duftlaeus) kl Ute, und nndl. gelten Bis und klit. Ueber die 
Lautung dieses clitke, und ob es dem Misse oder dem iZr^^e entsj)riclit 
oder eine dritte selbständige Form darstellt, wage ich keine Ver- 
j^utung. — Erdbeirhlat 42 hat am Ende bereits nach mndl. Aus- 
lautsregel t statt d, während rid H, erd- 41 f., mdquid GG noch die 
Media zeigen. — h und c wechseln in der Schrift, wie auch in der 
des späteren Mittelalters; aber dmmin 30 mit c vor i ist sehr auf- 






H 






a 



181 

fällig, da man nach miidl. comijn^ nndl. komijn doch die Aussprache 
kimmin annehmen muss. Auch das doppelte m befremdet. Sollte 
etwa cumini zu lesen sein? Im Auslaut wird stets c gebraucht: loc 
5. 11 etc. — Sc steht noch fest, an-, in- und auslautend, auch vor c: 
scelworte 19, fcafbife 24, lisc 50, lovefca 70, colfcot 11, Im Adjektiv- 
suffix -esc kann c schon abfallen: Romef col 16. — Das tonlose alte 
f beginnt dem tönenden e im Inlaut zu weichen: neben zweimaligem 
bife 17. 24, neben yfopo 53, [h]afelnote 5(5, mufeke 74 ist be£fe 25 
und zweimal biee 54. 91 geschrieben. — Anlautendes h findet sich in 
hundehlome 33, es fehlt in anep 23, afelnote 50 und in erfminte 79, 
fälschlich steht es in mushore 84. Diese Unsicherheit im Gebrauche 
eines h im Anlaut ist ja bei altdeutschen Schreibern nicht so ganz 
selten anzutroflfen, war aber wohl nirgends mehr zu Hause, als in 
solchen niederfränkischen Gegenden, wo man kein h mehr sprach; 
w^ie man denn annocli heutzutage fs. Jellinghaus, die Niederländischen 
Volksmundarten S. 113 {$ ^>7) in Seeland, in Flandern und im süd- 
westlichen Brabant den Hauchlaut gar nicht kennt, wenngleich man 
den Buchstaben richtig in der Schrift zu setzen in der Schule lernt. 
Dass die Pfianzenglossen aus jenem westlichsten Gebiete deutscher 
Zunge stammen, werden wir nachher durch andere lautliche und 
lexikalische Erscheinungen bestätigt finden. 

Was der Herausgeber über die Nichtbezeichnung des Nasals in 
hife, bisßj in madalhom 55 und mecapT 94 sagt und daraus folgert, 
scheint auf Missverständniss zu beruhen. Der Nasal n konnte im As. 
ausfallen vor 5, (! und /"; in madcd müsste er aber vor d und in 
mrcop^), da dies Wort aus me und cop zusammengesetzt ist, am Ende 
des Bestimmungswortes abgefallen sein. Uebrigens sind in obiger 
Liste vergessen beze 25 und gigeberre 4(). Es kann nun gar keinem 
Zweifel unterliegen, dass in madalhom und gigeberre der das n bedeutende 
wagerechte Strich bloss verselientlich unterblieben ist, da alle germa- 
nischen Dialekte in den beiden Wörtern ein n haben. Mit hize^ beze und 
tnrcop hat es aber eine ganz andere Bewandtniss, wie sich ergeben wird. 
In den Vokalverhältnissen begegnet mehreres, was auf den ersten 
Blick dem mndl. Vokalismus zu widersprechen scheint. Für bivot 2 
erwartete man hivoet, für hundeblome 33 hondehloeme^ für ribbe 62 rebbe^ 
für minte 79 mente. Allein da die Vokale, welche hier die Glossen 
bieten, nur einem älteren Sprachzustand angehören*), so lassen sich 
jene Wortformen niclit als dem niederfränkischen Lautsystem wider- 
sprechend bezeichnen. Für (erfe)minte reicht allerdings dieser Grund 
nicht aus, da es nicht aus jy-ivO/;, sondern aus lat. menta entlehnt ist 
und ndl. stets mente geheissen hat. Eigen ist auch, dass mndl. ie 
durchweg als i erscheint: rid 8, viermal bife 17. 24 oder bize 54. 91, 



^) Ich schreibe hinfort statt mecopl so, da ich gleich dem Herausgeber mit 
dieser Form nichts anzufangen weiss, dieselbe aber sicher ein mecop voraussetzen 
lässt. ') Noch im 12. Jh. findet sich meist -dune statt -donk in Ortsnamen; auch 
die Schreibung op. für altes 6 scheint erst gegen 12(X) aufzukommen ; bivot ist ferner 
aus bibot hervorgegangen, dessen ö aus au verdichtet ist. 

9* 



132 

melquid 66. Nur einmal steht die mehr sächsische Form beee 25 
statt biee. Lisc 50 ist zweifelhaft, da heide Formen, die mit ie und 
die mit i gut niederländisrli sind. Mire 47, dem ein sächsisches mire 
entspricht, hat langes i und die spätere Form miere ist zu beurteilen 
wie gier (Geier), gierich (gierig), miere (Ameise), spiere (Spitze), S2)ie' 
. ring (der Fisch), vieren (feiern) statt ursprünglichem .^^fir u. s. w. ; s. Franck, 
Etymologisch Woordenhoek. Das i jener oben genannten drei Wörter 
steht dagegen für älteres iV, und soh^hes i für ie ist, wie die 
Namen in Urkunden darthun, im 11. und 12. Jh. gar nicht ungewöhnlich 
gewesen, in Namen, wie z. B. Thiderik^ schon viel früher. Man scheint 
sich danach erst im 13. Jh., bei der Ausbildung der mndl. Litteratur, 
wieder auf den alten Unterschied von i und ie besonnen zu haben; 
aber die Aussprache wird, wenngleich die beiden Vokale selten mit 
einander reimen, doch wohl die gleiche eines langen i gewesen sein. 
Was den Umlaut betrifft, so finden wir e für a in daunetcla 83 
und im Fremdwort kervele 32, ei in eräbeire 41, erdbeirblat 42. Solches 
ei für e findet sich in ndl. Dialekten, besonders vor r nicht selten: 
dass es in Handschriften aus Flandern und den angrenzenden Gegenden 
häufig vorkomme, bemerkt Franck, Mittelniederländische Grammatik 
§ 80. — Dass ä im Ndl. nicht umgelautet wird, ist bekannt. ^Doch 
finden sich nicht selten auch Spuren des Umlautes und zwar wie im 
Md.^ (und im Ndsächs.) „als e^ diese Erscheinung gehört besonders 
dem Limburgischen und Brabantischen an" ; Franck, (}r. § 39. Danach 
liegt am nächsten, das e in mecop 94 als durch den vokalisierten 
Guttural bewirkten Umlaut des ä anzusehen; denn ahd. mago und 
mhd. mage werden allgemein mit ä angenommen, als dem griech. [xr^xcov 
und dorisch. |7.äxo>v entsprechend. Osthofi' hält gar mägo für ein vor der 
ersten Lautverschiebung übermitteltes Fremdwort ; s. Beiträge zur Gesch. 
der Deutsch. Sprache und Literatur, hrsg. v. Paul und Braune, VIII, 261. 
Wackernagel ist der einzige, welcher den Stammvokal bestimmt für 
kurz erklärt: „wa^e, mahe^ ahd. mago, schon mhd. mein, mon, zsgz. 
aus mahan''^ sagt er in seinem Altdeutsch. Handwörterbuch S. 188. 
Lexer, Mhd. Handwb. I, 2005, macht für die Kürze des Vokals mit 
Grund geltend, dass elsässiscli der Mohnsame mageföme und magefot 
heisst und nicht mögeföme^ mögrföt. Vielleicht lässt sich auch nndl. 
mankop neben maankop daher erklären. Also ist mago^ mage zu schreiben 
und die Länge des Vokals ist erst in man durch Contraction von mahan 
zu m«aw, man entstanden. Demnach wird auch in mecop kein Umlaut 
e von d zu erblicken sein, sondern 6 -Umlaut aus 8. Dafür zeugt 
nämlich auch, dass nach De Bo, Westvlaamsch Idioticon, meekop ^met 
zware ee^ gesprochen wird, also mit franz. e wie in pere oder ai wie 
in elmire (S. G78 und 280). — Unter denjenigen Glossen, in welchen 
Umhiut des a nicht stattgefunden hat, ist radic 95 zu bemerken. 
Hd. ist ratih überliefert, aber ndsächs. kennen wir nur rcrftfe, und 
im Ndl. ist das W^ort schon im Mittelalter durch radijs verdrängt 
worden. Dieses radic ist meines Wissens der erste Beleg einer für 
rcdik vorauszusetzenden älteren unumgelauteten Form. 



133 

Prüfen wir mm den Wortjüjehalt der Olossen, so ist zunächst 
gegen den Herausgeber einzuwenden, dass er eine Anzahl Ausdrücke 
als sonst nnl)elegbar mit einem Stern versehen hat, die auch sonst 
vorkommen, dagegen bei anderen den Stern zu setzen unterlassen hat, 
von denen ich wenigstens keine Spur habe finden können imd ver- 
muten möchte, dass sie nicht nachgewiesen sind. Zu jenen rechne 
ich z. J3. kuJcucJcesloc 5, davere 27, hwndeUome 33, paftanaca 35, papla 75. 
zu diesen ceuescion fcuifun 36, moyfika 74. Cuccucfilooe haben die 
(iloffae Trevir. in Hoffmann's Hör. Belg. VII oder l)ei Diefenbach 
(j|. 10() für cucumer\ hd. weist Diefenbach das Wort aus drei Glossaren 
nach als Uebersctzung von alleluia, also wie in den Königsberger 
(ilossen; imd für acetofa bietet cuccuheslof das ndd. Gl. 22 bei Diefen- 
bach, mit der häufigen Vertauschung von löf und 16c, Hunde- (oder 
hundes-) blome ist auch sonst belegbar, freilich nicht als Glosse von 
caniamiUa, sondern von amarisca Ztsch. f. Deutsche Phil. IX, 198, 
amarusta bei Diefenbach; aber im Garden der Suntheit wird (nach 
dem Mndd. Wb.) hundehlome docli wenigstens für die Hundskamille 
gebraucht im Gegensätze zur lamellenhlonie^ der echten Kamille. Aller- 
dings fällt bei mehreren Glossen auf, dass der lateinische Ausdruck 
anders glossiert wird, als in den meisten Vocabularien des späteren 
Mittelalters und dass diese das in den Königsberger Glossen verwandte 
deutsche Wort zu einem verschiedenen lateinischen Pflanzennamen 
bringen, eine Erscheinung, deren Verfolgung durch die Glossen eine 
behufs einer Geschichte der Botanik wichtige Aufgabe für einen botanik- 
kundigen Philologen oder einen sprachkundigen Botaniker wäre. Aber 
diese Abweichung zwischen älterer und jüngerer Nomenclatur scheint 
der Herausgeber bei dem Zeichen des Sternes nicht im Auge gehabt 
zu haben, wie z. B. daticus paftanaca 35 zeigt, denn Nr. 74 bei Diefen- 
bach giebt daucus paßernag; oder malva papla 75, wie ahd. papula, 
as. pappila, wie die Glossen bei Diefenbach s. v. malva, und Corn. 
Kilianus Dufflaeus unter pappel beweisen. Diese Pflanze heisst west- 
Hämisch noch päppele oder pappel. 

Zahlreich, wie überhaupt im botanischen Sprachschatz des 
Deutschen, sind auch unter diesen Glossen die dem Lateinischen ent- 
lehnten Wörter. F^ine solcher Glossen, glaube ich, lässt sich durch 
eine wenig andere Lesung richtig stellen, das wunderliche ceuescion 
seuifon 36. Beide Wörter sind unbesternt geblieben, doch bezweifle 
ich einigermassen, dass sie sich sonst werden belegen lassen. Ich 
vermute, dass cenescion und etw^a fcinfun oder fincfun oder fenifun 
zu lesen ist; vgl. finkfoen, fingfoen^ kruiskruid, fr. fenegon, lat. fenecio 
bei De Bo, Westvlaamsch Idioticon, und finkfioen im Aardenburger 
Dialekt (Noord en Zuid II, 321). Die Endung des Wortes zeugt dafür, 
dass es nicht direct aus dem Lateinischen, sondern aus dem Romanischen 
entlehnt ist. Ebenso steht es mit ce2)e uniun 22, zu dem der Heraus- 
geber oinjun aus dem Gloff. Bernenfe oder Dief. Nr. 99 vergleicht. 
Franck giebt zum nndl. ajuin die mndl. Formen aiuun, oiuun^ oniuun, 
aioen^ die nfläm. ajoen^ anjoen. Das uniun kommt noch sehr dem lat. 



134 

unio nahe, inuss aber, so gut wie engl, onion^ wegen der Endung aus 
afrz. ognon stammen. Porrum poret 86 entspricht nicht dem franz. 
poireau, porreau, sondern einem pore, statt dessen aber pwee gilt, 
it. parrata ; engl, porret stimmt zum poret der Glossen. Als westtiäm. 
giebt De Bo poret^ parety pret neben porei, prei an. PetroßUnum 
perfeie 87, jetzt westfläm. perfelle^ ist das franz. persil, Salvea folge 1)8, 
früher westfläm. failge, jetzt feldje^ kommt mit franz. fange überein. 
Libiscus lovesca 70 : franz. liveche, leveffe, ndl. bei Kil. Dufflaeus levefche, 
livefche^ bei De Bo lavaf(se)y auch nndl. lavas neben luhbeftok, in 
Brabant nach Nemnich's Polyglotten-Lexikon der Naturgeschichte lavetfe. 

Gleichfalls ein Fremdwort ist bove^'ella 63, doch scheint es nicht 
dem Französischen entlehnt zu sein, welches dafür coquerct hat, nach 
Nemnich auch coquerelle, dessen Endung zum deutschen Worte stimmt. 
In den übrigen romanischen und in den slavischen Sprachen weichen 
die Ausdrücke für diese Pflanze völlig ab, nur das Tschechische hat 
hohorelka. Bei Diefenbach sind hd. boborell, boberell und ndd. boberelle 
unter boborella, dann nhd. boberellen, boborellen unter halicacabum und 
im Nov. Gioff. alkekengi = boberellen aus dem Hortus Sanitatis ver- 
zeichnet. Nemnich hat unter Phyfalis alkekengi ausser boberellen auch 
bocJcerellen, was eigen an coquerelle anklingt. Im Nndl. scheint kein 
baverelle vorzukommen. Die Identificierung von boverella mit labrusca 
im Königsberger Glossar beruht wohl nur darauf, dass beide Pflanzen 
Beeren tragen. 

In Erwägung der ans Französische mahnenden Pflanzennamen 
erscheint baia 15 als Uebersetzung von bacca luibedenklich, obschon 
der Herausgeber unschlüssig ist, ob er nicht beira lesen soll. Es 
lässt sich für französischen Ursprung das ai geltend machen. Ein 
beia würde dagegen als deutsch angesprochen werden müssen; denn 
im Friesischen findet sich ein solches Wort für „Beere": westfries. 
bey, f. in Epkema's Woordenboek op de Gedichten van Gijsbert Japicx; 
ostfries. beye in Cadovius-MüUer's Memoriale linguae Frificae, hi*sg. 
V. L. Kükelhan, S. 34, und bee bei Stürenburg, Ostfr. Wb., S. 12. 1*25 
und 349, und bei ten Doornkaat Koolman, Wb. der Ostfries. Mundart 
I, 134; ditmars. beie in Ziegler's Idioticon Ditmarficum (in Richey's 
Idiot. Hamburgenfe, 2. Aufl. S. 406) ; nordfries. bei bei Johansen, Die 
Ndfrs. Sprache nach der Föhringer und Amrumer Mundart S. 100; 
und bäi bei Bendsen, Die Ndfrs. Sprache nach der Mohringer Mundart 
S. 131. An der Deutschheit dieses friesischen Wortes ist wohl nicht 
zu zweifeln; allein ob wir es in jenem baia finden dürfen, unterliefet 
dem oben geäusserten Bedenken. Und dass franz. baie oder baye nicht 
etwa aus dem benachbarten Friesischen entlehnt ist, das lehren span. 
baya^ port. baga und die lat. Nebenform von bacca : baca^ aus welcher 
nach Diez, Grammatik der Roman. Sprachen, 4. Aufl., I S. 257 die 
romanischen Wörter sich regelrecht entwickelt haben. Ob das franz. 
baie im nndl. bei steckt, das nur in Zusammensetzungen wie aardbei 
(Erdbeere) gebräuchlich ist, dünkt mich sehr fraglich, einmal wegen 
dieses eingeschränkten Gebrauches und dann weil das Wort bei im 



135 

Südndl. nicht vorzukommen scheint. Kilianus Dufflaeus hat im 
Etymologicum (Ed. 3, 1599, Antwerp.) haeye und heije als fläm., holL, 
Ines. = hefie^ acinus, giebt aber keine Zusammensetzungen damit, 
sondern nur solche mit hefie. Der Kilianus Auctus von Potter (Amster- 
dam 1G42) hat die Artikel haq/e und beye beseitigt! Und De Bo, 
Westvlaamsch Idioticon (1873) kennt nur noch be/se für nordndl. bejsie, 
hes oder -bei. Somit werden die 6et-Zusammensetzungen im NndL aus 
den friesischen Dialekten von Nordniederland stammen. Was die 
Herkunft des Aardenburger Ausdrucks beijor^ f. für kruisbes, Stachel- 
beere (Noord en Zuid II, 312) betrifft, so möchte eher berie (vgl. erd- 
beire im Königsberger Glossar) darin zu suchen sein, als baie oder 
hie; im Mndl. bestand bere neben bese und Kilianus kennt es noch 
als beere und beyre, wenn auch nicht mehr als gemeinndl. 

Unter den deutschen Pflanzennamen der Glossen sind einige, die 
eine Besprechung verdienen. Afidula furcle 6 stimmt zu ndl. eurhel^ 
mndl. furkel^ fuyrkel, einem wegen seiner Bildung bisher schwierigen 
Worte. Für Sauerampfer finden sich sonst die in ihren Suffixen ganz 
verständlichen Bildungen füre, füreke oder fürJce und füring. Dagegen 
wäre ein furkele mit k- und mit Z-Suffix höchst auffallend. Die Königs- 
berger Glosse scheint mir das Bätsei zu lösen: surkel ist aus zuur-kle 
entstanden und entspricht genau dem hd. fauerklee. Man wird ein- 
wenden, dass für kle im Ndd. klever oder kldver gelte. Diese ver- 
breitete Ansicht ist aber falsch. Das Nddtsche besitzt sowohl die 
einsilbige wie die zweisilbige Form. In Diefenbach's Glossarien 
begegnet uns aus ndd. Quellen: cliton, herba^ cle 47. 85; mellüotum, 
cle 24 ; trifolium „nd. cle'\ cleblat 97 (ndrhn.) u. de, drebledere 38. Das 
ndd. Colmarer Pflanzenglossar im neunten Bande der Ztschr. f. Deutsche 
Piniol, bietet S. 201 No. 230 cliton cley und S. 206 No. 570 pifgajnus 
cley, Kilianus Dufiiaeus giebt klee als Synonym von klaver nicht bloss 
für das Deutsche, d. i. das Hd., sondern auch als sächsisch und 
sicambrisch, d. i. nach seiner Erklärung in der Vorrede soviel als 
geldrisch, clevisch und jülichisch. Im Valentin und Namelos kommt 
das Wort an zwei Stellen vor, in Seelmann's Ausgabe 947: dat Hot 
den gronen kle bevlöt nach der Stockholmer Hdschr. (de), während die 
Hamburger liest: dat dat blot dor den clever vlot; und 1G29 im Reim, 
also unanfechtbar : de roß'e rorden dar den kle (in beiden Hdschr. : de 
rofe, d. h. das im Kampf vergossene Blut, rorde dar den cle). Ebenso 
im Reim: her Salomon wand den aloe in deffen Crantz myt grünem klee ; 
Marien Rosenkranz 235 im Ndd. Jb. VI S. 107. Desgleichen hat 
auch H. van Veldeke kle im Reim; in Ettmüller's Ausg. S. 5 oder in 
Minnesangs Frühling S. 58. Klee dauert auch noch, so nach Scham- 
bach im Göttingschen als klei^ während im Grubenhagenschen Tdever 
oder kleber herrsche ; nach Woeste im Westfälischen neben klaver auch 
kle. kleblaume usw., im Paderbornischen klegg.^) Diese Formen Mei 

*) Die von Frisch Wb. I, 522c und danach von Hildebrand im Grimm'schen 
AVb. V, 1059 beigebrachte Stelle aus Hamelmaun's Oldenb. Chronik enthält nicht 
kley statt kUe, sondern meint kley die Erdart, den Schlamm der Gräben. 



136 

und Megg beweisen, dass an keine Entlehnung aus dem Hd. zu denken 
ist. Die Glosse furde und Veldeke's Ide bezeugen, dass auch im 
Andl. Me neben kläver bestanden hat. Wenn nndl. eurkvl ein Feminin 
ist, während Tde ein Masculin, so mag das daher rühren, dass furche^ 
ein Feminin, das nicht mehr als Compositum fur-kle, sondern als 
Simplex furhele aufgefasste Wort beeinflusst hat. Umgekehrt ist das 
ndsächs. klever, kläver jetzt masculin, während es ursprünglich feminin 
gewesen sein muss, wie aus dem ags. Feminin clafer oder clrrfre 
(Plural clmfrä) und aus dem nndl. Feminin kläver gefolgert werden 
darf; hier wird der Umstand, dass die meisten Substantive auf -er 
Masculina sind, die Abweichung hervorgerufen haben. Dass sie bereits 
im Mittelalter stattgefunden hat, lehrt das dar den clever der Ham- 
burger Hdschr. des Valentin und Namelos. Doch galt damals auch 
noch das Feminin: dat dot ok yferhart unde claveren^ heisst es im 
Gothaer Arzneibuche Fol. 171a. Dies claveren^) kann nur Plural eines 
schwachen Feminins clavere sein, und dieselbe Form im Sg. finden wir 
in den Königsberger Glossen: cüifus clavere 27. Aber nicht nur der 
Beleg der vollen Form ist bei dieser Glosse bemerkenswert, sondern 
das Wort ist an sich ein wichtiges Zeugnis, weil kläver sich bisher 
nicht im Mndl. hat finden lassen, sondern erst im älteren Nndl. 
(s. Franck, Etym. Wb. Sp. 453). Franck hält das Wort für aus dem 
Friesischen stammend. Hier jedoch bietet es uns ein Sprachdenkmal, 
welches nicht friesisch genannt werden kann; und dasselbe Wort ist 
auch heutzutage noch gut südndl., gilt daneben in mehreren eigentüm- 
lichen Zusammensetzungen für verscliiedene Pflanzen, hat selbst eine 
Suffixbildung klaverij (Kleefeld) veranlasst. Der Vocal ist allerdings 
gleich vielen afrs. ä aus ai hervorgegangen, allein darum möchte ich 
clavere noch nicht für ein friesisches Wort halten, sowenig wie nds. 
kläver oder die md. Form clabir in Eberhard's van Cersne Minneregel 
4298. Es rührt aus einer früheren Lautenwiclcelung fränkischer und 
sächsischer Dialekte her, welche seit der Ausbildung der mndl. und 
der mndd. Schriftsprache nur von den Friesen und einigen ihnen 
benachbarten Teilen jener beiden Volksstämme festgehalten worden 
ist; vgl. Hansische Geschichtsblätter, Jgg. 1873 S. 163 ff'. Die alter- 
tümliche Bildung dieses W^ortes mochte um so leichter unverändert 
dauern, wenn der Zusammenhang mit kU dem Bewusstsein entschwunden 
war. Mit diesem Synonym wird es aber zusammenhängen als ein mit 
ihm componiertes Wort; s. Kluge, Pitymol. Wb. unter „Klee". Bei 
der Aehnlichheit der Kleeblüte mit einer „Beere" liegt nahe, dies 
Wort in dem zweiten Teile von clavere zu sehen und den Ausdnick 
als ursprüngliche Bezeichnung der Blüte und nicht der Pflanze zu 
fassen. Nun ist freilich got. 6a/?, ahd. beri und meist auch mhd. bcr 
ein Neutrum, wahrscheinlich auch das as. winberi (Plur.) Aber im 
Mndd. scheint ein schwaches Feminin bere allein gebräuchlich zu sein ; 



*) Wenn ich van Dale (Nieuw Woordenboek der Nederlandsche Taal 1874) 
recht verstehe, gilt nndl. Plur. kläver en speciell vom rolklaver^ Schotenklee, Iotas L. 



137 

höchstens könnton einif^e Glossen, wie hrummeUfpr, liejßdelheyr, morfjer 
als Neutra zu fassen sein. Vermutlich ist aueh das erdbeire 41 feminin, 
(las folgende erdbeirUat würde nicht dagegen sprechen. Auch das ags. 
herie berige^ woher engl, herry, ist ein schwaches Feminin. Ob sich 
aber in der Entwickelung vom Ntr. zum schwachen Fem. eine Mittel- 
stufe eines starken Fem. und die Verwendung desselben zur Bildung des 
in Rede stehenden Compositums denken lässt, wie ich glauben möchte, 
oder ob nicht, das müssen des Altdeutschen Kundigere entscheiden. 

Eigentümlich wäre in (llosse 20 carim mure, falls carica als der 
altlat. Ausdruck für getrocknete Feige zu fassen ist, die Vertretung 
der Feige durch die Maulbeere. Am nächsten liegt sonst noch dem 
Laut nach das mndl. mure, nndl. muur und murik, frz. mouron, und 
indertat findet sich bei Diefenbach cariciim zweimal durch den Namen 
einer Blume, aber einer anderen, nämlich golfwurcZy glossiert. 

Biblus hife 17, cirpus heze 25, iunctts biee 54, pitpirus bize ül. 
Die latein. Wörter verbürgen, dass viermal derselbe PHanzenname 
{^(»meint ist, das nndl. biege oder hies. In Norddeutschland kommen 
beide Fonnen Mfe und befe (beife) vor, gleichbedeutig und nur nach 
dem Dialekt verschieden. Dasselbe Verhältnis wird in diesen (flössen 
stattfinden. Für carix 24 wird die Zusammensetzung fcafbifc als 
(flössen gegeben, ein sonst bis jetzt nicht nachweisbarer Ausdruck, 
aber ohne Zweifel ein Synonym des nndl. fchanfgras und fchaafstroo^ 
engl, fhavpgrafs. ndd. fchafrufch und fchafrifch^ bei Gherard van der 
Schueren (Theutonista) fchafriet, lat. equifetum, hd. Schaftheu und 
Schachtelhalm, Pflanzen die zum Schaben behufs Reinigung von 
(»efässen und Polierens von Gegenständen verwendet werden. 

Edera drefva 88 und erucus walric 3^ sind zwei Glossen, welche 
wieder die Herkunft des Verzeichnisses bestimmen helfen. Es ist mir 
wenigstens nicht möglich g(*wesen, sie irgendwo anders aufzufinden, 
als in De Bo's Westvlaamsch Idioticon: dreefetn, m. glechonia hedera- 
cca L., fr. lierre terreftre, herbe de St. Jean, rondeleUcy terrete; und 
tcalderik, wolderik, m. raphanus raphaniftrum L., fr. ravenelle. 

Fungus banet 44. Die Anmerkung des Herausgebers, dass fungus 
im Mittellateinischen auch die Bedeutung von vetus pannus habe, trägt 
nichts zur Erläutenmg bei. Man denkt zunächst an lat. boletus, frz. 
bolet, ags. bulut, bolot, ahd. buliz, mhd. bülee; allein daraus kann es 
schwerlich entstellt sein. Am nächsten kommt das Wort dem altsächs. 
banut, fomes, Zunder; ja, es muss dasselbe Wort sein, denn der 
Schwamm, welcher an Bäumen wächst, diente wohl von jeher, wie 
noch heute, als Zündstoff. Interessant ist das Ablautsverhältnis, in 
welchem banut, banet zu as. binut (in Ortsnamen, ausserdem das Adj. 
binittn, scirpeus), ags. beonet, engl. nndl. nndd. bent, ahd. binuz, mlul. 
bincjg, binz, nhd. binfe stellt. Dementsprechend wird eine Begrift's- 
v(»rbindung obgewaltet haben: vielleicht gab die Verwendung des 
Markes der Halme der (Gattung juncus zu Dochten in den Lampen 
Anlass zu der Benennung; biese, bese möchte dagegen vielleicht sich 
mit scirpus decken. 



138 

Jusquiamum Mne 52. Ebenso bei Diefenbach : jusquiamum, nd. 
hclne in den Sumerlaten, und caniculata, nd. belne Sumerl. VII; ags. 
helonae, heolone =. fymphoniaca^ laterculum. Bosworth giebt als ags. 
hclene^ heolone, belune. Kluge, Etym. \Vb., unter 'Bilse', hat ags. beolene 
und setzt als gemeingermanische Grundform hrluva an. Dieser Aus- 
dnick scheint früh anderen Ableitungen aus derselben Wurzel gewichen 
zu sein: Franck, Etymologisch Woordenboek Sp. 102, giebt als nmdl. 
heize und beeide an, nndl. herrscht die erstere dieser beiden Bildungen 
im Compositum bihetikruid. Im Mndd. gilt, neben bilfe und bilre 
(vgl. Dähnert, Wb. der Pommersch. und Rüg. Ma. : hillerkruud)^ vor- 
nehmlich die Form büle^ zu der wohl das ags. hen- oder henneMle 
(engl, henbane^ also Hennengift ^); nach Bosworth auch noch henbell) 
zu stellen ist. Ob dies besondere Bildungen sind oder ob belnCy bilne 
zu hclle^ bille assimiliert ist? 

Lactarides melquid 6(). Das deutsche Wort ist sicher in melc- 
wid zu zerlegen. De Bo: mclhvied^ ntr., hetzelfde als niclkdiftel, dui- 
diftel, konijnekruid^ fonchus L., fr. laitron; fotnmigen geven deeen naam 
aan de moHifalade^ fr. pissenlit (leontodon taraxacum). In letzterem 
Sinne ist melkwiet^ ntr., in Aardenburg im Gebrauch = nndl. paarde- 
bloem; s. Noord en Zuid II, 312. 318. Van Dale, Nieuw Woordenboek 
der Ndl. Taal, hat als dialektisch ^^mellewijt (melkwied)^ ntr. melkdistel.*' 
Engl, milkweed bedeutet Wolfsmilch, euphorbia. Alle drei Püanzeu 
sind durch ihren milchartigen Saft ausgezeichnet. Wid ist = as. toiodj 
ags. weod. Unkraut. Nicht dieses Wort, sondern widu (Holz, Baum, 
Wald) scheint in ligustrtini widebinde 69 enthalten zu sein. Dafür 
spricht nicht nur, dass ndd. das Wort stets wedewinde und nie wcedc- 
oder weide- und u:i(e)dewinde heisst, sondern vor allem dass es ndl. 
gleichlulls wedewinde (nicht wiede- oder icicdivindc) lautet und ags. 
wudubind, touduwindc^ im Catholicon Anglicum v. J. 1483 wodde byude 
(terebintus), engl, iioodhind^ woodbine, also die Pflanze, welche den 
Wald bindet oder den Baum umwindet; s. Regel, Das mndd. Gothaer 
Arzneibuch im Gothaer Progr. 1873 S. 23. In widebinde wäre dem- 
nach die mndd. und mndl. Brechung des Vokals, die in afelnotc, 
wrga(breda)^ (ften)hrcca bereits stattgefunden hat, noch nicht ein- 
getreten. Die Verwendung von binde statt winde zeigt ausser dem 
Ags. und Engl, nur die Königsberger Glosse, doch bewahrt die ndl. 
Volkssprache nach van Dale's Angabe ein Ueberbleibsel davon in 
binde für akkerwinde; so auch speciell das Flämische, nach De Bo 
unter „bowinde^).*' Wenn das von Bosworth auch gegebene ags. 
tceodbinde gute Begründung hätte, so Hesse sich, angesichts der Eigen- 
tümlichkeit der Königsberger Glossen ie durch i auszudrücken, für 
widebinde auch an eine Zusammensetzung mit wiod denken; im Eng- 
lischen besteht ein umgekehrtes Compositum bindweed für 'Winde'. 

') Den gegenteiligen Sinn hat mndd. hennebilf engl, henbü, Hühuerbiss^ 
morsus gallinae. ^) Nemnich giebt für convolvulus arveusis auch den dtscfa. N. 
bedewinde; das könnte aus wedebinde entstellt sein. Woher aber fläm. b<h oder 
bawinde ? 



139 

Für die Deutung von udd. ndl. wcdrtcinflc, au. viivindiV, engl, wlth- 
teind, tcithiwind könnte etwa gar ndd. ndl. tvede^ an. t/d, ags. vidde, 
Uand, Fessel, herangezogen werden ; ob für widehindc, scheint zweitel- 
luift, da die Bildung tautologisch wäre; freilich giebt Bosworth auch 
ein, zwar durch den Kompositionsvokal bedenkliches, ags. tvcodobend 
liw und engl, withebivd, ebenso Benson weodohend, convolvulus. 

Schwierig ist die Glosse moyfika mufeke 74, wegen des lat. Wortes, 
das sonst nicht vorzukommen und fast erst aus dem Deutschen gemacht 
zu sein scheint. Mttfica wufeke der ndl. Gloff. Bernenfes (Dief. No. Du, 
Hoffniann Hör. Belg. VII No. 1) meint trotz des Mndd. Wbs. offenbar 
dasselbe. Spätere ndd. Glossare (s. Mndd. \Vb. und Ztschr. f. Dtsch. 
Philol. IX S. 205 No. 4G8 und 479) haben mufeJce als Verdeutschung 
von meUilotum und menta. Mit dem altndl. Worte ist sicher nicht 
das Mäuseöhrchen, mndd. mufekenore^ gemeint, da dieses als püofella 
mushore hier Z. 84 sich findet, noch auch Moos, ndd. ndl. »mos, da 
72 muscus mos steht und der Vokal qualitativ und quantitativ ab- 
weicht, wenn, woran nicht zu zweifeln, das mndd. mufeke dasselbe 
Wort ist wie das andl. Der letztere Grund spricht auch gegen möfeke 
(Waldmeister (s. Mndd. Wb.), hamb. mbfchen (ö spr. ä mit Umlaut), 
Ih4 Jellinghaus (Westfäl. Gramm.) müefk. Zu langem Vokal würde 
stimmen Woeste's (Wb. der Westf. Ma.) rükeinüfeken für Waldmeister ; 
icli möchte aber vermuten, dass rukemüefeken zu schreiben ist, denn 
diese neueren Wortformen für asperula odorata scheinen nur Deminutiva 
von mos, Moos, zu sein. Ob schwed. myska und (nach Nemnich) dän. 
myfikc myske ebenso gebildet sind oder ob sie dem Glossennamen 
mufeke (mit ü) entsprechen, weiss ich nicht zu sagen. 

Metitriaftrum vrfminte 71), eine höchst merkwürdige Glosse. 
Berücksichtigt man, dass die Mehrzahl der Glossare menthaftrum als 
., Rossmünze" fassen, so liegt der Schluss nahe, dass auch in erfminte 
und in den beiden vom Herausgeber aus Diefenbach angezogenen 
Glossen herfemyncze (No. 20) und hierfchfmoite (No. 11) das Bestim- 
mungswort den Begriff von Boss oder Pferd enthalten dürfte; vgl. 
auch ags. horsmint^ ^'iigl- horfemwt. As. hers statt Jiors oder (im 
Ileliand) hros ist aus dem Segen gegen die „fpurihelti" bekannt. 
Müllenhoff (in den Denkmälern Dtsch. Poesie und Prosa) möchte es 
freilich als verschrieben ansehen, nicht als dialektisch, wie es im 
Friesischen vorkommt. Mir scheinen die obigen drei Glossen gegen 
seine Meinung zu zeugen. No. 20 bei Diefenbach hat auch in anderen 
Glossen ein ndl. Glossar ausgeschrieben; in No. 11, welches Glossar 
ndrh. oder ndl. ist, erscheint das Wort schon unverstanden und ent- 
st<»llt. Uebrigens lässt sich auch aus norddeutschen Ortsnamen nach- 
weisen, dass neben hors und fem. horfe dialektisch noch die Formen 
mit e und a im Mittelalter gegolten haben. Fürs Flämische bezeugt 
dasselbe die mundartliche Aussprache affekot imd effekot tlir oß^e- oder 
orfekot = roffe- oder peerdekot, Ilossmühle; s. De Bo S. 803 f. 

Madiger cölfcot 11, Madiger ist entstellt aus maguder, dass. 
lat. magudaris. Das Wort wird sonst als kolftrunk und kolftok glossiert, 



140 

doch geben auch zwei ndd. Glossare bei Diefenbach colfcot und kcifcof, 
wo kolfcot zu lesen ist. Das Wort wird ein Neutrum sein, es stimmt 
in seiner Bildung zu ütfcot germen (Ndd. Jb. I S. 26b) und in seiner 
Bedeutung zu kölfprute^ Kohlschössling (Jlndd. Wb.). 

Nepitn cfauftetda 83 ; in der Note dazu : „1. dawiettla (V)". Nettla 
oder vielleicht netela wird indertat zu lesen sein: denn daunetda 
giebt keinen Sinn, wohl aber wird die nepeta oder Katzenminze auch 
zu den Nesseln vom Volke gerechnet, wie die Namen Katzen-, Stein-, 
Mariennessel bei Nemnich bekunden ; somit ist nicht auffallend, dass 
nepeta hier ein ähnliches lippenblütiges Gewächs, welches dem Volke 
gleichfalls als eine Nesselart gilt, vertritt, nämlich entweder die Taub- 
nessel, lamium, oder glaublicher die Taubnessel, galeopfis. 'Taub' 
kann jedoch nicht in dam- stecken, das müsste dof- heissen; man muss 
dan- lesen. De Bo: daimctel^ dannittel^ m. (für neteh nettel^ nittel 
giebt er m. und f. an; im Gemein-Nndl. ist netd noch ausschliesslich f.). 
galeopsis tetrahit; ebenso ten Doornkaat Koolman; Bremer Wb. III, 
236: danncttely auch dove vettcl, taube Nessel, urtica iners, galeopsis; 
Nemnich hat dannettel tiir lamium album; nach Grimm's Wb. ist 
tannnelfel galeopsis ladanum. 

Pulegium album böge 93. Diese Glosse hat mir am meisten zu 
schaffen gemacht, ohne dass sich ein auch nur einigermassen befrie- 
digendes Resultat ergeben hätte. Falls ein w-Strich, wie in gigcberrc 
und madalbom^ versehentlich unterblieben wäre, so Hesse sich etwa an 
den Pflanzennamen bunge denken: lulbus bungo Graflf Ahd. Sprach- 
schatz III, 131, bolluya herba bungen und buga herba bunghen^ beide 
aus Sumerlaten V bei Diefenbach. Das Wort ist als Simplex jetzt 
erloschen, dauert aber in einem Compositum bachbunge^ bekcbunge lür 
die Pflanze veronica beccabunga. Inwiefern diese Vermutung soweit 
stichhält, dass solches bonge als Uebersetzung von pulegium album 
denkbar ist, mögen Botaniker entscheiden. 

HAMBURG. C. Walther. 



141 



Die mittelniederdeutschen langen o. 



Mit dem Buchstaben o haben die Schreiber mnd. Denkmäler 
und Urkunden Laute sehr verscliiedener Herkunft und Geltung wieder- 
tregeben. Sieht man von dem kurzen und dem tonlangen o, sowie 
von dem im Küstengebiet durch Senkung aus a in späterer Zeit 
(entstandenem o ab, so sind vornehmlich dreierlei durch ihren Ursprung, 
durch die ihnen in den anderen germanischen Spradien entsprechenden 
Vocale sowie durch ihre spätere Phitwicklung sich unterscheidende 
lange 6 von einander zu trennen. 



'r^ 



6^ ist aus altem (germanischem) o entstanden und entspricht 
gotischem o, ahd. und mhd. uo (umgelautet t/>). Beispiele: mot 'Mut' 
(got. moths^ ahd. mhd. muot); vote 'Füsse' (got. f 6t jus, ahd. v^wzi, 
mhd. vüeee), 

0* ist aus altem au entstanden und entspricht got. aw, ahd. mhd. 
ou (umgelautet öu) bzw. vor h oder Dentalen ö (umgel. oe), Beispiele : 
'>/<? 'Auge' (got. au^o, ahd. ouga, mhd. ouge) ; Iwvet 'Haupt (ahd. hoüint, 
mild, kouhet, höubet); lös 'frei, ledig' (got. laus^ ahd. mhd. los); Ime* 
'böse' fahd. hds% mhd. hoese). 

6' oder anomale 6 nenne ich die in gewissen mnd. Wörtern 
auftretenden, nicht altem ö oder au entsprechenden, sondern meist 
aus altem a oder ä hervorgegangenen mnd. ö. Bisher sind diese 6 
nicht als besondere Klasse aufgefasst, sondern sie sind in den Lokal- 
grammatiken meist mit o^ zusammengeworfen. Dagegen ist zu bemerken, 
dass nach einem Ergebnisse dieser Untersuchung, welches hier vorweg 
schon angeführt werde, die 6^ in den verschiedenen nd. Mundarten 
ein verschiedenes Verhalten zeigen. In einem (iebiete fliessen die 6* 
mit o^, in andern (lebieten mit (V zusammen, ein Dichter reimt die 
o' nur mit 6^, ein anderer nur mit 6^. Dass sie späteren Ursprungs 
als 6^ und 6* sind, scheint auch daraus hervorzugehen, dass Neben- 
formen mit altem a hin und wieder sich erhalten haben. Die 
hier folgende Zusammenstellung umfasst die Wörter mit ö^, welche 
in den Reimen der in die Untersuchung gezogenen Dichtungen begegnen, 
und ausserdem noch einige W^örter zweifelhafter Herkunft. Die den 
mundartlichen Formen mit einem Kolon beigefügten Buchstaben geben 
an, mit welchem alten Laute die 6^ in dem betreftenden Worte 
zusammengeäossen sind. Die Regel, dass scheinbare neuniederdeutsche 
Entsprechungen germanischer 6 und au nicht auf diese zurückzuführen 
sind, wenn sich bei der Vergleichung von Formen verschiedener Mund- 



tl42 

arten Widersprüche ergeben, dürfte nur dann Im Stiche lassen, wenn 
mundartliche Grenzgebiete, in denen Vermischungen stattgefunden 
haben, in Betracht kommen. Ferner ist für das neunicderdeutsclie 
zu beachten, dass in manchen Mundarten Ausgleiche zwischen den 
Vokalen der Präterita verschiedener Ablautsreihen stattgefunden 
haben. Im mittelniederdeutschen ist das nach Ausweis der bis jetzt 
untersuchten Dichtungen noch nicht der Fall. Die Ursache, welche 
auf die Entstehung eines 6* von Einttuss war, ist nicht in jedem Falle 
klar. Die Mehrzahl der Fälle scheint sich aus der durch u oder w 
bewirkten Labialisirung eines alten a oder ä zu erklären, einige anden» 
durch Nasalwirkung. Es schien zu genügen, die neundd. Formen nur 
aus einigen Mundarten zu verzeichnen, und es ist hier darauf ver- 
zichtet worden, die auf mittel- und niederfränkisches Gebiet hinüber- 
greifende Erscheinung ausserhalb des Niederdeutschen zu verfolgen. 

vrO 'froh' (as. flect. fraha\ abd. frao, frö, 11. fraxv(r\ mhd. iroj fl. vrours, 
rrouwes'j germ. *frawo-). In Münster frö : o\ weshalb Kaumann (Entwurf der 
Mttusterscben Ma. 1884 § 36) denVocal von germ 6 ableitet. In Soest frro : ü-, 
so dass Holthausen (Soester Ma. § 76) den Vocal auf germ. au zariickführt. 
In Ravensberg fräu : 6* und darum nach Jellinghaus (Westf. Gramm. § 59) 
aus germ. au. In der Grafschaft Mark (Fromraanns Ma. 5 s. 64 n. 61) fräu : (r: 
in Iserlohn frehi : 6* (Zeitschr. f. vgl. Spr. Bd: 2). Im Sauerland (Humpert, 
Dialekt im Hönnethale 1876 sp. 27) frhi : 6». In Paderborn frrr : o* (Winkler, 
Idiotikon 1 s. 231); in Lippe frau : 6^ (Hoifraann, Vokale der Lippischen Ma. 
1887 S. 58); im Göttingenschen (Schambach Wtch) frd : ö*; in Hildesheira bei 

, Braunschweig (Bierwirth, Vocale der Ma. von Meinersen 1890 § 198; Heibe}', 
Ma. von Börssum 1891) und im Ftirstent. Halberstadt irö : 6^ Bei Pseudo- 
Gerhard und Everhard von Wampen im Heime zu (V, in Groningens Schicht- 
speel und der Gandersheiraer Chronik zu 6* und 6'.' 

rd *roh' (abd. rö, flect. rnwes] as. hrd; ags. hrf'aw\ mnl. rau und ro ; ndl. 
ranuw\ nord. hrdv, germ. ^hratvo-) Münster 7'aw : 6*; Ravensberg räu : Tr; 
Göttingen m : ö*; Braunschweig ro : ö*. 

strd 'Stroh' (abd. ab-do, stro\ afr. strP.\ mnl. siro\ ags. slrcaw; gorm. *s'tr(ftro-) 
Osnabrück, Münster stj-au : 6*; Soest strio : ö*; Iserlohn slrehi : «V; Ravens- 
berg slräu : 6^ ; Lippe sträu : 6* ; Qöttingen .strd : ö^ ; Braunschweig, Halber- 
stadt .slrö : 6*. 

spdk 'Spuk' (fehlt abd. mhd.; ndl. sfpook; schwed. siföke-, norweg. spjok\ dän. 
.sjföge 'spuken, scherzen'; germ. *.s]}a'ku'?) Mnd. Nbf. .9])?}k:o^; Osnabrück 
fquf'ken, .^yooksei : o*; Münster spöüken : ö*; Soest sprok : u*; Iserlohn 
s})^ik^ : 6*; L\^i}e .^fpoikeding : 6*; Meinersen .<7?a?//: : ö*; Mülheim a. R. .^ipukr : A'. 
Der Koker reimt mit 6\ (Mecklenb. .spijökcn 'scherzen' vgl. zu dän. apöge) 

krdn 'Kranich' (engl, krau, ndl. krann). Mnd. Nbf. krdn. Osnabrück, Münster 
krdne] Ravensberg kreonn : 6*; Göttingen krdneke\ Meinersen kreune : 6*; 
Altmark krön] Mecklenburg-Strelitz kraun : 6* und krön : 6* (?). 

kröinc 'Krume' (ags. crume, ndl. kruim). Osnabrück hramcn : ö*; Iserlohn 
hriiime : (V; Ravensberg kreoim : 6*; Hildesheim, Göttingen kraume : o"; 
Börssum und Meinersen kraume : o*; vgl. Soest h'ipml (: tl. ö < u nach 
Holthausen § 66). 

tdn 'Zehe' (abd. ^f'ha, xc ; thüring. zP.we s. Kluge ; afr. tnne ; ags. Id ; nord. /•>, 
ndl. lern) germ. *taihwon) Mnd. Nbf. ir, Ihi, tPwc. Osnabrück lein (bei 
Lyra plur. Haue); Ravensberg tuin, tailicn] Soest ieuwe : e. 



m 

g^ 'Gans^ (ahd. gans). Mud. Nbf. gafis] Münster uud Osnabrück gatis : 6*; 
Soest geos : 6'; Iserlohn, Sauerland g^us : 6', plur: gHse : 6*; Bavensberg 
gäus : o^; Göttingen gas : ö^; Braunschweig, Halberstadt gans : 6^; andere nd. 
Formen verzeichnet Wrede, Anz. f. d. Alt. 18, 407. Ps.-Gerhard reimt damit 
ö^ Bote 6\ 

stdt 'stand'. 6 hier aus westg. ö (vgl. got. prät. stoth, afränk. sitiod) abzuleiten, 
liegt nahe. Doch wird man eine mnd. Form mit ö' anzunehmen haben, die 
sich aus dem Prät. stand, siond (mnd. Formen s. mnd. Wtb. 4, 359) ent- 
wickelte, denn stot reimt bei Ps.-Gerh. mit ö*, im Schichtspiel mit ö^ Die 
heutige Ma. bietet meist stunt mit u, das aus dem Plural in den Sings 
gedrungen ist. 

tdn 'Zahn' (ahd. xan, xnnd\ as. flect. tandow, afr. tCdh, vgl. Siebs 1, 95; ag^. 
tödh\ got. iunihus\ nord. timiij plur. ienn\ germ. *tanth-). Mnd. Nbf. tand, 
tan, plur. tande, tane, tene. Osnabrück iant^ pl. teinne\ Münster taut] 
üüttingen if^'n] Altmark Uen. 

spdn 'Spahn* (ahd. sjMtn] afr. spÖHf s. Siebs, Gesch. d. engl.-fries. Spr. 1, 232; 
ags. spön\ mnl. spasn\ nord. s])i)nn; vgl. mhd. mnd. spat *Splitter\ ndl. spint 
*Spliut'; germ. *spanth'? sjumu- ?). Osnabrück spannt : a ; Anrieh spannd\ Soest 
sp\yn^ plur. spcßnc : mnd. ä bzw. e (Holthausen § 70) ; Raveusberg späun : 6*, sphi ; 
Lippe spaun : ö*; Göttingen span^ plur. spöane : a; Meiuersen, Börssum spann : u'. 

wdneii 'wÄhnen, glauben' (as. wänian, ags. wrnan^ fr. whm). Mnd. Nbf: ivdnen^ 
irnnen, 

sd *8o' (as. ahd. so; ndl. zoo; got. sum *so'; ags. sird] got. swc ^wie). Münster 
so : 6*; Osnabrück sau : 6'^; Soest sro : 6*; Iserlohn seHu : 6'; Sauerland 
Äaw : 6*; Dortmund sän : 6*; Raveusberg sän : 6®; Göttingen sau : 6*; an der 
Recknitz so : Ci^\ Meiuersen, Börssum, Halberstadt sau : 6^ Ps.-Gerhard reimt 
so nur mit 6* = 6*, Bote und das Schichtspiel mit 6^ und ö*. 

wd 'wie' (as. hwöj ags, hu, germ. *hwa\ vgl. got. hwv). Mnd. Nbf. wCi. Osnabrück 
(Lyra s. 37) wo : 6^; Münster ?/v?; Soest win : ft; Göttingen wo : ö'*; Börssum 
und Meiuersen wo : 6*. 

dö 'damals' (Heliand tliö, thuo ; ags. frs. tM) Iserlohn doa : ä ; Soest dvo : 6* ; 
Osnabrück dein : k oder 6* ; Meiuersen und Börssum dö \ ö* ; Pseudo-Gerhard : 
n* und 6^ 

jd 'ja, durchaus' (as. ja, ags. gea, afr. ge, vgl. got. ja, jai). Mnd. Nbf. jn. 
Osnabrück jan : o* ; Münster jau : o* ; Soest jio : 6'. 

[trdren (ahd. ti-uren; ags. dreorig 'traurig'; ndl. ireureyi). Mnd. Nbf. irfnrn. Das 
nd. Wort scheint aus dem Hochdeutscheu entlehnt. Osnabrück trör, tn/ren : 6*, 
sonst meist trüren. Der Koker reimt : o\] 

[wdeh 'wog', Prset. von v;egpM anstatt des nicht belegten ivachf hat ein ö, das 
schon sehr früh die Qualität von o* angenommen haben muss. Wenigstens 
scheint es nach Ausweis der Reime und der heutigen Mundart nirgend mit u' 
zusammengeflossen zu sein. Es ist deshalb auch in dieser Untersuchung überall 
mit 6* angesetzt. — Wenn in demselben Dorfe Ahnsen bei Meiuersen ivfich 
und wauch neben einander in Gebrauch sind, so dürfte das erstere hoch- 
deutsch sein.] 

fbevdl 'befahl', PrsRt. von bevelfhjen, begegnet im Reim in Stephans Schachbuche, 
ohne dass sich die Qualität des ö bestimmen lässt] 

in Lehn- und Fromdwötern romanischen Ursprungs zeigt ein 
durch Zeit oder Ort der Uehernahme bedingtes Verhalten. In sehr 
alten Lehnwörtern wie in schale 'Schule' (ahd. scuola, ndid. sehuoh)^ 
pröven 'prüfen', ist es vollständig mit 6^ zusammengefallen und braucht 



m 

ron ihm niolit gesondert zu werden. In Lehnwörtern jüngeren Alters 
hat es wie 6* in verscliiedenen Gegenden verscliiedene Geltung, indem 
es wie dieses an einer Stelle mit 6^ zusammenfällt und mit diesem 
reimt, während es anderswo als (V aufgefiisst ist und mit o^ reimt. 
Beispiele und Belege werden die Ileimuntersuchungen bieten. 

rdse 'Rose'. Osnabrück rase : 6*; Münster rau^e : ö*; Soest rfose : ö*; Ravens- 
berg reose : 6*; Fürstent. Göttingen rause : 6*, Öfters auch rose : ö*; Braun- 
schweigisch rose : o*, 7'ause : 6\ 

kröne 'Krone'. Osnabrück, Münster kröne : 6^; Dortmund h'äune : o'; Sanerland 
Mune : 6*; Ravensberg kreone : 6^; Hildeslieim krofie : ö*. 

Wenn die mit demselben Schriftzeichen von den mnd. Sehreil)ern 
wiedergegebenen 6^ und 6^ in ganz Niederdeutseldand in mnd. Zeit 
genau dieselbe Aussprache gehabt hätten, würde die notwendige Folge 
gewesen sein, dass beide o in ihrer Weiterentwicklung in späterer 
Zeit denselben Weg gegangen wären. Das ist aber wenigstens nicht 
ül)erall der Fall gewesen. Vielmehr zeigt sich, dass die heutige nd. 
Mundart auf einem grossen Teile ihres (Gebietes (V und Cr derartig 
scheidet, dass aus jenem andere Laute als aus diesem sich entwickelt 
haben. Die möglichen Typen, die sich ergeben, zeigt folgende Tabelle. 

Miiielniedei'deidsch . . 6* ö' 6* so 

Gotisch V. WeMgerm, . ö au swa 

r Münster 6 an sau 

I. \ Braun^clnrcig .... au 6 sau 

l Sauerland au au säu 

II. Kurdseeküste 6 6 so 

Die vorstehende Tabelle gibt nur schematisch die Haupttypen. 
Eine genauere llebersicht mit Berücksichtigung der Umlaute wird erst 
nötig sein, wenn die Untersuchung sich der Ermittelung der phone- 
tischen Werte der mnd. Laute und der Umlautfrage zuwendet. 

Es sind zwei Gebiete zu untersclieiden. I.) Das monophthongische 
(iebiet, in dessen heutiger Mundart (V und 6* in einen Laut (abg(»sehen 
von dem dazu gehörigen Umlaute) zusanmiengeflossen sind. IL) Das 
diphthongische Gebiet, in welchem (V und 6^ sich getrennt entwickelt 
haben. Die Bezeichnung mono- und diphthongiscli ist übrigens für 
die betreffenden Gebiete nicht blos in Bezug auf die aus 6 entwickelten 
Vokale, sondern auch noch in Hinsiclit auf andere Vokale zutreffend. 

In Hinblick auf den seit Jahren in Aussicht gestellten Wenkerschen 
Sprachatlas, von dem die genauesten (irenzangaben zu erwarten sind, 
habe ich geglaubt auf eingeliendere Feststellungen verzichten und mich 
mit einer vorläufigen ungefähren Uebersicht des Umfanges beider 
Gebiete, wie sie sich aus gedruckten Sprachproben und einigen eigenen 
Erinnerungen ergab, hier begnügen zu düi-fen. 

Das m o n p h t h o n g i s c h e Gebiet erstreckt sich über die 
ganze Küste der Nordsee und des westlichen Teiles der Ostset» 
bis in Vorpommern (Seestädte) hinein, wo es mit dem diph- 
thongischen Gebiete zusammentrifft. Es gehören ihm an — ganz 
oder doch zum grössten Teile — das ostfriesische Platt (ausser um 



145 

Leer und Emden, sowie im Süden), Grosslierzogtum Oldenburg, 
Bremen und sein Gebiet, der nördliche Teil der Provinz Hannover, 
Hamburg und sein Gebiet, Schleswig-Holstein, Fürstentum Eutin, 
Stadt und Land Lübeck, der nordöstliche Teil des Herzogturas 
Lauenburg, das mecklenburgische Küstenland und das südwestliche 
Mecklenburg. (Das Gebiet der Reknitz und Peene, auch Staven- 
liagen, dessen Älundart Fritz Reuter schreibt, ist diphthongisch, Neu 
Brandenburg, sein Wohnort, monophthongisch), Mecklenburg-Strelitz, 
die Insel Rügen und der nördliche Teil von Vorpommern (Wolgast 
ist bereits diphthongisch). — Ausserdem sind monophthongisch das 
westliche Münsterland, die Gegend von Werden, die linke und rechte 
Oderseite bei Stettin und Teile von Hinterpommern, der Provinz Bran- 
denburg und der Altmark. 

Das diphthongische Gebiet umfasst das südlich des monoph- 
thongischen Gebietes gelegene niederdeutsche Binnenland. Es gehört ihm 
fast ganz Westfalen nebst dem benachbarten Gebiet von Osnabrück 
au, ferner das ganze wifc-Gebiet, der südliche Teil der Altmark, der 
südöstliche Teil von Mecklenburg - Schwerin, Teile von Vorpommern, 
die Inseln Usedom und Wollin sowie die hinterpommersche Küste. 

Die getrennte Entwicklung des 6^ und 6^ auf einem ausgedehnten 
Gebiete beweist an und für sich schon, dass mindestens innerhalb der 
(ireuzon dieses Bezirks beide 6 in mnd. Zeit verschieden gelautet 
haben. Heute ist die Lautverschiedenheit — ausser im Sauerlande 
— meist sehr gross, ob sie im Mittelalter eben so gross war oder 
sich auf geringere Klangunterschiede beschränkte, bedarf ebenso der 
Untersuchung wie die Frage, ob der Zusammenfall beider ö in dem 
monophthongischen Gebiete ein Ergebnis der neuniederdeutschen 
Sprachentwicklung ist oder ob er schon für die mnd. Zeit anzunehmen 
ist. Zur Entscheidung würden alte Zeugnisse aufzuspüren, orthographische 
(irundsätze alter Schreiber festzustellen, die Reime alter Dichter zu 
untersuchen sein. 

Anm. Von den bisherigen Beobachtungen über die mnd. Orthographie 
ist für die Entscheidung der Frage, ob mnd. Schreiber mitunter die beiden 
geschieden haben, nur die eine verwertbar, dass 6^ hänfig darch Uy dagegen o^ 
nur ausnahmsweis mit ihm wiedergegeben wird (Beispiele giebt Tümpel in Paul- 
Braune's Beitr. 7 s. ÖO, Nerger § 43). Dieses n, das sich ohne örtliche Be- 
schränkung vereinzelt bereits im 13. Jahrb. findet, tritt häufiger erst in späterer 
Zeit im Küstengebiete auf. Der Buchstabe u bezeichnet in diesen Fällen nicht 
den Laut unseres ü (ausser vielleicht an der mittelfränkischen Grenze), sondern 
ein geschlossenes ^, mitunter auch einen ?«-haltigen Diphthong. Von den für 
mnd. u hin und wieder begegnenden Schreibungen oß, oij oy, ou kommt jede 
sowohl in Wörtern mit 6* als mit 6^ vor, doch hoffe ich im weiteren Verläufe 
der Untersuchung mnd. Schriftstücke nachweisen zu können, in denen die Schreiber 
nach einer festen Begel verfahren sind. 

Die Untersuchung soll zunächst ermitteln, ob aus den Reimen 
mnd. Dichter für die Entscheidung jener Fragen sich Ergebnisse 
^a'winnen lassen. Untersuchungen dieser Art fehlen bisher, und wenn 
Nerger, Schröder und Lübben mit ihrer Behauptung Recht haben, 

Niederdeutsches Jehrbuoh. XVUI. 10 



146 

dass die mnd. Dichter die 6 verschiedener Herkunft anstandslos mit- 
einander reimen, würde man allerdings auf Ergebnisse nicht zu rechnen 
haben. Die nachfolgenden Zusammenstellungen werden jedoch erweisen, 
dass es mittelniederdeutsche Dichter giebt, welche mit der peinlichsten 
Strenge die verschiedenen 6 auseinander halten. 

Die Umlautfrage wird eine besondere Untersuchung erfordern. 
Die nachfolgenden Zusammenstellungen der Reime nehmen zunächst 
keine Rücksicht auf sie. Auch ist ausser im Worte gut stets 6 gedruckt, 
auch wo die Handschriften oe, oo, u usw. bieten. In die Untersuchung, 
die aus Vorarbeiten zu einer neuen Ausgabe des Pseudo-Gerhard von 
Minden erwachsen ist, sind zunächst ausser ihm nur solche Dichter 
gezogen, deren Heimat bekannt ist. Soester Denkmäler hätte ich 
wegen der vorzüglichen Hilfe, die Holthausens 'Soester Mundart' 
geboten hätte, gern herangezogen, es ergab sich aber leider, dass 
weder der Soester Daniel noch eins der Gedichte von der Soestor 
Fehde von einem Soester verfasst sind. 

Das mnd. gut 'gut' ist stets mit ü gedruckt, auch in den seltenen Fällen, 
wo die handschriftliche Ueherlieferung got hietet. In Bezug auf dieses Wort 
hat man bisher angenommen, dass die mnd. Aussprache zwar got forderte, dass 
die Schreiber aber, um es von gotj god 'Gott' auseinanderzuhalten, die Schreibung 
gtity gud bevorzugten. Wo die heutige Mundart einen altem ü entsprechenden 
Inlaut bietet, erklärte man diesen aus neuhochdeutschem Einflüsse. Es ergiebt 
sich jetzt, dass bereits in mittelalterlicher Zeit in gewissen Gebieten (wie in 
Braunschweig) das Wort mit langem u gesprochen wurde, vgl. S. 154. Auf 
dem weitaus grösseren Gebiete herrschte dagegen die Aussprache got. 

Pseudo-Gerhard von Minden. 

Die Heimat des Dichters ist unbekannt. Festgestellt ist nur, 
dass er nicht aus Minden, sondern aus einem westlicher gelegenen 
Teile Westfalens stammt. Die Regeln, nach denen er die verschiedenen 
6 miteinander reimt und nicht reimt, entsprechen annähernd den 
Eigentümlichkeiten, welche in Bezug auf diese die Münstersche und 
Osnabrücksche Mundart aufweisen. 

d* : d*. ö* : d* *M geschlossener Silbe. 

döt Hfmt' : höt 'Busse' 27, 11. 87, 120. brGt : bot 4, 5. 

— : glöt 39, 37. — : dot 'tot' 4, 49. 

— : gut 10, 9. 16, 77. 20, 33. — : not 4, 1. 9, 15. 39, 15. 62, 11. 

27, 47. 30, 3. 39, 89. 23. 71, 67. 

42, 31. 43, 19. 48, 24. — : vordröt 29, 33. 

52, 33. 55. 64, 3. 65, dot Uof : blot 9, 27. 54, 28. 87, 100. 

130. 78, 13. 80, 31. 89, 29. 

100, 147. 101,59. 312. — : genot 2, 11. 94, 27. 

— : mot 'Mur 23, 67. 41, 39. — : gebot 23, 33. 

72, 7, 91, 39. 101, 302. — : grot 8, 51. 11, 33. 14, 24. 

— : mot '7nuss' 11, 15. 18, 29. 15, 27. 20, 5. 93, 13. 

29, 103. 101, 256. 

— : stöt 'Gehege' 61, 25, — : not 29, 107. 39, 57. 40, 33. 

— : vlot 2, 29. 47, 39. 49, 176. 50, 11. 
gut : bot 10, 40. 23, 69. 63, 7. 101, 111. 



147 



^t.möt 'Muf 10, 39. 27, 13. 87. 

131. 29, 38. 30, 49. 
49, 140. 87, 118. 100, 33. 

— : mot 'muss' 3. 136. 9, 35. 47, 

59. 80, 11. 81, 29. 

92, 27. 100, 57. 

— : vlöt 5, 11. 

— : vöt 24, 25. 41. 55, 67. 61, 23. 

98, 23. 
Tot : bot 24, 21. 

— : dorewüt 'diircMrmig' 59, 37. 

— : möt 'MuV 39, 91. 

— : vlöt 'Fluf 3, 92. 
Tlok : dok : bök 49, 19. 

dröch 'biig' : genöcb 10, 24. 29. 26, 5. 

71, 48. 84, 17. 

— : slöch 10, 76. 50, 6. 59, 35. 

73,11. 92,71. 101,222. 

— : (ge)v6cb 9, 1. 49, 178. 

93, 81. 
gendch : dw5cb 34, 5. 

— : plüch 87, 8. 93. 

— : (nn)gevoch 2, 63. 10, 118. 

15, 53. 27, 35. 105. 

40, 53. 45, 17. 50, 13. 

55, 21. 60, 48. 78, 9. 

92, 5. 93, 3. 100, 107. 

101, 105. 
nrwih 'genug' : gedröch Hrug' 103, 77. 
slöch : nngevöch 18, 13. 
wuch 'wog' : genöcb 3, 19. 92, 69. 

— : angevöcb 84, 19, 
behof : begröf 54, 10. 

dön : hon 'Huhn' 2, 19. 11, 11. 58, 

27. 81, 43. 101, 170. 

d* : d* im Auslaut, 
du Hhue: : kö 101, 168. 

— : tö 8, 23. 27, 93. 49, 42. 

135. 55, 41. 65. 67, 43. 

— : vrö 'früh' 36, 33. 100, 53. 

101, 238. 
tö : kö 6, 3. 11. 56, 33. 
— : schö 101, 240. 

— : vrö 'früh' 3, 61. 21, 31. 36, 39. 

43, 4. 46, 31. 53, 67. 
74, 39. 91, 21. 102, 13. 

4^* : d* in offe^iei' Silbe, 

broder : möder 95, 17. 101, 27. 
gfide : möde 8, 19. 16, 69. — güdes : 

mödes 17, 19. 

— : armöde 10, 114. 



gröt : bot 2, 9. 18, 43. 29, 7. 41, 35. 

53, 75. 57, 1. 102, 54. 

— : genöt 56, 53. 65, 106. 87, 102. 

88, 3. 

— : not 3, 9. 8, 29. 9, 25. 10, 78. 

16, 23. 22, 27. 33, 21. 
53, 97. 58, 65. 59, 57. 
62, 1. 81, 7. 89, 31. 
92, 41. 79. 101, 87. 

— : rot 6, 23. 

— : vlöt 'floss' 29, 43. 75, 4. 83, 

19. 92, 3. 

— : vordröt 75, 11. 86, 5. 

not : blöt 11, 35. 55, 103. 86, 3. 

— : bot 16, 47. 20, 3. 55, 93. 92, 37. 

— : 8töt 'Stoss' 6, 25. 

— : vordröt 53, 77. 
genöt : bot 65, 116. 
stöt 'Stoss' : bot 88, 3. 
vordröt : bot 87, 35. 
höp : kröp 49, 3. 
vorkös : vorlös 103, 11. 

— : vredelös 54, 38. 
gelöst : misse tröst 53, 91. 

— : getrost 16, 59. 27, 149. 
töch : loch 65, 88. 

— : vlöch 58, 3. 
vlöch : bedröch 50, 19. 



d- : Ä*^ im Auslaut, 
vlö : hö 'hoch' 20, 25. 



ö* : ö^* iri offener Silbe, 

bröde : nöde 91, 11. 
dögen:ögen37,35. 100,153. 102,153. 
tögen : gedrögen 3, 74. 
— : bögen 65, 14. 

10* 



148 



güden : vormöden 102, 172. 
vorgöden : dtmöden 88, 67. 
hdde : möde 31, 36. 47, 39. 
höden : vöden 39, 13. — vodet : hödet 

34, 17. 103, 3. 
mode : sc5de 34, 8. 
möden : vöden 7, 37. 
möget 'bemüht' : blöget 'blühf 49, 44. 
genögen : gevögen 79, 17. 33, 51. 
eraöget : erböget {mhd. erbüeget) 75, 29. 
slögen : (uii)gevogen 15, 29. 102, 63. 
vöte : böte 23, 19. 55. 75. 72, 3. 

101, 43. 

— : möte 59, 13. 

— : Böte 85, 23. 
Voten : nntmöten 15, 21. 

söte : möte 'müsse' 36, 62. 40, 31. 

47, 33. 

— : möte 'begegne,' 79, 3. 
böken : söken 33, 11. 102, 36. 
koken : beklöken 91, 29. 

röken : söken 10, 25. 62, 13. — 

röket : söket 55, 33. 
pröven : öven 25, 45. 36, 83. 94, 95. 

— prövet : ovet 98, 37. 
behöve : dröve 92, 45. 

— : gröve 56, 27. 49. 
dröven : gröven 71, 35. 
numen : römen 35, 27. 

— : vordömen 4, 13. 102, 135. 

145. — genomet : vor- 
dömet 18, 39. 100, 63. 

102, 63. 
genomet : geblömet Vorw. 69. 
berömen : verdömen 30, 55. 73, 9. 

— berömet : vordömet 
Vorw. 71. 73, 17. 

vordömet : wlömet 2, 23. 
rören : vören 3, 96. 49, 58. — be- 

rörest : vörest 66, 39. 

ö* : ö {tojilang, aus o). 
(ohfw Beleg.) 

d* : ö {tonlang j aus u). 
tö : vo {'FücJisin', got. faüha) 11, 13. 

genöch : toch {vgl, hsl. tuge 24, 10, 

mM. zuc) 18, 11. 



nöten : gröten 64, 70. 66, 47. 
genöten : vorstöten 64, 60. 87, 110. 
löse : böse 94, 33. — lösen : bösen 

32, 51. 58, 67. 
Ösen : nösen : gelösen : bösen 16, 39 — 42. 
löven : beröven 36, 25. 

— : döven 101, 161. 

löne : schöne "Schonung' 31, 9 ; : schöne 

'Schönimf 79, 10; ge- 
lönet : schönet 32, 9. 

— : söne 98, 81. 
lönen : bönen 8, 31. 
lönet : honet 76, 33. 

dören : ören 93, 37. 83. 95, 11. 
(ge)döret : höret 36, 73. 94, 53. 



d* : ö {tonlang, aus o). 

döne : nngewone 61, 77. 
gelösen : hosen 92, 29. 

5* : ö {tofilang, aus vi), 
(ohfie Beleg.) 

d« : 0- 

blöt : spoi 87, 73. 
vlöch : doch 41, 37. 



149 



5^:0. 

döt Hktä' : dut 'dieses' 101, 66, 
— : geschut 100, 67. 

(ohne Beleg.) 



(ohne Beleg.) 

6» : 6". 

8t6t : gröt 90, 61. 

wöne {ahd. w&oju) : döne 46, 25. 85, 45. 

gös : gevrös 54, 40. 

do 'da' : vl6 'floh' 12, 23. 49, 206. 50, 7. 

vr6 Y^oÄ' : hö 27, 67. 53, 49. 

— : tö 'zog' 23, 23. 61, 67. 

— : vlö 'floh' 72, 25. 
w6 'ivie' : hÖ 12, 13. 

6» : d«. 

d6 'da' : b6 25, 49. 65, 49. 101. 

— : Btrö 72, 27. 

— : vt6 'froh' 10, 54. 20, 27. 

23, 29. 25, 51. 40, 23. 
39. 61, 49. 86, 61. 
Bö : vr6 47, 55. 98, 9. 

Lehn Worte: d'. 

kröne : löne 103, 19. 

— : döne 'modus' 103, 73. 
(döne : wöne s. bei o* : ö*.) 

( — : ongewone s, bei d' ; ö.^ 

gröt : döt 'ihuf {lies bot?, vgl. Anm. 2,) 24, 47. 

Anmerkung 1. In die ZnsammenBtellung der Reime sind keine durch 
coigectnrelle Bessemngen gewonnenen Belege aufgenommen. Es würden nur drei 
Stellen in Betracht kommen, nämlich genoch : geroch 2, 21; vlot : Iiot 3, 102; 
fach *zog' : loch *zog\ von denen nur die erste, wenn die bisherige Deutung 
haltbar wäre, den regelwidrigen Reim ö* : ö^ ergeben würde. Es ist deshalb 
geboten, diese Stelle hier zu erörtern und zu bessern. Sie findet sich in der 
Fabel vom Wolf und Lamm am Bache. Der Wolf sucht einen Grund, um das 
Lamm, angeblich wegen einer ihn beleidigenden Handlungi zu strafen und zu töten. 

2y 21 De vndf sprak: 'Dai is schult genoch 
Van di, dal dm drank mi geroch, 
De mit di moste sm verdomet; 
Dut vlet drovet utide wlomet, 
Dai ik is drinken nicht en mach. 

Wenn v. 22 die Form mi geroch richtig wäre, so könnte man geroch nur 
als Prät. von rüken 'riechen' deuten und müsste das folgende, wie oben geschehen 
ist, interpungieren, d. h. es müssten die Yerba dr&ven und wlmnen intransitiv 
hier angewendet sein. Gegen diese Deutung spricht, dass bei Ps.-Gerhard das Prät. 
von rükan nicht roch, sondern rok lauten müsste, ferner dass dr^rni und widmen 



150 

(^trüben\ Uehmig machen') stets transitiven Sinn haben. Die Stelle wird sofort 
klar, wenn man annimmt, dass der Schreiber einen einzigen Buchstaben, ein r 
für V, nämlich mi geroch für ungeroch verlesen hat {nn und mi können 
paläographisch gleich seitr). Die Stelle erfordert dann folgende Wiedergabe: 

De wxilf sprak : 'Dat is schult genoch 
Van diy dat <Un drank ungevoch, 
De mit di moste sin verdünnet, 
Dut vlet drovet unde wlomet, 
Dat ik u drinkeyi nicht en mach, 

'Dass dein ungestttmer Trank das Wasser trübt und lehmig macht' (vgl. 
auch die Stelle mnd. Wtb. V S. 756 de rit&nde totUve, den dat unschuldige 
lam dat water vlomet). So wird auch die Antwort des Lammes treffend, welches 
erwidert, dass es unterhalb des Wolfes stehe und von diesem die Strömung erst 
zu ihm komme. 

Anm. 2. Die einzige Stelle, welche den Beim 6^ : ö' aufweist, Fab. 24, 47 
lautet Wcnt dat i^ wis, dat he geunnne To aller ttt Ion mate grot, We jo 
den bösen denst döt *wer bösen Leuten einen Dienst erweist'. Der Wortlaut 
bietet zwar in Bezug auf Sinn und Grammatik nicht den geringsten Anlass, ihn 
für verderbt zu erklären, nichts desto weniger wird man aber angesichts der 
Thatsache, dass dieser Beim die einzige Ausnahme von der sonst von dem Dichter 
geübten Strenge wäre, ihn nicht dem Dichter, sondern dem Schreiber zuschreiben 
müssen, wenn das Versehen desselben sich leicht erklären würde. Das ist in 
der That der Fall, wenn man annimmt, der Dichter habe nicht denst döt, sondern 
denst bot geschrieben. Die Verbindung denst beden ist tadellos, vgl. Beinke 
Vos 6796 sinen denst he ene wedder bot, aber häufiger findet sich denst ddn. 
Der Schreiber hat also die üblichere Bedensart eingesetzt. 

Anm. 3. In die obige Zusammenstellung der ö aufweisenden Beime sind 
die Wörter, welche ö vor rd, rt bieten, nicht aufgenommen, weil die in wohl 
allen neuniederdeutschen Mundarten l)egegnend6 Thatsache, dass Dauer und Klang 
der Vokale durch nachfolgendes r + Consonant, oft sogar durch r allein, beein* 
flusst werden, auch für das mittelnd. auf Aehnliches schliessen lässt. Die in 
Betracht kommenden Beime seien hier besonders zusammengestellt. Es ergiebt 
sich aus ihnen, dass kurzes o vor rd, rt bei Pseudo-Gerfaard Verlängerung er- 
fahren hat und 6^ im Klange dem 6* vor rd, rt ähnlich geworden ist. 

ö* : ö* — rörde : vörde 49, 234. 

6^ : — untvört : gesport 61, 59. — rörde : worde 42, 9. 
o* : 0* — gevört : gehört 91, 73. 

o' : — gehört : wort 2, 31. 29, 97. 39, 77. 40, 25. 55, 55. 57, 53. 
58, 29. 78, 5. 80, 55. 94, 45. 100, 125. 101, 272. 103, 65. 

— hörde : worde 37, 27. 44, 11. — horden : worden 49, 240. 51, 23. 

— hörde : isenborde 13, 27. — gehört : isenbort 46, 17. — hörde : 
Arforde 87, 11. 

Anm. 4. o a7iceps entsteht bei Pseudo-Gerhard aus ö^, wenn im rartic. 
Praeter, -odet zu -ot verkürzt wird. Es findet sich in folgenden Beimen: 

behot 'behütet' : döt 68, 25, 

— „ : gut 60, 9, 

— „ : not 74, 56. 
gebot 'gebü^sf : möt 'Muf 60, 7. 
gevot 'genährV : Got 39, 11. 



151 

Die heutigen Ma. (vgl. Höfer, Zeitscbr. f. d. Wissenscbaft der Sprache 1, 
s. 390; Nerger § 218, 4; Jellinghaus § 253; Kaamann § 36; Holthansen § 347; 
Hoffmann § 28, 3; W. Schlüter, Glossar zu Meister Stephan S. III f.) weisen 
im Particip Prät. wie Indic. Präter. fast ausnahmslos kurzes o auf. (Letzteres 
ist bei Ps.-Gerhard auch fttr das Präter. in dem Eeime 39, 49 hotte : enimotte, 
Hs. entmote anzunehmen.) Dasselbe ist der Fall in der Mundart von Hamburg. 
Ich verdanke der Freundlichkeit Dr. C. Walthers die nachfolgende Auskunft: 
'Die Verben mit ö und oi verkürzen durchweg den Vokal zu ö oder o, sowohl 
die mit t- als die mit c^-Ausgang, so z. B. flöten (stossen): Jie ftött oder fiott, 
Iie heil ftött oder fiott ; hloiden (bluten) : he hlött oder hhtt, he lieft hlött 
oder hlott. Ebenso gehen groiten (wenn man nicht schon hd. grüssen gebraucht), 
moiten (treffen), boiten (büssen, heizen), hroiden (brüten). Von hoid&n (hüten) 
sind meines Wissens beide, Kurz- und Langform, in Gebrauch: he Jiött und he 
Jtoid, und ebenso im Particip ; doch wird man jeuer mehr bei Bauern und älteren 
Städtern begegnen, dieser mehr in der Stadt und bei jüngeren Leuten.' 

Ergebnis. 1) Der Dichter hat mit grösster Strenge — stimmt 
man der in Anmerkung 2 begründeten Annahme zu, ausnalinislos — 
die Regel durchgeführt, dass 6^ nur mit <5^, 6^ nur mit 6^ oder ö^, ö^ 
nur mit ö' oder o^ reimt. Es folgt daraus, dass in seiner Mundai-t 6^ 
und 6* deutlich von einander durch verschiedene Aussprache geschieden, 
6^ und 6^ dagegen phonetisch zusammengeflossen waren. — 2) Die 
Strenge, die der Dichter darin beweist, dass er 6^ und 6^ auseinander 
hält, rechtfertigt die Folgerung, dass seine Reime zwischen langem 6 
und tonlangem oder kurzem o durch gewisse phonetische Aehnlichkeiten 
zwischen diesen Lauten zu erklären und zu entschuldigen sind. Die 
Zahl dieser Reime ist nur klein, immerhin aber ist sicher nicht ohne 
Grund und beachtungswert, dass 6^ nur mit kurzem u oder geschlossenem 
kurzem o, 6* nur mit offenem o gereimt ist. 

Botes Radbnch und Koker. 

Das Buch van vehme rade (mnd. rat ist hier doppelsinnig, es 
bedeutet sowohl *Rad' als 'Rat') ist nach einem Lübecker Drucke aus 
dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts von Herman Brandes im 
Nd. Jahrb. XVI S. 8 fif. veröffentlicht worden. Der Findigkeit des 
Herausgebers ist der wertvolle Nachweis gelungen, dass der Braun- 
schweiger Zollschreiber Hermen Bote der Verfasser gewesen ist. 
Bote stammte aus einer Braunschweiger Familie, die aus seinem 
Gedichte sich ergebenden sprachlichen Beobachtungen sind also einer- 
seits durch die braunschweigische Mundart zu erläutern, anderseits 
für die Kenntnis ihrer Eigentümlichkeiten zu Botes Zeit verwertbar. 

A n m. Brandes sagt S. 8 'die Drucklegung ist wohl in den ersten Jahren 
des 16. Jahrb. erfolgt, doch noch vor 1504. Aus welchem Grunde Kiuderling 
den Druck in das Jahr 1509 setzt, weiss ich nicht'. Hierzu sei bemerkt, 
dass der Druck noch vor das Ende des 16. Jahrb. zu setzen ist, weil sich in 
ihm Holzschnitte des Lübecker Unbekannten (Matth. Brandis) finden, dessen 
Thätigkeit sich für Lübeck nur bis z. J. 1498 nachweisen lässt, es müsste denn 
sein, dass ein noch älterer Druck existirt hat, dessen Holzstöcke in Lübeck ver- 
blieben waren. Einderüng hatte keinesfalls den von Brandes benutzten Druck 



152 



im Ange, sondern einen späteren Abdruck ^Ghedrucket v^ide vuUcndiget in der 
keyserlyken siadt L^ibeck. dorch de kunst Steffani Anvdes, wonaftich in der 
vksckhomver Straten. In deni yare mises heren M, ccccc, nnde JX/ (8 Bog. 4** 
mit Holzschnitten.) Beschreibung und Auszüge bei v. Seelen, Nachricht von dem 
Ursprünge der Buchdruckerei in Lübeck (1740) S. 176—183. 

Bote achtete ebenso wenig wie andere Zeitgenossen auf gleich- 
massigen Versbau, seine Reimbindungen sind dagegen verhältnismässig 
gut. In den ungefähr 1400 Versen, welche die 11 Abteilungen seines 
Buches bieten, kommen für unsere Zwecke folgende Reime in Betracht : 



6* : d^ 


5« : d«. 


m6t : h6t II, 111. 


gröt : bröt H, 127. 


— : döt IV, 69. V, 111. 


— : stöt 'Sioss' m, 21. 


— : v6t IV, 19. 


— : not XI, 25. 


vöch : plöch VIII, 13. 


not : bröt V, 155. 


ungey6ch : noch 111, 59. 


— : stöt 'Stoss' V, 61. 


dön : hön VUI, 6. 


ström : böm II, 17. 


vrö : tö VllI, 85. 


döre : öre X, 31. 43. 


behöden : vöden VI, 89. 


: röre VI, 67. 


böken : clöken V, 67. 


dören : dören X^ 23. 


pröven : behöven 11, 5. 


hören : verstören VII, 14. 


boten : vöten XI, 53. 


löven : beröven IV, 121. 



tö : BÖ 4, 135. V, 43. VI, 35. 



d^ 



0. 



gtLt : ü, Ö^ 
gut : krüt VI, 13. 

— : üt m, 87. V, 33. 

— : overlüt VH, 41. 

— : döt IV, 161. 
güde : höde V, 167. 



VI, 51. 



löpen : open X, 11. 
hören : boren VII, 80 (vgl. HI, 47). 
versöre : more (modere 'Moder*) I, 69. 
lözet : krozet (vgl altmärk, kräösen) 
XI, 177. 



Wie C. Walther im Nd. Jahrb. 16 Si 107 Anm. vermutungs- 
weise ausgesprochen und später in einem Vortrage auf der Jahres- 
versammlung des niederdeutschen Vereines in Braunschweig 181)2 dar- 
gelegt hat, ist Bote der Verfasser noch einer andern Dichtung, 
nämlich des in Hackmanns Ausgabe des Reineke Vos (VVolfenl)üttel 
1711) S. 301—380 abgedruckten Koker (c. 2240 Verse). Diese 
eigenartige Dichtung (vgl. Walther, Nd. Korresp.-Bl. VI S. ()7 ff.) ist 
für Reimuntersuclumgen deshalb besonders wertvoll, weil gerade im 
Reime verhältnismässig seltene Worte erscheinen. 



0* : d*. 

blöt : vöt Seite 335. 
bot : armöt 322. 
— : möt 344. 
brök : bök 337. 
krös : mos 349. 
kr^ch : slöch 354. 



bröt 



döt 
rök 
löp 



0» : h\ 
: döt 340. 
; gröt 376. 
; not 318. 347. 
gröt 314. 
lök 354. 
höp 315. 374. 



153 



U) 



schö 
blöde : 
blöden 
hode : 



geu6ch : w6cb 332. 
pol : stöl 349. 

— : wöl 319. 
ko 340. 
schö 308. 343. 
vrö 'früh' 303. 

vrö '/rw/i' 309. 
böde 354. 
: vorgoden 355. 
heymöde 321. 

— : mode 354. 

— : vöden 350. 352. 
gevödet : vermodet 365. 
genögen : krögen 325. 
genüget : geplöget 306. 
söteu (dr. juten) : möten 340. 
Töten : böten 349. 

koke 328. 
yorsöke 355. 

vlöken 363. 

boken 308. 

schöpen 357. 

bedrövet 302. 303. 

bedröven 375. 
tövende : övende 345. 
kölet : wolet 314. 
gekölet : spölet 341. 
nömen : verdomen 323. 
hone : sone 351. 



döke : 

• 

koken 

söken 

köpen 

prövet 

röven 



böm : töm 318. 

Ion : bon 358. 

dör : rör 352. 

vlö : unvrö (= unvrowe)' 373, 



benödet : dödet 358. 

öge : böge 352. 

— : löge 'Lauge' 373. 

geöget : gesöget 319. 

bögen : drögen 319. 

höger : dröger 344. 

stöten : vorblöten 'eniblössen' 327. 

dope : löper 341. 

köpe : höpe 309. 318. 

lösen : ösen 375. 



dövet : bövet 372. 
hövet : stövet 369. 
löveu : schöven 346. 
böme : töme 358. 
— : ströme 340. 
döne : löne 321. 

dören : ören 367. 



6' > Ü : ü, 

gut : brüt 334. 377. 

— : krüt 317. 

— : üt 304. 325. 348. 
güde(8) : krüde(8) 332. 350. 



d* etc. : d*. 
göse 'Gänse' : möse 306. ' 
krön 'Kranicli : dön 342. 
krömen 'Krumen : blömen 351. 
spök Spuk : brök 378. 
stode 'stände' : möde 369. 
krönen krönen : vorsönen 319. 
Körne : blöme 361. 
tröre Hraure' : möre 321. 



rö : strö 311. 



Ä' : 6». 



d» : 62. 
(Ohne Beleg.) 



o' : ö? 

tönen 'Zehen' : bonen 'Böden ?' 339. 



ö' : 0. 

belönet : wonet 310. 
lönen : wonen 358. 
ögen : regenbogen 358. 
söget : ungeroget 362. 
rövet : ovet 'Obst' 366. 



154 

Anmerkung. Die Reime mit dnrch r verlängertem oder vor t, das aus 
'det entstanden ist, verkürztem o sind nicht verzeichnet und mögen hier folgen. 
Im Badbuche finden sich die Reime hört : hart **gebührt' lU, 47 ; hehoi ^behütet' : 
hol 'Gebot' II, 59. Im Koker or : vor 367, böser : moser (entstanden ans 
morser, vgl. mäuser in Mecklenburg), kunior : spikerbof' 'Bohrer' 378, rer- 
siorde : orde 373; blot 'blutet' : stot 'stösst' 337, kot 'hütet' : r€7'bot 'verboten' 331. 

Ergebnisse. Bote hat, sobald er lange 6 miteinander bindet, 
mit ausnahmsloser Strenge 6^ nur mit 6^ oder 6^ gereimt, ebenso ö^ 
nur mit 6^. Die verhältnismässig grosse Anzahl Reime zwischen o^ 
und tonlangem o erklären sich dadurch, dass in der Braunschweigischen 
Mundart heute mnd. 6^ und tonl. o zusammengeflossen sind. Die 
Reimstrenge Botes, der gut mit 6^ und auch mit ü reimt, erweist, 
dass das Wort schon zu seiner Zeit mit langem u gesprochen wurde. 
Dazu stimmt die heutige Mimdart (vgl. in Börssum: blaom^ 'Blume\ 
aber g&ut 'gut' wie br&ut 'Braut'; in Meinersen: blaome 'Blume', aber 
gut 'gut' wie krüt 'Kraut' ; Halberstadt hlaume 'Blume', aber gut wie 
brüt^ krüt). 

Das Brannschweiger Sehiehtspiel. 

Zur Vergleiclmng mit Botes Reimgebrauch bietet Gelegenheit 
das von seinem Landsmanne und Zeitgenossen Rainer Groningen 
i. J. 149'2 verfasste und von Hänselmann in den 'Chroniken der 
deutschen Städte' Bd. 16 S. 101 ff. nach der vermutlich von dem 
Verfasser selbst angefertigten Handschrift herausgegebene Schichtsped 
to Brunswick. Der Verfasser ringt sehr mit Stil und Reim, und um 
letzteren zu erhalten, verwendet er in vereinzelten Fällen hochdeutsche 
{üs statt üt 2203. 3683. 3749) imd wohl auch niederdeutsche un- 
braunschweigische Formen. ' Sieht man von solchen vereinzelten Fällen 
ab, so lässt sein Reimgebrauch ihn als Landsmann Herman Botes 
deutlich erkennen, wie die nachfolgende Uebersicht der in seinem 
umfangreichen c. 5000 Verse enthaltenden Gedicht begegnenden Reime 
zeigen wird. Der Kürze wegen sind eine Anzahl reiner Reime zwischen 
6^ : 6^ und 6^ : 6*, deren Verzeichnung ohne Interesse schien, nur 
gezählt. 

35 Reime. 45 Keime. 

6 : tonl. 0. ti^ : tl. o. 

3 Reime: 1513. 1648. 1794. 9 IMme: 336. 510. 576. 823. 2020. 

3000. 3407. 3920, 4480. 

d* : 0. 6* : o. 

don : son (f. sone 'Sohn'} 1406. h6n : son 2398; Ion : son 1694. 

(— : kyrieleyson 3628.) not : bot 880; verdrot : bot 134. 

^t : 5*, ü. 6' : d«. 

gut : 16t 4534, ; m6t 3570. beh6ve(de)n : r6ve(de)n 3946. 4404. 

güde : m6de 738. 2508. 2968. 4402. beropen : köpen 438. 

— : lüde 584. 

gut : üt 1976. 4420. 4786. 



d : 6K 



155 

6» : dS d». Lehnwort : d*. 

jö : do 4728; : ßtrö 4190; to 4482. rosen : mösen 1778. 

so : do 366. 990; : j6 3544. 3936. kyrieleyson : d6n 3628. 

— : t6 169. 318. 466. 506. 976. 2746. 

— : vr6 'froh' 2192. liehnwort : 6». 
vrd 'froh' : to 516. patrön : Ion 2846. 

— : dö 616. 994. 1086. 1630. 1684. patronen : Ionen 4934. 

2662. 4092. 4272. 
sp6k(e) : dök(e) 3277. 3301. 
stöt 'statid' : wolgemöt 1528. flöch (f, vlech) : noch 974. 

Gandersheimer Reimchronik. 

Die 1216 von dem Pfaffen Eberhard verfasste Reimchronik 
von Gandersheim (Herausg. von L. Weiland in den 'Deutschen Chroniken 
des Mittelalters, Bd. 2, Hannover 1877, S. 397 ff.) verdient wegen 
ihres Alters Beachtung, obwohl der in einer Handschrift des 16. Jahrh. 
erhaltene Text leider von jüngerer Hand überarbeitet scheint und 
mannigfach verderbt ist. In 1950 Versen findet sich 6^ : 6^ (gut stets 
mit 6^) über 40, ö* : 6^ acht mal gereimt, ungerechnet die folgenden Fälle : 

o» : o», — vrö : b6 716; : dö 1578; also : dö 362. 

o» : ö>. — 86 : tö 77. 121. 460; dö : tö 836. 870. 1228. 1606. 

Fremdworte: 6\ — Röme : döme 69. 342. 814. 1928; Saloraön : dön 324; 

: ö» — also : caelo 996; : caro 1634; : suo 1034. — : ö* — krönen : lönen 223. 
o» : o" — töch 'xog' : genöch 1127; döde : möde 1797; (overmöd : död 'toV 

oder Hhut?' 384). 
ü' : o — not : mot(et) 768. 
Sonstiges. — s&gen 'sahen' : erwögen (st, erwägen 'erwogen^ 1116; leit 'Hess' 

: noit 'Not' 1441; — hertöge : bögen 474. 

Verglichen mit den Braunschweiger Dichtern zeigt die Ganders- 
heimer Reimchronik folgende Abweichungen : gut ist nie mit ü gereimt ; 
krönest 'krönen' reimt mit ö^; abgesehen von einem einzigen durch 
Synkope entstandenem o (V. 768 not : mot) ist in der Reimchronik 
langes ö nie mit tonlangem und nie mit kurzem o gereimt; hertoge 
hat in der zweiten Silbe noch unverkürztes o. 

Everhard von Wampen. 

Everhard von Wampen, der einem pommerschen Adelsgeschlechte 
entstammte, hat i. J. 1325 einen vier Bücher mit ca. 2500 Versen 
umfassenden 'Spiegel der Natur' gedichtet und dem schwedischen 
Könige Magnus Erichson, an dessen Hofe er damals lebte, gewidmet.^) 
Das erste und vierte Buch seiner Dichtung sind im Nd. Jahrb. X, 
S. 119 — 131, XI, 118 — 125 vollständig, die übrigen im Auszuge mit- 
geteilt. Obwohl er auf gute Reime und Verse nicht ängstlich bedacht 
war — er entschuldigt das unter Berufung auf einen Meister Vrouwenlof 

*) Vermutlich ist es derselbe Magister Evert von Wampen, den Crull als 
Zeugen in einer 1330 in Stralsund ausgefertigten Urkunde nachweist. Vgl. Ndd. 
Korresp.-Bl. X, S. 18. 



156 



mit dessen Worten ^beter ein rim wen ein sin verloren\ — hält er 
doch im Allgemeinen in seinen Reimen die verschiedenen 6 auseinander. 
Es lässt sich hieraus schliessen, dass er aus dem diphthongischen 
Teile Pommerns stammt. In Ermangelung eines andern und bessern 
mnd. Dichters dieser Mundart mögen seine Reimbindungen untersucht 
werden. 



blot 'bloss r. : not Prol. 86. 
h6pe : löpe I, 11. 

: not I, 167. 177. 306. H, 71. 

not n, 75. Bl. 159. 
— : köp IV, 55. 
böse : löse 11, 85. 
viöt : not IV, 69. 



grot 
16p 



6» : t^K 

ovet : (ge)pr6vet Prol. 76. IV, 43. 

dröve : pröven I, 276. 

noch : gevöch I, 45. II, 83. 

gröt 'Grass' : möt I, 57. 

Böken : vldken I, 412. 

blÖt : döt n, 79. 

tö : d6 IV, 29. 

gut : dot I, 200. 

— : blöt II, 81. 89. 

— : möt I, 103. 261. 370. 

d» : tonl. ö (?). • d" : tonl. ö. 

gevöge : droge Prol. 40. I, 23. 247. böme : some Bl. 162. 

höret : cöret (? Es, tornet) I, 322. 

d' : Fremdworte : 6". 

also : consnetudö I, 97. 
tröne : schöne I, 107. 
jö : complexclö I, 222. 
vrö : strö I, 282. IV, 61. 
also : jö Bl. 161. 

blöt : not IV, 8 (vgl. Prol. 86). 
schöp : löp I, 1. U, 65. 

Anmerkung. Mnd. droge mnss in zweifacher Form und Aussprache 
vorhanden gewesen sein, als droge mit o^ und als droge mit tonlangem o. Die 
heutigen Mundarten erlauben einen Rückschluss nur, wo altes ö^ und tonlanges 
später nicht zusammengefallen sind. Die verbreitetste Form scheint dröge 
gewesen zu sein. Für droge lässt sich Ravensbergisches drüge (neben drüüge, 
Jellinghaus S. 123), drügen, drilgeldeok, Münstersches drüge, drügeldok sowie 
Osnabrücksches drägt 'getrocknet' neben dränge, (Lyra s. 34) anführen, lieber 
dröge mit ö' vgl. Holthausen, Soester Ma. § 77. 

Ergebnis. Es ist oben bereits bemerkt, dass Everhard, trotzdem 
er kein guter Reimer ist, doch 6^ und 6^ (abgesehen von wenigen 
Ausnahmen) nicht miteinander bindet. Beachtung verdient, dass er 
6^ und entlehntes 6 nur mit 6^ imd 6^ bindet, gerade wie das bei 
Pseudo-Gerhard der Fall war. 

Stephans Hchachbnch. 

Das von W. Schlüter in den 'Verhandlungen der gelehrten 
Esthnischen Gesellschaft Bd. XF (Sonderausgabe Norden 1883) zu 
neuem Abdruck gebrachte Werk 'Schackspeel to dude' ist eine um- 



U1 

fangreiche Dichtung von 5886 gut gebauten und im Allgemeinen gut 
gereimten Versen, welche dem Dörptschen Bischof Johannes von Fif- 
husen, der 1375 gestorben ist, sein Untergebener, der Schulmeister 
Stephan, gewidmet hat. Dieselbe muss also noch im 14. Jahrhundert 
und zw^ar in Li vi and verfasst sein. Die Sprache der Städte Liv- 
und Esthlands war nach Ausweis ihrer Urkunden und Stadtbücher 
in älterer Zeit das Niederdeutsche. Bis zum Ende des vorigen Jahr- 
hunderts soll noch im häuslichen Verkehr vielfach plattdeutsch ge- 
sprochen sein, heute ist die plattdeutsche Mundart in den russischen 
Ostseeprovinzen vollständig erstorben, und es lassen sich keine Sprach- 
proben heutiger Mundart mehr beibringen, aus denen auf die Eigen- 
tümlichkeiten der mittelniederdeutschen Volkssprache der deutschen 
Bevölkerung jener Städte geschlossen werden könnte. Von älteren 
nicht mehr der Periode der mnd. Schriftsprache angehörenden nieder- 
deutschen Sprachproben ist mir, abgesehen von den wenigen in den 
'Bunten Bildern von Papst Bd. 2' mitgeteilten Heimen, nur das 
in F. K. Gadebusch's Livländischer Bibliothek Th. 2 (Riga 1777) 
S. 239 — 245 abgedruckte Gedicht des Obersten der livländischen 
Adelsfahne Gustav v. Mengden's (geb. 1625, gest. 1688) bekannt. 
Wenn nach der Rechtschreibung der erhaltenen Niederschrift geurteilt 
werden darf, in welcher die altem 6^ und altem 6^ entsprechenden 
Laute unterschiedslos mit o oder o wiedergegeben sind, so muss ent- 
weder das livländische Platt im 17. Jahrh. monophthongisch gewesen 
sein oder es konnten beide Läute sich im Klange nicht sehr unter- 
schieden haben. 

Zu dem letzteren Schlüsse führen in Bezug auf die Sprache des 
14. Jahrhunderts die Reimbindungen Stephans. 

Die Reime zwischen 6^ : 6^ und 6^ : o^, die sich in je tausend 
Versen von Stephans Dichtung finden, sind nur gezählt. Zur Ver- 
gleichung ist daneben die Zahl der Reime zwischen o^ und tV angemerkt. 



Ve7's 


6» 


: 5». 


d» : 5^ 


d' : 0^ 


1— 1000 


11 


Eeime 


8 R 


5 R 


1001—2000 


24 


n 


6 « 


6 » 


2001—3000 


23 


1) 


12 „ 


2 « 


8001—4000 


21 


it 


18 « 


1 . 


4001 5000 


16 


j) 


11 » 


2 « 


5001—5886 


11 


» 


8 . 


2 „ 


1-^5886 


106 


Reime 


63 /?. 


18 R, 



5* : 5^ 
möt : grdt 275. 
v6ren : voratoren 491. 
don : Ion 553. 1475. 1571. 1865. 
behof : röf 597. 
pröven : gelöven 793. 2732. 
soke : rOke 1071. 
blöde : ndde 1269. 
gut : bröt 1411. 
behövet : tolövet 2902. 
gut : ddt 3681. 



158 



mdde : sndde 4498. 
geovet : hoyet 4572. 
böden : nöden 5712. 
döt : gröt 5764. 



d' etc. : 6\ 

(un)vrö : to 167. 1561. 3460. 4334. 

als6 : t6 227. 2941. 4180. 5488. 

döue : kone 1776. 4618. 

schöle : stole 373. 

Rome : blome 1189. 

pryöre : v6re 4855. 

dön : GrifÖn 4214. 

lat, -0 : 6* fohfie Beispiel). 

bevul : stöl 5635. 



d» etc. 

döne : sone 839. 
köre : dore 1976. 



0. 



0. 



hören 
nöde 
ören : 
köpe 



d" etc. : d*. 

tröne : löne 2715. 

persöne : böne 5430. 

pryöre : döre 4838. 

also': hö 465. 

kröne : schöne 671. 813. 833. 

Polypönen : schönen 1785. 

laL -0 : ö* 98. 352. 375. 631. 

d' etc. : d' etc. 

(un)vrö : dö 1503. 

— : also 251. 319. 4538. 
kröne : tröne 1549. 

— : Neröne 2031. 
lat. -0 : ö' (Cato : also w. a.) 637. 1708. 

2186. 2283. 3017. 4109. 
Tolöse : glöse 4274. 

d* : ö, ör. 

geplöget : doget 1399. 
swör : vor 1045. 
slögeu : vlogen 1849. 
behöyet : lovet 2901. 
rörede : borede 2933. 
gevoge : möge 5206. 
höde : bode 5564. 
nnvorsöken : gesproken 5680. 

0* : 0. 
behöf : lof 5728. 

Ergebnis. Nach Ausweis der dem Reim Verzeichnisse voran- 
gestellten Übersicht hat Stephan in dem ersten Tausend seiner Verse 
19 mal homogene, 5 mal heterogene 6 miteinander gebunden, es 
würden also 21 Procent der betreffenden Reime unrein sein, wenn in 
seiner Mundart die heterogenen 6 durch verschiedene Aussprache 
auseinander gehalten wurden. Angesichts der Thatsache, dass seine 
Reime — von der Rechtschreibung des sein Gedicht überliefernden 
Lübecker Druckes aus dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrb. muss 
man freilich absehen — im Allgemeinen nicht ohne Sorgfalt sind, 
könnte man geneigt sein aus jenem Zahlenverhältnis zu folgern, dass 
in Stephans Mundart beide ö bereits in einen Laut zusammengeflossen 
seien. Als üegengiomd Hesse sich der höhere Procentsatz der übrigen 
Reime allerdings nicht verwerten, denn auch bei Dichtern, in deren 
Mundart 6^ imd 6^ zusammenfallen, könnte man nicht erwarten je 
ein Drittel Reime zwischen 6^ und 6\ zwischen 6^ und ö* und zwischen 
6^ und 6^, also je 33 Procent anzutreffen. Das Verhältnis wird in 



: boren 369. 

gode 485. 

boren 687. 

hope 3061. 
beröven : boven 4024. 
dödes : godes 4820. 
hören : tovoren 4828. 



169 

der Regel sehr zu Gunsten der Reime mit homogenem 6 verschoben 
sein, erstens weil die Anzahl der Reimwörter mit (V grösser ist, 
zweitens weil der Reimvorrat jedes Dichters durch die ihm bekannten 
älteren Dichtungen beeiniiusst und bereichert wird und somit den 
Dichtern monophthongischer Mundart aus Dichtwerken diphthongischen 
Gebietes Reimbindungen mit homogenem 6 zugeflossen sein müssen, 
um so eher, als gerade die ältesten Vorbilder, auch die hochdeutschen, 
beide 6 in den Reimen schieden. Gegen die Annahme, dass in Stephans 
Mundart beide 6 zusammengefallen waren, spricht aber das Verhältnis, 
welches die späteren Teile seines Werkes aufweisen. Das zweite 
Tausend Verse bietet nur 17, die folgenden Tausende nur 5 bzw. 2, 
7 und 9 Procent Reime mit heterogenem 6. Man wird hieraus nur 
folgern können, dass in seiner Mundart beide o zwar im Klange ein- 
ander nahe standen und einen erträglichen Reim, aber keinen reinen 
Reim miteinander bildeten, weshalb Stephan, dessen Gewantheit im 
Reimen mit dem Fortgange seines Werkes wuchs, jene Reimbindungen 
mehr und mehr vennied. 

Holsteinsche Reimchronik. 

Die 'Deutsche Chroniken' Bd. 2 (1877) S. 615 ff. abgedruckte 
Reimchronik ist, wie L. Weiland in dem Vorworte nachweist, zwischen 
1381 und 1483 in Hamburg, also in einem heute der monophthongischen 
Mundart zugehörenden Gelnete vcrfasst worden. Die erhaltenen 651 
Verse bieten ausser Reimen (2 mal 6^ : 6^ v. 19, 507; 8 mal 6^ : o* 
V. 61. 119. 147. 227. 425. 509. 624. 642), deren besondere Verzeichnung 
zwecklos ist, folgende Bindungen: 

dön : 16n 272; brök : Ok 453. 
also : jö 603. 
ü^ Itzehö : do 469. 

— : tö 1227; dorste : vorwöste 193. 
gröt : gebot 87. 
d6ne ^modns' : sone 145. 

Lässt man die Reime mit dem Eigennamen Itzcho ausser 
Rechnung, so ist 11 mal homogenes, 2 mal heterogenes 6 im Reime 
gebunden. Es ergiebt sich also ein ähnUches Verliältnis und somit 
dieselbe Folgerung wie bei Meister Stephans Schachbuche. 



ö' : 


Ö' 


Ö» : 


Ö« 


Ö' : 


Ö' 


• 


0^ 


Ö»: 





ö : 


ö 



Die bisherigen Ergebnisse lassen es nicht mehr zweifelhaft er- 
scheinen, dass die heterogenen ö von vielen älteren mnd. Dichtern mit 
grösserer oder geringerer Strenge im Reime auseinander gehalten sind, 
und die grössere Strenge bei den Dichtern anzutreffen ist, deren 
Heimat heute dem diphthongischen Gebiete angehört. Einige sich 
anknüpfende Fragen müssen der Fortsetzung dieser Untersuchung vor- 
behalten bleiben. 

BERLIN. W. Seelmann. 



m 



Zur altsäehsisehen Grammatik. 

(Anzeige.) 

M. Roedi^r, Paradigmata zur altsächsischen Grammatik. 2. neu bearbeitete 
Auflage. Berlin, 1893. — 

Die erste Auflage von Roedigers Paradigmen erschien 1883; nach einem 
Zeiträume von zehn Jahren liegt jetzt die zweite vor. An Umfang ist das gerade 
einen Druckbogen umfassende Heftchen nicht sehr gewachsen, die Neabearbeitung 
zeigt sich ausser einigen Abweichungen in der Anordnung hauptsächlich in durch- 
gehender Verbesserung der Einzelangaben, indem kaum ein einziges Paradigma 
unverändert geblieben ist. Als besonders wichtige Besserung ist zu erwähnen, 
dass das Paradigma wini, das in der ersten Auflage merkwürdigerweise noch 
zur ^'a-declination gestellt war, jetzt seinen richtigen Platz bei der /-decl. ge- 
funden hat; auch die schwache Decl. der Subst. und Adj. erfreut sich endlich 
einer berichtigten Gestaltung. Die vielfachen Besserungen und Vervollständigungen 
im einzeln aufzuzählen hat keinen Sinn; als kurzes, übersichtliches, und doch 
das ganze Gerüst der Formenlehre enthaltendes Hülfsmittel für die Studirendeu 
können K.'s Paradigmata nur empfohlen werden. Selbstverständlich muss zu einer 
ausführlicheren Darstellung der Grammatik greifen, wer sich genauere Auskunft 
über irgend einen fraglichen Punkt verschaffen will, da es im Wesen solcher 
Paradigmata liegt, häufig nur die Möglichkeit der Existenz einer gewissen Endung 
anzudeuten, nicht aber deren wirkliches Vorhandensein zu behaupten. So wird 
natürlich niemand verlangen, dass z. B. von dag alle angesetzten Formen wirklich 
vorkommen, geschweige denn von toini oder meni. Es fragt sich aber doch, ob 
es überhaupt nicht besser wäre, bei den reichlicher belegten Declinationsklassen 
nur die Endungen anzugeben, wie es Schmeller in seiner Synopis grammatica 
gethan hat, bei den selteneren Classen aber, z. B. bei der u- oder consonantischen 
Decl., alle vorkommenden Formen, deren gar nicht so viele sind, aufzuführen. 
Was an Übersichtlichkeit dadurch vielleicht verloren ginge, würde an Sicherheit 
und Unzweideutigkeit gewonnen. In dieser Richtung könnten meiner Meinung 
nach überhaupt die Paradigmata noch bedeutend verbessert werden. R. giebt in 
einer Vorbemerkung an, dass die Formen möglichst nach der Zahl der Belege 
geordnet seien und dabei der Mon. des Heliand den Vorzug erhalten habe; dass 
dagegen schwach belegte Formen, sofern sie nicht von historischem Werte seien, 
fehlen. Man könnte über diese Bevorzugung der Münchener Hs. rechten; denn 
obwohl ihre Sprache den meisten der kleineren Denkmäler näher steht und 
sozusagen sächsischer ist als die einem Grenzgebiet Sachsens angehörige Mundart 
des Gott., so ist sie doch viel ungleichmässiger und zeigt besonders im ersten 
Drittel des Textes Spuren eines von der Sprache des Restes stark abweichenden 
Dialektes. 

Wir haben also im Allgemeinen die von R. angeführten, hinter einander 
stehenden Endungen der einzelnen Conjugations- und Declinationsformen als 
Belege für den im Vocalismus vielfach schwankenden Sprachzustand des Mon. zu 
halten. Doch hat R. auch einzelne dem Cott. oder andern Denkmälern eigen- 
tümliche Formen angeführt, ohne sie als solche kenntlich zu machen. Daraus 
entsteht nun leider häufig die Unsicherheit, was als Variante des M, was als 
eigentümlich für 0, was endlich etwa als vom Gebrauche des Heliand abweichende 
Form eines der kleineren Denkmäler zu gelten hat. Das ist sehr zu bedauern, 



161 

besonders da, wie ich meine, mit leichter Mühe durch Setzung verschiedener 
Interpunktionszeichen, durch Klammern oder durch Abwechslung im Druck eine 
zuverlässige Kennzeichnung der einzelnen Formen nach ihrer Herkunft zu er- 
möglichen gewesen wäre. Die Klammem wendet R einige male an, aber in 
verschiedener Bedeutung; ebenso den Cursivdruck beim Verbum subst. und beim 
Pronomen nur um die zu ednem Paradigma vereinigten, ursprünglich verschiedenen 
Stämme zu sondern. 

Wenn ich nun zum Einzelnen mich wendend hie und da die Angaben R.*8 
zu vervollständigen oder einige Versehen zu berichtigen mir erlaube, so möchte 
ich dadurch die Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit des R.^schen Werkchens nicht 
in Frage gestellt sehen, sondern nur auf Grundlage umfassender Materialsamm- 
Inngen eine kleine Beisteuer zu einer im Interesse der altsächsischen Studien 
bald zu erwartenden dritten Auflage geben. 

S. 3. Starke Conjugation. Das im praet. pl. neben -un verzeichnete -on 
ist für M nur zweimal als Endung der 2. pl. (1447. 1684) belegt; sollte -on 
(las 21malige Vorkommen dieser Endung in C bezeichnen, so hätte ebensogut 
die Plnralendung -ent in C Erwähnung verdient. 

S. 4. III. Klasse. — Statt wellan, das im Heliand nicht vorkommt, hätt>e 
etwa ivi'rran als Beleg für den Stammausgang auf Doppelliqnida genannt werden 
können. — nenian durfte nicht als Paradigma stehen, da es gegenüber dem 
regelmässigen niman CM 1623. 1648. 1788. 3322. 4264. 4578. C 1563. 5367. 
5447. (-en M) 3204. 3307. M 2332. 3778. 3887. nimen 3284. 3860 die seltenere 
Form ist: 1550. C 2332. 3284. 3778. 3887. nemen M 1563; auch die vor- 
kommenden Personen des Praesens haben in M stets i: 1786. 2288. 2606. C 
2571; nur C hat einmal 1786 nemat. Ebenso steht in M dem ppp. hinoman 
151 die Form benumane (binmnana C) 2990 gegenüber. 

S. 5. Die Hinzufügung des auf C beschränkten tw im praet. der IV. 
Klasse verlangte consequenterwei.«e das gleiche Verfahren in Klasse V, 5 bei 
hropan, im Praeteritopr. moi (S. 8), bei hro^er (S. 10) und wäre deshalb besser 
weggeblieben. 

Klasse IV, 2. Im Praet. gebührt ia der Vorrang vor io wegen ffriat 
((friot C) 4071; ob der inf. *grdtan anzusetzen sei, ist mir wegen griotand 
V> 4724 (vgl. ags. greotan) fraglich. 

Klasse V, 1. Das praet. sg. zu hlopan u. s. w. ist nicht belegt. — 
V, 2. ie im praet. hätte als fast ausschliessliche Eigentümlichkeit des C be- 
zeichnet werden sollen, M hat nur an 3 Stellen (122. 123. 345) ie, — Zu V, 3 
ist zu bemerken, dass M in allen Verben dieser Klasse ausnahmslos e hat, aber 
auch C kennt in fcUlan nur e, in hcUdan, waldan nur je einmal ie (130. 344), 
in wallan einmal ein wohl fehlerhaftes i (4073), und selbst in faJian und gangan 
häufiger e als ie. Es ist bemerkenswert, dass von den 21 (8 -|- 13) Belegen 
für ie in diesen beiden Verben 11 dem ersten Tausend, 6 den 3 ersten Hunderten 
des 2. Tausends angehören. — In V, 4 kommt das ie wiederum nur dem C zu; 
sollte also hier die Abweichung von M hervorgehoben werden, so durfte unter 
V, 5 das für io (selten eo 3561. 3570; 5004) des M eintretende ie (wiep 5004. 
hriep 2947. 3364) und eo (hrtop 4096. 5481. 5633. 5653. hrex/ptin 3645. 3651. 
3656. 4860. 5827. hreopin 3568) des C nicht fehlen. . 

S. 6. VI. Klasse, hiun ist auf C beschränkt; im praet. pl. fehlt die 
Angabe von warun. — Neben williu, welliu (nur in C) hätte die auch in M 
begegnende und 998 in CMP gemeinsam überlieferte Form willio nicht unerwähnt 
bleiben sollen; für die 2. sg. ist wil (nur C 5158) doch wohl nur Schreib- 
versehen; in 3. sg. muss die Reihenfolge lauten: wili. wil, wilit (C 1685); 
im praet. fehlt 2. sg. weldes (-as C) 821; pl. weldun (woldun C); die 3. sg. 

Niederdeutsches Jahrbnch. XVIII. XI 



162 

heisst in M überwiegend weide, niemals wolda, — Bei duan ist die Reihenfolge 
der Belege zu Gunsten der Formen mit ö mehrfach falsch angesetzt; in 1. sg. 
ist zwar gidoii die am häufigsten (2325. 2758. 4644) in M anzntreifende Form; 
daniy duom sind je 2 mal vertreten, duon auf beschränkt; aber 2. %^. duos 
ist 2 mal (1549. 4093), dos nur 3564 in M zu finden; auch in 3. sg. überwiegt 
in M uo : duot (-d) 16 mal; doi (-d) 8 mal, doit (5188); für den pl. ist zu 
ordnen: dot, duat, duot; pl. imp. doan (duan, duaian C); conj. 3. sg. doe 
1535. 1536. dua 1695. dtme 2448; im pl. war dican als nur in C (1473. 2562) 
belegte Form ans Ende der Beihe zu stellen; prt. 1. sg. nicht belegt; 2. sg. 
dedos C 5637 gehört hinter dadi CM 322; 3. sg. dede, deda; pl. dadun ist in 
M die häufigere (2649. 3648. 3663. 4409. 4439), dedun die seltenere (483. 
2804. 3886) Form; übrigens zeigt auch C grössere Vorliebe für dadim (2238. 
2649. 3663. 3886. 4409. 5560. 5889; dedun 483. 2804. 3648. 4439. ♦5495. 
5498); praet. conj. dadi (2 mal), dedi (1 mal); pl. dedin (2), -dadin (1 mal C); 
im inf. hat M folgende Reihenfolge: duan 972. 3258. 3847; doan 5029. 4909; 
doen 4940; den 1048; duan ist nur in C vorhanden 3258. 5576; auch P 972 
hat duan; im ppp. überwiegt in M giduafi (7 mal), das auch für C die einzige 
Form ist; daneben in M gidoen 5108. 5115 und andou 1798. — M hat öfter 
ftad als fted; stes ist nur in C belegt. 

S. 7. Schwache Conjugation. I. Klasse. Die Nebenform der 1. sg. pr. 
auf -0 ist nur für seggian belegt. — opt. neben -ie auch -ea. — praet. neride, 
nerida, — Für das praet. von sendicn ist in M nur senda 1042 belegt (sanda 
C; ausserdem senda C 5296); aber im Ganzen überwiegen in allen schwachen 
Verben in M die Formen auf -e, so dass im Paradigma der Form ^sende die 
erste Stelle gebührt hätte. Der einzige Beleg für den Plural lautet sendun C 
5315. — Da von salhon nur der inf. belegt ist, eignet es sich weniger gut zum 
Paradigma als etwa thiofiofi oder noch besser Diolon, von welchem auch für die 
Nebenformen mit i die meisten Belege vorkommen. Für den opt. auf -adi weiss 
ich keine Belegstelle; das praet. sollte salhode heissen. 

III. Klasse. Die Formen mit i gehören alle bis auf sagis (3019) nnr dem 
Cott. u. den ihm im Dialekt verwandten Glossen an. 

S. 8. Praeteritopraesentia. Für das praet. wäre richtiger als vorwiegend 
in M die Form auf -e anzuführen gewesen: wisse, gidorßc, dorfU (3208), far- 
munsie, moste, mähte; dagegen siud für ehia (841. 850), Consta (208. 225. 
1032) und scolda (17 mal) die Belege häufiger als für ehte (2159), conste (3544) 
und scolde (10 mal), was sich aber daraus erklärt, dass diese Formen auf -a 
alle den ersten zwölfliundert Versen des Heiland augehören, in denen überhaupt 
in M die Endung -a überwiegt. Hieran reihen sich auch die einzigen Belege 
für 1. sg. niosta 559 und scolda 823. Das nur einmal belegte afrmsta (1043) 
bestätigt diese Regel. — formonsta gehört nnr C (2658) an; für mohia und 
mohte in M sind 184. 747; 1678 die einzigen Fälle. Neben witan verdiente 
der inf. witun Beachtung. — Die Gesammtzahl der Praeteritopraes. ist um eins 
zn gross, da der Setzer von 2 auf 4 gesprungen ist. 

S. 8. Starke Decl. Einen Vocativ sg. anzusetzen erscheint mir unnötig. 
— Die Endung -a im n. acc. pl. m. hätte als nur den jüngsten Denkmälern 
angehörig gekennzeichnet werden sollen; da dem seltenen -as des n. acc. pl. ein 
Platz gegönnt wurde, durfte auch -an (C) im dat pl. nicht fehlen und ebenso- 
wenig das -um desselben Casus im Ntr.. dem doch gewiss ,hi8torischer Wert' 
nicht abzusprechen ist. — Neben -u im instr. verdient -o Beachtung. 

S. 9. Bei der ^a-decl. empföhle sich die Angabe des ganzen Wortes durch 
alle Casus, weil durch die blosse Setzung der Endung die volle Form sich nicht 
klar genug ergiebt. Im gen. sg. müsste es heissen: hirdies, hirdens ; dat. sg. 



163 

hirdea, kirdia, hirda, hirdie; heddies, beddeas; ricies, riceas, rices ; ricea, 
ride; Hke nnr in C. — instr. wie in der a-decl. — n. pl. -as nur 2 Belege: 
für acc. pl. gar keiner. — Von heri nur n. pl. -hm belegt. — Neben acc. pl. 
yicttin M 1186 in MC auch netti 1178. 1155. C. 1186. — rethi (nur Prud. Gl.) 
wäre besser fortgeblieben. — Da von sibhia nur d. pl. vorkommt, auch sonst 
nur wenig Belege von Wörtern nach diesem Paradigma sich finden, wäre es 
besser unter Aufzählung der hierhergehOrigen Wörter auf die Declination der 
^^-stämme zu verweisen, von denen sie ja principiell nicht abweichen. — Neben 
dem acc. woßunnm hat M 2695 wostimnie und im dat. nur (5 mal) woftunni; 
'ia (3), -iu (2) gehören dem Cott. an. 

II. Starke Declination. A. gast. g. sg. -as konnte wegbleiben, da tiras 
(tf/reas C) 131 kein vollgültiger Beleg ist; ebenso entspricht für den dat. -a, -e 
nicht den thatsächlich überlieferten Formen. — Im dat. pl. treten in M die 
Endungen -eon, 'ion, die in C herrschen, ganz gegen -tun (-eun 4 mal) zurück, 
für -un lässt sich nur hetteandun 2281 neben hetiendiun 5224 anführen; 
iraknin ist nur für C bezeugt. 

Zum Paradigma lüini ist zu bemerken, dass für den g. sg. überhaupt im 
Hei. keine Belege zu finden sind ausser 7n€t€s C 1224, 7nates M 1054. 1224; 
wo der gen. von scepi steht, ist das Genus fraglich. — Im Dativ ist i die 
häufigste Endung in M (hugi s. o.; meti 2833; seli 711. 3338; -quidi 3873); 
seltner -ea (hugea 2997. 5147. 5183); -e wird nur von C gewährt neben dem 
häufigen -ie, 

B. Neutra. Von meiii (1722) ist nur der acc. sg. überliefert; ausser 
dem nom. urlagi f-logi C) 4323 nur noch der gen. orlegas f-lagi^es C) 3697, 
kein Plural; sonst könnte man nur noch den vereinzelten g. pl. aldarlagio (-lago 
M) 3882 hierherziehen. 

C. Feminina auf -ini. Der Ansatz -iu für den nom. sg. beruht nur auf 
der vermutlich falschen Lesart in M vieginftrengiu (-i C) und wäre besser weg- 
geblieben oder in Klammern hinter -ia gesetzt. 

S. 10. III. i^-declination. Im n. sg. ist -o Endung in C und musste 
dann folgerichtig auch im acc. stehen. Ich habe schon bemerkt, dass für die 
7i-decl. eine AufiTührung aller einzelnen Formen die Übersicht über das wirklich 
Vorhandene deutlicher gemacht haben würde. Im n. acc sg. n. hat M gerade 
nur feho (1548. 1637. 1669. 2501); im gen. fehas (390. 1186); mid fehe f-o 
M) kann man für dat. oder instr. ansprechen, sonstige Formen sind nicht vor- 
handen, der pl. fio ist mir unbekannt. — Als n. pl. ist in M und C nur hetidi 
3526 belegt, im acc. nur hendi, mit Ausnahme von M 4917 haridi; dat. sg. 
liendi nur C 2989. 

Consonantische Stämme, man: d. sg. man ist iu H nur einmal (1757) 
zu finden, sonst nur manne; C hat öfter man als manne; mmma kommt in 
beiden Hss. überhaupt nicht vor, sondern nur in den kl. Dkm. — Als dat. pl. 
ist mannum viermal in M belegt. 

Verwandtschaftsbezeichnungen. Auch in M ist die gewöhnliche Endung 
-er; dohter (3), dohtar (1); bivder, -broder, broder- (8), brodar, ge- (4); fcuJ^ 
(28), -foulet* (5); fadar (5); gesttest 4108 ist unklar; nur modur ist häufiger 
(15) als moder (8), was mit der schon erwähnten Vorliebe des ersten Tausends 
von M, in dem modar 14 mal vorkommt, für flexivisches a zusammenhängt. 

IV. Schwache Declination. Neutr. gen. sg. nicht belegt; im nom. sg. fem. 
überwiegt die Endung -e ; die für M charakteristische Endung -an in den obliquen 
Casus des sg. fem. hätte ebensogut Berücksichtigung verdient als im masc. 

S. 11. Pronomina. Neben iinu haben M und C auch imo; dagegen 
kommen im n. pl. m. neben sie für M die vereinzelten seu, sia nicht in Betracht ; 

11* 



164 

sie herrschen in C, doch ist sin viel häufiger als sea.' — Im nom. sg. 1 ist »iu 
in beiden Hss. so sehr die Regel, dass die höchst seltenen sea 334, sia 337. 
505 in C keiner Erwähnung bednrften. — Im acc. sg. hat M sie; sia, selten 
sea ist C eigentümlich. — Ebenso n. acc. pl. M sie, C sia. — Da neben is im 
gen. sg. m. and ntr. auch es erwähnt ist, durfte auch im nom. acc. sg. ntr. 
neben it das entsprechende et nicht fehlen. — Im n. acc. pl. n. stellt C dem 
von M allein gebotenen siu dreimal sia (1722. 3605. 3607) und einmal sea 
(1429) gegenüber. 

Bei den Possessiven hätte vielleicht durch Eiuklammerung auf die Neben- 
formen use, iuwe hingewiesen werden können. 

Demonstrativa. dt. sg. in M ist tliemo nur einmal (2046) belegt, gehört 
also ans Ende der Reihe und muss beim ntr. gestrichen werden ; in ( • ist themo 
zwar häufiger, aber doch Ausnahme gegenüber dem regelmässigen ihem, — 
acc. sg. m. thana ist häufiger als thena, — n. acc. pl. thia ist als Hauptform 
für C von den übrigen Formen abzusondern. — g. sg. f. i}ie:ra ist häufiger als 
thero ; im dat. sg. f. kommt auch ihera vor. — acc. sg. f. in M neben thea 
auch die seltenen thie und the; thia nur in ('. — n. pl. fem. M: thea, thia, 
thie, 0: thia, tha, — Im nom. acc. pl. ntr. ist die regelmässige Form ihiu ((IM 
392. 415, 458. 648. 778. 1035. 1070. 1178. 1992. C 26. 47. 4713. (that M) 
657; M (thu C) 367. (that C) 4644; ausserdem entspricht dem thiu des M 
einigemale in C thia, wo es als fem. aufgefasst werden kann 235. 358; als 
Relativum fungirt thia C 1425. 4644. 4713, tha C 657. thea M 1178. 1993. 
Die von R. gegebene Reihenfolge ist also nicht richtig und the ganz zu streichen. 

S. 12. Die Reihenfolge für M ist: the.stmjw, Ütejutin, thrsun, thesmn 
1696, the»9on ntr. 1337; kennt nur thejion; im d. pl. tlieson nur in C. — 

Als gen. sg. f. von seif ist zufällig nur selba)^ 2988 in M belegt 
(selharo C). 

S. 13. Adjectiva. Dat. sg. m. -on hauptsächlich nur in C; -emo und 
-anio sind für die kl. Dkm. bemerkenswert. — Im acc. sg. m. ist die Anwendung 
der Endungen -an (-en) oder -na f-ana, -afw, -ene, -rie) von der Beschaffenheit 
des Wortstammes abhängig. — Im g, pl. ist in M -aro, -oro, -n-o die Reihen- 
folge; im d. pl. ist 'Om noch häufiger als -um, verdiente also dieselbe Berück- 
sichtigung. — Im d. sg. f. ist das ,usw.' nicht verständlich, genau genommen 
inüsste für M die Reihenfolge aufgestellt werden: -aru, -am, -ero, -oro, -eru, 
-nrff, -ara, wofür es genügen würde anzusetzen: -ro, -ru; C bevorzugt dagegen 
die Endung -ero. — Im n. pl. fem. ist im Gegensatz zum masc. -a auch in M wie 
in die Regel und im acc. kommt e Überhaupt als Endung in M nicht vor; eine 
Endung -ß für den n. acc. pl. ntr. ist mir nicht bekannt ; -a vorherrschend nur in C. — 

Schwache Declination. g. sg. f. ist -an in M häufiger als -un; für die 
verschiedenen Formen im gen. dat. sg. ntr. fehlt es an Belegen. 

S. 15. Die in der 2. Auflage an den Schluss gestellte Tabelle der Laut- 
verschiebungen würde m. E. von grösserem Nutzen sein, wenn der Unterschied 
zwischen An-, In- und Auslaut deutlicher hervorträte oder das starre Schema 
durch je ein Beispiel lebendiger gemacht wäre. 

DORPAT. W. Schlüter. 

Berichtignnj^en. 

Jahrb. XVII. s. 75 v. 271 lies Slaplik. 

„ „ 8. 79 zu V. 107 lieH Unklar ist v. 105. 

„ XVIII. 8. 120 zeile 1 v. u. lies chatuph) o. 

« ^ s. 124 „ 2 v. 0. lies 17. statt 15. 



Musik - Beilage 

(zu S. 15). 

la. De blauwe vlag die waeit 



^^ 



k. 



'^ ^:j^^^^^^:mj^ 



1f 1f * 



f ff^^F^ ff^^ gg ^ ^-p^f N^ ^f^ggH 



Ib. En die blauwe ylag die waeyt 



p 




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1 



[Ziet eens aen dit hei -der glas, Dat myn al - tyd komt van pas! Ziet het 




I£g"ip f ^^^3S^1Mf^ 



bran - den en - de bla - ken, Ziet het schit-te - ren voor't oog! Die het 



^^ 



g^ilF=; 



:ea — r 



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l 



M-*- 



m 



niet en kan ver • ma - ken, la eeu bloe<l zee - dig en droog.] 



IL Ditmarsisclier Tanz. 



f f»f 






i=r-= 



|: 



t 



^ 



Latde blau - e Flagg mal wei-en, Lat se drillen, lat se drei-cn ; Denn dat 



Dieser Takt und der' folgende lauten in der Handschrift: 




Die mit * bezeichneten Noten sind nur teilweise erhalten und von Herrn R. von IJlien- 
cron ergänzt. 



1 1 




/ dim. mf p fi ^ ^ p 



f dim. 



^ ^IZlirrj 



Schip to See an-geit 



3::=:i: 



Fl 



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,4^ ':^ 



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jy. 



i -Tl ! I 






§E 



III. De Zeyensprong. 




[Ei, wie kan de ze-vensprong, Ei, wie kan se dan - sen ? Is der dan geen 




^ 



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T 



:p=i=5r 



I 



t 



=t^ 



i^^M 



ee-ne man, Die de ze -yensproDgenkan?Datee-ne etc.] 




Da capo 



IT. Les sept sauts. 




^-± 



g^ö^gi^^^^ 



V— V 



fcS 



1. Ton armant, Phi-lis, ne me plait gu-ere, 11 vante tous tes momdres defauts, 

2. Pour le mien, il est bon ä la oan - se, Aus - si sou-vent je le fais danaer, 







Mais il n'a que du ca-quet, U se-roit la d'avoir fait Un saut. 
Et Sans s'en em-barras - ser, II me fait pour commen- cer Un saut, deux sauts. 

(8 Couplets.) 

T. Plerlala. 




is=E:iS 



^a^=^5^ ^^i 



[Komt hier r1 by en hoort een kluclit, Ick zinj? van Pier - la la. Eon 



i 



ht 



^^^ 



3=«T:J?=r»r:j= 




^sfeiiä^^^ 



\ drollig ventjen toI genucht, De vreugd van zijn pa - pa. Wat in zi^jn le-ven 







I=p: 



^^^ 



is geschied, Dat zult gy hooren in dit lied; *tl8 al vanPieivla-la, sa sa, 'tis 



[ #-f ± r^^ ^^ 



al van Pier-la - la.j 



TL Drinck-Liedeken. 



w 




i T-rtrrr 




Van waor compt ons den coe - len wyn, En van waer compt ons den coe - len wyn, 




^m 



t 



^g^^^^ Bi^Bg ^ 



£n van waer dorn daer, en van waer compt ons 



den coe - len wyn? 



•<8Q8) 



Jahrbuch 



des 



Vereins (fir niederdeutsche SpracliforsGliung. 



Jahrgang 1893. 



XIX. 




OSE 



NORDEH und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1894. 



Druck Ton Diedr. Soltftu in Norden. 



Inhalt. 



6«IU 

Zar Geschichte des Volksbuches vom Ealenspiegel. Von Ch. Walt her 1 

EaleaspiegeVs Vorname 4 

Eulenspiegers Znaame 6 

Die übrigen Personennamen L4 

Die Ortsnamen 14 

Die Sprache der Strassbnrger Ausgaben und die niederdeutschen Spuren 

darin 18 v 

Missverständnisse der niederdeutschen Vorlage 34 \ 

Wortspiele und Witsreden 42 

Beimverse 45 

Die Localisierung der Historien 49 

Die Grabschrift ülenspiegers 62 

Die ältesten Drucke 67 

Die mittelniederländische Paraphrase des Hohenliedes. Von Edw. Schröder 80 

Warnung vor dem Würfelspiel. Von J. Bolte 90 ' 

Zu mittelniederdeutschen Dichtern. Von R. Sprenger. . 94 

Zu Gerhard von Minden 94 

Zu Konemann ' 102 

Zur Marienklage 104 

Zum Sündenfall 107 

Zu Valentin und Namelös 108 

Zu mittelniederdeutschen Gedichten. Von E. DamkOhler 109 ^ 

Zu Botes Boek yan veleme rade 109 

Zu Gerhard yon Minden 111 

Der Verfasser der jüngeren Glosse zum Beinke Vos. Von Ad. Hofmeister 113 
Niederdeutsche Hochzeitsgedichte des 17. und 18. Jahrh. aus Pommern. Von 

K. Adam 122 

Mittelniederdeutsche Margareten-Passion. Von P. Graffunder .... 131 

Zum Anseimus. Von P. Graffunder 165 

Ein Spottgedicht auf die Kölner Advokaten. Von J. Bolte 163 

Trinkerorden. Von J. Bolte 167 



Zur Geschichte des Volksbuches 

vonn Eulenspiegel. 



Lappenberg's Ausgabe des Strassbiirger Ulenspiegel vom Jahre 
1519^) hat zur Untersuchung über das Volksbuch dieses Titels nicht 
nur den Grund gelegt, sondern auch betreffs der Bibliographie, des 
Quellennachweises, der Vergleichung ähnlicher Bücher, der Emendation 
und Interpretation, kurz fast in jeder Hinsicht die Forschung mit 
bewunderungswertem Scharfsinn, Wissen und Fleiss gleich soweit ge- 
fördert, dass einem Nachfolger bei dem vor vierzig Jahren vorliegenden 
Material wenig zu thun überblieb. Seitdem ist aber eine ältere Strass- 
burger Ausgabe, aus dem Jahre 1515, entdeckt und veröffentlicht 
worden.^) Ausserdem zeigt Lappenberg's Ausgabe doch den Mangel, 
dass zwei Hauptfragen nicht genügend von ihm in Betracht gezogen 
sind: das Verhältnis der ältesten erhaltenen Ausgaben einmal zu 
einander und zweitens zu einer nicht auf uns gekommenen, aber zu 
vermutenden niederdeutschen Urfassung des Buches. Ursache dieses 
Mangels war Lappenberg's Meinung, dass Murner der Verfasser des 
Ulenspiegel sei. Dieser Strassburgische Gelehrte habe die Schrift 
nicht etwa aus dem Niederdeutschen übersetzt, sondern selbständig 
abgefasst, und die witzige und launige Darstellung, sowie die gewandte 
Diction stamme nicht aus einer niederdeutschen Vorlage, sondern sei 
Murner's, des bedeutenden Schriftstellers, deutlich erkennbares Eigen- 
tum. Das niederdeutsche Original habe sich nur auf einen kleinen 
Teil des Murner'schen Buches beschränkt, nämlich die Erzählungen 
von der Jugend und den letzten Tagen UlenspiegePs und die Hand- 
werkerschwänke ; auch sei nicht sehr wahrscheinlich, dass diese erste 
Sammlung je gedruckt worden wäre. Bisweilen fühlt er sich sogar 
geneigt, selbst jede handschriftliche Grundlage zu leugnen: Murner 
habe den Kern der Historien auf seiner Jugendreise durch Nord- 
deutschland gesammelt, etwa in der Herberge zum wilden Mann in 
Braunschweig, die im Volksbuche erwähnt wird; die Mehrzahl der 
Geschichten habe er jedoch aus anderen Büchern entlehnt, was 



*) Dr. Thomas Murners Ulenspiegel. Hrsg. von J. M. Lappenberg. Leipzig, 1854. 

') von Hermann Knust in (Braune^s) Neudrucken deutscher Litteraturwerke 
des XVL und XVIL Jahrhunderts, Nr. 55 und 56 : Till Eulenspiegel. Abdruck der 
Ausgabe vom Jahre 1515. Halle, 1884. 

Niederdeutsches Jahrbuch XIX. 1 



2 

Lappenberg auf Grand einer erstaunlichen Belesenheit nachzuweisen 
sich bemüht. 

Ausser auf innere Gründe für Murner's Urheberschaft berief sich 
Lappenberg besonders auf das Zeugnis einer um 1521 erschienenen 
Schrift^): dann er (Murner) hat es vor uvl bewert , besunder da er . , . 
der weit zu schöner andacht und underweisunrj herfür gebracht hat die 
hoch ergründten leer, mit namen die Narrenbschwerung, die Schelmen- 
eunftf der Grit Miller in Jartug, auch den Ülenspicgd und andre schöne 
buchte mer. Das Zeugnis mag ganz richtig sein; dennoch zwingen 
die Worte uns nicht, Murner mehr Anrecht auf den ülenspiegel ein- 
zuräumen als das eines Uebersetzers eines anonymen Werkes. Dass 
er zu dem Volksbuche in einem andern Verhältnisse gestanden hat, 
als zu den vorhergenannten Schriften, welche sicher und ganz Pro- 
dukte seines Geistes waren, scheint der Verfasser des Dialogs durch 
die Anfügung mit ^auch** andeuten zu wollen. 

Lappenberg handelte in solcher Ueberzeugung ganz folgerichtig, 
wenn er gar nicht versuchte, aus den ältesten Ausgaben, der Strass- 
burger, der Kruffter'schen, der Antwerpener, der Cölner, der Erfurter, 
der Augsburger, einen Text mit Anwendung philologischer Kritik her- 
zustellen, sondern einfach den Strassburger Druck von 1519, der ihm 
für die Originalausgabe Murner's galt, wiedergab mit scharfsinniger 
Verbesserung der zahlreichen Druckfehler aus eigener Konjektur oder 
aus den übrigen älteren Ausgaben. Seine Ansicht ist aber nicht 
durchgedrungen, weil eine genauere Betrachtung des Eulenspiegelbuches 
und eine Vergleichung der verschiedenen alten Ausgaben sie als un- 
haltbar erkennen liess. Gewichtige Bedenken gegen die Strassburger 
Originalität des Buches hat Karl Gödeke aus niederdeutschen im 
Strassburger Text stehen gebliebenen Ausdrücken und aus Missver- 
ständnissen geschöpft, die sich nur aus einer niederdeutschen Vorlage 
erklären lassen, zuerst im Weimarischen Jahrbuch Bd. IV (1856) S. 
15, wiederholt in seinem Grundriss zur Geschichte der Deutschen 
Dichtung Bd. I (2. Ausg. 1862) S. 117 und weiter ausgeführt im 
Archiv für Litteraturgeschichte Bd. IX (1881) S. 3. Lappenberg hatte 
bereits solche Spuren des Niederdeutschen in Worten und Wortspielen 
und in den Namen vermerkt, jedoch nicht zur Erkenntnis der Sachlage 
verwertet, weil ihn seine einmal gefasste Vorstellung von Murner's 
Urheberschaft verblendete. Dagegen will Gödeke demselben die Autor- 
schaft nur eingeräumt wissen, wenn damit eine ältere niederdeutsche 
Redaktion nicht ausgeschlossen sein solle, welche Murner in einem 
Drucke vorgelegen haben müsse; doch dürfe jene Stelle aus dem 
„Dialog" kaum auf eine blosse Uebersetzung des Buches aus dem 
Niederdeutschen ins Hochdeutsche gedeutet werden. 

Niemand hat für die Forschung über die Urgeschichte unseres 
Volksbuches mehr geleistet, als Wilhelm Scherer in seiner Schrift 

') Ain schöner DialoRus zwischen aim pfarrer und aim schulthaisz, abgedruckt 
bei 0. Schade, Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit. Hannover, 1863. 
Bd IL S. 153. 



„Anfänge des Deutsclien Prosaromans", Strassburg 1877. Er bat zun! 
ersten Male in kritischer Weise die ältesten bekannten Drucke mit 
einander verglichen und ihr Verhältnis zu einander und zu unbekannten 
Vordrucken zu bestimmen gesucht und dadurch die Untersuchung in 
die richtige Bahn gelenkt und einer kritischen Ausgabe vorgearbeitet. 
Hierbei stellte er die Selbständigkeit der Cölner Ausgabe vom Jahre 
1539 und damit ihre Gleichwertigkeit mit den ältesten Strassburger 
Drucken fest und sicherte somit ihren beiden Angaben volle Glaub- 
würdigkeit, erstens dass das Buch aus Sächsischer Sprache verdol- 
metscht sei (was die früheren Ausgaben verschweigen) und zweitens dass 
es 1483 abgefasst sei (während die Strassburger Ausgaben das Jahr 
1500 angeben). Abgeschlossen hat Scherer seine Untersuchung nicht, 
die er nur gelegentlich einer Recension von F. Bobertag's Geschichte 
des Romans anstellte. Bezüglich der erst 1868 aufgetauchten Strass- 
burger Ausgabe von 1515, der Erfurter von 1532 und der Cölner von 
1539 konnte er sie nur auf Grund von Mitteilungen Anderer über 
diese ihm nicht zugänglichen Drucke führen; desgleichen war ihm die 
Benutzung des Antwerpener Druckes nur soweit möglich, als Lappen- 
berg in seiner allerdings ziemlich ausführlichen Beschreibung daraus 
und darüber mitgeteilt hatte. Der Strassburger Druck von 1515 ist 
seitdem durch Knust zugänglich gemacht worden; der Abdruck der 
übrigen in Betracht kommenden steht noch aus. Ehe das geschehen 
ist, dürfen wir wohl keine kritische Herausgabe des Volksbuches er- 
warten. In Betreff solcher hoffentlich erfolgenden und zumal von der 
Antwerpener Ausgabe wünschenswerten Neudrucke möchte ich die Bitte 
aussprechen, dass man die alten Drucke mit Haut und Haar gebe, 
mit allen sprachlichen und orthographischen Unregelmässigkeiten und 
selbst allen Druckfehlern, den Antwerpener womöglich in photolitho- 
graphischer Nachbildung, wie es mit dem Kruffter'schen geschehen ist^) 
und wie es auch mit den beiden Strassburgischen von 1515 und 1519 
eigentlich hätte geschehen müssen. Nur so kann man sicher sein, 
dass keine für die Geschichte des Litteraturdenkmals verwertbare 
Besonderheit beseitigt oder doch verwischt wird, oder zum mindesten 
verborgen bleibt. 

Mittlerweile lässt sich, da die beiden ältesten Strassburger Drucke 
wieder herausgegeben sind, doch schon an der Sprache derselben 
prüfen, wie weit die Behauptung von der Selbständigkeit der Strass- 
burger Redaktion und ihrer Unabhängigkeit von einer niederdeutschen 
Vorlage begründet ist. Ich hatte das nach Gödeke's Vorgang an der 
Ausgabe von 1515, als sie mir im Neudruck bekannt ward, versucht 
und war zu dem Urteil gekommen, dass sie im grössten Teile nichts 
als eine ziemlich liederliche Uebertragung aus dem Niederdeutschen 
sei. Nachträglich lernte ich durch den Nachweis eines Freundes die 
Abhandlung von Scherer kennen, wo ich fand, dass dieser, obschon 
er die sprachliche Seite minder berücksichtigt hat, sich für dieselbe 

*) Tyel Ulenspiegel. Nach dem Druck des Servals Kruffter photolithographisch 
nachgebüdet. Berlin, A. Asher & Co. 18G5. 

1* 



Auffassung zu entscheiden geneigt ist. Seine Worte (auf S. 33) sind: 
^Die Notiz von 1521 über Mumer's Autorschaft (Lappenberg S. 385) 
wird nicht völlig grundlos und zunächst an der Strassburger Ausgabe 
von 1515 zu prüfen sein: er hat im selben Jahr bei Grieninger^ [dem 
Drucker des ülenspiegels von 1515 und 1519J ;,den verdeutschten 
Virgil, im Jahre vorher die Badenfahrt erscheinen lassen. — Mehr 
als die nach seiner Weise oberflächliche Uebertragung ins Hochdeutsche 
hat er wohl nicht geleistet. '^ 

Dieses Urteil ermunterte mich, die Notizen meiner Untersuchung, 
welche eben in der von Scherer geforderten Hinsicht angestellt war, 
in einer zusammenb äugenden DarsteUung auszuführen. Noch während 
dieser Arbeit erging an mich die Aufforderung von Seiten des Nieder- 
deutschen Sprachvereins, meine Resultate auf der Pfingst Versammlung 
zu Lüneburg im J. 1889 vorzutragen. So musste ich meine Abhand- 
lung fürs erste liegen lassen und versuchen, den Gegenstand in Form 
eines Vortrages zu behandeln. Dieser ist dann bei jener Gelegenheit 
gehalten worden. Nachdem mic^h darauf andei'c Arbeiten von der 
Aufgabe für mehrere Jahre abgezogen haben, bin ich letztlich zu ihr 
zurückgekehrt und lege nun hier meine Untersuchung in der zuerst 
beabsichtigten Gestalt vor. 

Voraus bemerke ich, dass meine Darstellung möglichst so ge- 
halten ist, dass Lappenberg's etwas teure Ausgabe dem Leser nicht 
unumgänglich zur Hand zu sein braucht. Den kleinen Neudruck der 
Strassburger Ausgabe von Knust wird man dagegen nicht wohl ent- 
behren können. Als Siglen für die Titel der ältesten Ausgaben des 
Eulenspiegel sind die Anfangsbuchstaben der Druckorte, nötigenfalls 
mit Hinzufügung des Jahres, und in einem Falle der Anfangsbuchstabe 
des Namens des Druckers gewählt. Demnach ist unter S zu verstehen 
eine Strassburger, K die Kruffter'sche, A die Antwerpener (Michiel 
van Hoochstraten, ohne Jahr), E eine Erfurter von 1532 u. s. w. und 
C die Cölner Ausgabe von 1539. Die beiden Strassburger von 1515 
und 1519 habe ich gleichfalls lieber durch Zusatz der Jahreszahl 
unterscheiden wollen, als durch ein einfacheres Zeichen, weil jene 
Bezeichnung auch brauchbar bleibt, falls einmal ein früherer Druck 
aufgefunden würde. 

Eulen.spiegers Vorname. 

Der Vorname Eulenspiegers lautet im Titel des Romans bei S 
1515 Dyl, bei S 1519 Dd. Gödeke, Gnmdriss I S. 117 hat gemeint, 
diese Form deute auf einen niederdeutschen Originaldruck, oder mit 
anderen Worten, sei aus diesem herübergenommen worden. Grade 
das Gegenteil ist der Fall: DyU DU oder, hochdeutscher geschrieben, 
Diel ist die recht hochdeutsche Gestalt des Namens. Nach Art 
schlechter Uebersetzer hat der Strassburger Bearbeiter anfänglich 
den Namen in seine Mundart umgesetzt, in der Folge aber mehrfach 
die Form des Originals aus Flüchtigkeit beibehalten, was ihm um so 



leichter zustossen musste, da er auch sonst zufolge seines Dialektes 
anlautendes t und d nicht scharf zu sondern vermochte. So zeigt 
S 1515 in der Vorrede Dyl und Thyl, Historie 1 Thiel und Dyl, Hi. 
2 und 5 Thü, Hi. 3 Tyl; S 1519 schwankt gleichfalls: Vorr. Thyl 
und Dyl, Hi, 1 Dil und Thyl, Hi. 2 Thyl Hi. 3 Tyl, Hi. 5 Dil Im 
ndd. Original wird Thyle und Thihf vielleicht daneben Tyle und Tile 
gestanden haben. 

Der Name darf nicht, wie Lappenberg S. 227 ihn fassen will, 
als Küi'zung von Tileman angesehen werden, sondern dieser ist eine 
erweiterte Kosebildung aus jenem. Tile ist hervorgegangen aus alt- 
sächsischem Thiadilo^ das ein Deminutiv ist von Thiado, dem Hypo- 
koristikon oder der Koseform eines jeden mit thiad (Volk) beginnenden 
männlichen Vollnamens. Das as. th geht regelmässig in dh und dann 
im Mnd. in d über. Ausnahme von dieser Regel machen im Anlaut 
nur wenige Wörter, dagegen manche Namen, z. B. die Ortsnamen 
auf torp statt dorp und einige Koseformen der mit thiad, thavik u. s. w. 
anfangenden Vollnamen. Zu dieser letzteren Klasse gehört Tilo, welche 
aus Tiadilo (Tiedelo. Tidelo) verkürzte Form vielleicht bereits in dem 
Namen Tüo in der Heberolle des westfälischen Klosters Freckenhorst 
um ca, 1000 vorliegt. Für Tile ward dann nach der Orthographie 
des späteren Mittelalters auch Tyle, Thüe, Thyle geschrieben, ohne 
dass damit eine veränderte Aussprache gemeint war, Dass der Name 
z. B. den Vollnamen Thiderik vertreten konnte, hat das Mnd. Wörter- 
buch IV, 543 urkundlich nachgewiesen. Hier noch zwei weitere Belege 
für die Verwendung des Namens: 1288 und 1290 wird ein Thideco 
de Hamelen auch Thileco genannt, Ztschr. f. Hamburg. Geschichte VI, 
506 und 514; TiletnannuSj alias Titke Krön, Staphorst Hambg. Kirchen- 
Gesch. I, 2, 545 = Tinifm [d. i. Thiadmar], alias Teleman [= Tile- 
man], al. Titke Crone, das. I, 3, 606. 

Bestätigt wird die Behauptung, dass der Name des Helden im 
ndd. Original mit T angelautet haben muss, durch K's Schreibungen 
Tyel, Thiel, Tiel. Da diese Ausgabe im Cölner Dialekt abgefasst ist, 
so ist die Namensform erklärlich. Denn solche mit t statt mit d = 
ad. th anlautenden Kosenamen sind in Mitteldeutschland nicht so selten. 
Nach den östlichen Landscliaften werden sie durch niederdeutsche 
Kolonisten gebracht sein; daher stammt wohl der hier besonders 
häufige Zuname Thilo. Weitere Importierung fand später statt. So 
war der in Mitteldeutschland lebende und mitteldeutsch schreibende 
Verfasser der Limburger Chronik Tileman von Elhen ein Niederdeutscher, 
aus Wolfshagen im sächsischen Hessen gebürtig. In den nördlichen 
Teilen Mitteldeutschlands, nämlich von Rlieinland, Hessen und Thüringen, 
wo die Volkssprache bis in die mhd. Periode hinein allem Anschein 
nach niederdeutsch geblieben war, werden sich solche Namensformen 
aus dem früheren Sprachzustande gehalten haben. Und zu diesen 
Gegenden darf man auch Cöln rechnen. Die Verkürzung des zwei- 
silbigen Namens zu einem einsilbigen, wie K sie zeigt, wird der Dialekt 
mit dem Oberdeutschen gemeinsam haben. U,nd dasselbe ist im Nieder- 



6 

ländischen der Fall: A hat TJiieU)^ die ndl. Ausgaben des 17. Jhs. 
Thyl und Thijl^ während die aus dem flämischen Texte übertragenen 
französischen Drucke Tiel bevorzugen. Unter den deutschen Ausgaben 
bestrebt sich C hoclideutscher Schriftsprache und wählt daher Dyll 
und Dyl^ desgleichen Cöln 1554 und Augsburg 1540. Bemerkenswert 
ist, dass dagegen Strassburg 1539, 1543 und 1551 Tyll schreiben; 
ob sie sich nur dieser Form bedienen? Der Frankfurter Druck 1545 
hält noch an Dyll fest, der von ca. 1557 — 63 hat wieder Tyly die 
Fischart'sche gereimte Bearbeitung Thyll, Seitdem dringen die 
Schreibungen Till und Tyll durch und damit eine Form, die weder 
hd., noch nd. genannt werden kann. Denn im Nd. wird der gemeinte 
Name mit langem Vokal gesprochen und, wenigstens zur Zeit der 
Entstehung des Eulenspiegelbuches, durchweg zweisilbig als Tue. 
Wahrscheinlich verdankt man die Entstellung zu DiU und Tül nicht 
einer denkbaren Vertauschung mit einem Hypokoristikon von Dieileib 
(Thiadlef)^ sondern allein der verwilderten Orthographie des 16. Jhs. 
Nicht unmöglich ist aber, dass diese Schreibung befestigt ward durch 
Anknüpfung an ein Appellativ tül oder dül^ welches Narr bedeutet 
zu haben scheint; s. Lübben in der Ztschr. für Deutsche Philologie 
III, 330, und vgl. Rochholz das. S. 341. Der Schrift ist dann die Aus- 
sprache gefolgt: man spricht allgemein Tül jetzt mit verkürztem Vokal. 
Fischart im Gargan tua Kap. 10 behauptet, wie Lappenberg S. 
227 erwähnt, dass in Lübeck Till der gewöhnlichste Vorname sei. 
Das ist ein Irrtum. In Lübeck, Hamburg, in ganz Nordeibingen, des- 
gleichen in Stade und Lüneburg, überhaupt in den norddeutschen 
Küstenländern ist der Name Tylc selten und ursprünglich nicht heimisch. 
Hingegen ist er im niederdeutschen Binnenland recht zuhause und 
wohl nirgends mehr, als in Ostfalen, wo der Eulenspiegelroman seinen 
Helden zur Welt kommen lässt. Dort wird auch das Buch zuerst 
verfasst sein. Scherer S. 33 denkt an Hildesheim. Aber Braunschweig 
hat mehr Anspruch, wie ich im folgenden nachweisen werde. Wie 
verbreitet der Name Tyle in dieser Stadt war, zeigen die von Hänsel- 
mann herausgegebenen Braunschweigischen Chroniken. 

EuleiispiegeFs Zuname. 

Schade, Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit II, 338, 
hat Lappenberg zum Vorwurf gemacht, dass er in seiner Ausgabe 
sich der Form Ulenspiegel bedient habe; er hätte, dem Strassburger 
Dialekt gemäss, Ulenspiegel schreiben müssen; ule ohne Umlaut sei 
niederdeutsch. Er selbst hat denn auch im „Dialogus zwischen aim 
Pfarrer und aim Schulthaiss^, nach Vorgang des von ihm seinem Ab- 
drucke zu Giiinde gelegten Druckes (A), Ulenspiegel statt des Ulen- 
spiegel der andern Drucke gesetzt; ja, er meint, er hätte das auch 
thun müssen, wenn A das ü nicht gäbe. Dabei hat er nur übersehen. 



*) Diese und die folgenden Angaben beruhen auf Lappenberg's Verzeichnis 
der Ausgaben vom Ulenspiegel. 



dass der Dialekt jenes Dialoges, den gleich die ersten drei Zeilen in 
hreueht ir, neuwer mär und euch kund thun, nicht Ülenspiegel^ sondern 
Eidetkipiegel verlangt. Man könnte sich die Forderung Schade's für 
den Titel von Lappenberg's Ausgabe allenfalls insofern gefallen lassen, 
als Lappenberg den Strassburger Murner für den Verfasser hält. 
Falls er aber, wie es scheint, diese Form auch für einen sog. ge- 
reinigten Textabdruck des Buches beansprucht, so hiesse das der 
Strassburger Bearbeitung eine Wortform aufzwängen; denn beide 
Strassburger Ausgaben, sowohl die von 1515 wie die von 1519, schreiben 
Vlen- oder Vlnspiegel^ die von 1515 sehr* oft auch Ulfejnspiegel und 
vl(e)n$pieg€l. Sicherlich schwankt S 1519 zwischen diesen drei Schrei- 
bungen wie S 1515; wenigstens zeigt das Facsimile des Titels bei 
Lappenberg Ulenspiegel, abweichend vom Vlenspiegel in S 1515. 
Lappenberg war also, da er einheitliche Schreibung und zwar stets 
mit grossem Buchstaben durchführen wollte, verpflichtet, die häufigste 
des Druckes, Vlenspiegel, zu wählen, und berechtigt, im Titel seiner 
Ausgabe Ulenspiegel zu setzen. 

Wie der Strassburger Bearbeiter den Namen aussprach, lässt 
sich aus jenen drei Schreibungen nicht ersehen, weil man die Typen 
V und V und vermutlich auch U nicht mit Umlautszeichen zu versehen 
pflegte, diese Lettern also sowohl zur Bezeichnung von 27, u als auch 
von t/*, ü im Anlaut dienen mussten. Aber eine andere Eigentüm- 
lichkeit der Orthographie von S 1515 kann die Frage lösen. Die 
Grieninger'sche Buchdruckerei war im Besitz der Type ü und verwendet 
sie im Anlaut der Wörter, nur nicht konsequent immer wo sie am 
Platz gewesen wäre. Sie hat z. B. stets vbel statt übel und stets vch 
statt üeh neben häufigerem euch. Dagegen finden wir nie vwer, son- 
dern üt€er oder meistens euwerj bisweilen ewer. Auch vber steht durch ; 
nur einmal, Hi. 63 ist mir über aufgefallen und zwar in beiden Aus- 
gaben, bei Lappenberg auf S. 91, bei Knust auf S. 96. Hi. 17 und 
72 (zweimal) lesen wir die ürten (Zeche), 55 und 77 die ürtin, 80 
die vrten. Der Setzer der Officin wechselt also, mit Ausnahme von 
vÄei und vchj zwischen v und ü und gebraucht, oflFenbar wegen des 
folgenden «?, die Schreibung üwer ausschliesslich. Da er nun vlen- 
spiegel mit kleinem Anfangsbuchstaben unzählige Mal gesetzt hat, 
müsste befremden, dass er, wenn man in Strassburg den Namen mit 
Umlaut gesprochen hätte, sich nie der Form ulenspiegel bedient hat. 
Was aber den Ausschlag giebt, ist folgendes. Das im Namen ent- 
haltene Wort „Eule^ erscheint mehrfach, Hi. 19 als üle und siebenmal 
als eulcj 40 als U und üle (S 1515, beide Male ^le S 1519) und 95 
zweimal etd. In 40 und 95 besteht Bezug zwischen dem Vogel und 
dem Namen Eulenspiegel ; hier wäre doch an der Statt gewesen, diese 
Beziehung durch die Schreibung ulenspiegel oder gar Eulenspiegel zur 
Geltung zu bringen; allein an beiden Stellen finden wir nur Vlenspiegel 
und vlenspiegel gedruckt. Daraus darf man mit Sicherheit schliessen, 
dass in Strassburg Ulenspiegel gesprochen worden ist und nicht Dien- 
Spiegel. Der Name muss schon vor der hochdeutschen Bearbeitung 



8 

des Volksbuches in Strassburg in seiner niederdentschen Fonn fest- 
gestanden haben und verbreitet gewesen sein. So ergiebt sich mit Not- 
wendigkeit der Schlnss, dass Mumer oder wer der Bearbeiter gewesen 
ist nicht Verfasser des Volksbaches sein kann, ja dass ihm nicht ein- 
mal eine niederdentsche Handschrift vorgelegen hat, sondern dass er 
nur einen durch Deutschland verbreiteten niederdeutschen Druck über- 
setzt und mehr oder minder zurecht gestutzt hat. Die Aendemng 
von speigd zu Spiegel ist aber nicht auffallender, als das allgemein 
übliche Verfahren mit zusammengesetzten niederdeutschen Ortsnamen, 
in denen der erste Bestandteil gemeiniglich unangetastet bleibt, während 
der zweite, wie z. E. dorp, horche holt, molen, in hochdeutschen Laut- 
stand umgesetzt 'wird. Wenn nicht der Druckfehler in S 1515 so viele 
wären und zumal solche im Namen Vlenspiegel (VlenspUgel, Vlenspid^ 
Vlenaplgel, Vhmspiedel u. s. w., s. Knust S. V ff.), so könnte man 
meinen, dass in einem einmaligen Vlenspeigel, Hi. 20 (bei Knust S. 
30) noch eine weitere Spur des nd. Originals sich erkennen Hesse. 

Kruffter, dem eine Strassburger Ausgabe vorgelegen hat, beginnt 
mit der Schreibung Vlenspiegelj wofür er später auch Vletispyegel 
setzt, doch wechselt er bald mit der seinem Dialekt gemässen Form 
VUnspegel ab, die ihm allmählich die geläufigste wird. Recht häufig 
kürzt er den Namen zu Vlenspe. und ebenso oft zu Vlensp, ab. 
Auch Vlenspie, findet sich. Er giebt dem Namen bald einen grossen, 
bald einen kleinen Anfangsbuchstaben. C 1539 hat ebenfalls Vln- 
Spiegel und Vlnspegel; die hochdeutschen Ausgaben haben Vl(e)nspiegel, 
bis dann die von Lappenberg zwischen 1557 und 1563 gestellte Frank- 
furter Ausgabe zuerst die völlige Uebersetzung des Namens zu Eulen- 
Spiegel vornimmt (s. Lappenberg S. 183), welche Form seitdem die 
in den hochdeutschen Texten herrschende bleibt. 

Was bedeutet der NameV Das Volksbuch selbst erklärt ihn 
als aus ^Eule^ und ;, Spiegel^ zusammengesetzt, indem es berichtet 
(S Hi. 40), Eulenspiegel habe die Gewohnheit gehabt, an solchen 
Orten, wo er als ein Unbekannter eine Büberei verübt hatte, mit 
Kreide oder Kohle eine Eule und einen Spiegel über die Thür zu 
malen und lateinisch darüber zu schreiben Hie fuit, und wenn es (S 
Hi. 95) auf seinem Grabstein eine Eule, die einen Spiegel in den 
Klauen hält, ausgemeisselt werden lässt. Dadurch wissen wir aber 
noch nichts über die Bedeutung des Namens; wir erfahren nur, dass 
der Dichter des Volksbuches ihn als aus ;,Eule^ und ^Spiegel" zu- 
sammen gesetzt ansah und dem Tile ein so redendes Wappen verlieh. 
Es fragt sich weiter, ob der Dichter seinem Helden diesen absonder- 
lichen Namen gegeben hat oder ob er ihm denselben von seinen Zeit- 
genossen hat beilegen lassen, um damit die Schalksnatur oder wie 
man nun seine Wesensart auffasste zu bezeichnen. Für die eine wie 
die andere Möglichkeit vermisst man jede Andeutung im Buche. Viel- 
mehr trägt nach Hi. 1 bereits sein Vater Claus denselben Zunamen. 
Dazu kommt noch die Thatsache, dass es wirklich und selbst, ehe 
das Volksbuch geschrieben ward, Menschen gegeben hat, die den 



Namen als bürgerlichen Zunamen führten. Weil das unbekannt war, 
konnte im Hannoverschen Magazin 1812 St. 46 ff, die vermeintliche 
Nichtexistenz eines solchen Geschlechtsnamens als hauptsächlichster 
Grund gegen die historische Existenz eines T. Eulenspiegel verwertet 
werden. Hiergegen erklärte sich Bhimenbach in Spiel's Vaterland. 
Archiv 1820 Nr. 21 oder Th. H, 218 und ihm schloss sich Spangen- 
berg, Beschreibung der Stadt Celle (1826) S. 298 Not. 2 an, weil in 
mehreren Dortmunder Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts dieser 
Zuname vorkomme. Nach Lappenberg S. 341 erscheint er als Bei- 
name in einer angesehenen Soester Familie: 1473 und 1482 Johannes 
van Lünen, genannt Ulenspeigell^ Anwalt der Stadt Soest, und 1482 
Arnd van Lünen, genannt Ulenspeygell^ Vorsprache beim Soester Frei- 
stuhl des Fehmgerichts. Hier ist der Name jedoch nur Beiname, 
durch den, wie Lappenberg vermutet, jener Johann von einem anderen 
Soester, Johann van Lünen, genannt van der Borcke, unterschieden 
ward. Da aber ein zweiter van Lünen, Arnd, denselben Beinamen 
führt, so muss mit Lappenberg geschlossen werden, dass der Name 
damals schon einem ganzen Zweige der Familie eignete. Sein Vor- 
kommen als Beiname scheint am natürlichsten sich daraus zu erklären, 
dass bereits vor der Drucklegung der Eulenspiegelgeschichten diese 
im Volke unter dem Namen des Ulenspeigel umliefen. Auf einen ver- 
schmitzten Advokaten konnte der Name leicht übertragen werden; s. 
Lappenberg S. 343. Der Verfasser des Volksbuches hat also den 
Namen nicht erfunden. Für den Nachweis einer Familie Ulenspeigel 
und für die Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage nach dem 
ursprünglichen Sinn des Namens lassen sich aber die beiden Soester 
Zeugnisse nicht verwenden. 

Anders steht es um andere Ulenspeigels. Nach den Stadtrech- 
nungen von Hannover bezahlte der dortige Rat 1481 einem Hans 
Uüenspeigel van dem Osterwolde (südlich von Hannover) 11 für ein 
Fuder Kohlen; s. Histor. Ztschr. für Niedersachsen 1871 S. 215. In 
einer Musterrolle der Stadt Braunschweig vom Jahre 1547 wird ein 
Soldat Hans Ulenspeigel aufgeführt; s. Lappenberg S. 343. Könnte 
auch etwa betreffs dieser beiden Leute noch ein Zweifel aufkommen, 
ob sie ihren Zunamen unabhängig vom Schalksnarren führten oder 
nicht, so schwindet jedes Bedenken einer dritten Person gegenüber, 
die bereits in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts unter 
diesem Namen urkundlich vorkommt. Die betreffende und eine zweite, 
sie gleichfalls nennende, Stelle sind von Lappenberg S. 342 f. abge- 
druckt worden. Sie betreffen eine mulier Ulennpeygel, durch die 1337 
jemand vor dem Fehmgericht in Braunschweig wegen einer gegen sie 
verübten Unrechtfertigkeit belangt ward, und eine offenbar mit jener 
identische Frau de Vlenspeyghelsche, bezüglich derer 1355 im Braun- 
schweigischen Deghedingheboke protokolliert ward, dass sie eine Viertel 
Mark Zins in einem dortigen Hause besitze. Lappenberg schliesst 
gewiss mit Recht aus beiden Stellen, dass sie, weil sie ohne Vornamen 
und ohne d«as Prädikat ^^domina'' oder „vrowe^ angeführt werde, den 



10 

unteren Ständen angehört habe, und dass sie 1355, weil nicht ihr 
Mann als Besitzer der Hausrente angegeben werde, Witwe gewesen sei. 
Es steht demnach fest, dass ein Geschlechtsname Ulenspeighel 
in Brannschweig wenigstens anderthalb Jahrhunderte vor dem Er- 
scheinen des Eulenspiegelbuches vorkommt, und dass er sich gleichfalls 
etwas früher als dieses im Calenbergischen findet. Der Name wird 
folglich vielleicht gebildet und gegeben worden sein ohne alle Beziehung 
auf einen solchen Charakter, wie ihn der Held des Volksbuches oflFen- 
bart. Jedenfalls muss bei Untersuchung seiner Bedeutung jegliche 
Rücksicht auf den litterarhistorischen Eulenspiegel unterbleiben, wenn- 
gleich bei Erwägung der Möglichkeiten des zu Gninde liegenden Sinnes 
man zunächst auf dieselbe Ableitung aus ule, Eule, und speigel, 
Spiegel, raten muss. Das that auch Lappenberg. Wenn er aber 
wähnt, „die Bedeutung des Spiegels ist hier in der im Mittelalter 
gebräuchlichen zu nehmen, in der eines Lehrbuches oder Vorbildes, '^ 
und nun zum Vergleich eine Anzahl mittelalterlicher mit Spiegel, 
spegel, speculum, miroir, mirror gebildeter Büchertitel anzieht, so hat 
er sich von vorn herein durch Hinschielen auf solche Titel den 
Blick getrübt. Denn nicht das Buch führt den Namen Eulenspiegel, 
sondern der Held desselben. Auf ihn und nicht das Buch bezieht 
Lappenberg inconsecjuent auch den ersten Bestandteil des Namens, 
ohne zur Gewissheit zu gelangen „über den Charakter, welcher durch 
die Eule ausgedrückt werden soll, als deren Vorbild unser Bauemsohn 
Till erscheint." Mich dünkt die ganze Erklärung unklar, widerspruchs- 
voll und darum unbefriedigend. Heisst hier „SpiegeP Lehrbuch oder 
Vorbild, Muster, so verlangt man als Bestimmungswort entweder eine 
Angabe dessen, dem das Buch als Belehrung dienen und dem ein 
Vorbild gegeben werden soll (vgl. Laien-, Sachsenspiegel), oder einen 
abstrakten Ausdruck, der bezeichnet, was gelehrt und in vollkommener 
Darstellung als Muster aufgestellt werden soll (vgl. Beicht-, Ehren- 
spiegel). Die von Lappenberg verglichenen Titel Handspiegel und 
Augenspiegel (= Brille) stellen gar nur Bezeichnungen zweier Arten 
wirklicher Spiegel dar in metaphorischer Anwendung. In keine dieser 
drei Arten der Büchertitel passt „Eulenspiegel" als Benennung eines 
Buches, noch speciell unseres Volksbuches; höchstens in die erste 
Klasse, wenn man „Eule" als bildliche Bezeichnung eines dummen, 
gedankenlosen Menschen fassen will, der durch die Lektüre der Eulen- 
spiegeleien zur Wcltklugheit und Überlegsamen Vorsicht bei seinen 
Reden und Handlungen angeleitet werden soll. Diese figürliche Be- 
deutung von „Eule" lässt sich aber für das Mittelalter nicht nach- 
weisen und auch noch heute verbinden wir mit der Eule nicht eine 
derartige Vorstellung. Wenn Cornelius Kilianus DufHaeus gegen das 
Ende des 16. Jhs. in seinem Etymologicum Teutonicae Linguae an- 
giebt, niederländisch wl bedeute metaphorisch einen homo stolidus et 
improbus, Dummkopf oder Schurken, so sind diese Bedeutungen sicher 
auf Rechnung des Volksbuches vom Eulenspiegel zu setzen. So er- 
giebt sich also gleichfalls auf diese Weise, durch konsequente Ver- 



11 

folgung der Lappenberg'schen Hypothese bis zu Ende, die Ungereimt- 
heit, den Namen Eulenspiegel als erläuternde Bezeichnung des Buches 
aufzufassen. 

Das hat auch Lappenberg eingesehen, davon zeugen seine oben 
angeführten Worte über das Bestimmungswort „Eule" im Namen. 
Hier war er, falls überhaupt die Deutung aus „Eule" und „Spiegel" 
die richtige ist, auf dem Wege zur Lösung der Frage. Nur verbaut 
er diesen selbst sich wieder, indem er an der Bedeutung „Vorbild" 
für „Spiegel" haften bleibt und zweitens nur an „moralische Eigen- 
schaften" der Eule denkt. Die Menschen des 14. Jahrhunderts hatten 
aber gewiss eher für leibliche Besonderheiten eine Auffassungsgabe, 
als für seelische. Eine der auffallendsten Eigentümlichkeiten der Eule 
ist eine körperliche Eigenschaft, ihre Lichtscheue, dass sie das Sonnen- 
licht nicht gut vertragen kann; für die Beobachtung derselben und 
deren metaphorische Verwendung auf das menschliche Auge lassen 
sich mehr als eine Stelle aus mittelalterlichen Schriftstellern beibringen. 
Andererseits zeichnet sich die Eule vor den übrigen Vögeln durch ihr 
scharfes Gesicht bei Nachtzeit aus. Und „Spiegel" wird nicht nur 
im Sinne von ,, Vorbild" gebraucht, sondern heisst in noch eher ent- 
wickelter Begriffserweitenmg soviel als „Abbild, Ebenbild". Es Hesse 
sich wohl denken, dass man einen mit blöden Augen behafteten 
Menschen oder auch einen, der nachts besser als andere zu sehen 
vermochte, einen Spiegel der Eule nannte; kommt doch „Spiegel" als 
Anrede und Bezeichnung für Menschen mit Bezug auf irgendeine 
Eigenschaft häufig bei mittelalterlichen Dichtern vor. Einwenden 
lässt sich dagegen freilich, dass Beinamen oder Geschlechtsnamen, 
welche mit „Spiegel" endigen, sich weiter nicht nachweisen lassen 
(Lappenberg S. 344). Vielleicht darf man auch betonen, dass „Eule" 
allein genügt oder „Eulenauge" näher gelegen hätte. Den Namen 
Ute führt L369 ein Bürger in Hannover (Histor. Ztschr. für Nieder- 
sachsen 1870 S. 58), 1433 ein Lübek er Schmied (Lüb. U.-B. VH S. 507); 
ülenoge heisst 1474 ein Söldner in der Schleswig-Holstein-Lauenb. 
• Urkimdensammlung I V, S. 523; und davon, dase er selbst nachts gut 
zielen konnte, mag ein Söldner Ulenschutte seinen Beinamen erhalten 
haben (Hoyer U.-B. L S. 224 a. 1408). Gegen diese Einwände darf 
man aber geltend machen, dass, nachdem seit dem Anfange des 
13. Jhs. es Mode geworden war, einerseits alles Vorzügliche, anderer- 
seits Bücher „Spiegel" zu nennen^), es nahe genug lag, diese Bezeich- 
nung auch einmal auf einen hervorstechend Blöd- oder Kurzsichtigen 
scherzhaft oder, wie ich eher glaube, auf einen auch bei Nacht scharf- 
sichtigen, wachsamen und darum im Kriege besonders brauchbaren 
Mann*) auszeichnend anzuwenden. In diesem Sinne hätte ich auch 



? 



Ebenso schuf man Blumennamen, wie „Frauenspiegel^ und „Pfauenspiegel''. 

Die Stadt und Burg Peine ward in der Hildesheimer Stiftsfehde durchweg 
Ule genannt, auch Ulenneft; nach Lappenberg S. 2B7, weil über ihrem Tor eine 
Eule als Symbol der Wachsamkeit angebracht war. Wichtig für die Deutung des 
Namens Ulen/peigel ist die Stelle im Koker S. 305: toe da mit der ulen lUhflöge, 
de fcholde des nacktes vele vorfpeyen. 



12 

gegen die Bedeutung , »Vorbild, Muster, Krone*' für „Spiegel" nichts 
einzuwenden. Weiter spricht tür eine solche Auffassung des Namens« 
dass sich bei einer von der Beschaffenheit der Augen hergenommeneu 
Benennung der Vergleich mit einem Spiegel leicht gab, und dass, 
falls ich Recht habe den Namen als eine allerdings scherzhafte, doch 
ehrende Bezeichnung eines Glaukos oder Noctua (vgl. Q. Caedicius 
Noctua) zu verstehen, ebenso leicht bei der Namengebung das ähnlich 
klingende /}?r</cr,//>fi^er (Späher) wortspielend mitgewirkt haben kann*). 
In diesem Falle hätten wir fenier eine Erklärung für die Tatsache 
gefunden, dass sich kein anderer mit „Spiegel" gebildeter Personen- 
name nachweisen lässt. Als jene Spicgelmanie dann abgenommen 
hatte, musste den Leuten der absonderlich gebildete Geschlechtsname 
wunderlich vorkommen. So würde verständlich, weshalb Sage und 
Dichtung sich grade dieses singulären und rätselhaft gewordenen 
Namens bemächtigt haben, um an ihn die Schwanke einer ganz eigen- 
artigen Menschennatur zu knüpfen; vorausgesetzt, dass nicht indertat 
ein Mann Ulenfpeigel einmal gelebt hat, der seinem absonderlichen 
Namen zu Ehren auch wunderliche Streiche verübte. Doch ist diese 
Frage für die Deutung des Namens ganz ohne Gewicht. 

Ich füge hier noch die Besprechung zweier anderen Ableitungen 
an, bloss um sie zurückzuweisen. Zunächst muss ich bekennen, dass 
ich noch 1889 in Lüneburg einer abweichenden Etymologie des Namens 
das Wort geredet habe. Ausgehend von der bei Alberus sich findenden 
Form Aulnfpiegel statt Eulenfpiegel (s. Grimm, Deutsch. Wb.) und 
der 1481 vorkommenden Schreibung üllenfpeigel^ suchte ich im ersten 
Teile ein anderes ule^ Topf, welches noch im Westfälischen einen Kiiig 
(mit dickem Halse) bedeutet und das bereits ahd. und and. als ula 
belegbar ist, entsprechend und entlehnt dem lateinischen dla. Das 
Woi-t war besonders im westlichen Deutschland zuhause, mhd. ti/c, 
später aul (s. Grimm, Deutsch. Wb.), und davon heisst dort noch der 
Töpfer, besonders der Krugbäcker, Äidncr, Etdner^ Etder^ Ulner, 
Uller oder Uller^ was auf eine doppelte Form mit langem und mit 
kurzem Vocal schliessen lässt. Der in den Nürnberger Chroniken 
des 15. Jhs. begegnende Zuname Eiclnfmid und der 1259 in Lübek 
(Lüb. Üb. II S. 24) genannte Ulenbeckere möchten dasselbe bedeuten. 

*) Wie völlig man das Fremdwort fpeculum sich angeeignet und seines 
Ursprungs vergessen hatte, zeigen Verwendungen, wie folgende: fo lat one (Jesus) 
uns begraven na unfern wone (Sitte), fo ne derf (braucht) he nicht to fpeigel ftan 
deny de dar vor henne (vorüber) gan; Marienklage, hrsg. v. Schönemann, Z. 305. 
fin (des Bischofs) hovet vorden fe (die Wenden) van ftade to ftade ooer al Wened- 
lant to fpotte unde to fpeigele; Sachs. Weltchronik, hrsg. v. Weiland, S. 171, 18. 
der werlt ein fchimpf fpot und fpegel werden ; Daniel von Soest, hrsg. v. Jostes, 
S. 239, 280. Das Mnd. Wb. fasst das Wort an diesen Stellen gleich „Ansehu, 
Schauspiel" ; Strauch im Glossar zur Weltchronik setzt fragend „Hohn, Spott" und 
vergleicht mnd. fpei, fpee (spöttisch, höhnisch). Indertat giebt die Chronik der 
Nortclvischen Sassen, hrsg. v. Lappenberg, S. 37 die zweite Stelle wieder durch to 
fchimpe unde to hone. Entschieden haben fpeien (spähen) und fpei, welches aus 
as. fpaht (klug, scharfsinnig) ist, die Bedeutungsentwickelung von fpeigel beeinflusst. 
— Ueber persönliche Concreta auf -el vgl. Kluge, Nominale Stammbildungslehre S. 11. 



13 

Da nun eine bekannte Erscheinung ist, dass Handwerker im Mittelalter 
ihre Namen wie von ihrem Handwerksgerät so auch von den Gegen- 
ständen oder Erzeugnissen ihrer Gewerbstätigkeit zu entlehnen pflegten *), 
so meinte ich auch Ulenfpeigel auf diese Weise erklären zu können, 
indem ich es als Ausdruck für eine Art glasierter tönerner Spiegel, 
etwa für geringere Leute bestimmt, nahm. Allein die Erwägung, dass 
wir weder von solchen Spiegeln wissen, noch das Wort sich in dieser 
Bedeutung irgendwie belegen lässt, liess mich die Unhaltbarkeit meiner 
Conjectur einsehen. 

Eine andere Ableitung des Namens Eulenspiegel ist noch nicht 
bestimmt behauptet worden, aber leicht möchte das geschehen auf 
eine Aeusserung von Ernst Förstemann hin, in seinen Deutschen Orts- 
namen (1863) S. 91 : „Auch ein fremdes Wort muss hier seine Stelle 
finden, das latein. fpectda. Die vollere deutsche Form fpiegel findet 
sich noch in mehreren Oertern Namens Spiegel ; ob die Mühle Eulvn- 
fpiegel bei Clausthal noch das Wort unmittelbar oder schon den 
bekannten Personennamen enthält, kann ich nicht entscheiden." Auch 
in seinem Namenbuch II (2. Aufl. 1872) Sp. 1362 vertritt er noch 
die Anschauung, dass Spiegel in Ortsnamen aus lateinischem fptcuht 
sei und verweist dafür auf K. Roth, Kleine Beiträge zur Sprach-, 
(leschichts- und Ortsforschung I (1850) S. 223, welcher also wohl zuerst 
diese Meinung aufgestellt hat. Ob in süd- und Rheindeutschen Orts- 
namen „Spiegel" bisweilen auf lateinisch fpecula zurückgeht, weiss ich 
nicht; in norddeutschen gewiss nicht, denn ein Appellativ fpiegel oder 
fpegely das aus lateinischem fpectda stammte und dessen Bedeutung 
hätte, hat es nie gegeben. Es wäre ja recht schön und man wäre 
aller Quälerei mit dem Namen Eulenspiegel überhoben, wenn nach 
dieser Ableitung Ulenspegel einen Wartturm, den Lieblingsaufenthalt 
der Eulen, bedeuten könnte. Man könnte schliesslich selbst auf den 
Einfall kommen, der Eulenspiegelturm in Bernburg (S. H. 22, vgl. 
Lappenberg S. 241) verdanke nicht dem Schalksüarren seine Benennung, 
sondern der Name des Turmes habe umgekehrt veranlasst, dass Tile 
zum zeitweiligen Kurwächter und Turmbläser des Grafen von Anhalt 
gemacht worden sei, wenn man nicht gar den Namen des Schalkes, 
nicht von irgend einer gleichnamigen Burg, sondern eben von diesem 
Turm ableiten wollte. Es mag überflüssig erscheinen, dass ich solche 
Träume vorbringe. Aber Förstemann's Ausspruch nötigte mich dazu, 
da in ihm liegt, dass er sich den Namen Eulenspiegel durch fpecula 
erklärt, obschon er das für den des Helden des Volksbuches nicht 
ausspricht. Kann man aber glauben, dass ein so seltener Name 
zweierlei Ursj)rung anzunehmen zulässt? Schliesslich bemerke ich, 
dass meines Wissens jene Harzer Mühle bei Zellerfeld nicht Eulen- 
spiegel, sondern Eulenspiegler Mühle heisst, also möglicherweise ein 
weiteres Zeugniss für den Familiennamen fiulenspiegel liefert; es kann 
aber auch eine ganz neue vom nahen Spiegelberg und Spiegeltal ent- 
lehnte Namensschöpfung sein. 

*) Vgl. Mittheilungen des Vereins für Hamburg. Geschichte I, 93 f. 



u 

Die übrigen Personennamen. 

Ausser den Namen des Helden der (ieschichte kommen in mehreren 
noch solche anderer Personen vor. Aus den meisten derselben lässt 
sich zu Gunsten ursprünglich niederdeutscher Gestalt nichts entnehmen. 
Höchstens kann man, da die Hi. 1. 33. 58 und 64 aus anderen Gründen 
sich als bereits einem ndd. Text angehörig ergeben, vermuten, dass 
in der Schreibung Pfaffenmeyer (S 1519, Pfaffenmeier S 1515j nocli 
eine Spur vom Namen des urkundlich nachweisbaren Arnold Papcn- 
mei/er zu erkennen sei, dass Künigine S 1515, Küngine S 1519 (Kiiut- 
gund K) ein ndd. Kunneke oder Koneke wiedergiebt, dass Lamhrrchf 
45 S 1515 vom Strassburger Bearbeiter vorgefunden ist statt des 
mehr oberdeutschen Lamprecht S 1519. Bartholomeus 64 mag im 
nd. Druck gestanden haben, aber keineswegs Doli; vielleicht Tliole 
oder Thol. Die übliche nd. Abkürzung ist sonst Mewes. 

Mehr Anlass zu Folgerungen bieten die Namen der Eltern Eulen- 
spiegel's. Claus Hi. 1, 2 scheint keine oberdeutsche Kürzung von 
Nicolaus zu sein; im nd. Text stand wohl Clawes. Der Name der 
Mutter lässt sich nur aus dem Nd. erklären. Ich sage, der Name 
und nicht die Namen; denn Ann Wibcken kann sie unmöglich gelieisseii 
liaben. Ein doppelter Vorname ist im 15. Jhdt. unerhört; Lappenberg 
S. 227 hat bereits bemerkt: Anna Wibcke sei darum auffallend, es 
sei denn, dass wir Wibcken für ihrer Mutter oder ihres Vaters Namen 
halten wollten. A, dem eine ndd. Ausgabe zu Gebote stand, was 
schon allein aus dem einen richtigen Namen Buddenftede statt des 
Buden fielen bei S (Hi. 11 und 12) und bei K geschlossen werden 
muss, anderer Gründe hier vorerst zu geschweigen, A hat blos WyMce. 
Das ist ganz gewöhnliche verkleinernde Koseform der Frauennamen 
Wichherg und Wichborg^ welche der Uebersetzer, weil sie in Ober- 
deutschland unbekannt ist, durch einen allerorts üblichen Namen er- 
setzte, zugleich das Wibeke durch Veränderung in den Genetiv Wib- 
ckin als Zunamen in dem von Lappenberg angedeuteten Sinne ver- 
wendend. Auch der Zuname des Heinrich Hamenftede Hi. 64 zeigt 
niederdeutsches Gepräge, statt hd. Hamen ftete; vgl. Buden ftetcn 11 
und 12, Nigenftetten 30. 

Die Ortsnamen. 

Eine weit ergiebigere Ausbeute gewähren die zahlreichen Orts- 
namen, weil der Strassburger Bearbeiter es nur zu oft bequemer ge- 
funden hat, sie zu lassen wie er sie vorfand, als sie zu übersetzen. Selbst 
in Oberdeutschland sicher bekannte und in hochdeutscher Form üb- 
liche behandelt er so: Denmarck 23 (Denmarckt S 1519), Quedlinburg 
36, Detmerfchcn 73, Wtdffenbütel 38. Das wichtigste solcher Beispiele 
ist Ader, der Fluss Oder, in Franckfurd an der Adern (Francfurt 
andre Adern 1519) 85. Dies ist nämlich die spätmnd. Gestalt jenes 
Flussnamens, mit Uebergang des kurzen o in offener Silbe zu a. Da 
nun aber diese Lautentwickelung von den Ostfalen, also den Braun- 
schweigern und Ilildesheimern nicht mitgemacht worden ist, und da 



15 

doch alles dafür spricht, dass das Eulenspiegelbuch in dieser Land- 
schaft entstanden ist, so werden wir genötigt anzunehmen, dass die 
Hi. 85 aus einer, ausserhalb Ostfalens gedruckten, Ausgabe stammt. 

Auch dann wird häufig die nd. Form in S gelassen, wenn es 
sich um kleinere Ortschaften handelt und wo die Bedeutung des Namens 
erkennbar ist: Nigeftetten (K ändert Ncwfteden) 30, Rofendal 16, 
Oldenburg 88, Mollen 89. 90. 93, sogar Koldingen 16 ist beibehalten, 
wo doch das daran geknüpfte Wortspiel ein Kaltingen erfordert hätte; 
K setzt dagegen verständig Kaldingen^ entsprechend seinem Cölnischen 
Dialekte. Ofterling 34 wird schwerlich dem Oberdeutschen ein ge- 
läufiger Ausdruck für Ostfale gewesen sein. Hannover mochte in 
Süddeutschland hinreichend bekannt sein und sein Name ward jeden- 
falls nicht verstanden; so hat es nichts auffälliges, dass S 1515 ihn 
(in Hi. 71) unverändert lässt als Hanouer oder ihn (Hi. 69) mit w 
schreibt Hanotcer, welche Form S 1519 auch in Hi. 71 bietet. Ein 
einmaliges Honower in Hi. 69 bei beiden S kann Druckfehler sein. 
Auffallender ist, dass in Ampleuen (S 1519, 1515 daneben Amplenen) 1, 
in Äfcherleue 52 und gar in Ißleuefi 78 das v nicht durch b ersetzt 
ist. Der am häufigsten begegnende Name Braunschweig (Titel. Hi. 
11. 18. 19. 38. 45. 56. 88) wird von S 1515 mehrfach, so gleich im 
Titel, gut niederdeutsch Brunßwick genannt, öfter Brunfchwick^ in 
II Brunfehuiek, 56 Brunfchtvig und Brunfchtvigkj 45 einmal Bron- 
fckioick. S 1519 kennt nur noch Brunfchwick^ Brunfchwik und Brun- 
fchwig. Das Adjektiv heisst bei beiden S in der Vorrede Brun- 
fchwigifch, also einigermassen hochdeutsch zurechtgemacht, statt mnd. 
Brunswikefch^ mhd. Brunswichefch. Ein ähnliches Schwanken gewahrt 
man in der Behandlung von Magdeburg: Magdburg (S 1519 Megdhurg) 
1, Megdburg 2. 14. 15, Medburg (S 1519 Maigdfwrg) 11; doch schwankte 
der Name gleichfalls im Mnd. zwischen Magde-^ Megde-^ Mede- und 
Mcidchorck; letztere Form verrät sich in Maigdborg, Die jüngere mnd. 
Form für Go$lar war Gosler. S 1515 hat beide, Goßlar und Goßler, 
Hi. 64, S 1519 nur noch Goßlar, Hildeß-, Ilildesheim steht Hi. KL 
37, dagegen Hildcshem (S 1519, in S 1515 verdruckt Mildeßheim) in 
64; in 37 ein Dorf Egelßheim. Aber die Schreibung heim ist ebenso 
gut nd., wie hem; allein letztere ist nicht hd. In Hi. 68 ist die 
ndd. Form Wenden (statt hd. Winden^ Slavi) stehen geblieben, während 
Hi. 50 das Adjektiv richtig hd. Windifch lautet. Nicht selten wird 
Sachfen und Sachfenland im Eulenspiegelbuche erwähnt. In S wird 
so oder Sachßen, Sachffen geschrieben. Saffenland Hi. 50 in S 1519 
wird indirekt einem nd. Urtext entflossen sein, da S 1519 nicht 
auf S 1515 zurückgeht, sondern, wie Scherer (Die Anfänge des Deutschen 
Prosaromans S. 83) nachgewiesen hat, beide auf einen älteren hd. 
Druck, auf dessen Rechnung demnach die Flüchtigkeit zu setzen ist, 
welche S 1515 gebessert hat. 

In Hi. 15 wird ein Ort, der dem Erzbischof von Magdeburg zur 
Residenz dient, zuerst Greuenftein genannt, nachher von S 1515 
Genenckenftein, von S 1519 Geuenckenflein. K und sämtliche übrigen 



16 

deutschen Texte haben den Widerspruch zu bessern gesucht, indem 
sie Greuenftein auch an der zweiten Stelle setzten; s. Lappenberg S. 
23G. Nach Läpp. S. 158 fehlt die Benennung des Schlosses in A; 
nach S. 236 hat aber A, sowie die älteren ^französischen Texte^ nur 
die Erwähnung des Grevensteins zu Anfang der Geschichte unterlassen, 
dagegen zeigen sie an der späteren Stelle die ;, verstümmelten*^ Namen 
Geneßeyt, Genequefteitiy Getiequeftein, Welche Angabe betreffs A richtig, 
lässt sich nicht entscheiden, so lange A nicht neu herausgegeben ist. 
Jedenfalls kann keine der beiden letzten Formen durch A gebraucht 
worden sein. Angenommen, dass die Angabe Lappenberg's auf S. 
286 richtig sei, so muss in A Genefteyt sicli finden, anderenfalls ge- 
hören alle drei Formen den französischen Texten an. Mag das eine 
oder das andere sein, es ergiebt sich immerhin daraus, dass die 
französischen Ausgaben nicht eine blosse Uebersetzung von A sein 
können; und die Lesarten Gencqueftein und GeiAequeftein vindicieren ihnen 
eine wichtige Stellung unter denjenigen Drucken, aus denen man suchen 
muss eine Vorstellung von dem ursprünglichen Eulenspiegelbuche zu 
gewinnen; denn sie weisen auf eine uns unbekannte gute Quelle. 
Die Burg nämlich, die gemeint ist, hat Lappenberg richtig als Giln- 
chenftein erkannt. Ihr eigentlicher nd. Name ist Gevekenftein, woraus 
sich sowohl Geuencketiftein als auch Geucqtieftein leicht erklären. 
Genmckefiftein und Genequeftein sind nur Druckfehler. Es fragt sich, 
auf welche Weise das irrige Grevenftein in S und die übrigen deutschen 
Texte gelangt sein mag. Mir ist eine Vermutung gekommen durch 
die von Janicke herausgegebene Magdeburger Schöppenchronik. Dort 
wird das Schloss öfter Geveketiftein genannt, aber einmal S. 64, 20 
bloss to dem Steine, Wenn das an jener ersten Stelle gestanden hätte? 
Der Druck, der diese Bezeichnung enthielt, würde danach aus einer 
Stadt hervorgegangen sein, in welcher man sehr gut wusste, was 
darunter zu verstehen sei. Man denkt zunächst an Magdeburg ; doch 
könnte, da schon der Verfasser sich der Bezeichnung bedient haben 
muss, auch eine andere Stadt als Druckort in Betracht kommen können, 
nur ist anzunehmen, dass die Drucklegung unter den Augen des Ver- 
fassers geschah. Die Aenderung Grevevftein setzt aber einen neuen 
Druck, einen Nachdruck in irgend einer anderen Stadt, voraus, der 
wahrscheinlich zugleich eine Bearbeitung darstellte. Das allgemeine, 
unverständliche Stein ward durch einen bestimmten auf Stein endenden 
Namen verständlicht; man vergass aber nachher das folgende Geveken- 
ftcin demgemäss zu ändern oder übersah, dass dasselbe Schloss ge- 
meint sei. Es giebt einen Ort Grevenstein in der Diemelgegend; viel- 
leicht gab es noch mehrere. Auf jeden Fall aber war der Bearbeiter 
ein Niederdeutscher, denn der gewählte Name bezeugt es. Folgerung 
für S wäre schliesslich, dass ihm ein nd. Nachdruck des Volksbuches 
zu Grunde liegt: er hat beide Namen, Grevenftein und Gevenckenftcin, 
letzteren freilich entstellt, in ndd. Gestalt beibehalten. 

Ob sich aus Eller 26 statt Aller (der Fluss, an dem Celle liegt) 
etwas bezüglich des von S benutzten Druckes schliessen lässt, weiss 



1^ 

ich nicht anzugehen. Im 11. Jhdt gilt Aelcra, Elrrn; oh EUtr im 
15. Jhdt? Die Stadt und das daneben liegende Dorf Uelzen unter- 
scheidet S als Olteen, Oißen Hi. 68 und Vifen Hi. 20. Ist in den 
beiden ersten Formen nicht ein Versehen oder eine Willkür anzu- 
nehmen, so bleibt nur der Schluss, dass entweder S zwei verschiedene 
nd. Drucke zu Gebote standen oder dass der eine Druck, den er 
übertrug, schon die Spuren zweier Redaktionen zeigte. Hingegen fasse 
ich einmaliges Pt/ßenhrug neben zweimaligem Ryßevlmrg und einmaligem 
Ryeßenhurg in Hi. 38 S 1515 nur als Druckfehler auf. S 1519 hat 
stets Byßcnhmg; K dreimal Byßcnhurch und einmal, was wohl Ueber- 
setzung sein soll, Krßenhurch; aber A Rifenl/rug und der zweite 
französische Text (von Lotrian) Rilfenftrug; s. Lappenberg S. 252. 
Dies letzte kommt dem zu Grunde liegenden Namen noch näher als 
die Lesart von A, denn, wie Lappenberg nachgewiesen hat, ist Kiffen- 
hviigge gemeint. Es erhellt auch hier wieder die Wichtigkeit der 
flämischen und der französischen Drucke. Im nd. Druck wird Riffen- 
brugge verdruckt gewesen sein. Leider lassen uns jene Ausgaben im 
Stich in Bezug auf Brenburg 49, weil sie die Erzählung ausgelassen 
haben. K bessert Brandenlmrch, was Lappenberg gutheisst. K, der 
S vor sich hatte und durchweg verständig übersetzt, mag zu dieser 
Emendation durch die Nennung des Orts zwischen Berlin und Rostock 
(Hi. 48 und 50) geführt sein. Ich mutmasse, dass Bernißurg zu lesen 
ist. Aehnlich hat S 1519 in Hi. 70 und 72 Beirnrn statt des richtigen 
Bremen, welches S 1515 herstellt; doch Imt S 1519 selbst Bremer 
marckt in Hi. 72 und Bremen Hi. 87. Nach meiner Ansicht schloss 
sich ursprünglich Hi. 49 an Hi. 22 an, und das Hi. 22 nicht genannte 
Schloss des Grafen von Anhalt, das nach Lappenberg S. 241 nur 
Bernburg sein kann, und der Markt zu Bernburg in Hi. 49 stehen 
in Beziehung zu einander. 

Am meisten befremdet, dass nicht nur die norddeutschen Orts- 
namen in S niederdeutsche Lautung zeigen, sondern auch einige mittel- 
deutsche, die dem Strassburger doch in hochdeutscher Gestalt geläufig 
sein mussten. Während er nd. Namen auf Ford übersetzt und also 
Stasfurt 6. 83, Quer fürt 15 und Franchfurd (S 1515, Francfurt S 
1519) 85 für die Stadt an der Oder schreibt, finden wir Hi. 60 Erd-^ 
ford, Ertford (S 1515, bloss Ertford S 1519), 29 Ertfort, 2 X Ertford. 
2 X Erdifurt (S 1515, hier führt S 1519 Erffurt — einmal Erdfurd 
— durch), dagegen 61 Erdfurt in beiden Drucken. Ebenso steht es 
um Frankfurt am Mayn: Hi. 35 Franckford an dem Mein. Frauckfiird 
an dem Meyn in S 1515, während S 1519 beidemal verhochdeutscht 
Frankfurt an dem Mein; in Hi. 63 haben beide Drucke zweimal Franck- 
furd und einmal Franckford. In derselben Historie lesen wir ferner 
Wedernu statt Wctertiu, Wetterau, Ob das Schwanken zwischen 
Behemen (so S 1515 in Hi. 28 dreimal, S 1519 einmal) und Bohemen 
(S 1519 zweimal in Hi. 28, und beide Ausgaben Bohemer wald in 
Hi. 62) gleichfalls hierher zu rechnen istV Mnd. ist stets Behemen 
und später contrahiert Beinen üblich, wogegen um 1500 im Hd. 

KiederdenUches Jahrbuch. XIX. y^^^^^ '^ ^^^^^^ 2 

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ziemlich allgemein Bohemen galt. S kann hier die alte Form unab- 
hängig von seiner Vorlage bewahrt haben; sonst würde ihm in Hi. 28 
und 29 wohl auch einmal ein Prag entschlüpft sein statt Brag^ wie 
beide Drucke stets schreiben, und Wicklef statt WicJclieb in Ili. 28 
stehen. Dieselbe Historie und die vorhergehende 27. ge))rauchen für 
Marburg in Hessen die Form Marckburg, Ich weiss nicht, ob dieselbe 
auch hd. üblicli war. Als mud. lässt sie sich nachweisen. Die Magde- 
burger Schöppenchronik schreibt S. 208, 12 und 275, 5 Marthorch^ 
aber an letzterer Stelle bietet eine alte Handschrift Markborch, In 
der von Weiland herausgege])enen Sächsischen Weltchronik hat die 
Gothaer Handschrift S. 241), 28 Marborch^ jedoch ebenvorher S. 249, 
3 Marthborch und eine Wolfenbütteler, deren „Schreiber augenschein- 
lich bemüht war hochdeutsch zu schreiben, aber nicht recht aus seinem 
Nd. herausgekommen ist^, Marthirch, Vielleicht ist statt Martb. und 
Marthb», da c und t in mittelalterlicher Schrift sich sehr ähneln, 
Marcb. unA Marchb. zu lesen; denn der Name der Stadt enthält wahr- 
scheinlich das Appellativ marah^ marh, Pferd. Verwechslung mit einem 
andern gleichbedeutenden Worte mark^ Streitross, lag nahe, oder auch 
lässt sich denken, dass die Niederdeutschen ein ndid. Marchburg fälsch- 
lich auf andere Wörter niark und marke bezogen und in Markborch 
übersetzt haben. 

Es ist aber noch eine zweite Erklärung für diese scheinbar nd. 
Formen in (ieschichten, die nicht in Niederdeutschland spielen, möglich. 
Sie finden sich namentlich in solchen Historien, welche nicht zum 
ersten Bestand des Volksbuclies gehört haben dürften, vor allem die 
dem Amis entlehnten 27. 28. 21). Diese und wohl überhaupt die 
meisten in Mitteldeutschland localisierten Erzählungen könnten ihren 
Ursprung einem in diesem Teile Deutschlands lebenden Verfasser ver- 
danken. In den mehrsten tritt Eulenspiegel ganz abweichend von 
den übrigen Erzählungen als feiner Mann und als üolehrter auf. In 
H. 29 findet sich dazu ein scharfer Ausfall gegen die Erfurter Universität. 
Da nun die zuletzt besprochenen Namensformen ebenso gut md., wie 
nd. sein können und da wir seit '1532 eine Anzahl Plrfarter Ausgaben 
vom Volksbuche kennen, so mcichte ich glauben, dass es eine schon 
bald nach dem nd. Urdriu^k herausgekommenci Erfurter Bearbeitung 
gegeben hat, der wir jene Vermehrung mit mitteldeatschen Schwänken 
zuzuschreiben haben. Dass einige derselben, wie sich zeigen wird, 
Wortformen dem Bear))eitor von S dargeboten haben, die sicher nd. 
sind, kann nicht dagegen sprechen. Wannn sollte ein vermehrter md. 
Eulenspiegel nicht alsbald ins Nd. übertragen worden sein, vielleicht 
eben so Hüchtig, wie S, mit Mengung hd. und nd. Namensformen V 
Eine solche nd. Ausgabe köimte dem Strass))urger für seine Redaction 
vorgelegen haben. 

Die Sprache der Strassbnrger Ausgaben nnd die niederdentschen 

Spuren darin. 

Die Untersuchung wird einigermassen erschwert durch zwei 
Umstände. Einmal sind beide Ausgaben, die von 1515 und die von 



19 

1519, sehr flüchtig gedruckt. Zweitens befand sich die Schriftsprache 
des Elsasses um die ersten Jahrzehnte des 15. Jhdts in einem Ucber- 
gange aus dem, seit dem 14. Jhdt stark vom heimischen Dialekt 
heeinÜussten Mittelhochdeutschen in die neuhochdeutj^che Schriftsprache. 
Die alten langen i, u und li, welche das Mhd. mit dem Mnd. gemein- 
sam hatte, waren z. B. noch nicht völlig den nhd. ei, au und eu ge- 
wichen; ebensowenig das alte ou dem au. Die süddeutsche Aussprache 
gewährte oft für die Stummlaute keine sichere Handhabe, wanu der 
sog. harte, wann der weiche Laut zu schreiben war. Im Ulenspiegel 
aber tritt die Unsicherheit in den Wortfonnen g.anz